294

Biodiversität

Biodiversität beinhaltet die biologische Vielfalt, Artenvielfalt, genetische Vielfalt und Vielfalt der Ökosysteme.

Wissenschaftler um Sean Maxwell von der University of Queensland in Brisbane (Australien) analysierten ca. 8700 Spezies, die auf der Roten Liste bedrohter Arten der Weltnaturschutzunion (IUCN) stehen. Sie stellten fest, dass 72 Prozent von ihnen durch die Übernutzung von Ressourcen bedroht sind.  4000 Spezies sind durch Waldrodungen bedroht und der zweitwichtigste Faktor ist die Landwirtschaft, die 62 Prozent der einbezogenen Arten trifft.

DSC01290
Übernutzte Ressource Wasser: trockengefallener Bach in der Gemeinde Gargazon

Die Artenvielfalt nimmt weltweit ab und geht verloren. Doch sind nicht nur Arten gefährdet sondern ganze Ökosysteme, welche die Biosphäre der Erde am Leben erhalten, wie etwa die tropischen Regenwälder. Regenwälder und die borealen Nadelwälder der Nordhemisphäre sind die großen Sauerstoffproduzenten der Erde, die grünen Lungen der Erde und nehmen  CO2 auf. Berechnungen zufolge nimmt allein der Amazonas-Regenwald etwa zwei Milliarden Tonnen CO2 im Jahr auf, eine Ökosystemleistung des Waldes. Der Regenwald des Amazonas leistet damit einen Dienst für die gesamte Menschheit und das Klima des Planeten Erde. Der Regenwald ist darüberhinaus bekannt für seinen Artenreichtum, er ist ein Hotspot der globalen Biodiversität.

Doch sind die Wälder in Gefahr. Natürliche tropische Regenwälder werden zu landwirschaftlichen Intensivkulturen und die Nadelwälder des Nordens (z.B. Schweden, Kanada, Russland) werden intensiv forstwirtschaftlich genutzt. Kahlschlagflächen bestimmen ganze Landstriche. Ebenso dramatisch ist die Situation der Weltmeere, welche leergefischt sind und mit Plastik zugemüllt werden. Korallenriffe der Tropen sind neben den tropischen Regenwäldern die artenreichsten Ökosysteme (allein 25% aller bekannten Fischarten kommen in Korallenriffen vor). Der Biodiversitätshotspot tropischer Korallenriffe ist durch den Klimawandel bedroht, Korallenbleichen führen zum Absterben der riffbildenden Korallenarten.

Der Biodiversitätsverlust und die Zerstörung der Natur auf dem Planeten Erde wirft auch moralische Fragen auf. In der Enzyklika „LAUDATO SI“ von Papst Franziskus wird Patriarch Bartholomäus zitiert: „Dass Menschen die biologische Vielfalt in der göttlichen Schöpfung zerstören; dass Menschen die Unversehrtheit der Erde zerstören, indem sie Klimawandel verursachen, indem sie die Erde von ihren natürlichen Wäldern entblößen oder ihre Feuchtgebiete zerstören; dass Menschen anderen Menschen Schaden zufügen und sie krank machen, indem sie die Gewässer der Erde, ihren Boden und ihre Luft mit giftigen Substanzen verschmutzen – all das sind Sünden.“ Denn „ein Verbrechen gegen die Natur zu begehen, ist eine Sünde gegen uns selbst und eine Sünde gegen Gott.“ 

DSC00776
Dünen gehören zu den am stärksten gefährdeten Lebensräumen in Europa

 

Obwohl sich die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts auch als Wissensgesellschaft begreift, werden wissenschaftliche Fakten oft in Zweifel gezogen. So wird der Klimawandel von Politikern wie Trump (ein US- Präsident) manchmal bezweifelt, obwohl das Korallensterben und der Anstieg des Meeres auch im  US- Bundesstaat Florida feststellbar sind (empfehlenswerter Film dazu https://www.beforetheflood.com/).

Geht es um den Erhalt der Biodiversität so ist auch die Presse oft wenig förderlich. Die Rückkehr des Wolfes in Gebiete, wo er einst ausgerottet worden war, führt häufig zu Negativmeldungen und Angstmacherei. So titelten Medien im November 2018, dass ein Wolf einen Gärtner gebissen habe. Würde ein Gärtner von einem Hund gebissen, so würde dies kein mediales Aufsehen erregen. Doch Wölfe und ihre Opfer (meist Schafe) werden zu medialen Aufmachern, als ob die Wissensgesellschaft des 21 Jahrhunderts eine  Hirtengesellschaft des Mittelalters wäre (Zu Wolf und Fake News http://biodiversitaet.bz.it/tag/wolf/).

Die Natur und das natürliche Erbe der Menschheit sind ein Wert für sich. Darüberhinaus erbringen Ökosysteme und Arten Leistungen für die Menschen, welche einem monetären Wert entsprechen:

  • auf 24.812.700.000.000 € werden die jährlichen Leistungen der Biodiversität geschätzt (Costanza et al. 1997)
  • 1.503.800.000.000 € würde die Steuerung von Gashaushalt und Klima kosten (Costanza et al. 1997)
  • 14.722,20 € pro Hektar und Jahr sind die Dienstleistungen von Auen wert, die eine wichtige Rolle im Hochwasserschutz und in der Abwasserreinigung spielen (Costanza et al. 1997)

Biodiversität von Ökosystemen und Lebensräumen:

Feuchtgebiete und Gewässer beherbergen zahlreiche spezialisierte Tier- und Pflanzenarten und bilden dynamische Lebensräume wie Auwälder aus. Die Feuchtgebiete leisten wichtige Dienste für den Menschen, sie liefern z.B. sauberes Trinkwasser. Mehr zum Lebensraum Gewässer und seine Gefährdung findet sich auf http://biodiversitaet.bz.it/baeche-und-seen/.

Wälder sind die grünen Lungen der Erde und sie sind Lebensraum für eine Vielzahl von Tier- und Pflanzenarten. Zur Vielfalt der Waldtypen und zur Leistung des Waldes findet sich mehr auf http://biodiversitaet.bz.it/waelder/

Bunte Blumenwiesen sind ein Hotspot der Biodiversität. Auf kleinster Flächen finden sich in artenreichen Wiesen mehr Tier- und Pflanzenarten, als im tropischen Regenwald. Mehr zu den Wiesen und auch zu den verarmten Wirtschaftswiesen der Agrarlandschaft auf http://biodiversitaet.bz.it/wiesen/

Gefährung von Tier- und Pflanzenarten:

DSC01016
Hummel auf Sumpfschwertlilie

 

Über die Gefährdung von Tier- und Pflanzenarten geben Rote Listen Auskunft. Die Gefährdungskategorien der IUCN (internationale Naturschutzorganisation) sind:

EX  Extinct (nach dem Jahr 1500 ausgestorben)
EW  Extinct in the Wild (in der Natur ausgestorben)
RE  Regionally Extinct (regional ausgestorben)
CR  Critically Endangered (vom Aussterben bedroht)
EN  Endangered (stark gefährdet)
VU  Vulnerable (gefährdet)
NT  Near Threatened (potenziell gefährdet)
LC  Least Concern (nicht gefährdet)
DD  Data Deficient (ungenügende Datengrundlage)
NE  Not Evaluated (nicht beurteilt)

Die Rote Liste der IUCN gibt die Gefährdung des weltweiten Bestandes einer Art an. Auf nationaler Ebene gibt es ebenfalls Rote Listen und auch auf Provinzen/ Länderebene. Eine Art kann global nicht gefährdet sein, jedoch in einem Staat oder einem Land gefährdet oder ausgestorben sein.

DSC01899

Smaragdeidechse (Lacerta bilineata), IUCN: nicht gefährdet, Provinz Bozen: stark gefährdet, geschützt FFH- Richtlinie Anhang IV (im Bild überfahren in St. Pankratz 2018)

In Österreich sind von den Wirbeltieren 47 Arten, das sind 10% der Wirbeltiere, in der Kategorie vom Aussterben bedroht geführt, mit einer Aussterbenswahrscheinlichkeit innerhalb der nächsten Jahre von über 50%. Laut Rote Liste der Schweiz in der Fassung von 1994 (wurde inzwischen für einige Tiergruppen überarbeitet) sind insgesamt 41% der Tierarten gefährdet (Kat. 0-3). Der Prozentsatz ist bei den Wirbeltieren höher als bei den Wirbellosen. Spitzenreiter sind die Amphibien und Reptilien, mit 95% bzw. 80% gefährdeten Arten, über deren Lebensweise, Verbreitung und Gefährdungsursachen wir recht gut Bescheid wissen. Trotzdem sind gerade Amphibien und Reptilien immer noch gefährdet und in Südtirol sterben die letzten Laubfrösche aus. Rote Listen sind ein maßgebliches Instrument für den Natur- und Artenschutz. Jedoch kommen einige auch ohne Rote Listen aus, wie z.B. die Internetseiten http://www.fishfirst.it/fischschutz/gefaehrdung.html, welche sich dem Fischschutz in Südtirol verschrieben haben. Viele Fischarten sind stark gefährdet, sie weisen niedrige Bestände im gesamten Verbreitungsgebiet Südtirols auf. Die Bestände gehen bedeutend zurück und sind in einzelnen Landesteilen verschwunden (http://www.provinz.bz.it/natur-umwelt/natur-raum/naturschutz/fauna.asp#accept-cookies). Zu diesen stark gefährdeten Fischarten in Südtirol gehören: Gewöhnlicher Steinbeißer, Bachneunauge, Schmerle, Martensgrundel, Maskierter Steinbeißer und die Marmorierte Forelle.

244
Türkenbundlilie

 

Einige Arten wurden systematisch ausgerottet und kehren heute wieder eigenständig zurück, wie der Wolf. Andere wiederum wurden ausgerottet und kehren vielleicht in Zukunft zurück, sofern Wiederansiedlungsprojekte gestartet werden (z.B. Sumpfschildkröte usw). Während beim Wolf der konsequente Schutz ausreicht, dass er wieder in die Alpen zurückkehrt, gelingt dies bei vielen anderen Arten nicht. Mehr zur Gefährdung der Tierarten in Südtirol siehe http://biodiversitaet.bz.it/fauna-2/

Auch Pflanzenarten sind gefährdet. Die Vielfalt an Pflanzenarten hat abgenommen und zahlreiche Pflanzenarten sind bereits ausgestorben. Mehr zur Flora und ihrer Gefährdung auf  http://biodiversitaet.bz.it/flora/

Gefährdung der genetischen Vielfalt:

Neben dem Artenverlust geht auch die genetische Vielfalt verloren. Die genetische Vielfalt auch innerhalb von Arten ist beachtlich. Es gibt z.B. verschiedene Unterarten von Wölfen und genaue molekulargenetische Untersuchungen von Wölfen Siziliens ergaben, dass diese eine eigene Unterart waren. Wölfe auf Sizilien sind jedoch bereits ausgestorben. In der Natur ist die genetische Vielfalt innerhalb einer Art, einzelner Populationen oder Ökotypen oft sehr groß. Der Verlust der genetischen Vielfalt ist bei Forellen Europas festgestellt worden . Genetisch reine autochthone Marmorierte Forellen gibt es in Südtirols Gewässern keine mehr und bei Fischen ist durch Fischbesatz genetische Vielfalt verloren gegangen. Einer der häufigsten Fische Südtirols, nämlich die Bachforelle, ist kein einheimischer Fisch und wird als allochthon eingestuft. Mehr dazu auf  (http://biodiversitaet.bz.it/2017/11/29/fische/).

Besonders betroffen vom genetischen Verlust ist auch die Landwirtschaft, alte Nutztierrassen und Kultursorten von Obst und Gemüse sind vielfach Raritäten oder ganz einfach schon ausgestorben. Die industrialisierte Landwirtschaft bedient sich der Hochleistungsrassen und Hybriden.

 

Ursachen für den Verlust der Artenvielfalt sind: 

DSCF1004
Lebensraumzerstörung: Ablagerung von Aushubmaterial auf dem Wuchsort der Frühlingsknotenblume (Leucojum vernum) in Völlan; Schutzstatus: geschützt, gefährdet (VU)

 

  1.  Die Zerstörung und Flächenverluste natürlicher und naturnaher Lebensräume. Wird ein Lebensraum durch menschliche Aktivitäten, beispielsweise durch Waldrodung, Bebauung oder Änderung, bzw. Intensivierung der landwirtschaftlichen Nutzung verkleinert oder verändert, verliert er seinen Artenbestand ganz oder teilweise. Grund für diese Zerstörung sind Kulturmaßnahmen, Meliorierungen und das Verschwinden von Brachflächen, Ufergehölzen, Auresten, Hecken, Kiesbänken usw.

  2.  Übernutzung, z. B. durch Überweidung, Überfischung und Bejagen oder Sammeln, degradiert Ökosysteme, was mit einem Verlust an Arten einhergeht.

  3.  Verschmutzung: Verschmutzungen belasten die Ökosysteme (Luft, Wasser, Boden). Pestizide aus der Landwirtschaft, der Eintrag von Stickstoff und Phosphor in Gewässerökosysteme, der Eintrag von Nährstoffen in naturnahe Lebensräume mit Arten, welche auf nährstoffarme Umweltverhältnisse angewiesen sind, spielen für den Artenverlust eine entscheidene Rolle. Viele der ausgestorbenen bzw. gefährdeten Pflanzenarten sind auf nährstoffarme Standorte angewiesen.

  4. Die Verdrängung einheimischer Arten durch invasive Arten/ Neobiota: Invasive Arten treten mit den natürlich vorkommenden Arten in Konkurrenz um Lebensraum und Ressourcen. Sie können dadurch andere Arten oder ganze Artengemeinschaften verdrängen und Ökosysteme verändern.
  5. Klimawandel: Veränderungen von Artarealen in Europa infolge klimatischer Veränderungen sind im Prinzip ein natürlicher Vorgang. Viele Arten kommen heute isoliert vor und ihre Wanderung und Ausbreitung auf andere Flächen ist nicht mehr möglich. Zudem fehlt es an Rückzugsräumen, z.B. Nährstoffarme landwirtschaftliche Flächen. Der Klimawandel ist für den Biodiverstitätshotspot Korallenriff die Hauptgefährdungsursache.

 

DSC00413
Lebensraumzerstörung: Ein Teich in Tisens wurde aufgefüllt und die artenreiche Wiese „melioriert“. Frösche und Kröten verloren ihren Lebensraum.

 

In Südtirol erfolgen häufig sogenannte „Bagatelleingriffe“ (https://www.salto.bz/de/article/30052014/suedtiroler-biologen-gegen-bagatelleingriffe-die-landschaft) , mit welchen aber auch Moore und andere schützenswerte Lebensräume zerstört werden.

Ein systematisches Biodiversitätsmonitoring wurde 2018 für Südtirol beschlossen, das von der EURAC Bozen (Abteilung alpine Umwelt), durchgeführt wird. Die weitere Entwicklung der Artenvielfalt Südtirols wird wissenschaftlich dokumentiert.

Kein systematisches Monitoring wird bei Revitalisierungen und Renaturierungen von Flüssen und Auen durchgeführt, obwohl in einer Studie die systematische Erfassung des Zustandes der Flüsse und Auen gefordert wurde. 2016 behaupteten einige Vertreter von Umweltschutzvereinen zu kontrollieren und kritisch zu sein (mehr dazu auf http://biodiversitaet.bz.it/revitalisierung-wasserrahmenrichtlinie/).

 

Besonders gefährdet durch Renaturierungen und Revitialisierungen sind Südtirols Auwälder, welche in vielen Biotopen gerodet und damit zerstört werden. Arten wie Fledermäuse in Bäumen oder Schmetterlingsraupen auf Weiden verlieren dadurch ihren Lebensraum. Auf den Rodungsflächen breiten sich zudem invasive Neophyten und ruderale Arten (Unkraut) aus.

181

Verkehrswege sind eine Ursache für die Gefährdung von Arten

Im Sinne der Biodiversitätskonvention sind Maßnahmen zu ergreifen, welche durch Biotopvernetzung, durch die Schaffung von Korridoren, durch den konsequenten Schutz schützenswerter Lebensräume, durch nachhaltige Waldwirtschaft, durch Schutz von naturnahem Grünland und durch Schutz vor Revitalisierungen und Renaturierungen von Auwäldern, das bestehende natürliche Erbe Südtirols erhalten wird.

Die Lebensraumvernetzung und die Einrichtung von Korridoren sind notwendig, um den Fortbestand von Arten zu sichern und Lebensräume zu erhalten.

Die Lebensraumvernetzung ist dort notwendig, wo Lebensräume voneinander getrennt oder isoliert sind. Vielfach sind Auwaldreste durch den Hochwasserschutz von Bächen abgekoppelt worden. Auwälder sind auf das lebensspendende Nass der Bäche angewiesen, sie brauchen Überflutungen.

Straßen zerteilen Lebensräume und Naturlandschaften und viele Tiere werden auf Straßen überfahren. Auf der Autobahn in Südtirol werden sogar Bären überfahren.

Wildwechsel von Hirschen und Rehen sind oft mit Hinweisschildern gekennzeichnet. Kleine Straßen, ob Hofzufahrten oder Gemeindestraßen werden vielen kleinen Tieren zum Verhängnis, wie z.B. Fröschen. So kommt es auch vor, dass seltene Tiere überfahren werden.

Gelbbauchunke
Überfahrene Gelbbauchunke: das Vorkommen der Gelbbauchunke ist in Südtirol ungenügend erfasst. Die Gelbbauchunke ist geschützt und gefährdet (VU).

 

Besonders gefährdet sind Arten, welche im Bereich der Tallagen und der niederen Lagen vorkommen, in denen der Lebensraum der Arten verschwindet oder eingeschränkt wird. Die weitere Ausbreitung der Apfelmonokulturen im Vinschgau gefährdet die Zukunft von Wiesenbrütern wie Feldlerchen und Wachteln.

294

Der Etschtalboden ist eine ausgeräumte Kulturlandschaft, in dem sich bebaute und versiegelte Flächen immer weiter ausdehnen. Die Landwirtschaft ist durch den Apfelanbau bestimmt, artenarme mit Pestiziden behandelte Flächen, welche oft mit Hagelnetzten bedeckt werden. Um 1900 fanden sich noch ausgedehnte Auwälder und viele Sumpfwiesen, von denen Flurnamen wie Ried und Möser heute noch zeugen. Doch von den Feuchtgebieten ist wenig bis nichts übrig geblieben. Nur entlang von Gewässern und in Biotopen findet sich noch ein spärlicher Rest der einstigen Vielfalt.