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Biodiversität

Biodiversität beinhaltet die biologische Vielfalt, Artenvielfalt, genetische Vielfalt und Vielfalt der Ökosysteme.

Die Artenvielfalt nimmt weltweit und auch in Südtirol immer weiter ab. 41 % der Tierarten Südtirols sind gefährdet (Angabe beruht auf Erstellung der Roten Liste der gefährdeten Tiere aus dem Jahr 1994). Dabei ist Südtirol ein Land, das eine überaus reichhaltige und einzigartige Flora und Fauna aufweist.

In den verschiedenen Höhenstufen der Alpen findet man hochspezialisierte Tier und Pflanzenarten. Von den Murmeltieren in der subalpinen und alpinen Stufe bis zu meditarranen Arten, wi-e dem Perückenstrauch an warmen Felswänden im Unterland. 

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Einzigartig ist die Flora und Fauna Südtirols auch deshalb, weil es als Land in den Alpen eine Vielzahl von Endemiten berherbergt. In den Alpen gibt es allein ca. 400 endemische Pflanzenarten. Von den ca 5000 Pflanzenarten Mitteleuropas sind etwa 7 bis 8 % Endemiten, Arten die es nur hier gibt. Pawlowski (1970) erstellte eine ausführliche Arbeit über endemische Pflanzen in den Alpen und in den Ostalpen gibt es 203 endemische Pflanzenarten, in den Westalpen gibt es 203. Auch Endemiten scheinen in der Roten Liste Südtirols auf, womit auf die Gefährdung auch dieser Arten hingewiesen wird.

Arten wurden auch systematisch ausgerottet und kehren heute wieder eigenständig zurück (z.B. der Wolf). Andere wiederum wurden ausgerottet und kehren vielleicht in Zukunft zurück, sofern Wiederansiedlungsprojekte gestartet werden (z.B. Sumpfschildkröte usw). Während beim Wolf der konsequente Schutz ausreicht, dass er wieder in die Alpen zurückkehrt, genügt dies bei vielen anderen Arten nicht.

S´üdtirol weist eine Vielzahl an verschiendenen Lebensräumen auf, von Kastanienhainen bis Geröllfeldern, von Lärchen- Zirbenwäldern bis Trockenrasen. Der Schutz der Lebensräume ist Vorraussetzung für den Artenschutz. 

Neben dem Artensterben ist auch der Verlust der genetischen Vielfalt zu beobachten. Genetisch reine autochthone Marmorierte Forellen gibt es in Südtirols Gewässern keine mehr und auch in den Bergseen Südtirols findet man keine speziell angepassten Ökotypen sondern Allerweltsfische.

Ursachen für den Verlust der Artenvielfalt sind:

  1.  Die Zerstörung und Flächenverluste natürlicher und naturnaher Lebensräume. Wird ein Lebensraum durch menschliche Aktivitäten, beispielsweise durch Waldrodung, Bebauung oder Änderung, bzw. Intensivierung der landwirtschaftlichen Nutzung verkleinert oder verändert, verliert er seinen Artenbestand ganz oder teilweise. Grund für diese Zerstörung sind Kulturmaßnahmen, Meliorierungen und vom Verschwinden von Brachflächen, Ufergehölzen, Auresten, Hecken, Kiesbänken usw.

  2.  Übernutzung, z. B. durch Überweidung, Überfischung und unkontrolliertes (illegales) Bejagen oder Sammeln, degradiert Ökosysteme, was mit einem Verlust an Arten einhergeht.

  3.  Verschmutzung: Verschmutzungen belasten die Ökosysteme (Luft, Wasser, Boden). Pestizide aus der Landwirtschaft, der Eintrag von Stickstoff und Phosphor in Gewässerökosysteme, der Eintrag von Nährstoffen in naturnahe Lebensräume mit Arten, welche auf nährstoffarme Umweltverhältnisse angewiesen sind, spielen für den Artenverlust eine entscheidene Rolle. Viele der ausgestorbenen bzw. gefährdeten Pflanzenarten sind auf nährstoffarme Standorte angewiesen.

  4. Die Verdrängung einheimischer Arten durch invasive Arten/ Neobiota: Invasive Arten treten mit den natürlich vorkommenden Arten in Konkurrenz um Lebensraum und Ressourcen. Sie können dadurch andere Arten oder ganze Artengemeinschaften verdrängen und Ökosysteme verändern.
  5. Klimawandel: Veränderungen von Artarealen infolge klimatischer Veränderungen sind im Prinzip ein natürlicher Vorgang. Viele Arten sind kommen heute isoliert vor und ihre Wanderung und Ausbreitung auf andere Flächen ist nicht mehr möglich. Zudem fehlt es an Rückzugsräumen, z.B. Nährstoffarme landwirtschaftliche Flächen.
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Ein Teich in Tisens wurde aufgefüllt und die artenreiche Wiese „melioriert“. Frösche und Kröten verloren ihren Lebensraum.

 

 Invasive Arten: Invasive Neobiota/ Alien species

Ursprünglich bei uns nicht heimische Pflanzen-, Pilz- und Tierarten werden als „Neobiota“ (neo= neu, biota= Lebewesen) bezeichnet. Bei Pflanzen spricht man von Neophyten, bei Tieren von Neozoen und bei Pilzen von Neomycteten. Unter diesen Begriffen versteht man jene Tier- Pflanzen oder Pilzarten, die seit der Entdeckung Amerikas im Jahre 1492 durch menschlichen Einfluss in neue Regionen gelangt sind. Nicht alle Neobiota sind auch invasiv.

An invasive alien species (IAS) is a species that is established outside of its natural past or present distribution, whose introduction and/or spread threaten biological diversity” Convention on Biological Diversity.” Weltnaturschutzorganisation IUCN

Von diesen Neuankömmlingen schafft es nur ein Bruchteil, sich dauerhaft in der neuen Umgebung zu etablieren, und einige werden zu invasiven Neobiota.

Invasive alien species are a major driver of biodiversity loss. In fact, an analysis of the IUCN Red List shows that they are the second most common threat associated with species that have gone completely extinct, and are the most common threat associated with extinctions of amphibians, reptiles and mammals.” Weltnaturschutzorganisation IUCN zu den invasiven Neobiota. 32 Pflanzenarten wurden in Südtirol als invasive Neophyten identifiziert.

Klimawandel: Wissenschaftler um Sean Maxwell von der University of Queensland in Brisbane (Australien) analysierten ca. 8700 Spezies, die auf der Roten Liste bedrohter Arten der Weltnaturschutzunion (IUCN) stehen. Sie stellten fest, dass 72 Prozent von ihnen durch die Übernutzung von Ressourcen bedroht sind.  4000 Spezies sind durch Waldrodungen bedroht und der zweitwichtigste Faktor ist die Landwirtschaft, die 62 Prozent der einbezogenen Arten trifft.

Rote Liste Tierarten Südtirol und Gefährdungsursachen:

Die Rote Liste gibt Auskunft über die Gefährdungsgrad von Arten. Auswertung der Gefährdungsursachen in Südtirol: Nahezu die Hälfte aller Tierarten, die in der Roten Liste Südtirols aufscheinen, ist durch die Zerstörung der Lebensräume gefährdet. 

  1. Rund 40 % der in der Roten Liste aufgenommenen Arten werden durch die so genannte „Intensivbewirtschaftung“ (Monokulturen, Düngung, Entwässerung, Pestizide) verdrängt.
  2. Fast ein Drittel der Tierarten der Rote Liste ist von der Einengung ihrer Lebensräume, durch Verbauung und Verkehrserschließung betroffen.
  3. Ein Fünftel der Arten leidet unter Wasserverschmutzung, Ableitungen und wasserbaulichen Maßnahmen.

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Verkehrswege sind eine Ursache für die Gefährdung von Arten

Im Sinne der Biodiversitätskonvention sind Maßnahmen zu ergreifen, welche durch Biotopvernetzung, durch die Schaffung von Korridoren, durch den konsequenten Schutz schützenwerter Lebensräume, durch nachhaltige Waldwirtschaft, durch Schutz von naturnahem Grünland und durch Schutz vor Revitalisierungen und Renaturierungen von Auwäldern, die Grundlage schaffen, das bestehende natürliche Erbe Südtirols zu erhalten.

Die Mitgliedsstaaten der EU haben sich auf eine Biodiversitätsstrategie bis 2020 geeinigt: http://ec.europa.eu/environment/pubs/pdf/factsheets/biodiversity_2020/2020%20Biodiversity%20Factsheet_DE.pdf

Italien: Convention on Biological Diversity, Fourth National Report, 31/03/2009

II.A.4 STRATEGIC OBJECTIVE 4: TO REINFORCE COMPATIBILITY OF REGIONA AND LAND DEVELOPMENT WITH BIODIVERSITY IN THE EU

Headline target: Regional and land development benefiting biodiversity, and negative impacts on biodiversity prevented and minimised or, where unavoidable, adequately compensated for, from 2006 onwards Land ecological connectivity, habitat fragmentation and defragmentation The Habitat Directive (art. 10) includes those land elements that appropriately support ecological connectivity in the indications for correct biodiversity planning. Paragraph 3, Article 3 of DPR 357/97 strengthens this concept in consideration of evolution in scientific knowledge and, in relation to this specific matter, deliberately decided to invest on ecological networks as the reference for eco-compatible planning models.

 

Für die Umsetzung der Biodiversitätskonvention in Südtirol und zur Entwicklung von Strategien muss die Flora-Fauna-Habitatrichtlinie herangezogen werden. Die Flora-Fauna-Habitatrichlinie definiert die zu schützenden Arten von Tieren (Fauna), Pflanzen (Flora) und den Schutz der Lebensräume (Habitate).

Die Lebensraumvernetzung und die Einrichtung von Korridoren sind notwendig, um den Fortbestand von Arten zu sichern und Lebensräume zu erhalten.

Die Lebensraumvernetzung ist dort notwendig, wo Lebensräume voneinander getrennt oder isoliert sind. Vielfach sind Auwaldreste durch den Hochwasserschutz von Bächen abgekoppelt worden. Auwälder sind auf das lebensspendende Nass der Bäche angewiesen, sie brauchen Überflutungen.

Straßen zerteilen Lebensräume und Naturlandschaften und viele Tiere werden auf Straßen überfahren. Auf der Autobahn in Südtirol werden sogar Bären überfahren.

Wildwechsel von Hirschen und Rehen sind oft mit Hinweisschildern gekennzeichnet. Kleine Straßen, ob Hofzufahrten oder Gemeindestraßen werden vielen kleinen Tieren zum Verhängnis, wie z.B. Fröschen. So kommt es auch vor, dass seltene Tiere überfahren werden.

Gelbbauchunke
Überfahrene Gelbbauchunke: das Vorkommen der Gelbbauchunke ist in Südtirol ungenügend erfasst. Die Gelbbauchunke ist geschützt und gefährdet (VU).

 

Amphibien, wie etwa die Gelbbauchunke, werden nicht nur überfahren. Der Lebensraum der Gelbbauchunke, der Tümpel, ist rar geworden. In Gebieten mit Apfelmonokulturen, sind es die Pestizide, welche Fröschen, Kröten und Unken gefährlich werden, denn sie reagieren sehr empfindlich auf bestimmte Pestizide.

Besonders gefährdet sind Arten, welche im Bereich der Tallagen und der niederen Lagen vorkommen, in denen der Lebensraum der Arten verschwindet oder eingeschränkt wird. Die weitere Ausbreitung der Apfelmonokulturen im Vinschgau gefährdet die Zukunft von Wiesenbrütern wie Feldlerchen und Wachteln.

Besonders gefährdet durch Renaturierungen und Revitialisierungen sind Südtirols Auwälder, welche in vielen Biotopen gerodet und damit zerstört werden.

 

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Der Etschtalboden ist eine ausgeräumte Kulturlandschaft, in dem sich bebaute und versiegelte Flächen immer weiter ausdehnen. Die Landwirtschaft ist durch den Apfelanbau bestimmt, artenarme mit Pestiziden behandelte Flächen, welche oft mit Hagelnetzten bedeckt werden. Um 1900 fanden sich noch ausgedehnte Auwälder und viele Sumpfwiesen, von denen Flurnamen wie Ried und Möser heute noch zeugen. Doch von den Feuchtgebieten ist wenig bis nichts übrig geblieben. Nur entlang von Gewässern und in Biotopen findet sich noch ein spärlicher Rest der einstigen Vielfalt.

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Kohldistel, einst eine häufige und charakteristische Feuchtwiesenart, heute im Etschtal eine Seltenheit.