Biodiversität

Titelbild: Kontrastreiche Landschaft Südtirols mit pestizidbehandelten Apfelmonokulturen im Talboden und artenreichen naturnahem Laub- und Mischwäldern auf den Berghängen.

Biodiversität beinhaltet die genetische Vielfalt, die Vielfalt der Arten und die Vielfalt der Ökosysteme bzw. Lebensräume.

Biodiversität bedeutet nicht nur Artenvielfalt, die Vielfalt der Pflanzen, Tiere und Pilze sondern auch die Vielfalt innerhalb einer einzelnen Art. Einige Arten sind sehr vielfältig, etwa die vielen unterschiedlichen Hunderassen. Die Wildform des Hundes, der Wolf weist ebenfalls eine hohe genetische Vielfalt auf, es gibt verschiedene Unterarten von Wölfen in verschiedenen Gebieten der Erde.

Biodiversität beinhaltet auch die Vielfalt der Lebensräume und Lebensräume wie Wälder oder Flüsse werden in ihrer Strukur und Funktion als Ökosystem beschrieben. Ein Wald liefert saubere Luft und ein Fluss liefert u.a. Trinkwasser. Die saubere Luft und das Wasser sind Leistungen, welche die Ökosysteme erbringen und welche für das Leben von Menschen notwendig sind.

Als Ökosystem liefern Bäche und Flüsse Wasser und speisen das Grundwasser, das auch der Trinkwasserversorgung dient. Der Auwald am Ufer leistet ebenfalls Dienste: Er festigt den Boden, schützt vor Überschwemmungen, entzieht dem Wasser Nährstoffe, liefert saubere Luft usw. Beide Ökosysteme sind bedeutend für die Artenvielfalt: sie sind Lebensraum für unzählige Arten.

Biodiversität beinhaltet auch die Leistungen oder Dienstleistungen der Ökosysteme, welche für das Leben auf dem Planeten unerlässlich sind. 

„Die Natur und ihr lebenswichtiger Beitrag für den Menschen, welche zusammen die biologische Vielfalt, Ökosystemfunktionen und Dienstleistungen ausmachen, verschlechtert sich weltweit. Die Biosphäre, von der die Menschheit als Ganzes abhängt, wird auf allen Ebenen in beispielosem Maß verändert. Die Biodiversität nimmt schneller ab als jemals in der Geschichte der Menschheit zuvor.“

Weltbiodiversitätsrat 2019 (Weltbiodiversitätsrat IPBES, Global Assessment Summary for Policymakers, 2019).

„Die Natur gehört uns nicht, wir sind ein Teil davon“, fasst Landeshauptmann Arno Kompatscher den Beweggrund zusammen, wieso das Land Südtirol weiterhin und künftig noch stärker auf das Thema Artenvielfalt setzt (Presseaussendung Provinz Bozen 07.06.2019 mit Überschrift: Land Südtirol setzt auf Artenvielfalt).

Doch sind wir Menschen und unser Handeln nicht Teil der Natur, ebensowenig wie Autos, Pestizide oder Bagger Teil der Natur sind. Der Mensch ist auch nicht Teil der Artenvielfalt. Der Wanderer im Wald mag sich als Teil der Natur fühlen (spirituell, psychologisch oder philosophisch), jedoch wird der Wanderer bei der Erfassung der Artenvielfalt des Waldes sicher nicht zu den vorkommenden Arten des Waldes gezählt.

Wir hängen aber von der Biodiversität und der Natur ab. Der gesamte Sauerstoff in der Atmosphäre stammt von Pflanzen und der Planet Erde wurde für Tiere und Menschen erst  durch die Produktion von Sauerstoff aus der Photosynthese der Pflanzen bewohnbar.

Wir erleben gerade das sechste große Artensterben der Erdgeschichte. Doch diesmal sind weder Vulkane noch Asteroiden schuld, sondern einzig und allein das Handeln des Menschen.

 

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Dünen an der Adria. Natürliche Dünen gehören zu den am stärksten gefährdeten Lebensräumen in Europa- sie wurden an der Adria eingeebnet für die touristische Nutzung.

Es sind nicht nur Arten gefährdet sondern ganze Ökosysteme, welche die Biosphäre der Erde am Leben erhalten, wie etwa die tropischen Regenwälder. Regenwälder und die borealen Nadelwälder der Nordhemisphäre sind die großen Sauerstoffproduzenten der Erde, die grünen Lungen der Erde und nehmen  CO2 auf. Berechnungen zufolge nimmt allein der Amazonas-Regenwald etwa zwei Milliarden Tonnen CO2 im Jahr auf, eine Ökosystemleistung des Waldes.

Der Regenwald ist darüberhinaus bekannt für seinen Artenreichtum, er ist ein Hotspot der globalen Artenvielfalt. Natürliche tropische Regenwälder in Südostasien und Südamerika wurden zu Soja- und Palmölplantagen oder Rinderweiden und riesige natürliche Urwaldflächen (Primärregenwälder) wurden in den vergangenen Jahrzehnten gerodet, alleine im Jahr 2017 wurden über 29,7 Milllionen Hektar Regenwald durch Brandrodung vernicht und die Tendenz setzt sich fort.

Korallenriffe: Hotspots der globalen Artenvielfalt (Bildquelle: Wiki Commons)
Korallenriffe: Hotspots der globalen Artenvielfalt (Bildquelle: Wiki Commons)

Ebenso dramatisch ist die Situation der Weltmeere, welche leergefischt wurden und mit Plastik zugemüllt werden. Korallenriffe der Tropen sind neben den tropischen Regenwäldern die artenreichsten Ökosysteme (allein 25% aller bekannten Fischarten kommen in Korallenriffen vor). Der Biodiversitätshotspot tropischer Korallenriffe ist durch den Klimawandel bedroht, Korallenbleichen führen zum Absterben der riffbildenden Korallenarten.

Ökosystem Wald

 

Weniger dramatisch als die Sitution von Regenwäldern in Brasilien oder Indonesien ist die Situation der Wälder Europas. Jedoch geht es auch den  Wäldern nicht gut, verheerende Waldbrände im Mittelmeerraum oder die beginngende auch illegale forstwirtschaftliche Nutzung von Urwäldern Rumäniens oder die Zerstörung von Wäldern durch den Kohleabbau in Deutschland sind Ausdruck der rücksichtlosen Zerstörung der Natur in Europa.

Wälder sind Lebensraum für eine Vielzahl von Tier- und Pflanzenarten, vom Fichtenkreuzschnabel der auf Fichten angewiesen ist bis zum Zürgelbaumfalter, der Zürgelbäume zur Fortpflanzung braucht. Wälder Europas werden intensiv forstwirtschaftlich genutzt und wurden dabei verändert. Fichten wachsen in den einstigen Eichenwäldern.  Zur Vielfalt der Waldtypen Südtirols und zur Leistung des Waldes findet sich mehr auf http://biodiversitaet.bz.it/waelder/

Der Schutz und Erhalt von Lebensräumen ist eine Grundvorraussetzung, um den Artenverlust zu stoppen.

Im Landschaftsleitbild Südtirols steht:

„Der Lebensraumschutz hat für die Erhaltung sowohl von wildlebenden Tier- und Pflanzenarten als auch für typische Kulturarten an Bedeutung gewonnen. Demgemäss muss in einem zeitgerechten Naturschutzrecht darauf besonderer Wert gelegt werden. Besonders schützenswerte, weil im Kulturland selten gewordene Habitate sind Nass- und Feuchtflächen, stehende und fließende Gewässer inkl. Ufervegetation, Auwälder und Uferbiotope sowie Flurgehölze und Hecken.

In Südtirol verschwinden jedoch auch Auwälder von der Landkarte, wie der letzte große Auwald im unteren Pustertal Ilsterner Au durch eine  Revitalisierung (http://biodiversitaet.bz.it/2016/10/28/die-revitalisierung-der-ilstener-au/).

Auwald der Ilstener Au mit Silberweiden, Grauerlen und zahlreich Eschen

Ebenso werden Fließgewässer und ihre Auen etwa um Brixen umgebaut und der Auwald in der Industriezone Brixen droht zu verschwinden, obwohl der Landesregierung  bekannt war, dass es sich um einen wertvollen und gesetzlich geschützten Lebensraum handelt. Doch in Zusammenarbeit mit einigen Umweltschutzvereinen wird die Zerstörung derartiger Wälder vorangetrieben. http://biodiversitaet.bz.it/2019/01/16/revitalisierung-und-wasserrahmenrichtlinie-mittleres-eisacktal/

Für den Erhalt des Auwaldes in Brixen traten mehrere Vereine ein, von Fridays for Future bis zum WWF

Der Dachverband für Natur- und Umweltschutz in Südtirol lobt im September 2020 die getätigte Zerstörung der Auwälder Südtirols wie in der Ilsterner Au: https://www.tageszeitung.it/2020/09/05/das-naechste-hochwasser-kommt/

Für derartige Revitalisierungen/Renatierungen der Südtiroler Flüsse und ihrer Auen hätte die Studie „Fluss- und Auenrenaturierung in Südtirol (Italien)“ 2012 eine Zustandserfassung gefordert und am meisten Restnatur an den Flüssen wird durch Revitalisierungen zerstört.

„Eine Zustandserfassung vor einer Renaturierung ist allerdings essentiell, um den Erfolg bzw. den Zielerreichungsgrad nach Abschluss der Maßnahmen qualitativ und quantitativ bewerten zu können.“

Studie Fluss- und Auenrenaturierung in Südtirol

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gerodeter Auwald bei Revitalisierung/ Renaturierung an der Ahr in Südtirol- am meisten Auwälder wurden in Südtirol an der  Ahr weggebaggert- von 2000 bis 2015 über 20 Hektar

Für diese Bauarbeiten hat die Provinz Bozen  bis 2020 41 Millionen Euro für insgesamt 118 umgesetzte und 43 in Umsetzung befindliche derartiger Projekte investiert. Geld fließt und Lebensräume werden dabei zerstört. Mehr zu diesem Thema auf http://biodiversitaet.bz.it/revitalisierung-wasserrahmenrichtlinie/

In Südtirol ist der Schutz der Natur und der Biodiversität in Gesetzen geregelt, wie dem Naturschutzgesetz (2010), laut dem die Rodung von Auwald eigentlich verboten wäre oder dem Geschwässerschutzgesetz (2002) für Gewässer. Auf europäischer Ebene gibt es verbindliche Richtlinien, etwa die Vogelschutzrichtlinie oder die FFH- Richtlinie zum Erhalt der Arten und ihrer Lebensräume. Nach der FFH- Richtlinie der EU sind artenreiche Bergwiesen und magere Flachlandwiesen auch zu schützende Lebensräume. Im Südtiroler Naturschutzgesetz fehlen jedoch diese Lebensräume. Ebenso fehlt in diesem Gesetz ein besonderer Schutz der bedrohten Arten, wie sie in den Roten Listen Südtirols stehen.

Die Natur und das natürliche Erbe der Menschheit sind ein Wert für sich. Darüberhinaus erbringen Ökosysteme und die Biodiversität Leistungen für Menschen.

Die Biodiversität – die außergewöhnliche Vielfalt der uns umgebenden Ökosysteme, Arten und Gene – ist nicht nur um ihrer selbst willen wichtig; sie versorgt die Gesellschaft auch mit einem breiten Spektrum von lebenswichtigen Ökosystemleistungen wie zum Beispiel Nahrung, Trinkwasser, Bestäubung, Hochwasserschutz etc.

Biodiversitätsstrategie der EU bis 2020, Europäische Union, 2011

„Die Menschen pflegen zur Natur oft eine sehr einseitige Beziehung: Ohne zu zögern, nehmen sie sich, was sie brauchen. Die Ökosysteme haben dabei ihre Leistungen nie in Rechnung gestellt“

LUKAS EGARTER VIGL, ULRIKE TAPPEINER, Klimareport EURAC 2018

Alleine die wirtschaftlichen Vorteile des Naturschutznetzes Natura 2000 in Europa wird mit 200 bis 300 Milliarden Euro jährlich beziffert. Die Branchen Bausektor, Landwirtschaft, Lebensmittel- und Getränkeindustrie sind hochgradig naturabhängig und stehen für eine Wertschöpfung von mehr als 7 Billionen Euro (EU-Biodiversitätsstrategie 2030).

Die Zerstörung von Lebensräumen, von tropischen Regenwäldern bis zu Auwäldern war und ist ein Hauptgrund für den Biodviersitätsverlust. Darüberhinaus werden Ökosysteme auch durch Pestizide aus der Landwirtschaft belastet (mehr dazu auf http://biodiversitaet.bz.it/pestizide/).

Pestzidausbringung, Pestizidmenge muss verringert werden, etwa durch restistente Sortenwahl, biologischen Anbau, Fruchtwechsel und Zwischenkulturen im Ackerbau usw.

Der Biodiversitätsverlust zeigt sich in Europa und Südtirol deutlich als Insektensterben (http://biodiversitaet.bz.it/tag/insektensterben/). Schmetterlinge, Käfer und viele andere Insektenarten nahmen ab und Arten sterben aus.

Insektensterben: viele Insektenarten starben aus und bunte Schmetterlinge flattern nur noch selten über Wiesen Südtirols

Südtirol setzt auf Biodiversität“, berichtet die Lokalpresse in Südtirol, wenn ein Biodiversitätsmonitoring beschlossen wird. Dass mit einem derartigen Monitoring keiner Art und keinem Ökosystem geholfen wird, berichtet die Presse nicht. Zahlreiche Monitoringprogramme werden in Südtirol seit Jahren durchgeführt  (u.a. verpflichtend nach FFH-, WRRL- und Vogelschutzrichtlinie) und die Ursachen der Gefährdung stehen fest, ebenso wie Programme zum Handeln (z.B. Biodiversitätsstrategie).

„Verringerung des Einsatzes von Pestiziden notwendig…Um die Rückstände von Pestiziden in den Lebensräumen von Bienen weiter zu senken, muss die Verringerung der Verwendung von Pestiziden zu einem grundlegenden Ziel der künftigen Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) werden, so die Abgeordneten.“

Europäisches Parlament, Presseaussendung
Defizite gibt es im Handeln, auf internationaler, nationaler und auf Länderebene. Die Europäische Union hat sich bis 2030 in der Biodiversitätsstrategie ein Ziel gesetzt: „Aufhalten und Umkehren des Verlusts an Bestäubern“ und mehr biologische Landwirtschaft (https://ec.europa.eu/info/strategy/priorities-2019-2024/european-green-deal/actions-being-taken-eu/eu-biodiversity-strategy-2030_de).

 

Kanalisierter Bach in einer Künette: auch die Bachsohle ist mit Beton und Steinen verbaut: Wasser fließt, doch bietet der Bach Tieren und Pflanzen der Feuchtgebiete keinen Lebensraum

In Südirol gibt es fast keine natürlich dahinfließenden Bäche mehr, sie wurden verbaut. Stehende und fließende Gewässer beherbergen zahlreiche spezialisierte Tier- und Pflanzenarten und bilden dynamische Lebensräume wie Auwälder aus, welche Ökosystemleistungen wie Hochwasserschutz oder sauberes Trinkwasser liefern. Mehr zum Lebensraum Gewässer http://biodiversitaet.bz.it/baeche-und-seen/.

Allseits bekannt sind die Alpen und das Hochgebirge durch die charakteristischen Arten, wie Murmeltier oder Edelweiß. Touristen strömen in die Bergwelt, um die Natur zu genießen. Murmeltiere und Edelweiß sieht man jedoch seltener. Das Edelweiß wurde über Genertionen durch Pflücken im Bestand dezimiert und auch Murmeltiere waren vor Jahrzehnten fast ausgestorben. Weidetieren dagegen sind in großer Zahl im Gebirge während der Sommermonate unterwegs.

Wir leben im Zeitalter des Anthropozän. Auch global sind Wildtiere in der absoluten Minderheit: die Biomasse (Wirbeltiere) der Haustiere beträgt 65% und die der Wildtiere 3%. Der Mensch macht 32% der Biomasse aus. Elefanten, Waale, Giraffen, Murmeltiere, Bären und alle anderen Wirbeltiere der Welt machen nur 3% der gesamten Biomasse aus und auch in der scheinbar heilen Bergwelt der subalpinen und alpinen Stufe sind Weidetiere und Menschen häufiger als Wildtiere.

„Die Landesrätin erinnerte daran, dass in Südtirol rund 25 Prozent der gesamten Naturfläche unter Schutz stehen“, stand in der Presseaussendung der Provinz Bozen mit der Überschrift „Land Südtirol setzt auf Artenvielfalt“. Die meisten Schutzgebiete umfassen jedoch subalpine und alpine Landschaften, welche meist weniger Naturfläche als vielmehr Weideland sind. Mehr dazu auf: http://biodiversitaet.bz.it/alpine-landschaft/

Weidetiere auf einer Alm, nur der Cowboy fehlt:)

Artenvielfalt

Türkenbundlilie (Lilium martagon)
Türkenbundlilie (Lilium martagon)

 

Der Weltbiodiversitätsrat hat im Mai 2019 das „Global Assessment“ vorgelegt, in dem das Aussterberisiko vieler Arten weltweit aufscheint. Menschliche Aktivitäten sorgen dafür, dass heute mehr Arten vom Aussterben bedroht sind als jemals zuvor. Circa 25 % der Arten in den meisten Tier- und Pflanzengruppen, also bis zu 1 Million Arten, sind bereits vom Aussterben bedroht und viele wird das innerhalb der nächsten Jahrzehnte betreffen. Der vom Menschen verursachte Verlust und die Verschlechterung von terrestrischen Lebensräumen haben die globale Lebensraumintegrität um 30 % verringert und es deutet darauf hin, dass rund 9 % der weltweit geschätzten 5,9 Millionen terrestrischen Arten (mehr als 500.000 Arten) keinen ausreichenden Lebensraum für das langfristige Überleben mehr haben. Ebenso dramatisch sieht die Lage in den Meeren aus, fast ein Drittel der riffbildenden Korallen, Haie und Meeressäuger sind vom Austerben bedroht.

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Foto: Heuschrecke auf Sonnentau

Über die Gefährdung von Tier- und Pflanzenarten geben Rote Listen Auskunft. Die Gefährdungskategorien der IUCN (internationale Naturschutzorganisation) sind:

EX  Extinct (nach dem Jahr 1500 ausgestorben)
EW  Extinct in the Wild (in der Natur ausgestorben)
RE  Regionally Extinct (regional ausgestorben)
CR  Critically Endangered (vom Aussterben bedroht)
EN  Endangered (stark gefährdet)
VU  Vulnerable (gefährdet)
NT  Near Threatened (potenziell gefährdet)
LC  Least Concern (nicht gefährdet)
DD  Data Deficient (ungenügende Datengrundlage)
NE  Not Evaluated (nicht beurteilt)

Die Rote Liste der IUCN gibt die Gefährdung des weltweiten Bestandes einer Art an. Auf nationaler Ebene gibt es ebenfalls Rote Listen und auch auf Provinzen/ Länderebene. Eine Art kann global nicht gefährdet sein, jedoch in einem Staat oder einem Land gefährdet oder ausgestorben sein.

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Smaragdeidechse (Lacerta bilineata), weltweiter Bestand: nicht gefährdet, Provinz Bozen: stark gefährdet, geschützt FFH- Richtlinie Anhang IV (im Bild überfahren in St. Pankratz 2018)

2003 beschrieb Klaus Hellrigl die Fauna Südtirols und listete 15.500 Tierarten für Südtirol auf. Über die Artenvielfalt der Tierwelt Südtirols und deren Gefährdung gibt es mehr auf http://biodiversitaet.bz.it/fauna/.

 

Feuchtwiese mit Trollblumen, geschützt durch das Naturschutzgesetz: Feuchtwiesen sind Lebensraum zahlreicher biotopspezifischer Arten. In Südtirol gibt es fast keine mehr- sie wurden entwässert

„Wichtige Grundlage für den Artenschutz ist die Beurteilung der jeweiligen Ursachen der Gefährdung einzelner Arten. Neben der Bedrohung der Einzelindividuen erfolgen die größten Verluste durch die Zerstörung von Lebensräumen der Tierarten. Artenschutz ist daher in der Praxis vorrangig auch Schutz der Habitate“,

steht im Landschaftsleitbild Südtirols. Artenreiche oder naturnahe Wiesenlebensräume, wie Feuchtwiesen oder Magerwiesen, verschwanden in den letzten Jahrzehnten für immer. Die Grünlandwirtschaft wurde intensiviert, wertvolle Wiesenlebensräume gingen verloren und die negativen Auswirkungen auf die Biodiversität sind gravierend. Mehr zu den Wiesen und auch zu den verarmten Wirtschaftswiesen der Agrarlandschaft auf http://biodiversitaet.bz.it/wiesen/

Besonders gefährdet ist in Südtirol etwa auch die Marmorierte Forelle. Diese Forellenart kommt subendemisch in Italien vor und in Südtirol ist sie die einzige natürlich vorkommende Forellenart. Die Marmorierte Forelle ist weltweit vom Aussterben bedroht (CR) und auch in Südtirol stark gefährdet. Kormorane und andere fischfressende Vögel werden jedoch zum Sündenbock gemacht, auch von Leuten, die sich Umweltschützer nennen und genannt werden- http://biodiversitaet.bz.it/2019/09/06/kormoran/.

Die Ringeltaube hat in in Südtirol in den letzten 150 Jahren stark abgenommen

Ringeltauben haben in den letzten 150 Jahren in Südtirol stark abgenommen. Kormorane wurden wie Wölfe über Jahrhunderte verfolgt und systematisch ausgerottet. Einige Arten kehren heute wieder zurück und ihre Populationen nimmt zu, wie der Wolf oder der Kormoran. Andere Arten wiederum wurden ausgerottet und kehren vielleicht in Zukunft zurück, sofern Wiederansiedlungsprojekte gestartet werden (z.B. Sumpfschildkröte). Während bei Wolf und Kormoran der konsequente Schutz ausreicht, dass sie wieder zurückkehrten, gelingt dies bei vielen anderen Arten nicht. Nicht alle Tierarten und Populationen sind gefährdet, jedoch gibt es viele negative Trends und auch einige Vogelarten sind in Südtirol in den letzten Jahrzehnten ganz verschwunden und damit ausgestorben (mehr zu Vögeln http://biodiversitaet.bz.it/2018/07/14/voegel/).

Auch Pflanzenarten sind gefährdet. Die Vielfalt an Pflanzenarten hat abgenommen und zahlreiche Pflanzenarten sind bereits ausgestorben. Mehr zur Flora und ihrer Gefährdung auf  http://biodiversitaet.bz.it/flora/

3.) Genetische Vielfalt

Die genetische Vielfalt bezeichnet die Variabilität innerhalb einer Art. Innerhalb von Arten treten Unterschiede auf, im Aussehen und genetisch (phänotypische und genotypische). Für den Artenschutz und  für das Überleben einer Population ist die Erhaltung einer minimalen genetischen Variabilität zur Vermeidung von Inzucht und zur genetischen Anpassung an Umweltveränderungen unerlässlich.

Die Vielfalt innerhalb einer Art zeigt sich auch in Unterarten, in welche bestimmte Arten unterteilt werden.  Es gibt z.B. verschiedene Unterarten von Wölfen (http://biodiversitaet.bz.it/wolf/). In der Natur ist die genetische Vielfalt innerhalb einer Art, einzelner Populationen oder Ökotypen oft sehr groß.

Der Verlust der genetischen Vielfalt ist auch bei Forellen Europas festgestellt worden. Genetisch reine autochthone Marmorierte Forellen gibt es in Südtirols Gewässern keine mehr und bei Fischen ist durch Fischbesatz genetische Vielfalt verloren gegangen. Einer der häufigsten Fische Südtirols, nämlich die Bachforelle, ist kein einheimischer Fisch und bildet mit der Marmorierten Forelle Hybride. Mehr dazu auf  (http://biodiversitaet.bz.it/2017/11/29/fische/). Der Geschäftsführer des Dachverbandes für Natur- und Umweltschutz Andreas Riedl ist begeisterter Fischer, die Liebe zu Fischen geht durch den Magen. Marmorierte Forellen zu fischen ist jedoch gleich verwerflich, wie das Jagen von Elefanten für Elfenbein.

Ultner Grauvieh mit fast weißer Kuh
Ultner Grauvieh- autochthone, traditionelle Kuhrasse

Besonders betroffen vom genetischen Verlust ist auch die Landwirtschaft, alte Nutztierrassen und Sorten von Obst und Gemüse sind vielfach Raritäten oder schon ausgestorben. Mehr als 150 Nutztierrassen starben weltweit zwischen 2000 und 2018 aus (FAO). Eine der gefährdetsten Nutztierrassen Südtirols  ist der Bergspitz, ein Hüte- und Hirtenhund, er ist vom Aussterben bedroht (Rote Liste FAO).

Die industrialisierte Landwirtschaft bedient sich einiger weniger Hochleistungsrassen und Hybriden. Von den hunderten alten Obstsorten werden im Handel nur einige wenige angeboten, einige Biobauern oder engagierte Menschen setzen jedoch auf den Erhalt.

genetische Vielfalt unterschiedlicher Auberginensorten
genetische Vielfalt unterschiedlicher Auberginensorten

 

4.) Ursachen für den Artenverlust sind: 

Waldrodung in Vahrn 2019
Waldrodung in Vahrn 2019

Wissenschaftler um Sean Maxwell von der University of Queensland in Brisbane (Australien) analysierten ca. 8700 Spezies, die auf der Roten Liste bedrohter Arten der Weltnaturschutzunion (IUCN) stehen. Sie stellten fest, dass 72 Prozent von ihnen durch die Übernutzung von Ressourcen bedroht sind.  4000 Spezies sind durch Waldrodungen bedroht und der zweitwichtigste Faktor ist die Landwirtschaft, die 62 Prozent der einbezogenen Arten trifft.

Für den Artenverlust in Südtirol und Mitteleuropa gelten folgende Gefährdungsursachen: 

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  1.  Die Zerstörung und Flächenverluste natürlicher und naturnaher Lebensräume. Wird ein Lebensraum durch menschliche Aktivitäten, beispielsweise durch Waldrodung, Bebauung oder Änderung, bzw. Intensivierung der landwirtschaftlichen Nutzung verkleinert oder verändert, verliert er seinen Artenbestand ganz oder teilweise. Landnutzungsänderungen sind global (z.B. Rodung von Regenwäldern) und auch in Südtirol die Hauptgefährdungsursache.

  2. Übernutzung, z. B. durch Überweidung, Überfischung und Bejagen oder Sammeln, degradiert Ökosysteme, was mit einem Verlust an Arten einhergeht (z.B. Fischbesatz für die Fischerei und exzessive Fischerei http://biodiversitaet.bz.it/2017/11/29/fische/ Übernutzung von Wiesen durch Intensivierung: http://biodiversitaet.bz.it/wiesen/wiesen-2/).

  3. Verschmutzung: Verschmutzungen belasten die Ökosysteme (Luft, Wasser, Boden). Pestizide aus der Landwirtschaft, der Eintrag von Stickstoff und Phosphor in Gewässerökosysteme, der Eintrag von Nährstoffen in naturnahe Lebensräume mit Arten, welche auf nährstoffarme Umweltverhältnisse angewiesen sind, spielen für den Artenverlust eine entscheidene Rolle. Viele der ausgestorbenen bzw. gefährdeten Pflanzenarten Südtirols sind auf nährstoffarme Standorte angewiesen.

  4. Die Verdrängung einheimischer Arten durch invasive Arten/ Neobiota: Invasive Arten treten mit den natürlich vorkommenden Arten in Konkurrenz um Lebensraum und Ressourcen. Sie können dadurch andere Arten oder ganze Artengemeinschaften verdrängen und Ökosysteme verändern. Auch mit dem Import von Nützlingen wie dem Asiatischen Marienkäfer kam es zum Aussterben von Marienkäfern (http://biodiversitaet.bz.it/2020/08/07/invasive-neobiota-baumwanzen/ Mehr zu invasiven Neobiota auf  http://biodiversitaet.bz.it/invasive-neobiota/

  5. Klimawandel: Veränderungen von Artarealen in Europa infolge klimatischer Veränderungen sind im Prinzip ein natürlicher Vorgang. Viele Arten kommen heute isoliert vor und ihre Wanderung und Ausbreitung auf andere Flächen ist nicht mehr möglich. Zudem fehlt es an Rückzugsräumen, z.B. nährstoffarme landwirtschaftliche Flächen. Für alpine Arten, wie Schneehuhn und Schneehase bedeutet die Klimaerwärmung die Verkleinerung und Fragmentierung des Lebensraums. http://biodiversitaet.bz.it/klimawandel/

„Ich möchte aber betonen, dass sich derzeit die Landnutzungsänderungen lokal und global viel negativer auf die Biodiversität auswirken, als der Klimawandel….Der beste Schutz ist eindeutig der Erhalt oder im Notfall die Restaurierung…“

Prof. Ulrike Tappeiner, Präsidentin der Freien Universität Bozen und Professorin für Ökologie an der Uni Innsbruck, im Interview zur biologischen Vielfalt im alpinen Raum und in Südtirol in der Wochenzeitschrift Zett vom 29.09.2019.

 

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Lebensraumzerstörung: Ein Feuchtgebiet mit einem Weiher wurde in Tisens aufgefüllt und eines der letzten Feuchtgebiete in Tisens zu einer Apfelplantage

In Südtirol erfolgen häufig sogenannte „Bagatelleingriffe“, mit welchen aber auch schützenswerte und geschützte Lebensräume zerstört werden. Kleinflächige Lebensräume werden dadurch oft zerstört.

6.) Biodiversität erhalten- Biodiversitätsstrategie

Die Biodiversitätsstrategie der EU hat aufgezeigt, daß in Bezug auf die Landlebensräume die „Landwirtschaft“ und die vom Menschen herbeigeführten „Veränderungen der natürlichen Bedingungen“ die größten Probleme für alle drei Gruppen (Vögel, andere Arten, Lebensräume) darstellen (mehr zur Biodiversitätsstrategie auf (http://biodiversitaet.bz.it/biodiversitaetsstrategie/).

Der Verantwortung für den Erhalt der Biodiversität, was die Wälder, Wiesen, Feuchtgebiete und deren Ökosysteme betrifft, tragen vor allem die Akteure aus Politik und Wirtschaft, allen voran die Landwirtschaft. Die Landwirtschaft und die Bauern sind es, welche den Großteil der Flächen des Landes nutzen und schon alleine dadurch am meisten Einfluss auf die Biodiversität haben.

Martin Hilpold von der „Gesellschaft für Biodiversität“ freut sich, dass auch Sie sich für Biodiversität und Naturschutz interessieren. „Nur was man kennt, kann man auch schützen und auf diesen Internetseiten finden Sie  Wissenswertes zur Biodiversität und wodurch sie in Gefahr ist.“

Das eigene Verhalten gilt es auch zu kritisch zu hinterfragen und zu verändern, ob mit dem Verhalten der Biodivesität geschadet wird. Ob Umweltschützer, Jäger, Fischer, Landwirte oder Konsumenten, jeder hat die Möglichkeit, etwas für die Biodiversität zu tun.

Viele Biobauern Südtirols haben schon aktiv Lebensräume auf ihren Höfen geschaffen. Andere Bauern zerstören hingegen aktiv die Biodiversität, indem sie etwa letzte Feuchtgebiete entwässern. Ein Hobbyfischer sollte sich im Sinne des Fischschutzes für die ganzjährige Schonung von Marmorierten Forellen einsetzten, sie sind nämlich in Italien gefährdeter als Wölfe und drohen auszusterben.

Auch spezielle Samenmischungen von Wildpflanzen für Schmetterlinge sind im Handel erhältlich
Jeder kann einen Beitrag zur Förderung der Artenvielfalt leisten, indem er z.B. Lebensräume im Garten schafft

Einen kleinen Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt kann  jeder leisten. Einige Anregungen dazu:

http://biodiversitaet.bz.it/category/individuum/