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subalpine und alpine Lebensräume

Die alpinen und subalpinen Landschaften Südtirols sind großteils naturnah und teilweise natürlich. Der hochalpine Raum ist vor allem Natur und Wildnis, doch ist diese Natur heute mehr denn je gefährdet, durch die Intensivierung der Landwirtschaft und den Massentourismus.

Einige Zahlen:

  • 39% der Landesfläche Südtirols liegen über 2000m.
  • 22% der Landesfläche Südtirols sind Weiden (Almen)
  • 10 % der Landesfläche sind ungenutzt (diese Flächen sind meist Hochgebirge und Gletscher)
  • 0% sind Wildruhezonen

Die subalpine Stufe umfasst die subalpinen Wälder und landwirschaftlich genutzte Almen. 

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Zirbe, Pinus cembra auf Felsblock

Charakteristische Baumarten der subalpinen Wälder sind die Latsche (Pinus mugo), die Grünerle (Alnus viridis), die Zirbe (Pinus cembra) und die Lärche (Larix decidua). Die Fichte dominiert subalpine Fichtenwälder und lebt mit subalpinen Arten wie Alpenrosen vergesellschaftet. Die Fichten der subalpinen Stufe unterscheiden sich von den Fichten der montanen Stufe oft in der Wuchsform. 25 % der Waldfläche Südtirols (subalpine Fichten- Lärchen- und Zirbenwälder) wächst über 2000 m Höhe. Die natürliche Waldverjüngung in den subalpinen Waldtypen wird häufig durch Verbiss von Weide- und Schalenwild beeinträchtigt. Es gibt auch Waldtypen, in denen es keine natürliche Verjüngung mehr gibt (Siehe Waldtypisierung Südtirol).

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Fichte der subalpinen Stufe: schmaler Wuchs

 

Almen

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Borstgrasrasen beweidet (intensiv- sehr viele Kühe)

 

Häufig dominiert das Borstgras Almweiden. Bortstgrasrasen sind charakteristisch für Almen, welche extensiv genutzt werden. Das Borstgras ein Gras, welches von Weidetieren nicht bevorzugt gefressen wird. Durch das selektive Auswählen der Weidetiere von nahrhaften Kräutern wird das Borstgras gefördert. Borstgrasrasen sind häufig artenarm, jedoch gibt es auch artenreiche Borstgrasrasen, welche auch ein FFH- Lebensraumtyp sind (Code 6230). Der Erhaltungszustand artenreicher Borstgrasrasen in Italien ist schlecht (Nationale Angaben für den Berichtszeitraum 2007–2012 entsprechend Artikel 17 der FFH-Richtlinie). Arten wie Arnika (Arnika montana), Halbkugelige Teufelskralle (Phyteuma hemisphaericum) oder Bärtige Glockenblume (Campanula barbata) kommen in Borstgrasrasen vor. Borstgrasrasen und Zwergstrauchheiden sind oft eng verzahnt (siehe Bild 3), Zwergsträucher wie die Rauschbeere kommen auch in Bortstgrasrasen vor.

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Almweiden und Mähwiesen auf Almen werden landwirtschaftlich genutzt, mit Weidetieren im Sommer beweidet oder gemäht.

Seise Alm
gemähte Almwiesen der Seiser Alm, grösste Hochalm Europas

Der Verlust der Artenvielfalt ist auch auf Almen feststellbar, z.B. auf der Seiser Alm. Die heutigen Mähwiesen der Seiser Alm sind nicht mehr von Alpenblumen übersäte, bunte Blumenwiesen, sondern gewöhnliche Fettwiesen (zum Thema Intensivierung der Nutzung von Wiesen siehe http://biodiversitaet.bz.it/wiesen/wiesen-2/).

Die Intensivierung der Almbeweidung (zu viele Weidetiere auf der Fläche), kann im schlimmsten Fall zur Überdüngung führen, wodurch sich stickstoffliebende Almunkräuter durchsetzten, welche von Weidetieren nicht gefressen werden. Gräser und Kräuter verschwinden und Ampfer und Brennessel (siehe Bild unten) dominieren Almflächen. Solche Almweiden sind auch als Weiden für Almtiere nicht mehr brauchbar. Eine Milchkuh würde auf einer solchen Fläche erkranken, würde sie nicht zusätzlich gefüttert.

Überweidung Brennessel
Überweidung: Brennessel und Ampfer (Weideunkräuter) dominieren die Weide
Trittschäden durch Weidetiere
Trittschäden durch Weidetiere

Das Gewicht der Kühe und Schafe hat in den vergangenen Jahrzehnten immer zugenommen. Zu schwere Weidetiere verursachen auf feuchten und nassen Böden Trittschäden. Seltene und auch geschützte Lebensräume, wie Moore, Quellfluren und Feuchtwiesen werden durch Viehtritt beeinträchtigt.

Gregor Klaus und Daniela Pauli, Geschäftsleiterin Forum Biodiversität Schweiz zum wachsenden Druck auf den Biodiversitätshotspot Alpen:

„Wachsender Druck: Lange Zeit war der Druck auf die Lebensräume in den Alpen im Vergleich zum dicht besiedelten und intensiv genutzten Mittelland weniger stark. Der Anteil gefährdeter Arten auf der Roten Liste ist deshalb in sämtlichen Regionen der Alpen kleiner als im Mittelland. Doch die Nutzungsintensität steigt. So haben Walter et al. (2012) festgestellt, dass der Anteil der Fläche mit ökologischer Qualität nur in den steileren und abgelegeneren Bergzonen III und IV sowie im Sömmerungsgebiet dem Soll-Anteil entspricht, der nötig wäre, um die Biodiversität zu erhalten. In den günstiger gelegenen Bergzonen I und II hingegen ist der Anteil an Flächen mit ökologischer Qualität viel zu gering: In der Bergzone I müsste er verdreifacht, in der Bergzone II verdoppelt werden. Die einst positive Situation für die Biodiversität in den Alpen verändert sich.

 

 

Artenreiche Bergwiesen mit extensiver Beweidung

Die Alpen sind ein Hotspot der Biodiversität und bunte Blumenwiesen, wie im Bild oben, mit Küchenschelle, Arnika, Klappertopf, Türkenbundlilie und den vielen anderen Gräsern und Kräutern sind Grund genug, diese Biodiversität zu erhalten.

Die Biodiversität der Alpen ist herausragend, das subalpine und alpine Gelände beherbergt Tier- und Pflanzenarten, die dort ihren Verbreitungschwerpunkt haben oder nur dort vorkommen (z.B. Endemiten der Dolomiten. Die Tierwelt der Alpen, vom Alpensalamander bis zum Murmeltier, dem Steinadler bis zu den Gemsen, sie machen die Alpen unverkennbar und einmalig.

Der Schutz der Biodiversität in der alpinen Landschaft ist durch großflächige Natura 2000 Gebiete, die Alpenkonvention, die Biodiversitätskonvention, durch das Weltnaturerbe Dolomiten usw. geregelt.

 

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Alpine Landschaft mit Geröllfeldern, alpinen Matten, Felswänden im Bild hinten und subalpinen Quellfluren und Almweide (Trittgänge der Weidetiere erkennbar) im Bild vorne

 

Viele Natura 2000 Gebiete in Südtirol betreffen die höheren Lagen, alpine und subalpine Flächen. Der Nutzungsdruck durch die Erschließung mit touristischen Einrichtungen (z.B. Wintersport) ist enorm. Subalpine Wälder fallen auch Wasserspeicherbecken zum Opfer ( https://www.salto.bz/de/article/13112017/wolkenstein-am-see).

Neben der direkten Zerstörung von Waldlebensräumen kommt es zur Störung von Wildtieren in höheren Lagen durch Tourengeher, Bergsteiger, Paragleiter, Jäger usw. Gerade in Wintermonaten sind Störungen für Wildtiere im alpinen Bereich lebensbedrohlich, da das Futter im Winter knapp ist und die durch die Störung ausgelöste Flucht den Wildtieren viel Energie kostet.

Im alpinen Bereich ist die Biodiversität auch durch den Klimawandel in Gefahr. Der Rückgang der Gletscher, das Auftauen der Permafrostböden und die Veränderung der Vegetation im alpinen Bereich sind Veränderungen, welche feststellbar sind. Die Höhenstufen verschieben sich nach oben und für Wildtiere, wie z.B. dem Schneehasen, bedeutet dies dass sich sein Lebensraum verkleinert und fragmentiert.

Die Fähigkeit der Natur sich zu regenerieren, ist im alpinen Bereich aber gegeben. Die Vegetationsstufen verschieben sich nach oben. Inwieweit alle Arten dieser „Wanderung nach Oben“ folgen können, wird die Zukunft zeigen.

Almen
Almen und die unberührte Natur der Berggipfel prägen die subalpine und alpine Landschaft Südtirols

Die alpine Stufe beginnt oberhalb der Baumgrenze. Alpine Rasen, die den Boden noch weitgehend geschlossen bedecken, sind Lebensraum für Schneehasen, Murmeltiere, Steinböcke, Gämsen, Schneehühner, den lebendgebärenden Alpensalamander, Alpenhummeln usw. Durch die Jagd kommen in Südtirol Schneehasen und Schneehühner alljährlich um (im Jahr 2016 gab es 337 tote Schneehasen zu beklagen und 205 tote Schneehühner). Zum Thema Grausamkeit und Unsinn der Jagd siehe https://www.peta.de/jagd-hintergrundwissen

Schneehuhn
Alpenschneehuhn, Rote Liste: stark gefährdet. Im Jahr 2015 wurden über 200 dieser seltenen Hühnervögel von Jägern erlegt.

Die Rasen der alpinen Stufe werden in verschiedene Rasengesellschaften eingeteilt und sind in den Kalkalpen und den Zentralalpen unterschiedlich:

Kalkalpen: Rostseggenrasen (Caricetum ferrugineae), auf tiefgründigen Böden, Blaugras-Horstseggen-Rasen (Seslerio-Caricetum sempervirentis) auf flachgründigeren Böden, auf Felsen das Caricetum firmae. Besonders die auf Kalkböden ausgebildeten Rasen zeichnen sich durch Artenreichtum und Blumenreichtum aus.

Zentralalpen: Krummseggenrasen (Caricetum curvulae) und auf durch Beweidung entstandene Borstgrasrasen (Nardetum).

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Zwergstrauchheide (mit Wacholder und Besenheide) vorne und Latschenkrummholz hinten im Bild

Lebensräume der alpinen und subalpinen Stufe sind geschützt durch die FFH-Richtlinie: z.B. 81 Geröll und Schutthalden, 8110 Silikatschutthalden der montanen bis nivalen Stufe (Androsacetalia alpinae und Galeopsietalia ladani), 8120 Kalk- und Kalkschieferschutthalden der montanen bis alpinen Stufe (Thlaspietea rotundifolii), 4070 Buschvegetation mit Pinus mugo und Rhododendron hirsutum (Mugo-Rhododendretum hirsuti), 6150 Boreo-alpines Grasland auf Silikatsubstraten, 6170 alpine und subalpine Kalkrasen

subalpine und alpine Landschaft, natürliche Krummholzzone mit Latschen und Almweiden nebeneinander
Auf die Waldgrenze in der subalpinen Stufe folgen häufig Almweiden, die natürliche Waldgrenze wird von der Krummholzzone- im Bild einzelne Latschen (Pinus mugo)- gebildet.

 

Vegetationsfreie Flächen, wie Block- und Schutthalden und Felswände, wechseln sich mit grünen Rasen ab. In kalten Mulden, in denen der Schnee lange liegen bleibt kommt es zur Ausbildung von Schneetälchen und auf dem Wind ausgesetzten Kanten die Gamsheide (Loiseloirea procumbens)

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Auf die alpine Stufe folgt die nivale Stufe mit Gletschern und nur wenigen Arten, wie den Alpenmohn, welche unter diesen Umweltbedingungen überleben können. Diese Gletscher spielen eine wichtige Rolle als Wasserspeicher für die Versorgung der Bäche in heißen und trockenen Sommern.

Negativ auf die Artenvielfalt und das alpine Ökosystem wirkt sich der Wintersport aus, welcher seit 1960 Naturlandschaften bzw. naturnahe Kulturlandschaften verändert. Häufig führt der Skipistenbau und die damit verbundenen Baggerarbeiten und Planierungen zur Zerstörung von Feuchtgebieten (z.B. Mooren), Zerschneidung von Lebensräumen der alpinen Fauna, Störung der Wildtiere im Umland, Erosion von Böden, Veränderung des Wasserhaushaltes, Zerstörung von subalpinen naturnahen Wäldern usw.