Auwald Brixen

Titelbild: Auwald Brixen mit mächtiger Ulme in Bildmitte

In der Industriezone Brixen ist einer der letzten Auwälder des Eisacktales erhalten geblieben und Auwälder sind sehr seltene Waldtypen, nur 0,6% der Waldfläche Südtirols ist Auwald der Tallagen. Der Auwald droht für immer zerstört zu werden. Auwälder sind prioritär zu schützende Lebensräume nach der Habitatrichtlinie der EU und in Südtirol unterliegen sie dem Schutz durch das Naturschutzgesetz.

Nahezu die Hälfte der Tierarten sind durch die Zerstörung der Lebensräume gefährdet oder ausgestorben (Rote Liste Tierarten Südtirol) und besonders Arten der Auen sind davon betroffen.

Besonders schützenswerte, weil im Kulturland selten gewordene Habitate sind Nass- und Feuchtflächen, stehende und fließende Gewässer inkl. Ufervegetation, Auwälder und Uferbiotope sowie Flurgehölze und Hecken.

Landschaftsleitbild Südtirol

  1. Aktionen für den Erhalt des Auwaldes
  2. Naturjuwel Auwald- ein seltener Lebensraum und seine Bewohner
  3. Funktionalität des Auwaldes
  4. Gegner und Befürworter für den Erhalt des Auwaldes Brixen
  5. Weitere Mediale Berichterstattung

 

1.) Aktionen für den Erhalt des Auwaldes

Das Artenschutzzentrum beteiligt sich an der Menschenkette für den Auwald

Am 14.12.2019 versammelten sich Menschen und bildeten einen Menschenkette für den Erhalt des letzten großen Auwaldes des Eisacktals. Es wurden kurze Reden gehalten, etwa von der Umweltaktivistin Magdalena Gschnitzer, Preisträgerin des Euregio Umweltpreises für aktiven Umweltschutz 2017. Es wurde auch eine Tanzperformance der Gruppe Shabba Crew aufgeführt und auf youtube veröffentlicht und der Auwald bekam auch eine Seite auf Facebook.

und eine Kampagne wurde gestartet und es kann gespendet werden.

Da Auwälder nicht für sich selbst eintreten können, müssen das wir Menschen machen. Um den Auwald vor der restlosen Zerstörung zu retten,  wird Geld gesammelt https://www.indiegogo.com/projects/help-us-save-our-beloved-forest-auwaldbleibt#/

Markus Dorfmann, Musiker mit dem Künstlernamen Doggi, komponierte ein Lied für den Auwald und plädiert für den Erhalt des Waldes.

Konkrete Maßnahmen einer langfristigen „Utopie“ sind hier im Beitrag unter Punkt 3. zu finden.

2. Naturjuwel Auwald Brixen- ein seltener Lebensraum und seine Bewohner

Auwälder werden oft mit tropischen Regenwäldern verglichen und Auwälder sind in Europa ein Hotspot der Biodiversität. Die dichten undurchdringlichen Wälder mit Lianen und Sträuchern erinnern an Urwälder. Ihre Vitalität verdanken sie der guten Nährstoff- und Wasserversorgung. Der Auwald in Brixen wird heute nur noch bei extremen Hochwässern überflutet, ähnlich wie alle Hartholzauwälder (Situation ähnlich Hartholzau siehe https://www.spektrum.de/lexika/showpopup.php?lexikon_id=7&art_id=1098&nummer=193) Der Auwald ist aber mit dem hochanstehenden Grundwasser am Eisack gut mit Wasser versorgt, ähnlich wie die Schwarzerlenauen im Vinschgau. Untrügerisches Zeichen für die gute Wasserversorgung ist auch der Schilfbestand und die üppige Vegetation. Der Auwald in der Industriezone Brixen ist mit seinen über 3 Hektar der letzte große Auwald am Eisack im gesamten Eisacktal.

Der Auwald in der Industriezone ist als Auwald einfach an den vorherrschenden Baumarten erkennbar, Erlen, Weiden, Eschen und Pappeln prägen den Wald. Viele weitere Laubbäume ( etliche Weidenarten, zwei Ulmenarten, Ahorn, Sommerlinde) und Sträucher bilden mit Hopfen und Waldrebe einen dichten Auwald und die für Auwälder charakteristische Kratzbeere (Rubus caesius) bedeckt weite Teile des Auwaldes. Die Bergulme, deren Bestand in Europa abnimmt und zu den gefährdeten Baumarten Europas gehört (Rote Liste Bäume EU: gefährdet VU), wächst ebenfalls im Auwald und neben der Bergulme kommt auch die Feldulme vor, welche auch typisch für Hartholzauwälder ist. Sumpfziest, Wassermiere, Rossminze, Großes Springkraut und Gewöhnlicher Gilbweiderich als Arten der Auen und Feuchtgebiete wachsen auch im Auwald.

 

Schilf im Auwald in der Industriezone- der Auwald ist gut mit Wasser versorgt
Schilf im Auwald in der Industriezone- der Auwald ist gut mit Wasser versorgt

In der Tageszeitung „Dolomiten“, vom Freitag 13. September 2019 wurde vom Bürgermeister Brixens der Eindruck erweckt, dass der Wald in der Industriezone kein Auwald sei. In der Ausgabe vom 14. September 2019, stellte Martin Hilpold klar, dass der Wald sowohl in der Waldtypisierung Südtirols Band 2 S. 212 als auch beim Projekt Stadtlandfluss als Auwald angesprochen und eingetragen ist. Auch in der Karte der Aktuellen Vegetation Südtirols ist es ein Auwald und die aufmerksamen „Dolomiten“ Leser wurden darüber informiert (Auch von einigen Umweltschützern wurde öfter negiert, dass der Wald ein Auwald sei, siehe Punkt 4).

(Waldtypisierung: http://www.provinz.bz.it/land-forstwirtschaft/wald-holz-almen/studien-projekte/waldtypisierung-suedtirol.asp)

(Flussgebietsraum Mittleres Eisacktal: http://www.provinz.bz.it/sicherheit-zivilschutz/wildbach/stadtlandfluss.asp)

In der Waldtypisierung ist der Auwald als Auwald der Tallagen AE eingetragen, darin sind die Schwarzerlenauwälder, die Grauerlenauwälder der Tallagen, Silberweidenauwälder und auch die Ulmen- Eschen Hartholzau enthalten inklusive waldbaulich stark veränderte Auwälder mit dominierenden Fichten. Von Südtirols gesamter Waldfläche nehmen diese Wälder nur 0,6% ein und es sind sehr seltene Waldtypen bzw. Pflanzengesellschaften.

luftig lichte Baumkronen des Auwaldes
Baumkronendach des Auwaldes mit Schwarzpappeln und Eschen

Vom Unternehmen STEFAN GASSER UMWELT&GIS (ZUSTANDSBEWERTUNG DES WALDRESTS IN DER INDUSTRIEZONE BRIXEN
MIT FOKUS AUF DESSEN ÖKOLOGISCHER FUNKTIONALITÄT) wurde der Auwald als Zwischenform den Verbänden des Grauerlen-Auenwalds
(Alnion incanae) und des Hartholz-Auenwalds (Fraxinion) zugeordnet, wobei keine genaue Zuordnung auf Gesellschaftsebene erfolgte sondern nur auf Verbandsebene und damit sehr ungenau der Wald beschrieben wird. Der Auwald wurde in dieser Bewertung entsprechend dem Lebensraumtypenschlüssel zwei Lebensräumen zugeordnet:

61210 „Grauerlen-Auwälder (Alnetum incanae)

61300 „Eichen-Ulmen-Eschen-Hartholzauwald (Ulmenion),

In dieser Zustandbewertung fällt auf, dass es sich einmal um den Verband Fraxinion und einmal um Ulmenion handeln soll und es vollkommen unklar ist, um welchen Auwald es sich tatsächlich handelt. Ein Grauerlenauwald ist der Auwald eher nicht, da die typischen Arten des Hartholzauwaldes, etwa die Wilde Rebe und zwei Ulmenarten im Auwald wachsen. Im Auwald stehen einige Erlen, von denen einige  Bäume wahrscheinlich wegen das Erlensterben abgestorben sind. Das Erlensterben wird durch eine Pilzkrankheit ausgelöst.

Der Auwald ist für zahlreiche Vogelarten Lebensraum, für Zugvögel und für Brutvögel. Insgesamt konnten bei Bestandserhebungen im Auwald 64 Vogelarten gezählt werden. Von 29 Arten konnte eine Brut im Gebiet nachgewiesen werden und der Auwald ist damit ein wichtiges Brutgebiet für Vögel.

Vogelnest auf Schwarzpappel im Auwald
Vogelnest auf Schwarzpappel im Auwald

 

Von diesen Brutvögeln scheinen auch Arten in der Roten Liste auf: gefährdet sind der Grauschnäpper, der Wendehals, der Grauspecht, die Nachtigall, der Waldlaubsänger  und der Wiedehopf. Auch der in Südtirol sehr seltene Kleinspecht brütet im Auwald, er kommt nur bei Brixen und an der Ahr im Tauferer Ahrntal vor, weniger als 10 Tiere dieser Vogelart gibt es in Südtirol. Nach der Roten Liste (Rote Liste Vögel Südtirol von 1994) ist der Wiedehopf stark gefährdet und ebenso der Kleinspecht. Grauspecht, Grauschnäpper, Waldlaubsänger, Nachtigall und Wendehls sind potentiell gefährdet. Jedoch haben seit der Erstellung der Roten Liste viele Arten in Südtirol abgenommen, wie etwa die Nachtigall.

Eine ornithologische Besonderheit, auch weil die Brutkolonie die einzige am Eisack ist, ist die Graureiherbrutkolonie auf den Fichen. „Die Bäume, die dem Graureiher als Brutplätze dienen, werden natürlich belassen“, betonte das Landesamt für Landschaftsökologie, als Fichten im Auwald gefällt wurden, um den Auwald waldbaulich aufzuwerten. Die Gruppe von Fichten im Auwald blieb stehen und die Graureiher brüten alljährlich im Auwald. Der Graureiher ist nicht in der Roten Liste der gefährdeten Tierarten Südtirols, weil es ihn bei der Erstellung der Roten Liste in Südtirol nicht gab.  2019 wurden im Auwald 19 Brutpaare gezählt und damit war es die zweitgrößte Brutkolonie Südtirols. Nur im Auwald an der Etsch bei Eppan brüteten mit 19 bis 21 noch mehr Paare. In den AVK Nachrichten 73/2019 wurde der Auwald als Fichtenwald bezeichnet.

 

Der Auwald ist Brutgebiet des Kleinspechtes und um 1980 war er auch Brutgebiet des Schwarzspechtes. Bemerkenswert ist auch das Vorkommen des Grauspechtes (Picus canus) im Auwald, welcher wie der Schwarzspecht nach Anhang I der Vogelschutzrichtlinie der EU zu schützen ist. Der Grauspecht ist in Europa eine Art der Auwälder (vgl. http://www.natura2000.steiermark.at/cms/beitrag/12596523/138816549/) und zählt zu den Leitarten der Berg-Buchenwälder, Hartholz-Auenwälder und Eichen-Hainbuchen-Wälder in Deutschland (Flade 1994). In den letzten Jahrzehnten haben die Bestände an Grauspechten vielfach abgenommen (Deuschtland, Schweiz). In Südtirol wurden von 2010 bis 2015 immerhin in 7 Rasterfeldern Bruten nachgewiesen (AVK 2017), wobei im Unterland und Eisacktal- Wipptal die Bruten abgenommen haben. Der Grauspecht braucht strukurierte Landschaften und Wälder mit Altbaum- Totholzbestand und der Auwald in Brixen ist ein idealer Spechtlebensraum.

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Alte absterbende Scharzerle mit zahlreichen Spechthöhlen im Auwald
Alte absterbende Bäume mit zahlreichen Spechthöhlen finden sich sehr zahlreich im Auwald, von den Baumkronen der Pappeln bis weit unten an der Basis von Schwarzerlen- in diesen Höhlen können auch Quartiere von Fledermäusen sein

Bemerkenswert ist auch das Brutvorkommen der Nachtigall im Auwald. „Die Nachtigall kommt in den Tallagen vor. Sie besiedelt mit Vorliebe den unteren Waldrandbereich und Ufergehölze. Im Eisacktal reichte das Verbreitungsgebiet nur bis Brixen. In dieser Beobachtungsperiode wurden zum ersten Mal auch singende Exemplare im Pustertal festgestellt. Der Bestand ist in den letzten zwei Jahrzehnten dramatisch zurückgegangen, durch weitere Verluste an Auwaldflächen, Entfernung von uferbegleitenden Gehölzen und des strauchreichen Unterholzes in den Laubwäldern.“ (Brutvogelatlas, AVK 2017). Die Lebensraumzerstörung ist die Hauptursache für die Gefährdung der Nachtigall in Südtirol und bestehende Lebensräume der Nachtigall müssen aus Vogelschutzgründen unbedingt erhalten werden.

 

Auwald am Eisack in der Industriezone Brixen mit Nest des Graureihers auf der Pappel
Auwald am Eisack in der Industriezone Brixen mit Kletterpflanzen (Gemeine Waldrebe und Wilder Hopfen) und Nest der Elster in der Pappel hinten.

Für Zugvögel sind die Auwaldreste im Talboden wichtige Rastplätze und gerade im Auwald in der Industriezone halten sich sehr seltene Arten auf, wie etwa die Turteltaube, welche als Brutvogel in Südtirol ausgestorben ist. Schwarzkehlchen, Braunkehlchen, Pirol und Nachtreiher gehören auch zu diesen seltenen Vögeln, die in der Zugzeit dort Rast machen.

Laichgewässer von Frösche und Kröten gibt es im Auwald nicht mehr, da der Bau von Teichen am Auwald in der Vergangenheit verabsäumt wurde. Die Abtrennung des Auwaldes von den Hochwässern des Eisack durch den Bau des Dammes und der Straße sind Fehlplanungen, welche die Funktinalität der Au negativ beeinträchtigen.

Der Auwald bietet erstaunlich vielen Reptilien Lebensraum, deren Bestand in Südtirol entsprechend der Roten Liste der Tierarten gefährdet sind: der Äskulapnatter (Zamenis longissimus) EN – stark gefährdet, der Würfelnatter (Natrix tessellata) EN – stark gefährdet und der Zornnatter (Hierophis viridiflavus) NT – potentiell gefährdet. Die Würfelnatter ist eine Art der Auen und jagt auch im Wasser des nahen Eisack nach kleinen Fischen und Wasserinsekten.

Würfelnatter, Rote Liste stark gefährdet

Der Auwald birgt zahlreiche weitere Schätze, wie den Großen Erlenprachtkäfer (Dicerca alni). In der Publikation „Neue Fundangaben zu einigen Fluginsekten in Südtirol“ von Klaus Hellrigl, 2015, wird diese Art erstmals für Südtirol beschrieben. Im Sommer 2013 und 2014 hat G. Mörl aus dem Erlenholz die Käfer gezogen und nachgewiesen.

Moderholz mit Pilzen im Auwald in der Industriezone
Moderholz mit Pilzen im Auwald in der Industriezone

Die Larven entwickeln sich im toten Holz, überwiegend in absterbenden Erlen. Die besonders wärmeliebende Art ist ein Waldtier und bevorzugt feuchte Wälder und Auwälder. Sie kommt auch in anderen Gehölzen vor und dabei auch in anderen Wäldern. Die Larven entwickeln sich im Splintholz des Stammes oder in stärkeren Ästen. Die Fraßgänge sind geschlängelt, verlaufen jedoch vorwiegend parallel zur Längsachse des Stammes. Sie sind relativ flach, bis zu 15 Millimeter breit und prall mit feinem Bohrmehl gefüllt. Die Entwicklung ist mehrjährig. Kurz vor der Verpuppung führt die Larve den Gang aus dem Holz nochmals bis dicht unter die Rinde, dann legt sie tiefer im Splintholz die Puppenkammer an. Der ausgewachsene Käfer verlässt die Puppenwiege durch den letzten von der Larve angelegten Gangabschnitt. Fertig entwickelte Käfer wurden im Oktober in der Puppenwiege gefunden. Über die Biologie der Käfer gibt es noch Wissenslücken.

Auwald in der Industriezone Brixen mit Totholz Lebensraum einer Vielzahl hochspezialierter Käferarten
Auwald in der Industriezone Brixen mit stehendem und liegendem Totholz

Beim Projekt Stadtlandfluss wurde klar hervorgehoben, dass noch Reste ehemaliger Flusslebensräume vorhanden sind, durch welche sich ein relativ hohes ökologisches Potenzial ergibt. Es wurde auch festgehalten, dass die für das Überleben von Populationen notwendigen Mindestflächen bereits vielfach unterschritten werden und jeder weitere Verlust einer Auwaldfläche gefährdet damit das Überleben von Arten. Zum Erhalt der Artenvielfalt ist der Schutz der Lebensräume, absolut und ohne Kompromisse notwendig.

4.) Funktionalität von Auen und Renaturierung

Im Auwald sind auch sogenannte “Renaturierungsmaßnahmen” und Aufwertungen von der öffentlichen Hand durchgeführt worden, einige Fichten und Föhren wurden gefällt. Laut Brixneronline vom 12.01.2016 sind am 28. Oktober dafür vom Forstinspektorat Brixen 73 Bäume ausgezeigt worden: 36 Fichten und 37 Kiefern. Der Wald wurde waldbaulich aufgewertet. Weitere umfangreichere Renaturierungen wären möglich:

Die Funktionalität des Auwaldes Brixen wird vor allem dadurch beeinträchtigt, dass der Auwald vom Wasser des Eisacks durch den Damm und die Straße getrennt ist. Der Auwald liegt ca. 2 m unter der Straße bzw. dem Damm und wird daher bei alljährlichen Hochwässern nicht mehr überflutet. Das Niedrigwasser des Eisack liegt ca 1,5 m unterhalb des Auwaldes.

Die Millander Au und der Auwald in der Industriezone haben eines gemeinsam, beide sich durch Dämme vom Eisack getrennt. Auen werden unterteilt in rezente Auen, welche von Hochwässern regelmäßig überflutet werden oder Altauen, Auen die von den Hochwässern abgetrennt sind.

Die Millander Au und der Auwald in der Industriezone sind beides Altauen, auch wenn durch ein Extremereignis die Auen überschwemmt werden (episodische Überschwemmung, z.B. Jahrhundertereignis). Heute sind beide Auen durch den Damm von den alljährlich auftretenden Hochwässern entkoppelt und nur indirekt über den Grundwasserspiegel mit dem Eisack verbunden. Auch vom Stofftransport bei Hochwässern mit Kies, Sand und Steinen sind sie dadurch vom Eisack abgeschnitten. Durch den vollständigen Rückbau des Dammes, können solche Auen vollkommen renaturiert werden und die Kraft der Hochwässer, mit ihrem Transport von Sand und anderen Material, bildet dann auch dynamische Lebensräume wie Sandbänke aus kann einen Auwald auch umformen.

Auch ohne Rückbau des ganzen Dammes könnte der Auwald in der Industriezone durch den Bau eines Verbindungsrohres zum Eisack hin wieder mit Wasser aus dem Eisack geflutet werden. Verschiedene Größen und Dimensierungen eines Rohres oder Dammdurchbruchs wären möglich und durch den Bau einer Hochwasserschutzmauer um dem Auwald könnte die Überflutung der Industriezone bei Spitzenhochwässern verhindert werden. Mit einem verschließbaren Zulauf vom Eisack zum Auwald könnte auf eine Hochwasserschutzmauer um den Auwald verzichtet werden. Die Anbindung des Auwaldes an das Hochwasserregime ist möglich und ebenso eine Renaturierung durch die Verbindung mit den Hochwässern des Eisacks. Aus der Altau würde eine rezente Au und ein Auwald, der die Funktion des Hochwasserrückhaltes erfüllt.

Damm zwischen Eisack und Auen (Sarner Au und Millander Au) am Eisack in Brixen: druch Rückbau des Dammes würde die angrenzende Fläche an das Hochwasserregime des Eisack angeschlossen. Zum Schutz der vorhandenen Bäume und Ufergehölze auf dem Damm könnte nur eine kurze Strecke des Dammes geschlitzt werden.

Anlage von Teichen

In Südtirol werden als Renaturierungen häufig einfach Flächen ausgebaggert und Grundwasserteiche angelegt. In der Studie zur Fluss- und Auenrenaturierung in Südtirol finden sich mehrere Projekte, bei denen Teiche als Renaturierung gebaut wurden und in der Millander Au wurden bereits Teiche und Tümpel gebaut.

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Wiese und Auwald in der Industriezone Brixen, Platz für einen Teich wäre vorhanden

Eine Aufwertung und Renaturierung des Auwaldes in der Industriezone Brixen durch die Anlage von Teichen ist sehr leicht möglich. Neben dem Auwald Brixen gibt es eine Wiese auf einer Fläche von etwas mehr als einen Hektar, in die ein Grundwasserteich gebaut werden könnte. Kein Stück des Auwaldes müsste gerodet werden, da auf der Wiese genügend Platz vorhanden ist. Mit dem Bau eines Teiches könnten auentypische Lebensräume wie stehende Gewässer oder Tümpel geschaffen werden und die Au als Ganzes aufgewertet und weiter vergrößert. Der Auwald in der Industriezone ist im Gegensatz zur Millander Au nicht von landwirtschaflichen Flächen umgeben, wodurch die Gefahr von Stoffeinträgen aus der Landwirtschaft (Pestizide, Dünger) die Artenvielfalt nicht gefährden kann. Eine Renaturierung der Wiese zu einem Feuchtgebiet mit Teichen und Tümpeln wäre sinnvoller als in der Millander Au, die Gefährdung des Ökosystems durch Stoffeinträge aus der Landwirtschaft ist ausgeschlossen. Der Rest der Wiese könnte aufgeforstet werden und damit die Fläche des Auwaldes noch weiter vergrößert werden. Ein über vier Hektar großes Feuchtgebiet und eine Oase der Natur könnte in Brixen entstehen.

Bau eines Grundwasserteiches angrenzend an den Krebsbach in der Gemeinde Lana. Zwei Apfelplantagen wurden renaturiert und Feuchtgebiete (Grundwasserteiche) wurden erreichtet.
Gerodete Apfelbäume: eine Apfelplantage wurde gerodet und nicht ein Auwald, wie es etwa auch in der Millander Au in Brixen der Fall war. Ein gelungenes Beispiel einer Renaturierung und der Schaffung eines neuen Feuchtgebietes am Krebsbach in Lana.

Martin Hilpold zur Anlage von Teichen:

“ Die Autonome Provinz Bozen hat am Krebsbach in Lana gezeigt, wie bestehende Biotope vergrößert und aufgewertet werden können. Nicht durch die Rodung von Wäldern oder gar Auwäldern werden Flächen ökologisch aufgewertet sondern einzig durch die Wiedervernässung und den Umbau von Flächen, die keine Naturräume sind.  Den Auwald der Millander Au hätte man unbedingt stehen lassen müssen.“

Rechts hinten neuer großer Erdhaufen, wo einst Auwald stand
Biotop Millander Au: der kleine Auwaldrest der Millander Au wurde verkleinert. Ein Teil des Auwaldes wurde zu einer Feuchtwiese (im Bereich des aufgeschütteten Erdhaufens links im Bild).

4.) Gegner und Befürworter für den Erhalt des Auwaldes

Einer der letzten Auwälder in Südtirol ist in Gefahr zu verschwinden, schreibt der WWF Bozen https://wwfbolzano.com/2019/09/17/rischia-di-scomparire-per-fare-posto-ad-altri-capannoni-uno-degli-ultimi-boschi-fluviali-dellalto-adige/.

Traurig aber wahr, Vertreter der Umweltgruppe Eisacktal Hyla oder einer der  Arbeitsgemeinschaft für Vogelschutz und Vogelkunde oder einer des Dachverbandes für Natur- und Umweltschutz  haben sich nicht dem Aufruf zum Schutz des Auwaldes 2019 angeschlossen. Diese drei Vereine verhandeln stattdessen schon länger mit der Firma Progress über Ausgleischsmaßnahen. Martin Hilpold hat die Umweltgruppe Eisacktal Hyla am 19.09.2019 angeschrieben und gefragt, warum sie nicht zum Treffen gekommen waren und am 20.10.2019 erreichte das Artenschutzzentrum eine Antwort in der stand:“ Die Verhandlungen mit der Progress laufen inzwischen weiter und es gibt bereits einige Zusagen. Das Land und die Gemeinde Brixen unterstützt unsere Vorgehensweise und Sie werden näherer Zunkunft eine Pressemittleiung von der UB Eisacktal in den Medien genaueres entnehmen können.“ Über eine Presseaussendungen werden also andere Umweltschutzvereine, wie auch der WWF oder Legambiente informiert.

„Die kleinflächigen Auwaldreste sind daher kümmerliche Überbleibsel. Jegliche weitere Reduzierung dieser Flächen sollte im 21. Jahrhundert eigentlich Tabu sein. Die besagten Flächen sind von fundamentalem Wert für die heimische Flora und Fauna.“

schrieb Andreas Hilpold,  Vorsitzender der Umweltschutzgruppe Eisacktal Hyla in einem offenen Brief noch im Jahr 2018 an Gemeinde und Medienvertreter. Nur ein Jahr später ist der Auwald nicht mehr von fundamentalen Wert für die heimische Flora und Fauna.

Der neue Vorsitzende der Umweltgruppe Eisacktal Martin Prader unterstellt 2020 gar, dass es den Naturschützern nur darum ginge, in die Medien zu kommen (https://www.salto.bz/de/article/07092020/streit-um-den-letzten-auwald). Martin Prader ist ständig in Medien vertreten, weniger als einer der sich für den Naturschutz und die Biodiversität einsetzt, als einer für die restlose Zerstörung des Auwaldes die Werbetrommel rührt.

Für den Erhalt des Auwaldes treten Menschen im Dezember 2019 ein, der Dachverband für Natur- und Umweltschutz und einige andere Umweltschützer verhandlen lieber über einen Ausgleich

Eine vernünftige  Zusammenarbeit für den Schutz der Natur und den Erhalt der Biodiversität in Brixen kann unter derartigen Vorraussetzungen freilich nicht stattfinden. Wenn diese Vereine lieber mit Baufirmen als mit Naturschützern für den Schutz des Auwaldes eintreten, kann für die Natur nichts dabei herauskommen. Erst am 13. August 2020 bekam die Gesellschaft für Biodiversität eine Einladung von der Umweltgruppe Hyla, um uns bei der Millander Au zu treffen. Martin Hilpold hat selbstverständlich geanwortet, weil er Emails nicht einfach ignoriert, wie einige dieser Umweltschützer und er antwortete: “ also falls es etwas mitzuteilen gibt, dann bitte einfach via Mail schicken...Es ginge auch um das Verbessern des ökologischen Zustands der Gewässer. Will die UG Eisacktal, dass der Trametscher Bach aus der Künette befreit wird?“ Eine Anwort blieb die Umweltschutzgruppe jedoch schuldig.

Auch Fragen zu den vorkommenden Vogelarten (Brutvögel und Zugvögel) wurden weder von der UG Eisacktal noch von der Arbeitsgemeinschaft für Vogelkunde und Vogelschutz beantwortet. Der Schutz und Erhalt der Biodiversität wird durch derartiges Verhalten unmöglich gemacht.

Als Ausgleich für die restlose Zerstörung des Auwaldes von ca 3 ha hat die Umweltgruppe Eisacktal die Vergrößerung des Biotopes Millander Au um 1,75 ha (laut Bauleitplan der Gemeinde Brixen um 1,6 ha) geplant. „das Endziel vollinhaltlich erreicht wird, und zwar dass durch das Projekt in Summe keine Waldflächen verloren, sondern neue, qualitativ hochwertigere Biotopflächen dazu gewonnen werden.“ schreibt die Umweltgruppe Eisacktal in der Presseaussendung vom 06.12.2019. „Beklagter Verlust wird langfristig keiner sein„, war der Titel in der Tageszeitung „Dolomiten“ vom 7/8.12.2019 und „Endziel erreicht“ in der Tageszeitung ebenfalls im Dezember 2019.

Der Ausgleich mit der Vergrößerung der Millander Au wird jedenfalls nicht viel bringen, da die Millander Au auch eine Altau ist und kein neuer Auwald hinter der Dammmauer auf natürliche Art und Weise durch die Kraft des Wassers entstehen kann. Der Auwald in der Industriezone entstand durch die Kraft des Wassers und ist ein echter Auwald, der sich weiter Richtung Hartholzauwald entwickelte. In der Millander Au kann sich keine neue Au bilden, da das gesamte Gebiet durch den Damm von den Hochwässern des Eisack getrennt ist. Lediglich Teiche oder Aufforstungen von Flächen können realisiert werden.

Einen Auwald kann man nicht versetzten. Wie Medien bereichteten, will die UG Eisacktal auch Totholz in die Millander Au verfrachten. Beim Versetzten des Totholzes würden jedoch die vielen Tiere und Pilze im Holz dies nicht überleben, da im alten Auwald ein vollkommen anderes Mikroklima herrsch als in einer auforsteten Fläche. Wird stehendes Totholz verfrachtet so ziehen Vögel sicher nicht mit den abgestorbenen Bäumen einfach in einen anderen Wald um. Die Wertigkeit eines Waldes entsteht mit der Zeit.

Der Ausgleich kann auch nicht viel bringen, da invasive Neophyten bereits im Biotop wuchern (https://www.umwelt.bz.it/aktuelles/termine/archiv/ug-eisacktal-springkraut-bekämpfen-in-der-milander-au.html). Neben dem Springkraut wachsen auch einige Robinien auf der neu gestalteten Böschung und Topinambur ist ebenfalls in der Millander Au anzutreffen. Diese Arten sind invasive Neophyten und eine Gefahr für die Biodiversität. Für die Laubfrösche wurden bereits zahlreiche Tümpel angelegt und trotzdem sterben sie aus (nur noch ein Exemplar wurde 2019 gefunden und 2020 keiner mehr- die Umweltschutzgruppe hat ihr Wappentier damit verloren).

Dass sich durch die künstliche Störung mit Baggerarbeiten bei Renaturierungen Neophyten weiter ausdehnen, ist auch wissenenschaftlich nachgewiesen worden (Vegetationsentwicklung nach einer Flussrenaturierung in den Alpen, Zerbe et al. 2019). Mit Ausgleichsmaßnahmen können bestehende hochwertige Auwälder nicht ersetzt werden.

Auwald im Landtag und im Stadtrat

Die Freiheitlichen haben in der Gemeinde Brixen einen Beschlussantrag für den Erhalt des Auwaldes eingebracht (https://die-freiheitlichen.com/2020/02/05/brixner-auwald-erhalten/). Der Antrag fand keine Mehrheit und der Stadtrat der Gemeinde Brixen hat am 22.01.2020 die Änderung des Gemeindebauleitplanes beschlossen: Umwidmung von 31.3148m² von Wald mit besonderer landschaftlicher Bindung, Landwirtschaftsgebiet usw. in Gewerbegebiet. Der Auwald wurde damit zu einem Gewerbegebiet im Bauleitplan. Gleichzeitig wurde die Erweiterung des „Biotops Millander Au“ um 16,033 m² eingetragen.

In der Landtagsanfrage Nr. 19/10/2019, eingebracht von den Abgeordneten Faistnauer, Ploner Alex und Ploner Franz des Team Köllensperger am 2.10.2019 wurde die Frage gestellt: “ Ist der Landesregierung bekannt, dass es sich bei diesem Waldstück um einen wertvollen und gesetzlich geschützten Lebensraum handelt und dass dieser Auwald im Bewusstsein vieler Menschen ein wertvolles Naturjuwel darstellt?“ Die Antwort der Landesrätin HOCHGRUBER KUENZER (Landesrätin für Raumordnung und Landschaftsschutz, Denkmalschutz – SVP):

„Ja, der Landesregierung ist bekannt, dass es sich bei diesem Waldstück um einen wertvollen und gesetzlich geschützten Lebensraum handelt und dass es durch das Naturschutzgesetz geschützt ist. Es ist auch bekannt, dass dieser Wald von vielen Menschen geschätzt und auch dementsprechend genutzt wird.“

Landtagsentscheidung mit 15 zu 14 gegen den Erhalt des Auwaldes am 05.02.2020 https://www.suedtirolnews.it/politik/auwald-zuege-und-leere-wohnungen-auf-der-agenda .

SVP: Gert Lanz (05.02.2020)
Der Abgeordnete Gert Lanz bemängelte, die Kompetenzen der Stadtgemeinde Brixen würden zu wenig berücksichtiget. „Das ist der falsche Weg“, sagt SVP-Fraktionsvorsitzender Gert Lanz. „Hier handelt es sich eindeutig um eine Gemeindeangelegenheit und erst in einem zweiten Moment ist – wenn überhaupt – die Intervention des Südtiroler Landtages gefragt“. Jedoch ist der Erhalt der Natur, der Biodiversität und schützenswerter Lebensräume im Interesse der Allgemeinheit, aller Südtiroler und der ganzen Menschheit. Jeder Wald, ob gesetzlich geschützt oder nicht, muss in dieser Biodiversitätskrise erhalten bleiben.
Die oben angeführten Arten finden sich auch in der Beantwortung der Landtagsanfrage Nr. 1015/2020 „Zustandsbewertung des Waldrestes Auwald in der Industriezone Brixen“ durch das Team Köllensperger wieder.
Gefragt wurde u.a: 1. Welche Brutvogelarten, Käferarten, Tag- und Nachtfalterarten wurden im besagten Brixner Auwald
nachgewiesen? Ersuchen um Auflistung rezenter Daten?
Antwort: „Aus dem untenstehenden Export vom 27. Juli 2020 der Datenbank des Naturmuseums, in der auch die Daten der Abteilung Natur, Landschaft und Raumentwicklung verwaltet werden, gehen folgende Arten hervor, die im Gebiet „Auwald Industriezone Brixen“ seit 1980 beobachtet wurden. Die Datenbank beinhaltet keine Daten zu den Käferarten, Tag- und Nachtfalterarten.“

Die Defizite der Erfassung der Biodiverstät Südtirols zeigen sich in der Beanwortung der Landtagsanfrage, Käfer und Nachtfalter gibt es in der Datenbank des Naturmuseums tatsächlich nicht, jedoch gibt es Tagfalter. Wenn kein einziger Schmetterling für diesen Auwald in der Datenbank aufscheint, so liegt dies sicher nicht am Insektensterben oder Pestiziden, sondern an der mangelnden Erfassung und Dokumention des natürlichen Erbes Südtirols oder vielleicht auch daran, dass nicht alle Daten aus der Datenbank übermittelt wurden.

Mächtige Pappel (Populus nigra) im Auwald
Mächtige Schwarzpappel (Populus nigra) im Auwald

5.) Weitere Mediale Berichterstattung

Auf die Presseaussendung der Umweltgruppe Eisacktal vom 6.12.2019, welche den letzten großen Auwald im Eisacktal auf einer Fläche von drei Hektar (Wald und Wiese) für die Erweiterung des Biotopes Millander Au um 1,6 ha opfert, hat die Gesellschaft für Biodiversität mit einer Stellungnahme reagiert: http://biodiversitaet.bz.it/2020/01/07/stellungnahme-auf-presseaussendung-umweltschutzgruppe-eisacktal/

Die Lokalzeitung „Brixner“ informierte die Öffentlichkeit nicht über die Position der Gruppe SOS Auwald oder die Stellungnahme der „Gesellschaft für Biodiversität“. Franz Pattis schrieb einen Leserbrief in der Tageszeitung und kritisierte diesen Umstand (22/23.06.2020). Der Chefredakteur des „Brixner“ antwortete darauf und erklärte: „Unabhängig ist eine Redation, wenn sie sich von niemanden sagen lässt, was sie zu veröffentlichen hat“. Die Position der Umweltschutzgruppe Eisacktal wurde hingegen dargelegt.

In der Tageszeitung vom 14./15.09.2019 hat das Artenschutzzentrum klar dargelegt, dass ein neu angelegtes Feuchtgebiet oder andere Maßnahmen einen bestehenden hochwertigen Auwald nicht ersetzten können: „Der Brixner Auwald wuchs über mehrere hundert Jahre, brauchte also viel Zeit, um seine heutige Form zu bekommen. Den Faktor Zeit kann man aber aber nicht künstlich erzeugen“. Tierarten, wie der Große Erlenprachtkäfer brauchen einen Wald mit alten Erlen und viele andere Tierarten sind auf Wälder mit alten Bäumen angewiesen. Natur kann nicht von Menschenhand gemacht werden, Natur entsteht und muss zuallerest geschützt werden.

Der Vorsitzende des Dachverbandes für Natur- und Umweltschutz Dissinger wurde laut Tagesezeitung vom 21.11.2019 von der Umweltgruppe Eisacktal darauf hingewiesen, „dass die Wasserzufuhr im Auwald unterbunden ist“. Ein Trinkwasserschutzgebiet wäre auch im Auwald, der Brixner Dissinger wird das vielleicht nicht wissen. Er verlässt sich auf die UG Eisacktal.
Der Auwald ist ein Trinkwasserschutzgebiet und eine Wasserfassung gibt es im Wald.
Von der Umweltschutzgruppe Eisacktal wird 2020 ebenfalls bezweifelt, dass es ein Auwald ist. In der Wochenzeitschrift ff vom 20.08.2020 sagt Hugo Wassermann von der Umweltgruppe: „Das Charakteristikum eines Auwaldes ist die Anbindung an einen Fluss und die regelmäßige Überschwemmung des Gebietes“ und faktisch sei der Auwald kein Auwald. Martin Prader vermisst ebenfalls Überschwemmungen. Viele Auwaldtypen werden jedoch selten oder auch nie überflutet. Silberweidenauen, Purpurweidengebüsche und andere Auwaldtypen werden regelmäßig überschwemmt, Schwarzerlenauen und Hartholzauen werden praktisch nie überschwemmt. Derartige Wissendefizite bei Umweltschutzgruppen sind eine schlechte Basis, um die Natur zu schützen. Nur was man kennt, kann man auch schützen. Auch in den AVK Nachrichten werden Lebensräume falsch angesprochen, wie in den oben erwähnten AVK Nachrichten und dem Artikel der Graureihervorkommen Südtirols im Jahr 2019. Der Auwald wird dort als Fichtenwald bezeichnet (am Boden von Fichtenwäldern wachsen Moose und Farne und keine Kratzbeere und kein Efeu wie im Auwald Brixen der Fall ist). Der Autor des Artikels teilte auf Nachfrage mit, dass er die Lebensräume so nicht bezeichnet hat. Auch der Auwald entlang der Etsch scheint dort als Laubwald auf.

Obwohl  es Umweltschutzvereine gibt, die von Umweltschutz reden, sind diese nicht für den Erhalt und Schutz des Auwaldes eingetreten und sie arbeiten auf ihr „Endziel“ hin, die Rodung des Auwaldes.

Die Umweltgruppe Eisacktal ist zufrieden und „die Wildbach macht hier gute Arbeit in Zusammenhang mit den Verantwortlichen vom Projekt Stadt-Land-Fluss“, schrieb Martin Prader von der UG Eisacktal dem Artenschutzzentrum. Nicht nur der Auwald hat einen schweren Stand sondern der gesamte Flussraum und die Feuchtgebiete des Brixner Raums: http://biodiversitaet.bz.it/2019/01/16/revitalisierung-und-wasserrahmenrichtlinie-mittleres-eisacktal/

 

 

Kormoran

Um 1950 war der Kormoran (Phalacrocorax carbo sinensis) in ganz Europa fast ausgerottet. Die dirkete Nachstellung durch den Menschen hat diese Vogelart beinahe zur Ausrottung geführt. In Europa begann der erste Schutz der Art 1930, in den 1970er Jahren wurde die Art besser unter Schutz gestellt, etwa mit Bejagungsverboten, und die Bestände erholten sich in der Folge.

Heute gibt es in einigen Teilen Europas wieder Kormoranbrutgebiete und die Art kann auch in Südtirol als Wintergast beobachtet werden. Die Kormorane überwintern auch an Südtirols Gewässern und die Kormorane fliegen von ihren Schlafbäumen mit leerem Magen sehr weit, um Nahrung zu finden. Sie suchen sich Gewässer, in denen es viele Fische gibt und dort jagen sie nach Fischen. Es gibt einige Schlafbäume in Südtirol, wo sich im Winter alljährlich Kormorane sammeln. Sie fressen dabei keine Gewässer leer, wie vielfach behauptet wird, weil sie keine ausgewachsenen Äschen, Karpfen, Forellen oder Hechte fressen können.

Kormorane im Brutgebiet- in Südtirol sind sie Wintergäste
Kormorane im sommerlichen Brutgebiet

 

Die Kormoranpopulation in Italien kommt nur in einem begrenzten Gebiet vor, das aber nicht stark fragmentiert ist. Die Zahl der ausgewachsenen Individuen beträgt 1770 bis 2000 im Jahr 2002 und die Kormoranpopulation wuchs auf 6000 Individuen im Jahr 2011. Daher wurde die Art auf nationler Ebene als nicht gefährdet eingestuft, als “least concern” LC. Dennoch ist die heimische Unterart des Kormorans auf Sardinien, in einem vollkommenen anderen Erhaltungszustand. Lediglich 70 bis 90 Individuen beträgt diese Popolation in den Jahren 2006 bis 2010. Zudem wurden Tiere dieser Population sogar abgeschossen, weil sie der Fischwirtschaft geschadet haben sollen. Diese Population wurde nicht eigens bewertet, der Erhaltungszustand des Kormorans würde für Italien anders aussehen (Rote Liste Brutvögel Italien 2011). Der Kormoran ist kein häufiger verbreiteter Brutvogel in Italien und es existieren nur wenige Brutgebiete.

In Österreich ist der Kormoran laut Roter Liste 2016 stark gefährdet (EN). Im heutigen Nationalpark Donauauen war er vor hundert Jahren Brutvogel, heute nicht mehr. 

Kormorane wirken sich auch positiv auf das Gewässerökosystem aus, etwa wenn sie zooplanktonfressende Fischarten erbeuten, die ungünstig für die Wasserqualität in Flachlandseen sind, weil sie Zooplanktonfresser sind: durch übermäßige Reduktion des Zooplanktons vermehrt sich in nährstoffreichen Gewässern das Phytoplankton derart stark, daß es zur Wassertrübung und bei der späteren Zersetzung der Phytomasse letztlich auch zu Sauerstoffmangel kommen kann- etwa bei hohen Kaulbarschbeständen. Damit kömmt dem Kormoran eine wichtige Rolle im Gewässerökosystem zu und er verbessert den chemischen und ökologischen Zustand eines Gewässers.

Wie andere fischfressende Vogelarten, z.B. Graureiher oder Gänsesäger, wird der Kormoran von Hobbyanglern und Hobbyfischern nicht gern gesehen und diese Vogelart als “Gefahr für Fischbestände” dargestellt. Über die tatsächlichen Gefährdungsursachen von Fischbeständen geben Rote Listen Auskunft- zur Gefährdung der Fischfauna Italiens siehe http://biodiversitaet.bz.it/2017/11/29/fische/

„Dabei hat sich ein überraschend hoher Wegfraß von Fischen durch die Fische selbst gezeigt,… Die Sorge wegen des Verzehrs von Fischen durch aquatisch lebende Säugetiere und Vögel muss damit stark relativiert werden.“ Prof. Walter Nellen in „Die großen Fische fressen die kleinen“. Die Biodiversität, sei es die Arten oder die Funktionalität der Ökosysteme, wird nicht durch natürlich vorkommende Arten gefährdet, sondern durch negative Umwelteinflüsse wie Gewässerverschmutzung, Gewässerverbauung usw.

Ähnlich wie der Wolf werden auch fischfressende Vögel häufig negativ in der Presse dargestellt. „Was den Bauern der Wolf, ist den Fischern der Kormoran“, stand in einem Artikel zum Thema Kormoran im Onlinemagazin Salto und der Kormoran wird für Arten wie die Maromorierte Forelle als Gefahr dargestellt. Der ehemalige Leiter der Landesfischzucht Peter Gasser kommentierte den Artikel kurz und treffend: „Die wichtigsten Voraussetzungen für einen dauerhaften Schutz der Marmorierten Forelle: 1. ein Fangverbot, bis sich der Bestand der Marmorierten Forelle erholt hat; 2. ein Besatzverbot für Bachforellen im Einzugsgebiet/Lebensraum der Marmorierten Forelle.“

 

fischfressende Vögel: Graureiher, Silberreiher, Kormoran
fischfressende überwinternde Vögel im Vogelschutzgebiet Falschauermündung: Graureiher, Silberreiher, Kormoran

 

Der Kormoran ist für Abnahme von Fischen in Gewässern nicht verantwortlich. Magenuntersuchungen von Kormoranen in Südtirol belegen, dass die Kormorane eben nicht die begehrten Speisefische der Fischer verzehren. In Südtirol ist die Marmorierte Forelle der wertvollste Fisch für Angelsportvereine. Äschen und Marmorierte Forellen würden durch den Kormoran deziminiert, wird oft behauptet. Doch sind Kormorane Opportunisten, sie fressen keine spezielle Fischart und gefährden damit auch keine spezielle Art.  

 

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Untersuchungen zu der Mageninhalte von 13 Kormoranen wurden vom MUSE in Trient im Sommer 2015 durchgeführt. Im Rahmen der Untersuchungen konnten bei 11 der insgesamt 13 untersuchten Mageninhalte Fischreste nachgewiesen werden, während zwei Proben keinerlei Beutereste aufwiesen. Zwei Kormorane flogen also mit leeren Magen durch die Gegend und wurden mit leerem Magen abgeschossen. In den Mägen der restlichen 11 Fische wurden in Summe 43 Beutefische nachgewiesen, welche sich zu 6 Fischarten zusammenfassen lassen.

Fische Anzahl

  • Äsche: 1
  • Bachforellen marmorierte Forellen: 4
  • Regenbogenforelle: 3
  • Rotauge: 2
  • Cypriden: 1
  • Mühlkoppen: 32

Gesamt : 43 Fische, (vor allem Kleinfische und mehr Regenbogenforellen als Äschen hatten die Kormorane im Magen- Regenbogenforellen und Bachforellen sich keine natürlich vorkommenden Fischarten in Südtirol. Diese Arten sind Neozoen und stellen eine biologische Verschmutzung der Gewässer Südtirols dar.

Mühlkoppen sind mit Abstand die am häufigsten gefundenen Fische. Diese Fische werden von Fischern nicht gefischt und sind keine begehrten Speisefische. “Wie bereits in anderen Studien aus dem alpinen Raum deutlich wurde, belegen auch die vorliegenden Daten, dass der Kormoran sehr anpassungsfähig ist und seine Jagdtechnik auf die verschiedensten Fischarten und auf unterschiedliche Lebensraumtypen anpassen kann. Deutlicher Beleg für die Anpassungsfähigkeit des Kormorans ist auch die Tatsache, dass die Mageninhalte von zwei Vögeln die Überreste von 22 bzw. 10 Mühlkoppen aufweisen. Dies bestätigt das gute Vorkommen dieser Fischart in einigen Fließgewässern des Landes, wie in der Etsch und dem Eisack und unterstreicht darüber hinaus die Flexibilität des Kormorans bei der Jagd.”

Kormorane als Wintergäste in Südtiol
große Gruppe von Kormoranen am Schlafbaum im Natura 2000 Gebiet Falschauermündung. Vom Schlafbaum aus ziehen sie in kleinen Trupps umher.

 

Künstlich angelegter Fischereteich im Natura 2000 Gebiet Falschauer unweit des Schlafbaumes der Kormorane
Künstlich angelegter Fischerteich im Natura 2000 Gebiet Falschauermündung unweit des Schlafbaumes der Kormorane: Fischbesatz bedeutet zusäztliches Futter für Kormorone.

 

Bei Berechnungen, wie viel ein Kormoran an Fischen täglich zu sich nimmt, werden in Südtirol unrealisitsche Mengen von 450 oder 500 gr/Tag  zur Bereichnung herangezogen. Realistisch und wissenschafltich werden Mengen von 150 bis max. 400gr/Tag angegeben. Größere Mengen an Fischen (max. 400 gr/Tag) sind während der Brutzeit, wenn Elterntiere die Jungen füttern, möglich. Derartige falsche Berechnungsgrundlagen können keine korrekten und richtigen Erbnisse hervorbringen.

Untersuchungen zur Erhährung von Kormoranen am Chiemsee durch die Universität Innsbruck Abteilung Ökologie belegen ebenfalls, dass die Kormorane dort mit den begehrten Speisefischen der Fischer und Angler nicht in die Quere geraten. Kormorane sind Opportunisten und jagen dort, wo sie leicht an ihr Futter kommen. Die Vögel reagieren schnell auf Veränderungen in der Umwelt und auf das Verhalten der Fische selbst. Besonders die Laichzüge der Fische locken Kormorane an. „Im Jahresverlauf interessieren sich die Vögel nur bedingt für die größeren Renken. Allerdings sehen wir in unseren Auswertungen einen signifikanten Anstieg im Konsum dieser Fischart, der mit der Laichzeit zusammenfällt. Genauso verhält es sich auch mit Nachweisraten der wirtschaftlich nicht bedeutenden Seelaube. Dies ist allerdings nur logisch, befinden sich sonst nur selten so viele Beutetiere gleichzeitig an einem Ort. Die Jagd wird den Kormoranen dadurch extrem erleichtert“, so Thalinger und Traugott, die betonen, dass auch Kormorane so wenig Energie wie möglich in eine große Ausbeute investieren wollen. „Kormorane sind intelligente Tiere und sie suchen nicht spezifisch nach dem begehrtesten Fisch, sondern wählen eine optimale Strategie, um an Nahrung zu kommen“, verdeutlicht die Ökologin. Die Schlafplätze der Vögel müssen zudem auch nicht zwingend am bevorzugten Jagdgewässer sein, da die Tiere sich in einem Aktionsradius von bis zu 70 Kilometern bewegen, um an geeignete Nahrung zu kommen. Die vorliegenden Ergebnisse zeigen, dass der Großteil der Fischnahrung jedoch aus dem Chiemsee stammt. Fische sind besonders in Mitteleuropa eine begehrte und umkämpfte Ressource. Die Ergebnisse der ausführlichen Analysen zeigen, dass sich der Speiseplan der Fische nur teilweise mit den Interessen der Fischer überschneidet.

drei Kormorane am Montiggler See
Kleine Gruppe mit drei Vögeln am Montiggler See

Der Vorstand des Landesfischereiverbandes mit Präsident Andreas Riedl an der Spitze beklagte sich bei Landeshauptmann Luis Durnwalder am 15.06.2011 beim Antrittsbesuch über die Vögel. Das Thema der „Gefährdung des Fischbestandes durch die Kormorane“ kam zur Sprache. Kormorane werden wie viele andere Tierarten in Südtirol abgeschossen. Gegen die Abschussverfügung wurde einem Rekurs stattgegeben, sodass eine Bejagung der Kormorane nicht von vornherein möglich war. Alljährlich werden überwinternde Vögel wie Kormorane in Südtirol abgeschossen. Andreas Riedl ist auch Präsident des Verins Fish first, auf dessen Internetseite geschrieben steht: “ der vermehrte Fraßdruck durch Massenauftreten von Kormoranen haben entsprechend dem europäischen Trend auch in Südtirol den Äschenbeständen arg zugesetzt.“ (abgerufen 06.08.2019). 

Gesetzlich wurde mit Dekret des Assessors für Forstwirtschaft der Provinz Bozen vom 8. Jänner 2013, Nr. 3/32.4 ein 5 Jahres-Managementplan genehmigt, zum Schutz der heimischen Salmoniden in den Südtiroler Flüssen, nach den vorgeschlagenen Kriterien, der provinziellen Wildbeobachtungsstelle unter dem Beschluss Nr. 8 vom 8. März 2012. Dieses Dekret beinhaltet die selektive Entnahme einer begrenzten Anzahl von Kormoranen. Für Abschussdekrete aus den Jahren 2010 bis 2014 wurde der Landeshauptmann Luis Durnwalder im Jahr 2018 zu Schadenersatz verurteilt https://tirol.orf.at/v2/news/stories/2919699/

Die durchgeführten Abschüsse haben keine relevant abschreckende Wirkung auf die Anwesenheit des Kormorans in Südtirol ergeben. Ebensowenig haben sich Abschüsse positiv auf gefährdete Fischarten wie die Marmorierte Forellen ausgewirkt oder die Fischbestände im Allgemeinen. Die Abschüsse, die Berechnungen und die Maßnahmen sind vollkommen ungeeignet, um die Biodiversität zu erhalten oder gefährdete Arten wie Marmorierte Forellen zu fördern.

Die Revitalisierung und Renaturierung der Gewässer hat sich nicht positiv auf die Fischbestände ausgewirkt, obwohl systematisch Gewässer für Fische umgebaut werden. Mehr dazu auf http://biodiversitaet.bz.it/revitalisierung-wasserrahmenrichtlinie/

Hochgebirgsseen und Seesaiblinge

Fische wurden und werden in Gewässer eingesetzt. Davon sind auch nährstoffarme, kalte Hochgebirgsseen, die nur wenige Monate im Jahr nicht mit einer Eisschicht bedeck sind und für Fische extreme und lebensfeindliche Umweltverhältverhältnisse bieten, betroffen.

Der Seesaibling ist eine Art, welche in arktischen Gewässern natürlich vorkommt. In den Alpen kommt er auch vor, doch es ist sehr unwahrscheinlich, dass er eine autochthone und natürlich vorkommende Art in den Südalpen ist. 

Zum Management des Seesaiblings in den Südlichen Alpen haben Tiberti und Splendiani eine Studie verfasst (Management of a highly unlikely native fish: The case of arctic charr Salvelinus alpinus from the Southern Alps, Tiberti & Splendiani 2018) und einige Punkte werden hier wiedergegeben:

Als Ergebnis von historischen Besatz werden einige Alienarten fälschlicherweise als natürlich vorkommend eingestuft. Der Seesaibling (Salvelinus alpinus) soll als Relikt der letzten Eiszeit in den Alpen überlebt haben, obwohl ein historischer Besatz dokumentiert wurde, welcher dem natürlichen Vorkommen widerspricht. Unabhängig des unsicheren Status ist seine Ausbreitung in den südlichen Alpen, vor allem in ursprünglich fischfreie Gewässer der höheren Stufe das Ergebnis von Bewirtschaftung.

Vieles spricht dagegen, dass der Seesaibling eine natürlich vorkommende, autochthone Art in den Südalpen ist. Nur der Status von zwei Populationen in niederen Höhenlagen ist unsicher und diese könnten natürlich sein. In mehr als 170 Gewässern ist diese Fischart in den Südlichen Alpen (vor allem Südtirol und Trentino- siehe Karte Tiberti & Splendiani 2018) eingesetzt.

Bei Fischbesatz in Bergseen wird oft wenig Bedacht geschenkt:

  1. den negativen ökologischen Auswirkungen
  1. der internationalen Gesetzgebung, welche das Einbringen von nicht- autochthonen Arten in einem Gebiet verbietet (Europäische Komission 1993, 2014, 2016)
  2. viele Seen innerhalb Natura 2000 Gebieten sind spezielle Schutzgebiete und spezielle Gebiete zum Erhalt, ‘special areas of conservation’ und ‘special protection areas’ (Europäische Komission 1992, 2010)

Die ganze Studie ist online verfügbar: https://www.researchgate.net/publication/328891058_Management_of_a_highly_unlikely_native_fish_The_case_of_arctic_charr_Salvelinus_alpinus_from_the_Southern_Alps

In Südtirol wurden Seesaiblinge z.B. in den Spronser Seen und auch in Gewässern in Natura 2000 Gebieten eingesetzt, obwohl auch das Naturschutzgesetz Südtirols den Besatz mit nicht heimischen Arten verbietet: „Es ist verboten, gebietsfremde Tiere in der freien Natur anzusiedeln. “

Durch den Besatz mit nicht heimischen Fischen wird der ökologische Zustand der Gewässer im Sinne der Wasserrahmenrichtlinie ebenfalls verschlechtert. Zur Bewertung der Gewässer werden auch Fische herangezogen und eine unnatürliche Artenzusammensetzung in den Gewässern führt zur Verschlechterung des ökologischen Zustands und der Bewertung.

Im Nationalpark Gran Paradiso hat der Besatz mit Saiblingen zum Verschwinden von Arten im Naturschutzgebiet geführt und das Ökosystem wurde durch den Besatz verändert. Der Saibling ist ein „Super-Raubtier“ („super-predator“) und hat zum Aussterben von Arten in Hochgebirgsseen geführt. Die Seen wären von Natur aus fischfrei und nur von Wirbellosen und Amphibien wie Grasfröschen besiedelt. Der Besatz mit Seesaiblingen führte zum Aussterben von vielen Tieren des Zooplanktons (z.B. Population von Daphnia pulicaria) und vielen aquatischen Gliedertieren (Coleoptera, Trichoptera, Hydrochara) und ebenso des Grasfrosches. 2013 wurde begonnen, die Gewässer von der Verschmutzung durch Fische zu reinigen und in einem natürlichen Zustand zurückzuführen. Das Projekt Life-Bioaquae zielte seit 2013 darauf ab, die Saiblinge vollkommen aus den Seen zu entfernen und die Art dort zu eliminieren. Durch Elekroabfischung und Netzfischerei wurden Fische entnommen und die Gewässer damit gereinigt, gesäubert und wieder zu dem gemacht, was ein natürliches Gewässer des Hochgebirges sein muss: ein fischfreies Gewässer.

(https://www.bioaquae.eu/index.php/en/the-project/actions/28-eradication-of-non-native-fish-species-from-some-high-altitude-alpine-lakes)

Der Geschäftsführer des Dachverbandes für Natur- und Umweltschutz in Südtirol, Andreas Riedl ist auch Präsident des Vereins FishFirst, auf dessen Internetseiten die Fischfauna der Hochgebirsseen so beschrieben wird: „Das typische Fischarteninventar der Hochgebirgsseen setzt sich aus dem Seesaibling und der Elritze zusammen. Daneben werden viele dieser Gewässer mit Bachsaiblingen, Regenbogen- und Bachforellen für die Angelfischerei besetzt. Schließlich runden Mühlkoppe und Schmerle in seltenen Fällen das Artenspektrum im Hochgebirge ab.“ Abgerundet ist mit einem derartigen Besatz eine Fischplatte oder Fischsuppe, jedoch kein Hochgebirgssee. Diese Form des Umweltschutzes kollidiert mit dem Schutz der Ökosysteme von Hochgebirgsseen, welche von Natur aus fischfrei sind.

Die Wiederherstellung natürlicher Lebensgemeinschaften in den Gewässern und die Renaturierung von Hochgebirgseen durch Entnahme und Eliminierung der Fische ist für den Gewässerschutz und die Biodiversität notwendig.

In der Roten Liste Italiens ist der Seesaibling nicht eingestuft, doch es wird die Bedrohung beschrieben: Gewässerverschmutzung, Excessive und unkontrollierte Fischerei, genetische Verschmutzung, Konkurrzenz mit eingeführten Arten usw.

Minacce

Principali minacce

Inquinamento delle acque; pesca eccessiva e incontrollata; inquinamento genetico dovuto all’introduzione di individui provenienti da popolazioni alloctone; competizione e predazione ad opera di specie introdotte (Zerunian 2003).
Pur essendo presente in un numero limitato di ambienti, è attivamente ricercata dai pescatori sportivi. Per compensare le catture vengono eseguiti interventi di ripopolamento, spesso con materiale di origine alloctona.

Der Fehlbesatz mit Fischen wirkt sich in vielfacher Weise negative auf die Biodiversität aus, mehr dazu auf http://biodiversitaet.bz.it/2017/11/29/fische/

 

Windwurf Südtirol 2018

Naturereignis Windwurf

Stürme sind natürliche Ereignisse, welche den Wald verändern und natürlich auftreten. Umgeworfene Bäume in Wäldern sind Bestandteile des Waldes, welche für die Biodiverstiät und die Naturnähe eines Waldes bedeutend sind. In natürlichen Wäldern fallen Bäume altersbedingt irgendwann immer um, in den Forstplantagen und Wirtschaftsforsten fehlen umgestürzte Baumriesen. Fichten, welche durch die Forstwirtschaft gefördert wurden und besonders häufig umfallen, beherrschen viele Wälder, in denen es so gut wie keine Fichten von Natur aus gäbe (z.B. Eichenwälder und Schluchtwälder Südtirols). Schäden durch Windwürfe, Borkenkäferkalamitäten und der Biodiversitätsverlust (z.B. Käferarten) sind einige Folgen dieser Fehlentwicklung. In Südtirol sind nur 35% des Waldes naturnah, der Großteil ist verändert bis künstlich. Vielen Wäldern Südtirols geht es schlecht und eine Besserung ist nicht in Sicht.

Der Sturm Vaia (Unwetter- und Windwurfereignisse 27.10. bis 30.10.2018)
hat in Südtirol einige Wälder umgeworfen und Südtirol setzt auf die Totalräumung der Flächen, obwohl es ökonomisch und ökologisch sinnvoller ist, umgefallene Bäume liegen zu lassen. Die Totalräumung des Waldes in Südtirol schadet dem Ökosystem Wald und kostet viele Millionen Euro an Steuergeldern. Nur durch massive Subventionierung lohnt sich die Arbeit. Unzählige Lastwagenladungen voller Sturmholz wurden aus Südtirol ins Ausland geliefert und nicht immer ist der Holztransport ungefährlich (https://www.tageszeitung.it/2020/04/28/das-schock-video-6/). Der Sturm forderte keine Verletzten, bei den Aufräumarbeiten geschahen dagegen auch Unfälle (z.B. https://www.suedtirolnews.it/chronik/waldarbeiter-66-in-rindnaun-schwer-verletzt ). Viele Wälder werden auch aufgeforstet und Wälder werden dabei behandelt als wären es Obstplantagen. Umgeworfene Obstbäume in einer Plantage müssen nachgepflanzt werden, Bäume des Waldes jedoch nicht! Forstwege wurden in die Wälder gebaut und etliche rumänische Firmen wurden mit der Räumung von Windwurfflächen Südtirols beauftragt. 

Windwurf Welschnofen

Windwurf Welschnofen 2018
Auf einigen Waldflächen fiehlen durch den Sturm Vaia viele Bäume um

 

unzählige Forstwege wurden in die Wälder gebaut, Wälder radikal geräumt. Liegendes Totholz wurde nicht belassen, obwohl für es für die Biodiverstität wertvoll ist.

Wälder entwickeln sich in Phasen: Pionierphasen enwickeln sich auf Windwurfflächen, mit typischen Gehölzen welche in etwa auch in Waldlichtungen gedeihen. Flächen werden aber auch mit mit den Schlusswaldarten aufgeforstet und die natürlichen Pionierphasen der Waldentwicklung fehlen damit. Birkenwälder sind z.B. solche Pionierphasen der Wälder. Die Natur regeneriert sich und viele Baumarten, welche in den Klimaxwäldern (=Schlusswald) nicht vorkommen, gedeihen auf offenen Waldflächen, wie etwa Birken und viele Weidenarten.

Birkenwald mit Lärchen im Ultental, eine Entwicklungsphase zum Klimaxwald= Schlusswald (meist montaner Fichtenwald). Birkenwälder sind sehr seltene Waldtypen in Südtirol und durch ihre Farbenpracht im Herbst und ihre leuchtend grünen Blätter im Frühling gehören sie zu den schönsten Wäldern Südtirols.

Durch die totale Räumung von Bäumen wie auf Kahlschlagflächen beherrscht etwa das Reitgras große ehemalige Waldflächen.

Zwei Jahre nach dem Windwurf breitet sich eine Reitgrasflur im subalpinen Gelände aus

Hat sich Reitgras auf einer Fläche durchgesetzt, so dauert es Jahrzehnte bis dort wieder Bäume wachsen. Vom eigentlichen subalpinen Zirbenwald dieses Gebietes in den Dolomiten ist nicht viel übrig geblieben.

Zahlreiche Studien zeigen schon lange auf, wie wichtig das Liegenlassen von Sturmholz ist:

Langzeituntersuchungen des Wintersturms Vivian 1990 auf die Waldentwicklung liefern Konsequenzen für das Tun und Lassen nach Sturmereignissen

Ein Fazit des Wintersturms Vivian: „Auf grossen Flächen ist es wichtig, alle überlebenden Bäume als künftige Samenquellen zu schonen. In Gebirgswäldern sollten jederzeit genügend Verjüngungsansätze vorhanden sein, denn Vorverjüngung ist in hohen Lagen sehr wichtig für die Wiederbewaldung. Diese Vorverjüngung sollte deshalb bei der Holzernte möglichst geschont werden. Pflanzung ist in hohen Lagen überall dort angebracht, wo eine rasche und schutzwirksame Wiederbewaldung erforderlich ist, also auf sehr steilen, schneereichen Hängen mit hohem Gefahren- und Schadenpotenzial.“ In Südtirol wurden nicht alle überlebenden Bäume geschont, es entstanden Kahlschlagflächen.

 

Windwurf 2018 Ulten
Windwurf 2018 Ulten

Ein Sturm verändert den Wald, vor allem auch die Mykorrhizapilze. In den subalpinen Lagen sind Mykorrhizapilze für das Überleben der Bäume lebensnotwendig, sie liefern den Bäumen Nährstoffe und Wasser. Aus dem Sturm Vivian kann man lernen, noch stehende Bäume in den Windwurflächen sind stehenzulassen, sie sind die Keimzelle für die Mykorrhizapilze des künftigen Waldes. In Südtirol wurden jedoch diese wichtigen Keimzellen für den zukünftigen Wald nicht geschont.

Fazit zu Mykorrhizapilze: „Es empfiehlt sich bei einer allfälligen Räumung von Windwurfflächen zu den noch verbleibenden Jungpflanzen Sorge zu tragen. Sie sind Refugien für Mykorrhizapilze und helfen mit, diese in die nächste Baumgeneration hinüberzuretten.“ Durch die Räumung mit schweren großen Maschinen (Harvestern) wurde auf verbliebene Jungpflanzen wenig bis gar nicht geachtet.

Fazit Naturgefahren: „Die Studie zeigt, dass es sich im Interesse der Sicherheit vor Naturgefahren lohnen kann, einen Totholzbestand stehen zu lassen.“

Fazit Lawinen: „Um Lawinenanrisse zu verhindern, ist es in den meisten Fällen von Vorteil, Windwurfflächen nicht zu räumen. “ In Südtirol wurden jedoch die Flächen geräumt und das für den Schutz vor Naturgefahren wichtige verkeilte Holz am Waldboden nicht belassen. Es wurden auch Lawinenverbauungen in Wäldern errichtet.

geräumte Windwurffläche Ulten: Bau einer Lawinenverbauung im Wald

Artenvielfalt Fauna: Die Artenvielfalt nimmt zu. Von insgesamt 1856 registrierten Insekten-, Spinnen-, Reptilien- und Kleinsäugerarten fanden sich auf untersuchten Sturmflächen von Vivian 35 bis 69 Prozent mehr Arten als im intakten Wald. Dank des vielen Totholzes auf den belassenen Flächen waren hier die Anzahl totholzbewohnender Arten und Individuenzahlen höher als auf den geräumten Flächen. Liegenlassen von Sturmholz fördert die Artenvielfalt und ein reichhaltiges Lebensraummosaik im Wald entsteht. Den Wald nicht räumen, ist von Vorteil für die Biodiversität. Durch die tatale Räumung des Waldes in Südtirol profitieren nicht einmal die Tierarten, welche von toten Bäumen profitieren.

Schutz vor Wildverbiss: Liegen gelassenes Sturmholz schützt die jungen Bäume vor Wildverbiss und das Liegenlassen von umgefallenen Bäumen hift dem Wald, sich zu regenerieren. (siehe https://www.waldwissen.net/waldwirtschaft/schaden/wild/wsl_sturmholz_verbiss/index_DE)- Sturmholz wurde in Südtirol aber nicht liegengelassen und der Wald damit nicht vor Wildverbiss geschützt.

kleinflächiger Windwurf Ulten
kleinflächiger Windwurf von 2018 Ulten- 2019 nicht geräumt und damit Artenschutz betrieben

 

Kleinräumige Windwürfe aufräumen oder liegen lassen?

Eine klare Antwort auf diese Frage liefert die Bayrische Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege(https://www.anl.bayern.de/forschung/forschungsthemen/windwurf.htm)

„Totholzräumung nach Windwurf widerspricht dem Gedanken des Prozessschutzes und führt zur Reduktion der Artenvielfalt. Nicht geräumte Windwürfe weisen eine deutlich erhöhte Artenvielfalt für verschiedene Artengruppen auf. Die Ergebnisse einer Langzeitstudie, erschienen 2016 in der Zeitschrift Ecology Letters (THORN et al. 2016), zeigen deutliche Unterschiede im direkten Vergleich zwischen belassenen und aufgeräumten Windwürfen.

Es konnte gezeigt werden, dass die Artenzahl von Holzkäfern, Holzpilzen und holzbewohnenden Flechten auf geräumten Flächen drastisch reduziert war…. Damit widerspricht das Räumen fundamental dem Gedanken des Prozessschutzes und es sollten zumindest Windwürfe in Schutzgebieten von Räumungshieben ausgenommen werden.

In Südtirol waren auch viele als Naturschutzgebeite ausgewiesene Flächen vom Windwurf betroffen: Naturparke 16,6 %, Natura 2000 15,1 % Unesco (Dolomiten) 4,9 % der landesweiten Windwurffläche.

gestörte, vertrocknete Waldböden: das Ökosystem Wald wurde durch die Totalräumung geschädigt

Jedoch wurden keine Prozessschutzflächen in den Schutzgebieten eingerichtet und Sturmholzflächen werden in Südtirol radikal geräumt. Nur einige wenige Bauern verzichten auf die Räumung und leisten  damit einen guten Beitrag zum Natur- und Artenschutz.

Große Maschinen (Harvester) kommen auf vielen Windwurfflächen zum Einsatz und der Wald wird ausgeräumt. Harvester wirken sich negativ auf den Boden aus. Die schweren Maschinen verdichten den Boden und bei der Räumung wird der Boden stark belastet. Die empflindlichen Waldböden erleiden große Schäden. Unzählige Wege wurden in die Wälder hineingebaut und Verbauungen in den Wäldern errichtet.

Radspuren in einem Feuchtgebiet neben einer geräumten Windwurffläche: Auch Feuchtgebiete werden durch Räumarbeiten beeinträchtigt.

Totalräumung des Waldes und vernichtete Biodiversität des Waldes:

Beispiel Kuppelwies

Viele Flächen wurden radikal geräumt, wie z.B. im Ultental/ Kuppelwies:

 

Windwurf ohne Räumung

(Herbst 2018) Nicht alle Bäume des Waldstückes im Bild oben fielen durch den Sturm 2018 um. Etliche Bäume blieben stehen.

 

Windwurf geräumt

(Frühling 2019) Noch stehende Bäume, welche den Windwurf überstanden und den starken Winden trotzten, wurden gefällt. Starke Bäume wurden dem Wald entnommen, und große Offenflächen, ohne Waldbäume, entstanden. Vom Baumbestand des Waldes blieb nach der Räumung nur wenig übrig. Es fielen mehr Bäume den Aufräumarbeiten als dem Sturm selbst zum Opfer. Jegliche Deckung für Tiere des Waldes verschwand, der Boden wurde entblößt und aufgewühlt durch die Holzbringungsarbeiten, der empflindliche Waldboden wurde zerstört.

Laubgehölze gewinnen auf der Fläche nach dem Windwurf die Oberhand: Haselnuss, Esche, Ahorn usw.
Laubgehölze gewinnen auf der Fläche nach dem Windwurf die Oberhand: Haselnuss, Esche, Ahorn usw.

(Herbst 2019) Auf der total geräumten Windwurffläche treiben die Sträucher des einstigen fichtendominierten Waldes aus. Auch Haselnusssträucher in der Strauchschicht wurden abgeholzt. Diese trieben aber kräftig aus und erholen sich. Einige Laubbäume (Gemeine Esche und Berg-Ahorn) wachsen auf der Fläche. In der Waldtypisiserung ist der Wald als montaner Fichtenwald ausgewiesen, jedoch scheint sich der Wald mehr zu einem Laubwald zu entwickeln. Ahorn und Esche wachsen auf der Fläche, Buchen fehlen leider auch im weiteren Umkreis. Invasive Neohphyten haben die Fläche nicht eingenommen. Einige ruderale Arten (Chenopodium sp.) siedeln auf den durch die Räumung gestörten Böden.

Durch das Herausziehen von Baumstämmen wird der Waldboden aufgewühlt. Waldarbeiten wurden früher immer nur im Winter gemacht, als der Boden gefroren war. Heute wird bei jedem Wetter und auf nicht gefrorenen Böden Holz im Wald geschlagen- Waldböden werden heute in einer noch nie dagewesenen Art und Weise brutal behandelt.

Wurzelstöcke auf Wiesen

Mit schweren Maschinen werden Wälder radikal geräumt und die natürliche Waldentwicklung wurde unterbunden. Auf bestockten Wiesen und Weiden gibt es aber Einschränkungen laut Situationsbericht:

„Entfernung von Wurzelstöcken umgestürzter oder geknickter Bäume auf landwirtschaftlich genutzten Flächen:
• Windwurf und Windbruch auf landwirtschaftlichen Flächen: Wurzelstöcke können entfernt werden.
• Windwurf auf bestockten Wiesen und Weiden: Wurzelstöcke können nach Genehmigung durch die Forstbehörde entfernt werden
Windbruch auf bestockten Wiesen und Weiden: Wurzelstöcke müssen bleiben“

(Bestockte Wiesen und Weiden, z.B. Lärchenwiesen siehe http://biodiversitaet.bz.it/wiesen/)

Notstandsgebiet und Finanzen Südtirol

Der Sturm Vaia hat 2018 in Südtirol einige Wälder umgeworfen. Wälder liegen am Boden und wegen der Unwetter- und Sturmereignisse vom 27.10. bis 30.10.2018 rief der Landeshauptmann mit Verordnung für ganz Südtirol den Notstand aus. Dadurch sollte die Behebung der Unwetter- und Sturmschäden in den betroffenen Gemeinden erleichtert und beschleunigt werden.  Gleichzeitig beantragt die Landesregierung auch die Aufnahme in den staatlichen Notstandsplan.

So ein Notstand ist für die meisten Südtiroler sehr leicht zu verkraften. Die meisten Südtiroler wissen nicht, dass sie in einem Notstandsgebeit leben.

In Südtirol liegen meist nur Wälder am Boden und die Holzwirtschaft zeigte sich besorgt (z.B. WIKU, 21. November 2018, In Sorge, Holzwirtschaft nach Unwetter italienweit unter Druck). Die Holzpreise sanken, der durchschnittliche Preis für die Fichte vor dem Sturm betrug 92 €/Fm und nach dem Sturm 69 €/Fm.

Berge von Schadholz stapeln sich- der Verkauf ist schwierig

Mit Beschluss der Landesregierung Nr. 11 vom 8. Jänner 2019 wurden die “Richtlinien für die Gewährung von Beihilfen für die unmittelbare Aufarbeitung und Bringung von Schadholz im Sinne des Art. 48 des Landesgesetzes Nr. 21 vom 21. Oktober 1996“ genehmigt (Anlage A). Es wurden folgende Förderungen für das Aufräumen vom Holz aus den Windwurfflächen vorgesehen: •    9 €/m für Bodenzug / Harvestereinsatz  • 12 €/m für Bringung mit Pferd • 15 €/m für Seilbringung • 16,50 €/m für Bringung mit Hubschrauber Die genannten Förderrichtlinien im Rahmen der Notsituation wurden bei der EU- Kommission gemeldet und die entsprechenden Gesuchformulare wurden bereits erstellt. Die Provinz Bozen fördert die Holzbringung großzügig mit Geldern der öffentlichen Hand, 12 Millionen Euro warten darauf, in die Kassen der Waldeigentümer zu fließen.

Ohne Prämien ist die Räumung oft wenig rentabel und die Forstwirtschaft mehr ein Defizitgeschäft. 

Aufgestapeltes verrottendes Schadholz. Am Waldboden, wo es eigentlich hingehört, hat man es nicht belassen- unnütze Arbeit und geschädigtes Ökosystem

Die Forstpolitik der EU hat durch den Solidaritätsfonds [Verordnung (EG) Nr. 2012/2002 des Rates] den Mitgliedstaaten im Falle von Naturkatastrophen größeren Ausmaßes wie etwa Stürmen und Waldbränden eine Möglichkeit der Unterstützung gewährleistet. Das Katastrophenschutzverfahren der Union (Beschluss Nr. 1313/2013/EU) kann im Falle von Krisen aktiviert werden, die von den Mitgliedstaaten alleine nicht bewältigt werden können, was insbesondere bei bestimmten Waldbränden (Griechenland 2007 und 2012) und bestimmten Stürmen geschehen ist. So schreibt es jedenfalls die EU. Jedoch sind die umgeworfenen Bäume des Sturmes Vaia sicher keine derartige Katastrophe, wie große Waldbrände. Schon im Jahr danach krachten wieder fast so viele Bäume in den Wäldern durch die Schneelast zu Boden und auch das ist keine Katastrophe. Solange Bäume nicht aus Stahl sind und nicht in Betonfundamenten gegossen sind, können sie schon bei Stürmen und durch Schneedruck umfallen. Mir gefallen umgefallene Bäume in den Wäldern immer gut. Wälder ohne Totholz sind wie Küchen ohne Herd.

Windwurf und Positionen:

Da in der Presse der Windwurf wie eine große Katastrophe beschrieben wurde (z.B. Wetter online: „Ganze Wälder verwüstet“) und die Bilder von umgefallenen Bäumen um die Welt gingen und sich viele Menschen unnötig und vollkommen überflüssig um umgefallene Bäume im Wald sorgten, wollte ich vor allem darauf hinweisen, dass ein Windwurf natürlich ist und sicher kein Notstand für den Wald:

Der Windwurf ist kein Notstand für den Wald und es bietet sich die Gelegenheit, dass sich in Zukunft ein lebendigerer und natürlicherer Wald entwickelt.

Martin Hipold, im Gastkommentar in der ff

Ich plädierte natürlich für das Liegenlassen des Holzes, da so viel dafür spricht. Der Kommentar war auch eine Antwort auf die in der ff aufgeworfene Frage, was nun passieren solle. Für die Biodiversität und den Naturschutz sind nicht geräumte Sturmholzflächen wertvoll, der Prozesschutz eine Naturschutzstratgie und für das Ökosystem Wald ist es besser nicht zu viel zu räumen.

Siegfried Rinner vom Südtiroler Bauernbund reagierte auf den Kommentar (Gastkommentar Wochenmagazin FF No. 01/2019) und plädierte für die Räumung:

„Ist es wirklich sinnvoll, einen so wertvollen Baustoff verfaulen zu lassen? Und warum sollte nicht auch der wirtschaftliche Schaden für die Waldeigentümer etwas verringert werden?“

Siegfried Rinner im Gastkommentar. Wenn der Baustoff schon so wertvoll sein soll, dann muss man sich fragen, wozu es Förderungen für die Bringung von Holz überhaupt gibt. 

„Von den Windwurfflächen sind ausschließlich Fichtenwälder der montanen und subalpinen Höhenstufe betroffen (laut Typisierung der potentiellen Waldtypen in Südtirol).“  Diesen Satz schrieb Siegfried Rinner ebenfalls, jedoch waren nicht nur Fichtenwälder betroffen.  Im besonders betroffenen Gebiet von Welschnofen (Karersseegebiet) gibt es vor allem Fichten- Tannenwälder in der montanen Stufe und so gut wie keine Fichtenwälder laut Waldtypisierung (Siegfried Rinner war im Amt für Forstwirtschaft auch angestellt). 

Der Situationsbericht der Forstbehörde gibt an, dass ausschließlich Wälder in der montanen bis subalpinen Höhenstufe betroffen sind. Als Waldtypen sind vorwiegend Fichten bzw. Fichten-Tannenbestände in der montanen Stufe und Fichtenbestände in der subalpinen Stufe betroffen. Lärchen- und Zirbenbestände treffen auf ca. 9% der Windwurfflächen zu.

Die Jägerzeitung widmete ebenfalls dem Thema und lieferte allerhand Wissenswertes. In der Ausgabe Dezember 2018, Nr. 4, wurde darauf hingewiesen, dass einige Wildtiere vom Windwurf profitieren, etwa Rehe und Heinrich Aukenthaler spannte in dieser Augabe den Bogen vom Windwurf zum Klimawandel:

„Wer Wind sät, wird Sturm ernten, wenn den Menschen das Klima egal ist, dann wird die Natur zurückschlagen. Das erkennen immer mehr Regierungen (leider nicht alle) und lässt uns hoffen, dass wir endlich beginngen, sorgsamer mit unserem Planeten umzugehen“

(Heinisch Aukenthaler, Jägerzeitung Dezember 2018, Nr. 4.)

Leser Südtiroler Medien erfuhren etwa in der Wochenzeitschrift ff oder auf Stol (https://www.stol.it/artikel/kultur/literatur/ausgelaugte-natur-wie-behandelt-suedtirol-seine-oekosysteme), dass die fast totale Aufräumung der beschädigten Wälder nach dem Windwurf von Ende Oktober 2018 negativ für das Ökosystem Wald ist. Umweltschutzverbände Südtirols hat man zu diesem Thema überhaupt nicht vernommen.

Mehr zum Thema Wald: http://biodiversitaet.bz.it/waelder/

Mehr zum Klimwandel: http://biodiversitaet.bz.it/klimawandel/

 

Fischarten und Fischbiomasse Südtirol

Liste der in Südtirol vorkommenden Arten und Unterarten von Fischen. Nicht heimische Fischarten sind mit dem Zusatz allochthon in der ersten Spalte ausgewiesen. Insgesamt gibt es in Südtirol 38 Arten von Fischen, wobei sehr viele nicht heimische Arten (allochthon) vorkommen. Auch einer der häufigsten Fische, die Bachforelle (Salmo trutta fario), ist allochthon, wie auch die Seeforelle. Die Bachforelle und Seeforelle gehören der gleichen Art an. Die einzig natürlich vorkommende Salmonidenart in Südtirol ist die Marmorierte Forelle (Salmo marmoratus), welche früher als Unterart angesehen wurde, jedoch eine eigene Art darstellt (http://www.iucn.it/scheda.php?id=-788860032). Die Marmorierte Forelle ist global vom Austerben bedroht (CR) und in Südtirol nach der Roten Liste von 1994 stark gefährdet (EN).

Bachneunauge Lampetra planeri
Europäischer Aal Anguilla anguilla
allochthon Brachse Abramis brama
Laube Alburnus alburnus
Barbe Barbus barbus
allochthon Silberkarausche/ Goldfisch Carassius auratus
allochthon Karausche Carassius carassius
allochthon Graskarpfen Ctenopharyngodon idella
allochthon Karpfen Cyprinus carpio
allochthon Silberkarpfen Hypophthalmichthys molitrix
allochthon Marmorkarpfen Hypophthalmichthys nobilis
Aitel Leuciscus cephalus
Elritze Phoxinus phoxinus
allochthon Blaubandbärbling Pseudorasbora parva
allochthon Bitterling Rhodeus sericeus amarus
Nord- Italien Rotauge Rutilus erythrophthalmus
allochthon Rotauge Rutilus rutilus
Rotfeder Scardinius erythrophthalmus
Schleie Tinca tinca
Steinbeißer, Dorngrundel Cobitis taenia
Maskierter Steinbeißer Sabanejewia larvata
Schmerle Barbatula barbatula
Hecht Esox lucius
allochthon Zwergwels Ictalurus melas
allochthon Renke Coregonus lavaretus
allochthon Regenbogenforelle Oncorhynchus mykiss
Marmorierte Forelle Salmo marmoratus
 allochthon Seesaibling Salvelinus alpinus
allochthon Bachsaibling Salvelinus fontinalis
Äsche  Thymallus thymallus
Dreistachliger Stichling Gasterosteus aculeatus
Martens Grundel Padagobius martensi
allochthon Sonnenbarsch Leppomis gibbosus
allochthon Seeforelle Salmo trutta lacustris
allochthon Bachforelle Salmo trutta fario
allochthon Forellenbarsch Micropterus salmoides
allochthon Zander Stizostedion lucioperca
Flussbarsch Perca fluvitiatilis
Mühlkoppe Cottus gobio

 

Fischarten wie der Blaubandbärbling oder die Regenbogenforelle sind invasive Neozoen, welche eine große Gefahr für die Biodiversität darstellen. Mehr zu invasiven Neozoen auf http://biodiversitaet.bz.it/invasive-neobiota/

Fischarten und Fischbiomasse in einigen Fließgewässern Südtirols

Der Lebensraum der Fische, die Bäche und Flüsse Südirols, sind durch den Hochwasserschutz und die Wasserkraftwerke erheblich verändert worden. Eingezwängt zwischen Seitenverbauungen und unterbrochen durch Querbauwerke ist der Fischlebensraum beeinträchtigt und die Abnahme der Fischbiomasse die Folge. Gemäß offiziellen Abfischungsdaten seitens des Amtes für Jagd und Fischerei der Autonomen Provinz Bozen reduzierte sich die Fischbiomasse zwischen den Jahren 2004 und 2010 an verschiedenen Abfischungsstellen in der Passer zum Teil um bis zu 80%. Bei der als Leitfischart ausgewiesenen Marmorierten Forelle war in diesem Zeitraum, trotz eines intensiven Fischbesatzungsprogramms seitens der Landesfischzucht der Autonomen Provinz Bozen, ein Rückgang von durchschnittlich 12,4 kg/ha auf 4,6 kg/ha festzustellen. Im Jahrzehnt von 2000 bis 2010 kam es zu einem massiven Rückgang der Fischbiomasse in der Passer, obwohl die Passer nicht durch Wasserkraftwerke erheblich beeinträchtigt ist und die Wasserqualität  gut ist, die Verschmutzung ist gering.

gut getarnter kleiner Fisch- kleine Fische finden sich zahlreich, große Fische sind selten
gut getarnter kleiner Fisch in der Passer- kleine Fische finden sich zahlreich, große Fische sind selten

 

Der Rückgang der Fischbiomasse ist in vielen Gewässern feststellbar, von der Etsch im Unterland bis zur Rienz im Pustertal. Im Zuge der Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie werden Abfischberichte erstellt. Diese geben Auskunft über die vorhandenen Fischarten. Einige Gewässer und ihr Fischbestand (Quelle: Abfischberichte WRRL 2015). Die autochthone Marmorierte Forelle verpaart sich auch mit den nicht- natürlich vorkommenden Bachforellen und diese Kreuzungen scheinen in den Abfischberichten als „Bach. x Marm. Forelle“ auf.

TALFER

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Mitten in Bozen bei der Holzbrücke am Festplatzzugang Sandgasse wurde eine Strecke von 118 m abgefischt. Trotz starkter Beeinträchtigung der Talfer durch Schwallbetrieb wurden folgende Fische festgestellt:

  • Bachforellen 79
  • Bach. x Marm. Forelle 46
  • Marmorierte Forelle 12
  • Regenbogenforelle 10
  • Äsche 4
  • Mühlkoppe 324

Insgesamt wurden 475 Fische auf einer kurzen Strecke von 118 m gefunden. Das Gesamtgewischt der Fische beträgt ca. 30 kg. Besonders sagt die Talfer den Mühlkoppen zu. Häufig ist die Bachforelle und Hybride.

AHR

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Die Strecke von der Industriezone Mühlen bis unterhalb der Brücke in Gais wurde in Streifen abgefischt und auch Uferbefischungen durchgeführt. Dabei wurden gefunden:

  • Marmorierte Forelle 37
  • Bach. x Marm. Forelle 79
  • Bachforelle 115
  • Regenbogenforelle 22
  • Äsche 332
  • Mühlkoppe 88
  • Neunaugen 2

675 Fische mit einem Gesamtgewicht von 213 kg wurden in der Ahr gefunden. Hybride und Regenbogenforellen sind nicht so stark vertreten wie die Äschen, eine charakteristische Art der unteren Ahr.

GRABEN LANANER GIEßEN

Graben
künstlicher Graben (Kammergraben)- zusätzlicher Lebensraum für Fische

Aber auch in künstlichen Gräben, wie im Lananer Gießen können eine Vielzahl an Fischen gefunden werden:

  • Bachforelle: 41
  • Bach. x marm. Forelle: 6
  • Marmorierte Forelle: 3
  • Regenbogenforelle: 1
  • Aitel: 9
  • Barbe: 2
  • Stichling: 9

Auf einer Länge von 149 m und einer Breite von 5 m konnten durch die Abfischung 9,5 kg Fisch gefangen werden, insgesamt 71 Fische.

Größenklassen werden untersucht und es überwiegen die kleineren Exemplare (kleiner als 14 cm). Jungfische sind in den Gewässern in großer Zahl vorhanden. Große Fische gibt es viel seltener:

z.B. Bachforellen in einem Graben (Kammergraben Abfischbericht WRRL 2015): Ausgewachsene Bachforellen haben eine Länge von 20 bis 35 cm. 21 Bachforellen sind im Kammergraben kleiner als 14 cm und 3 größer als 14 cm. Nur eine erreicht immerhin 22 cm.

Bachforellen Länge in cm und Anzahl Individuen:

  • 7 cm 4 Bachforellen
  • 8 cm 5  Bachforellen
  • 9 cm 3 Bachforellen
  • 10 cm 4 Bachforellen
  • 11 cm 2 Bachforellen
  • 19 cm 1 Bachforelle
  • 20 cm 1 Bachforelle
  • 22 cm 1 Bachforelle

In der Etsch im Unterland haben trotz des Umbaus der Etschufer und der vermeintlichen Verbesserung des Fischlebensraums im Zuge der Revitalisierung die Fischbestände abgenommen. Mehr zur Revitalisierung auf http://biodiversitaet.bz.it/revitalisierung-wasserrahmenrichtlinie/

Fische sind wichtige Glieder in der Nahrungskette der Gewässerökosysteme und die Abnahme der Fischbiomasse wirkt sich negativ auf die höheren trophischen Ebenen aus. Eine hohe Zahl an Fischen und eine hohe Fischbiomasse ist von Vorteil für fischfressende Vögel. Graureiher, Haubentaucher und Eisvögel sind fischfressende Vögel, die in Südtirol auch als Brutvögel vorkommen. Haubentaucher und Eisvögel erbeuten vor allem kleine Fische, denn es sind recht kleine Vögel. Der Graureiher kann auch größere Fische fressen, jedoch keine ausgewachsenen Marmorierten Forellen. Große Fische in Südtirols Gewässern fallen praktisch ausschließlich Hobbyanglern zum Opfer. Unter den fischfressenden Vögeln gibt es auch Wintergäste, wie den Kormoran, welcher nach seiner Ausrottung in weiten Teilen Europas wieder zugenommen hat und an Südtirols Gewässern überwintert. In Südtirol werden Kormorane auch abgeschossen, mehr zu Kormoranen http://biodiversitaet.bz.it/tag/kormoran/.

Kormorane im Brutgebiet- in Südtirol sind sie Wintergäste
Kormorane im Brutgebiet- in Südtirol sind sie Wintergäste

Der Fischreichtum der Gewässer bildet die Nahrungsgrundlage für Würfelnattern, welche kleinere Fische wie Mühlkoppen erbeuten.

Würfelnatter
Würfelnatter

Auch seltene Säugetiere, wie der Fischotter ernähren sich von Fischen und sind auf diese als Nahrungsgrundlage angewiesen. Jahrhundertelang wurden Fischotter gejagdt und in vielen Gebieten ausgerottet, die Verschmutzung der Gewässer in der jüngeren Geschichte führte zum weiteren Zusammenbruch von Populationen. Langsam breitet sich der Fischotter in den Gewässern Mitteleuropas wieder aus und auch in Südtirol wurde er wieder beobachtet. Der Fischreichtum der Gewässer bietet den Fischottern in Südtirol eine gute Lebensgrundlage.

Fischfressende Vogelarten profitieren sicherlich davon, wenn Fischereivereine Gewässer mit Fischen besetzen. Fischbesatz und Fehlbesatz hat jedoch weitreichende negative Auswirkungen auf die Biodiversität. Mehr dazu auf http://biodiversitaet.bz.it/2017/11/29/fische/

Renaturierung und Wasserrahmenrichtlinie Mittleres Eisacktal

Titelbild: Natur am Eisack- Opfer der Bautätigkeit

Zentrales Ziel des Projektes StadtLandFluss Mittleres Eisacktal (2009-2011) war die planerische Festlegung von Maßnahmen zur Verbesserung der Hochwassersicherheit und Erreichung eines guten ökologischen Zustandes der Gewässer. Das Projektgebiet umfasst hauptsächlich die Gemeinde Brixen und Vahrn.

Natur am Eisack in Brixen ohne "Aufwertung" mit natrunahen Auwäldern am Ufer und Flussröhricht
Natur am Eisack in Brixen/Vahrn: naturnahe Auwälder am Ufer und Flussröhricht auf Flussinsel

 

Der Eisack selbst weist einen GUTEN ÖKOLOGISCHEN ZUSTAND auf und eine weitere Verbesserung wäre daher nicht unbedingt notwendig. Jedoch wurden zahlreiche Arbeiten durchgeführt. Naherholungsflächen und künstliche Bachbettmodellierungen wurden im Eisack realisiert. 

 

Holzfällerarbeiten am Eisack in Vahrn
Gefällter Auwald nach Holzfällerarbeiten am Eisack in Vahrn

 

Das Projekt StadtLandFluss Mittleres Eisacktal hat 2009 bis 2011 zahlreiche Defizite und Handlungsfelder zur Verbesserung des ökologischen Zustands im Sinne der Wasserrahmenrichtlinie für das Mittlere Eisacktal angeführt.

Für das gesamte Projektgebiet wurde der Ist- Zustand erhoben (im Gegensatz zu einzelnen Revitalisierungen/Renaturierungen, bei denen kein Ist- Zustand erhoben wird):

Es wurde festgestellt, dass insbesondere kleinere und mittlere Zubringer harte Verbauungen und naturferne Strukturen aufweisen. Viele Seitengewässer sind für Gewässerorganismen nicht mehr erreichbar oder als Lebensraum ungeeignet. So ist der Bach, der durch Albeins fließt, einer dieser Bäche. Auch der Trametscherbach, der durch Milland fließt, ist ein solch hart verbautes unnatürliches Gewässer. Das Projekt sah Renaturierungen/ Revitalisieungen für die Seitenbäche vor, jedoch wurden die Seitenbäche nicht renaturiert, der Eisack selbst wurde umgebaut. Der Eisack ist jedoch in einem guten ökologischen Zustand, laut Wasserrahmenrichtlinie. Der Eisack wurde emsig umgebaut, neue Verbauungen kamen hinzu und viele Ufergölze (= Auwälder) wurden durchforstet, kahlgeschlagen oder gerodet.

Für den Hochwasserschutz wurden Dämme und Ufermauern erhöhte (Schalderer Bach, Eisack Brixen) und Rückhaltebecken gebaut (Schalderer Bach).

Ufergehölze am Eisack Brixen vor "Aufwertung" des Flussraums
Ufergehölze am Eisack Brixen vor „Aufwertung“ des Flussraums

 

Nach Aufwertung des Flussraumes: fehlende Ufergehölze
Nach „Aufwertung“ des Flussraumes: fehlende Ufergehölze

 

Die Umbauarbeiten führten zum Verschwinden der Ufergehölze und Röhrichte im Bereich des neu modellierten Flusslaufes des Eisacks in Brixen. Die flussbegleitenden dynamischen Lebensräume mit natürlich vorkommenden Arten und Lebensräumen Südtirols sind durch die „Aufwertung“ verloren gegangen und mit Ansaaten und Anpflanzungen wurde die natürlich entstandene Vegetation ersetzt. Der Boden des Flussbettes wurde mit Steinen gestaltet und Erde wurde eingbracht. Das natürliche Bodenmaterial des Flussbettes bestünde aus Sand, Kies und Steinen und nicht aus Erde. Dadurch wurden unnatürliche Bodenverhältnisse geschaffen.

künstlich modelliertes Bachbett innerhalb der Dämme als "Aufwertung"
künstlich modelliertes Bachbett innerhalb der Dämme als „Aufwertung“- wurde dann eingesäät und bepflanzt

 

neue harte Verbaung mit Steinen, keine natürlichen Ufer
neue harte Verbaung mit Steinen, keine natürlichen und dynamischen Ufer

 

Für das Mittlere Eisacktal wurden gerade die hart verbauten Zubringerbäche als Gewässer mit ökologischen Defiziten identifiziert, welche jedoch nicht revitalisiert/ renaturiert  wurden.

Der WWF Bozen hat 2015 auf die misslungene Revitalisierung aufmerksam gemacht, es wurden nicht hart verbaute Bäche revitalisiert (https://wwfbolzano.com/2015/11/20/die-misslungene-revitalisierung-der-fliesgewasser-sudtirols/). Der Vorsitzende der Umweltgruppe Eisacktal, Andreas Hilpold, hat hingegen 2016 die Arbeiten gelobt und behauptet, zu kontrollieren, kritisch zu sein und gut mit Ämtern zusammenzuarbeiten (online nachzulesen auf https://www.pz-media.it/inhalt/wirtschaftumwelt/1317-umweltverbände-ziehen-an-einem-strick-ja-zur-revitalisierung-ausg-06_2016.html). Von diesen fünf „kontrollierenden und kritischen“ Umweltvereinen war jedoch einzig die Arbeitsgemeinschaft für Vogelschutz und Vogelkunde beim Projekt beteiligt. Die Umweltgruppe Hyla ist auch mit den Arbeiten zufrieden, die geleistet werden (schriftliche Mitteilung an das Artenschutzzentrum).

Wenig Raum wurde beim Projet Stadtlandfluss dem Thema Gewässerqualität gegeben: „Die Verschmutzung des Wassers durch Abwässer aus Siedlungen, Industrie und Landwirtschaft sowie durch Einträge giftiger Substanzen oder Nährstoffe.“ (https://umwelt.provinz.bz.it/wasser/monitoring-netz.asp) belasten die Gewässer Südtirols.

Stockenten im Schaumteppich des Eisack in Brixen
Stockenten im Schaumteppich des Eisack in Brixen 2018

 

Querbauwerke unterbrechen die Durchgängikeit für Fische und vor allem beeinträchtigen sie die Gewässermorphologie und den Geschiebetransport.

Beim Projekt Stadtlandfluss wurde das Querbauwerk in Brixen als eines der wenigen Unterbrechungen im Eisack identifiziert. Es wurde nicht vollkommen rückgebaut und der ökologische Zustand dahingehend nicht verbessert.

 

Die ökologische Aufwertung heil überstanden hat dieses Querbauwerk
Die „ökologische Aufwertung“ heil überstanden hat dieses Querbauwerk

 

Neben der Erhehung des gewässerökologischen Zustands der Gewässer im Projektgebiet, erfolgten Erhebungen zur terrestrische Ökologie (Lebensräume und Tiere). Dabei wurde u.a. festgestellt:

  • – Es sind noch Reste ehemaliger Flusslebensräume vorhanden, durch welche sich ein relativ hohes ökologisches Potenzial ergibt. Allerdings werden die für das Überleben von Populationen notwendigen Mindestflächen bereits vielfach unterschritten.
  • -Die Auwaldreste des Eisacks stellen einen wichtigen Lebensraum für den in Südtirol selten vorkommenden Kleinspecht dar.
  • -Das Biotop “Millander Au“ ist von hoher Bedeutung für verschiedenste Libellenarten.
  • -Es besteht ein hohes ökologisches Potenzial für Amphibien wie z.B. Gelbbauchunke und Laubfrosch.
  • -Die ursprüngliche Vegetation des heutigen Flussgebietes ist nur mehr auf kleinen Restflächen vorhanden. Durch die Eintiefung des Eisacks und die damit verbundene Grundwasserabsenkung sind diese vom Austrocknen bedroht.
  • Dynamisch geprägte Lebensräume entlang der Wasserläufe wie Sand- und Schotterbänke, Auwälder oder Röhrichte sind nur mehr spärlich vorhanden.

Nicht erwähnt wurden invasive Neophyten wie der Japanische Staudenknöterich, welcher am Eisack zwischen Vahrn und Brixen unübersehbar wuchert.

Der Japanische Staudenknöterich wurde nicht weggebaggert und hat die Aufwertung heil überstanden.
Der Japanische Staudenknöterich wurde nicht weggebaggert und hat die „Aufwertung“ heil überstanden.

 

Stoffeinträge aus der Landwirtschaft wie Pestizide oder Nährstoffeinträge fanden keine größere Erwähnung, obwohl Pestizide für die Artenvielfalt eine große Bedrohung darstellen.

Der Auwald in der Industriezone Brixen ist Brutplatz des seltenen Kleinstpechts und beherbergt eine Graureiherbrutkolonie. Im Rahmen des Projektes „Biotopvernetzungskonzept Flussraum Mittlerer Eisack“, das vom Landesamt für Landschaftsökologie in Zusammenarbeit mit dem Forstinspektorat Brixen fand eine Aufwertung des Auwaldes statt. „Ziel der Pflegemaßnahmen ist es, den aktuellen Waldbestand in einen standortgemäßen, möglichst naturnahen Auwaldbestand umzubauen und die Lebensraumbedingungen der auentypischen Flora und Fauna zu verbessern“, so der Amtsdirektor. Der Auwaldrest in der Industriezone Brixen, in dem sich Schwarzerlen, Pappeln, Föhren und Fichten finden, ist durch eine Straße vom Eisack getrennt und weist daher keine natürliche Auendynamik mehr auf. Mit dem Brutgebiet des Graureihers beherbergt er jedoch eine ornithologische Besonderheit, auch weil die Brutkolonie die einzige am Eisack ist. „Die Bäume, die dem Graureiher als Brutplätze dienen, werden natürlich belassen“, betonte das Landesamt für Landschaftsökologie.

http://www.provinz.bz.it/news/de/news.asp?news_action=4&news_article_id=520195

Der waldbaulichen Verbesserung des Auwaldes steht jedoch der Verlust von Ufervegetion gegenüber.

Eine neue Naherholungsfläche in Brixen am Eisack wurde gebaut. Die Ufergehölze mussten dafür weichen (Bilder oben). Ufergehölze sind sehr artenreiche Lebensräume und erfüllen ökologische Funktionen ( siehe http://biodiversitaet.bz.it/baeche-und-seen/). Warntafeln warnen in der neuen Naherholungszone vor der Gefahr plötzlicher Flutwellen.

DSC02244

 


Dynamische Lebensräume, wie Auwälder und Röhrichte waren nur mehr spärlich im Projektgebiet vorhanden und sind noch spärlicher geworden. Im Bereich der neuen Nahrerholungszone am Eisack in Brixen gab es ausgedehnte Bachröhrichte und Auwald auf einer Flussinsel. Diese wertvollen Lebensräume sind weggebaggert worden.

Flussinsel im Eisack bei Brixen 2018 vor „Verbesserung“ mit dynamisch geprägten Lebensräumen wie Auwälder und Röhrichte

 

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Flussinsel Eisack bei Brixen nach „Verbesserung“ 2019

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Durch die „Verbesserung“ ist ein Stück lebendiger Auwald im Flussbett des Eisack zerstört worden.

Weitere Bilder des ehemaligen dynamischen Aulebensraums im Eisack vor der „Verbesserung“:

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Eisack in Brixen vor umfassendem Umbau: sehr großes Flussröhricht (grasdominierte Fläche) auf Schotterbank

 

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Totholz auf der Flussinsel, welches nach der „Verbesserung“ nicht mehr vorhanden ist

 

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Das Totholz selbst ist wiederum Lebensraum für spezialisierte Arten. Die Bäume und das Treibholz wurden entfernt.

 

Die Flussinsel und die Ufer beherbergten dynmische Lebensräume, typische flussbegleitende Lebensräume, welche es nur an Gewässern gibt. Diese wurden jedoch zerstört und Opfer der „Aufwertung“.

"aufgewertetes" durchforstetes und leergeräumtes Bachbett des Eisack 2019
„aufgewertetes“, durchforstetes und leergeräumtes Bachbett des Eisack 2019

Schalderer Bach:

Das Naturdenkmal Schalderer Bach besteht aus einem naturbelassenen unverbauten Bach im Wald des Schalderer Tales, wo jedoch ein riesiges neues Rückhaltebecken aus Beton hineingebaut wurde. Der in diesem Bereich naturnah dahinfließende Bach wurde beeinträchtigt und kein umweltverträgliches Bauwerk wie etwa in der Rienz bei Percha mit einer Seilsperre erreichtet. Die Seilsperre in der Rienz bei Percha, die eine Rückhaltemauer ersetzt, ist eines der wenigen postiven Beispiele eines Hochwasserschutzprojejektes der Revitalisierung in Südtirol: die Durchgängigkeit und der Stofftransport im Gewässer wurden verbessert. Nur bei Extremereignissen wird Material zurückgehalten. Seilsperren unterbrechen das Fließgewässer nicht wie Auffangbecken mit Betonmauern.


Die beiden geschützten Biotope Schrambacher Au und die Milländer Au waren auch Gegenstand sogenannter Renaturierungen. 

Schrambacher Au

Im Auftrag des Landesamtes für Landschaftsökologie setzte das Amt für Wildbach- und Lawinenverbauung Nord verschiedene Maßnahmen um, um das Lebensraumangebot im Biotop Schrambacher Lacke zu erhöhen: Mit der Schaffung eines fischfreien Laichgewässers und mehrerer kleiner Tümpel mit jahreszeitabhängigen Wasserständen sollen Amphibien und Wirbellose erhalten werden, erklärte Andreas Vettori in der Presseaussendung vom 10.03.2017: „Es ist zu hoffen, dass in Zukunft diese Tümpel wieder von derzeit im Biotop nicht vorhandenen Tierarten, etwa der Gelbbauch-Unke, besiedelt werden“.

Wie diese kleine und seltene Amphibienart ins Biotop gelangen kann, ist unklar. Die Schrambacher Lacke liegt zwischen Autobahn und Eisack und Gelbbauchunken schwimmen nicht durch den Eisack und überqueren keine Autobahn, das Biotop Schrambacher Lacke ist isoliert. Vorkommen von Gelbbauchunken in der Umgebung sind rar und eine natürliche Ansiedlung der Gelbbauch-Unke ist sehr unwahrscheinlich.

Durch die Schrambacher Lacke führt der übergemeindliche Radweg, er zerschneidet das kleine Biotop. „Dieser Waldstreifen mit seinem kleinen Teich ist ein wichtiger Rastplatz für Zug- und Wandervögel„, berichtet Andreas Vettori vom Amt für Wildbach- und Lawinenverbauung Nord der Agentur für Bevölkerungsschutz. Viele Wasservogelarten reagieren aber mit Fluchtverhalten auf die Anwesenheit von Menschen. Man hätte den Radweg um das Biotop führen können, damit eine größere ungestörte Fläche entsteht. Der Fahrradweg wurde nicht verlegt und eine Chance vertan, das Gebiet attraktiver für Wasservogelarten zu gestalten.

Es wurden auch keine neuen Retentionsflächen für den Eisack geschaffen, zur natürlichen Bildung von Schotterbänken, Autümpeln und Auwäldern. „Allerdings ist das Biotop nicht mehr an die natürliche Gewässerdynamik des Eisacks angebunden, weswegen die auentypische Flora und Fauna zusehends abnimmt“, erklärte Vettori und das Biotop wurde mit den Renaturierungen auch nicht wieder an die Gewässerdynamik angebunden, sondern nur Gestaltungen vorgenommen. Einen Trockenlebensraum hat man im kleinen Biotop auch noch untergebracht, als Trittsteinbiotop zur Lebensraumvernetzung. Kalkfelsen für Mauerläufer oder eine Almweide für Murmeltiere wurden in der Schrambacher Au nicht gebaut.

Beim Projekt StadtLandFluss war als Maßnahmenprogramm die Vergrößerung des Aubiotops geplant worden. Im kleinen Biotop hat sogar noch ein Trockenbiotop Platz.

Millander Au: Auwald roden, Feuchtwiese und Erhäufen anlegen

Tafel Biotop Millander Au mit dahinterliegender Wiese und Aue
Tafel Biotop Millander Au mit dahinterliegender Wiese (liegt höher als umgebende Kulturfläche) und Auwald des Biotops

Bagger- und Holzfällarbeiten werden vom Forstinspektorat Brixen im Auftrag des Amtes für Landschaftsökologie 2017 durchgeführt. Das kleine Auwaldbiotop Millander Au ist einer der letzten Reste eines einst ausgedehnten Sumpf- und Augebietes südlich von Brixen. Da die natürliche Überflutung durch den Eisack aufgrund seiner Verbauung und der Kultivierung der angrenzenden Flächen ausbleibe, müsse die Vitalität dieses Lebensraumes durch verschiedene Pflegemaßnahmen ständig gefördert werden, sagte Christoph Hintner vom Forstinspektorat Brixen. Beim Projekt StadtLandFluss wurde festgestellt, dass durch die Eintiefung des Eisacks und die damit verbundene Grundwasserabsenkung die Auflächen vom Austrocknen bedroht sind. 

Auf einer Teilfläche am Rande der Millander Au ist in der Vergangenheit Material aufgefüllt worden und die angrenzende Wiese liegt ca 1m höher als die umliegenden landwirtschaftlichen Kulturen.

Im Zuge der „Renaturierung“ bzw. Auwaldvernichtung wurde eine Bodenschicht im Biotop abgetragen und das entnommene Material aus der Au abzutransportiert, wobei in der Millander Au seit dieser Renaturierung Erdhäufen stehen.

Erdhaufen in Millander Au
Junger Erdhaufen in Millander Au 2019

 

Rechts hinten neuer großer Erdhaufen, wo einst Auwald stand
Rechts hinten im Bild neuer großer Erdhaufen, wo einst Auwald stand

 

Durch die Maßnahme des Abtrages der Bodenschicht soll jedenfalls eine Feuchtwiese entstehen, die von der Grundwasserdynamik beeinflusst wird. Auch eine weitere Fläche in der Mitte des Auwaldes soll mit Erdmaterial aufgefüllt worden sein. Hier wurde ebenfalls damit begonnen, dieses Material abzutragen, um wieder eine natürliche Auwald-Dynamik zu ermöglichen. Jedoch sind seit der Renaturierung Erdhäufen im Biotop vorhanden, welche vorher nicht da waren.

Die natürliche Audynamik soll ermöglicht werden, aber nicht die des Flusses mit Hochwässern, sondern nur die indirekte Dynamik des Grundwassers. Die Dynamik des Eisacks, nämlich seine Hochwässer und seine Niedrigwässer, sein Transport von Sedimenten und seine Kraft eine natürliche Gewässerstruktur zu schaffen nicht genutzt und das Biotop wurde nicht an die natürlichen Hochwässer des Eisack angebunden. Es wird kein neuer Auwald sondern eine Feuchtwiese angelegt und damit werden nicht lebendige natürliche Auen geschaffen, wie man sie eigentlich bei der Aufwertung von Gewässerlebensräumen erwarten würde. Die Feuchtwiese wurde eingesät und der Auwald der Millander Au wurde wieder kleiner, wie schon in den vergangenen Jahrzehnten und Jahrhunderten. 

Millander Au: Auwald wurde zu "Feuchtwiese" (rechts- unten im Bild)
Millander Au: Auwald wurde zu „Feuchtwiese“ (im Bild rechts und unten – Fläche mit spärlichem Bewuchs)

 

Die Fauna des Feuchtgebietes gilt als besonders reichhaltig und hat für ganz Südtirol eine einzigartige Bedeutung als Lebensraum der letzten Laubfroschpopulation Südtirols. Der Laubfrosch (lat. Hyla) ist eine typische Art der Auen und überwintert an Land- im Auwald (unter Wurzeln, Moss, Laub, Erdlöcher). Er ist nur zur Laichzeit (April- Juni) im Wasser anzutreffen. 

Mehrere Laichgewässer für die vom Aussterben bedrohten Laubfrösche wurden angelegt und nun wurde der Auwald im Winter 2017 umbegaut, obwohl der Laubfrosch dort gerade überwintern könnte. Tiere in Winterstarre haben nicht die Möglichkeit, vor den Holzfällerarbeiten und Baggerarbeiten zu flüchten. Auwälder gelten als Lebensräume für eine Vielzahl an gefährdeten Tier- und Pflanzenarten, doch wird bei Renaturierungen keine Zustandserfassung der zu renaturierenden Fläche vorgenommen. Nur mehr ein rufender Frosch wurde im Jahr 2018 und 2019 gezählt. „Es besteht ein hohes ökologisches Potenzial für Amphibien wie z.B. Gelbbauchunke und Laubfrosch. „, galt noch im Jahr 2011. Das hohe Potential für Amphibien hat sich ins Gegenteil gewendet, die letzten Laubfrösche Südtirols sterben aus.

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Viele Millionen Euro wurden im Mittleren Eisacktal investiert, Bäume gefällt und gebaggert. Doch früher war es besser, da gab es sogar noch Laubfroschpopulationen am Eisack (eine in der Millander Au und eine am Eisack weiter südlich).

Edellaubwälder

Titelbild: Ziegenweide im Edellaubwald

Edellaubbäume prägen einige für die Biodiversität bedeutende Lebensräume, wie Hang- und Schluchtwälder. Zu den Edellaubbäumen gehören Esche, Ahorn, Ulme, Linde, Vogelbeere usw. Diese Wälder sind auf bewaldeten Hängen, auf Block- und Schutthalden und in Schluchten ausgebildet. Es sind besondere Waldtypen, welche für die Artenvielfalt und als Lebensraum bedeutend sind.

Maßnahmen zum Erhalt und Verbesserung der Biodiversität von Hang- und Schluchtwälder wurden z.B. im Oberen Donautal in Deutschland und Österreich  umgesetzt. Durch den Ankauf von Waldflächen und großräumige Extensivierungen konnte beidseits der Grenze ein ökologisch intakter Naturraum geschaffen werden. Von diesen Maßnahmen profitierten Arten wie Uhu, Schwarzspecht, Wespenbussard, Hirschkäfer, Gelbbauchunke und Kammmolch.
Maßnahmen:
  • Flächenankauf im Wald;
  • Aufbau eines Netzes von Naturwaldparzellen;
  • Umbau von Nadelholzbeständen in standortheimische Laubwälder;
  • Förderung von artspezifischen Lebensräumen
  • usw.

 

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Hang- und Schluchtwälder in der montanen Stufe

In der Vegetationskarte von Südtirol, welche auf der Kartierung der Vegetation Südtirols durch Thomas Peer beruht, sind relativ große Schluchtwälder in der montanen und obercollinen Stufe eingezeichnet (Aceri -Fraxinetum und Aceri -Fagetum). In den Orginalkarten, welche nicht online verfügbar sind, sind auch Mischformen von Wäldern, z.B. montane Fichenwälder mit Schluchtwäldern eingezeichnet, welche in der veröffentlichten Version fehlen.

Schluchtwälder und Edellaubwälder sind Wälder, welche gut mit Nährstoffen und Wasser versorgt sind und eine üppige Kraut- und Strauchschicht aufweisen. Zahlreichen Tierarten, vom Großen Schillerfalter bis zum Feuersalamander, bietet ein Schluchtwald einen idealen Lebensraum.

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Schluchtwald mit fehlenden Laubbäumen in der ersten Baumschicht, in der zweiten Baumschicht kommen Ulme, Buche, Eschen und Linde auf.

Zahlreiche Laubwälder (Auwälder, Eichenwälder, Buchenwälder, Eschen- Ulmenwälder usw.) werden heute von Nadelbäumen dominiert.

Ein Fichtenforst ersetzt Buchenwald im Bärental bei Salurn
Ein Fichtenforst ersetzt Buchenwald im Bärental bei Salurn

 

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Wald- Geissbart, Aruncus dioicus, typische Schluchtwaldart

 

Die Krautschicht des Waldes verrät häufig, dass Wälder nicht natürlich sind. Der Wald- Geißbart ist z.B. eine Pflanze, welche charakteristisch für Linden- Ahornwälder der feuchten Standorte ist (Verband Tilio-Acerion). Schluchtwälder aus diesem Verband sind oft verändert worden und werden in der Baumschicht von Fichten beherrscht. Der Wald- Geißbbart ist u.a. die Nahrungsfutterpflanze der Raupen des Schwarzen Schillerfalters, welcher in Südtirol vom Austerben bedroht ist.

Bei der Waldtypisierung von Südtirol wurden ebenfalls Schluchtwälder beschrieben. Diese Laubmischwälder mit Edellaubbäumen, wie Eschen, Linden, Ahorn, Ulmen usw. sind für die Biodiversität und naturschutzfachlich sehr bedeutend. Vielfach werden die Wälder jedoch durch Fichten stark beeinträchtigt. Gefährdet sind die Wälder auch durch Beweidung. Diese Waldgesellschaften sind durch die FFH- Richtlinie priorität zu schützende Lebensräume.

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Haselnuss (Mitte), Buche (links) und Esche (rechts) im Schluchtwald mit fehlenden Laubbäumen

 

Linden- und Eschenwälder

(Zitate aus Waldtypisierung) „ Auffallend ist der hohe Struktur- und Artenreichtum, die Bestände bieten vielen seltenen Tier- und Pflanzenarten Lebensraum“. Mehrere Waldgesellschaften wurden dieser Kategorie zugeordnet und verschiedene Waldgesellschaften, deren Restbestände meist stark verändet und vegetationskundlich schwer zuordenbar sind, da sie nur fragmentarisch ausgebildet sind, wurden dabei festgestellt. Die Flächen sind durch den Menschen geprägt: „Nach Kahlschlag und Aufforstung mit Fichte oder Lärche entstanden naturferne Ersatzgesellschaften, die den standörtlichen Bedingungen nicht entsprechen

Naturnahe Bestände sind daher selten, die natürlichen Schlucht- und Hangschuttgesellschaften gelten als gefährdet.

„Die Linden- Eschenwälder sind besonders sensibel gegenüber anthropogen bedingten Einflussfaktoren, da ihre Vorkommen nur kleinflächig und die Randeffekte dadurch hoch sind. Zudem wurde/ wird die ober- colline Höhenstufe aufgrund ihrer Siedlungsnähe meist stark durch die Landwirschaft beeinflusst, so wurden Bestände lokal intensiv beweidet.“

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Ziegenweide in einem potentiellen Schluchtwald- Wälder werden durch Beweidung starkt verändert

 

Waldgesellschaften: Inneralpische Linden- Eschenmischwald (Primulo veris- Fraxinetum)

Die Baumschicht besteht aus Edellaubbäumen: Winterlinde, Esche, Vogelkirsche, Traubeneiche, Spitzahorn, Bergulme. Die Strauchschicht ist artenreich, wmit Haselnuss, Rote Heckenkirsche, geminer Liguster, Purgier- Kreuzdorn, Wolligem Schneeball, Gemeinen Schneeball und Schwarzem Holunder. Die Krautschicht ist von Krautigen Arten wie Wiesen- Schlüsselblume, Klebrigem Salbei, Echter Nelkenwurz, Leberblümchen und Nesselblättriger Glockenblume artenreich. Geschützte Orchideen können vorkommen, insbesondere in den Sonnlagen.

Prioritär geschützter Lebensraum nach FFH- Richtlinie, Code 9180

Geißbart- Linden- Eschenmischwald mit Edelkastanie (Arunco- Fraxinetum castanetosum)

Durch den Menschen stark verändert wird dieser Waldtyp oft von Fichte dominiert. Die eigentlichen natürlich vorkommenden Baumarten sind die Winterlinde, Esche, Bergulme, Vogelkirsche und auch Schwarzerle und Grauerle. Hopfenbuche, Buche und Edlekastanie sind ebenfalls eingesprengt bis subdominant. Die Krautschicht ist üppig und artenreich, Wald- Geißbart, Weiße Pestwurz und Christophskraut bilden als Hochstauden einen üppigen Unterwuchs. Die Strauchschicht wird von Haselnuss, Roter Heckenkirsche und Holunder charakterisiert.

Die Vitalität der Fichte in den Wäldern wird glücklicherweise durch Borkenkäfer, Scheinschlag und Windwurf etwas reduziert.

Prioritär geschützter Lebensraum nach FFH- Richtlinie, Code 9180

weitere Gesellschaften: Silikat- Block-Lindenwald mit Tüpfelfarn, Linden- Schuttwald

Biodiversität der Äcker und am Wegesrand

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Viel der heutigen Biodiversität ist erst durch die Tätigkeit des Menschen entstanden. Neben natürlichen Lebensräumen wie Wäldern sind Lebensräume aus Menschenhand entstanden. Getreideäcker und Beikräuter/Unkräuter der Getreideäcker kommen in der Natur nicht vor. Für Pflanzen wie Mohn, Kornrade und Kornblume und Tiere wie Rebhuhn oder Feldhamster bieten Getreideäcker Lebensraum.

Die Artenvielfalt ist jedoch bedroht und Arten sind gefährdet. Die Intensivierung der Landwirtschaft (Pestizide), Monokulturen, ausgeräumte Landschaften und Landnutzungsänderungen haben einst häufige Arten verschwinden lassen. Der Feldhamster ist in Westeuropa vom Aussterben bedroht. Einst als Schädling bekämpft ist er heute Ziel von Artenschutz- und Ackerschutzprogrammen.

 

 

Das Rot des Klatschmohns und das Blau der Kornblume ist heute in Getreideäckern nur sehr selten zu finden. Kornblumen und andere Ackerunkräuter werden in der agrarindustriellen Landwirtschaft mit Pestiziden aus dem Ackerland eliminiert. Die Ausrottung und Ausmerzung aller nicht- erwünschten Arten in einem Acker gelingt mit Herbiziden wie Glyphosat (ausgenommen Arten, welche Resistenzen entwickelt haben). In monotonen Ackerbaugebieten Europas fehlen die bunten Ackerunkräuter und ihre Bewohner, wie Rebhühner und Feldhamster.

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Kornrade (Agrostemma githago),  in Deutschland und Südtirol vom Aussterben bedroht

 

Der Verlust der Artenvielfalt ist gerade bei Arten der Äcker unübersehbar. Die moderne Landwirtschaft ist zum großen Vernichter der Artenvielfalt geworden. Pflanzengesellschaften der Ackerunkräuter sind verschwunden oder stark verändert.

Beispiele von verschwundenen/ stark veränderten Pflanzengesellschaften von Unkräutern/Beikräutern:

Getreideäcker inneralpin:

Adonisröschen- Ackerrittersporn- Gesellschaft

Unter den Getreideunkrautgesellshaften der inneralpinen Trockeninseln ist die Adonisröschen- Ackerrittersporn- Gesellschaft (Adonido- Delphinietum consolidae) eine Unkrautflur, welche in inneralpinenTrockeninseln (Wallis, Vinschgau, Oberinntal, Graubünden) vorkam. Bereits 1970, als die Vegetation von Braun- Blanquet beschrieben wurde, wurde ihr Erlöschen festgestellt. Die Gesellschaft beherbergt mehrere charakteristische und seltene Ackerunkräuter: Adonisröschen (Adonis aestivalis), Kornrade (Agrostemma githago) und Acker- Wachtelweizen (Melampyrum arvense).

Der Getreideanbau ist in den Alpen weitgehend verschwunden und von intensiver Milchkuhhaltung abgelöst worden. Ackerunkräuter verloren ihren Lebensraum und die Landnutzungsänderungen hatten den Biodiversitäsverlust zur Folge.

Weinberge:

Weinbergslauch- Gesellschaft

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Weinberge beherbergten in der Vergangenheit ebenfalls eine charakteristische eigene Unkrautgesellschaft: Die Weinbergslauch- Gesellschaft (Geranio rotundifolii- Allietum vineale). Früher wurden Weinberge gehackt, der Boden aufgebrochen, und ruderale Arten und Geopyhten (Zwiebel- und Knollenpflanzen) bestimmten das Bild der Weinbergfluren. Die Weinbergs- Traubenhyazinthe (Muscari neglectum), Milchsternarten (Ornithogalum sp.), Weinberglauch (Allium vinele) und die Wilde Tulpe (Tulipa sylvestris) sind charakteristische Arten. Diese typischen Arten sind in den Weinbergen jedoch bereits weitgehend ausgerottet.

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Doldiger Milchstern (Ornithogalum umbellatum) in Weinberg

 

Zahlreiche segetale Arten (Arten der Äcker, Gärten und Weinberge) sind in Südtirol vom Aussterben bedroht oder schon ausgestorben. Auswahl von Ackerunkräutern/Segetalvegetation Rote Liste Gefäßpflanzen Südtirol (ausgestorben= RE, gefährdete Arten= CR, EN,VU,NT):

  • Adonis aestivalis CR
  • Agrosemma githago CR
  • Ajuga chamaepitys RE
  • Allium vineale NT
  • Anthemis arvensis EN
  • Aristolochia clematitis VU
  • Asperula arvensis RE
  • Avena fatua VU
  • Bromus arvensis RE
  • Bromus commutatus ssp decipiens CR
  • Bupleurum rotundifolium RE
  • Camelina alyssum RE
  • Camelina microcarpa NT
  • Cauclis platycarpos EN
  • Cerinthe minor CR
  • Consolida regalis EN
  • Cuscuta epillinum RE
  • Cyanus segetum EN
  • Euphorbia exigua RE
  • Euphorbia falcata RE
  • Fagopyrum tataricum RE
  • Gagea villosa EN
  • Galium tricornutum RE

23% der in Südtirol ausgestorbenen Pflanzenarten gehören zur Segetalvegetation

 

Ruderalfluren

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angelegte Ruderalflur (Wildpflanzensaatgut) mit Saatwucherblumen und Wilde Möhre

 

Pflanzenbestände aus Stauden, Gräsern, ein- und zweijährigen Kräutern auf  vom Menschen stark veränderten, gestörten Standorten wie Wegrainen, Böschungen, geschotterten Plätzen in Siedlungen, Schuttflächen, ehemaligen Abbauflächen, Industriebrachen, Bahndämmen usw. sind Ruderalfluren. Auch an gestörten Ufern von Teichen und Fließgewässern ist Ruderalvegetation ausgebildet.

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Viele Kamillenarten besiedeln ruderale Standorte

Die Ruderalvegetation entwickelt sich auf den verschiedenen Standorten höchst unterschiedlich. Auf trocken- warmen Standorten auf Böschungen, an Wegen und Feldrändern entwickelt sich z.B. die Eseldistelgesellschaften (Onopodrdion acanthii) mit der charakteristischen Eseldistel und an Seen, Teichen, Gräben oder in feuchten Fahrspuren verbreitet sind die Zweizahnfluren (Bidention tripartitae). Der Stechapfel kommt in Mitteleuropa besonders in kurzlebenden Ruderal-Gesellschaften der Ordnung Sisymbrietalia vor, auf stickstoffreichen, sonnigen Standorten.

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Stechapfel (Datura stramonium) stickstoffliebende= nitrophile Ruderalvegetation

 

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Bunte Vielfalt ruderaler Arten im Artenschutzzentrum St. Georgen

 

Die Ruderalvegetation setzt sich aus zahlreichen Pflanzenarten von zweijährigen Arten wie Disteln und Königskerzen oder einjährigen Arten wie Gänsefußarten oder Stechapfel  zusammen. Die Ruderalvegetation ist durch ihren ausgesprochenen Artenreichtum für die Biodiversität bedeutend.

Eine besonders schöne Ruderalgesellschaft ist das Steinklee Gestrüpp

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Echtes Leinkraut (Linaria vulgaris) und Natternkopf (Echium vulgare)

 

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Gelber Steinklee (Meliolotus officinalis)

 

An Bahnanlagen, auf Ödland, Strassenrändern, Kies- und Schottergruben mit skelettreichen, kalkreichen Schottern im temperaten Mitteleuropa gedeihen bunte farbenfrohe Bestände, die von Steinkleearten und Natterkopf beherrscht werden. Diese Gesellschaft (Echio- Meliotetum) bildet hochwüchsige Bestände, wobei das Blau des Natterkopfs und der Anchusa officinialis, das Gelb des Gelben Steinklees und der Königskerzen sowie das Weiss des Weissen Steinklees eine optisch ansprechende und schöne Ruderalflur darstellt.

Ruderale Halbtrockenrasen sind ebenfalls auf ruderalen Standorten ausgebildet. Das Gewimperte Perlgras (Melica ciliata) beherrscht öfter Böschungen auf trocken- heissen Standorten und Trockenrasenarten und ruderale Arten gedeihen nebeneinander.

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Halbruderaler Trockenrasen auf Dammböschung

Für den Erhalt der Artenvielfalt ist die Erhaltung von Ruderalfluren von großer Bedeutung. Rainfarn, Malven, Disteln und Königskerzen sind für Wildbienen und Honigbienen wichtige Nektar- und Pollenquellen im Hochsommer.

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Wildbiene auf Rainfarn

 

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Honigbiene auf Malve

 

Zahlreiche Tierarten, von Insekten bis Vögeln, finden auf Ruderalflächen Nahrung und einen Lebensraum. Die Samenstände der Disteln bieten Nahrung für den Stieglitz (auch Distelfink genannt) und andere Vögel und Säugetiere, welche sich von Samen (Körner) ernähren. Viele ruderale Arten blühen üppig und bieten Wildbienen, Schmetterlingen und anderen Insekten Nahrung. Ruderale Lebensräume, wie Schotterflächen, sind zudem Biotope für Eidechsen. Zahlreiche ruderale Pflanzenarten sind auch Nahrungspflanzen von bestimmten Tierarten, wie der Steinklee für bestimmte Bläulingsarten. Ruderalfluren sind sehr wertvolle Biotope in der landwirtschaftlich genutzten Kulturlandschaft und im Bereich von Siedlungen.

Gefährdung von Ruderalvegetation:

9% der in Südtirol ausgestorbenen Pflanzenarten gehören zur Ruderalvegetation

Auswahl gefährdeter und ausgestorbener ruderaler Arten der Roten Liste Südtirol (ausgestorben= RE, gefährdete Arten= CR, EN,VU,NT):

  • Marrubium vulgare EN
  • Plantago arenaria RE
  • Plantago holosteum RE
  • Potentilla multifida EN
  • Reseda luteola VU
  • Rumex pulcher CR
  • Senecio jacobaea EN

32% der in Südtirol ausgestorbenen Pflanzenarten sind Arten der Segetalvegetation und Ruderalvegetation. Nur in den Feuchtgebieten sind noch mehr Arten ausgestorben. Der Artenverlust ist enorm und mit dem Aussterben weiterer Arten muss gerechnet werden. Vom Aussterben bedrohte Arten (CR) werden in nächster Zeit aussterben, wenn die Gefährdungsursachen weiterhin einwirken und wenn keine Maßnahmen zum Erhalt der letzten Bestände getroffen werden. Auch bei stark gefährdeten Arten (EN) können bereits geringste Eingriffe zu ihrem Verschwinden führen.

Ruderalfluren im Siedlungsraum und in der Kulturlandschaft gehen verloren. Die Ursachen für den Artenverlust sind:

  • Asphaltierung und Versiegelung von Flächen
  • Mähen und Mulchen (Wegränder, Böschungen)
  • Einsatz von Pestiziden
  • Verschönerungensaktionen in Siedlungen (Mit Bodendeckern und Rindenmulch werden potentielle Standorte von Ruderalfluren in Siedlungen zugepflastert)

Eine große Gefahr für die Arten der ruderalen Lebensräume sind invasive Neophyten, welche neue ruderale Standorte rasch besiedeln und Königskerzen, Natterkopf und CO verdrängen. Häufig siedeln sich heute auf Brachen und gestörten Flächen invasive Neophyten an. Die Flächen werden von Gehölzen (Robinien und Götterbaum) oder von der kanadischen Goldrute besiedelt. Die invasiven Neophyten bilden Verdrängungsgesellschaften und verdrängen heimische und alteingebürgerte Pfalnzenarten. Mehr dazu auf http://biodiversitaet.bz.it/invasive-neobiota/

 

Ruderalfluren können gefördert werden durch:

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Natternkopf auf Parkplatz: Parkplätze können Lebensraum sein, wenn man die Pflanzen wachsen lässt

 

  • Verzicht auf Mahd und Mulchen (Böschungen, Weg- und Strassenränder)
  • Entsiegelung von Flächen und Vermeidung weiterer Versiegelung
  • Zulassen von natürlicher spontaner Begrünung und Verzicht auf Einsaat von Samenmischungen aus dem Handel (ausgenommen Saatgut heimischer Arten)
  • Verzicht und Verbot von Pestiziden auf öffentlichen Flächen und überall dort, wo es Ruderalvegetation gibt.
  • Anlage von Ruderalfluren und Ansaat von heimischen Arten
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Begrünung mit ruderalen heimischen Arten und Zierpflanzen in Berlin

 

Kastanienhain

Kastanienhaine sind von Edelkastanien (Castanea sativa) bestandene Wald- und Wiesenflächen. Im 19. Jahrhundert gehörten Kastanienbäume noch zu den Baumarten einer Obstwiese, in historischen Büchern werden sie zum Obstbau gezählt. Heute gelten Kastanienbäume vielfach als Bäume des Waldes. Auch die Kastanienhaine Südtirols sind “Wälder”, obwohl sie keine echten natürlichen Waldtypen sind und häufig mit Weidetieren beweidet werden. Die Kastanie (Castanea sativa) wurde in vielen Gebieten Europas kultiviert und ist eine autochthone Baumart Europas. Heute werden in Kastanienhainen auch Japanische Kastanien (Castanea crenata) und Hybriden kultiviert, da diese weniger krankheitsanfällig sind. Diese ersetzten die heimische Edelkastanie, die Biodiversität der Edelkastanie ist in Gefahr.

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reife Esskastanie, auch Maroni genannt, am Boden

 

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unreife Kastanienfrucht am Baum

 

Wenn die Esskastanien reif sind, fallen sie zu Boden und werden dann eingesammelt. Kastanien wurden vielfältig genutzt. Es gibt Sorten zur Mehlherstellung und in vielen Gebieten (Südalpen, Griechenland, Bulgarien, Nordspanien) waren Kastanien ein wichtiges Nahrungsmittel. Kastanienmehl konnte konserviert werden und wurde vielseitig verwendet. Kastanien dienten auch als Futter für Tiere (z.B. Schweine). Süsse Kastaniensorten, welche sich leicht schälen lassen, sind zum Braten geeignet. Es gibt eine große Vielfalt an verschiedenen Kastaniensorten im Mittelmeerraum und bekanntere Sorten Italiens sind: Carpinese, Lojola und Montan.

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Kastanienigel und Blätter im Kastanienhain

Kastanien wurden bereits in der Römerzeit in Europa verbreitet und Kastanienbäume wachsen auch spontan. Kastanienwälder sind dadurch auch außerhalb des natürlichen Verbreitungsgebietes der Kastanie entstanden. Kastanienwälder sind ein Natura 2000 Lebensraum mit dem Code 9260. Kastanienwälder werden von Kastanien dominiert und sind mit Eichen (Quercus petrea, Quercus robur) und Linden vergesellschaftet.

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Kastanienhain

 

Artenvielfalt Kastanienhain

Vögel

Kastanienhaine mit alten Kastanienbäumen beherbergen sehr häufig Bruthöhlen. Spechte (vor allem Bunt- und Grünspecht) legen Höhlen in den Kastanienbäumen an und gestalten dadurch auch für andere Arten geeignete Lebensräume. Kastanienhaine sind dadurch gegenüber Wirtschaftswäldern im Umland ein wesentlich attraktiverer Lebensraum, da in diesen Wäldern fast immer alte und absterbende Bäume fehlen.

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Bruthöhlen für Kleiber und Meisen sind in alten Kastanienhainen in Überfluss vorhanden. Monumentale Bäume in Wäldern sind Mangelware. In Kastanienhainen stehen alte große und auch absterbende Bäume und durch diese monumentalen Kastanienbäume bilden Kastanienhaine einen ausgesprochen wichtigen Lebensraum zur Erhalt der Biodiversität.

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Käfer

Untersuchungen zur Artenvielfalt der Käfer von Kastanienhainen am Oberrhein in Deutschland förderten eine unglaubliche biologische Vielfalt an den Tag, in denen auch Urwaldarten der natürlichen wärmeliebenden Eichenwälder vorkommen. Käfer, Moose, Flechten und Pilzarten dieser Kastanienhaine wurden untersucht:

131 Proben mit 29.076 Käfern wurden gewonnen und bis auf Artebene bestimmt. Dabei wurden 1002 Käferarten dokumentiert, zwischen 278 Arten im schattigen Jungbestand und 571 im historischen Kastanienhain. Rund 45 % der Käferarten sind an Waldbiotope gebunden, wobei ein auffällig hoher Anteil lichte Gehölzstrukturen präferiert. Aufgrund der starken Auflichtung dreier Bestände wurden auch über 200 Offenlandbewohner gefunden. Die Zahl xylobionter Arten (eigentliche Totholzkäfer) erweist sich mit insgesamt 329 Spezies als sehr hoch, wobei die Altbestände bis zu 20 % mehr Arten aufweisen. Die Altbestände zeichnen sich durch artenreichere Mulm- und Nestkäfergilden mit seltenen Arten aus (insbesondere Baumhöhlenbewohner). Folglich fanden sich im historischen Kastanienhain 104 Arten der Roten Liste Deutschlands und im Altbestand bei Edenkoben (nahe Villa Ludwigshöhe) 80 Arten. Höchst beachtlich ist auch die Anzahl von 9 Urwaldreliktarten in den Altbeständen.

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Monumentaler Kastanienbaum mit abgestorbenen Kern: Lebensraum von xylobionten Käfern, Mulm- und Nestkäfergilden

Im standardisierten Vergleich mit der Totholzkäferfauna rheinland-pfälzischer Naturwaldreservate erweisen sich die älteren Edelkastanienbestände als ähnlich artenreich wie die international bedeutsamen Reservate im Bienwald. Die Käferfauna der Kastanienbäume ähnelt denen der Eiche.

Moose

30 verschiedene Moose festgestellt (26 Laubmoose, 4 Lebermoose). Im Durchschnitt wurden 10,5 Arten pro Baum nachgewiesen, bei einem Maximum von 17 Arten auf einem Einzelbaum, darunter auch Arten, welche vom Aussterben bedroht sind.

Flechten

99 verschiedene Flechtenarten (lichenisierte Pilze einschließlich eines traditionell von den Flechtenkundlern miterfassten Pilzes) und 9 Flechten bewohnende (lichenicole ) Pilze bestimmt. Im Durchschnitt wurden 40,3 Flechtenarten pro Baum (ohne flechtenbewohnende Pilze) nachgewiesen, bei einem Maximum von 55 Flechtenarten auf einem Einzelbaum.

Pilze: auf Einzelbäumen wurde eine hohe Zahl von Pilzen festgestellt, 84 Taxa.

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Moose und Flechten auf Kastanienbaum

 

Vielfältige Pflanzenwelt des Kastanienhains

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In den Kastanienhainen Südtirols kommen oft viele Pflanzenarten vor (außer der Boden wurde melioriert, neu eingesät, überweidet oder anderweitig zerstört). Im traditionellen Kastanienhain, welcher als extensive Weide oder Mähwiese genutzt wird, kommen Wiesenarten und Waldarten nebeneinander vor. Auch Arten des Waldsaumes sind vertreten. Die Artenvielfalt an Pflanzen eines traditionell erhaltenen Kastanienhains ist größer als im umgebenden Wald. Leider werden Kastanienhaine heute oft überweidet oder mit irgendwelchen Narzissen verhübscht. Wird die Bewirtschaftung eines Kastanienhaines aufgelassen, so gewinnt der Wald die Oberhand und mit den alten Kastanienbäumen entsteht ein naturnaher Wald mit mächtigen Bäumen. Die Vegetation der extensiv genutzten Wiesen eines Kastanienhains ist aber von großen Wert. Die Schneeweisse Hainsimse (Luzula nivea) bestimmt im Sommer die Wiese eines Kastanienhains (Bilder unten) und geschützte Orchideen und Rote Liste Arten (z.B. Knollenmädesüß) kommen im traditionell und vorbildlich gepflegten Kastanienhain vor.

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Blutroter Storchschnabel (Waldsaumart) und Hainsimse (Waldart)

 

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Pfirsichblättrige Glockenblume (Wiesen- und Waldart)

 

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Knollenmädesüss, Magerwiesenart, Rote Liste Art

 

Die Überweidung ist vielfach ein Problem auf Weiden. Weideunkräuter dominieren Flächen oder die Weiden sind einfach kahlgefressen, wie im Bild unten. Fehlt die Grasnarbe so kommt es zur Erosion und zum Verlust der Humusschicht. Der Boden verliert die Artenvielfalt des Bodens und wird artenarm wie ein Ackerboden. Zahlreiche Bodenlebewesen beleben einen lebendigen Wiesen- oder Waldboden.

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überweideter Kastanienhain: keine Pflanzendecke und erodierender Boden

 

Maximum der Artenvielfalt im Kastanienhain

Die höchste Artenvielfalt erreichen Kastanienhaine, welche traditionell extensiv bewirtschaftet werden. Während wiederbewaldete Kastanienhaine „nur“ ein Waldökosystem sind, treffen im traditionell bewirtschafteten Kastanienhain zwei Lebensräume zusammen: Wald und Wiese. Dadurch ergibt sich ein großer Artenreichtum (http://pro2.unibz.it/ecoralps/wp-content/uploads/2012/04/Booklet_April2015_DT_small_format.pdf).

Fledermäuse wie Alpensegler, Vögel wie Wiedehopf, Käfer, Wildbienen, Schmetterlinge und in trockenen offenen Kastanienhainen auch eine Gottesanbeterin sind Zeugen der Bedeutung des Kastanienhains für die Biodiversität. Dies jedoch nur, wenn tatsächlich alte Bäume auf extensiv genutzten Wiesen stehen und nicht Kastanienhybriden auf bewässerten und überweideten Wiesenflächen, welche offiziell Wald sind. Auch die Abdrift von Pestiziden aus Apfelplantagen schmälert die Biodiversität der Kastanienhaine.

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Kastanienhain umgeben von Apfelplantagen

 

Streuobstwiese

Streuobstwiesen sind eine extensive Form des Obstanbaus und diese sind ein herausragender Biotoptyp. Auf Streuobstwiesen stehen Bäume mit verschiedenen Obstarten, wie Pflaumen, Kirschen, Birnen, Äpfel, Aprikosen usw. In Abhängigkeit vom Klima eines Gebietes gedeihen unterschiedliche Obstbäume, wärmebedürftiges Obst wie Aprikosen, Quitten, Pfirsiche in klimatisch milderen Gebieten und Pflaumen, Kirschen, Äpfel und Birnen auch in klimatisch kühleren Gebieten. Streuobstwiesen sind für den Erhalt der genetische Vielfalt der Obstsorten wichtige Lebensräume. Weltweit sind heute alleine an die 4900 Apfelsorten bekannt. An die 3000 verschiedenen Apfelsorten wuchsen und wachsen in den Streuobstwiesen Mitteleuropas. Auch die biologische Vielfalt anderer Obstarten ist groß, verschiedene Birnen- oder Pflaumensorten, lokale Sorten und typsiche Sorten für bestimmte Gebiete wuchsen und wachsen in Streuobstwiesen, die Palabirne des Vinschgaus ist eine solche Sorte. Viele alte Obstsorten sind gefährdet und einer Gefährdungskategorie zugeordnet, stark gefährdet in Österreich ist etwa die weisse Pelzbirne oder die Rote Heindlbirne (http://www.zobodat.at/pdf/OEKO_1991_3_0022-0030.pdf).

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Streuobstwiese links im Bild, rechts Apfelplantage

Eine Obstwiese ist ein Nebeneinander von Wiese und Obstbäumen. Unterschiedliche Wiesentypen gedeihen in Streuobstanlagen, von Feuchtwiesen über Fettwiesen bis Magerwiesen (http://biodiversitaet.bz.it/wiesen/). Die Wiesen der Streuobstwiese werden gemäht und dienen dann als Futter für Tiere wie Kühe und Schafe. Die Streuobstwiese kann man doppelt nutzten, Obstbau und Viehwirtschaft. 

Die Wiesenvegetation einer Steuobstwiese bietet Schmetterlingen, Käfern und zahlreichen anderen Insekten Nahrung. Raupenfutterpflanzen und Nektarquellen sind dabei die krautigen Pflanzen der Wiesen. Landwirtschaftlich genutzte Honigbienen finden das ganze Jahr über reichlich Nahrung in einer Streuobstwiese. Beginnend mit der Obstbaumblüte und den Frühjahrsblühern im Frühling und der Blüte der Wiesenpflanzen im Sommer ist eine reiche Honigernte den Imkern gewiss.

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artenreiche Fettwiese in einer Streuobstwiese im Frühling: Vergissmeinnicht und Löwenzahn blühen

Nach Schätzungen des NABU-Bundesfachausschusses Streuobst gibt es rund 300.000 Hektar Streuobstwiesen in Deutschland und etwa 1,5 Millionen Hektar in Europa. Zugleich sind sie mit über 5.000 Tier- und Pflanzenarten sowie über 3.000 Obstsorten Hotspots der Biologischen Vielfalt für ganz Europa. Streuobstwiesen weisen zahlreiche Mikrohabitate auf, welche für einzelne Arten einen Lebensraum darstellen. Dabei reichen diese von Tümpeln (z.B. Laichplätze für Amphibien) bis zu Totholz (z.B. Pilze, xylobionte Käfer).

Auch für Säugetiere bieten Streuobstwiesen ideale Lebensräume. Igel, Rehe oder Siebenschläfer und Gartenschläfer können in Streuobstwiesen vorkommen. Im Boden graben Maulwürfe ihre Röhren und Füchse machen Jagd auf Feldmäuse.

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Alter Apfelbaum mit Höhle des Buntspechtes unten am Stamm und Nest der Amsel oben

Die Hochstammobstbäume der Streuobstwiese bieten Vogelarten geeignete Brutmöglichkeiten, von Wiedehopf bis Specht, von Amsel bis Blaumeise. Die Streuobstwiese besteht aus Hochstammobstbäumen, welche wie die Bäume des Waldes irgendwann alt werden. Spechte können in alternden Hochstammobstbäumen Höhlen anlegen. Die Höhlen und auch Hohlräume in Obstbäumen bieten Höhlenbrütern oder Säugetieren wie Siebenschläfern oder Halbhöhlenbrütern wie Meisen oder Rotschwanz geeignete Brutplätze. Nistökologische Untersuchungen in Streuobstwiesen von Erich Glück zu einigen Vogelarten ergaben interspezifisch statistisch sicherbare Unterschiede in der Nesthöhe, der Höhe der Nestbäume, Entfernung von der Stammitte usw. Die Untersuchungen ergaben folgendes Verteilungsmuster: Im innersten Baumbereich brüteten Buchfink und Kernbeißer, wobei letzterer nur die Sonnenseite der Bäume nutzte. Im mittleren Bereich und teilweise auch in den weiter peripher gelegenen Bereichen fanden sich die Grünfinkennester. Daran schlossen sich nach außen die Neststandorte der Girlitze an. In den periphersten Bereichen fanden sich die Stieglitze. Hänflinge brüteten in niedriger Vegetation. Streuobstbäume bieten eine große Auswahl an verschiedenen ökologischen Nischen für Vögel.

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Streuobstwiese: Apfelbäume auf einer Wiese

 

Untersuchungen zu Spinnen und Käfern in zwei Streuobstwiesen in Baden-Württenberg ergaben 137 Arten von Spinnen und 472 Arten von Käfern. Mit einem Anteil von 50% Waldarten und 36% Offenlandarten, dominierten die Waldarten. Zwei Ökosysteme, Wald und Wiese sind in einer Streuobstwiese vereint. Die Untersuchungen in Baden-Würtenberg ergaben, dass 20% aller bekannten Spinnenarten im Biotop Streuobstwiese vorkommen. Bei den Käfern fanden sich in der Wiese 147 Arten einer taxonomischen Einheit und im Stamm und Kronenbereich der Bäume 45 Käferarten einer anderen taxonomischen Einheit. Aus den Untersuchungen zur Spinnen- und Käferfauna der Streuobstwiesen vermuten Joachim Holstein und Werner Funke 1995, dass die Streuobstwiese über ein hohes Regulationspotential gegenüber anderen trophischen Gruppen besitzt, das für die Ausgewogenheit interspezifischer Beziehungen ohne Einfluss von Pestziden von großer Bedeutung sein dürfte.

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Für Honigbienen bietet die Streuobstwiese das ganze Jahr reichlich Nektar

Einige Insektenarten, welche agrarindustriell heute mit Pestiziden bekämpft werden, wie z.B. der Apfelwickler, sind Nahrungsgrundlage von anderen Insekten, wie dem Ohrwurm. Ohrwürmer fressen gerne die Eier des Apfelwicklers, überwinternde Raupen am Stamm werden von vielen Vögeln (Meisen, Spechte,usw.) als Nahrungsquelle genutzt. Schlupfwespen und Raupenfliegen parasitieren Larven und Puppen des Apfelwicklers.

Streuobstwiesen werden auch heute noch meist traditionell bewirtschaftet und es werden keine Pestizide der Agroindustrie, wie z.B. Glyphosat, eingesetzt. Eine Streuobstwiese darf nicht mit einer agroindustriellen Apfelplantage verwechselt werden! Solche Anlagen sind für Höhlenbrüter vollkommen defizitäre Flächen. Agroindustrielle Apfelplantagen sind Systeme, welche durch den Einsatz von Kunstdünger und Pestziden aufrecht erhalten werden. Laut Berliner TAZ werden Apfelplantagen in Südtirol 20- bis 23-mal zwischen einer Ernte und der nächsten chemisch behandelt (http://www.taz.de/!5115401/) und Pestizide sind eine große Gefahr für die Biodiversität und die Ökosysteme.

mehr zu Pestiziden und ihre Gefahr für die Biodiverstität http://biodiversitaet.bz.it/pestizide/

Apfelplantagen und Biodiversität

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Apfelplantage: Fahrgasse und Baumreihe

Fahrgassen der Apfelplantagen werden in Südtirols entsprechend AGRIOS Richtlinien (integrierter Anbau) möglichst blütenfrei durch Mulchen gehalten. Honigbienen suchen Blüten in den Beikräutern der Apfelplantagen auf und können so in Kontakt mit den Pflanzenschutzmitteln kommen, was zu einem erhöhten Bienensterben führen kann (Apistox-Studie). Die Streuobstwiese bietet hingegen einen reich gedeckten Tisch für Honigbienen, nicht nur während der Blüte. Biologisch bewirtschaftete Apfelplantagen werden  nicht blütenfrei gehalten und Biolandwirte versuchen, Nützlinge in den Blühstreifen der Fahrgasse zu fördern. Die Biodiversität arbeitet kostenlos in der Apfelplantage, die Biodiversität erbringt eine Leistung.

Der Pflanzenschutz nimmt in Erwerbsobstwiesen neben der Ernte und dem Schnitt am meisten Zeit in Anspruch und im intergrierten Obstbau stellen die Kosten der Pestizide den größen alljährlichen Kostenfaktor dar.

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Monokultur von Apfelplantagen mit Hagelnetzen

Die kostenlose biodiversitätsgebundene Schädlingsbekämpfung mit Nützlingen wird in biologischen Anlagen gefördert, Florfliegen, Marienkäfer und andere Nütlinge sollen in biologischen Apfelplantagen Schädlinge in Schach halten.

Ein idealer Fahrgassenbewuchs ähnelt mehr einer kräuterreichen Wiese als einem immer kurzen gemulchten Rasen (vgl. Fahrgasse Bild oben mit kurz gemulchten Rasen in nicht- biologischer Obstplantage), wie er im integrierten Anbau vorherrscht.

Die Beikrautvegetation in der Fahrgasse und unter Bäumen sollte einen mehrstufigen Aufbau haben: die Blütenschicht einer Wiese bietet Nektarfressern Nahrung, wie Bienen, Hummeln, Schmetterlingen, Schwebfliegen, Blattwanzen und Blattkäfern. Auch samenfressende Vögel finden in dieser Wiesenvegetation Nahrung.

Unter den Blattwanzen und Blattkäfern finden sich viele Nützlinge, wie Blumenwanzen als Feinde der Apfelgallmücke. Auch samenfressende und natürlich insektenfressende Vögel vertilgen eine große Masse an Insekten, gerade im Sommer bei der Aufzucht der Jungen Vögel. Die Obstbäume profitieren von den vertilgen Raupen.

Raubwanzen stellen stellen die bedeutensten Feinde der Roten Spinne dar. Blattläuse werden zielgerichtet von Florfliegen effizient in Schach gehalten und Marienkäfer, die Blattkäfer sind, vertilgen ebenfalls Blattläuse, welche manchmal dem Apfelanbau Probleme bereiten.

Obstbaumschädlinge werden am Boden etwa von räuberischen Laufkäfern verzehrt. Diese leben in der Streuschicht und Asseln zersetzen dort organisches Material.

Weberknechte, Schnecken, Kurzflügler, Ameisen und Laufkäfer bewohnen ebenfalls die Beikräuter und tragen auch zum ökologischen Gleichgewicht in der Plantage teil.

Die Wiesenvegetation in der Fahrgasse sollte jedoch nicht zu üppig werden, es sollten nicht Hochstauden wachsen, da die auf schwach wachsenden Unterlagen angebauten Apfelbäume den kräftigen Wurzeln von Hochstauden etwa in Konkurrenz unterliegen- sie können den Apfelbäumen die Nährstoffe und das Wasser absaugen.

Im Boden zersetzten und mineralisieren mikroskopisch kleine Tiere und grössere wie Regenwürmer Pflanzenteile und ausgebrachten Kompost, Mineralstoffe und Nährstoffe werden für die Apfelbäume verfügbar gemacht, der Boden gelockert und die Durchwurzelung gefördert.

Apfelbäume sind Flachwurzler, die Wurzeln liegen nahe der Bodenoberfläche und ein guter Boden bewirkt dadurch die Gesunderhaltung der Apfelbäume. Wenig Beachtung findet im Erwerbsobstbau die Verdichtung der Böden durch das Befahren mit Traktoren. In verdichteten Böden können die Apfelbäume schwerer Nährstoffe aufnehmen und die Wurzeln der Bäume leiden.

Kleearten im Beiwuchs tragen ganz erheblich zur Nährstoffversorgung der Apfelbäume bei, da sie Luftstickstoff aus der Luft binden und im Boden anlagern. Düngeempfehlungen im Erwerbsobstbau waren oft falsch, es wurde mehr Stickstoff gedüngt als durch Stickstoff durch die Apfelernte und durch die Zersetzungsprozesse aus verbraucht werden. Überdüngte Böden und Nitratanreicherung im Grundwasser können die Folge sein.

Bewässerung im Erwerbsobstbau

Die Gesunderhaltung von Apfelbäumen ist zentral, um auf Pflanzenschutzmaßnahmen verzichten zu können. Die Beregnung ist ein wichtiger Faktor für die Gesunderhaltung und durch die knapper werdende Ressource Wasser durch den Klimawandel ist ein effizienter Einsatz wichtig. Pilzkrankheiten, wie der falsche und echte Mehltau werden durch unsachgemäßes Beregnen gefördert, an wärmeren Tagen Kopfberegner einschalten, bedeutet Pilzkrankheiten zu fördern.

Moderne Tropfanlagen anstelle von Kopfberegnern helfen Wasser zu sparen und gezielt das Wasser nur dort einzusetzen, wo es Wasser wirklich braucht. Die Wiesenvegetation der Obstplantage muss nicht gegossen werden, auch um die standortangepasste Wiesenvegetation zu fördern.

Die Biodiversität hilft bei der Gesunderhaltung von Apfelbäumen wie auch das richtige Beregnen und Düngen die Gesundheit fördert und übermäßiges Beregnen und Düngen die Obstbäume krankheitsanfälliger macht.

mehr zu Wiesen und ihren Artenreichtum auf http://biodiversitaet.bz.it/wiesen/