Kastanienhain

Kastanienhaine sind von Edelkastanien (Castanea sativa) bestandene Wald- und Wiesenflächen. Im 19. Jahrhundert gehörten Kastanienbäume noch zu den Baumarten einer Obstwiese, in historischen Büchern werden sie zum Obstbau gezählt. Heute gelten Kastanienbäume vielfach als Bäume des Waldes. Auch die Kastanienhaine Südtirols sind “Wälder”, obwohl sie keine echten natürlichen Waldtypen sind und häufig mit Weidetieren beweidet werden. Die Kastanie (Castanea sativa) wurde in vielen Gebieten Europas kultiviert und ist eine autochthone Baumart Europas. Heute werden in Kastanienhainen auch Japanische Kastanien (Castanea crenata) und Hybriden kultiviert, da diese weniger krankheitsanfällig sind. Diese ersetzten die heimische Edelkastanie, die Biodiversität der Edelkastanie ist in Gefahr.

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reife Esskastanie, auch Maroni genannt, am Boden

 

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unreife Kastanienfrucht am Baum

 

Wenn die Esskastanien reif sind, fallen sie zu Boden und werden dann eingesammelt. Kastanien wurden vielfältig genutzt. Es gibt Sorten zur Mehlherstellung und in vielen Gebieten (Südalpen, Griechenland, Bulgarien, Nordspanien) waren Kastanien ein wichtiges Nahrungsmittel. Kastanienmehl konnte konserviert werden und wurde vielseitig verwendet. Kastanien dienten auch als Futter für Tiere (z.B. Schweine). Süsse Kastaniensorten, welche sich leicht schälen lassen, sind zum Braten geeignet. Es gibt eine große Vielfalt an verschiedenen Kastaniensorten im Mittelmeerraum und bekanntere Sorten Italiens sind: Carpinese, Lojola und Montan.

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Kastanienigel und Blätter im Kastanienhain

Kastanien wurden bereits in der Römerzeit in Europa verbreitet und Kastanienbäume wachsen auch spontan. Kastanienwälder sind dadurch auch außerhalb des natürlichen Verbreitungsgebietes der Kastanie entstanden. Kastanienwälder sind ein Natura 2000 Lebensraum mit dem Code 9260. Kastanienwälder werden von Kastanien dominiert und sind mit Eichen (Quercus petrea, Quercus robur) und Linden vergesellschaftet.

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Kastanienhain

 

Artenvielfalt Kastanienhain

Vögel

Kastanienhaine mit alten Kastanienbäumen beherbergen sehr häufig Bruthöhlen. Spechte (vor allem Bunt- und Grünspecht) legen Höhlen in den Kastanienbäumen an und gestalten dadurch auch für andere Arten geeignete Lebensräume. Kastanienhaine sind dadurch gegenüber Wirtschaftswäldern im Umland ein wesentlich attraktiverer Lebensraum, da in diesen Wäldern fast immer alte und absterbende Bäume fehlen.

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Bruthöhlen für Kleiber und Meisen sind in alten Kastanienhainen in Überfluss vorhanden. Monumentale Bäume in Wäldern sind Mangelware. In Kastanienhainen stehen alte große und auch absterbende Bäume und durch diese monumentalen Kastanienbäume bilden Kastanienhaine einen ausgesprochen wichtigen Lebensraum zur Erhalt der Biodiversität.

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Käfer

Untersuchungen zur Artenvielfalt der Käfer von Kastanienhainen am Oberrhein in Deutschland förderten eine unglaubliche biologische Vielfalt an den Tag, in denen auch Urwaldarten der natürlichen wärmeliebenden Eichenwälder vorkommen. Käfer, Moose, Flechten und Pilzarten dieser Kastanienhaine wurden untersucht:

131 Proben mit 29.076 Käfern wurden gewonnen und bis auf Artebene bestimmt. Dabei wurden 1002 Käferarten dokumentiert, zwischen 278 Arten im schattigen Jungbestand und 571 im historischen Kastanienhain. Rund 45 % der Käferarten sind an Waldbiotope gebunden, wobei ein auffällig hoher Anteil lichte Gehölzstrukturen präferiert. Aufgrund der starken Auflichtung dreier Bestände wurden auch über 200 Offenlandbewohner gefunden. Die Zahl xylobionter Arten (eigentliche Totholzkäfer) erweist sich mit insgesamt 329 Spezies als sehr hoch, wobei die Altbestände bis zu 20 % mehr Arten aufweisen. Die Altbestände zeichnen sich durch artenreichere Mulm- und Nestkäfergilden mit seltenen Arten aus (insbesondere Baumhöhlenbewohner). Folglich fanden sich im historischen Kastanienhain 104 Arten der Roten Liste Deutschlands und im Altbestand bei Edenkoben (nahe Villa Ludwigshöhe) 80 Arten. Höchst beachtlich ist auch die Anzahl von 9 Urwaldreliktarten in den Altbeständen.

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Monumentaler Kastanienbaum mit abgestorbenen Kern: Lebensraum von xylobionten Käfern, Mulm- und Nestkäfergilden

Im standardisierten Vergleich mit der Totholzkäferfauna rheinland-pfälzischer Naturwaldreservate erweisen sich die älteren Edelkastanienbestände als ähnlich artenreich wie die international bedeutsamen Reservate im Bienwald. Die Käferfauna der Kastanienbäume ähnelt denen der Eiche.

Moose

30 verschiedene Moose festgestellt (26 Laubmoose, 4 Lebermoose). Im Durchschnitt wurden 10,5 Arten pro Baum nachgewiesen, bei einem Maximum von 17 Arten auf einem Einzelbaum, darunter auch Arten, welche vom Aussterben bedroht sind.

Flechten

99 verschiedene Flechtenarten (lichenisierte Pilze einschließlich eines traditionell von den Flechtenkundlern miterfassten Pilzes) und 9 Flechten bewohnende (lichenicole ) Pilze bestimmt. Im Durchschnitt wurden 40,3 Flechtenarten pro Baum (ohne flechtenbewohnende Pilze) nachgewiesen, bei einem Maximum von 55 Flechtenarten auf einem Einzelbaum.

Pilze: auf Einzelbäumen wurde eine hohe Zahl von Pilzen festgestellt, 84 Taxa.

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Moose und Flechten auf Kastanienbaum

 

Vielfältige Pflanzenwelt des Kastanienhains

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In den Kastanienhainen Südtirols kommen oft viele Pflanzenarten vor (außer der Boden wurde melioriert, neu eingesät, überweidet oder anderweitig zerstört). Im traditionellen Kastanienhain, welcher als extensive Weide oder Mähwiese genutzt wird, kommen Wiesenarten und Waldarten nebeneinander vor. Auch Arten des Waldsaumes sind vertreten. Die Artenvielfalt an Pflanzen eines traditionell erhaltenen Kastanienhains ist größer als im umgebenden Wald. Leider werden Kastanienhaine heute oft überweidet oder mit irgendwelchen Narzissen verhübscht. Wird die Bewirtschaftung eines Kastanienhaines aufgelassen, so gewinnt der Wald die Oberhand und mit den alten Kastanienbäumen entsteht ein naturnaher Wald mit mächtigen Bäumen. Die Vegetation der extensiv genutzten Wiesen eines Kastanienhains ist aber von großen Wert. Die Schneeweisse Hainsimse (Luzula nivea) bestimmt im Sommer die Wiese eines Kastanienhains (Bilder unten) und geschützte Orchideen und Rote Liste Arten (z.B. Knollenmädesüß) kommen im traditionell und vorbildlich gepflegten Kastanienhain vor.

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Blutroter Storchschnabel (Waldsaumart) und Hainsimse (Waldart)

 

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Pfirsichblättrige Glockenblume (Wiesen- und Waldart)

 

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Knollenmädesüss, Magerwiesenart, Rote Liste Art

 

Die Überweidung ist vielfach ein Problem auf Weiden. Weideunkräuter dominieren Flächen oder die Weiden sind einfach kahlgefressen, wie im Bild unten. Fehlt die Grasnarbe so kommt es zur Erosion und zum Verlust der Humusschicht. Der Boden verliert die Artenvielfalt des Bodens und wird artenarm wie ein Ackerboden. Zahlreiche Bodenlebewesen beleben einen lebendigen Wiesen- oder Waldboden.

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überweideter Kastanienhain: keine Pflanzendecke und erodierender Boden

 

Maximum der Artenvielfalt im Kastanienhain

Die höchste Artenvielfalt erreichen Kastanienhaine, welche traditionell extensiv bewirtschaftet werden. Während wiederbewaldete Kastanienhaine „nur“ ein Waldökosystem sind, treffen im traditionell bewirtschafteten Kastanienhain zwei Lebensräume zusammen: Wald und Wiese. Dadurch ergibt sich ein großer Artenreichtum (http://pro2.unibz.it/ecoralps/wp-content/uploads/2012/04/Booklet_April2015_DT_small_format.pdf).

Fledermäuse wie Alpensegler, Vögel wie Wiedehopf, Käfer, Wildbienen, Schmetterlinge und in trockenen offenen Kastanienhainen auch eine Gottesanbeterin sind Zeugen der Bedeutung des Kastanienhains für die Biodiversität. Dies jedoch nur, wenn tatsächlich alte Bäume auf extensiv genutzten Wiesen stehen und nicht Kastanienhybriden auf bewässerten und überweideten Wiesenflächen, welche offiziell Wald sind. Auch die Abdrift von Pestiziden aus Apfelplantagen schmälert die Biodiversität der Kastanienhaine.

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Kastanienhain umgeben von Apfelplantagen

 

Streuobstwiese

Streuobstwiesen sind eine extensive Form des Obstanbaus und diese sind ein herausragender Biotoptyp. Auf Streuobstwiesen stehen Bäume mit verschiedenen Obstarten, wie Pflaumen, Kirschen, Birnen, Äpfel, Aprikosen usw. In Abhängigkeit vom Klima eines Gebietes gedeihen unterschiedliche Obstbäume, wärmebedürftiges Obst wie Aprikosen, Quitten, Pfirsiche in klimatisch milderen Gebieten und Pflaumen, Kirschen, Äpfel und Birnen auch in klimatisch kühleren Gebieten. Streuobstwiesen sind für den Erhalt der Biodiversität der Obstsorten wichtige Lebensräume. Weltweit sind heute alleine an die 4900 Apfelsorten bekannt. An die 3000 verschiedenen Apfelsorten wuchsen und wachsen in den Streuobstwiesen Mitteleuropas. Auch die biologische Vielfalt anderer Obstarten ist groß, verschiedene Birnen- oder Pflaumensorten, lokale Sorten und typsiche Sorten für bestimmte Gebiete wuchsen und wachsen in Streuobstwiesen, die Palabirne des Vinschgaus ist eine solche Sorte. Viele alte Obstsorten sind gefährdet und einer Gefährdungskategorie zugeordnet, stark gefährdet in Österreich ist etwa die weisse Pelzbirne oder die Rote Heindlbirne (http://www.zobodat.at/pdf/OEKO_1991_3_0022-0030.pdf).

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Streuobstwiese links im Bild, rechts Apfelplantage

Eine Obstwiese ist ein Nebeneinander von Wiese und Obstbäumen. Unterschiedliche Wiesentypen gedeihen in Streuobstanlagen, von Feuchtwiesen über Fettwiesen bis Magerwiesen. Die Wiesen der Streuobstwiese werden gemäht und dienen dann als Futter für Tiere wie Kühe und Schafe. Die Streuobstwiese kann man doppelt nutzten, Obstbau und Viehwirtschaft. 

Die Wiesenvegetation einer Steuobstwiese bietet Schmetterlingen, Käfern und zahlreichen anderen Insekten Nahrung. Raupenfutterpflanzen und Nektarquellen sind dabei die krautigen Pflanzen der Wiesen. Landwirtschaftlich genutzte Honigbienen finden das ganze Jahr über reichlich Nahrung in einer Streuobstwiese. Mit Beginn der Obstbaumblüte und den Frühjahrsblühern im Frühling und im Sommer mit den blühenden Wiesenpflanzen ist eine reiche Honigernte den Imkern gewiss.

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artenreiche Fettwiese in einer Streuobstwiese im Frühling: Vergissmeinnicht und Löwenzahn blühen

Nach Schätzungen des NABU-Bundesfachausschusses Streuobst gibt es rund 300.000 Hektar Streuobstwiesen in Deutschland und etwa 1,5 Millionen Hektar in Europa. Zugleich sind sie mit über 5.000 Tier- und Pflanzenarten sowie über 3.000 Obstsorten Hotspots der Biologischen Vielfalt für ganz Europa. Streuobstwiesen weisen zahlreiche Mikrohabitate auf, welche für einzelne Arten einen Lebensraum darstellen. Dabei reichen diese von Tümpeln (z.B. Laichplätze für Amphibien) bis zu Totholz (z.B. Pilze, xylobionte Käfer).

Eine Besonderheit der Biodiversität von Streuobstwiesen ist, dass mit heruntergefallenen Früchten für Wildbienen und andere Insekten eine Nahrungsquelle im Herbst bereitgestellt wird. Hummelpopulationen brechen im Spätsommer bereits ein, da die Nahrung immer knapper wird. Fallobst ist eine der letzten ergiebigen Zuckerquellen im Herbst für viele Insektenarten.

Auch für Säugetiere bieten Streuobstwiesen ideale Lebensräume. Igel, Rehe oder Siebenschläfer und Gartenschläfer kommen in Streuobstwiesen vor. Im Boden graben Maulwürfe ihre Röhren und Füchse machen Jagd auf Feldmäuse.

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Alter Apfelbaum mit Höhle des Buntspechtes unten am Stamm und Nest der Amsel oben

Die Bäume der Streuobstwiese bieten Vogelarten geeignete Brutmöglichkeiten, von Wiedehopf bis Specht, von Amsel bis Blaumeise. Die Streuobstwiese besteht aus Hochstammobstbäumen, welche wie die Bäume des Waldes irgendwann alt werden. Spechte können in alternden Hochstammobstbäumen Höhlen anlegen. Die Höhlen und auch Hohlräume in Obstbäumen bieten Höhlenbrütern oder Halbhöhlenbrütern wie Meisen oder Rotschwanz geeignete Brutplätze. Nistökologische Untersuchungen in Streuobstwiesen von Erich Glück zu einigen Vogelarten ergaben interspezifisch statistisch sicherbare Unterschiede in der Nesthöhe, der Höhe der Nestbäume, Entfernung von der Stammitte usw. Die Untersuchungen ergaben folgendes Verteilungsmuster: Im innersten Baumbereich brüteten Buchfink und Kernbeißer, wobei letzterer nur die Sonnenseite der Bäume nutzte. Im mittleren Bereich und teilweise auch in den weiter peripher gelegenen Bereichen fanden sich die Grünfinkennester. Daran schlossen sich nach außen die Neststandorte der Girlitze an. In den periphersten Bereichen fanden sich die Stieglitze. Hänflinge brüteten in niedriger Vegetation. Streuobstbäume bieten eine große Auswahl an verschiedenen ökologischen Nischen für Vögel.

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Streuobstwiese: Apfelbäume auf einer Wiese

 

Untersuchungen zu Spinnen und Käfern in zwei Streuobstwiesen in Baden-Würtenberg ergaben 137 Arten von Spinnen und 472 Arten von Käfern. Mit einem Anteil von 50% Waldarten und 36% Offenlandarten, dominierten die Waldarten. Zwei Ökosysteme, Wald und Wiese sind in einer Streuobstwiese vereint. Die Untersuchungen in Baden-Würtenberg ergaben, dass 20% aller bekannten Spinnenarten im Biotop Streuobstwiese vorkommen. Bei den Käfern fanden sich in der Wiese 147 Arten einer taxonomischen Einheit und im Stamm und Kronenbereich der Bäume 45 Käferarten einer anderen taxonomischen Einheit. Aus den Untersuchungen zur Spinnen- und Käferfauna der Streuobstwiesen vermuten Joachim Holstein und Werner Funke 1995, dass die Streuobstwiese über ein hohes Regulationspotential gegenüber anderen trophischen Gruppen besitzt, das für die Ausgewogenheit interspezifischer Beziehungen ohne Einfluss von Pestziden von großer Bedeutung sein dürfte.

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Für Honigbienen bietet die Streuobstwiese das ganze Jahr reichlich Nektar

Einige Insektenarten, welche agrarindustriell heute mit Pestiziden bekämpft werden, wie z.B. der Apfelwickler, sind Nahrungsgrundlage von anderen Insekten, wie dem Ohrwurm. Ohrwürmer fressen gerne die Eier des Apfelwicklers, überwinternde Raupen am Stamm werden von vielen Vögeln (Meisen, Spechte,…) als Nahrungsquelle genutzt. Schlupfwespen und Raupenfliegen parasitieren Larven und Puppen des Apfelwicklers.

Streuobstwiesen werden auch heute noch meist traditionell bewirtschaftet und es werden keine Pestizide der Agroindustrie, wie z.B. Glyphosat, eingesetzt. Eine Streuobstwiese darf nicht mit einer agroindustriellen Apfelplantage verwechselt werden! Solche Anlagen sind für Höhlenbrüter vollkommen defizitäre Flächen. Agroindustrielle Apfelplantagen sind Systeme, welche durch den Einsatz von Kunstdünger und Pestziden aufrecht erhalten werden. Laut Berliner TAZ werden Apfelplantagen in Südtirol 20- bis 23-mal zwischen einer Ernte und der nächsten chemisch behandelt (http://www.taz.de/!5115401/) und Pestizide sind eine große Gefahr für die Biodiversität und die Ökosysteme.

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Apfelplantage: Fahrgasse und Baumreihe

Fahrgassen der Apfelplantagen werden auch möglichst blütenfrei gehalten. Honigbienen suchen Blüten im Unterwuchs der Apfelplantagen auf und können so in Kontakt mit den Pflanzenschutzmitteln kommen, was zu einem erhöhten Bienensterben führen kann (Apistox-Studie). Die Streuobstwiese bietet hingegen einen reich gedeckten Tisch für Honigbienen, nicht nur während der Blüte. Biologisch bewirtschaftete Apfelplantagen werden aber nicht blütenfrei gehalten und Biolandwirte versuchen, Nützlinge in den Blühstreifen der Fahrgasse zu fördern.

 

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Monokultur von Apfelplantagen mit Hagelnetzen

Ein Film von Alexander Schiebel über die Ausbreitung von Apfelplantagen in die Bilderbuchlandschaft des Oberen Vinschgaus bei Mals verdeutlicht, was eine Apfelplantage und eine Monokultur ist: http://wundervonmals.com/new-trailer/

Mykorrhiza- eine Symbiose zwischen Pilz und Baum

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Pilze sind ökologisch wichtige Organismen und gehen mit Bäumen eine enge Beziehung ein: Pilzhyphen liefern den Bäumen Nährsalze und Wasser und erhalten im Gegenzug Produkte der Phosynthese. Diese Pilze werden Mykorrhiza genannt. Auch das Bodenleben im Wurzelhorrizont, z.B. die Menge an luftstickstoffbindenden Bakterien, wird durch Pilze stark gefördert. In einem Lärchen- Zirbenwald der subalpinen Stufe liefert z.B. der Elfenbeinröhrling (Suillus placidus) und der Braune Zirbenröhrling (Suillus plorans) Nährstoffe und Wasser für die Zirbe. Mit der Lärche bildet der Goldröhrling (Suillus flavus) eine Partnerschaft, auf Kalkboden der Rostrote Lärchenröhrling (Suillus tridentinus). Auch der Lärchenscheckling (Hygrophorus lucorum) und der Graue Lärchenröhrling (Suillus aeruginas) bilden Mykorrhizen. Für das Überleben von Bäumen und das Gedeihen der Wälder im subalpinen Bereich sind die Mykorrhizen überlebensnotwendig.

 

Bilder Revitalisierung Ultental

Bilder Revitalisierung Falschauer Ultental

Im Ultental wurden mehrere Revitalisierungen an der Falschauer und ihren Seitenbächen durchgeführt. Zwei Beispiele an der Falschauer in Bildern:

1.) Revitalisierung Falschauer Gemeinde St. Pankratz (unterhalb des Sportplatzes):

Die Arbeiten beginnen mit Kahlschlägen (Ufergehölze und Wald) und der Einrichtung der Baustelle:

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Revitalisierung- Totalverlust naturnaher gewachsenener Strukturen

Revitalisierung- Zerstörung der naturnahen Ufergehölze

Nach Abschluss der Bauarbeiten, inklusive Aufstellen von Sitzbänken und Tisch, ist die Falschauer nun renaturiert. Bilder September 2018:

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Auf der Fläche wurden zahlreiche Grauerlen gepflanzt, einige Purpurweiden und Bergahorn. Angesiedelt haben sich die Kanadische Goldrute und der Sommerflieder in beeindruckend großer Zahl. Diese beiden Arten sind invasive Neophyten, welche nicht Teil des natürlichen Erbes Südtirols sind. Als lebendige vitale Au kann man die Fläche nicht bezeichnen, da die Hochwässer der Falschauer am gepflanzten Auwald vorbeifließen. Die Falschauer bildet auf der renaturierten Fläche keine Schotterbänke oder andere typische Auenlebensräume, welche man in lebendigen vitalen Auen erwarten würde.

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Ein neuer kleiner Bach und ein künstlicher Teich wurden parallel zur Falschauer angelegt.

Faunistisch positiv und sehr gut gelungen ist der neue Wanderweg, welcher von zahlreichen Heuschrecken bewohnt wird (z.B. Blauflügelige Ödlandschrecke).

2.) Revitalisierung Falschauer Gemeinde St. Walburg im Ultental:

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Falschauer ohne Revitalisierung- unmittelbar unterhalb der „revitalisierten“ Flächen.

 

 

 

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Falschauer mit Revitalisierung

 

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Anlage von Stillgewässer mit großen Steinbrocken neben der Falschauer

 

Ziel der Revitalisierung ist die Schaffung lebendiger und vitaler Auen. Ob dies eine lebendige Au oder einfach nur ein Teich neben der Falschauer ist….invasive Neophyten findet man auch hier (Sommerflieder und Drüsiges Springkraut).

 

 

 

Biodiversität Vögel

Vögel kommen auf allen Kontinenten und in allen großen Ökosystemen vor, der Kontinent Antarktis ist ohne Pinguine undenkbar.

Weltweit beobachten Menschen gerne Vögel in ihrer Umwelt. Ohne egoistische Absichten werden Vögel im Winter am Futterhäuschen von Menschen gefüttert. Vogelfutter ist das einzige Wildtierfutter, das in Supermarktregalen angeboten wird. In Südostasien werden Krähen und andere Vögel von Menschen mit gekochtem Reis gefüttert, im Nahen Osten werden Stadttauben gefüttert usw. Bei keiner anderen Wildtiergruppe ist das Verhältnis Mensch- Wildtier so liebevoll, wie bei Vögeln (Jagd und Vogelfang ausgenommen).

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bunte Vogelhäuser

Die Artenvielfalt ist groß, die illustrierte Checkliste der Vögel der Welt, publiziert 2014 und 2016, umfasst 11.121 Vogelarten, wobei immer neue Arten dazugekommen sind. Genauere Artuntersuchungen führen dazu, dass Vogelarten, welcher nur einer Art zugeordnet wurden, tatsächlich mehrere Arten darstellen und die Zahl der Vogelarten zunimmt.

Die Artenvielfalt der Vögel ist jedoch bedroht, Populationen nehmen ab und Arten sterben aus. Einige Arten entwickeln sich positiv und zeigen einen positiven Populationstrend. Der Weissstorch war um 1950 in der Schweiz ausgestorben, heute gibt es ihn dort wieder durch fachkundige und tatkräftige Unterstützung von Vogelschützern (https://www.vogelwarte.ch/de/voegel/voegel-der-schweiz/weissstorch). In einigen Gebieten haben die Weissstorchpopulationen zwischen 1980 und 2013  zugenommen, in einigen Gebieten aber abgenommen (EBCC 2015). Der weltweite Bestand gilt als nicht gefährdet. Er besiedelt offene Landschaften wie Graslandschaften mit extensiv genutzten Wiesen und Weiden und Flussniederungen mit periodischen Überschwemmungen, wo er Insekten, Frösche, Mäuse und Regenwürmer verzehrt.

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Weissstorch in extensiv genutzter Graslandschaft (Weide).

 

STATE OF THE WORLD’S BIRDS, 2018 BirdLife International:

„Analysis of the IUCN Red List shows that there has been a steady and continuing deterioration in the status of the world’s birds since the first comprehensive assessment in 1988. Highly threatened species continue to go extinct, while formerly common and widespread species are in sharp decline. At least 40% of bird species worldwide (3,967) have declining populations, compared with 44% that are stable (4,393), 7% that are increasing (653) and 8% with unknown trends (823)“

Hochgradig gefährdete Vogelarten sterben weiter aus, während ehemals häufige und weit verbreitete Arten weiter abnehmen. 40% der Vogelpopuationen weltweit nehmen ab und Arten die einst nicht gefährdet waren, sind heute gefährdet. In der Roten Liste der IUCN waren 1994  die meisten Geierarten als nicht gefährdet eingestuft, heute sind die Hälfte der Geierarten weltweit vom Aussterben bedroht. In Europa kommen der Schmutzgeier, der Bartgeier, der Mönchsgeier und der Gänsegeier vor, alle vier sind in ihrem Bestand gefährdet.

z.B. Rote Liste Italien:

Gänsegeier (Gyps fulvus), vom Aussterben bedroht

Bartgeier (Gypetus barbatus), vom Aussterben bedroht

Schmutzgeier (Neophron percnopterus), global stark gefährdet (Rote Liste IUCN), Italien vom Aussterben bedroht

Mönchsgeier (Aegypius monachus), in Italien einst verbreitet, jedoch ausgestorben und nicht in der Roten Liste erwähnt.

Der Mönchsgeier war auch ein Brutvogel Österreichs. Der Mönchsgeier wurde nicht wieder angesiedelt, jedoch kreisen Bartgeier wieder über den Alpen Österreichs, sie wurden aktiv angesiedelt. Einst wurden diese Arten vom Menschen ausgerottet: verfolgt, geschossen, vergiftet, erschlagen. Am Balkan sterben heute noch Geier an Vergiftungen (https://www.4vultures.org/our-work/anti-poisoning/balkan-anti-poisoning-project/). Vor 30 Jahren starteten zahlreiche Initiativen zur Rettung und Wiedereinbürgerung dieser Arten in Euorpa.

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Gänsegeier

 

Gefährdungsursachen weltweit (STATE OF THE WORLD’S BIRDS, 2018 BirdLife International)

„A range of threats drives declines in bird populations
BirdLife systematically evaluates the threats facing globally threatened bird species as part of its work assessing avian extinction risk for the IUCN Red List. This provides an important insight into the principal drivers not only of bird extinction, but of the biodiversity crisis more widely and informs BirdLife’s conservation strategies and approaches. Humans are responsible for most of the threats to birds. Foremost among them are: agricultural expansion
and intensification, which impacts 1,091 globally threatened birds (74%); logging, affecting 734 species (50%); invasive alien species, which threaten 578 (39%) species; and hunting and trapping, which puts 517 (35%) species at risk. Climate change represents an emerging and increasingly serious threat—currently affecting 33% of globally threatened species—and one that often exacerbates existing threats.“

Gefährdungsursachen weltweit:

  1. Ausdehnung der Landwirtschaft und Intensivierung
  2. Holzeinschlag Forstwirtschaft
  3. Invasive Arten
  4. Jagd und Fang
  5. Klimawandel

Zu Gefährdungsursache Landwirtschaft: die industrialisierte Landwirtschaft bedient sich chemisch- synthetischer Stoffe zum Pflanzenschutz. Diese Stoffe wirken sich auf die Biodiversität (Ökosystem und Arten) aus, Neonikotinoide als Pflanzenschutzmittel gelangen auch ins Wasser und in die Nahrungsketten, siehe z.B.  https://www.farmlandbirds.net/sites/default/files/Tennekes_120911.pdf

Abnahme Vogelpopulationen Europa

Zahlen der deutschen Bundesregierung belegen, dass die Vogelpopulationen abnehmen oder gar dramatisch sinken. Bedroht sind vor allem Arten, die in Agrarlandschaften leben. Insgesamt ist die Zahl der Brutpaare in den landwirtschaftlichen Gebieten in der EU demnach zwischen 1980 und 2010 um 300 Millionen zurückgegangen, was einem Verlust von 57 Prozent entspricht.

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Mehlschwalben haben in 30 Jahren in Südtirol um 60% abgenommen

In Österreich wurden Bestandstrends von 66 häufigen Brutvogelarten ermittelt (Teufelbauer, N., B. S. Seaman & M. Dvorak (2017): Population changes of common Austrian breeding birds in the period 1998-2016 – Results of the breeding bird monitoring). Gut die die Hälfte aller Arten (36 Arten bzw. 54,5 %) zeigte in den Jahren 1998-2016 eine statistisch signifikante Abnahme, etwa ein Viertel der Arten hatte einen stabilen Bestandstrend (19 Arten bzw. 28,8 %) und nur gut ein Sechstel aller Arten nahm in ihren Beständen zu (11 Arten bzw. 16,7 %).  Untersuchungen zu Brutvögeln in der Kulturlandschaft haben bereits 2015 einen negativen Bestandstrend in Österreich ergeben. Dieser Trend hat sich fortgesetzt, und aktuell steht der Farmland Bird Index bei 59 % des Ausgangswertes aus dem Jahr 1998 (Teufelbauer & Seaman 2017a) – d. h., dass in diesem Zeitraum von 19 Jahren gut ein Drittel der Vögel der Kulturlandschaften verschwunden ist. Im Lebensraum Wald bietet sich ein besseres Bild.

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Um die Artenvielfalt der Waldvögel ist es weniger schlecht bestellt

 

Schwalben, einst häufige Brutvögel an Gebäuden der Kulturlandschaft sind in Siedlungen des 21. Jahrhunderts selten geworden. Erich Gasser von der AVK hat die Bestandsentwicklung der Schwalben in Südirol untersucht. Aus dem Vergleich der Anzahl der bebrüteten Nester für den 30-Jahres-Zeitraum 1987-2016 wurde ein Rückgang der Mehlschwalben von 60%, jenen bei den Rauchschwalben gar von 80% festgestellt.

Lebensräume der Vögel Mitteleuropas

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Waldvögel: Spechte

Kleiner Überblick: Der Wald ist der optimale Lebensraum von ca 50 Singvogelarten Mitteleuropas, am artenreichsten sind Laubwälder, Mischwälder und Auwälder mit gut ausgebildeter Struktur (üppige Kraut, Strauch- und Baumschicht, absterbende Bäume usw.). Die Nester der Laubsänger und des Rotkehlchens sind am Boden, in den Sträucher brüten Heckenbraunelle und Möchsgrasmücke, in der unteren Baumschicht brüten Singdrossel, Amsel und Gimpel und ganz oben in den Bäumen Buchfink und Pirol. Reine Nadelwälder sind artenärmer, Tannenmeise, Haubenmeise, Fichtenkreuzschnabel und Goldhähnchen leben in diesen Wäldern. Spechte, Eulen und Greifvogelarten brüten auf und in Bäumen der Wälder.

Wasservogelarten und Watvögel sind an Feuchtlebensräume gebunden. Ausgedehnte Schilf- und Verlandungszonen, Flachwasserzonen, und Auwälder sind Lebensraum zahlreicher Arten (Enten, Reiher, Eisvogel, Rallen, Fischadler, Flussuferläufer, Bachstelze usw.). Bäche und Flüsse mit natürlich dynamischen Schotter- und Sandbänken bieten Bachstelze, Flussregenpfeifer und Flussuferläufer Lebensraum. Auf ausgedehnten Feuchtwiesen und Mooren brütet der seltene und stark gefährdete Brachvogel.

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Graureiher am Fluss

Alpine Landschaften mit alpinen Rasen und Zwergstrauchheiden sind Heimat von Schneehuhn, Alpendohle, Schneefink, Steinschmätzer,  Ohrenlerche, Bergpiper, Alpenbraunelle. In alpinen Landschaften mit Felsen und Geröll kommen auch Steinhuhn, Steinrötel und Hausrotschwanz vor. Der Mauerläufer ist auf Felswänden zu beobachten.

Für Vögel wichtige Lebensräume sind Felswände, zahlreiche seltene Vogelarten (z.B. Wanderfalke, Uhu, Steinadler) brüten auf Vorsprüngen von Felswänden. Felsenschwalbe und Alpensegeler brüten auch auf Felsen.

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Singdrossel auf Wiese

 

Siedlungen und Kulturlandschaften beherbergen 20 bis 30 Singvogelarten. Hochwertige Kulturlandschaften mit Wiesen, Hecken und extensiv genutzten Flächen sind Lebensraum von Neuntöter, Braunkehlchen und Feldlerche und zahlreicher anderer Singvogelarten (hochwertige Kulturlandschaften beherbergen bis ca 70 Arten).

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Mehlschwalben in der Kulturlandschaft

Städte und Siedlungen sind Lebensraum zahlreicher Arten. Das Vogelgezwitscher in Parks mit großen Bäumen, in Privatgärten und Friedhöfen mit altem Baumbestand ist vielfältig und einige Vogelarten, darunter auch Waldvogelarten, kommen in Siedlungen und Städten vor, z.B. Kleiber, Ringeltaube, Baumläufer. Der Haussperling und die Stadttauben sind typische Stadtbewohner. 2010 bis 2015 wurden Brutvogelerhebeungen von der AVK in Südtirol durchgeführt, diese ergab 153 Brutvogelarten. Die allseits bekannte Stadttaube fehlt aber in diesem Brutvogelatlas. Die Wildform der Stadttaube oder Strassentaube ist die Felsentaube (Columba livia), welche in Nordafrika und Eurasien natürlich verbreitet ist. Als Stadttaube kommt sie weltweit vor und ist eine der erfolgreichsten Vogelarten der Welt. An Küsten und auf Felsen legt die Felsentaube in der Natur ihr Nest an, in Städten auf Gebäuden und unter Brücken. Zu hohe Taubendichten in Städten sind für die Gesundheit der Tauben nicht förderlich. Natürliche Feinde wie Uhu, Wanderfalke, Sperberweibchen usw. sind in Stadtzentren eher selten und hohe Populationsdichten sind die Folge. „Ziel sollte keine Vernichtung, sondern ein kleiner gesunder Taubenbestand sein, denn auch Stadttauben zählen zur Artenvielfalt unserer Siedlungen.“ Stefan Bosch und Peter Havelka, NABU Deutschland zu Stadttauben.

Vögel im Ökosystem

Einige Beispiele von Vogelarten, ihre Anpassung und ihren Einfluss auf den Wald.

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Standvögel bleiben im Winter in Südtirol, Zugvögel zeihen bis nach Südafrika

Anpassung an widrige Umweltbedingungen im alpinen Gelände

Die in den Alpen vorkommenden Standvögel der montanen bis alpinen Stufe sind optimal an die Umweltbedingungen angepasst. Das Schneehuhn ist ein gutes Beispiel für die Anpassung an lange und hohe Schneelagen: Auf das verminderte Nahrungsangebot Winter reagieren sie mit einer Drosselung des Stoffwechsels und damit des Energiebedarfes. Der Organismus der Vögel funktioniert im Energie- Spar- Modus. Diese Strategie der Anpassung funktioniert aber nur, solange die Tiere nicht gestört werden. Bei Störung reagieren sie mit Flucht und es wird dabei sehr viel Energie verbraucht. Der Energieverlust durch häufige Flucht kann nur schwer kompensiert werden, da die Nahrung im Winter knapp ist.

Im Winter ist das Gefieder der Schneehühner weiss und im Sommer grau. Der Farbwechsel dient nicht nur der Tarnung, sondern auch dem Schutz vor Kälte, indem ins Wintergefieder Luft eingelagert wird, was wiederum isolierend wirkt. Bei sehr niederen Temperaturen, stürmischen Schneegestöber usw. versteckt sich das Schneehuhn in Schneehöhlen, wo die Temperatur nur wenige Grad unter Null sinkt.

Das Schneehuhn hat sich optimal an die niederen Temperaturen und die langen Winter im alpinen Gelände adaptiert. Erst durch die Anpassungen ist ein Überleben im Hochgebirge möglich.

Diasporenausbreitung (Samenverbreitung) durch Vögel

Vögel sind wichtig für den Wald, ein Beispiel: Die Nadelwälder der montanen und subalpinen Stufe sind Lebensraum des Tannenhähers. Die Arealgrenze von Nadelgehölzen und Hasel hängt eng mit der Verbreitung des Tannenhähers und seiner ausgereiften Technik der Vorratswirtschaft zusammen. Der Tannenhäher verfügt über einen Unterzungensack, in dem er Zirbelsamen transportiert. Die Schnabelgröße und –form variiert sehr stark bei den verschiedenen Populationen des Tannenhähers Verbreitungsareal. Der Tannenhäher ist spezialisiert auf subalpine zirbenreiche Wälder. Er kommt aber auch in Fichtenwäldern , oder Fichten- Buchen- Tannenwäldern vor, wobei das Vorkommen der Hasel eine Rolle spielt. Im Kehlsack passen bis zu 25 Haselnüsse und bis zu 136 Zirbelnüsse, welche dort versteckt werden, wo es wenig Bodenvegetation gibt. Der Tannenhäher vergräbt 6 bis 8 Nüsse je Versteck und trägt Samen hinauf bis auf 2800m, also weit über die Waldgrenze. Von den versteckten Zirbensamen werden ca 85% im Winter, wo das Nahrungsangebot knapp ist, wieder gefunden und die restlichen 15% der Samen dienen der Verjüngung der Zirbe. Der Tannenhäher ist wie der Eichelhäher aktiv an der Verbreitung der Baumarten beteiligt.

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toter Eichelhäher mit Schusswunde

 

Während der Tannenhäher zur Natuverjüngung und Ausbreitung von Samen in Nadelwäldern beiträgt, leistet der Eichelhäher in Mischwäldern (z.B. Eichen- Föhrenwäldern, Fichten- Buchen- Tannenwäldern) rur Verbreitung von Eichen und Buchen. Er sammelt im Herbst Bucheckern, Haselnüsse und besonders Eicheln und vergräbt die Baumfrüchte in Hunderten von Verstecken. Bis zu zehn Eicheln transportiert der Eichelhäher in Kehlsack und Schnabel vom Fundort bis zum Versteck. Im Winter liegt die wesentliche Überlebensstrategie des Eichelhähers in der Nutzung seiner bevorrateten Nahrungsreserven, wobei auch er nicht alle findet und Eichen und Buchen im Frühjahr keimen.

Vögel in der Nahrungskette eines Ökosystems

In Ökosystemen gibt es komplexe Nahrungsbeziehungen (trophische Ebene) zwischen den einzelnen Arten. Produzenten sind jeweils Pflanzen, welche Tieren als Nahrungsgrundlage dienen. Die Pflanzenfresser sind Konsumenten erster Ordnung darauf folgen die verschiedenen Konsumenten zweiter, dritter und vierter Ordnung.  Nahrungsketten und Nahrungspyramiden beschreiben die stoffliche Abhängigkeit im Ökosystem.  Unter den Vögeln ist der Uhu ein Top-Carnivor. Er erlegt sogar Hauskatzen und andere Greifvögel und wird selbst höchstens vom Steinadler gejagd.

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Kalterer See mit Schilfgürtel und Auwald

In Ökosystemen gibt es komplexe Nahrungsbeziehungen zwischen den Arten und jede Art füllt eine bestimmte ökologische Nische aus  und erfüllt einen Dienst im Ökosystem.

 

 

Quelle: Public domain by Wikicommonsuser Hati; https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:NahrungsnetzSee.png

Eine Wasserpflanze wird beispielsweise von einem Fisch gefressen, dieser wiederum von einem Hecht und ein junger Hecht wird von einem Reiher gefressen. Die Anzahl von Kosumenten erster Ordnung ist hoch (z.B. Insekten, Fische), während Konsumenten der IV Ordnung (z.B. Baumfalke und Seeadler) rar sind.

Spitze der Nahrungskette: Steinadler

Seeadler, Uhu und Steinadler sind in Europa Vogelarten, welche an der Spitze der Nahrungskette stehen.

Bei der Pressekonferenz zum Tag der Artenvielfalt 2018, welche im Bereich des Weissbrunnstausees im Ultental stattfand, wurden 54 Vogelarten festgestellt, darunter auch ein Steinadlerpaar. Es wurde dabei vom Vorsitzenden der AVK Leo Unterholzner auf das „Schrumpfen“ der Vogelpopulationen hingewiesen. Die Vogelpopulationen nehmen nämlich ab (siehe oben). Im alpinen und subalpinen Gelände sind die Vogeldichten aber generell gering.

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Jagdgebiet eines Steinadlerpaares: hinteres Ultental mit Weissbrunnstausee im Nationalpark Stilfser Joch

Der Steinadler ist ein charakteristischer Vogel des Hochgebirges, dessen bevorzugte Beute bei der Aufzucht von Jungen Murmeltiere darstellen. Streif- und Jagdgebiete der Steinadler liegen hauptsächlich oberhalb des Nestbereiches im Bereich der Waldgrenze und darüber, außerhalb der Brutzeit zum Teil auch auf Talböden unmittelbar am Alpenrand. Als Reviergrößen wurden bei 11 Paaren im Werdenfelser Land zwischen 35 und 70 km2 ermittelt. Der Steinadler ist ein Top- Carnivor und ernährt die Jungen zur Brutzeit vor allem von Murmeltieren. Eine hohe Murmeltierdichte in einem Gebiet, sichert dem Steinadler die erfolgreiche Aufzucht der Jungen. In vielen Gegenden Südtirols gibt es aber relativ geringe Murmeltierdichen (z.B. Ultental).

Biodiversitätsstrategie und Vogelschutzrichtlinie

Die EU und die einzelnen Mitgliedsstaaten haben zur Eindämmung des Biodiversitätsverlustes eine Biodiversitätsstrategie bis 2020 formuliert und als erstes Ziel:“ ZIEL 1: VOLLSTÄNDIGE UMSETZUNG DER VOGELSCHUTZ- UND DER HABITAT-RICHTLINIE Aufhalten der Verschlechterung des Zustands aller unter das europäische Naturschutzrecht fallenden Arten und Lebensräume und Erreichen einer signifikanten und messbaren Verbesserung dieses Zustands, damit bis 2020 gemessen an aktuellen Bewertungen i) 100 % mehr Lebensraumbewertungen und 50 % mehr Artenbewertungen (Habitat-Richtlinie) einen verbesserten Erhaltungszustand und ii) 50 % mehr Artenbewertungen (Vogelschutz-Richtlinie) einen günstigen oder verbesserten Zustand zeigen.“

Abnahme Vogelarten und Populationen in Südtirol

Einige Gefährdungsursachen für Vögel:

  • Zerstörung und Flächenverluste natürlicher und naturnaher Lebensräume (z.B. Verlust von Auwäldern, Verlust von Hecken usw.)
  • Übernutzung, Nutzungsänderung (z.B. Ausdehung des Obstbaus auf Gebiete, wo einst der Kiebitz brütete), Intensivierung der Nutzung (z.B. Intensivierung der Forstwirtschaft und fehlenden alten Bäumen für Höhlenbrüter, massiver Einsatz von Pestiziden in Agrarwirtschaft und dadurch bedingtes Insektensterben)
  • Vogelschlag (Vögel verletzten sich oder sterben beim Aufprall auf Glasfassaden an Gebäuden, werden von Autos angefahren usw.)
  • Verdrängung einheimischer Arten durch invasive Arten/ Neobiota (Die Weisskopfruderente ist durch Hybridisierung mit der Schwarzkopfruderente aus Nordamerika in ihrem Bestand vom Aussterben bedroht)
  • Hochspannungsleitungen (für Uhus eine der Hauptgefährdungsursachen)
  • Bleivergiftung, Schrotkugeln (Das Blei kommt über die Nahrungskette in die Vogelkörper, wenn Vögel Eingeweide und Fleisch von Wildtieren aufnehmen, welche nach dem Abschuss von Huftieren durch Jäger im Freiland verbleiben.)
  • Revitalisierungen/ Renaturierungen (Ufergehölze, Wälder und Auwälder gehen bei Revitalisierungen verloren, ebenso Röhrichte und andere wichtige Lebensräume für Vögel.)
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Teich im Vogelschutzgebiet Falschauermündung vor Revitalisierung: ausgedehntes Röhricht und Ufergehölze (Brutplätze von Blässhuhn, Teichhuhn, Zwergtaucher, Zwergdommel usw.)
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Nach der Revitalisierung: Röhricht und Ufergehölz ist verschwunden (Grundwasserspiegelanstieg). Im Vogelschutzgebiet ist das einzige größere Röhricht durch die Revitalisierung verloren gegangen.

 

Der WWF Bozen hat auf die negativen Auswirkungen der Revitalisierung aufmerksam gemacht und auch auf die Vergiftung von wildlebenden Tierarten durch Blei (https://wwfbolzano.wordpress.com/2016/11/23/il-piombo-utilizzato-nelle-cartucce-da-caccia-e-causa-di-avvelenamento-per-numerose-specie-di-animali-selvatici-a-rischio-sono-soprattutto-i-rapaci/).

Rote Liste Vögel Südtirol

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Turmfalke, potentiell gefährdet

 

In der Roten Liste der gefährdeten Tierarten Südtirols wurden 141 Arten Vogelaren beschrieben und Gefährdungskategorien zugeordnet:

  • 3 Arten sind ausgestorben, ausgerottet oder verschollen
  • 25 Arten vom Aussterben bedroht
  • 25 Arten stark gefährdet
  • 21 gefährdet
  • 13 potentiell gefährdet
  • 54 ungefährdete Arten
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Schotterbänke sind Lebensraum seltener Arten wie des Flussuferläufers oder Flussregenpfeifers

 

Flussuferläufer, Flussregenpfeifer und Eisvogel gehören zu den gefährdetsten Arten….Leider ist auch in Südtirol keine Trendwende zu erkennen; im Gegenteil, die Zahl der gefährdeten Arten und der Grad der Gefährdung nimmt zu. Ursachen dafür sind weitere Lebensraumverluste oder ungünstige Veränderungen derselben sowie intensivere oder veränderte Bewirtschaftung der Kulturlandflächen“ (AVK Nachrichten 63- 2014 S. 25). Trotz der unzähligen Renaturierungen und Revitalisierungen von Gewässern seit dem Jahr 2000, bei denen Lebensraum für bedrohte Arten geschaffen wird, gibt es keine Zunahme bedrohter Arten wie des Eisvogels, des Flussregenpfeifers oder häufigerer Arten wie des Teichhuhns.

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Au mit Gewässer, Schilfröhricht und Auwald

 

Obwohl überall in Südtirol Lebensräume in den Auen und Flüssen geschaffen wurden (Grundwasserteiche, Steilhänge für Eisvögel usw.), ist es gerade um die Vögel der Gewässer und Auen schlecht bestellt. Aus den Auen und Feuchtgebieten Südtirols ist auch die Beutelmeise verschwunden. Der Pirol, der einst in Auwäldern des Etschtales (z.B. Biotop Falschauermündung) zu finden war, ist als Brutvogel nicht mehr nachgewiesen worden. Als Lebensraum für den Pirol gibt die AVK „Pappelanlagen“ an, wobei es in Südtirol keine Pappelanlagen gibt.

Entlang der Etsch im Etschtal konnte die Nachtigall einst häufig beobachtet werden und im Brutvogelverzeichnis steht: „Der Bestand ist in den letzten zwei Jahrzehnten dramatisch zurückgegangen, durch weitere Verluste an Auwaldflächen, Entfernung von uferbegleitenden Gehölzen und des strauchreichen Unterholzes in den Laubwäldern.“

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Bachstelze in der Stadt

 

Neben den Feuchtgebieten sind Wiesenlebensräume vom Artenverlust betroffen. (siehe biodiversitaet.bz.it/wiesen)

Abnahme Vogelarten in Südtirol

Auch Südtirol ist von der Abnahme der Vogelarten betroffen. Von 2010 bis 2015 wurden Brutvogelerhebeungen durchgeführt und drei Jahre später (2018) veröffentlicht. Diese ergaben 153 Brutvogelarten, wobei die Stadttauben fehlen.  Laut Tageszeitung „Dolomiten“ vom 13/14.1.2018 und Interview mit dem Vorsitzenden der AVK Leo Unterholzner haben sich die Brutvogelarten seit den 1970ern verändert:

8 Brutvogelarten seien aus Südtirol verschwunden (Kiebitz, Zistensänger, Wiesenpiper, Bekassine, Rebhuhn, Hohltaube, Steinkauz, Beutelmeise),

5 Brutvogelarten seien hinzugekommen (Graureiher, Bartgeier, Reiherente, Schwarzmilan und Schlangenadler.)

Der Vorsitzende der AVK Leo Unterholzner erwähnte im Artikel den Fahlsegler nicht. Dieser dehnte sein Areal auf Südtirol aus. Der Bartgeier wurde vor ca 100 Jahren in den Alpen ausgerottet. Nachzuchten aus dem Alpenzoo Innsbruck waren die Grundlage für die Wiedereinbürgerung in den Alpen. Er brütet wieder in Südtirol und ist in das Brutvogelverzeichnis der AVK aufgenommen worden, er ist keine neue Vogelart. Wichtig für den Bartgeier ist, dass es einen Bestand von Beutegreifern wie Wolf und Luchs sowie großen Greifvögeln wie den Steinadler gibt, da der Aasfresser Bartgeier von diesen Arten einen Teil der Beute übernimmt.

Über die Vogelwelt Südtirols im Mittelalter oder im 19 Jahrhundert ist sehr wenig bekannt. Ob Graureiher, Schlangenadler oder Schwarzmilan zur Römerzeit oder im Mittelalter in Südtirol gebrütet haben, kann nicht gesagt werden. Das Klima war im Mittelalter wärmer als heute und ausgedehnte Auen und Feuchtgebiete bedeckten die Talböden. Schwarzmilan und Reiher dürften in den breiten Talböden mit Auen sicherlich einen Lebensraum vorgefunden haben. Die Rohrdommel trägt den Namen Mooskua im Südtiroler Dialekt, ist aber schon länger als Brutvogel abwesend.

Die Erfassung der Avifauna druch die AVK findet seit etwa 40 Jahren statt. Zur Verbreitung des „neuen“ Schlangenadlers schrieb Peter Ortner (Tierwelt der Südalpen 1978): „ Wenn man bedenkt, dass das Etschtal südwestlich von Bozen besonders reich an Reptilienarten ist, nimmt es nicht Wunder, dass der Schlangenadler früher regelmäßig am Mendelgebirge gebrütet hat. Er wurde dann auf der Jagd nach Schlangen und Eidechsen im Gebiet der Leuchtenburg (Kaltern) beobachtet. In jüngster Zeit hat man den Schlangenadler nur mehr ganz vereinzelt auf dem Durchzug festgestellt“. Nachweise einer erfolgreichen Brut liefert nun auch die AVK und der Schlangenadler ist von den Vogelkundlern in das Verzeichnis der Brutvogelarten aufgenommen worden. Der Bartgeier ist nicht neu in Südtirol, sondern er ist wieder da, nachdem er ausgerottet worden war, wie andere Tierarten auch (z.B. Wildschwein, Wolf).

Neozoen

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Neobiota: Höckerschwan

Echte Neuheiten in der heimischen Vogelwelt sind Neobiota. Neozoen der Vogelwelt in Südtirol sind sicherlich eines der kleinern Probleme für den Erhalt der Biodiversität, im Gegensatz zu invasiven Neophyten in Waldökosystemen (z.B. Robinien) oder in Gewässerökosystemen (Springkraut) Südtirols. Erst wenn sich eine Art über mehrere Generationen selbständig in freier Wildbahn fortpflanzt, spricht man von Neozoen.

In Südtirol wurden folgende Arten festgestellt, welche nicht zur heimischen Tierwelt (autochthon) gehören (im Brutvogelatlas der AVK wurde neben der Stadttaube auch der Halsbandsittisch vergessen):

  • Türkentaube: seit 1959 in Südtirol verbreitet
  • Halsbandsittich: (ca 15 bis 20 in Bozen Stadt)
  • Brautente: einige Exemplare bei Meran
  • Mandarinente: immer wieder können Bruten beobachtet werden
  • Höckerschwan: Bruten am Toblacher und Kalterer See
  • Nilgans: eine bekannte Brut
  • Jagdfasan: wurde häufig ausgesetzt, um danach abgeschossen zu werden.

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Gesellschaft von Türkentauben bei Regenwetter im Herbst

Die Türkentaube ist die einzige neue Vogelart in Südtirol, welche weit verbreitet und erfolgreich ist.  Die Türkentaube lebt im Gegensatz zur Stadttaube nicht in Gruppen. Türkentaubenpaare verteidigen ihr Territorium gegen Artgenossen. Im Herbst jedoch sammeln sich Türkentauben und überwintern in Gruppen. Türkentauben haben wie einige andere Vogelarten ihr ursprüngliches Verbreitungsgebiet ausgedehnt, ohne Zutun von Menschen. Die Türkentaube breitete sich seit dem 19. Jahrhundert vom südlichen Balkan aus. Es gibt mehrere kontinental- osteuropäische Vogelarten, welche ihr Areal gegen Westen ausdehnen.

Vogelschutz und Vogelschutzgebiete Südtirol

Schutzstatus Südtirol: Alle wildlebenden Vogelarten Südtirols sind geschützt (Naturschutzgesetz 2010), jedoch nicht vollkommen und teilweise jagdbar. 

Auf EU Ebene wurde zum Schutz der Vögel 1979 die Vogelschutzrichtlinie erlassen, welche 2009 durch die Richtlinie zur Erhaltung der wildlebenden Vogelarten ersetzt wurde. Diese Richtlinie wird ebenfalls Vogelschutzrichtlinie genannt.

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Das Nest des Seeregenpfeifers wird an der Adria vor Störungen geschützt und Menschen zur Achtung aufgefordert

Vogelschutzgebiete und Vogelschutzrichtlinie

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Brutgebiete geschützter Vogelarten müssen vor Störungen geschützt werden

 

Im Sinne der Vogelschutzrichtlinie 2009/147/EG wurden in Südtirol bislang 17 Zonen ausgewiesen und mit Dekret des Umweltministers vom 19. Juni 2009 in das staatliche Verzeichnis der besonderen Vogelschutzgebiete (BSG) aufgenommen. Dabei handelt es sich um Gebiete in großflächigen Naturparks und kleinflächige Biotope. Von den Biotopen wurden hauptsächlich Auwälder und Steppenvegetation (Trockenrasen) des Vinschgau zu Vogelschutzgebieten:

kleinflächige Vogelschutzgebiete:

  • Biotop Ahrauen
  • Biotop Stegener Ahrau
  • Biotop Falschauermündung 
  • Biotop Kalterer See
  • Biotop Steppenvegetation Sonnenberg
  • Biotop Schludernser Au

Vogelschutzgebiete in großflächigen Naturschutzgebieten:

  • Pfossental im Naturpark Texelgruppe
  • Naturpark Fanes-Sennes-Prags
  • Naturpark Sextner Dolomiten
  • Chavalatschalm im Nationalpark Stilfser Joch
  • Ulten – Sulden im Nationalpark Stilfser Joch
  • Ortler – Madatschspitzen im Nationalpark Stilfser Joch
  • Naturpark Schlern-Rosengarten
  • Naturpark Trudner Horn
  • Villnöß – Peitlerkofel – Raschötz im Naturpark Puez-Geißler
  • Naturpark Rieserferner–Ahrn
  • Lazins – Schneebergzug im Naturpark Texelgruppe

Im Gegensatz zum Rest Italiens wurden in Südtirol 2017 keine Wildruhezonen ausgewiesen. Wildruhezonen waren ein Kompromiss mit dem Staat, damit die im restlichen Staatsgebiet untersagte Jagd in Naturschutzgebieten in Südtirol weiterhin möglich bleibt. Etwa zehn Prozent der Naturparkflächen hätten mit einem Jagdverbot und Einschränkung von Freizeitaktivitäten geschützt werden sollen. 

Vogelschutzrichtlinie Anhang I und Anhang II

Die Vogelschutzrichtlinie zählt die Brutvogelarten und Zugvogelarten auf, für welche Maßnahmen zum Schutz und Erhalt der Vogelarten getroffen werden müssen. So müssen z.B. Brut- und Balzgebiete vor Störungen durch Aktivitäten von Menschen geschützt werden, da Vögel mit Flucht auf Störungen durch Menschen reagieren und dies den Fortpflanzungserfolg und damit den Bestand der Vögel gefährdet (z.B. Bartgeierhorste müssen vor Kletterern geschützt werden).

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Raufußkauz (Aegolius funereus) schaut aus Spechthöhle

 

Liste Brutvogelarten Südtirol Vogelschutzrichtlinie Anhang 1:

  • Aegolius funereus (Raufußkauz)
  • Alcedo atthis (Eisvogel)
  • Alectoris graeca (Steinhuhn)
  • Anthus campestris (1) (Brachpieper)
  • Aquila chrysaetos (Steinadler)
  • Bonasa bonasia (Haselhuhn)
  • Bubo bubo (Uhu)
  • Caprimulgus europaeus (Ziegenmelker)
  • Circaetus gallicus (Schlangenadler)
  • Circus aeruginosus (Rohrweihe)
  • Crex crex (1) (Wachtelkönig)
  • Dryocopus martius (Schwarzspecht)
  • Emberiza hortulana (1) (Ortolan)
  • Falco peregrinus (Wanderfalke)
  • Glaucidium passerinum (Sperlimgskauz)
  • Gypaetus barbatus (Bartgeier)
  • Ixobrychus minutus (Zwergrohrdommel)
  • Lagopus mutus helveticus (Alpenschneehuhn)
  • Lanius collurio (Neuntöter)
  • Lullula arborea (Heidelerche)
  • Tetrao tetrix tetrix (Birkhuhn)
  • Milvus migrans (Schwarzmilan)
  • Pernis apivorus (Wespenbussard)
  • Picoides tridactylus (Dreizehenspecht)
  • Picus canus (Grauspecht)
  • Sylvia nisoria (1) (Sperbergrasmücke)
  • Tetrao urogallus (Auerhuhn)

(Liste Vogelschutzrichtlinie Zugvogelarten und Wintergäste siehe http://www.provinz.bz.it/natur-umwelt/natur-raum/natura2000/avifauna.asp#brutvogel)

Das Europäische Instrumentarium der Vogelschutzrichtlinie zielt auf Arten von EU- Interesse ab. Für den Erhalt der Biodiversität sind alle Vogelarten und Vogelpopluationen zu erhalten und deren Bestand zu verbessern. Gerade in Hinblick auf Landschaften, wie die Apfelmonokulturen der Talböden, sind Verbesserungen der Situation erstrebenswert. Obstplantagen sind im Gegensatz zu den traditionellen Streuobstwiesen extrem artenarm, mehr dazu auf http://biodiversitaet.bz.it/2018/10/22/streuobstwiese/

IV Artenschutzprojekte Vögel

In Südtirol werden Artenschutzprojekte wie die Wiedereinbürgerung des ausgerotteten Bartgeiers oder Artenschutzprojekte wie Nistkastenhilfen für Wiedehopfe oder Lebensraumverbesserungen für den Auerhahn umgesetzt.

Wolfgang Platter macht in den AVK Nachrichten von 2018 auf die Gefahr der Bleivergiftung bei Bartgeiern aufmerksam: Im Jahr 2012 gab es 9 Brutpaare Bartgeier in den Westalpen und drei Tiere wurden infolge Bleivergiftung aufgefunden: In Vorarlberg wurde ein Bartgeierweibchen, das in Frankreich freigelassen worden war, geschwächt aufgefunden, der Bleigehalt betrug 8,5 Mikrogramm/ Deziliter Blut. Ein anderes Weibchen, das 2012 im Nationalpark Hohe Tauern freigelassen wurde, wurde in Slowenien geschwächt aufgefunden, Bleigehalt von 656,4 Mikrogramm/ Deziliter Blut. 2012 wurde auch ein Männchen bei Matrei in Osttirol tot aufgefunden, drei Schrotkugeln aus einer Schussverletzung

Artenschutzprojekt: Wiedehopf

Der Wiedehopf stand kurz vor dem Aussterben. Dies lag vor allem daran, dass das Hauptbeutetier des Wiedehopfs, die Maulwurfsgrille mit Meserul vergiftet worden war. Man hielt die Maulwurfsgrille für einen Schädling im Obstbau und viele Menschen betrachten die Maulwurfsgrille immer noch als Schädling. Die AVK und der WWF starteten in Südtirol ein Wiedehopfprojekt und es wurden künstliche Nisthilfen den Vögeln zur Verfügung gestellt. 2013 bis 2014 standen 144 Nistkästen bereitt. Im Jahr 2012 waren 10 bis 11 Wiederhopfnistkästen nur (8%) besetzt und 36-40 Jungvögel dürften flügge geworden sein. Die Zahl der Wiehopfbrutpaare in Südtirol hat sich nicht entscheidend erhöht, trotz vieler Nistkästen.

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Maulwurfsgrille, Nahrung des Wiedehopfs

Auerhahn

Bestandsentwicklung Auerhahn:
1973/ 1974 : 458 Balzplätze 429 Auerhähne
2009/2013 : 343 Balzplätze 277 Auerhähne
11 subalpiner Fichenwald mit Lärchen

Im „Brutvogelatlas“ der AVK wird als Ursache für den Rückgang der Auerhuhnpopulationen genannt: „….und vor allem Verluste bei der Nachkommenschaft in verregneten und kühlen Frühjahrsmonaten angenommen. Verluste sind auch durch zunehmend höhere Dichte von Beutegreifern (Marderartige, Fuchs) zu verzeichnen.“ Südtirols Vogelschützer machen das Wetter und natürliche vorkommende fleischfressende Tiere wie Marder und Fuchs für den Rückgang verantwortlich.

Lebensraumverbessernde Maßnahmen wurden im Naturpark Trudner Horn druchgeführt und die Auerhahnpopulationen hat sich nicht wesentlich erhöht. Ploner, Schroffenegger und Eccli vom Forstinspektorat Bozen I stellten klar (Tageszeitung 16. August 2016):“ „ In einem begradigten Bach mit wenig Wasser, wird auch der Abschuss des Kormorans wenig helfen. Ähnlich verhält es sich auch bei Fuchs und Wildhühner.“ Oft führen Gewässer in Südtirol gar kein Wasser (z.B. Hirschbrunnbach 2018) Mit diesem Beispiel haben die Forstbeamten die Situation treffend auf den Punkt gebracht. Auch wenn es keine Füchse gäbe und auch das Wetter immer auerhuhnfreundlich wäre, könnte man sicher nicht damit rechnen, dass die Auerhuhnbestände wieder auf Zahlen anwachsen, wie sie einst waren.

Hirschbrunnbach 2018
Renaturierter Hirschbrunnbach in St. Georgen- ohne Wasser

Bereits 2003 wurde auf die Notwendigkeit, einer umfassende Raumplanung, auerwildfreundlichen Bewirtschaftung der Wälder und die Gefahr der Isolation der letzten Populationen verwiesen:

„Die auf einem großen Teil der Waldfläche „geeignete“ bis „optimal geeignete“ Habitatqualität für Auerwild im Untersuchungsgebiet (66% der Waldfläche) ist eine wichtige Voraussetzung zur Erhaltung dieser Tierart. Allerdings bietet sie keine Garantie für ein langfristiges Verbleiben der Art im Gebiet. Denn ebenso wichtig wie eine auerwildfreundliche waldbauliche Bewirtschaftung auf Bestandesstrukturebene, ist die großräumige Einbindung der Gebiete in geeignete benachbarte Auerwildgebiete. Nur wenn es zum Austausch zwischen Populationen in großräumig geeigneten Lebensräumen kommt, ist auf Dauer eine reelle Überlebenschance der Art gegeben. Ist ein Untersuchungsgebiet als Auerwildlebensraum isoliert, ist ein langfristiges Überleben des Vorkommens auch bei optimaler Habitatstruktur unwahrscheinlich. Auerwildschutz erfordert deshalb eine großräumige Raumplanung und die enge und gute Zusammenarbeit benachbarter Waldbesitzer.“ Univ.Prof. DI Dr. Friedrich Reimoser, vom Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie, Veterinärmedizinische Universität Wien.

Bei vielen Vogelarten fehlt es an einer umfassenden Strategie oder Umsetzung von Maßnahmen, welche den Erhalt der Art garantieren.

Renaturierung und dann…

Auch nach Revitaliserungen sind Biotope nicht vital. Bei Revitalisierungen in der Schrambacher Lacke oder der Milländer Au, wird dies auch von den zuständigen Beamten betont:

Schrambacher Lacke:

„Allerdings ist das Biotop nicht mehr an die natürliche Gewässerdynamik des Eisacks angebunden, weswegen die auentypische Flora und Fauna zusehends abnimmt“

erklärte Andreas Vettori vom Amt für Wildbach- und Lawinenverbauung Nord der Agentur für Bevölkerungsschutz.

In der Milländer Au ist man auch ständig beschäftigt: Da die natürliche Überflutung durch den Eisack aufgrund seiner Verbauung und der Kultivierung der angrenzenden Flächen ausbleibe , müsse die Vitalität dieses Lebensraumes durch verschiedene Pflegemaßnahmen ständig gefördert werden, sagte Christoph Hintner vom Forstinspektorat Brixen. Die beiden Biotope sind auch nach den Revitalisierungen keine lebendigen natürlichen Auen, in denen Bäche die Au formen und umgestalten. Die Umweltschutzgruppe Eisacktal unterstützt die Gestaltung und den Umbau der Biotope tatkräftig.

Revitalisierung als Entvitalisierung:

Im Natura 2000 Gebiet Falschauermündung wurde eine Fläche im Jahr 2013 revitalisiert bzw. renaturiert. Auwald wurde gerodet und eine neue Sukzessionsfläche geschaffen. Auf der gerodeten Fläche wurden Erlen gepflanzt, daneben stellte sich gestörte Ruderalvegetation und Neophyten ein. Die Neophyten (Robinien) wurden intensiv mechanisch bekämpft.

Das Baumwachstum setzte nach der Störung des Standortes schnell ein, einige Robinien und einige Pappeln trieben aus.

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Zwei Jahre nach der Rodung des naturnahen Silberweidenauwaldes sticht eine Robinie und eine Pappel zwischen dem Unkraut (dominierend Weißer Gänsefuß) hervor.

Die Robinie ist ein invasiver Neophyt und die Weltnaturschutzorganisation IUCN wies 2014 darauf hin:

 “Invasive alien species are recognized as the second largest drivers of biodiversity loss worldwide”

Durch Renaturierungen werden Ruderalflächen geschaffen, auf denen invasive Neophyten vordringen können. An der Falschauer sind Robinien allgegenwärtig und besiedeln die Flächen. Nur durch eine massive Bekämpfung auf der revitalisierten Fläche ist es gelungen, die Art von der Fläche zurückzudrängen.

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Boden der renaturierten Fläche mit kleinen Pappeln, Robinien und Unkräutern.

 

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Ausschnitt mit einem Blasenstrauch und mehreren Robinien am Ufer

Arten der ruderal- gestörten Flächen sind vorherrschend. Es handelt sich um eine von Chenopodium album (Weißer Gänsefuß), eine Charakterart der Ruderalgesellschaften und der Acker- und Garten-Beikraut-Gesellschaften (Chenopodietea). Allgemein zu Ruderalvegetation auf Wikipedia: „Ruderalvegetation (von lateinisch rudus ‚Schutt‘) wird die Pflanzenwelt von menschlich tiefgreifend überprägten Standorten genannt, deren Zusammensetzung nicht vom Menschen beabsichtigt wurde, sondern die sich entweder auf ungenutzten bzw. brach gefallenen Flächen von ihm unbeachtet, oder auf devastierten, übernutzten oder vegetationsfrei gehaltenen Böden gegen seinen Willen einstellt.“

Störungen durch Renaturierungen bedingen häufig, dass Ruderalgesellschaften auftreten, auch am Vorzeigeprojekt Mareiter Bach wurden sie festgestellt.

Entvitalisierung:

Die revitalisierte Fläche liegt höher als der ursprüngliche Auwald. Die Mittelwassermarke ist am Ufer als Linie erkennbar. Hochwässer sind an der Falschauer sehr selten und die Fläche wurde seit der Renaturierung noch nie von einem Hochwasser überflutet. Der ursprüngliche Auwald (links vorne) war tiefer gelegen als die aufgeworfene neue Schotterfläche. Bei den im Bild sichtbaren holzigen Gewächsen auf der Schotterfläche handelt es sich um gepflanzte Erlen.

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Linie am Ufer markiert den Wasserstand bei mittleren Hochwässern, die revitalisierte Fläche wird nicht überschwemmt. Ursprünglicher Auwald rechts im Bild, der tiefer liegt.

 

Im Jahr 2017: Inzwischen ist die Fläche wieder bewaldet, vor allem mit Pappeln. Die Bekämpfung der Robinien war erfolgreich die Pflanzung von Erlen hat nichts gebracht, sie sind nicht gewachsen. Der junge Pappelwald ist von einem naturnah-strukturierten Auwald, mit alten Bäumen und einer Strauch- und Krautschicht noch weit entfernt. Die Arbeiten waren unnütz und haben die Au degradiert.

 

Biodiversitätsverlust durch Gesaltungen und Revitalisierungen

Veränderung des Fließverhaltens und der Sedimentation

Verbautes Bachbett- die Natürlichkeit der Bachstruktur ist nicht mehr gegeben
Revitalisierung mit Unmengen an Fischsteinen

Der Bau der Fischtreppe, der vollkommene Rückbau der Querbauwerke und das Hinstellen von großen Steinen, welche niemals auf natürliche Weise dort abgelagert worden wären, hat das Fließverhalten der Falschauer verändert. Das Fließverhalten der Falschauer wird heute durch diese Steine bestimmt, nicht durch die schwache Neigung des Geländes, wie es ähnlich auch im Naturzustand der Fall gewesen wäre. Der lobenswerte vollkommene Rückbau der Querbauwerke und die damit einhergehende natürlichere Bachmorphologie wird durch die Fischsteine ganz wesentlich beeinträchtigt, da diese als Fremdkörper im Gewässer die Ausbildung von natürlichen Sand- und Kiesbänken beeinträchtigen. 

Falschauer wie sie nicht mehr ist- mit Röhricht (linkes Ufer hinten)  und Kiesbänken (rechts)
Falschauer vor Revitalisierung, Schilfröhricht (links am Ufer), junge Lavendelweiden (rechts am Ufer) findet man heute an der Falschauer nicht mehr)

Die alten Kiesbänke vor den Revitalisierungsarbeiten bestanden aus Sand, Kies und Steinen, welche die Falschauer in den letzten Jahrzehnten dort abgelagert hat. Diese sind nun in Bewegung und lagern sich flussabwärts im Bachbett ab. Im Natura 2000 Gebiet hat sich dadurch die Bodenstruktur im Bachbett wesentlich verändert und nicht mehr feiner Sand und Schluff bestimmen den Boden sondern grober Sand, Kies und Steine. Die Flächen mit feinem Sand und Schluff, wie sie an langsam fließenden Flüssen zu finden sind, haben abgenommen. 

Seit 1999 wurde durch mehrere Eingriffe die Bachmorphologie verändert. Das gesamte Bachbett wurde umgestaltet, sogar der obere Bereich des Natura-2000-Gebietes. Die Brücke wurde falsch konzipiert und behindert den natürlichen Durchfluss. Die Hochwassergefahr hat sich mit dem Bau dieses Querbauwerks mit der Pegelmesstelle erhöht, da es zu Verklausungen kommen kann. Mit der Revitalisierung einher ging der Bau eines großen Querbauwerkes samt Parkplatz im Bachbett der Falschauer.  Hier wurde dem Bach nicht mehr Platz gegeben, sondern er wurde verkleinert. 

Lebensraumkomplex Fließgewässer im oberen Lauf der Falschauer

Die Falschauer floss vor hunderten Jahren im Naturzustand in einem reich verzweigtem Schwemmfächer mit einem Lebensraummosaik aus Schotterinseln, Weichholzauwäldern, Hartholzauwäldern und den wenigen unbewaldeten Flächen wie Sand- und Kiesbänke, Röhrichte, Krautfluren, Schlammfluren usw.

So ähnlich wie im Naturzustand floss die Falschauer bis zu den „Aufwertungsversuchen“ in Abhängigkeit vom tatsächlichem Einzugsgebiet. Sie wird begrenzt durch den Damm, doch da auch das Einzugsgebiet begrenzt ist, hat sich der einstige Naturzustand auf kleiner Fläche trotzdem ausbilden können: ein Mosaik aus vielen verschiedenen Lebensräumen.

Aus dem Vergleich der Lebensraumkarte mit den heutigen Verhältnissen, muss festgestellt werden: Die Lebensräume sind quantitativ weniger geworden und die trockengefallenen Kiesbettfluren mit Trockenrasenarten sind verschwunden. Fast alle Trockenrasenarten im Bachbett wurden entweder direkt ausgerottet oder sind durch die veränderte Sedimentation verloren gegangen.

Die Wiederansiedlung erfolgt nicht, da das Regenerationspotential im Etschtalboden generell gestört ist. Dazu haben sich auch invasive Neophyten massiv ausgebreitet (z.B. Robinien dominierend am Ufer der Fischrampe und starke Ausbreitung von Impantiens glandulifera, das es dort vor 1995 noch nicht gab).

Natura 2000 Gebiet „Biotop Falschauermündung“

ehemals reich strukturiert
Gut gemeinte Anlage einer Sumpffläche, Der Hügel im Hintergrund ist ein unsanierter Müllberg.

Im Bereich des geschützen Biotopes ist die Falschauer durch einen ausgedehnten Auwald, Teiche und den Bach gekennzeichnet. Unnatürliche Geländeerhöhungen finden sich im Schutzgebiet, eine erhöhung ist ein unsanierter Müllberg, das andere sind Dämme usw. Die Lebensräume Auwald, Teiche und der Bach können Lebensraumypen gemäß Typenschlüssel der FFH- Richtlinie zugeordnet werden.

Nach der FFH-Richtlinie Anhang I geschütze Lebensräume, welche im Biotop in Mitleidenschaft gezogen oder zerstört wurden:

1.) Auenwälder mit Alnus glutinosa und Fraxinus excelsior

2.) Naturnahes trockenes Grasland und Verbuschungs-Stadien

3.) Flüsse der planaren bis montanen Stufe mit Vegetation des Ranunulion fluitantis und des Callitricho-Batrachion

4.) Natürliche eutrophe Seen mit einer Vegetation des Magnopotamnions oder Hydrocharitions (wissend, dass es sich nicht um natürliche Seen sondern um künstliche Baggergruben handelt, wird hier der Einfachheit halber dieser Einstufung der Abt. 28 gefolgt)

Anhang I Lebensraum: Auenwälder mit Alnus glutinosa und Fraxinus excelsior.

91E0 * Foreste alluvionali di Alnus glutinosa Fraxinus excelsior (Alno-Padion, Alnion incanae, Salicion albae)

Il segno ‘*’ indica i tipi di habitat prioritari.

Ein großer Teil des Biotops wird von Wald eingenommen, einer der wenigen flächig ausgebildeten Silberweidenauwälder der Alpen. Dieser Wald ist von nationaler und internationaler Bedeutung, da es nur sehr wenige Wälder dieser Art gibt (z.B. in Nationalpark Donauauen).

Es handelt sich um ein Salicetum albae Issler 1926. Dieser kann in Subassoziationen unterschieden werden, hohe Weidenau und tiefe Weidenau. Die Standorte der tiefen Weidenau sind straucharm, sie entwickeln sich auf Anlandungen von Sand und Schluff an langam fließenden Flüssen und Altarmen. Die Cornus sanguinea bestockten Silberweidenwälder entwickeln sich auf Schotter- und Sandaufschüttungen. Bezeichnend ist der Strauchreichtum, wie er in Teilen des Waldes der Falschauer auftritt. Die Degradierung durch Solidago sp oder Impatiens sp ist an der Falschauer an einigen Stellen feststellbar. Der Pappelreichtum der Baumschicht ist auf trockenen Kiesaufanlandungen festzustellen.

Die Rodung und Zerstörung eines Teiles dieses Auwaldes, der dem Verband Salicion angehört, widerspricht dem Schutzstatus dieses Waldtypes gemäß der Richtlinie 92/43/EWG zur Erhaltung der natürlichen Lebensräume sowie der wildlebenden Tiere und Pflanzen und dem Naturschutzgesetz.

Teilweise Rodung und Umformung des Salictum albae zu einem Sumpfgebiet im Herzen des Biotopes

Der am besten ausgebildete Silberweidenauwald, in dem der Wald naturnah entwicklet war, wurde gerodet. Er musste einem artenarmen Sumpf weichen (dom. Juncus effusus, Juncus inflexus).gerodeter Silberweidenauwald

gerodeter Auwald im Herzen des Biotops. Es wurde eine Sumpffläche für Vögel angelegt.

Rodung eines Teils des Auwaldes:

Unterhalb der Brücke, flussabwärts gelegen, befand sich ein Auwald. Dieser war Teil des für das Biotop Falschauermündung typischen Silberweidenauwaldes. Dem Wald vorgelagert war ein Weidengebüsch und kleinflächige Krautfluren und Röhricht. Auf der anderen Bachseite sind die Aufschüttungen durch eine Chenopodetalia Gesellschaft besiedelt worden. Zwischen der anthropogen gestörten Ruderalvegetation wachsen Populus nigra und Robinia pseudacacia heran.

2.) Anhang I Lebensraum: Naturnahes trockenes Grasland und Verbuschungs-Stadien,

Trockenrasen“ am großen Fischerteich

Es kam zur totalen Zerstörung und zum irreversiblen Verlust des nach der FFH-Richtlinie geschützten Lebensraums:Naturnahes trockenes Grasland und Verbuschungs-Stadien. Diese Fläche wurde zu einem Weg umfunktioniert, planiert und ein kleiner Teich daneben errichtet (Planung Maria Luise Kiem). Eine Tafel, welche das Leben im Teich erläutert, steht heute dort, wo einst die letzte trockene Kiesbettflur die Zeit überdauert hatte. Durch den Bau der Stauseen im Ultental und die fehlenden Überschwemmungen entwickelte sich das einst baumfreie Gebiet zu einem Auwald.

Es handelte sich bei der Fläche um Epilobio-Myricarietum, das mit einer Mauerfugengesellschaft eng verzahnt war.

Die Kiesanschwemmungen der wärmeren Gebiete können trockenfallen und vollkommen austrocknen. Alpenschwemmlinge können sich dort nicht mehr halten sondern vor allem wärmeliebende Arten waren vorhanden. Die Anwesenheit von Farnen deutet auf eine sehr alte trockengefallene Kiesbettflur hin, deren Verbuschung sehr langsam vor sich ging. Besonders bemerkenswert war Ceterach officinarium (Prof. Pignatti hat diese Pflanze bei einer gemeinsamen Begehung auch inventarisiert). Die Art ist deshalb bemerkenswert, weil es sich wahrscheinlich um eine sehr alte trockene Kiesanschwemmung handelt oder aber die Art angeschwemmt wurde, als eine alte Trockensteinmauer oder ein Flaumeichenbuschwald bei einem Hochwasser mitgerissen wurde.

Die Verbuschung zeigte sich in der Anwesenheit jeweils eines Individuums von Birke und Kiefer.

Artenliste:

  • Epilobium dodonei (im Biotop ausgerottet)
  • Turritis glabra (im Biotop ausgerottet)
  • Festuca rupicula (im Biotop ausgerottet?- vielleicht ist noch eine am Damm oben)
  • Trifolium dubium
  • Melica ciliata
  • Petrorhagia saxifraga (im Biotop ausgerottet)
  • Potentilla argentea (im Biotop ausgerottet)
  • Potentilla verna (im Biotop ausgerottet)
  • Euphorbia cyparissias (im Biotop ausgerottet)
  • Asplenium trichomanes (im Biotop ausgerottet)
  • Asplenium septentrionale (im Biotop ausgerottet)
  • Asplenium adiantum-nigrum (im Biotop ausgerottet)
  • Sempervivum tectorum (im Biotop ausgerottet)
  • Sempervivum arachnoides (im Biotop ausgerottet)
  • Sedum acris (im Biotop ausgerottet)
  • Sedum album (im Biotop ausgerottet)
  • Sedum telephium (im Biotop ausgerottet)
  • Convolvulus arvensis
  • Helianthemum nummularium (im Biotop ausgerottet)
  • Tragopogon dubium (im Biotop ausgerottet)
  • Papaver rhoeas
  • Trifolium arvense (im Biotop ausgerottet)
  • Dianthus sylvestris (im Biotop ausgerottet)
  • Thlaspi arvense
  • Carex muricata
  • Centaurea stoebe
  • Bothriochloa ischaemum
  • Lotus corniculatus
  • Saponaria oxymoides (im Biotop ausgerottet)
  • Ceterach officinarium (im Biotop ausgerottet)
  • Betula pendula
  • Pinus sylvestris (im Biotop ausgerottet)
  • Arabis turrita (im Biotop ausgerottet)

Innerhalb des geschützen Biotopes findet sich keine trockengefallene Kiesbettflur mehr und auch im oberen Bereich der Falschauer wurde die letzte Kiesbettflur mit Epilobium dodonei zerstört. Da Epilobium dodonei wahrscheinlich ganz verschunden ist kann man davon ausgehen, dass es in Zukunft keine trockene Kiesbettflur mit der charakteristischen Art Epilobium dodonei mehr geben wird.

3.) Anhang I Lebensraum: Flüsse der planaren und montanen Stufe mit Gesellschaften des Ranunculion fluitantis und des Callitricho-Batrachion

In Bachbett der Falschauer innerhalb des Biotopes Falschauermündung fanden sich Ranunculus aquatilis agg. und Callitriche palustris agg. Die Arten siedelten in der Falschauer ca 100 m flussabwärts von der Biotopgrenze am Oberlauf und reichten bis zum Marlinger Teich. Im untersten Bereich an der Mündung in die Etsch fehlen die Arten, bzw wurden aufgrund der Tiefe des Wassers nicht erfasst.

Die Bestände von Ranunculus aquatilis agg. und Callitriche palustris agg sind dem Verband des Ranunculion fluitantis zuzuordnen.

Im Zuge der Lebensraumkartierung wurde festgestellt: Im Mündungsbereich der Falschauer sind Makrophyten nur an wenigen Stellen zu finden. Es handelt sich meist um von Ranunculus fluitans monodominierte Bestände, welche als verarmtes Ranunculetum fluitantis Allorge 22 gesehen werden kann. Diese Gesellschaft besiedelt mehr oder weniger stark fließende, nährstoffreiche Bäche und Flüsse in einer Wassertiefe von 1 bis 3m. Der Untergrund ist sandig-schlammig und von einer geringen Sedimentation gekennzeichnet.

Im oberen Bereich war einst auf kiesig-steinigem Untergrund ein sehr ausgedehnter dichter Bestand von Ranunculus aquatilis agg. Dieser fiel bei extremen Niedrigwasser im Hochsommer auch manchmal trocken. Die Fläche wies eine hohe Strömungsgeschwindigkeit auf. Die Art wurde nicht bestimmt, jedoch ist davon auszugehen, dass dieses Ranunculus aquatilis agg. eine andere Art oder ein anderes Taxon war/ist als Ranunculus fluitans im unteren Bereich.

Durch Baggerarbeiten wurden die Bestände direkt in Mitleidenschaft gezogen und indirekt durch die veränderte Sedimentation infolge der Revitalisierung und Gestaltungsmaßmahmen.

4.) Ausgewählte Pflanzenarten der Roten Liste, welche durch die Revitalisierungs-und Umgestaltungsmaßnahmen an ihrem Wuchsort verschwanden und der FFH Lebensraum, der beeinträchtigt oder zerstört wurde.

Wuchsort ehemaliger Tschermser Teich: Die Wasserfläche des Tschermser Fischerteiches wurde vergrößert. Dabei wurden die Ufer abgetragen und weggebaggert.

3150 Natürliche eutrophe Seen mit einer Vegetation des

Magnopotamnions oder Hydrocharitions

Am ehemaligem Tschermser Teich, wuchsen Rote Liste Arten:

  • Iris pseudacoris (Rote Liste NT, drohende Gefährdung)
  • Rumex conglomeratus (Rote Liste EN, stark gefährdet)
  • Alisma plantago-aquatica (Rote Liste NT, drohende Gefährdung)

Auf der Hinterseigte des Dammes befand sich ein Wuchsort von Glyceria maxima (Rote Liste EN, stark gefährdet).

Am Ufer des Teiches waren auch immer adulte und juvenile Smargdeidechsen zu finden, ein optimaler Smargdeidechsenlebensraum. Der Lebensraum der Smaragdeidechse ging verloren. Die Smaragdeidechse (Rote Liste EN, stark gefährdet) ist in der FFH- Richlinie Anhang IV zu schützende Art. Auch ihr Lebensraum müsste geschützt werden.  

Da der Teich umgestaltet wurde (Ufer durch wegbaggern verbreitert und Wasserfläche vergrössert), sind die Arten am Ufer nicht mehr vorhanden.

Weitere stark beeinträchtigte und zerstörte Lebensräume

Da der Wasserspiegel der Teiche am orographisch linken Ufer erhöht wurde, sind die Teichröhrichte mit Schilf und Rohrkolben, sowie die ehemals großen Seerosenbestände dezimiert worden (ebenfalls 3150 Natürliche eutrophe Seen mit einer Vegetation des Magnopotamnions oder Hydrocharitions). Typha latifolia (Rohrkolben) ist selten geworden, Nymphaea alba (Seerose) verschwunden. Eine kleine Insel mit Schilf, in der einst die Zwergrohrdommel brütete, ist untergegangen.

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ehemaliger Teich mit Röhricht und Seerosen
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Durch Revitalisierungsarbeiten hat sich der Grundwasserspiegel erhöht und die Seerosen und das Schilfröhricht sind verschwunden.

Zusammenfassung: Der Rückbau der Querbauwerke in der Falschauer hat weder für Fische (keine Verbesserung der Fischfauna in der Falschauer) noch für eine andere Tier- oder Pflanzengruppe eine Verbesserung bewirkt. Gestaltungsarbeiten haben dagegen zu einem Verlust an naturnahen und schützenwerten Flächen geführt, welche als Lebensräume in einem Natura 2000 Gebiet zu schützen gewesen wären. Die Ausbreitung invasiver Arten erfolgt auf vielen Flächen. Der unsanierte Müllberg und die Hügel längs der MEBO, welche z.T. aus dem Material des Müllberges stammen, sind zwei der wenigen Flächen, welche sich nicht verändert haben. Fast alle naturnahen Lebensräume wurden direkt oder indirekt beeinträchtigt oder zerstört. Seerosen gibt es heute im Natura 2000 Gebiet keine mehr.

 

Frösche, Kröten und Unken

 

Alle Frosch- und Krötenarten Südtirols sind geschützt und scheinen in der Roten Liste auf:

  • Erdkröte (Bufo bufo)- gefährdet
  • Wechselkröte (Bufo viridis)- stark gefährdet
  • Springfrosch (Rana dalmatina)- drohende Gefährdung
  • Grasfrosch (Rana temporaria)- gefährdet
  • Wasserfrosch (Rana esculenta agg.)- gefährdet
  • Laubfrosch (Hyla intermedia)- stark gefährdet
  • Gelbbauchunke (Bombina variegata)- gefährdet

Gefährdungsursachen

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1.) Lebensraumverlust: Verlust von Feuchtgebieten, Zerstörung von letzten Laichgewässern und Froschbiotopen.

2.) Eingeschleppte Fremdarten: Der Besatz mit Fischen kann eine Amphibienpopulation binnen kürzester Zeit auslöschen. Die gefräßigen Fische zerstören rasch sämtliches Leben im Teich, einschließlich Laich und Kaulquappen. Auch der absichtliche Fischbesatz vieler Gewässer um dem Angelsport zu frönen hat einen negativen Einfluss auf die betroffenen Gewässer und kann zum Totalausfall von Amphibien im Gewässer führen.

3) Zerschneidung des Lebensraums: Die Trennung der Laichgewässer und Feuchtgebiete von den terrestrischen Lebensräumen, welche von Amphibien außerhalb der Fortpflanzungszeit aufgesucht werden, führt zu großen Tierverlusten. Strassen zerschneiden oft die Lebensräume der Amphibien (z.B. Kalterer See).

4) Stoffeinträge: Überdüngung von Gewässern, Schadstoffeintrag durch die Landwirtschaft (Pestizide).

Auch in geschüzten Gebieten, wie dem Naturpark und Natura 2000 Gebiet Schlern sind Amphibien unzureichend geschützt. Untersuchungen zum Habitat Schlern von F. Glaser ergaben: „Ein starker Rückgang der Amphibienfauna wurde in zwei gewässerreichen Gebieten der Mittelgebirgslage verzeichnet. Die Hauptursachen sind ein massiver Fischbesatz in allen größeren Stillgewässern, fehlende Flachwasser- und Verlandungszonen, sowie die Zerstörung oder Überdüngung von Kleingewässern. Stark bedroht sind der Wasserfrosch und die Gelbbauchunke; ohne Artenschutzmaßnahmen dürften diese beiden Arten demnächst endgültig im Untersuchungsgebiet aussterben.“

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Laichgewässer Waldweiher

Frösche und Kröten brauchen Laichgewässer zur Fortpflanzung und terrestrische Lebensräume. Naturnahe, totholzreiche Laub- und Mischwälder, Auwälder mit fischfreien Gewässern und strukturreiche, landwirtschaftlich genutzte Flächen mit Hecken und fischfreien Kleingewässern und Tümpeln sind für die Arten geeignete Lebensräume. Pestizidbehandelte Apfelmonokulturen und Städte sind generell nicht geeignet. (Ausnahmen bestätigen die Regel- der Wechselkröte gefällt es am Bozner Flughafen und Frösche finden auch in Siedlungen mit Gärten und Gartenteich einen Lebensraum).

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Frösche und Kröten sind wichtige Glieder in der natürlichen Nahrungskette von Gewässerökosystemen. Ausgewachsene Wasserfrösche fressen z.B. Libellen, Libellenlarven wiederum die Larven der Frösche (Kaulquappen). Wasservögel, wie Reiher, fressen Frösche und Wasserkäfer ernähren sich von Kaulquappen. Kaulquappen ernähren sich von Algen und Kleinstlebewesen und können Gewässer algenfrei halten.

Frösche und Kröten werden auch von Säugetieren wie Igeln, Bären oder Füchsen gefressen, die Nahrungsbeziehungen sind vielschichtig. Die Nahrungsketten der Landökosysteme und der Gewässerökosysteme überlappen sich. Kein anderes Ökosystem in Mitteleuropa ist derart verändert wie Gewässerökosysteme und Frösche und Kröten sind aus weiten Teilen der Landschaft verschwunden.

Frösche sind auch Bioindikatoren, Prof. Josef, H. Reichholf zu Untersuchungen am Unteren Inn und Veränderungen der Auen durch Stauseenbau:

„Der Rückgang der Seefroschchöre hätte auch diese schleichende Entwicklung, die das ganze Ökosystem des unteren Inn und das der Altwässer und Bäche aus dem Vorland erfaßt hat, signalisieren können. Aber wer interessierte sich schon für Seefroschchöre?“

Kurze Artensteckbriefe:

Laubfrosch (Hyla intermedia)

Der Laubfrosch braucht zum Laichen fischfreie Kleingewässer und bevorzugt pflanzenreiche Weiher. Besonders in Temporärfeuchtstellen (Tümpel) in Waldnähe. Vor allem in Auenwaldgebieten kommt er natürlich vor. Er ist eine gut kletternde busch- und baumbewohnende Art, die sich tagsüber auf Schilfstengeln oder Zweigen sonnt. Nachts und in der Dämmerung wird der Laubfrosch aktiv und macht dann Jagd auf Insekten, Spinnen, Asseln usw. Er überwintert an Land im Wurzelwerk, im Laub, im Moos oder in Erdlöchern.

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Er laicht von April bis Juni ins Wasser, die Laichballen sind so groß wie eine Walnuss und werden in vegetationsreichen Stellen mit einer Wassertiefe um 20 cm abgelegt.

Vorkommen in Südtirol: letztes und einziges Vorkommen in der Millander Au bei Brixen. Dort wurde 2018 nur noch ein rufender Laubfrosch gezählt und die Art steht kurz vor dem Aussterben.

Besonderheiten: Die Umweltschutzgruppe Eisacktal hat sich nach dem Laubfrosch benannt, nämlich Hyla.

Springfrosch (Rana dalmatina)

Der Springfrosch bevorzugt lichte und gewässerreiche Laubmischwälder. Als Laichgewässer dienen Waldtümpel, Weiher, kleine Teiche und Wassergräben. Fischfreie Gewässer mit besonnten Flachuferzonen sind ideal. Der Springfrosch ist wärmeliebender und trockenheitstoleranter als der Grasfrosch und kommt in Südtirol in den tieferen Lagen vor (z.B Etschtalsohle).

Er ist ein überwiegend nachtaktiver Landbewohner und nur zur Laichzeit (März- April) im Wasser anzutreffen. Die Laichballen bestehen aus ca 1000 Eiern. Der Springfrosch ist im Frühjahr eine der ersten Froscharten, welche in die Laichgewässer wandert.

Er ernährt sich von Regenwürmern, Schnecken, Insekten.

Grasfrosch (Rana temporaria)

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Der Grasfrosch braucht zum Laichen kleine fischfreise Gewässer, oft sind es kleine Tümpel und Weiher aber auch langsam fließende Gewässer. Die Laichgewässer werden nur für relativ kurze Zeit aufgesucht und darin der Laichballen (1000- 4000 Eier) abgelegt. Der Grasfrosch lebt überwiegend an Land  und kommt in den verschiedensten Lebensräumen von Fichten- Buchen- Tannenwäldern bis auf Almen und subalpine Flächen vor. Er ernährt sich von Insekten, Schnecken und Regenwürmern. Er überwintert im Schlammboden von Gewässern oder an Land.

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junger Grasfrosch

Wechselkröte (Bufo viridis)

Die Wechselkröte ist an Trockenheit und Wärme gut angepasst. Sie bevorzugt waldfreie, sonnenexponierte, trockenwarme Lebensräume, wie z.B. ausgedehnte Schotterbänke mit kleinen Tümpeln an Flüssen. Die Laichgewässer sind flach und vegetationsarm und vegetationslos. Die Wechselkröte toleriert auch einen leicht erhöhten Salzgehalt der Laichgewässer und ist auch in Brackwassertümpeln entwicklungsfähig. In Südtirol kommt sie nur bei Leifers vor (z.B. am Flughafen).

Sie ist vorwiegend nachtaktiv und legt 2 m lange Laichschnüre mit bis zu 12000 Eiern. Ihre Larven, die Kaulquappen, bilden keine Schwärme im Gewässer, wie die anderen Frosch- und Krötenarten.

Erdkröte (Bufo bufo)

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Erdkrötenmänchen im zeitigen Frühjahr im Flachwasserbereich des Montiggler Sees

Erdkröten erwachen nach dem Grasfrosch und dem Springfrosch aus der Winterruhe und suchen ihre Laichgewässer meist im März auf. Sie sind laichplatztreu und bevorzugen ausdauernde Gewässer mit Schilf, die meist tiefer als 50 cm sind. Sie legen ihren Laich als Laichschnüre (2000 bis 7000 Eier) um den Schilf oder um Äste. Sie überwintern meist im Boden und graben sich dazu ein. Die Erdkröte kommt in Südtirol vom Talboden bis in höhere Lagen vor, jedoch nicht so hoch wie der Grasfrosch.

Erdkröten sind vorwiegend nachtaktive Landbewohner, die tagsüber an feuchten Stellen (Erdlächer, Steine, Wurzeln, Mauerwerk) unterschlüpfen.

Da Erdkrötenweibchen nicht jedes Jahr laichen und daher auch nicht die Laichgewässer aufsuchen, kommt es zu einem Überschuss an Männchen. Die Erdkrötenmännchen umklammern bei der Paarung die Erdkrötenweibchen. Da die Tiere nicht die Schlausten sind, umklammern sie manchmal auch Schuhe.

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Grünfrösche/ Wasserfrösche (Pelophylax esculentus agg.= Rana esculentus agg.)

Unter diese Zuordnung falle alle in Südtirol vorkommenden grünen Froscharten (außer Laubfrosch). Diese unterscheiden sich äußerlich von den braunen Arten (Grasfrosch und Springfrosch) und es kommt zu Hybridisierungen zwischen den grünen Arten, wodurch eine genaue Artabgrenzung schwieriger wird. Es kommen wahrscheinlich Seefrosch (Rana ribibunda) und der kleine Teichfrosch (Rana lessonae) vor, neben anderen Arten vor.

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Kleiner Teichfrosch

Grünfrösche sind viel enger an die Gewässer gebunden als die anderen Froscharten. Die Mehrzahl der Wasserfrösche hält sich mehr oder weniger dauerhaft im direkten Umfeld offener Gewässer auf. Bevorzugte Aufenthaltsplätze der meisten Wasserfrösche sind sonnenexponierten, nicht zu stark bewachsenen Uferkanten oder auf Schwimmblattvegetation. Dort sonnen sich die Tiere. Die Überwinterung erfolgt entweder in Erdlöchern und anderen frostsicheren Schlupfwinkeln an Land oder auch im Sediment des Gewässergrundes.

Grünfrösche kommen in Südtirol vor allem in niederen bis mittleren Lagen vor. Ein typischer Grünfroschlebensraum sind die kleinen seichten Weiher des Biotops Fuchsmöser in Andrian. Grünfrösche findet man häufiger in Gartenteichen.

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Seefrosch

Der kleine Teichfrosch (Pelophylax lessonae) produziert Laichballen mit 500 bis 5000 Eiern, welche auf den Gewässergrund sinken. Er überwintert an Land oder im Wasser. Die Nahrung wird im Sprung oder durch Hervorschellen der Zunge erbeutet. Er frisst Würmer, Gliederfüßer, Insekten, Schnecken usw. und ist vorwiegend tagaktiv.

Der Seefrosch (Peloyhylax ridibundus) überwintert im Gewässer und gibt zwischen Wasserpflanzen Laichballen mit bis zu 10.000 Eiern ab. Der Seefrosch ist relativ groß, bis 17 cm und ernährt sich nicht nur von kleinen Insekten und Schnecken, sondern auch von kleinen Eidechsen, anderen Fröschen und auch kleinen Mäusen. Er soll z.B. im Altarm des Eisacks in Brixen vorkommen.

Gelbbauchunke (Bombina variegata)

Von Mai bis Juni suchen die Gelbbauchunken ihre Laichgewässer auf und legen in kleinen Klumpen mit relativ wenig Eiern ihren Laich ab. Ähnlich wie die Wechselkröte dienen vor allem kleine Pfützen und Wasserlöcher als Laichgewässer. Dies können auch Pfützen auf Waldwegen sein, wie Traktorspuren. Durch Erhaltungsmaßnahmen auf Waldwegen gehen solche Lebensräume verloren.

 

Schmetterlinge in Südtirol

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Thymian-Widderchen

Es gibt ca. 3100 Schmetterlingarten in Südtirol, von Kleinschmetterlingen (57%) über große Tagfalter (6%) bis zu den nachtaktiven Schwärmern und Eulen. Wie viele Arten es genau gibt, ist ungewiss, denn je genauer geforscht wird, desto mehr Arten tauchen auf. Die Schmetterlinge oder Falter bilden weltweit mit mehr als 180.000 beschriebenen Arten in 127 Familien und 46 Überfamilien nach den Käfern die an Arten zweitreichste Insekten-Ordnung. Jährlich werden weltweit etwa 700 Arten neu entdeckt.

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Nachtfalter: Nachtpfauenauge

 

Gefährdung:

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Mauerfuchs (Lasiommata megera), kaum gefährdet

40% der ungefähr 1300 Großschmetterlingarten in Südtirol sind gefährdet.

Rote Liste der gefährdeten Arten:

  • ausgestorben: 88 Arten
  • vom Aussterben bedroht: 73Arten
  • stark gefährdet: 75
  • gefährdet: 156 Arten
  • potentiell gefährdet: 120 Arten

Allgemeine Gefährdungsursachen:

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Artenreiche Wiesen sind selten geworden

Habitatverlust: Zerstörung von Auwäldern, Verlust von artenreichen Magerwiesen, Verlust von Feuchtwiesen, Verlust von Hecken

Pestzide: Insektizide kontaminieren Schmetterlingslebenräume, durch Abdrift gelangen Pestzide auch in Wälder, Wiesenlebensräume, Hecken usw.

Intensivierung der Nutzgung: Mist- und Gülle auf Wiesen, Bewässerung von Wiesen, Eutrophierung von ehemals mageren Wiesenstandorten, Entwässerung von Niedermooren, Feuchtwiesen usw.

Zunahme von naturfernen Flächen (Strassen, Siedlungen, Apfelmonokulturen).

310Schutz vor Abdrift oder auch die totale Einhausung von integrierten Obstwiesen würde die Abdrift stark verringern und wären für den Schmetterlingschutz sinnvoll. Schmetterlinge sind in Südtirol auch in Schutzgebieten wie dem Natura 2000 Gebiet Castelfeder oder Trockenrasen bei Staben nicht ausreichend geschützt: So belegten Huemer & Tarmann (2001) in Halbtrockenrasen bis zu 54 Tagfalter- und Widderchenarten, in Trockenrasen bis zu 79 Arten. Intensive Belastungen durch Spritzmittel führten jedoch auch hier zu einem weitgehenden Zusammenbruch der Diversität mit nur noch 14 Arten am Trockenhang in Staben. Aber auch massive Überbeweidung der Halbtrockenrasen von Castelfeder hatte ähnlich negative Konsequenzen mit lediglich noch 7 Arten. Auch bei Untersuchungen der Schmetterlinge des Schlern, wurde die Beweidung als Ursache für den Schmetterlingsschwund identifiziert. 

(https://www.researchgate.net/publication/268267189_Artenvielfalt_und_Bewirtschaftungsintensitat_Problemanalyse_am_Beispiel_der_Schmetterlinge_auf_Wiesen_und_Weiden_Sudtirols)

Durch aktive Naturschtuzarbeit können Arten ebenfalls gefärdet werden, ein Beispiel aus Deutschland: So wurde ein Bereich im bayerisch-württembergischen Donaumoos (Leipheimer Moos / Langenauer Ried), der als teilweise trockene, ehemalige Niedermoorfläche beweidet wurde, vom Naturschutz trotz aller Bedenken langjähriger Kenner des Gebiets wiedervernässt. In der Fläche haben sich sehr viele akut vom Aussterben bedrohte Trockenbewohner wie u.a. Pyrgus armoricanus und Polyommatus baton (beide Rote Liste) angesiedelt, benachbarte Feuchtflächen erweisen sich für die Feuchtarten als ausreichend. So kann sich eine Wiedervernässung dahingehend negativ auswirken, dass die beiden wichtigen Zielarten des Naturschutzgebietes verschwinden oder zumindest stark geschädigt werden.

Bei Revitalisierungen in Südtirol fallen Auwälder der Schaffung von Fischlebensraum zum Opfer. Dadurch wird Fischen Lebensraum gegeben, Schmetterlingen wie Weidenkarmin, die auf Weiden angewiesen sind, verlieren ihre Raupenfutterpflanzen (Weidenkarmin ist vom Aussterben bedroht und wurde an der Etsch nachgewiesen). Im Auwald bei Bad Ratzes wurden über 300 Schmetterlingarten gefunden, oft werden in Südtirol Auwälder im Zuge von Renaturierungen gerodet und damit zerstört.

Biologie und Ökosystem

Die Entwicklung des Schmetterlings läuft vom Ei, Raupe, Puppe zum bekannten Schmetterling ab.

Schmetterling
Kaisermantel am Waldrand

Beispiel Kaisermantel (Bild) : Sie leben an sonnigen Waldrändern, blütenreichen Waldlichtungen mit strauchbewachsenen Rändern und lockeren Wäldern mit einer gut entwickelten Krautschicht. Die Falter fliegen jährlich in einer Generation von Juni bis August. Sie saugen mit Vorliebe an Brombeerblüten, Skabiosen und Distelköpfen. Nach der Paarung werden die Eier vorwiegend auf Baumstämmen abgelegt, in deren Nähe Veilchen wachsen. Das Weibchen beginnt in den Baumkronen seinen Suchflug. Hat es einen geeigneten Baum gefunden, lässt es sich senkrecht auf einen besonnten Platz am Boden fallen und sonnt sich. Danach fliegt es kurze Strecken dicht über den niederen Pflanzen und landet auf ihnen. Nahrungspflanze für die Raupen sind Feilchenarten (Viola sp.) und das Mädesüss (Philipendula ulmaria). Die Raupen schlüpfen im Spätsommer und verstecken sich am Stamm, ohne zu fressen, um zu überwintern. Erst im nächsten März werden sie aktiv und kriechen nach unten, um Nahrungspflanzen aufzusuchen und zu wachsen. Am Tag halten sie sich auf der Unterseite von Blättern verborgen und kommen nur in der Nacht hervor. Sie verpuppen sich an Kiefern oder an Zweigen in Bodennähe. Nach der Verpuppung schlüpft der Schmetterling aus der Puppe und sucht Skabiosen und Brombeeren auf, von deren Nektar er sich ernährt.

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Blütenreiche Waldlichtung bietet Faltern Nahrungspflanzen

Wälder mit ihren Lichtungen sind heute in Südtirol Lebensräume, in denen Schmetterlinge noch zahlreich sind. So wurden bei Untersuchungen am Schlern nicht etwa die Wiesen als Schmetterlingshochburgen identifiziert, sondern eine Kiefernwald- Brandfläche in Tiers mit 363 Arten, der Kiefernwald Weisslahn mit 344 Arten, der Auwald Bad Ratzes mit 322 Arten und der Fichten- Tannenwald Bad Ratzes mit 315 Arten.

Durch die vielen verschiedenartigen Fressfeinde der Schmetterlinge haben sich im Laufe der Evolution zur Tarnung und Warnung auf den Flügeln der Schmetterlinge oft Zeichnungen entwickelt, die entweder wie Tieraugen aussehen oder auch gefährliche und giftige Tiere imitieren oder durch auffällige Färbung vor ihrer Giftigkeit warnen. Es sind dies hochspezialisierte Anpassungen an die Umwelt, ebenso wie die Tarnung mancher Schmetterlinge, welche wie Rinde oder Blätter aussehen.

Schmetterling 2

Viele Schmetterlinge sind auf ganz bestimmte Lebensräume angewiesen und spezialiert. Es reicht bei weitem nicht aus, dass etwa die Raupenfutterpflanze einer Art in ausreichender Menge an einem Standort vorkommt, auch das Vorhandensein weiterer, etwa für andere Entwicklungsstadien notwendiger Requisiten (z.B. Faltersaugpflanzen) müssen vorhanden sein. Dazu kommen Faktoren wie Flächengröße und Isolationsgrad des Lebensraums, beides wichtige Kenngrößen für die langfristige Überlebensfähigkeit der Population. Isolierte Vorkommen einer Art können leicht erlöschen, wenn ein Ereignis eintrifft (natürliche oder anthropogene Einflüsse), das die Population dahinrafft.

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Admiral, Vanessa atalanta, auf seiner Raupenfutterpflanze Brennessel

 

Schmetterlinge sind auch gute Bioindikatoren. Aufgrund der engen Bindungen an ihren Lebensraum weist das Auftreten eines gewissen Schmetterlings auf ein bestimmtes Biotop hin. Fast alle heimischen Schmetterlinge kommen nur an ganz speziellen Orten vor, wo Futterpflanzen für Raupen und geeignete Lebensräume für Schmetterlinge zu finden sind. Darüberhinaus spielen sie im Ökosystem eine wichtige Rolle, z.B. Bestäubung von Pflanzen. Auch in der Nahrungskette spielen sie eine wichtige Rolle, da Raupen für bestimmte Vogelarten eine wichtige Futterquelle sind und auch Nachtfalter eine Hauptnahrungsquelle von Fledermäusen sind.

 

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Bläuling

Die Raupen einiger Schmetterlingsfamilien leben in Symbiose mit Ameisen, nämlich die Bläulinge. Die Raupe sondert mit Drüsen am Rücken eine zuckerhaltige Flüssigkeit aus. Diese lockt Ameisen an. Die Ameisen trommeln mit ihren Beinen auf den Rücken der Raupe, um die Produktion der süßen Flüssigkeit anzuregen. Im letzten Raupenstadium schleppen die Ameisen Bläulingraupen in ihren Bau. Hier nimmt die Raupe den Geruch der Ameisen an und lebt nicht mehr symbiotisch mit den Ameisen, sondern tritt als Sozialparasit auf und ernährt sich von der Brut der Ameisen. Im Bau verpuppt sie sich und überwintert je nach Jahreszeit.

AHRAUEN

 

Ahrauen in St. Georgen 2017, gerodeter Auwald, vitaler und naturnaher Auwald wurden zerstört

An der Ahr finden sich zwei ausgedehnte Natura 2000 Gebiete (Stegener Ahrauen und Ahrauen unterhalb Kematen), welche auch Vogelschutzgebiete sind.

1.) Artenvielfalt der Unteren Ahr:

Der Unterlauf der Ahr ist im Gewässerschutzplan als Gewässer von hoher naturkundlicher Bedeutung eingetragen (Gewässer mit floristischen und /oder faunistischen Besonderheiten: beherbergen Gewässer eine Biozönose, die aufgrund ihrer Seltenheit, ihre Bedeutung als Zeigerorganismen, Relevanz für die typische Ausprägung des Lebensraumes und ihres Beitrages zur Biodiversität unter besonderem Schutz stehen oder für deren Erhalt Förderprogramme durchgeführt worden sind)

2009 wurden beim Tag der Artenvielfalt über 1330 Tier- und Pflanzenarten festgestellt. Wie in der Studie „Fluss- und Auenrenaturierung in Südtirol“ 2012 nachzulesen ist, erfolgt bei Revitalisierungen bzw. Renaturierungen an der Ahr keine Zustandserfassung auf Artebene.

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Auwald in der Gatzaue

2.) Auwälder des Unteren Ahrntales

Südtirols vorherrschende Waldtypen wurden von 2001 bis 2009 systematisch erfasst und beschrieben. Das Projekt wurde durchgeführt, um flächendeckend über ganz Südtriol umfassende Kenntnisse zu den verschiedenen Waldstandorten zu bekommen und in der Folge waldbauliche Grundlagen zur naturnahen Pflege und Behandlung der vielfältigen Waldtypen ableiten zu können.

Grauerlenauwälder der Tallagen sind in der flachen Talsohle ausgebildet, wie z.B. im Ahrntal.

Winterschachtelhalm- Grauerlenau der Tieflagen (Equiseto-Alnetum incanae)

Von Grauerle dominierte, homogene Auwaldstreifen entlang der Hauptflüsse in der collinen und submontanen Stufe. In reifereren Stadien kann die Esche (neben Bergulme, Vogelkirsche, Traubenkirsche) in die geschlossenen bis  dichten, gleichaltrigen Bestände eindringen. Die meist gute Strauchschicht (Hartriegel in reifen Stadien) und die üppige Krautschicht (mit Kratzbeere, stickstoffliebenden Kräutern, Stauden und Gräsern) vermitteln ein charakteritisches Waldbild. Durch die Urbarmachung der Talböden findet man aktuell oft nur schmale Galeriewälder. Je nach Reifegrad (Überflutungshäufigkeit) sind verschiedene Ausbildungen zu erwarten. In diesem Waldtyp sind bei der Waldtypisierung die Übergänge von Weidenauen bzw. zu Ulmen- Eschen-Hartholzau zusammengefasst.

Auch durch Flussverbauung und – eintiefung (Sohlenerosion) trockengefallene Auwaldflächen, die von Laub-/ Nadelholz- Wäldern bestockt sind, fallen auf der Karte der Waldtypisierung in diesen Typ. Über dem potentiellen Flutniveau findet eine langsame Entwicklung hin zu den Hauptwaldtypen statt.

Waldfunktion:

Die Bestände haben Bedeutung für den Hochwassser- und Uferschutz. Sie haben hohen Wert für Natur- und Landschaftsschutz und sind keine Wirtschaftswälder.

Naturschutz: prioritärer Lebensraumtyp nach FFH. Richtlinie, Alnenion glutinoso- incanae, Natura 2000 Code- 91E0

Entstehung: Grauerle ist wegen ihrer schwimmfähigen und lange keimfähigen Samen vom Oberlauf bis in den Mittellauf der Flüsse verbreitet. Während sie montan entlang der Bächläufe dominiert, können sich in der collinen Stufe unmittelbar am Flussufer Weiden durchsetzten. Grauerle stockt dann auf wenigen lang, jodoch noch häufig überschwemmten Standorten. In einer weiteren Zone mit selteneren Überschwemmungen herrschen Esche und Bergulme vor. Durch Gewässerregulation und Verbauungen entwickeln sich verbliebene Auwaldreste (wegen ausbleibender Überschwemmungen) weiter zu Nadelholz- beständen oder Laubmischwald.

Entwicklung: Bei Ausbleiben der periodischen Überschwemmungen aufgrund von Verbauungen entwickelt sich die Weichholzaue (Weiden, Grauerle) zur Hartholzaue mit Esche und Ulme.

Maßnahmen: letzte naturnahe Flussabschnitte mit verbliebenen Auwaldresten sind vor weiteren Verbauungen zu schützen. Sekundäre Fichtenbestände sind wegen Borkenkäfer-Kalamitäten in Laubmischwald zu überführen. Grauerle verjüngt sich generativ, als auch vegetativ nach Abknicken oder Umstürzen. Kronenpflege und Schaftumfüttterung sind bei qualtitiv hochwertigen Einzelbäumen notwendig.

(Quelle: Waldtypisierung Südtirol)

3.) Gewässerökologie:

Im Gewässerökologischen Bericht wurde der Unterlauf der Ahr 1996 charakterisiert:

„Der Ahr-Unterlauf Das geringe Gefälle und die breite alluviale Talsohle sind kennzeichnende Elemente dieses Bereiches. Der einst stark meandrierende Verlauf des Baches wurde im Laufe der letzten Jahrhunderte durch Verbauungs- und Bonifizierungsmaßnahmen wesentlich geprägt. Was vom ursprünglichen Charakter übrig bleibt, sind hauptsächlich einige leicht bogigen oder bogigen Strecken zwischen Stegen und Mühlen in Taufers. Grundsätzlich weist der Bach keine “Dynamik des Verlaufes” mehr auf, d.h. der Verlauf des Gewässers wurde zum Schutz der Siedlungen und der produktiven Flächen (meistens Wiesen) durch verschiedene Uferverbauungen fixiert. Erscheinungen, welche mit einer intakten Dynamik gekoppelt sind (Bildung neuer Meänder, Altarme, Überschwemmung der Auwaldflächen und der alten Moose) können beim derzeitigen Zustand nur die Folge von katastrophalen Ereignissen sein. Dabei spielt über die Verbauung hinaus auch die Entnahme von Bachsedimenten eine entscheidende Rolle. An mehreren Stellen werden regelmäßig große Mengen Kies und Sand entnommen (Schotterwerke); dadurch enstehen tiefe, breite, sehr langsam fließende bis stehende Abschnitte, welche wiederum in der Folge als “Sedimentenfalle” dienen. Übrig bleiben vor allem solche Sedimentanteile, die keinen kommerziellen Wert haben (Flinz, Schlamm, sehr oft Faulschlamm). Sie stellen in vielen Bereichen die wichtigsten Bestandteile der Bachbettsedimente dar.
Die Verbauung der Ahr zwischen Stegen und Sand in Taufers entspricht zum größten Teil der Uferverbauung mit Blockwurf. Im Siedlungsbereich kommen aber vielfach Ufermauer (Beton, Natursteinmauer) vor. In Sand in Taufers liegt ein Großteil der Siedlung eindeutig unter dem Bach.

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altes Wehr St. Georgen: das Querbauwerk, welches die Ahr unterbricht, wurde unter Denkmalschutz gestellt.

 

Mit der Ausnahme eines alten Wehrs (W.Fassung) kurz oberhalb Skt. Georgen, einer/zwei ähnlichen Querwerke in Sand in Taufers und einer Brücke/Verrohrung zwischen Gais und Uttenheim, welche mindestens zeitweise schwer von Fischen überwindbar sind (je nach Fischart), weist der gesamte Unterlauf der Ahr keine nennenswerten Unterbrechungen des Fließgewässerkontinuums.
Die eindeutige Vertiefung sowohl der Bachbettsohle als auch der Quell-Entwässerungsgräben und die gekoppelte Senkung der obersten Grundwasserschichte (“subalveum”) läßt in den angrenzenden Bereichen vielfache Auswirkungen erkennen. Darunter seien hier, außerhalb der Siedlungen, nur die allmähliche Austrocknung der ehemaligen Feuchtwiesen, Moose und Auwälder sowie die fortschreitende Umwandlung reiner Erlenbestände in Mischwälder, in deren Zusammensetzung Fichten, Lärchen, manchmal sogar Kiefern zunehmend eine Rolle spielen, erwähnt.
Die Meliorierungsmaßnahmen und die Intensivierung der Viehzucht führten in mehreren Bereichen zu einer eindeutigen Überdüngung der Wiesen. Wenn normalerweise die Verdünnung im Hauptgewässer aufgrund der großen Wasserführung verheerende Erscheinungen vermeiden kann, sind die Auswirkungen in den kleineren Seitengewässern der Talsohle sehr gravierend. Diese Gräben waren ursprünglich sehr “konservative” Lebensräume, d.h. sie waren kaum von Hochwässern gefährdet. Sie waren Rückzugsgebiete, Laichgebiete, Kinderstuben für Amphibien und Fische. In vielen Fällen verfügen sie beim aktuellem Zustand um einen wesentlich kleineren Abfluß (Senkung des Grundwasserspiegels) und/oder sind nicht mehr vom Hauptgewässer zugänglich. Außerdem sind sie sehr stark durch direkte und indirekte Schmutzwassereinleitungen gefährdet, welche meistens mit viehwirtschaftlichen Maßnahmen gekoppelt sind.

Trotz der kurz beschriebenen Beeinträchtigungen stellt der Ahrunterlauf,  nicht zuletzt wegen ihrer Ausdehnung, die wertvollste Flußlandschaft des Landesgebietes. Dieser Stellenwert hängt sowohl von den Eigenschaften dieser Landschaft als auch von der Zerstörung ähnlicher Lebensräume in anderen Tälern ab. Der Trend ist aber eindeutig negativ. Ohne ein übergreifendes Konzept, welches sowohl den Schutz dieser Landschaft als auch die veträglichen Nutzungen derselben berücksichtigt ist zweifellos mit einer weiteren Verschlechterung des aktuellen Zustandes zu rechnen.“

Hätte man an der Ahr den Gewässerökologischen Bericht als Planungsgrundlage herangezogen (wie in der Studie zur Fluss- und Auenrenaturierung vorgeschlagen wurde), wäre das alte Wehr in St. Georgen das Bauwerk gewesen, das man als erstes hätte abreißen müssen, um den Geschiebetransport und die Durchgängigkeit für Fische wieder herzustellen. Als dieses Bauwerk abgerissen werden sollte, haben sich die folgende Interessensvertreter gegen den Rückbau stark gemacht:

Heimatpflegeverband Südtirol – Bezirk Pustertal
Claudia Plaikner, Klaus Graber, Walter Harpf, Albert Willeit, Michael Burger
Kuratorium für technische Kulturgüter
Wittfrieda Mitterer

Diese waren auch gegen den Bau eines Wildwasserparkes für Sportler im Bereich der Ahr St. Georgen. 

Der Kanusport könnte sich auch negativ auf die Brutvögel der Ahr auswirken, da Vögel gestört werden. Jedoch ist bei Störungen für Vögel (zwei Vogelschutzgebiete finden sich an der Ahr) auch immer zu bedenken:

Beschränkungsmaßnahmen zur Minderung oder zum Ausschluß von (menschenbedingten) Störungen sind dann – und nur dann (!) – notwendig und sinnvoll, wenn alle potentiellen, von Menschen verursachten Störungen im betreffenden Gebiet gleichermaßen eingeschränkt oder ausgeschaltet werden („Gleiche Verpflichtungen für Alle!“). Eine teilweise Einschränkung kann die Verbesserung der Lage durch Gewöhnung sogar beeinträchtigen (insbesondere wenn harmlose, regelmäßig wiederkehrende Störungen ausgeschaltet werden!). Direkte Nachstellungen (Bejagung, Bekämpfung) bilden die mit weitem Abstand stärkste Form von Störungen und sind die Ursache der Scheuheit!

Prof. Dr. Josef H. Reichholf 1998, Untersuchung Kanuwandersprot und Naturschutz

 An der Ahr wurden zahlreiche Revitalisierungen und Renaturierungen durchgeführt. Wie in der Studie zur Fluss- und Auenrenaturierung festgestellt wurde, kann nicht nachgewiesen werden, dass sich der Zustand der Unteren Ahr verbessert hat.

Der ausgedehnte Grauerlenauwald der Gatzaue ist jebenfalls Geschichte und wurde weggebaggert.

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Fische der Ahr:

Im Zuge der Wasserrahmenrichtlinie werden Untersuchungen zu Fischbeständen durchgeführt. Von der Industriezone Mühlen bis unterhalb der Brücke in Gais wurde in Streifen abgefischt und auch Uferbefischungen durchgeführt. Dabei wurden gefunden:

  • Marmorierte Forelle 37
  • Bach. x marm. Forelle 79
  • Bachforelle 115
  • Regenbogenforelle 22
  • Äsche 332
  • Mühlkoppe 88
  • Neunaugen 2

Die Ahr ist ein Äschengewässer, in dem sich aber viele Kreuzungen bzw. Hybride und nicht heimische Fische wie die Regenbogenforelle tummeln. Die Artenzusammensetzung der Fische ist nicht mehr natürlich.