Trocknrasen im Vinschgau

Trockenrasen

Titelbild, Trockenrasen im Natura 2000 Gebiet Vinschgauer Sonnenberg

Trockenrasen sind Lebensräume, welche für den Erhalt der Artenvielfalt eine zentrale Rolle einnehmen. Trockenrasen sind natürlich oder auch vom Menschen geschaffene Lebensräume. Steppen bestehen aus Trockenrasenvegetation, baumfreie Landschaften mit Kräutern und Gräsern. Steppen sind klimatisch bedingt, geringe Niederschläge und kontinentales Klima.

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Steppe in Kasachstan, natürliche Trockenrasen bestimmen die Graslandschaft.

Auf den verschiedenen Böden und Ausgangsgesteinen sind verschiedene Trockenrasengesellschaften ausgebilet:

  • auf kalkreichen Böden: Kalk-Trockenrasen: Klasse Festuco- Brometea (Mesobromion, Koelerio-Phleion, Xerobromion, Festucion valesiacae, Cirso-Brachypodion)
  • auf kalkarmen Böden: Silikat-Trockenrasen: Klasse Sedo- Sleranthetea (Sedo-Sclerantion, Festucion pallentis, Sedo- Veronicion dill., Alysso- Sedion)
  • auf Sandböden: Sandtrockenrasen (Koelerion glaucae, Koerlerion arenarieae, Corynophorion, Thero- Airion)

Auch auf Felsen, in Felsspalten und auf Vorsprüngen von Felsen sind natürliche Trockenrasen ausgebildet. Auf Silikatfelsen gehören diese zu den Sedo- Scleranthetetalia. Im Bild unten ist ein Trockenrasen mit verschiedenen Hauswurzarten (Sempervivum tectorum, Sempervivum archanoides), blühendem Blauem Lattich (Lactuca perennis), Flechten, Moosen und Gräsen am Vinschgauer Sonnenberg zu sehen.

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Im Eisacktal und im Etschtal sind Trockenrasen den Flaumeichenbuschwäldern vorgelagert. Auf meist stark besonnten, flachgründigen oder auch tiefgründigen Böden gedeihen Pflanzen, welche mit den extremen Umweltbedingungen zurechtkommen. Der Boden kann sich im Sommer erwärmen und Temperaturen bis 60 °C erreichen. Diesen Umweltbedingungen trotzen angepasste Pflanzenarten. Die Vegetation des Sonnenbergs besteht in erster Linie aus xerophilen Pflanzen, die sich durch Blattreduktion, Ausbildung von Dornen, zwiebelähnlichen Knollen zur Wasserspeicherung, starker Behaarung und sukkulenten Blättern vor Austrocknung schützen.

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Spinnwebenhauswurz (Sempervivum arachnoideum) mit starker Behaarung und sukkulenten Blättern.

Trockenrasen bieten für viele Tierarten, welche offene, trockene, heiße Flächen benötigen, wie Mauereidechsen oder Schlangenarten (z.B. Aspisviper), einen Lebensraum. Auch viele Vogelarten sind auf offene Landschaften der Trockenrasen angewiesen, z.B. der Brachpiper.

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Wildbiene auf Berglauch

Trockenrasen sind Lebensraum für eine Vielzahl spezialisierter Käfer, Schmetterlinge, Wildbienen oder Hummeln. Vielfach sind Tiere auf bestimmte Arten spezialisiert, sie brauchen eine bestimmte Pflanzenart zur Vermehrung oder als Futter. Der Apollofalter benötigt als Raupenfutterpflanze Sedum – Arten und in Felsfluren und Trockenrasen sind Sedumarten zu finden, welche Raupenfutterpflanze des seltenen Schmetterlings sind.

Die Trockenrasen und Halbtrockenrasen der Berchtholdsdorfer Heide bei Wien beherbergen hohe Artenzahlen und sind Lebensraum zahlreicher gefährdeter Insektenarten:

  • Käfer: mehr als 460 Arten
  • Grossschmetterlinge: 403 Arten
  • Kleinschmetterlinge: 570 Arten
  • Heuschrecken und Fangschreckenarten: 47 Arten, davon 23 Arten der Roten Liste
  • Spinnen: 65 Arten
  • Ameisen: 49 Arten, davon 13 Rote Liste Arten
  • Hautflügler mit 333 Arten: Bienen-Arten: 174, Grabwespen-Arten: 58Wegwespen-Arten: 15Faltenwespen-Arten: 22
  • Zikaden: 131 Arten, davon 45 Rote Liste Arten
  • Spinnen: 97 Arten, davon 19 Rote Liste Arten
  • Wanzen: 196 Arten, davon 19 Rote Liste Arten

In den Alpen sind großflächige Trockenrasen im Aostatal, dem Vinschgau und dem Wallis von besonderer Bedeutung für die Biodiversität. Hier finden sich Arten, welche in den baumfreien Steppen Asiens ihren Verbreitungsschwerpunkt haben. Das Federgras, lateinisch Stipa, ist eine solche Art.

Im Natura 2000 Gebiet Steppenvegetation Sonnenberg, in der Umgebung von Staben, finden sich 3 Arten des Federgrases (Stipa capillata, Stipa eriocaulis, Stipa pennata) und viele andere charakteristische Arten der Trockenrasen. Auf den Seiten der Europäischen Union sind Arten von Säugetieren, Pflanzen, Reptilien, Vögeln, Insekten usw. welche im Gebiet vorkommen, zu finden: http://natura2000.eea.europa.eu/Natura2000/SDF.aspx?site=IT3110010

 

Trocknrasen im Vinschgau

Nur selten bleibt in der Natur eine Fläche baumfrei und Trockenrasen sind natürliche Wiesen, baumfreie Flächen, die von krautigen Pflanzen und Gräsern bedeckt sind. Die weiten Steppen der Mongolei oder Kasachstans sind Trockenrasen und in Europa beschränken sich diese Lebensräume auf relativ kleine Flächen, welche aber durch jahrhundertelange Beweidung ausgedehnt wurden. Es sind echte Biodiversitätshotspots. In Österreich und in Deutschland, z.B. am Kaiserstuhl oder in Sachsen gibt es Trockenrasen, aber auch weiter im Norden ( http://ag-geobotanik.de/Kieler_Notizen/KN32_04/DenglerJandtTrockenrasen.pdf).

Botanische Kostbarkeiten in den Trockenrasen des Vinschgauer Sonnenberges und des Etschtales sind z.B. die Federgräser (Stipa sp), Zwerg-Heideröschen (Fumana procumbens) und die gelbe Schafgarbe (Achillea tomentosa). Viele Arten der Trockenrasen stehen auf der Roten Liste.
In den Trockenrasen kommen auch Endemiten vor: das Schweizer Meerträubel (Ephedra helvetica, Rote Liste stark gefährdet). Diese Pflanzenart ist ein Endemit der Alpen und es gibt sie nur an wenigen Orten: In den Ostalpen kommt sie bei Trient und im Vinschgau vor. In den Westalpen Frankreichs und im Wallis kommt sie ebenfalls vor.
Die inneralpinen Trockenrasen des Vinschgaus beherbergen indigene (ureinheimische) Pflanzen, wie etwa den Blasen-Tragant (Astragalus vesicarius).

Die Trockenrasen haben sich durch die jahrhundertelange Beweidung flächenmäßig ausgebreitet. Heute sind diese Trockenrasen in Gefahr. Überweidung, Auflassen der Beweidung und Verbuschung und das Eindringen von invasiven Neophyten kann häufig beobachtet werden. Invasive Neophyten, wie Götterbaum, Robinie, Schmalblättriges Greiskraut oder Kanadische Goldrute sind bereits auf einigen Flächen dominierend.  Das Schmalblättirge Grieskraut hat sich erst seit 1975 in Südtirol ausgebreitet, wobei es innerhalb kürzester Zeit einige Flächen beherrschte. Auch die Opuntie (Opuntia ficus- indicam, Feigenkaktus) ist ein invasiver Neophyt, welcher bei Bozen einen ganzen Berghang bedeckt.

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Trockenrasen auf St. Hippolyt (Gemeinde Tisens), Götterbäume dringen ein

 

Trockenrasen
gepflanzte Opuntien in einem Trockenrasen oberhalb Burgstall

Das Verschwinden von Pflanzenarten in einem Gebiet (z.B. durch Aufforstung, Rodung, Neophyteninvasion usw.) führt zum Verschwinden von Tierarten. Negativ auf Insekten wirkt sich die Abdrift durch die Apfelmonokulturen aus. Pestizide sind eine der größten Bedrohungen für die Artenvielfalt der Insekten. Da Insekten in der Nahrungskette eine entscheidende Rolle spielen, wirkt sich die Abdrift auch auf andere Tierarten negativ aus. Der Rückgang von Tagfaltern wurde wissenschaftlich dokumentiert ( siehe http://biodiversitaet.bz.it/2017/12/01/schmetterlinge/).

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Grabwespe (Philanthus triangulum) baut in Trockenrasen und sandigen Flächen ihr Nest

 

Ortolan (Emberiza hortulana) und Steinrötel (Monticola saxatilis) sind charakterisierende Vogelarten der Vinschgauer Trockenrasen. Doch auch bei diesen beiden Arten wurden Rückgänge verzeichnet. Für den Ortolan gibt es in den letzten Jahren einen einzigen Brutnachweis in Südtirol. Zippammer, Steinhuhn, Heidelerche und Brachpiper sind Vogelarten, die ebenfalls am Vinschgauer Sonnenberg zu finden sind.

Die inneralpine Trockenvegetation wurde von Braun-Blanquet bereits in den 1950er Jahren untersucht und die Trockenrasenvegetation  vegetationsökologisch beschrieben. Eine Besonderheit des Vinschgauer Sonnenberges sind auch die Hecken. Braun- Blanquet beschrieb Hecken, die aus einer Vielzahl von Wildrosenarten und Berberitzen zusammengesetzt sind. Unter den Gehölzen ist der Sadebaum eine besondere Art der Trockenrasen des Vinschgaus.

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Sadebaum (Juniperus sabina) am Vinschgauer Sonnenberg

Schwarzföhren, mit denen der Sonnenberg einst aufgeforstet wurden und damit der Lebensraum heimischer Arten zerstört wurde, sterben langsam aber sicher ab. Schwarzföhren sind keine heimischen Gehölze. Flaumeichen, Traubeneichen, Rotföhren usw. hat man damals nicht benutzt, obwohl diese auch wachsen würden. Die Nadeln der Schwarzföhren werden fast nicht zersetzt und der Waldboden der Aufforstungsflächen ist praktisch tot.  Auf den Schwarzföhren vermehren sich massenhaft Kiefernprozessionspinner, gegen welche Pflanzenschutzmittel aufgebracht werden. Der Einsatz ist aber meist vergebens. Der Kiefernprozessionsspinner und heisse Sommer bewirken heute das Absterben der Trockenrasenkillerbäume. Nicht wenige Forstbehörden in Europa glauben heute, mit Douglasien und anderen exotischen Gehölzen den Wäldern zu helfen. Dass die Europäische Flora eine Vielzahl von heimischen Gehölzen, für alle Standorte und Ansprüche bereit hält, wurde bis heute nicht begriffen.

Schwarzföhren absterbend
Vinschger Sonnenberg mit absterbenden Schwarzföhren

 

Der Schutz der natürlichen Trockenrasen Südtirols und der durch extensive Beweidung geschaffenen sekundären Trockenrasen ist eine große Herausforderung. Die Biodiverstitätskonvention fordert die Politik und die Gesellschaft auf, aktiv zu werden und für den Erhalt der Biodiverstität Maßnahmen zu ergreifen. Dazu gehört vor allem auch die Überführung von unnatürlichen Schwarzföhrenaufforstungen im Vinschgau in natürliche Flaumeichenwälder oder beweidete Trockenrasen.

Die Trockenrasen in Südtirol (nach FFH-Richtlinie prioritär zu schützende Lebensräume) sind von großer Bedeutung, international, national und lokal. Natura-2000 Gebiete wurden im Vinschgau ausgewiesen, in denen der Naturschutz und der Erhalt der Artenvielfalt die prioritären Nutzungen sind.
Solche Natura-2000 Gebiete (FFH- Richtlinie) sind das Biotop Tartscher Leiten und das Biotop Sonnenberg.