Revitalisierung- Wasserrahmenrichtlinie

Die Wasserrahmenrichtlinie (EU-WRRL) dient der nachhaltigen Bewirtschaftung der Gewässer und dem übergeordneten Ziel, einen „guten Zustand“ für alle Gewässer bis 2015 – mit Ausnahmen spätestens 2027 – zu erreichen und zu erhalten. Grundsätzlich gibt die EU-WRRL ein Verbesserungsgebot und Verschlechterungsverbot für den Zustand aller Gewässer vor.

Ziel dieser Richtlinie ist die Schaffung eines Ordnungsrahmens für den Schutz der Binnenoberflächengewässer, der Übergangsgewässer, der Küstengewässer und des Grundwassers zwecks a) Vermeidung einer weiteren Verschlechterung sowie Schutz und Verbesserung des Zustands der aquatischen Ökosysteme und der direkt von ihnen abhängenden Landökosysteme und Feuchtgebiete im Hinblick auf deren Wasserhaushalt.

In Südtirol beschränken sich die Maßnahmen vor allem auf die Oberflächenwasserkörper (Fluss- und Auenrevitalisierungen). Zu Schutzgebieten, die dem Wasserkörper zugeordnet werden, zählen auch die Arten des Natura 2000 Netzwerkes (FFH-Arten) und Lebensräume des Natura 2000 Netzwerkes (FFH-Lebensräume).

Die Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie wird in Südtirol als Revitalisierung bezeichnet und bis 2015 wurden über 23 Millionen Euro zur Revitalisierung von Fluss- und Uferzonen ausgegeben, von 2010 bis 2027 werden alleine in den Unteren Eisack über 20 Millionen Euro gesteckt. Der „Entwicklungsplan Fließgewässer Südtirol“ sieht die Revitalisierung von Fließgewässern vor. Dabei wurden und werden schützenswerte Lebensräume an den Fließgewässern, wie Kiesbettfluren, Krautfluren, Röhrichte, Ufergehölze und Auwälder beeinträchtigt oder zerstört, obwohl diese für viele spezialisierte Arten von Bedeutung sind und 90 % der vom Aussterben bedrohten Arten an Feuchtgebiete gebunden sind. Laut Roter Liste der Gefäßpflanzen Südtirols (Wilhalm & Hilpold 2006) sind 43 % der vom Aussterben bedrohten Pflanzenarten Südtirols Arten von Feuchtbiotopen und beinahe die Hälfte der Arten, die im letzten Jahrhundert ausgestorben sind, fielen der Vernichtung oder Degradierung von Feuchtlebensräumen zum Opfer.

Die Feuchtgebiete wurden nicht auf Ökosystemebene betrachtet und landschaftsöklosiche Belange, wie die Anbindung oder Aufwertung von Feuchtlebensräumen (z.B. abgetrennte Auwälder, Altarme) wird landesweit nicht umgesetzt. 

Aufgrund der Vorgangsweise, das Bachbett einzuebnen und großflächige Rodungen vorzunehmen kommt es zu einem Totalausfall von Arten und Lebensräumen auf der zu revitalisierenden Fläche. Eine Zustandserfassung der zu revitalisierenden Fläche auf Artebene und Lebensraumebene erfolgt nicht (Studie zur Fluss- und Auenrenaturierung in Südtirol).

Vom Biodiversitätsverlust ist daher auch das Vorzeigeprojekt Mareiterbach betroffen:

http://biodiversitaet.bz.it/2017/11/14/biodiversitaetsverlust-mareiterbach/

Zum Biodiversitätsverlust am Unterlauf der Falschauer und im Natura 2000 Gebiet Falschauermündung

http://biodiversitaet.bz.it/2017/12/10/biodiversitaetsverlust-durch-gesaltungen-und-revitalisierungen/

Ob eine zu revitalisierende Fläche Lebensraum einer geschützten Art ist oder nicht, wird generell nicht beachtet (Daten zu Lebensräumen und Arten, welche dem Amt für Landschaftsökologie vorliegen, werden in den einzelnen Berichten bei Revitalisierungen nicht berücksichtigt oder erwähnt). In den Berichten der Abteilung Wasserschutzbauten wird auf die vorhandenen Lebensräume und Arten nicht eingegangen, weder auf den Waldtyp, der sich auf der Fläche befindet noch auf das Vorhandensein geschützter Arten. Man orientiert sich an historischen Karten (siehe Umwelt&Recht 13 Abbildung 1), obwohl sich die Dynamik, das Geschieberegime und das Gewässerökosystem vollkommen verändert haben. Während z.B. das Natura 2000 Gebiet Falschauer bis zum Bau der Stauseen im Ultental eine baumfreie Fläche war, kam es durch die ausbleibenden Überschwemmungen zu einer Bewaldung der Flächen hin zu einem Auwald. Dieser Auwald ist heute ein geschützter Auwald (Natura 2000 Gebiet), wird aber weggebaggert und in eine baumfreie Schotterfläche verwandelt. Im Gewässerschutzplan sind die Gewässer ersichtlich, welche aufgrund des Stauseenbaues eine geringere Fließstrecke aufweisen. Dort, wo kein oder viel weniger Wasser fließt, brauchen Bäche auch nicht mehr Platz.

Ahrauen in St. Georgen 2017, gerodeter Auwald, vitaler und naturnaher Auwald wurden zerstört
Ahrauen in St. Georgen 2017, gerodeter Auwald, vitaler und naturnaher Auwald wurden zerstört

 

Der Lebensraum geschützter Arten (Arten der Vogelschutzrichtlinie, FFH-Richtlinie Anhang II und IV, Rote Liste usw.) wurde „umgestaltet“ und umgebaut, ohne Rücksicht auf den Lebensraumschutz (z.B. Zerstörung von Prallhängen, welche Brutröhren des Eisvogels beherbergen durch Einebnung des Bachbettes und Ersatz derselben durch künstliche Prallhänge). Arten mit mindestens einem von Oberflächengewässern abhängigen aquatischen Entwicklungsstadium (z. B. Fortpflanzung, Brüten, Jugendentwicklung, Geschlechtsreifung, Fütterung oder Rast – darunter viele Natura-Vogel und Wirbellosenarten) müssten berücksichtigt werden.

Alle größeren Auwälder stehen in Südtirol unter Naturschutz. Auch für nicht geschützte Auwälder gilt das Verbot der Rodung von Auwäldern (Naturschutzgesetz). Sogar in Natura 2000 Gebieten, ausgewiesenen europäischen Schutzgebieten, in denen Auwald prioritär zu schützender Lebensraum ist, wurden Auwälder gerodet, z.B. Biotope Falschauer, Kematner Ahrauen und Stegener Ahrauen. Die Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie in der Provinz Bozen steht grundsätzlich in Widerspruch zur Flora-Fauna-Habitatrichtlinie.

Jene Umweltschutzvereine, welche sich für die Revitalisierungsarbeiten einsetzten, verabschieden sich von den Prinzipien des Arten- und Lebensraumschutzes: Populationen von wildlebenden Tieren und natürlich vorkommenden Pflanzen werden geschützt, indem ihr Lebensraum geschützt wird.

Bei der Revitalisierung wurden nicht abgetrennte Überflutungsgebiete, wie Altarme (z.B. Gargazoner Lacke, Altarm der Etsch im Natura 2000 Gebiet Eyerser Au), Auwälder (Burgstaller Au, Ilstener Au, Schwarzerlenwälder im Vinschgau usw), Auwälder, Feuchtgebiete und Nebenwässer an das Hauptgewässer angebunden und es wurden keine neuen Retentionsflächen (Überflutungsflächen) geschaffen. Landschaftsökologische Belange wurden also nicht berücksichtigt, obwohl es in der Wasserrahmenrichtlinie um die Gesamtheit der Feuchtgebiete eines Gebietes von der Quelle bis zur Mündung geht.

Bei der Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie in Südirol wurden die abhängigen Landökosysteme, wie von der Wasserrahmenrichtlinie vorgesehen, nicht berücksichtigt. Landökosysteme wirken sich auf Gewässer aus, z.B. durch Stoffeinträge aus der Landwirtschaft.

Die Revitalisierungsarbeiten basieren meist auf der Rodung von Ufergehölzen und Auwäldern, mit der Begründung es würden Sukzessionsflächen, Lebensraum für Fische, Grundwasserteiche, Mäander, Seitenarme usw. geschaffen. Die Renaturierung als Annäherung der Auen an den Naturzustand, nämlich Urwäldern, stand in Südtirol nicht im Mittelpunkt der Revitalisierung. Auwälder, wie die Schludernser Au oder der Eyerser Auwald werden nach den Niederwaldbewirtschaftungrichtlinien bewirtschaftet, eine forstwirtschaftliche Nutzungform, mit der Wälder ausgebeutet wurden und die Vermehrung von Neophyten stark gefördert wir. Die Schaffung von Urwäldern, als Naturzustand der Wälder, war kein Ziel der Revitlisierung.

Durch die Schaffung von Schotterflächen und Lebensraum für Fische wird der Auwald verkleinert. Ein Auwald stellt die Klimax in der Sukzession eines Fließgewässerökosystemes dar und erfüllt am meisten ökosystemare Funktionen, auch für den Hochwasserrückhalt. Auwälder, ob vital oder nicht, sind Teil des Gewässerökosystems und Schutzgebiete im Sinne der Wasserrahmenrichtlinie. Die praktische Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie in der Provinz Bozen basiert aber auf der Zerstörung der Klimaxgesellschaft. Ein grundsätzlicher Vorrang von Zielen der Wasserrahmenrichtlinie (Vergrößerung der Oberflächenwasserkörper auf Kosten der Auwälder) bedeutet, die natürliche Entwicklung der Waldtypen wie Grauerlenauwälder zu Ulmen Eschenwälder zu unterbinden und Erkenntnisse und Planungsempfehlungen der Waldtypisierung  nicht zu berücksichtigen. Waldtypisierung Beispiel: Grauerlanauwald der Tallagen

In der Studie „Fluss- und Auenrenaturierung in Südtirol“ K. Alvera et al. wird festgestellt:

Im Falle der Renaturierung von Rückhaltebecken (z.B. Kurtatscherbach und Payersbergbach bei Nals) wird die natürliche Verlandung bzw. Sukzession als limitierender Faktor angegeben, da diese natürlichen Prozesse durch entsprechende Maßnahmen kontinuierlich aufgehalten werden müssen.

Die natürliche Entwicklungen im Bach, vereinfacht ausgedrückt die Ablagerung von Sand und Schotter, das Wachsen von Bäumen im Bach usw., wird als Einschränkung für die Revitalisierung betrachtet. Die natürliche Entwicklung der Gewässer steht der Revitalisierung dadurch diametral entgegen, die Entwicklung von naturnahen Lebensräumen wird unterbunden und es wird gegen die Natur gebaggert. Die Studie suggeriert, dass es sich um Renaturierungen handeln würde, jedoch versteht man unter einer Renaturierung die Wiederherstellung von naturnahen Lebensräumen aus vormals kultivierten und genutzten Flächen. Bruno Michielon und Tommaso Sitzia (Università degli Studi di Padova – Dipartimento Territorio e Sistemi Agro-forestali) stellen fest:

Gli interventi realizzati, con l’obiettivo principale della difesa contro il rischio idrogeologico e di un miglioramento ecologico generale, sono interventi di miglioramento dello stato ecologico del corso d’acqua, non interventi di rinaturalizzazione.

Objekt der „Renaturierung“ in Südtirol sind stets Wälder oder gar Auwälder und Ufergehölze, es handelt sich also nicht um Renaturierungen. Der Wert, gerade auch der Grauerlenauwälder der Tallagen wurden bei der Waldtypisierung klar hervorgehoben. Dem Problem der Eintiefung der Fließgewässer wird mit dem Auffüllen der Fließgewässer durch das Bodenmaterial der Auwälder geantwortet.

http://biodiversitaet.bz.it/2017/11/30/grauerlenauwaelder-der-tallagen/

Die Projektplaner haben sich vorgenommen, Hochwasserschutz und Naturschutz zu verbinden. Man hat sich aber nicht an den Gefahrenzonenplänen orientiert, um die Hochwassergefahr für bewohnte Siedlungsgebiete zu minimieren. Die systematische Rodung von Ufergehölzen wird aus Sicht des Hochwasserschutzes damit begründet, dass Ufergehölze den Durchfluss behindern würden. Landesweit ist durch keine einzige Revitalisierung die Hochwassergefahr in einer Gemeinde minimiert worden. Es werden vor allem Durchforstungen, Kahlschläge, Rodungen und Pflegehiebe an den Gewässern durchgeführt„Die Arbeiten sind notwendig, um das Umland der Etsch vor Überflutungen zu schützen“, erklärte dazu Altlandeshauptmann Luis Durnwalder bei den Revitalisierungsarbeiten bei Salurn und Kurtatsch und er betonte auch, dass der Hochwasserschutz Priorität hat. „Gleichzeitig ist es uns aber ein großes Anliegen, eine möglichst optimale Vereinbarkeit zwischen Umwelt- und Hochwasserschutz zu erreichen“, so der Altlandeshauptmann damals.

Die Wasserrahmenrichtlinie ist partizipativ ausgelegt und Artikel 14 der Wasserrahemrichtlinie fordert die aktive Einbindung der sog. Stakeholder. Doch wie in der „Studie zur Fluss- und Auenrenaturierung“ festgestellt wird, waren nur 2 Umweltschutzvereine in die Arbeiten von 2009 bis 2015 eingebunden (Naturtreff Eisvogel und Bügerinitiative Flusspark Ahrauen). Die Einbindung von Interessensvertreteren (Umweltschutz, Naturschutz, Heimatschutz, Fischerei usw.) erfolgte nicht. Ebenso gibt es in der Autonomen Provinz Bozen keine Diskussion, obwohl es zu Spannungen zwischen Naturschutz und Wasserrahmenrichtlinie kommt. Südtiroler Umweltschutzvereine behaupten,  dass die Zusammenarbeit mit der Abteilung Wasserschutzbauten sehr gut geklappt habe, obwohl sie gar nicht beteiligt waren.

In der Studie zur Fluss- und Auenrenaturierung in Südtirols wird festgestellt:

Des Weiteren waren Naturschutzverbände (z.B. Naturtreff Eisvogel, Bürgerinitiative Flusspark Ahrauen), die betroffenen Gemeinden und andere Landesämter, der Südtiroler Bauernbund und freie Büros für Biologie, Naturschutz und Planung beteiligt.

Einziger landesweit tätiger und repräsentativer Verband, der beteiligt war, ist der Bauernbund. Die Wasserrahemrichtlinie schriebt in Artikel 14 die aktive Einbeziehung Interessierter vor.

Beispiel für Diskussion im Spannungsfeld Naturschutz und Wasserrahmenrichtlinie: http://www.nua.nrw.de/aktuelles/artikel/587-wasserwirtschaft-und-naturschutz-wasserrahmenrichtlinie-und-natura-2000-tagung-am-18-septem/detail/

Dazu breiten sich invasive, nicht-einheimische Pflanzenarten aus, welche einheimische Arten verdrängen und nachhaltig die Qualität der Lebensräume am Gewässer beeinträchtigen (invasive Neophyten). Durch die Schaffung von Sukzessionsflächen entstehen auch gestörte Ruderalflächen, die häufig von invasiven Arten und nicht von den Zielarten der Revitalisierung besiedelt werden. Zielarten werden auch künstlich angesiedelt (z.B. massenhaftes Pflanzen von Deutschen Tamarisken) oder Auwälder nach der Rodung wieder aufgeforstet.

http://biodiversitaet.bz.it/2017/12/16/renaturierung-und-dann/

In Umwelt&Recht Nr. 13 ist von Aufweitungen die Rede, damit sich Bäche wieder austoben könnten. Doch „Aufweitungen“ gingen zu Lasten der Auvegetation und so war diese Revitalisierung die größte systematische Rodungsaktion von Wäldern in der jüngeren Geschichte Südtirols. Auch Fichtenwälder sind schützenswert (Schutz durch die FFH-Richtlinie), die Rodung von Fichtenwäldern im Bereich von Fließgewässern, die wenig bis kein Wasser führen (z.B. https://www.suedtirolnews.it/wirtschaft/muehlwalderbach-ist-revitalisiert ) bewirkt nicht, dass die Bachdynamik wieder hergestellt wird. Durch den Rückbau von seitlichen Verbauungen, wird ein Fließgewässer aufgeweitet und den Bach mehr Raum gegeben.  Zahlreiche Beispiele für Auenrenaturierungen mit Deichrückverlegungen gibt es in  Deutschland: http://www.bmub.bund.de/fileadmin/Daten_BMU/Pools/Broschueren/auen_in_deutschland_bf.pdf

Vollkommen vergessen hat man bei der Umsetzung von 2009 bis 2015 die 4. Fischregion, nämlich die Feuersalamanderregion. Fischökologisch werden Gewässer verbessert, Amphibien wurden dabei oft vergessen, obwohl der Feuersalamander eine charakteristische Leitart ist. Fischökologische Gestaltungen wurden auch in Bächen mit starken künstlichen Wasserstandschwankungen (Schwall) vorgenommen. Der Schwallbetrieb wirkt sich negativ auf die Wasserqualität und die Qualität eines Gewässers als Lebensraum für Fische aus.

Als Basis für die Planung von Fluss- und Auenrenaturierungen werden historische Karten verwendet. Diese historischen Karten sind nicht geeignet, da die Fließgewässerökosysteme durch den Hochwasserschutz und die Energienutzung vollkommen verändert wurden. Sowohl die Dynamik als auch der Geschiebetransport der Fließgewässer haben sich grundlegend geändert und haben mit den realen Verhältnissen vor Ort nicht viel zu tun. Querbauwerke verringern die Fließgeschwindigkeit des Wassers und bedingen, dass das mitgeführte Material frühzeitig abgelagert wird, in Künetten kommt es zu einer Erhöhung der Fließgeschwindigkeit und mitgeführtes Material wird ungebremst weitergeleitet und Stauseen akkumulieren große Mengen an mitgeführtem Material und bedingen eine vollkommene Änderung der Dynamik durch die Speicherung von Wasser und den Schwall- und Sunkbetrieb bei der Stromproduktion. Der Verlauf der Gewässer, die Dynamik und das gesamte Ökosystem wurden dadurch vollkommen verändert und haben mit der Situation auf historischen Karten wenig oder nichts (z.B. bei Stauseen ohne Restwasserstrecke, oder verrohrten Bächen) gemeinsam.

Kahlschlag von Bäumen am Eisack. Nur ein Vogel- Kirschbaum wurde stehen gelassen, invasive Neophyten werden gefördert. Kahlschläge von Ufergehölzen werden auch mit Umweltgeldern finanziert.

Südtirols Wildbäche sind Teileinzugsgebiete der Flüsse und tragen in erheblichem Ausmaß zum ökologischen Zustand, zum Wasserhaushalt und zum Geschiebetransport des Fließgewässerökosystems bei. Im Oberlauf wird Material abgetragen (Erosionsprozesse) und im Mittel- und Unterlauf angelagert (Akkumulation). Diese bettbildenden Hochwasserabflüsse, sowie Muren und Hochwasserereignisse prägen die Bachmorphologie und das Geschieberegime der Bäche. Durch Schutzbauten (Auffangbecken, Talsperren, Ufer- und Sohlenbefestigungen, Querverbauungen, seitliche Verbauungen usw.) sind diese Prozesse in vielen Fließgewässern weitgehend zum Erliegen gekommen. Durch Rückbau von überflüssigen Querbauwerken (wie dies zögerlich z.B. beim Mareiter Bach geschah) wird das Geschieberegime und die Bachmorphologie wieder langfristig einem natürlicherem Zustand zurückgeführt. Die Auswirkung von Schutzbauten ist entscheidend für die ökologische und morphologische Funktionsfähigkeit des Baches und des gesamten Flussgebietes.

Auffangbecken
Rückhaltebecken im Naifbach: Ausbaggern von Rückhaltebecken beschränkt sich auf die Zerstörung der Vegetation, auch im Rückhaltebecken ist die Bachsohle hart mit Steinen verbaut.

Die Verbauung der Bäche mit Uferschutzbauten und Rückhaltebecken geht in Südtirol hemmungslos weiter. Der fehlende Transport von Geschiebe in den Bächen und Flüssen hat nicht nur Auswirkungen auf das Ökosystem der Flüsse, sondern auch der Meere. Der Sand an den Küsten der Meere stammt großteils aus dem Material, das Flüsse in die Meere transportieren. Dieser Materialtransport kam  zum Erliegen und so schrumpfen die Sandstrände weltweit, Landverlust ist die Folge. Durch Schutzbauten und Sandspülungen an den Küsten werden die Landverluste kompensiert. Neben den Sandstränden sind auch die Mündungsdeltas (z.B. Versalzung des Podeltas) heute in Gefahr. Die Auswirkungen von Schutzbauten in den Bergen sind bis in die Weltmeere spürbar. „Die Wiederherstelllung der natürlichen Flussdynamik ist als häufigstes Renaturierungsziel identifiziert worden“ (Studie zur Fluss- und Auenrenaturierung in Südtirol). Doch ist der zögerliche Rückbau einiger weniger Querbauwerke weniger als der buchstäbliche Tropfen auf dem heißen Stein. Die Initierung von Schotterflächen in Rückhaltebecken durch Ausbaggern (z.B. Kurtatscher Bach) verhindert direkt den Weitertransport von Geschiebe und damit bachbettbildende Prozesse. Das Ausbaggern von Rückhaltebecken ist keine geeignete Maßnahme zur Verbesserung des ökologischen Zustands und dieses  Ausbaggern kann nicht als nachhaltig bezeichnet werden, da solche Flächen bei Hochwasserereignissen langfristig wieder aufgefüllt werden. Da fast alle Revitalisierungsmaßnahmen auf der Schaffung von Schotterflächen auf ehemaligen Waldflächen beruhen, welche langfristig wieder mit Material aufgefüllt bzw bewalden werden, sind diese Arbeiten allesamt nicht nachhaltig.

Geschützte Auwälder wurden gerodet

Auwälder sind Teil des Gewässerökosystems und sie bedeckten einst weite Teile der Täler Südtirols. Nur einige Reste der usprünglichen Auwälder sind erhalten geblieben und heute stehen diese oft unter Naturschutz, als Biotope bzw. Natura 2000 Gebiete. Während man in den Salzachauen Anstrengungen unternimmt, natürliche Auwälder zu schaffen ( http://derstandard.at/2000038179856/Der-Natur-in-der-Au-wieder-ihren-Lauf-lassen ) müssen Südtirols Auwälder sterben um zu leben. Man hat es vollkommen verabsäumt, die geschützten Auwälder bei der Wasserrahmenrichtlinienumsetzung einzuplanen. Auwälder des Vinschgaus (Schludernser Au, Eyerser Au) wurden nicht als Teil der Etsch betrachtet, welche kanalisiert den oberen Vinschgau durchfließt. Es wurden keinen Anstrengungen unternommen um die Auen in eine natürliche Au umzuwandeln, durch Verzicht auf fortstwirtschafltiche Nutzung usw. Ebensowenig wurden die Auwälder des Ahrntales aufgewertet, indem auf landwirtschaftliche Nutzung innerhalb von Natura 2000 Gebieten verzichtet wird (Ackerbau (!) im Natura 2000 Gebiet Kematner Ahrauen) und auch auf die forstwirtschaftliche Nutzung verzichtet wird. Auwälder werden in Südtirol auch als Niederwälder genutzt und kahlgeschlagen. Die Entwicklung von natürlichen Wäldern ist in Salzburg ein politisches Credo, in Südtirol werden sogar hochwertige Auwälder als Brennholzlieferant betrachtet.

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Rodung von Auwald in einem Natura 2000 Gebiet

Mit der Revitalisierung wurden Auwälder gerodet, sogar in Natura 2000 Gebieten, in denen der Auwald gemäß der Flora-Fauna-Habitatrichtlinie prioritär zu schützender Lebensraum ist, so geschehen im Biotop Falschauer, Biotop Stegener Ahrauen und Biotop Kematner Ahrauen. Die verschiedenen Schutzkategorien (Biotop, Natura 2000 Gebiet) haben diese Wälder nicht davor bewahrt, gerodet zu werden. Wertvolle Auwälder sind durch Rodungen verloren gegangen und die Natur, die sich dort im Laufe der Zeit entwickelte, wurde zerstört. An der Ahr wurden ca. 22 ha Grauerlenauwald gerodet und so ist z.B. der Kleinspecht, der in diesen Wäldern zuhause war, im Bestand stark dezimiert worden.

Auf Ökosystemebene beeinträchtigen Speicherstauseen die Dynamik der Fließgewässer und unterbrechen Fließgewässer. Der negative Einfluss der Speicherstauseen und das Nicht- Erreichen eines guten Zustands wird durch Beschluss der Landesregierung (Nr. 1543) gesetzlich geregelt und die absolute Unmöglichkeit einer Verbesserung der Situation und des Erreichens eines guten ökologischen Zustandes damit untermauert. Die künstlichen Oberflächenwässer werden ignoriert, wie auch die negativen Auswirkungen und die veränderte Dynamik der Fließgewässer.

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Zoggler Stausee im Ultental. Ein künstlicher Wasserkörper im Sinne der Wasserrahmenrichtlinie. In Südtirol werden diese künstlichen Wasserkörper ignoriert und das Fließgewässer wie ein natürliches Oberflächenwasser behandelt.

Generell wurde weder auf Ökosystemebene noch auf Art- und Lebensraumebene eine Erfassung des Ist- Zustands erhoben.

Katharina Alverá und Prof. Dr. Stefan Zerbe, von der Fakultät für Naturwissenschaften und Technik der Freie Universität Bozen stellen in einer Studie fest:

Es liegen meist keine detaillierten Erhebungen des Ausgangszustands vor, sei es auf der Art- oder Ökosystemebene. Lediglich die Fotodokumentationen lassen zumindest auf Landschaftsebene eine erste Bewertung der Renaturierung zu.

Eine Zustandserfassung vor einer Renaturierung ist allerdings essentiell, um den Erfolg bzw. den Zielerreichungsgrad nach Abschluss der Maßnahmen qualitativ und quantitativ bewerten zu können.

Die Feuchtgebiete, um die es in der Wasserrahmenrichtlinie geht, wurden nicht auf Ökosystemebene betrachtet. Die Betrachtung auf Ökosystemebene ist aber fundamental, um überhaupt den Zustand zu beschreiben und Maßnahmen zu treffen. Darüberhinaus sind 90% der vom Aussterben bedrohten Tier- und Pflanzenarten an Feuchtgebiete gebunden. Ob diese Arten auf einer zu revitalisierenden Fläche vorkommen, wird generell nicht beachtet.

In einer Landtagsanfrage wurde eine Frage gestellt: „Wurden Studien oder Erhebungen über die Auswirkungen der Revitalisierungsprogramme auf die umliegende Umwelt, die Tier- und Pflanzenwelt durchgeführt? Wenn Ja, welche und mit welchen Ergebnissen?“ In der Antwort wird generell behauptet, dass sich die Habitate verbessern und die Arten- und Individiuenzahlen zunehmen würden. Dies würden die Ergebnisse der Studien und Erhebungen belegen. Die einzige Studie, welche eine systematische wissenschaftliche Aufarbeitung darstellt, ist die Studie zur Fluss-und Auenrenaturierung in Südtirol, welche bemängelt, dass keine Zustandserfassung vor und nach einer Revitalisierung vorgenommen wurde. Lediglich anhand der Fotodokumentation sind Maßnahmen nachvollziehbar.

Anhand der Fotodokumentation fallen dem Betrachter eklatante Fehler bei der Bewertung des Ausgangszustandes auf. So ist z.B. beim Mareiterbach oder der Gatzaue davon die Rede, dass Fichten einwandern würden und die Auwälder „nicht vital“ wären. Doch aus den Luftbildern ist ersichtlich, dass weder am Mareiterbach noch in der Gatzaue Fichten vorkamen. Am Beispiel des Mareiterbaches ist klar erkennbar, dass der gesamte Laubbaumbesand (Auwald) längs des Baches gerodet wurde und nur Fichten im Umkreis stehen blieben. Die Entfernung der Querbauwerke am Mareiterbach sind im Sinne der Wasserrahmenrichtlinie, die totale Vernichtung aller Ufervegetation mitsamt der tierischen Bewohner im und am Wasser, ist ein Naturfrevel. Die Revitalisierung wurde mit einer Mure verglichen (Rudolf Pollinger: „Wenn eine Mure abgeht, verschwinden auch Pflanzen. Mit der Zeit kommen sie aber wieder) und die Revitalisierung ist für alles Leben im und am Wasser tatsächlich so tödlich wie eine Mure.

Gatzaue i Frühjahr 2017, nach der Schaffung des Altarms (Altarme sind eigentlich Gewässer, in der Gatzaue nicht)
Gatzaue im Frühjahr 2017, nach der Schaffung des Altarms (Altarme sind eigentlich Gewässer, der Altarm der Gatzaue nicht)

„Landesregierung verweigert sinnvollen Schutz der Ahrauen in Gais“, so lautete der Titel im Naturschutzblatt Nr 4/2005. Bei den Auflächen in Gais handelt es sich um Naturlebensräume, die eindeutig die Merkmale für eine Unterschutzstellung aufweisen, ist dort nachzulesen. Die Schmiedaue und die Gatzaue und die Auenbereiche entlang dem Mäanderbach nördlich von Uttenheim wurden als Schutzgebiete der Landesregierung vorgeschlagen. Damals stellte man die Frage:“ Bleibt die Frage, warum die Landesregierung gegen die Unterschutzstellung dieser landschaftsöoklogisch so wichtigen Aubereiche gestimmt hat. Sollen die genannten Erlenwälder nun dem Rodungs- und Beweidungsdruck der Bauern oder den Spekulationen von Seiten der Großgrundbesitzer und Schotterkönigen zum Opfer fallen?“ Sowohl die Schmiedaue als auch die Gatzaue sind heute Geschichte, die Naturräume wurden umgebaut. Das Gewässerbetreuungskonzept Untere Ahr sah die Rodung dieser Auwälder vor. Dabei geht es um Hochwasserschutz, den Durchfluss (Hydraulik) und den Rückhalt von Geschiebe. Dazu wurden in der Gatzaue gleich 2 mal große Flächen abgesenkt (jeweils ca 2 ha). Für den Rückhalt von Geschiebe wäre es auch möglich gewesen, die „Baggerlocke“ in Gais an die Ahr anzubinden. Diese aufgelassene Schottergrube hätte als Auffangbecken dienen können, doch das Gewässerbetreuungskonzept sieht nur die Rodung von Wald und die Einebnung des Bachbettes vor. Einst setzten sich die Umweltschutzvereine für den Schutz ein, heute wird Kritik als „haltlose Anschuldigung“ bezeichnet. War die Ahr vor den Revitalisierungen ein degradiertes Ökosystem? War die Schaffung so vieler Schotterflächen für Leitvogelarten wie den Flussuferläufer tatsächlich notwendig? Das Gewässerbetreuungskonzept Untere Ahr berücksichtigt nicht, dass der Geschiebetransport der Ahr durch Hochwasserschutzbauten und Staussen verringert wurde. Um nachhaltig die Bildung von Schotterinseln im Bachbett zu fördern, wäre der Rückbau von Querbauwerken der Zubringerbäche notwendig gewesen. Die Verbesserung des ökologischen Zustands und des Geschiebehaushalts stand aber nicht im Mittelpunkt des Gewässerbetreuungskonzeptes, ebensowenig wurden die abhängigen Landökosysteme mit einbezogen, welche sogar in Natura 2000 Gebieten wie den Kematner Ahrauen, zur Eutrophierung von Kleingewässern führen.

Eine absurde Maßnahme der Revitalisierung von Auen stellen die Ausgleichsmaßnahmen in der Ilstener Au dar. Das Amt für Landschaftsökologie plant einen durch den Damm der Rienz abgetrennten Auwald tiefer zu legen (=Roden). In diesem Auwald dringen tatsächlich Fichten ein, ein typischer „nicht vitaler“ Auwald. Doch wird nicht der Damm verlegt, damit der Auwald bei Hochwässern überflutet werden kann, sondern ein Teil wird gerodet und ein Teich angelegt. Auwälder sind aber auf die Dynamik und Sedimentation angewiesen, damit sie erhalten bleiben ( mehr zum Thema Ilstener Au http://biodiversitaet.bz.it/category/diverses/)

Landschaftsökologische Funktion der Ufergehölze und Auwälder wurde nicht berücksichtigt

Die Baumbestände längs der Bäche wurden im Zuge der Revitalisierung systematisch durchforstet und auch gerodet. Die Ufervegetation ist von zentraler ökologischer Bedeutung für die Fließgewässer und wirkt sich positiv auf das Ökosystem Fließgewässer aus. Sie stabilisiert den Boden und schützt vor Naturgefahren, beschattet das Bachbett und verhindert die Erwärmung des Wassers, welche eine Verschlechterung der Wasserqualität zur Folge hat, sie filtert Nährstoffe aus dem Wasser und trägt damit zur Sauberkeit des Wassers bei.

Ufergehölze schützen in der Kulturlandschaft auch vor Einträgen aus der intensiven Landwirtschaft, sei es vor Abdrift aus Obstplantagen oder Eintrag von Dünger aus Wirtschaftswiesen. Die Pufferfunktion der Ufergehölze in der Kulturlandschaft wird durch Durchforstungen und Rodungen beeinträchtigt und diese ökologische Funktion wurde ebenfalls nicht berücksichtigt.

Darüberhinaus ist die Ufervegetation von Bedeutung als Lebensraum für Tiere und Pflanzen, naturnahe Ufervegetation ist Lebensraum für Arten der Roten Liste. Entlang der Etsch wurden bei Erhebungen 1595 Tier- und Pflanzenarten erhoben, darunter z.B. 49 Schmetterlingsarten und 45 Kurzflügelkäferarten der Roten Liste. Insgesamt waren es 249 Arten, welche in der Roten Liste als potentiell gefährdet, gefährdet, stark gefährdet oder vom Aussterben bedroht aufscheinen. Naturnahe Ufergehölze als Lebensraum für Rote Liste Arten sind im Landschaftsleitbild der Provinz Bozen erwähnt und auch in der FFH-Richtlinie wird in Artikel 10 der Habitatrichtlinie auf deren Funktion als Lebensraum hingewiesen.

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Ufergehölze/ Auwald entlang der Etsch. Lebensraum für über 1500 nachgewiesene Tier- und Pflanzenarten. Jährlich werden Druchforstungen durchgeführt und Teile werden zerstört (=revitalisiert).

Der linear entlang der Etsch ausgebildete Auwald wurde als naturnaher Silberweidenauwald und Grauerlenwald beim Projekt Lebensraum Etsch beschrieben, der floristisch artenarm ist, in der Gesamtheit von Tier und Pflanzenarten überaus artenreich. Bei Revitalisierungen wird der vorhandene Waldtyp nicht berücksichtigt, naturnahe Silberweidenauwälder werden gerodet.

Generell sind besonders die an Gewässerlebensräume gebunden Arten vom Artensterben betroffen und gerade ihre Lebensräume werden bei der Revitalisierung zerstört und es werden nicht solche Teile der Bäche revitalisiert, welche tatsächlich in einem schlechten ökologischen Zustand sind (z.B. in Künetten fließen.)

Invasive Neophyten breiten sich aus

Durch Renaturierungen/ Revitalisierungen breiten sich Neophyten aus (Untersuchungen z.B. Traisen Österreich https://www.researchgate.net/profile/Katharina_Lapin2/publication/320853731_Der_Einfluss_invasiver_Neophyten_auf_die_Umsetzung_von_Flussrenaturierungsmassnahmen/links/59fe4494a6fdcca1f29b7143/Der-Einfluss-invasiver-Neophyten-auf-die-Umsetzung-von-Flussrenaturierungsmassnahmen.pdf)

Die Durchforstungen, Rodungen und Baggerarbeiten, welche längs der Flüsse und Bäche durchgeführt wurden, haben die Ausbreitung von invasiven Neophyten gefördert. Arten wie z.B. das indische Springkraut oder die Robinie überwuchern revitalisierte Flächen.

Invasion von Indischem Springkraut nach Durchforstungen
Falschauer in St. Pankratz: Ufergehölze wurden abgeholzt und indisches Springkraut breitet sich massiv aus.

Durch die Invasion dieser Arten werden die Lebensräume am Gewässer degradiert und aus ehemals naturnahen schützenswerten Lebensräumen werden artenarme, von Exoten beherrschte ökologische Defizitflächen. Die Auffassung, dass sich diese im Laufe der Zeit zu naturnahen Lebensräumen wieder entwickeln werden, und Lebensraum für seltene Arten geschaffen wird, ist blauäugig und naiv. Die Degradierung der Lebensräume am Gewässer, der Artenverlust, das Verschwinden von Rote-Liste Arten in den Gewässern Südtirols ist seit langem feststellbar und die Tendenz setzt sich unvermindert fort (z.B. Verschwinden der Weißen Seerose im Natura 2000 Gebiet Falschauer, einem der wenigen natürlichen Vorkommen).

Den Bächen wurde nicht mehr Raum gegeben

Die Revitalisierung sieht vor, den Fließgewässern mehr Raum zu geben. Doch wurden keine Aufweitungen vorgenommen. Die “Aufweitungen”, die gemacht wurden, gingen nur zu Lasten der Ufergehölze und Auwälder am Gewässer. Der Raum wurde sogar verkleinert und Erholungszonen innerhalb der Dämme errichtet (Burgstall, Projekt Passer für Meran  http://biodiversitaet.bz.it/category/diverses/ ). Von Bächen gehen auch Gefahren (z.B. Hochwasser, Schwallbetrieb, Rutschgefahr) aus und es kommt auch vor, dass Menschen von der Wasserrettung aus Notsituationen befreit werden müssen.

angelegter Fahrradrastplatz
Fahrradrastplatz und „Geländeaufweitungen“ in Burgstall. Vom ehemaligen breiten Auwaldstreifen längs der Etsch blieb nicht viel übrig. Kosten: 480.000 Euro.

Künstliche Strukturen anstatt Natur-Zustand

Fische wurden in den Mittelpunkt der Revitalisierung gestellt, deren Lebensraum durch Querbauwerke zerschnitten wurde. Um die Durchgängigkeit für Fische wieder herzustellen, wurden Querbauwerke rückgebaut aber auch technisch- bauliche Maßnahmen für Fische vorgenommen, welche nicht die natürliche Struktur der Bäche fördern und künstliche Fremdkörper in der Gewässerlandschaft bilden. Auch Fischstörsteine sind solche künstlichen Objekte, welche in die Bäche eingebracht werden, ohne Rücksicht auf die natürlichen Gegebenheiten. Diese werden sowohl im Unterlauf von Flüssen, wie z.B. der Etsch bei Pfatten, als auch im Oberlauf von Gebirgsbächen, wie der Drau, in die Fließgewässer hineingestellt. Man orientiert sich nicht an die Charakteristika der Fließgewässer und nicht am Natur-Zustand, wie es für die Verbesserung des ökologischen Zustands der Gewässer von der Wasserrahmenrichtlinie vorgesehen ist.

Wasseramsel, durch die Zerstörung naturnaher Ufer werden Nistplätze der Wasseramsel bei der Revitalisierung zerstört.

Künstlich angelegt werden auch Schotter- und Sandbänke in den Bächen, ohne den veränderten Geschiebehaushalt der Bäche durch den Bau von Stausseen zu berücksichtigen. Dafür wird Auwald weggebaggert bis der Bachschotter zum Vorschein kommt. Danach werden solche Flächen häufig mit Tamarisken bepflanzt. Wie Untersuchungen zeigen, verschwinden die meisten Tamarisken mit der Zeit, da sie bei Hochwässern fortgespült werden (generell Ausfall von 30 bis 100%, Tamariskenpflanzung in Burgstall: von 150 gepflanzten sind nur 2 Pflanzen übrig, welche tatsächlich gut gedeihen). Durch die Baggerarbeiten kann es auch zur Ausbreitung von Invasiven Neophyten auf diesen Flächen kommen, da anthrpogen gestörte Ruderalflächen geschaffen werden. Die Anlage von solchen Schotterflächen ist nicht nachhaltig, da die Flächen langfristig mit Bäumen wieder zuwachsen. Durch Hochwasserschutzbauten ist der Geschiebetransport in vielen Bächen stark reduziert worden und einstige baumfreie Bachläufe haben sich bewaldet.

Südtirols Fließgewässer sind durch den Hochwasserschutz über Jahrzehnte verbaut worden. Auch jene Fließgewässer, deren Dynamik nicht durch Wasserkraftwerke beeinträchtigt ist, weisen oft erhebliche ökologische Defizite auf. Die Wasserrahmenrichtlinie hätte eine Verbesserung für die Fließgewässer bringen sollen, doch sind durch die Arbeiten der Abteilung Wasserschutzbauten viele Fließgewässer massiv beeinträchtigt worden und von einer Verbesserung des ökologischen Zustands kann nicht die Rede sein. Wertvolle Lebensräume an den Gewässern wurden nicht geschützt, obwohl diese Objekt des Schutzes durch internationale Konventionen, Richtlinien und Landesgesetzte sind. Viele künstliche Gewässer sind entstanden, ein neuer „Seitenarm“ in der Gatzaue, ein „Altarm“ in den Kematner Ahrauen usw. Üblicherweise bilden Fließgewässer diese Gewässerverzweigungen, in Südtirol werden solche Gewässer systematisch künstlich geschaffen.

Revitalisierter Hirschbrunnbach in St. Georgen: Die Künette wurde entfernt, da diese für Menschen gefährlich werden kann. Das Bachbett wurde neu gestaltet und Bäume gepflanzt. Der Bach wurde dann zu einer Weide umfunktioniert. Durch Intervention des Artenschutzzentrums konnte der Missstand behoben werden. Heute weiden keine Kühe mehr im Bach. Der Geschiebetransport des Hirschbrunnbaches wurde durch den Bau eines überdimensionierten Auffangbeckens negativ beeinträchtigt.

Für den Erhalt von Feuchtgebieten ist die Vernetzung bestehender Feuchtgebiete, welche durch intensiv genutzte Grünlandwirtschaftsflächen voneinander getrennt sind, eine notwendige Maßnahme im Sinne des Biotopschutzes. Die Biotopvernetzung ermöchlicht es, eine räumliche Verbindung herzustellen. Sie fungiert als Korridor für die Tier- und Pflanzenpopulationen, welche räumlich isoliert sind. Ebenso ist die bekannte gravierende Beeinträchtigung der Kematner Ahrauen durch die intensive Landwirtschaft nicht in Angriff genommen worden. Die Eutrophierung von Kleingewässern in Naturschutzgebieten an der Ahr und die Beeinträchtigung der geschützten Flächen ist ein bekanntes Problem.

Das Artenschutzzentrum St. Georgen ist für die Vernetzung von Lebensräumen und die Extensivierung der landwirtschaftlichen Nutzung bzw Nutzungsänderung in und um Feuchtgebiete, die für die Biodiversität von Bedeutung sind.

„Revitalisierung von Wäldern“

Ein Weichholzauwald (z.B. Grauerlenauwald) bildet bei ausgeglichenen Erosions- und Sedimentationsprozessen eine Dauergesellschaft aus und geht nicht in einen Hartholzauwald oder einen Fichtenwald über. An der Ahr sind/waren solche Standorte vorhanden (z.B. Gatzaue). Dieser Grauerlenauwald war „vital“. Grauerlenauwälder sind Auwälder, welche auch nur episodisch bei Spitzenhochwässern überflutet werden. An der Unteren Ahr ist das Vordringen der Fichte in den Grauerlenauwald generell nicht festzustellen. Dem Vordringen von einzelnen Fichten kann auch waldbaulich entgegengewirkt werden, die Rodung ganzer Wälder ist dafür nicht notwendig.

Das Artenschutzzentrum hat bei den zuständigen Landespolitikern und Behörden interveniert, um eine weitere Zerstörung von wertvollen Auwäldern zu verhindern, stieß aber auf taube Ohren. Die Wasserrahmenrichtlinie ist partizipativ ausgelegt, dem Verein des Artenschutzzentrums wurde die Möglichkeit der Partizipation nicht gegeben.

Der Naturtreff Eisvogel ist jener Verein, welcher sehr eng mit der Abteilung Wasserschutzbauten zusammenarbeitet und in dessen Jahresberichten den Mitarbeitern der Abteilung breiten Raum gegeben wird, um ihr Auwaldrodungsprogamm durchzuziehen.

Die Wasserrahmenrichtlinie ist partizipativ ausgelegt und der ökologische Zustand der Feuchtgebiete steht dabei im Mittelpunkt. Fragwürdig ist die Zusammensetzung der beteiligten Interessensvertretern.

Der Verein des Artenschutzzentrums St. Georgen hat den Landeshauptmann und die zuständigen Stellen informiert und mitgeteilt:

„Flora-Fauna-Habitat-Richtlinienverstösse im Zuge der Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie an der Unteren Ahr

Ökologischer Hochwasserschutz versteht im Allgemeinen Hochwasserschutzmaßnahmen, die dem Hochwasser den nötigen Raum geben, den es braucht. Durch die gewollte Überflutung von Flächen wird die zerstörerische Kraft von Hochwässern flussabwärts reduziert und von bebauten Flächen ferngehalten. Abgetrennte Überflutungsgebiete, wie Altarme, Feuchtgebiete und Nebenwässer werden an das Hauptgewässer angebunden. Dadurch kann ein ökologisches Gleichgewicht des Fließgewässerökosystems erreicht werden.

Im Ahrntal gibt es mehrere Feuchtgebiete im Talboden, welche mit dem Bach einst in Verbindung standen (z.B. Biotop Pirchermoos, ein Altarm der Ahr). Diese Feuchtgebiete im Talboden wurden nicht mit dem Hauptgewässer verbunden, obwohl die Wasserrahmenrichtlinie gerade auf die Anbindung solcher Flächen abzielt. Die Revitalisierung im Bereich der Unteren Ahr hat zu einem massiven Verlust an naturnahen schützenswerten Lebensräumen längs der Ahr geführt, grosse Auwaldflächen sind verloren gegangen.

An der Ahr gibt es keine Staussen, welche die Dynamik und Sedimentation der Ahr wesentlich beeinträchtigen. Der Hochwasserschutz ist der Hauptverantwortliche für den Verlust von natürlichen Fließgewässern und die Verschlechterung des ökologischen Zustands von Fließgewässern.

Unverbaute Bachabschnitte finden sich an der Ahr. Die Arbeiten der Abteilung Wasserschutzbauten im Bereich der unteren Ahr haben in Bachabschnitten stattgefunden, welche sich durch einen hohen Natürlichkeitsgrad auszeichneteten und in denen „Revitalisierungen“ nicht notwendig waren. Die Ahr bildete natürliche Gleitufer und Prallhänge aus, welche durch Gestaltungen und Revitalisierungen zerstört wurden. Die Bachmorpholgie wurde verändert und man näherte sich nicht dem Natur-Zustand an, wie von der Wasserrahmenrichtlinie als ökolgisch sehr guter Zustand postuliert wird.

Naturschutz bedeutet Natur zu schützen, die natürliche Dynamik und Sedimentation zuzulassen und nicht die Zerstörung von naturnahen und natürlichen Lebensräumen und die künstliche Umformung und Gestaltung der Bachbettstruktur und der ganzen Flusslandschaft.

Natura-2000 Gebiet „Kematner Ahrauen“, IT3110018

Durch die Rodung von Auwald wird gegen die FFH-Richtlinie verstoßen:

Anhang I Lebensraum: Auenwälder mit Alnus glutinosa und Fraxinus excelsior.

91E0 * Foreste alluvionali di Alnus glutinosa e Fraxinus excelsior (Alno-Padion, Alnion incanae, Salicion albae)

Il segno ‘*’ indica i tipi di habitat prioritari.

Der Graulerlenauwald und das Lavendelweidengebüsch im Natura-2000 Gebiet Ahrauen sind dem Lebensraum 91E0 der FFH-Richtlinie zuzuordnen. Die Rodung des Auwaldes stellt einen Verstoß gegen die FFH-Richtlinie dar.

Durch die „Revitalisierungsarbeiten“ sind ferner folgende durch die FFH-RICHTLINIE geschützten Lebensräume zerstört worden:

-Krautfluren

-Röhrichte

Die Bachmorphologie wurde verändert und die mit dem Faktor Zeit verbundene natürliche Struktur des Bachbettes wurde zerstört. Der ökolgische Zustand hat sich nicht verbessert und Lebensraum für Tiere am und im Gewässer wurde zerstört.

Natura 2000 Gebiet “Stegener Ahrauen”, IT3110051

Ein Auwald bildet bei ausgeglichenen Erosions- und Sedimentationsprozessen eine Dauergesellschaft aus und geht nicht in einen Hartholzauwald oder einen Fichtenwald über. An der Ahr sind solche Standorte vorhanden. Durch die Rodung und Veränderung der Bachbettstruktur ist aber die natürliche Entwicklung des Waldes gestört worden. 

Durch die Rodung von Auwald im Natura-2000 Gebiet „Stegener Ahrauen“ wird gegen die FFH-RICHTLINIE verstoßen:

Anhang I Lebensraum: Auenwälder mit Alnus glutinosa und Fraxinus excelsior.

91E0 * Foreste alluvionali di Alnus glutinosa e Fraxinus excelsior (Alno-Padion, Alnion incanae, Salicion albae)

Il segno ‘*’ indica i tipi di habitat prioritari.

Mit der Revitalisierung einher geht die Zerstörung von Krautfluren, Röhrichten und natürlichen Alluvionen. Lebensräume an der Ahr wurden nicht geschützt und daher wurde gegend die FFH-Richtlinie verstossen. „

Landeshauptmann Kompatscher hat die Berichte und Verstöße an Landesrat Theiner weitergeleitet, welcher mit Amtsdirektor Kasal auf die Vorwürfe reagierte. Leider ist es dem Verein des Artenschutzzentrums St. Georgen nicht gelungen, die Landesregierung davon zu überzeugen, dass man Auwälder und Ufergehölze nicht einfach wegbaggern darf.

 

NICHT DER BACH IST GEFÄHRLICH, SONDERN DIE VERBAUUNG

Beispiel Gemeinde Lana:

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Gefahr von Hochwässern infolge der Betätigung von Staudammschleusen.

In der Gemeinde Lana gibt es 4 größere Fließgewässer: Etsch, Falschauer, Bächlein Pschoalgraben, Brandisbach. Etwaige Hochwässer der Etsch und der Falschauer verursachen keine Gefahr für die Gemeinde. Das kleine Bächlein im Pschoalgraben (eigentlich ein harmloses Rinnsal ohne Geschiebetransport) ist verantwortlich für die Hochwassergefahr (Zone Rot) in bewohnten Gebieten: Über die Jahrzehnte wurde das Bächlein immer weiter verbaut und von dessen Naturschönheit blieb nur noch ein kleiner Rest übrig. Das Bächlein ist ein Naturjuwel im Oberlauf und verrohrt im Unterlauf. Durch die Verrohrung kann es zu Verklausungen kommen und der Abfluss ist limitiert, wodurch die Hochwassergefahr bedingt ist.

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Unverbauter Teil des kleinen Baches bei Lanegg in Lana. Die Schönheit und der Wert der Natur zeigt sich an natürlichen Bachläufen.

Durch den Ort Lana fließt er nicht mehr frei, sondern eingehaust und verrohrt. Die Verrohrung eines Baches ist der ökologisch schlechteste Zustand für ein Fließgewässer, das Fließgewässer ist nicht existent. Man hat es verabsäumt, Hochwasserschutz und die Verbesserung des ökologischen Zustandes von Fließgewässern zu verbinden, wie es von der Wasserrahmenrichtlinie vorgesehen ist. Den Bächen muss der notwendige Raum gegeben werden, damit sich ökologisch funktionsfähige Gewässer bilden können.

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Verbauter und eingehauster Teil des Baches bei Lanegg in Lana. Der Bach fliesst unter dem Gehsteig und später durch ein Rohr quer durch Lana. Dies ist ein ökologisch schlechter Zustand.

Auch der Brandisbach, der im Oberlauf großteils unverbaut und natürlich fließt, ist im Talboden brutal verbaut worden (Querbauwerke, Künetten und eingepfercht zwischen Obstplantagen) und mündet in einen Entwässerungsgraben. Der Brandisbach verursacht auch Hochwassergefahr. Die Entfernung der Künette, der Rückbau von Verbauungen und damit die ökologische Aufwertung des Baches wurde nicht vorgenommen, obwohl Flächen vorhanden sind, welche im Besitz der öffentlichen Hand sind.

Bau eines Dammes mit Parkplätzen, wo vorher Auwald stand

Die Wildbachverbauung hat für das Schotterwerk an der Falschauer einen Damm errichtet, auf dem sich die Zufahrt zum Schotterwerk, eine Pegelmessstelle und Parkplätze befinden. Mit der Errichtung dieses Dammes quer zur Fließrichtung der Falschauer wurde die Hochwassergefahr erhöht, da der Durchfluss eng ist und es zu Verklausungen kommen kann. Die Hochwassergefahr wurde auch für die Grillplätze an der Falschauer erhöht. Ein Teil des Auwaldes im Natura 2000 Gebiet wird bei normalen Hochwässern nicht mehr überflutet, die Fläche wurde devitalisiert und degeneriert zu einem Robinienwald.  Damit es nicht zu Verklausungen kommt, wurden Bäume im oberen Bereich der Falschauer gefällt.

Der Hochwasserschutz redet nur von Hochwasserschutz und schafft gerade durch solche Bauwerke neue Gefahrenquellen.

Strasse, Parkplätze und Pegelmessstelle, wo früher Auwald stand
Ein Parkplatz, eine Pegelmessstelle und eine asphaltierte Strasse wurden quer zur Fließrichtung der Falschauer im Bachbett errichtet und damit die Hochwassergefahr erhöht.