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Lebensraum Bäche und Seen

Ein natürliches Fließgewässer ist ein komplexes Ökosystem mit einer charakteristischen Tier- und Pflanzenwelt

Nicht nur Fische brauchen Gewässer zum Leben, auch Tiere wie der Feuersalamander, der Grasfrosch oder Wasseramseln sind auf Gewässer angewiesen. Die verschiedenen Tiere und Pflanzen siedeln sich an Gewässern an, in Abhängigkeit von verschiedenen Faktoren, wie der Struktur (Gewässermorphologie), der Höhenlage und der Natürlichkeit eines Gewässers. Die Natürlichkeit eines Gewässers ist vor allem von der Verbauung abhängig.

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Wasseramsel

 

Die Wasserkörper der Bäche und Flüsse Europas sind einem hohen Druck und Beeinträchtigungen ausgesetzt, die Veränderungen der Gewässermorphologie und diffuse Einträge von Stoffen aus der Landwirtschaft und der Atmosphäre sind die größten Bedrohungen.  „The main significant pressures on surface water bodies are hydromorphological pressures (40 %), diffuse sources (38 %), particularly from agriculture, and atmospheric deposition (38 %), particularly of mercury, followed by point sources (18 %) and water abstraction (7 %).“ European waters Assessment of status and pressures No 7/2018

Fließgewässer und ihr Wasserkörper wurden und werden  massiv verändert und beeinträchtigt. Mit Ausnahme von Fließgewässern Osteuropas gibt es natürliche, unverbaute, von der Quelle bis ins Meer fließende Bäche und Flüsse in Europa nicht mehr.

Weniger als 10% der Gesamtstrecke der knapp 10000 km an Alpen-Hauptflüssen befinden sich noch in einem natürlichen Zustand. Zu diesem ernüchternden Ergebnis kam schon eine Studie im Jahr 1990, welche die Internationale Alpenschutzkommission CIPRA erstellen ließ. National bewegten sich die Ergebnisse zwischen 2 und 7%, lediglich in Frankreich konnten noch 18% der Alpenflüsse als ungestört eingestuft werden. Weniger als 10 Alpenflüsse hatten noch einen ungestörten Verlauf auf mehr als 15 – 20 Kilometern.

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Doch nicht nur die Wasserkörper wurden verändert, auch die Artenvielfalt der Fische in den Gewässern Europas und speziell auch in Südtirol wurde erheblich verändert. Mehr zu Fischen http://biodiversitaet.bz.it/2017/11/29/fische/

Gewässermorphologie Südtirol

 

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verbautes Bächlein in Gratsch mit Querbauwerken

 

Was die Gewässerstruktur (Gewässermorphologie, Hydromorpholgie, Ökomorphologie) betrifft, wurde für Südtirols Fließgewässer im Landschaftsleitbild der Provinz Bozen festgestellt:

Die Ergebnisse der ökomorphologischen Erhebung der Fließgewässer in Südtirol (Autonome Provinz Bozen/Südtirol. Ressort für Natur und Umwelt.Raumordnung.Informatik. Wasser und Energie 2002) belegen, dass es nur mehr wenige natürliche bzw. naturnahe Fließgewässerabschnitte in Südtirol gibt.

Es werden immer neue Verbauungen errichtet und ganze Bachläufe mit zahlreichen Sperren versehen, wie der Colzbach in Abtei (http://www.provinz.bz.it/news/de/news.asp?news_action=4&news_article_id=619069). Unverbaute und naturnahe Wasserläufe werden verbaut und neue Querbauwerke errichtet.

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Zahlreiche Fließgewässer Südtirols sind in Form von Künetten verbaut (Bild). Sowohl die Bachsohle als auch die Ufer sind hart verbaut und der Bach bietet dadurch keinen Lebensraum für Fische, Köcherfliegen, Enten oder Pflanzen. Auch die ökologische Funktionsfähigkeit, wie die Selbstreinigungskraft des Gewässers ist gestört. Bäche wurden durch den Hochwasserschutz zu Abflusskanälen. Der Hirschbrunnbach in St. Georgen war in einer Künette verbaut und wurde 2009 aus dem Korsett befreit. Dadurch wurde auch die Gefahr für Menschen gebannt, welche hinunterfallen könnten (http://www.provinz.bz.it/news/de/news.asp?news_action=4&news_article_id=314356).

In Südtirol sind nur solche Bäche und Fließgewässerabschnitte natürlich bzw. in einem sehr guten ökologischen Zustand, welche z.B. in alpinen und subalpinen Lagen oder in unzugänglichen Schluchten liegen. Im Gewässerschutzplan der Provinz Bozen sind Fließgewässer mit sehr gutem ökologischen Zustand eingetragen, 92 Gewässer weisen einen sehr guten ökologischen Zustand bzw. ein sehr gutes ökologisches Ziel auf.

Bach natürlich
Unverbauter Bach in einer Gaulschlucht- Bach kann dynamische Lebensräume am Gewässer bilden

 

In Europa wurden zahlreiche einst dynamische Flüsse zu intensiv bewirtschafteten, monotonen und von ihren Auen getrennten Läufen. Bei ungestörten Bedingungen jedoch können Flussläufe in Überschwemmungsgebieten des Flachlands zu einem Komplex von Biotopen verwoben sein und das gesamte Flussökosystem ausmachen… Diese können ein Mosaik von Kleinstbiotopen („Habitat-Patches“), Randbiotopen und Sukzessionsstufen bilden, die durch unterschiedliche Gesellschaften charakterisiert sind und durch natürliche Störungen verbessert werden.

Durch die physische Veränderung von Flüssen wird die Bildung solch komplexer Auen-Ökosysteme im Allgemeinen verhindert.

Unter völlig ungestörten Bedingungen wäre ein Flachland-Flusswasserkörper unreguliert, intakt und in Verbindung stehend und würde die ganze Breite von Sukzessionsstadien umfassen. Abschnitte der polnischen Biebrza veranschaulichen dies. Der Fluss mäandert 164 km durch eine weite Schwemmebene aus Torfmooren und Marschen. Obwohl seine größeren Zuflüsse wegen der Landwirtschaft kanalisiert wurden, ist die Biebrza selbst noch unreguliert. Große Mäander werden durch mineralische Inseln unterteilt, ein komplexes Netz von Gewässern wie Alt- und Stauwasserseen sowie Altarmen durchzieht die Auenlandschaft. Das Frühjahrshochwasser lässt den Fluss flachseenartig zu einer Breite von 1 km anschwellen. Dieser heterogene Feuchtgebietskomplex weist eine große Artenvielfalt auf – 186 Brutvogelarten wurden hier verzeichnet, darunter 21 bedrohte Arten; es kommen mehr als 60 Pflanzengesellschaften vor, die nahezu alle Wasser-, Marsch- und Torfmoor-Pflanzengesellschaften Polens umfassen.

Die Abgrenzung des Flusswasserkörpers und das Verständnis der Dimension der hydromorphologischen Qualitätskomponente des Flussuferbereichs sollte die dynamische Natur des Flusses und die dadurch bedingte ökologische Vielfalt zum Ausdruck bringen.“ WRRL Übergreifender Leitfaden Feuchtgebiete, Mitgliedsstaaten der EU und WWF. 

 

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Verbauter Bach in den Dolomiten: keine natürliche Gewässerstrukur/ Gewässermorphologie und keine Ausbildung dynamischer Lebensräume am Ufer möglichr

 

 

Lebensräume an Gewässern:

Natur und Artenvielfalt an Gewässern ist in ganz Europa und in Südtirol nur noch in wenigen Resten vorhanden. Der Nationalpark Donauauen in Niederösterreich, das Rhone Delta in Frankreich oder der Tagliamento in Venetien sind bedeutende Auen- und Flusslandschaften, welche trotz der intensiven Nutzung der Flüsse herausragende Lebensräume für Flora und Fauna darstellen. Bedeutende Lebensräume an den Fließgewässern in Südtirol sind die Sandbänke des Prader Sand im Vinschgau und auch die dortigen Auwälder.

Fließgewässer beherbergen zahlreich für die Artenvielfalt bedeutende Lebensräume: Auwälder bzw. UfergehölzeRöhrichte, Hochstaudenfluren, untergetauchte, Sand- und Kiesbänke usw.

An Fliegewässern bilden sich Auen, mit verschiedenen Auwäldern und Röhrichten aus. Schematische Darstellung einer intakten Au https://www.spektrum.de/lexika/showpopup.php?lexikon_id=7&art_id=1098&nummer=193

 

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Krautflur: Gewöhnliche Pestwurz, eine charakterisitische Art an Gewässern. Die Gewöhnliche Pestwurz ist als Schwemmlandbefestiger von Bedeutung.

 

Die Lebensräume an Gewässern bieten verschiedenen Tierarten Lebensraum, vom Eisvogel, der Steilwände an Gewässern braucht und von den Ästen der Auwaldbäume aus in das Wasser taucht, um Fische zu fangen über Heuschreckenarten, welche auf Kiesbänke und Schlammufer der Bäche spezialisiert sind, bis zu Würfelnattern, welche in klaren Bächenn nach kleinen Fischen und Insekten unter Wasser jagen. Die Gewässerlebensräume beherbergen eine Vielzahl an biotopspezifischen Tierarten.

Flussröhricht (grasdominierte Fläche) und Auwald (baumdoninierte Fläche) am Eisack Winter 2018
Lebensräume am Bach: Flussröhricht (grasdominierte Fläche- Verband Phalaridion) und Auwald (baumdoninierte Fläche) am Eisack in Brixen

 

Vom Artensterben besonders betroffen sind die Tierarten, welche an Ufer von Gewässern  gebunden sind. Spitzenreiter in Südtirol sind die Tierarten der Kies- und Schlammfluren mit mehr als 140 Arten, welche gefährdet oder schon ausgestorben sind, gefolgt von Trockenrasen mit mehr als 80 Arten. Auwälder, Röhrichte, Flutrasen und Staudenfluren an Schlamm- und Kiesufern sind Lebensräume mit den höchsten Anteil an gefährdeten und regional ausgestorbenen Arten.

Flutrasen mit flutendem Schwadengras (Glyceria fluitans), auch charakteristische Art der Bachröhrichte
Flutendes Schwadengras (Glyceria fluitans), charakteristische Art der Bachröhrichte Verband Sparganio- Glycerion

 

Gewässerlebensräume beherbergen zahlreiche gefährdete Arten der Roten Liste.

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Quellbach Krebsbach in Lana mit Rote Liste Arten: Berula erecta (NT) Sparganium emersum (EN), Nasturtium officinale (NT); die namensgebenden Krebse sind ausgestorben

Der Krebsbach in Lana wurde nach den dort vorkommenden Krebsen benannt. In Südtirol sind jedoch viele Krebspopulationen ausgestorben, mehr dazu auf http://biodiversitaet.bz.it/tag/dohlenkrebs/

Die Lebensräume und Ökosysteme der Fließgewässer sind Belastungen ausgesetzt:

  • chemisch-physikalische Belastungen: Eintrag von Nährstoffen ( z.B. Gülle), Abdrift von Pestiziden, ungeklärte Abwässer usw. Stoffeinträge beeinträchtigen die Wasserqualität.

verschmutztes Wasser
  • Durch den Hochwasserschutz und Stauseen ist die Dynamik und der Stofftransport eingeschränkt. Hochwässer und der Materialtransport in den Bächen sind für die Ausbildung von Fließgewässerlebensräumen, wie Schotterbänke und Sandbänke, entscheidend. Zahlreiche Querbauwerke halten Geschiebe zurück, der Stofftransport (Totholz, Sand zur Ausbildung von Sandbänken usw.) kommt zum Erliegen.

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Bau eines neuen Rückhaltebeckens 2018: Stofftransport im Gewässer wird unterbrochen und Gewässer verändert

 

Stausee im Ultental- halt das Geschiebe im Gewässer zurück, das für die Ausbildung dynamisher Lebensräume an Gewässern notwenidg ist.
Stausee im Ultental- hält das Geschiebe im Gewässer zurück, das für die Ausbildung dynamisher Lebensräume an Gewässern notwendig ist.

 

Der fehlende Stofftransport in den Gewässern wirkt sich bis ins Meer aus. Der Sand an den Stränden der Meere stammt aus den Bächen und Flüssen.

Die Fließgewässer Südtirols werden intensiv genutzt. In Südtirol gibt es 936 Elektrizitätswerke. 29 von ihnen sind Großwasserkraftwerke; diese allein produzieren 86,25 % des gesamten in Südtirol verbrauchten Stroms. Die Landwirtschaft zweigt von den Bächen Wasser ab und beregnet damit Wiesen und Obstplantagen. Über 8500 Konzessionen zur Beregnung, 448 zur Bewässerung und 351 zum Frostschutz wurden ausgestellt (Zahlen aus Broschüre „Lebensadern in der Landschaft“). In vielen Fließgewässerabschnitten fließt nur noch spärlich Restwasser der verschiedenen Nuztungen. Im Wassernutzungplan der Provinz Bozen wird auf die vielfältigen Nutzungen eingegangen.

 

Auwälder- Teil des Ökosystems Fließgewässer

Auwälder und Ufergehölze entlang von Bächen erbringen Leistungen und erfüllen Funktionen:

 

Auwälder und Ufergehölze halten Treibholz zurück (Hochwasserschutz) und das Treibholz ist wiederum Lebensraum für spezialisierte Insekten
Auwälder und Ufergehölze halten Treibholz zurück (Hochwasserschutz) und das Treibholz ist wiederum Lebensraum für spezialisierte Insekten

 

  • Hochwasserschutz (Auwälder dienen als Retentionsflächen und halten Hochwässer zurück, sie dienen dem Hochwasserrückhalt. Bei Hochwässern transportiertes Holz und Material wird in Auwäldern und Ufergehölzen abgelagert, sie halten Material zurück)
  • Stabilistation von Boden (Auwälder und Ufergehölze stabilisieren den Boden)
  • Lebensraum für Tiere und Pflanzen
  • Schutz vor Einträgen (Schadstoffe, Giftstoffe, Pestizide, Gülle usw) aus dem Umland der Gewässer
  • Reinigung von Wasser (Waldboden filtert Wasser, Schilfröhricht an Ufern filtert ebenfalls große Mengen an Wasser)
  • Beschattung (besonnte seichte Gewässer können sich stark erwärmen und hohe Temperaturen führen zum Tod von Wasserinsekten und Fischen)

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Auwälder in Südtirol nehmen nur 0,6% der gesamten Waldfläche Südtirols ein und sind schützenswert. Auwälder haben positive Auswirkung auf die Uferstabilisierung und den Hochwasserrückhalt. Auwälder sind sehr seltene Waldtypen und unterliegen dem gesetzlichen Schutz.

Es gibt verschiedene Auwaldtypen/ Waldgesellschaften

Weidenauwälder werden auch als Weichholzauen bezeichnet. Sie bilden sich unterhalb der Hochwasserlinie aus. Oberhalb der Hochwasserlinie, auf Flächen die von Hochwässern nicht mehr überflutet werden, bilden sich Hartholzauwälder aus. Großflächige Hartholzauwälder gibt es in Südtirol und anderen Ländern der Alpen keine mehr. Die typischen Baumarten dieser Wälder sind Esche, Ahorn, Ulme und Eiche (Verband Ulmenion). Die ehemaligen Standorte der Hartholzauwälder wurden zu landwirtschaftlichen Flächen und Siedlungen.

Die verschiedenen Auwälder Südtirols wurden pflanzensoziologisch von Thomas Peer erstmals für ganz Südtirol beschrieben, einer Pflanzengesellschaft zugeordnet und in Karten festgehalten (Karte der Aktuellen Vegetation Südtirols) und die Waldtypisierung Südtirols liefert ebenfalls Informationen zu den Auwäldern Südtirols und auch waldbauliche Empfehlungen.

Die Schwarzerlenwälder mit der Leitart Schwarzerle gliedern sich ensprechend vollkommen unterschiedlicher Umweltbingungen in Schwarzerlenauwälder und Schwarzerlenbruchwälder, zu diesen Wäldern mehr auf  (http://biodiversitaet.bz.it/2019/11/04/schwarzerlenauwaelder-und-schwarzerlenbrueche/)

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Schwarzerlenauwald im Etschtal (Burgstaller Au)

 

Die Schwarzerlenauwälder sind in der Burgstaller Au und großflächiger im Vinschgau (Schludernser Au und Eyerser Au) vorhanden.

Die vorherrschenden Auwälder in den Tallagen sind die Grauerlenauwälder und Schwarzerlenauwälder. Die Silberweidenau ( bei häufigen Überflutungen an flussnahen Streifen) und die Ulmen- Eschen- Hartholzau (höhere Au- seltene Überflutung bzw. nur hoher Grundwasserstand) sind in den Karten der  Waldtypisierung in derselben Kategorie eingeschlossen. Ulmen- Eschen- Hartholzauen sind aber in Südtirol extrem selten. In der Ilstener Au im Pustertal gab es ausgedehnte Eschenbestände im Auwald  (Bild unten), jedoch wurden erhebliche Teile davon „renaturiert“ und damit zerstört.

Von Eschen dominierter Auwald in der Ilstener Au im Pustertal:   Hartholzauwald

 

Bäche laden bei Hochwässern Sedimente (Kies und Sand) ab. Weidenauwälder entwickeln sich auf angeschwemmten Kies- und Schotterbänken. Der Boden der Wälder entwickelt langsam eine Humusschicht. In Weidenauen, z.B. Silberweidenauwäldern wird der Wald bei starken Hochwässern immer wieder umgebaut, Boden wird abgetragen oder angelagert. Der Wald ist nicht statisch sondern dynamisch.

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Aufkommende Weiden und Pappeln auf einer Schotterbank

Lebendige vitale Auen leben von Hochwässern und ihrer Überflutung. Der Transport von Sand und Kies ist für die Ausbildung von vitalen Auen Vorraussetzung.  Hochwässer bilden in Auwäldern Auwaldtümpel und Bäche verlegen auch ihre Läufe immer wieder neu. Auwald kann unterspült werden, Bäume fallen um und der Boden wird dabei abgetragen. Das Bachbett ist der Veränderung unterworfen und auch der Wald kann verändert werden. Starke Hochwasserereignisse können einen Auwald vollkommen umbauen. Auen mit ihren Sand- und Schlammufer und die Auwälder sind dynamische Lebensräume. Leider sind die Fließgewässer ihrer Dynamik weitgehend beraubt worden (Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft), sodass es fast keine lebendigen Auen mehr gibt.

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Auwald Natura 2000 Gebiet Falschauer: der Bach ist dynamisch und bildet einen neuen Lauf im Auwald

 

In der montanen Stufe und auch den Stufen darunter sind Grauerlenauwälder (Alnetum incanae) und Lavendelweidengebüsche an Fließgewässern zu finden. Alle Auwälder sind durch das Naturschutzgesetz geschützt und durch die FFH- Richtlinie prioritär zu schützende Lebensräume. Nich alle Grauerlenwälder werden überflutet, Grauerlenhangwälder warden nicht von Hochwässern überflutet. Auf feuchten, grundwasserzügigen Hängen sind in Südtirol auch Grauerlenhangwälder ausgebildet.

Weidenauwälder, wie z.B. Silberweidenauwälder (z.B. Salicetum albae), Pappelauwälder (Salici- Populetum) oder Lavendelweidengebüsche (Salicetum eleagni) sind auf Überflutungen durch Bäche und Flüsse angewiesen. Lavendelweidenauen entstehen auf transportiertem Schottern der Bäche, Silberweidenauwälder mehr auf Sand und Schluff. Ganz unterschiedliche Auwaldtypen entstehen je nach Höhenlage und Beschaffenheit des Bodens, auch Auen mit Nadelhölzern können entstehen.

Lavendelweidengebüsche (Salicetum eleagni) entlang von Bächen und Lavendelweidenauen sind Auen, die von der Lavendelweide (Salix eleagnos) dominiert werden. Neben dieser Weide kommen noch andere Weidenarten vor (z.B. Salix purpurea, Salix daphnoides) vor.

 

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Lavendelweidengebüsch auf Schotterbänken

 

In der subalpinen Stufe säumen Grünerlengebüsche und die Gebirgsbäche. Seltene Weidengebüsche sind an Gebirgsbächen in der montanen und subalpinen Stufe ausgebildet (Salicetum waldsteinianae, Salicetum glabrae, Saxifrago- rotundifoliae Salicetum appendiculatae, Salicetum caesio-foedidae).

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Großblättrige Weide am Bach (Salicix appendiculata)

 

Der Silberweidenauwald, der Grauerlenauwald und der Schwarzerlenauwald sind Laubwälder. An Bächen und Ufern von Gewässern finden sich auch Nadelwälder, kontinental getönte Kiefernwälder der Kiesbänke gehören zum Verband des Ononido-Pinion, dazu gehören der Wintergrün-Kiefern-Auwald mit Lavendelweide und der Karbonat-Fichten-Trockenauwald mit Lavendelweide (Beschreibung dieser beiden Wälder auf http://biodiversitaet.bz.it/waelder/)

Ufergehölze:

Ufergehölze sind besonders artenreich, als Ökotone verbinden sie die Landlebensräume mit dem Wasserlebensräumen und beherbergen dadurch Arten verschiedener Ökosysteme. Die Ufergehölze bzw. der Auwald entlang der Etsch wurden 2002 bis 2004 mit dem Projekt „Lebensraum Etsch“ untersucht. Dabei wurden insgesamt 1595 Tier- und Pflanzenarten erhoben, darunter z.B. 49 Schmetterlingsarten und 45 Kurzflügelkäferarten der Roten Liste. Insgesamt waren es 249 Arten, welche in der Roten Liste als potentiell gefährdet, gefährdet, stark gefährdet oder vom Aussterben bedroht aufscheinen. Verschiedene Auwaldtypen wurden nachgewiesen, Grauerlenauwald und Silberweidenauwald.

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Rechts im Bild Auwald/ Ufergehölz an der Etsch

 

Im Landschaftsleitbild der Provinz Bozen sind sie ebenfalls erwähnt:

neben den flächig ausgebildeten Waldgesellschaften zählen vor allem Gehölzbestände der Kulturlandschaft bzw. jene mit hohem Altholzanteil zu den bedeutendsten Lebensräumen (Eichen- und Kastanienhaine, Auwälder, Hecken und Waldsäume)

In FFH- Richtlinie sind Ufergehölze erwähnt:“ Die Mitgliedstaaten werden sich dort, wo sie dies im Rahmen ihrer Landnutzungs- und Entwicklungspolitik, insbesondere zur Verbesserung der ökologischen Kohärenz von Natura 2000, für erforderlich halten, bemühen, die Pflege von Landschaftselementen, die von ausschlaggebender Bedeutung für wildlebende Tiere und Pflanzen sind, zu fördern.
Hierbei handelt es sich um Landschaftselemente, die aufgrund ihrer linearen, fortlaufenden Struktur (z. B. Flüsse mit ihren Ufern oder herkömmlichen Feldrainen) oder ihrer Vernetzungsfunktion (z. B. Teiche oder Gehölze) für die Wanderung, die geographische Verbreitung und den genetischen Austausch wildlebender Arten wesentlich sind.“ Ufergehölze vernetzen Lebensräume und sind selbst Lebensraum. Aus Gründen des Hochwasserschutzes, werden aber Rodungen, Kahlschläge und Durchforstungen durchgeführt. Diese führen zum vollkommenen Lebensraumverlust bei der Rodung und zur Degradierung bei Kahlschlägen und Durchforstungen, da es sich um einen vollkommenen Strukturverlust handelt und invasive Neophyten gefördert werden.

Auch im Zuge der „Revitalisierung von Fluss- und Uferzonen“ wurden Teile der Südtiroler Auwälder und Ufergehölze gerodet, kahlgeschlagen und Durchforstungen durchgeführt. Diese führen zur Degeneration, Artenverarmung, zur Ausbreitung von invasiven Neophyten usw. Mehr dazu auf http://biodiversitaet.bz.it/revitalisierung-wasserrahmenrichtlinie/

Ausbreitung invasiver Neobiota:

„Allein in der Tierwelt der großen Flüsse (Potamon) in Deutschland hat in nur drei Jahrzehnten eine weit größere Umwälzung in der Zusammensetzung der Fauna stattgefunden als in den 10.000 Jahren zuvor seit Ende der Würm- (Weichsel-)Eiszeit. Es ist an der Zeit, sich wissenschaftlich und administrativ dieser Herausforderung zu stellen.“ Bestandsaufnahme und Bewertung von Neozoen in Deutschland

In Gewässern breiten sich invasive Arten aus. Invasive Fischarten, Krebsarten und Pflanzen sind in den Gewässern und Feuchtgebieten Südtirols vorhanden und viele Ufergehölze an Bächen werden bereits von invasiven Neophyten beherrscht.

Unterer Eisack mit verbauten Ufern, auf denen invasive Neophyten dominieren
Degradierte Ufer am Eisack: Robinien (Invasive Neophyten) dominieren das Ufergehölz

 

Da Fließgewässer auch wie Korridore funktionieren, kommt es zu einer rasanten Ausbreitung von invasiven Neophyten auf den Flächen, auf denen das Regenerationspotential gering ist. Eingriffe in Feuchtgebiete (Baggerarbeiten, Holzfällarbeiten usw.) sind Störungen, wodurch Arten der gestörten Standorte (Ruderale Arten, Neophyten) gefördert werden.

Durch Störungen, wie das Fällen von Bäumen bei Durchforstungen und Kahlschlägen, dringt das Springkraut in Auwälder und Uferghölze ein. Der Japanische Staudenknöterich ist z.B. am Eisack bei Brixen, der Etsch bei Meran und im Unterland und im Naifbach etabliert. Diese konkurrenzstarken invasiven Neophyten verdrängen heimische Arten und bilden artenarme oder von einer Art dominierte Bestände aus. Die Artenvielfalt auf den mit invasiven Neophyten bestandenen Flächen nimmt dadurch dramatisch ab (mehr zu invasiven Neobiota (http://biodiversitaet.bz.it/invasive-neobiota/)

Seen, Weiher und Teiche

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Teich mit Schilf

Neben den Fließgewässern gibt es stehende Gewässer. Tümpel sind kleine stehende Gewässer, welche austrocknen können. Diese kleinen Gewässer können Lebensraum für Unken und andere Amphibien sein.

Gewässer, die niemals austrocknen sind Seen, Weiher und Teiche. Teiche sind künstlich angelegte stehende Gewässer  (Fischteiche, Gartenteiche, Löschteiche usw) und Weiher sind natürliche Gewässer. Weiher und Teiche sind meist weniger als 2 m tief und Licht kann bis zum Gewässergrund vordringen. Dadurch sind sie von starken Pflanzenwachstum (höhere Pflanzen, Algen, Phytoplankton) und Zooplankton gekennzeichnet. Seen weisen eine Tiefenzone auf, sind also tiefer als 2 m und größer als Teiche und Weiher.

Ein See kann limnologisch gegliedert werden:

  • Freiwasserzone (Pelegial)
  • Grenzzone zwischen Wasser und Luft (Pleustal)
  • Bodenzone (Benthal)

Die Bodenzone (Benthal) wird untergliedert in pflanzenbewachsene Uferzone (Litoral) und pflanzenfreier Tiefenzone (Profundal).

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Gargazoner Lacke Litoral: im Bild hinten Röhricht (Rohrkolben und Schilf) und im Bild vorne Schwimmblattgesellschaft (Seerose und Laichkraut),

 

Das Litoral weist höchst unterschiedliche Lebensräume auf:

  • Röhrichtgürtel oder Seggenriede (Schilfröhrichte, Rohrkolbenröhricht usw)
  • Schwimmblattgürtel
  • Gürtel der untergetauchten Wasserpflanzen
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Weisse Seerose, drohende Gefährdung

 

Die Weisse Seerose ist eine charakteristische Art der im Boden wurzelnden Schwimmpflanzenbestände aus dem Verband Nymphaeion albae. Diese Pfanzengesellschaften sind nicht sehr artenreich, beherbergen jedoch zahlreiche gefährdete Rote Liste Arten: Weisse Seerose (Nynphaea alba) NT, Gelbe Teichrose (Nuphar lutea) EN, Schwimmendes Laichkraut (Potamogeton natans (NT), Myriophyllum verticilliatum (Quirl- Tausendblatt) VU, Glanz- Laichkraut (Potamogeton lucens) EN.

Schwimmpflanzenbestände mit Seerosen sind auch in geschützten Natura 2000 Gebieten verschwunden: im Völser Weiher und in Falschauerbiotop gab es Seerosen. Im Kalterer See ist es fraglich, ob es die gelbe Teichrose noch gibt. Seerosen und andere  Wasserpflanzen werden auch von  invasiven Fischen (z.B. Graskarpfen) aufgefressen. Graskarpfen gibt es im Kalterer See, im Völser Weiher, in den Montiggler Seen usw. Graskarpfen fressen Pflanzen und können einen Teich mit Seerosen auch leer fressen, sodas es keine Seerosen mehr gibt. Durch Fehlbesatz mit Fischen werden Ökosysteme degradiert und  Arten sterben aus (mehr zu Fischen siehe http://biodiversitaet.bz.it/2017/11/29/fische/).

Der Völser Weiher ist im Managementplan als Natura 2000 Lebensraum „Natürliche eutrophe Seen mit einer Vegetation des Magnopotamions oder Hydrocharitions“ (Code 3150) ausgewiesen. Der Erhaltungszustand ist mittel/schlecht. “ Problematisch ist die Situation an den Weihern und in den Sumpfflächen, welche 10,6 ha oder 5% der Fläche einnehmen. Diese Lebensräume müssen durch geeignete Maßnahmen in ihrem Zustand verbessert werden.

Stausee im Ultental mit niedrigem Wasserstand
Stausee im Ultental 

 

Südtirol besitzt nicht viele natürliche Seen. Stauseen wurden seit 1950 zur Energiegewinnung angelegt. Diese Stauseen stauen die Fließgewässer auf und haben einen negativen Einfluss auf das Ökosystem, da die Bäche unterbrochen werden, die Dynamik und Sedimentation verändert wird und die Fließgewässer im Bereich des Stausees verloren gehen. An Stauseen in Südtirol bilden sich nicht Verlandungszonen mit Schilf oder Seerosengürtel aus, da der Wasserspiegel schwankt und die Stauseen auch entleert werden.

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Libellen

 

An Seen, Weihern und Teichen können Verlandungszonen mit einer reichhaltigen Flora und Fauna vorhanden sein.

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Litoral Großseggen, Pultseggen

 

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Wasserlinsendecke und Kaulquappen der Erdkröte

 

Gerade die Verlandungszonen sind für zahlreiche Tiere ein idealer Lebensraum. Libellen, Molche, Wasserkäfer, Wasserläufer, Frösche und Kröten finden dort einen Lebensraum und Fortpflanzungsstätten. Stehende Gewässer bieten Fröschen und Kröten geeignete Laichgewässer, mehr zu Frösche und Kröten http://biodiversitaet.bz.it/tag/froesche/

Größere natürliche nährstoffreiche (eutrophe) Seen sind in Südtirol der Haidersee und der Kalterersee, welche als Lebensraum für seltene Vogelarten, wie Rohrsänger, Taucher, Rallen usw. von Bedeutung sind. Ausgedehnte Ufer mit Schilfröhricht bietet vielen Vogelarten Lebensraum. Der Kalterer See ist ein Natura 2000 Gebiet, ein Schutzgebiet von gemeinschaflichen Interesse. Im Süden des Sees ist ein großes Röhricht und Auwald ausgebildet

See mit Schilfgürtel
Kalterer See mit ausgedehntem Schilfröhricht- Lebensraum nach FFH Richtlinie 3150 Natürliche eutrophe Seen mit einer Vegetation des Magnopotamnions oder Hydrocharitions

 

Der Fennberger See ist ein mesotropher See, dessen Ufer zoniert sind. Ein Gürtel aus Schwimmblattpflanzen (Nuphar lutea und Nymphaea alba) bedeckt die Wasseroberfläche und in der Flachwasserzone ist ein Teichbinsen-Schilfröhricht (Scirpo-Phragmitetum ) ausgebildet, das in ein Großseggenried (Caricetum elatae) übergeht. Die Flora des Fennberger Sees wurde von Josef Kiem 2002 beschrieben, welcher auf die starke Störung des Westufers durch Fischer hinweist.

 

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Fennberger See mit Schwimmblattgürtel und Röhricht

 

Der Pragser Wildsee ist ein oligotropher See, ein nährstoffarmer See. Armleuchteralgen kennzeichnen diesen oligotrophen See.

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Gebirgsseen sind nährstoffarm, oligotroph

 

Die Eutrophierung (Überdüngung) von Feuchtgebieten gefährdet Arten und Lebensräume der Gewässer, denn viele Arten sind auf nährstoffarme Verhältnisse angewiesen. Die Eutrophierung von Gewässern gefährdet auch die Trinkwasserversorgung (Trinkwasser ist oligotroph).

Da Seen auch Erholungsfunktion haben, werden sie von vielen Menschen in der Freizeit besucht. So finden sich z.B. an den Montiggler Seen und dem Kalterer See Badeanstalten. Die Ufer der Seen werden von vielen Menschen besucht. Dies wirkt sich negativ auf die Vogelwelt aus, da Wildvögel Ruhe brauchen und Störungen sowohl auf die Nahrungssuche als auch die Fortpflanzung negative Auswirkungen haben.

Für den Fennberger See wird folgende Gefährdung angegeben: „Der rege Badebetrieb im Sommer und der Nährstoffeintrag der umliegenden Wiesen fördern die Eutrophierung des Sees. Durch den Badebetrieb kommt es auch zu einer Aufwirbelung des Faulschlamms aus dem Seeboden und dadurch zu einer Nährstofffreisetzung und Trübung des Wassers.“

Die Wasserqualität kleinerer Stillgewässer wird in Südtirol nicht erfasst. Der Veränderung von Gewässern durch den Besatz mit Fischen wird ebenfalls wenig Beachtung geschenkt. So ist das Biotop „Schwarze Lacke“ am Vigiljoch durch den Fischbesatz mit Nährstoffen angereichert worden und der Alpenmolch durch Fischbesatz ausgestorben.

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Moorseen haben eine dunkelbraune bis schwarze Wasserfarbe. Diese Gewässereigenschaft beschreibt auch der Name „Schwarze Lacke“. Moorgewässer sind von Natur aus fischfrei. Durch den Besatz mit Fischen ist die „Schwarze Lacke“ verändert worden und das Jahrtausende alte Gewässer ist nicht mehr natürlich nährstoffarm, sondern heute nährstoffreicher. Fische fressen auch den Laich oder die Jungtiere von Molchen und Fröschen. In einem Buch über das Vigiljoch wird auf das Verschwinden der Bergmolche in der Schwarzen Lacke hingewiesen.