Trocknrasen im Vinschgau

Trockenrasen

Trocknrasen im Vinschgau
Trockenrasen im Natura 2000 Gebiet und Vogelschutzgebiet Sonnenberg (dominierendes Gras Stipa sp.)

 

Neben dem Aostatal und dem Wallis herherbergt Südtirol einen Lebensraum von herausragender Bedeutung: Inneralpine Trockenrasen. Hier finden sich Arten, welche in den baumfreien Steppen Asiens ihren Verbreitungsschwerpunkt haben. Das Federgras, lateinisch Stipa, ist eine solche Art.

Im Natura 2000 Gebiet Steppenvegetation Sonnenberg, in der Umgebung von Staben, finden sich 3 Arten des Federgrases (Stipa capillata, Stipa eriocaulis, Stipa pennata) und viele andere charakteristische Arten der Trockenrasen. Auf den Seiten der Europäischen Union sind Arten von Säugetieren, Pflanzen, Reptilien, Vögeln, Insekten usw. welche im Gebiet vorkommen, zu finden: http://natura2000.eea.europa.eu/Natura2000/SDF.aspx?site=IT3110010

Im Eisacktal und im Etschtal sind Trockenrasen den Flaumeichenbuschwäldern vorgelagert. Auf meist stark besonnten, flachgründigen oder auch tiefgründigen Böden gedeihen Pflanzen, welche mit den extremen Umweltbedingungen zurechtkommen. Der Boden kann sich im Sommer erwärmen und Temperaturen bis 60 °C erreichen. Diesen Umweltbedingungen trotzen spezilialiserte Pflanzen, z.B. behaarte oder sukkultente Pflanzen. Trockenrasen bieten Lebensraum für viele Tierarten, welche auf die verschiedenen Pflanzen spezialisiert sind und offene, trockene, heiße Flächen benötigen.

Trockenrasen
Opuntien in einem Trockenrasen oberhalb von Burgstall. Diese Opuntien wurden gepflanzt.

Trockenrasen sind natürliche Wiesen. Nur selten bleibt in der Natur eine Fläche baumfrei. Im Fall von Trockenrasen in Südtirol hat man es mit einem Lebensraum zu tun, der natürlich baumfrei ist. Die Trockenrasen haben sich durch die jahrhundertelange extensive Beweidung flächenmäßig ausgebreitet. Heute sind diese Trockenrasen in Gefahr durch das Eindringen von invasiven Neophyten/Arten, wie dem Götterbaum, der Robinie oder der Kanadischen Goldrute. In der Vergangenheit wurden riesige Flächen am Vinschgauer Sonnenberg mit Schwarzföhren, welche in Südtirol nicht heimisch sind, aufgeforstet. Heute sterben diese Schwarzföhren glücklicherweise ab. Der Kiefernprozessionsspinner und heisse Sommer bewirken das Absterben dieser Trockenrasenkillerbäume.
Trockenrasen sind Lebensraum für eine Vielzahl spezialisierter, Käfer, Schmetterlinge, Wildbienen (z.B. Sandbienen), Hummeln, Vögel, Reptilien usw. Vielfach sind die Tiere auf bestimmte Arten spezialisiert, sie brauchen eine bestimmte Pflanzenart zur Vermehrung oder als Futter. Das Verschwinden einer Pflanzenart führt dadurch auch zum Verschwinden von Tierarten. Negativ auf Insekten wirkt sich die Abdrift durch die Apfelmonokulturen des Talbodens aus. Da Insekten in der Nahrungskette eine entscheidende Rolle spielen, wirkt sich die Abdrift auch auf die Vogelwelt negativ aus.

Ortolan (Emberiza hortulana) und Steinrötel (Monticola saxatilis) waren charakterisierende Vogelarten der Vinschgauer Trockenrasen. Doch auch bei diesen beiden Arten gibt es Rückgänge zu verzeichnen. Für den Ortolan gibt es in den letzten Jahren einen einzigen Brutnachweis in Südtirol.

Schwarzföhren absterbend
Vinschger Sonnenberg mit absterbenden Schwarzföhren

Schwarzföhren, mit denen der Sonnenberg einst aufgeforstet wurde und damit der Lebensraum heimischer Arten zerstört wurde, sterben langsam aber sicher ab. Ob sich die Trockenrasenarten den einstigen Lebensraum zurückerobern, ist nicht sicher, da invasive Neophyten wie Robinien auch am Sonnenberg zu finden sind.

Der Schutz der natürlichen Trockenrasen Südtirols und der durch extensive Beweidung geschaffenen sekundären Trockenrasen ist eine große Herausforderung. Die Biodiverstitätskonvention fordert die Politik und die Gesellschaft auf, aktiv zu werden und für den Erhalt der Biodiverstität Maßnahmen zu ergreifen. Dazu gehört vor allem auch die Überführung von unnatürlichen Schwarzföhrenaufforstungen im Vinschgau in natürliche Flaumeichenwälder, welche mit Trockenrasen verzahnt sind.
Die Trockenrasen in Südtirol (nach FFH-Richtlinie prioritär zu schützende Lebensräume) sind von großer Bedeutung, international, national und lokal. Natura-2000 Gebiete wurden im Vinschgau ausgewiesen, in denen der Naturschutz und der Erhalt der Artenvielfalt die prioritären Nutzungen sind und die Provinz Bozen zum Schutz der Flächen verpflichtet ist. Eine Verschlechterung darf nicht stattfinden.
Solche Natura-2000 Gebiete (FFH- Richtlinie) sind das Biotop Tartscher Leiten und das Biotop Sonnenberg.
Botanische Kostbarkeiten in den Trockenrasen sind z.B. die Federgräser (Stipa sp), Zwerg-Heideröschen (Fumana procumbens) und die gelbe Schafgarbe (Achillea tomentosa). Viele Arten der Trockenrasen stehen auf der Roten Liste.
In den Trockenrasen kommen auch Endemiten vor: das Schweizer Meerträubel (Ephedra helvetica, Rote Liste stark gefährdet). Diese Pflanzenart ist ein Endemit der Alpen und es gibt sie nur an wenigen Orten. In den Ostalpen kommt sie nur bei Trient und im Vinschgau vor, in den Westalpen Frankreichs und im Wallis kommt sie ebenfalls vor.
Die inneralpinen Trockenrasen des Vinschgaus beherbergen indigene (ureinheimische) Pflanzen, wie etwa den Blasen-Tragant (Astragalus vesicarius).

Die inneralpine Trockenvegetation wurde von Braun-Blanquet bereits in den 1950er Jahren untersucht und die Trockenrasenvegetation des Vinschgaus erstmals vegetationsökologisch beschrieben.