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Invasive Neobiota

Titelbild: Robinien (invasive Neophyten) am Auffangbecken im Naifbach, Gemeinde Meran.

Ursprünglich bei uns nicht heimische Pflanzen-, Pilz- und Tierarten werden als „Neobiota“ bezeichnet. Bei Pflanzen spricht man von Neophyten, bei Tieren von Neozoen und bei Pilzen von Neomyceten. Unter diesen Begriffen versteht man jene Tier-, Pflanzen- und Pilzarten, die seit der Entdeckung Amerikas im Jahre 1492 durch menschlichen Einfluss in neue Regionen gelangt sind. Von den neuen Arten wird nur ein kleiner Teil zu einer Bedrohung der Biodiversität. Invasive Neobiota (engl. invasive alien species)  bedrohen die Biodiversität. Nach der Lebensraumzerstörung sind sie weltweit die zweitwichtigste Gefährdungsursache der biologischen Vielfalt. 

An invasive alien species (IAS) is a species that is established outside of its natural past or present distribution, whose introduction and/or spread threaten biological diversity

Weltnaturschutzorganisation IUCN

Invasive alien species are a major driver of biodiversity loss. In fact, an analysis of the IUCN Red List shows that they are the second most common threat associated with species that have gone completely extinct, and are the most common threat associated with extinctions of amphibians, reptiles and mammals.”

Weltnaturschutzorganisation IUCN zu den invasiven Neobiota.

Bekannte Beispiele sind die Verschleppung von Ratten, insbes. Hausratte (Rattus rattus) und Wanderratte (Rattus norvegicus), die zur Ausrottung vieler endemischer Arten, z.B. Vögel Neuseeland, beigetragen haben. Die invasive Aga- Kröte ist für das Aussterben zahlreicher Arten in Australien mitverantwortlich.

2008 wurde ein Überblick über 11000 invasive Neobiota Europas veröffentlicht, von denen 15% eine Bedrohung für die Biodiversität darstellen.

In Italien gefährden invasive Neophyten die Küstenvegetation, Ufervegetation der Gewässer usw. (http://www.minambiente.it/sites/default/files/archivio/biblioteca/protezione_natura/dpn_invasioni_specie_vegetali_italia.pdf).

Die Datenbank der ISPRA (Istituto Superiore per la Protezione e la Ricerca Ambientale) enthält mit Stand April 2018 Informozionen von 3334 nicht heimischen Arten (spezie alieni) in Italien, von denen über 400 Arten (13%) als invasive Arten eingestuft wurden, also invasive Neobiota.

“Invasive alien species are animals, plants or other organisms introduced by man into places out of their natural range of distribution, where they become established and disperse, generating a negative impact on the local ecosystem and species.

(IUCN 2011).

Invasive Neobiota (Tiere, Pflanzen, Bakterien) wirken sich negativ auf Ökosysteme und Arten aus:

  • Verlust naturnaher und natürlicher Lebensräume (z.B. Neophytendominierte Ersatzgesellschaften)
  • Verdrängung heimischer Arten durch Konkurrenz um Ressourcen (z.B. Grauhörnchen verdrängt heimisches Eichhörnchen)
  • Veränderung von Lebensräumen und Ökosystemen (Nährstoffkreisläufe, Lebensraumbedingungen)
  • Kreuzungen/ Bastardisierungen/ Hybridisierungen mit heimischen Arten und damit Veränderung  des Genpools und der Artenvielfalt (z.B. Hybridisierung Fische)
  • Negative Auswirkungen auf Gesundheit des Menschen (Allergien, Krankheiten)
  • Ökonomische Schäden (z.B. Schäden an Infrastruktur oder Land- und Forstwirtschaft durch neue Schädlinge usw.). Die ökonomischen Schäden sind jedoch für die Artenvielfalt und die Ökosysteme keine Bedrohung.

Pflanzen: Invasive Neophyten 

In Deutschland werden 38 Pflanzenarten invasiven Neophyten zugerechnet, dazu kommen noch über 40 Arten, welche potentiell invasiv sind.

In Österreich sind gemäß Aktionsplan Neobiota 35 Pflanzenarten als naturschutzfachlich problematisch eingestuft und 14 Neophyten verursachen bedeutende wirtschaftliche Schäden in der Land- und Forstwirtschaft, der Gewässerinstandhaltung und im Gesundheitswesen. In Südtirol wurden 32 Pflanzenarten als invasive Neophyten eingestuft.

Pflanzen bilden die Lebensgrundlage der heimischen Tierwelt. Die Ausbreitung von invasiven Neophyten gefährdet damit auch die heimische Tierwelt, z.B.  Schmetterlinge (mehr dazu auf http://biodiversitaet.bz.it/2017/12/01/schmetterlinge/).

Negative Auswirkungen auf heimische Pflanzenarten können auch indirekt vermittelt werden. Dies ist mehrfach für die Bestäubung gezeigt worden, wobei einheimische Arten in Konkurrenz mit Fremdarten, wie beispielsweise dem Drüsigen Springkraut (Impatiens glandulifera), einen geringeren Samenansatz entwickeln (CHITTKA & SCHÜRKES 2001).

Einige invasive Pflanzenarten:

  • Robinie
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Robinie, auch Scheinakazie genannt (am Eingang Naturlehrpflad Natura 2000 Gebiet Falschauer)

Die Robinie, welche in Auwälder, submediterrane Laubwälder, Magerwiesen usw. vordringt, ist eine invasive Baumart, welche auch den Boden verändert. Durch die symbiontische Stickstoffbindung der Robinie wird der Standort aufgedüngt, so dass Magerkeitszeiger durch stickstoffliebende Arten ersetzt werden. In Wäldern ändert sich so nicht nur die Baumschicht, sondern die Krautschicht und die Nährstoffverhältnisse im Boden. Die Veränderung der Artenzusammensetzung geht dabei sehr schnell: Auf einer Berliner Brache wurden Sandtrockenrasen und verschieden alte Robinienstadien untersucht. Bereits unter zweijährigen Robinien war die Zahl der Pflanzenarten halbiert, die Magerrasenarten sind durch Saum- und Waldarten ersetzt. Auch die Zusammensetzung der Spinnen- und Laufkäferarten veränderte sich deutlich. Von der symbiontischen Stickstofffixierung ist das gesamte Ökosystem betroffen, da der Stickstoff über die Laubstreu an den Boden abgegeben wird. Der Boden wird außerdem durch die Humus- und Mullauflagen verändert und durch das Wurzelwachstum der Robinie gelockert. In der Krautschicht von Robiniengehölzen kommen daher auch nicht Waldarten vor, sondern ruderale Arten (Unkraut). Robiniengehölzbestände (Robinietum) sind keine Waldgesellschaften!

  • Drüsiges Springkraut

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Das Drüsige Springkraut überwuchert häufig feuchte Standorte und ersetzt dort Krautfluren der Brennessel. Es dringt in Auwälder ein und dominiert häufig Flächen. Einheimische Pflanzen haben keine Chance gegen diese invasive konkurrenzstarke Pflanze.  Krautfluren mit Brennessel (Klasse Galio Urticetea) sind Krautfluren, welche an Gewässern oder in der Kulturlandschaft häufiger vorkommen. Das invasive Springkraut lässt diesen Krautfluren jedoch keinen Platz. 

Die flächigen reinen Bestände führen zu einer Verarmung der einheimischen Pflanzenwelt am entsprechenden Standort. Entlang  von Gewässern kann es die natürlich vorkommenden Pflanzen verdrängen und auch die Erosion an Ufern begünstigen. Es ist eine einjährige Pflanze und hinterlässt im Spätherbst einen pflanzenfreien, kahlen Boden.

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Invasion von Springkraut nach Holzfällarbeiten im Auwald des Natura 2000 Gebietes Falschauer

 

  • Sommerflieder 


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Der Sommerflieder kommt in Südtirol häufig vor und dominiert teilweise Ufer von Gewässern oder dringt auch in Blockhalden im Bereich thermophiler Laubwälder vor. In Gärten wurde und wird er als Schmetterlingsstrauch gepflanzt, auch mit der Absicht Schmetterlingen zu helfen. Jedoch bereitet der Sommerflieder wie auch das Drüsige Springkraut, welche auch als Nektarpflanze für Wildbienen beworben wurde, Probleme für die Natur und die biologische Vielfalt.

Der Sommerflieder bildet pro Strauch bis zu 3 Mio. Samen, die vom Wind transportiert werden und auf Rohböden an Gewässern kann er sich innerhalb kurzer Zeit etablieren. Die Blüten produzieren reichlich Nektar und er wird von verschiedenen Bienenarten, Schmetterlingen und anderen Insekten gerne besucht. In der Natur jedoch nimmt er heimischen Pflanzen den Lebensraum und dadurch fehlen die Futterpflanzen der heimischen Insekten. Gerade an Gewässern und in Auen wirkt sich der Schmetterlingstrauch so auch negativ auf die Schmetterlingspopulationen aus.

  • Riesenbärenklau 

 

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Seltener findet man in Südtirol den Riesenbärenklau (Aufnahme aus Talfer nach der Bekämpfung 2017). In Verbindung mit Sonnenlicht (UV-Strahlung) führt ein Hautkontakt mit dieser Pflanze zu Hautveränderungen und Blasenbildung, die den Symptomen einer Verbrennung entsprechen. Sehr oft bleiben an den betroffenen Hautpartien hässliche Vernarbungen zurück. Die Art stellt damit eine Gefahr für die menschliche Gesundheit dar.

 

  • Japanischer Staudenknöterich

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Fallopia japonica, der Japanische Staudenknöterich, breitet sich in Südtirol auch auf nenaturierten Flächen aus. An Bächen und auch in Naturschutzgebieten, wie dem dem Natura 2000 Gebiet Falschauer (Bild) hat sie sich etabliert.

Er vermehrt sich vor allem vegetativ, also nicht über Samen sondern bildet Kriechsprosse auf. Mit Baumaschinen, Gartenabfällen oder anderen Erdbewegungsarbeiten werden Teile der Pflanze an andere Standorte verfrachtet. Hochwässer können ebenfalls die Pflanze oder Pflanzenteile verfrachten und damit die Ausbreitung der invasiven Pflanze fördern.

In Europa wurde die Art einst auch von Imkern und Förstern verbreitet und angepflanzt, als Deckungspflanze für Fasane und Bienenweide.

  • Kanadische Goldrute

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Die Kanadische Goldrute ist ein invasiver Neophyt, welcher im Bild auf einer revitalisierten Fläche im Ultental in kurzer Zeit beeindruckende Bestände gebildet hat. Die kanadische Goldrute kann auch in Wiesen eindringen, deren Bewirtschaftung aufgelassen wurde. Sie bildet homogene Bestände aus, die von ihr dominiert werden.  Die Verbreitung erfolgt durch flugfähige Samen, die mit bis zu 12’000 Stück pro Spross in großer Zahl ausgebildet werden und weite Strecken transportiert werden. Darüberhinaus bildet die Pflanze auch eine grosse Anzahl von Wurzelsprossen aus und kann sich dadaurch auf einer Fläche weiter ausbreiten. Auch kleine Wurzelbruchstücke können sich zu ganzen Pflanzen regenerieren.

  • Topinambur

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Die aus Nordamerika stammende Gemüsepflanze breitet sich z.B. entlang von Bächen, die durch Kahlschlag freigehalten werden, aus. Er findet sich häufiger in Siedlungsnähe und am Rand von Obstplantagen. Im Bild wächst die Pflanze am Naturlehrpfad im Natura 2000 Gebiet Falschauer gemeinsam neben Robinien und Japanischem Staudenknöterich. Beim Bau des Naturlehrpfad- Weges bekamen viele invasive Neophyten die Möglichkeit, sich im Biotop anzusiedeln. der Topinambur ist eine rasch wachsende Pflanze, die mit zahlreichen Sprossknollen im Boden überwintert. Das dichte Blätterdach verdrängt rasch die einheimische Flora und führt zu artenarmen Reinbeständen. Reinbestände von Topinambur finden sich an Bächen in Südtirol oft nach Holzfällerarbeiten oder Baggerarbeiten. Wildtiere graben die schmackhaften Knollen im Winter aus und fressen diese.

Götterbaum

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Der Götterbaum ist eine invasive Bauart, welche wie die Robinie, in naturnahe thermophile Laubwälder der niederen Lagen Südtirols, vordringt. Die Art breitet sich auf Wiesen (Bild- Hügel von St. Hippolith, Gemeinde Tisens, Götterbaumschosse in Wiese) aus. Die Art dringt auch auf Felsen vor und verdrängt dort die Felsspaltenvegetation und bewaldet auch vegetationsfreie Blockhalden.

Invasive Neophyten dringen in naturnahe und natürliche Lebensräume ein und gefährden die Biodiversität, mehr zu Robinie und Götterbaum in Wäldern siehe http://biodiversitaet.bz.it/waelder/ oder sie dringen auch in wertvolle Wiesenlebensräume ein. In den Trockenrasen von Castelfeder (Natura 2000 Gebiet) wächst das Schmalblättrige Greiskraut oder am Vinschger Sonnenberg (Natura 2000 Gebiet) wachsen Robinien (mehr zu Wiesen http://biodiversitaet.bz.it/wiesen/).

Sehr schlecht ist es um Ufergehölze an Bächen in Südtirol bestellt, invasive Baumarten wie Robinien, Götterbaum, Hanfpalmen und Eschen- Ahorn haben sich ausgebreitet und breiten sich weiter aus. Dazu kommen Sommerflieder, Topinambur und mehrere Staudenknötericharten. Ein invasiver Neophyt ist auch Artemisia verlotiorum, der Chinesische Beifuß. Die Art ähnelt äußerlich dem heimischen Gemeinen Beifuß und am Geruch lässt sich die Pflanze leicht erkennen, sie riecht aromatisch. Der Chinesische Beifuß ist häufig auf Böschungen oder auf brachliegenden landwirtschaftlichen Nutzflächen der niederen Lagen zu finden.

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Robinien beherrschen häufig Ufer an Gewässern und Böschungen entlang von Strassen. Durch regelmäßige Kahlschläge wird die Robinie begünstigt.

 

Invasive Neophyten in der Natur (Auen, Auwälder, Ufergehölze, thermophile Laubwälder usw.) werden durch Baggerarbeiten und durch Holzfällarbeiten (Durchforstungen, Kahlschläge usw.) gefördert.

Merksätze für invasive Neophyten:

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Baggerarbeiten: “ Wehe, wehe, wehe – wenn ich einen Bagger sehe!“

(https://gfg-fortbildung.de/web/images/stories/gfg_pdfs_ver/Hessen/Dill/12_dill_v3.pdf)

 

”Mit jedem Schlag öffnet man ihnen die Tür”

Aus der Broschüre “Traditionelle Formen der Land- und Forstwirtschaft in Südtirol” Eindringen der Robinie und des Götterbaums in thermophile Laubwälder

Bekämpfung von invasiven Neopyhten

Die Bekämpfung von invasiven Neophyten gestaltet sich oft schwierig. Für Robinien besteht die Möglichkeit, alte ausgewachsene Bäume durch Ringelung absterben zu lassen. Bei der Ringelung wird ein Ring aus der Baumrinde des Stammes geschnitten und der Saftstrom im Baum unterbrochen. In der Gemeinde Meran wurden an der Passer bei der Wandelhandel Robinien geringelt (siehe Bilder unten). Jedoch starben die Robinien nicht vollständig ab und trieben am Stammgrund oder unterhalb der Ringelstelle wieder aus. Diese geringelten Robinien wurden später bei der Errichtung eines neuen Zugangs zur Passer entfernt.

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geringelte Robinie

 

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Austrieb von Ästen am Stamm unter Ringelung

 

Bereits im Jahr 2016 wurde im Bereich der Theaterbrücke mit der Neophytenbekämpfung begonnen. Allein in diesem Jahr wurden vier mal  Robinien und Götterbäume abgeschnitten. Auch im Frühjahr 2018 wurden invasive Neopyhten bekämpft (https://www.gemeinde.meran.bz.it/de/Passerpromenade_weiter_aufgewertet). Ein paar Monate später im Juli 2018 waren Götterbaumschosse an der Theaterbrücke wieder hochgewachsen.

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Götterbaumschosse an der Theaterbrücke Meran  im Juli 2018 nach umfangreichen Arbeiten

 

Nach dem Kahlschlag von Weiden im Bachbett schossen auch Robinien empor. Auf dieser kleinen Insel in der Passer mit Weiden waren Robinien vor 2016 nicht zu sehen.

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Juli 2018 Passer Meran, neben Weiden hat sich die Robinie ausgebreitet.

 

Götterbaum und Robinie treiben nach einem Rückschnitt in kürzester Zeit wieder aus. Zudem verbreiten sie sich über Wurzelausläufer, sodass bei einem Rückschnitt mit der Bildung von Ausläufern gerechnet werden muss. Die Verhinderung der weiteren Ausbreitung von invasiven Neophyten sollte bei der Bekämpfung von invasiven Arten im Vordergrund stehen, da deren Bekämpfung selten von Erfolg gekrönt ist.

Auf einer revitalisierten Fläche an der Etsch in Burgstall wurde der Staudenknöterich durch Abdecken der Fläche mit einer Plastikfolie bekämpft. Diese Maßnahme hat gewirkt und der Staudenknöterich starb auf diesem Wuchsort ab.

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Etsch bei Burgstall: Bekämpfung des Asiatischen Staudenknöterichs in Burgstall durch Abdeckung der Fläche (man könnte meinen jemand hat Müll abgelagert)

 

Einige Initiativen wurden ergriffen und krautige invasive Neophyten werden ausgerissen, z.B. in Trockenrasen in Castelfeder oder nach der Revitalisierung der Gatzaue.

Im Jahresbericht des Naturtreff Eisvogel rief Marion Aschbacher 2011 dazu auf, selbst aktiv gegen invasive Neophyten zu werden: „Im Sommer 2011 fanden wir beispielsweise nach den Bauarbeiten in der Gatzaue bei Gais stark verbreitet das Indische Springkraut.“

Die vielen Baggerarbeiten und Holzfällerarbeiten in den Bächen Südtirols bieten jedoch zahlreiche Einfallstore für die weitere Ausbreitung der Arten, gerade auch bei Renaturierungen und Revitalisierungen (http://biodiversitaet.bz.it/revitalisierung-wasserrahmenrichtlinie/). „Viele Untersuchungen der jüngsten Zeit zeigen, dass invasive Fremdarten besonders häufig in Ökosystemen auftreten, die z.B. im Rahmen einer Renaturierung umgestaltet werden.“ J. Kollmann 2013.

 

Tiere: Invasive Neozoen

 

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Arion vulgaris (eine invasive Tierart)

 

Die IUCN hat eine Liste der 100 weltweit schlimmsten invasiven Arten (Worst Invasive Alien Species) herausgegeben. Darin findet sich die Asiatische Tigermücke, welche als Krankheitsüberträger Menschen gefährlich werden kann. Der Gemeine Karpfen kommt in der Liste ebenfalls vor. Der Karpfen kann ganze Ökosysteme verändern (Makrophyten werden zerstört und Benthos Lebensgemeinschaften verändert), Habitate verändern (Sumpfzonen), Lebensgemeinschaften des Benthos verändern usw. (siehe Studien http://www.iucngisd.org/gisd/species.php?sc=60). 

Nicht alle neuen Arten sind derart gefährlich für das Ökosystem und für Menschen wie Karpfen und Tigermücken. Viele neue Arten gelten als SchädlingeK. Hellrigl und S. Minerbi beschrieben 2012 Neozoen in Südtirol, welche Pflanzenschädlinge sind. Neu eingeschleppte Insektenarten, die in Erscheinung getreten sind, wie die Lindenblattmotte (Phyllonorycter issikii), die Walnuß-Fruchtschalen-Fruchtfliege (Rhagoletis completa), die Kirschessigfliege (Drosophila suzukii) und die Esskastanien-Gallwespe (Dryocosmus kuriphilus). Den drei letztgenannten kommt erhebliche landwirtschaftliche Bedeutung zu. 

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Neue Wanzenart (Grüne Reiswanze, Nezara viridula) auf alter Gemüsesorte (Rubinrote Gartenmelde)

Diese „Eingebürgerten“ oder “Aliens” werden dabei oft auch zu einer ernsthaften Bedrohung von heimischen Biozönosen, indem sie deren Gleichgewicht stören und letztlich eine Verarmung der Biodiversität bewirken. Damit führen sie zunehmend zu ökologischen und ökonomischen Problemen. Eingeführte allochthone Arten, die in rascher Ausbreitung begriffen sind und dabei oft einen negativen Druck (Impact) ausüben auf bodenständige heimische Arten (autochthone, Native species), Ökosysteme und Habitate, werden als „invasiv“ bezeichnet. Durchaus nicht alle eingeführten Arten sind aber invasiv und somit + schädlich oder bedrohlich; unter den allochthonen Tierarten lässt sich ihr Anteil für Mitteleuropa auf etwa 20% abschätzen (Sefrová & Lastuvka 2005; Hellrigl 2006)“ Klaus Hellrigl & Stefano Minerbi, forest observer 2012 

Die Bezeichnung einer Art als Schädling erfolgt aus einem land- und forstwirtschaftlichen Blickwinkel.

Ein neuer „Schädling“ kann aber auch eine Bereicherung sein und eine ökologische Nische ausfüllen. Die invasive Baumart Robinie wird von der invasiven Robinien-Miniermotte (Phyllonorycter robiniella) und Robinienblattmotte (Parectopa robiniella) befallen . Der Forstschädling ist damit vielmehr ein Nützling, befällt er doch die invasive Baumart, die sich negativ auf die Biodiversität auswirkt. Durch die moderne Forstwirtschaft  wurden in Europa in großem Stil nicht heimische Baumarten angepflanzt, wie z.B die Douglasie, die Japanische Lärche, die Spätblühende Traubenkirsche, die Schwarzföhre oder die Küstentanne. Peter Wohlloben weist in seinem Buch „Das geheime Leben der Bäume“ auf das Fehlen von sogenannten Schädlingen bei Neophyten hin: „Im Gegensatz zu natürlich wandernden Baumarten sind sie ohne ihr typisches Ökosystem zu uns gekommen. Lediglich die Samen wurden importiert, was zu Folge hatte, dass die Pilze und alle Insekten in ihrer alten Heimat geblieben sind. Douglasien und Co. konnten hier einen völligen Neustart hinlegen. Das kann durchaus Vorteile haben. Krankheiten durch Parasiten fehlen komplett, zumindest in den ersten Jahrzehnten.“

Ein kleiner neuer „Schädling“ ist der Pelargonien-Bläuling (Cacyreus marshalli). Die Art stammt aus Südafrika. Seit 1990 breitet sich die Art aus und ist in vielen Wohnsiedlungen Südtirols nach dem Kohlweissling wohl die häufigste Schmetterlingsart. In der Datenbank des Naturmuseums Bozen wird die Art als einheimisch/ alteingebürgert geführt, was aber nicht zutrifft (abgerufen 30.11.2018).

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Pellargonien- Bläuling

 

Neobiota sind auch eine Bereicherung, die Robinien- Miniermotte befällt eine invasive Baumart und der Pellargonien- Bläuling bringt eine neue Schmetterlingart in die Gärten.

23 invasive Tierarten (Neozoen) wurden 2016 auf die Liste der Europäischen Kommission gesetzt, davon neun Säugetierarten wie das Pallashörnchen, das Grauhörnchen, das Fuchshörnchen, das Gestreifte Backenhörnchen (Burunduk), der Waschbär, der Südamerikanische Nasenbär, die Nutria, der Kleine Mungo und der Chinesische Muntjak. Relativ hoch ist auch der Anteil der Krebstiere mit sechs Arten, außerdem drei Vogelarten, zwei Fischarten, eine Schildkrötenart, eine Froschart und eine Insektenart. 

Zu den invasiven und potentiell invasiven Fischarten in Deutschlands Gewässern gehören: Sibirischer Stör, Schwarzer Katzenwels, Brauner Zwergwels, Graskarpfen, Silberkarpfen, Marmorkarpfen, Sonnenbarsch, Flussgrundel, Nackthalsgrundel, Kesslergrundel, Amurgrundel, Regenbogenforelle, Marmorierte Grundel, Blaubandbärbling und Bachsaibling.

In Südtirols Bächen und Seen sind einige dieser Arten ebenfalls vertreten, wie die Regenbogenforelle, der Graskarpfen, Bachsaibling, Blaubandbärbling, Schwarzer Katzenwels und Sonnenbarsch.

Invasive Krebsarten in Südtirol sind der Signalkrebs (Pacifastacus leniusculus), Kamberkrebs (Orconectus limosus) und Roter Amerikanischer Sumpfkrebs/Louisianakrebs (Procambarus clarkii). Diese Arten scheinen auf der Liste der Europäischen Union und der nationalen Liste auf. In den letzten Jahrzehnten sind die meisten heimischen Dohlenkrebspopulationen bereits erloschen (http://biodiversitaet.bz.it/tag/dohlenkrebs/)

Erst wenn sich eine Art über mehrere Generationen selbständig in freier Wildbahn fortpflanzt, spricht man von Neozoen.

Häufig entkommen einzelne Tiere aus der Gefangenschaft. Ein Gefangenschaftsflüchtling ist ein Individiuum einer gebietsfremden (allochthonen Art) Tierart, das aus menschlicher Obhut geflüchtet ist oder ausgesetzt wurde und als freilebend betrachtet werden kann. Brautenten und Mandarinenten sind auf diese Weise in Mitteleuropa zu dauerhaften Bewohnern geworden. 

Arten wie der Halsbandsittich oder die Mandarinente brauchen Bruthöhlen zur Fortpflanzung. Mit ihrer Präsenz konkurrieren sie mit heimischen Arten um begrenzte Bruthöhlen, begrenzte Nahrung und begrenzte Lebensräume. Die Interspezifische Konkurrenz, also die Konkurrenz zwischen neuen Arten und heimischen Arten, kann die heimische Fauna gefährden. Zahlreiche heimische Tierarten bewohnen Höhlen in Bäumen (z.B. Vögel wie Meisen, bestimme Insektenarten oder Säugetiere wie Siebenschläfer oder Fledermäuse) . Der Lebensraum „Baumhöhle“ ist rar. Das Konkurrenzausschlussprinzip besagt: Zwei verschiedene Arten können nicht die selbe Ökologische Nische besetzen. Eine solche Situation ist dann gegeben, wenn zwei Arten in mindestens einem wesentlichen Faktor (Wasser, Nahrung oder Lebensraum) in direkter Konkurrenz zueinander stehen. Auf Dauer wird sich eine der beiden Arten, in aller Regel die konkurrenzstärkere, gegenüber der anderen Arten durchsetzen und sie aus der ökologischen Nische verdrängen. Das Grauhörnchen aus Nordamerika ist dem europäischen Eichhörnchen überlegen. In England und in Teilen Norditaliens sind Grauhörnchen auf dem Vormarsch und das europäische Eichhörnchen auf dem Rückzug, das Grauhörnchen ist eine invasive Tierart.

In Deutschland sind z.B. die Schwarzkopfruderente, der heilige Ibis und das Chukarhuhn als invasive Vogelarten indentifiziert worden. Halsbandsittich, Nilgans und Jagdfasan wurden als potentiell invasiv eingestuft. Jäger sind an der Ausbreitung von invasiven Vogelarten beteiligt, der Jagdfasan und das Chakurhuhn, wurden ausgesetzt um danach als jagdbares Wild geschossen zu werden. Auch Säugetiere, wie der Damhirsch oder das Mufflon wurden von Jägern in Lebensräumen angesiedelt, in denen sie ursprünglich nicht verbreitet waren. 

Die Schwarzkopfruderente aus Nordamerika bedroht in Europa die natürlich vorkommende Weisskopfruderente, welche u.a. in Spanien Brutvogel ist. Die Weisskopfruderente und die Schwarzkopfruderente können sich kreuzen und die heimischen Weisskopfruderenten können durch Hybridisierung aussterben. Die Schwarzkopfruderente hat sich von England ausgehend in Europa stark ausgebreitet. Die Hybridisierung zwischen den Arten ist bei Fischen ein großes Problem (mehr dazu auf http://biodiversitaet.bz.it/2017/11/29/fische/)

DSC00479Rotwangen- Schmuckschildkröte

In Südeuropa sind ausgesetzte Schmuckschildkröten eine Gefahr für die heimische Europäische Sumpfschildkröte und für Amphibien und auf EU- Ebene gilt Trachymenes stricta, die Buchstaben- Schmuckschildkröte, als invasive Tierart. Die Art wurde häufig ausgesetzt, jedoch ist sie nicht überall in der EU eine invasive Art. 2006 stellte K. Hellrigl für Südtirol fest:“ 3.2.2 Rotwangen-Schmuckschildkröte – Trachemys scripta elegans (Wied 1839) Die zu den Sumpfschildkröten (Reptilia, Testudines: Emydidae) gehörende amerikanische „RotwangenSchmuckschildkröte“ wird auch hierzulande häufig in Aquarien bzw. Terrarien gehalten. Die im Tierhandel massenhaft als kleine zierliche Schildkrötchen angebotenen Tiere wachsen rasch heran und werden, wenn sie eine gewisse Größe erreicht haben, häufig einfach ausgesetzt. So kann man sie denn in verschiedenen heimischen Badeseen und Weihern antreffen, wie etwa in den Montiggler Seen, dem Vahrner-See und dem Fischzuchtteich in Brixen. Die bis über 20 cm großen langlebigen Schildkröten können dort jahrelang im Freien überleben, sich aber kaum fortpflanzen, da das Klima wohl zu kühl ist. Zwar wurden schon Eiablagen beobachtet, z.B. am Ufer des LidoTeiches in Brixen zu Ostern 2005, doch noch keine geschlüpften kleinen Schildkröten gefunden; die kleinsten gesichteten Exemplare waren 6 cm groß (Andreas Declara: pers. Mitt.). Im Fischzuchtteich („Lido“) in Brixen-Süd, sind Schmuckschildkröten seit Jahren zu beobachten. So wurden etwa im Sept. 2000, hier an die 2 Dutzend Exemplare vom Landesamt für Jagd und Fischerei festgestellt und entfernt (HELLRIGL 2001c). Bei einem neuerlichen Ausfischen, Anfang Mai 2006, wurden wiederum 38 Exemplare gefunden (Mitt. Andreas Declara). Solche Aussetzungen sind verboten, da es zu Faunenverfälschungen kommt und weil auch fremde Krankheiten eingeschleppt werden können oder die heimische Tier- und Pflanzenwelt sonstigen Schaden durch neue Konkurrenz nehmen kann.“

Die Schmuckschildkröten in Südtirol vermehren sich generell nicht und dringen auch nicht selbstständig von einem Gewässer ins nächste vor. Die Schildkröten wurden praktisch allesamt ausgesetzt. In kleinen Amphibiengewässern sind sie sie ein Problem für Amphibien, jedoch in großen Gewässern mit Fischen, sind sie für Amphibien nicht gefährlicher als Fische. In Feuchtgebieten, in denen die Europäische Sumpfschildkröte vorkommt, sind sie eine ernste Konkurrenz für die heimische Art (Siehe http://www.specieinvasive.it/index.php/it/specie-aliene-invasive/2-le-specie-invasive/44-specie-21)

Die Bekämpfung invasiver Neobiota sind Maßnahmen der Biodiversitätstrategie.  Jedoch ist es sehr fraglich, ob mit dem Herausfischen von Schmuckschildkröten aus dem Kalterer See der Biodiversität geholfen ist (https://www.tageszeitung.it/2015/09/28/kroeten-alarm-im-see/).