Frösche, Kröten und Unken

 

Alle Frosch- und Krötenarten Südtirols sind geschützt

Gefährdung Rote Liste Südtirol: 

  • Erdkröte (Bufo bufo)- gefährdet
  • Wechselkröte (Bufo viridis)- stark gefährdet
  • Springfrosch (Rana dalmatina)- drohende Gefährdung
  • Grasfrosch (Rana temporaria)- gefährdet
  • Wasserfrosch (Rana esculenta agg.)- gefährdet
  • Laubfrosch (Hyla intermedia)- stark gefährdet
  • Gelbbauchunke (Bombina variegata)- gefährdet

Gefährdungsursachen

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1.) Lebensraumverlust: Verlust von Feuchtgebieten, Zerstörung von letzten Laichgewässern und Froschbiotopen.

2.) Eingeschleppte Fremdarten: Der Besatz mit Fischen kann eine Amphibienpopulation binnen kürzester Zeit auslöschen. Die gefräßigen Fische zerstören rasch sämtliches Leben im Teich, einschließlich Laich und Kaulquappen. Auch der absichtliche Fischbesatz vieler Gewässer um dem Angelsport zu frönen hat einen negativen Einfluss auf die betroffenen Gewässer und kann zum Totalausfall von Amphibien im Gewässer führen.

3) Zerschneidung des Lebensraums: Die Trennung der Laichgewässer und Feuchtgebiete von den terrestrischen Lebensräumen, welche von Amphibien außerhalb der Fortpflanzungszeit aufgesucht werden, führt zu großen Tierverlusten. Strassen zerschneiden oft die Lebensräume der Amphibien (z.B. Kalterer See).

4) Stoffeinträge: Überdüngung von Gewässern, Schadstoffeintrag durch die Landwirtschaft (Pestizide).

Auch in geschützten Gebieten, wie dem Naturpark und Natura 2000 Gebiet Schlern sind Amphibien unzureichend geschützt. Untersuchungen zum Habitat Schlern von F. Glaser ergaben: „Ein starker Rückgang der Amphibienfauna wurde in zwei gewässerreichen Gebieten der Mittelgebirgslage verzeichnet. Die Hauptursachen sind ein massiver Fischbesatz in allen größeren Stillgewässern, fehlende Flachwasser- und Verlandungszonen, sowie die Zerstörung oder Überdüngung von Kleingewässern. Stark bedroht sind der Wasserfrosch und die Gelbbauchunke; ohne Artenschutzmaßnahmen dürften diese beiden Arten demnächst endgültig im Untersuchungsgebiet aussterben.“

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Laichgewässer Waldweiher

Frösche und Kröten brauchen Laichgewässer zur Fortpflanzung und terrestrische Lebensräume. Naturnahe, totholzreiche Laub- und Mischwälder, Auwälder mit fischfreien Gewässern und strukturreiche, landwirtschaftlich genutzte Flächen mit Hecken und fischfreien Kleingewässern und Tümpeln sind für die Arten geeignete Lebensräume. Pestizidbehandelte Apfelmonokulturen und Städte sind generell nicht geeignet. (Ausnahmen bestätigen die Regel- der Wechselkröte gefällt es am Bozner Flughafen und Frösche finden auch in Siedlungen mit Gärten und Gartenteich einen Lebensraum).

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Frösche und Kröten sind wichtige Glieder in der natürlichen Nahrungskette von Gewässerökosystemen. Ausgewachsene Wasserfrösche fressen z.B. Libellen, Libellenlarven wiederum die Larven der Frösche (Kaulquappen). Wasservögel, wie Reiher, fressen Frösche und Wasserkäfer ernähren sich von Kaulquappen. Kaulquappen ernähren sich von Algen und Kleinstlebewesen und können Gewässer algenfrei halten.

Frösche und Kröten werden auch von Säugetieren wie Igeln, Bären oder Füchsen gefressen, die Nahrungsbeziehungen sind vielschichtig. Die Nahrungsketten der Landökosysteme und der Gewässerökosysteme überlappen sich. Kein anderes Ökosystem in Mitteleuropa ist derart verändert wie Gewässerökosysteme und Frösche und Kröten sind aus weiten Teilen der Landschaft verschwunden.

Frösche sind auch Bioindikatoren, Prof. Josef, H. Reichholf zu Untersuchungen am Unteren Inn und Veränderungen der Auen durch Stauseenbau:

„Der Rückgang der Seefroschchöre hätte auch diese schleichende Entwicklung, die das ganze Ökosystem des unteren Inn und das der Altwässer und Bäche aus dem Vorland erfaßt hat, signalisieren können. Aber wer interessierte sich schon für Seefroschchöre?“

Kurze Artensteckbriefe:

Laubfrosch (Hyla intermedia)

Der Laubfrosch braucht zum Laichen fischfreie Kleingewässer und bevorzugt pflanzenreiche Weiher. Besonders in Temporärfeuchtstellen (Tümpel) in Waldnähe. Vor allem in Auenwaldgebieten kommt er natürlich vor. Er ist eine gut kletternde busch- und baumbewohnende Art, die sich tagsüber auf Schilfstengeln oder Zweigen sonnt. Nachts und in der Dämmerung wird der Laubfrosch aktiv und macht dann Jagd auf Insekten, Spinnen, Asseln usw. Er überwintert an Land im Wurzelwerk, im Laub, im Moos oder in Erdlöchern.

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Er laicht von April bis Juni ins Wasser, die Laichballen sind so groß wie eine Walnuss und werden in vegetationsreichen Stellen mit einer Wassertiefe um 20 cm abgelegt.

Vorkommen in Südtirol: letztes und einziges Vorkommen in der Millander Au bei Brixen. Dort wurde 2018 nur noch ein rufender Laubfrosch gezählt und die Art steht kurz vor dem Aussterben.

Besonderheiten: Die Umweltschutzgruppe Eisacktal hat sich nach dem Laubfrosch benannt, nämlich Hyla.

Springfrosch (Rana dalmatina)

Der Springfrosch bevorzugt lichte und gewässerreiche Laubmischwälder. Als Laichgewässer dienen Waldtümpel, Weiher, kleine Teiche und Wassergräben. Fischfreie Gewässer mit besonnten Flachuferzonen sind ideal. Der Springfrosch ist wärmeliebender und trockenheitstoleranter als der Grasfrosch und kommt in Südtirol in den tieferen Lagen vor (z.B Etschtalsohle).

Er ist ein überwiegend nachtaktiver Landbewohner und nur zur Laichzeit (März- April) im Wasser anzutreffen. Die Laichballen bestehen aus ca 1000 Eiern. Der Springfrosch ist im Frühjahr eine der ersten Froscharten, welche in die Laichgewässer wandert.

Er ernährt sich von Regenwürmern, Schnecken, Insekten.

Grasfrosch (Rana temporaria)

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Der Grasfrosch braucht zum Laichen kleine fischfreise Gewässer, oft sind es kleine Tümpel und Weiher aber auch langsam fließende Gewässer. Die Laichgewässer werden nur für relativ kurze Zeit aufgesucht und darin der Laichballen (1000- 4000 Eier) abgelegt. Der Grasfrosch lebt überwiegend an Land  und kommt in den verschiedensten Lebensräumen von Fichten- Buchen- Tannenwäldern bis auf Almen und subalpine Flächen vor. Er ernährt sich von Insekten, Schnecken und Regenwürmern. Er überwintert im Schlammboden von Gewässern oder an Land.

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junger Grasfrosch

Wechselkröte (Bufo viridis)

Die Wechselkröte ist an Trockenheit und Wärme gut angepasst. Sie bevorzugt waldfreie, sonnenexponierte, trockenwarme Lebensräume, wie z.B. ausgedehnte Schotterbänke mit kleinen Tümpeln an Flüssen. Die Laichgewässer sind flach und vegetationsarm und vegetationslos. Die Wechselkröte toleriert auch einen leicht erhöhten Salzgehalt der Laichgewässer und ist auch in Brackwassertümpeln entwicklungsfähig. In Südtirol kommt sie nur bei Leifers vor (z.B. am Flughafen).

Sie ist vorwiegend nachtaktiv und legt 2 m lange Laichschnüre mit bis zu 12000 Eiern. Ihre Larven, die Kaulquappen, bilden keine Schwärme im Gewässer, wie die anderen Frosch- und Krötenarten.

Erdkröte (Bufo bufo)

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Erdkrötenmänchen im zeitigen Frühjahr im Flachwasserbereich des Montiggler Sees

Erdkröten erwachen nach dem Grasfrosch und dem Springfrosch aus der Winterruhe und suchen ihre Laichgewässer meist im März auf. Sie sind laichplatztreu und bevorzugen ausdauernde Gewässer mit Schilf, die meist tiefer als 50 cm sind. Sie legen ihren Laich als Laichschnüre (2000 bis 7000 Eier) um den Schilf oder um Äste. Sie überwintern meist im Boden und graben sich dazu ein. Die Erdkröte kommt in Südtirol vom Talboden bis in höhere Lagen vor, jedoch nicht so hoch wie der Grasfrosch.

Erdkröten sind vorwiegend nachtaktive Landbewohner, die tagsüber an feuchten Stellen (Erdlächer, Steine, Wurzeln, Mauerwerk) unterschlüpfen.

Da Erdkrötenweibchen nicht jedes Jahr laichen und daher auch nicht die Laichgewässer aufsuchen, kommt es zu einem Überschuss an Männchen. Die Erdkrötenmännchen umklammern bei der Paarung die Erdkrötenweibchen. Da die Tiere nicht die Schlausten sind, umklammern sie manchmal auch Schuhe.

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Grünfrösche/ Wasserfrösche (Pelophylax esculentus agg.= Rana esculentus agg.)

Unter diese Zuordnung falle alle in Südtirol vorkommenden grünen Froscharten (außer Laubfrosch). Diese unterscheiden sich äußerlich von den braunen Arten (Grasfrosch und Springfrosch) und es kommt zu Hybridisierungen zwischen den grünen Arten, wodurch eine genaue Artabgrenzung schwieriger wird. Es kommen wahrscheinlich Seefrosch (Rana ribibunda) und der kleine Teichfrosch (Rana lessonae) vor, neben anderen Arten vor.

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Kleiner Teichfrosch

Grünfrösche sind viel enger an die Gewässer gebunden als die anderen Froscharten. Die Mehrzahl der Wasserfrösche hält sich mehr oder weniger dauerhaft im direkten Umfeld offener Gewässer auf. Bevorzugte Aufenthaltsplätze der meisten Wasserfrösche sind sonnenexponierten, nicht zu stark bewachsenen Uferkanten oder auf Schwimmblattvegetation. Dort sonnen sich die Tiere. Die Überwinterung erfolgt entweder in Erdlöchern und anderen frostsicheren Schlupfwinkeln an Land oder auch im Sediment des Gewässergrundes.

Grünfrösche kommen in Südtirol vor allem in niederen bis mittleren Lagen vor. Ein typischer Grünfroschlebensraum sind die kleinen seichten Weiher des Biotops Fuchsmöser in Andrian. Grünfrösche findet man häufiger in Gartenteichen.

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Seefrosch

Der kleine Teichfrosch (Pelophylax lessonae) produziert Laichballen mit 500 bis 5000 Eiern, welche auf den Gewässergrund sinken. Er überwintert an Land oder im Wasser. Die Nahrung wird im Sprung oder durch Hervorschellen der Zunge erbeutet. Er frisst Würmer, Gliederfüßer, Insekten, Schnecken usw. und ist vorwiegend tagaktiv.

Der Seefrosch (Peloyhylax ridibundus) überwintert im Gewässer und gibt zwischen Wasserpflanzen Laichballen mit bis zu 10.000 Eiern ab. Der Seefrosch ist relativ groß, bis 17 cm und ernährt sich nicht nur von kleinen Insekten und Schnecken, sondern auch von kleinen Eidechsen, anderen Fröschen und auch kleinen Mäusen. Er soll z.B. im Altarm des Eisacks in Brixen vorkommen.

Gelbbauchunke (Bombina variegata)

Von Mai bis Juni suchen die Gelbbauchunken ihre Laichgewässer auf und legen in kleinen Klumpen mit relativ wenig Eiern ihren Laich ab. Ähnlich wie die Wechselkröte dienen vor allem kleine Pfützen und Wasserlöcher als Laichgewässer. Dies können auch Pfützen auf Waldwegen sein, wie Traktorspuren. Durch Erhaltungsmaßnahmen auf Waldwegen gehen solche Lebensräume verloren.

 

Schmetterlinge in Südtirol

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Thymian-Widderchen (Zygaena purpualis)

 

Die Schmetterlinge oder Falter bilden weltweit mit mehr als 180.000 beschriebenen Arten in 127 Familien und 46 Überfamilien nach den Käfern die an Arten zweitreichste Insekten-Ordnung. Jährlich werden weltweit etwa 700 Arten neu entdeckt.

Es gibt ca. 3100 Schmetterlingarten in Südtirol, von Kleinschmetterlingen (57%) über große Tagfalter (6%) bis zu den nachtaktiven Schwärmern und Eulen. Wie viele Arten es genau gibt, ist ungewiss, denn je genauer geforscht wird, desto mehr Arten tauchen auf.

 

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Nachtfalter: Nachtpfauenauge

Es gibt auch Neozoen unter den Schmetterlingen, neue Arten in einem Gebiet (z.B. Kleinschmetterlinge wie Robinienblattmotte).

Viele der heimischen Schmetterlingarten sind in den letzten Jahrzehnten immer seltener geworden und viele Arten sind gefährdet oder sogar ausgestorben.

Gefährdung:

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Mauerfuchs (Lasiommata megera), kaum gefährdet

40% der ungefähr 1300 Großschmetterlingarten in Südtirol sind gefährdet.

Rote Liste der gefährdeten Arten Südtirol:

  • ausgestorben: 88 Arten
  • vom Aussterben bedroht: 73Arten
  • stark gefährdet: 75
  • gefährdet: 156 Arten
  • potentiell gefährdet: 120 Arten

Allgemeine Gefährdungsursachen:

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Artenreiche Wiesen sind selten geworden

Habitatverlust (Lebensraumverlust): Zerstörung von Auwäldern, Verlust von artenreichen Magerwiesen, Verlust von Feuchtwiesen, Verlust von Hecken

Pestzide: Insektizide kontaminieren Schmetterlingslebenräume, durch Abdrift gelangen Pestzide auch in Wälder, Wiesenlebensräume, Hecken usw.

Intensivierung der Nutzung: Überweidung, Überdüngung mit Mist- und Gülle, Bewässerung von Wiesen, Eutrophierung von ehemals mageren Wiesenstandorten, Entwässerung von Niedermooren und Feuchtwiesen usw.

Zunahme von naturfernen Flächen (Strassen, Siedlungen)

Invasive Neophyten: Eingeschleppte Pflanzen, die sich zum Beispiel entlang von Gewässern stark verbreiten, sind eine Gefahr für die Artenvielfalt der Schmetterlinge.

310Schutz vor Abdrift von Pestiziden: Die totale Einhausung von integrierten Obstwiesen würde die Abdrift stark verringern und wären für den Schmetterlingschutz sinnvoll. Schmetterlinge sind in Südtirol auch in Schutzgebieten wie dem Natura 2000 Gebiet Castelfeder oder Trockenrasen bei Staben nicht ausreichend geschützt: So belegten Huemer & Tarmann (2001) in Halbtrockenrasen bis zu 54 Tagfalter- und Widderchenarten, in Trockenrasen bis zu 79 Arten. Intensive Belastungen durch Spritzmittel führten jedoch auch hier zu einem weitgehenden Zusammenbruch der Diversität mit nur noch 14 Arten am Trockenhang in Staben. Aber auch massive Überbeweidung der Halbtrockenrasen von Castelfeder hatte ähnlich negative Konsequenzen mit lediglich noch 7 Arten. Auch bei Untersuchungen der Schmetterlinge des Schlern, wurde die Beweidung als Ursache für den Schmetterlingsschwund identifiziert.

(https://www.researchgate.net/publication/268267189_Artenvielfalt_und_Bewirtschaftungsintensitat_Problemanalyse_am_Beispiel_der_Schmetterlinge_auf_Wiesen_und_Weiden_Sudtirols)

Durch aktive Naturschutzarbeit können Arten ebenfalls gefährdet werden, ein Beispiel aus Deutschland: So wurde ein Bereich im bayerisch-württembergischen Donaumoos (Leipheimer Moos / Langenauer Ried), der als teilweise trockene, ehemalige Niedermoorfläche beweidet wurde, vom Naturschutz trotz aller Bedenken langjähriger Kenner des Gebiets wiedervernässt. In der Fläche haben sich sehr viele akut vom Aussterben bedrohte Trockenbewohner wie u.a. Pyrgus armoricanus und Polyommatus baton (beide Rote Liste) angesiedelt, benachbarte Feuchtflächen erweisen sich für die Feuchtarten als ausreichend. So kann sich eine Wiedervernässung dahingehend negativ auswirken, dass die beiden wichtigen Zielarten des Naturschutzgebietes verschwinden oder zumindest stark geschädigt werden.

Invasive Neophyten: Herbivore Insekten wie Schmetterlinge sind von invasiven Neophyten betroffen. Untersuchungen in der Schweiz zeigten, dass die Artenvielfalt an Schmetterlingen negativ mit der Zunahme an invasiven Neophyten korreliert. Keine einzige Schmetterlingart kann von invasiven Neophyten profitieren, jedoch leiden 24 % der Arten unter der Anwesenheit von invasiven Pfanzenarten (https://onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/ddi.12513).

Bei Revitalisierungen in Südtirol werden Wälder und Auwälder gerodet. Schmetterlingen wie Weidenkarmin, die auf Weiden angewiesen sind, verlieren dadurch ihre Raupenfutterpflanzen (Weidenkarmin ist vom Aussterben bedroht und wurde an der Etsch nachgewiesen). Auf den Baggerflächen breiten sich oft  invasive Neophyten aus. Im Auwald bei Bad Ratzes wurden über 300 Schmetterlingarten gefunden und oft werden in Südtirol Auwälder im Zuge von Renaturierungen gerodet und damit zerstört. Mehr zu diesem Thema http://biodiversitaet.bz.it/revitalisierung-wasserrahmenrichtlinie/

Biologie und Ökosystem

Die Entwicklung des Schmetterlings läuft vom Ei, Raupe, Puppe zum bekannten Schmetterling ab.

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Kaisermantel am Waldrand

Beispiel Kaisermantel (Bild) : Sie leben an sonnigen Waldrändern, blütenreichen Waldlichtungen mit strauchbewachsenen Rändern und lockeren Wäldern mit einer gut entwickelten Krautschicht. Die Falter fliegen jährlich in einer Generation von Juni bis August. Sie saugen mit Vorliebe an Brombeerblüten, Skabiosen und Distelköpfen. Nach der Paarung werden die Eier vorwiegend auf Baumstämmen abgelegt, in deren Nähe Veilchen wachsen. Das Weibchen beginnt in den Baumkronen seinen Suchflug. Hat es einen geeigneten Baum gefunden, lässt es sich senkrecht auf einen besonnten Platz am Boden fallen und sonnt sich. Danach fliegt es kurze Strecken dicht über den niederen Pflanzen und landet auf ihnen. Nahrungspflanze für die Raupen sind Feilchenarten (Viola sp.) und das Mädesüss (Philipendula ulmaria). Die Raupen schlüpfen im Spätsommer und verstecken sich am Stamm, ohne zu fressen, um zu überwintern. Erst im nächsten März werden sie aktiv und kriechen nach unten, um Nahrungspflanzen aufzusuchen und zu wachsen. Am Tag halten sie sich auf der Unterseite von Blättern verborgen und kommen nur in der Nacht hervor. Sie verpuppen sich an Kiefern oder an Zweigen in Bodennähe. Nach der Verpuppung schlüpft der Schmetterling aus der Puppe und sucht Skabiosen und Brombeeren auf, von deren Nektar er sich ernährt.

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Blütenreiche Waldlichtung bietet Faltern Nahrungspflanzen

Wälder mit ihren Lichtungen sind heute in Südtirol Lebensräume, in denen Schmetterlinge noch zahlreich sind. So wurden bei Untersuchungen am Schlern nicht etwa die Wiesen als Schmetterlingshochburgen identifiziert, sondern eine Kiefernwald- Brandfläche in Tiers mit 363 Arten, der Kiefernwald Weisslahn mit 344 Arten, der Auwald Bad Ratzes mit 322 Arten und der Fichten- Tannenwald Bad Ratzes mit 315 Arten.

Durch die vielen verschiedenartigen Fressfeinde der Schmetterlinge haben sich im Laufe der Evolution zur Tarnung und Warnung auf den Flügeln der Schmetterlinge oft Zeichnungen entwickelt, die entweder wie Tieraugen aussehen oder auch gefährliche und giftige Tiere imitieren oder durch auffällige Färbung vor ihrer Giftigkeit warnen. Es sind dies hochspezialisierte Anpassungen an die Umwelt, ebenso wie die Tarnung mancher Schmetterlinge, welche wie Rinde oder Blätter aussehen.

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Viele Schmetterlinge sind auf ganz bestimmte Lebensräume angewiesen und spezialiert. Es reicht bei weitem nicht aus, dass etwa die Raupenfutterpflanze einer Art in ausreichender Menge an einem Standort vorkommt, auch das Vorhandensein weiterer, etwa für andere Entwicklungsstadien notwendiger Requisiten (z.B. Faltersaugpflanzen) müssen vorhanden sein. Dazu kommen Faktoren wie Flächengröße und Isolationsgrad des Lebensraums, beides wichtige Kenngrößen für die langfristige Überlebensfähigkeit der Population. Isolierte Vorkommen einer Art können leicht erlöschen, wenn ein Ereignis eintrifft (natürliche oder anthropogene Einflüsse), das die Population dahinrafft.

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Admiral, Vanessa atalanta, auf seiner Raupenfutterpflanze Brennessel

 

Schmetterlinge sind auch gute Bioindikatoren. Aufgrund der engen Bindungen an ihren Lebensraum weist das Auftreten eines gewissen Schmetterlings auf ein bestimmtes Biotop hin. Fast alle heimischen Schmetterlinge kommen nur an ganz speziellen Orten vor, wo Futterpflanzen für Raupen und geeignete Lebensräume für Schmetterlinge zu finden sind. Darüberhinaus spielen sie im Ökosystem eine wichtige Rolle, z.B. Bestäubung von Pflanzen. Auch in der Nahrungskette spielen sie eine wichtige Rolle, da Raupen für bestimmte Vogelarten eine wichtige Futterquelle sind und Nachtfalter eine Hauptnahrungsquelle von Fledermäusen darstellen.

 

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Bläuling

Die Raupen einiger Schmetterlingsfamilien leben in Symbiose mit Ameisen, nämlich die Bläulinge. Die Raupe sondert mit Drüsen am Rücken eine zuckerhaltige Flüssigkeit aus. Diese lockt Ameisen an. Die Ameisen trommeln mit ihren Beinen auf den Rücken der Raupe, um die Produktion der süßen Flüssigkeit anzuregen. Im letzten Raupenstadium schleppen die Ameisen Bläulingraupen in ihren Bau. Hier nimmt die Raupe den Geruch der Ameisen an und lebt nicht mehr symbiotisch mit den Ameisen, sondern tritt als Sozialparasit auf und ernährt sich von der Brut der Ameisen. Im Bau verpuppt sie sich und überwintert je nach Jahreszeit.

AHRAUEN

(Titelbild: Ahr bei Gais mit Lücke im Auwald, welche von Bänken und Bierflaschen gefüllt wird, -die Behörden sind eingeschritten)

An der Ahr finden sich zwei Natura 2000 Gebiete (Stegener Ahrauen und Ahrauen unterhalb Kematen), welche auch Vogelschutzgebiete sind.

1.) Artenvielfalt der Unteren Ahr:

Der Unterlauf der Ahr ist im Gewässerschutzplan als Gewässer von hoher naturkundlicher Bedeutung eingetragen (Gewässer mit floristischen und /oder faunistischen Besonderheiten: beherbergen Gewässer eine Biozönose, die aufgrund ihrer Seltenheit, ihre Bedeutung als Zeigerorganismen, Relevanz für die typische Ausprägung des Lebensraumes und ihres Beitrages zur Biodiversität unter besonderem Schutz stehen oder für deren Erhalt Förderprogramme durchgeführt worden sind)

2009 wurden beim Tag der Artenvielfalt über 1330 Tier- und Pflanzenarten festgestellt. Wie in der Studie „Fluss- und Auenrenaturierung in Südtirol“ 2012 nachzulesen ist, erfolgt bei Revitalisierungen bzw. Renaturierungen an der Ahr keine Zustandserfassung auf Artebene.

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Auwald in der Gatzaue beeinträchtigt durch Revitalisierung

 

Revitalisierter Hirschbrunnbach in St. Georgen: Die Künette wurde entfernt, da diese für Menschen gefährlich werden kann. Das Bachbett wurde neu gestaltet und Bäume gepflanzt. Der Bach wurde dann zu einer Weide umfunktioniert. Durch Intervention des Artenschutzzentrums konnte der Missstand behoben werden. Heute weiden keine Kühe mehr im Bach. Der Geschiebetransport des Hirschbrunnbaches wurde durch den Bau eines überdimensionierten Auffangbeckens negativ beeinträchtigt.

 

2.) Auwälder des Unteren Ahrntales

Südtirols vorherrschende Waldtypen wurden von 2001 bis 2009 systematisch erfasst und beschrieben. Das Projekt wurde durchgeführt, um flächendeckend über ganz Südtriol umfassende Kenntnisse zu den verschiedenen Waldstandorten zu bekommen und in der Folge waldbauliche Grundlagen zur naturnahen Pflege und Behandlung der vielfältigen Waldtypen ableiten zu können.

Grauerlenauwälder der Tallagen sind in der flachen Talsohle ausgebildet, wie z.B. im Ahrntal.

Winterschachtelhalm- Grauerlenau der Tieflagen (Equiseto-Alnetum incanae)

Von Grauerle dominierte, homogene Auwaldstreifen entlang der Hauptflüsse in der collinen und submontanen Stufe. In reifereren Stadien kann die Esche (neben Bergulme, Vogelkirsche, Traubenkirsche) in die geschlossenen bis  dichten, gleichaltrigen Bestände eindringen. Die meist gute Strauchschicht (Hartriegel in reifen Stadien) und die üppige Krautschicht (mit Kratzbeere, stickstoffliebenden Kräutern, Stauden und Gräsern) vermitteln ein charakteritisches Waldbild. Durch die Urbarmachung der Talböden findet man aktuell oft nur schmale Galeriewälder. Je nach Reifegrad (Überflutungshäufigkeit) sind verschiedene Ausbildungen zu erwarten. In diesem Waldtyp sind bei der Waldtypisierung die Übergänge von Weidenauen bzw. zu Ulmen- Eschen-Hartholzau zusammengefasst.

Auch durch Flussverbauung und – eintiefung (Sohlenerosion) trockengefallene Auwaldflächen, die von Laub-/ Nadelholz- Wäldern bestockt sind, fallen auf der Karte der Waldtypisierung in diesen Typ. Über dem potentiellen Flutniveau findet eine langsame Entwicklung hin zu den Hauptwaldtypen statt.

Waldfunktion:

Die Bestände haben Bedeutung für den Hochwassser- und Uferschutz. Sie haben hohen Wert für Natur- und Landschaftsschutz und sind keine Wirtschaftswälder.

Naturschutz: prioritärer Lebensraumtyp nach FFH. Richtlinie, Alnenion glutinoso- incanae, Natura 2000 Code- 91E0

Entstehung: Grauerle ist wegen ihrer schwimmfähigen und lange keimfähigen Samen vom Oberlauf bis in den Mittellauf der Flüsse verbreitet. Während sie montan entlang der Bächläufe dominiert, können sich in der collinen Stufe unmittelbar am Flussufer Weiden durchsetzten. Grauerle stockt dann auf wenigen lang, jodoch noch häufig überschwemmten Standorten. In einer weiteren Zone mit selteneren Überschwemmungen herrschen Esche und Bergulme vor. Durch Gewässerregulation und Verbauungen entwickeln sich verbliebene Auwaldreste (wegen ausbleibender Überschwemmungen) weiter zu Nadelholz- beständen oder Laubmischwald.

Entwicklung: Bei Ausbleiben der periodischen Überschwemmungen aufgrund von Verbauungen entwickelt sich die Weichholzaue (Weiden, Grauerle) zur Hartholzaue mit Esche und Ulme.

Maßnahmen: letzte naturnahe Flussabschnitte mit verbliebenen Auwaldresten sind vor weiteren Verbauungen zu schützen. Sekundäre Fichtenbestände sind wegen Borkenkäfer-Kalamitäten in Laubmischwald zu überführen. Grauerle verjüngt sich generativ, als auch vegetativ nach Abknicken oder Umstürzen. Kronenpflege und Schaftumfüttterung sind bei qualtitiv hochwertigen Einzelbäumen notwendig.

(Quelle: Waldtypisierung Südtirol)

3.) Gewässerökologie:

Ahrauen in St. Georgen 2017, gerodeter Auwald, vitaler und naturnaher Auwald wurden zerstört
Die Ahr tieft sich ein und wird seit fast 20 Jahren ständig umgebaut/ renaturiert

 

 

Im Gewässerökologischen Bericht wurde der Unterlauf der Ahr 1996 charakterisiert:

„Der Ahr-Unterlauf Das geringe Gefälle und die breite alluviale Talsohle sind kennzeichnende Elemente dieses Bereiches. Der einst stark meandrierende Verlauf des Baches wurde im Laufe der letzten Jahrhunderte durch Verbauungs- und Bonifizierungsmaßnahmen wesentlich geprägt. Was vom ursprünglichen Charakter übrig bleibt, sind hauptsächlich einige leicht bogigen oder bogigen Strecken zwischen Stegen und Mühlen in Taufers. Grundsätzlich weist der Bach keine “Dynamik des Verlaufes” mehr auf, d.h. der Verlauf des Gewässers wurde zum Schutz der Siedlungen und der produktiven Flächen (meistens Wiesen) durch verschiedene Uferverbauungen fixiert. Erscheinungen, welche mit einer intakten Dynamik gekoppelt sind (Bildung neuer Meänder, Altarme, Überschwemmung der Auwaldflächen und der alten Moose) können beim derzeitigen Zustand nur die Folge von katastrophalen Ereignissen sein. Dabei spielt über die Verbauung hinaus auch die Entnahme von Bachsedimenten eine entscheidende Rolle. An mehreren Stellen werden regelmäßig große Mengen Kies und Sand entnommen (Schotterwerke); dadurch enstehen tiefe, breite, sehr langsam fließende bis stehende Abschnitte, welche wiederum in der Folge als “Sedimentenfalle” dienen. Übrig bleiben vor allem solche Sedimentanteile, die keinen kommerziellen Wert haben (Flinz, Schlamm, sehr oft Faulschlamm). Sie stellen in vielen Bereichen die wichtigsten Bestandteile der Bachbettsedimente dar.
Die Verbauung der Ahr zwischen Stegen und Sand in Taufers entspricht zum größten Teil der Uferverbauung mit Blockwurf. Im Siedlungsbereich kommen aber vielfach Ufermauer (Beton, Natursteinmauer) vor. In Sand in Taufers liegt ein Großteil der Siedlung eindeutig unter dem Bach.

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altes Wehr St. Georgen: das Querbauwerk, welches die Ahr unterbricht, wurde unter Denkmalschutz gestellt.

 

Mit der Ausnahme eines alten Wehrs (W.Fassung) kurz oberhalb Skt. Georgen, einer/zwei ähnlichen Querwerke in Sand in Taufers und einer Brücke/Verrohrung zwischen Gais und Uttenheim, welche mindestens zeitweise schwer von Fischen überwindbar sind (je nach Fischart), weist der gesamte Unterlauf der Ahr keine nennenswerten Unterbrechungen des Fließgewässerkontinuums.
Die eindeutige Vertiefung sowohl der Bachbettsohle als auch der Quell-Entwässerungsgräben und die gekoppelte Senkung der obersten Grundwasserschichte (“subalveum”) läßt in den angrenzenden Bereichen vielfache Auswirkungen erkennen. Darunter seien hier, außerhalb der Siedlungen, nur die allmähliche Austrocknung der ehemaligen Feuchtwiesen, Moose und Auwälder sowie die fortschreitende Umwandlung reiner Erlenbestände in Mischwälder, in deren Zusammensetzung Fichten, Lärchen, manchmal sogar Kiefern zunehmend eine Rolle spielen, erwähnt.
Die Meliorierungsmaßnahmen und die Intensivierung der Viehzucht führten in mehreren Bereichen zu einer eindeutigen Überdüngung der Wiesen. Wenn normalerweise die Verdünnung im Hauptgewässer aufgrund der großen Wasserführung verheerende Erscheinungen vermeiden kann, sind die Auswirkungen in den kleineren Seitengewässern der Talsohle sehr gravierend. Diese Gräben waren ursprünglich sehr “konservative” Lebensräume, d.h. sie waren kaum von Hochwässern gefährdet. Sie waren Rückzugsgebiete, Laichgebiete, Kinderstuben für Amphibien und Fische. In vielen Fällen verfügen sie beim aktuellem Zustand um einen wesentlich kleineren Abfluß (Senkung des Grundwasserspiegels) und/oder sind nicht mehr vom Hauptgewässer zugänglich. Außerdem sind sie sehr stark durch direkte und indirekte Schmutzwassereinleitungen gefährdet, welche meistens mit viehwirtschaftlichen Maßnahmen gekoppelt sind.

Trotz der kurz beschriebenen Beeinträchtigungen stellt der Ahrunterlauf,  nicht zuletzt wegen ihrer Ausdehnung, die wertvollste Flußlandschaft des Landesgebietes. Dieser Stellenwert hängt sowohl von den Eigenschaften dieser Landschaft als auch von der Zerstörung ähnlicher Lebensräume in anderen Tälern ab. Der Trend ist aber eindeutig negativ. Ohne ein übergreifendes Konzept, welches sowohl den Schutz dieser Landschaft als auch die veträglichen Nutzungen derselben berücksichtigt ist zweifellos mit einer weiteren Verschlechterung des aktuellen Zustandes zu rechnen.“

Hätte man an der Ahr den Gewässerökologischen Bericht als Planungsgrundlage herangezogen (wie in der Studie zur Fluss- und Auenrenaturierung vorgeschlagen wurde), wäre das alte Wehr in St. Georgen das Bauwerk gewesen, das man als erstes hätte abreißen müssen, um den Geschiebetransport und die Durchgängigkeit für Fische wieder herzustellen. Als dieses Bauwerk abgerissen werden sollte, haben sich die folgende Interessensvertreter gegen den Rückbau stark gemacht:

Heimatpflegeverband Südtirol – Bezirk Pustertal
Claudia Plaikner, Klaus Graber, Walter Harpf, Albert Willeit, Michael Burger
Kuratorium für technische Kulturgüter
Wittfrieda Mitterer

Diese waren auch gegen den Bau eines Wildwasserparkes für Sportler im Bereich der Ahr St. Georgen. 

Der Kanusport könnte sich auch negativ auf die Brutvögel der Ahr auswirken, da Vögel gestört werden. Jedoch ist bei Störungen für Vögel (zwei Vogelschutzgebiete finden sich an der Ahr) auch immer zu bedenken:

Beschränkungsmaßnahmen zur Minderung oder zum Ausschluß von (menschenbedingten) Störungen sind dann – und nur dann (!) – notwendig und sinnvoll, wenn alle potentiellen, von Menschen verursachten Störungen im betreffenden Gebiet gleichermaßen eingeschränkt oder ausgeschaltet werden („Gleiche Verpflichtungen für Alle!“). Eine teilweise Einschränkung kann die Verbesserung der Lage durch Gewöhnung sogar beeinträchtigen (insbesondere wenn harmlose, regelmäßig wiederkehrende Störungen ausgeschaltet werden!). Direkte Nachstellungen (Bejagung, Bekämpfung) bilden die mit weitem Abstand stärkste Form von Störungen und sind die Ursache der Scheuheit!

Prof. Dr. Josef H. Reichholf 1998, Untersuchung Kanuwandersprot und Naturschutz

 An der Ahr wurden zahlreiche Revitalisierungen und Renaturierungen durchgeführt. Wie in der Studie zur Fluss- und Auenrenaturierung festgestellt wurde, kann nicht nachgewiesen werden, dass sich der Zustand der Unteren Ahr verbessert hat.

Der ausgedehnte Grauerlenauwald der Gatzaue ist jebenfalls Geschichte und wurde weggebaggert.

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Fische der Ahr:

Im Zuge der Wasserrahmenrichtlinie werden Untersuchungen zu Fischbeständen durchgeführt. Von der Industriezone Mühlen bis unterhalb der Brücke in Gais wurde in Streifen abgefischt und auch Uferbefischungen durchgeführt. Dabei wurden gefunden:

  • Marmorierte Forelle 37
  • Bach. x marm. Forelle 79
  • Bachforelle 115
  • Regenbogenforelle 22
  • Äsche 332
  • Mühlkoppe 88
  • Neunaugen 2

Die Ahr ist ein Äschengewässer, in dem sich aber viele Kreuzungen bzw. Hybride und nicht heimische Fische wie die Regenbogenforelle tummeln. Die Artenzusammensetzung der Fische ist nicht mehr natürlich.

 

Biodiversität Fische

1.) Biodiversität Fische

Fische sind mit über 32.000 beschriebenen Arten (Rundmäuler, Knorpel- und Knochenfischen) eine artenreiche Tiergruppe, aber nur ein Viertel davon kommt in Süssgewässern vor. Tropische Gewässer (z.B. Salzwasserfische der Korallenriffe, Süsswasserfische tropische Seen) sind sehr artenreich.  Der Tanganjikasee in Afrika beherbergt eine Vielzahl endemischer Arten (allein 180 Cichlidenarten), also Süsswasserfischarten, die es nur dort gibt.

Das größte Korallenriff der Erde, das Great Barrier Rief, ist Lebensraum von geschätzten 1500 Arten, darunter Walen, Delphinen oder Clownfischen.

Im Mittelmeer gibt es an die 700 Fischarten, in den Meeren Italiens an die 580 Arten.

In ganz Österreich kommen 84 Fischarten vor, darunter 27 Neozoen. Selbst Arten, die sich nicht in den Gewässern reproduzieren, bleiben über Jahrzehnte durch Besatz präsent. Das gilt z.B. für den Graskarpfen, aber auch für den Aal, der im gesamten Donaueinzugsbereich nicht heimisch ist und österreichweit besetzt wird. Das Fehlen von Informationen über den Bestand, die Arten- und Alterszusammensetzung der Fischbestände von Gewässern, die einen ökologisch vertretbaren Besatz erst möglich machen würden, und der Einsatz von nicht standortgerechtem Fischen aus Zuchtanstalten, sind zentrale Kritikpunkte an der gängigen Besatzpraxis für heimische und eingebürgerte Fische. (http://www.biologischevielfalt.at/ms/chm_biodiv_home/chm_biodiv_home/chm_biodiv_oesterr/chm_neobiota/chm_nha_t_oe/).

In der Schweiz gibt es 70 verschiedene Fischarten, 54 sind einheimisch, 16 allochthon. Die Seen der Schweiz beherbergen zahlreiche endemische Felchenarten aus der Gattung Coregonus. „Aus der Überzeugung heraus, dass man unseren Fischen mit Besatz helfen könne, wurde unabsichtlich das Gegenteil bewirkt. An die lokalen Bedingungen optimal angepasste Arten und Rassen verschwanden. Die Biodiversität erlitt einen weiteren Rückschlag.“ (Werner Doenni, 2013) Von den ehemals mindestens 40 Felchenarten der Schweizer Seen sind heute nur noch 25 Arten erhalten. Die Artenvielfalt endemischer Felchen der Schweiz hat stark abgenommen, Lebensraumzerstörung und Fischbesatz sind die Ursachen.

„Die anthropogen verursachte Ausbreitung von Tieren ist ein häufiger, derzeit durch Zunahme des Vektors Mensch in Anzahl und Aktivität erheblich beschleunigter Prozess. Er führte direkt und indirekt zu einer erheblichen Umverteilung von Artenzahlen bzw. Artendichten und damit zur Veränderung von Artenspektren, Biomasse und biogeochemischen Prozessen. Die von Neozoen verursachten Veränderungen im Ökosystem können auch in Europa nicht mehr ignoriert werden, nachdem sie z. B. in Neuseeland, Florida oder auf Hawaii schon seit langem katastrophale Einschnitte in den Zustand der regionalen Biodiversität verursachten. In Deutschland sind mittlerweile mehr als 1.300 eingeschleppte Tierarten registriert (mit weit höheren Zahlen sollte gerechnet werden). Allein in der Tierwelt der großen Flüsse (Potamon) in Deutschland hat in nur drei Jahrzehnten eine weit größere Umwälzung in der Zusammensetzung der Fauna stattgefunden als in den 10.000 Jahren zuvor seit Ende der Würm- (Weichsel-)Eiszeit. Es ist an der Zeit, sich wissenschaftlich und administrativ dieser Herausforderung zu stellen.“ Bestandsaufnahme und Bewertung von Neozoen in Deutschland (https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/publikation/long/2141.pdf.)

Jungfisch
gut getarnte kleine Forelle

In Italien gibt es 48 indigene, natürlich vorkommende Fischarten, von denen 22 endemisch oder subendemisch sind, also nur in Italien vorkommen. Dazu kommen 38 nicht heimische Arten (Alien- Arten, Neozoen), von denen 13 in Italien weit verbreitet sind. Zu diesen 13 Arten gehört auch die Bachforelle von atlantischen Stämmen, der Karpfen und der Wels. „Sopratutto per motivi legati alla pesca sportiva hanno avuto e hanno luogho spostamenti di pesci dall´ una all´altra regione…rappresenta la quarta causa di minaccia per pesci d´ aqua dolce italiani;.. Si vuole poi evidenziare, che il fenomeno dell` „inquinamento genetico“ e` in aumento, e non riguarda piu` solo taxa come del genere salmo, ma anche Thymallus, Esox, Barbus e Rutilus.“ Ministero dell´ Ambiente della Tutela del Territorio e del Mare, L´impatto delle specie aliene sugli ecosistemi: proposte die gestione, verso la Strategia Nazionale per la Biodiversita´, marzo 2009

Die Faunenverfälschung durch Besatz und Fehlbesatz mit nicht heimischen Fischen ist eine genetische bzw. biologische Verschmutzung der Gewässer. Die genetische Verschmutzung nimmt weiter zu und betrifft nicht nur die Forellen, sondern auch die Äschen, Hechte, Barben und Rotaugen.

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Bachforelle, allochthon- nicht heimisch in Südtirol

 

Lediglich etwa 35 Fischarten kommen in Südtirol vor und von diesen sind 16 keine heimischen Fische, sondern Exoten und vom Menschen eingebrachte Arten  (laut Buch „Fischen in Südtirol“, 2017, S. 84). Auch der charakteristische Fisch von alpinen Gebirgsseen, nämlich der Seesaibling, kommt in Italien wahrscheinlich nicht natürlich vor und ist keine indigene und autochthone Fischart in Südtirol und Italien (http://www.iucn.it/scheda.php?id=972302088.).

20 heimische (autochthone) Fischarten und 17 nicht heimische (allochthone) Fischarten listet Massimo Morpurgo 2005 auf. Auf der Basis dieser Angaben findet sich eine Auflistung der Fischarten/ Unterarten Südtirols im Beitrag  http://biodiversitaet.bz.it/2019/02/15/liste-fischarten-suedtirol/ .

Eine autochthone Fischart ist der Aal, welcher ausgestorben sein müsste, da der Zugang zum Meer durch Querbauwerke in der Etsch unterbrochen ist. Es gibt den Aal aber in Südtiroler Seen. Diese Aale haben keine lange Fischwanderung von der Sargassosee bis in die Gewässer Südtirols hinter sich, sie „wandern“ mittels LKWS. Der häufigste Fisch in Südtirols Bächen, nämlich die Bachforelle, ist ebenso wenig natürlich vorkommend, wie der Aal. Genetische Untersuchungen der Bachforellen haben gezeigt, dass die Bachforellen von danubischen und atlantischen Stämmen abstammen. Fast ganz Südtirol liegt im Einzugsgebiet der Etsch, welche in die Adria fließt und es finden sich keine Bachforellen, welche von adriatischen Stämmen abstammen. Die Bachforellen in Südtirols Bächen gehen auf Besatz zurück und sie ist nicht eine autochthone Fischart. Der häufigste Fisch Südtirols, die Bachforelle, ist künstlich eingebracht worden. “ In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Bachforelle in den adriatischen Zuflüssen, die bisher nur von Marmorierten bevölkert waren, eingesetzt.“ beschreibt Peter Ortner 1978 im Buch „die Tierwelt der Südalpen“ die Situation. „Die Marmorierte Forelle (Salmo marmoratus) ist der einzige heimische Vertreter der Gattung Salmo in Südtirol. Dadurch kommt diesem Fisch eine zentrale Bedeutung im Naturschutz Südtirols und (Nord-)Italiens zu. Durch die zahlreichen anthropogenen Eingriffe in die Fließgewässer (Querbauwerke, Begradigungen, Wasserausleitungen, u.v.m.), sowie durch großflächigen Besatz mit allochthonen Fischarten (v.a. Salmo trutta fario, Salvelinus fontinalis und Oncorhynchus mykiss), sind die Bestände der Marmorierten Forelle in den letzten hundert Jahren deutlich zurückgegangen (teilweise sogar verschwunden).“ Masterarbeit Josef Wieser 2015

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Cypridengewässer

 

Der Karpfen gilt heute als eine charaktieristische Art stehender Gewässer. Ursprünglich kam der Karpfen nur in Gewässern Osteuropas vor, wurde aber schon zur Römerzeit verbreitet und in der mittelalterlichen Teichwirtschaft massenhaft vermehrt. Die Weltnaturschutzorganisation schreibt zum Karpfen: Wild stocks occur naturally only in rivers draining to the Black, Caspian and Aral Seas. C. carpio is widely cultivated worldwide, but in fact many cultivated stocks (and most of the Asian ones) belong to several other East Asian species. Der Karpfen gehört zu den „Worst Invasive Alien Species“, der Karpfen kann aus sauberen klaren Gewässern braune trübe Gewässer machen, er formt Ökosysteme um (mehr dazu siehe Unten: Fische im Ökosystem).

Zu den Neozoen in Südtirols Gewässern gehören u.a. (Quelle: „Fische und Angeln in Südtirol“, Autonome Provinz Bozen, 1998)  :

  • Forellenbarsch: diese aus Nordamerika stammende Art ist in Südtirol in den Montiggler See, dem Kalterer See und dem Völser Weiher eingesetzt worden.
  • Sonnenbarsch: diese aus Nordamerika stammende Art ist in Südtirol in den Montiggler See und dem Kalterer See eingesetzt worden
  • Zander: diese aus Osteuropa stammende Art wurde im Kalterer See und im Fennberger See eingesetzt.
  • Graskarpfen: dieser aus China stammende Fisch wurde seit 1970 in Seen wie dem Kalterer See, Montiggler See und den Unterackerlacken bei Sterzing eingesetzt.
  • Karausche: gängiger Fisch der Besatzwirtschaft
  • Bachsaibling: der aus Nordamerika stammende Bachsaibling hat sich vielerorts etbliert
  • Regenbogenforelle: die aus Nordamerika stammende Regenbogenforelle hat sich vielerorts etabliert

 

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Graskarpfen im Kalterer See

 

Eine Gefährdung der Artenvielfalt findet sich in der Besiedlung der Lebensräume durch Neozoen. Dies hat oft Folgen für die heimischen Fischarten und die Gewässerbiodiversität. Neue Arten können negative Auswirkungen auf ursprünglich vorhandene Arten haben, sei es durch Konkurrenz um Nahrung und Lebensraum, Frassdruck, als Überträger von Krankheiten oder einfach durch Verlust von Anpassungen aufgrund von Hybridisierung. Allochthone Arten können die Nischen einheimischer Arten besetzen. Wenn sie ausdauernder oder weniger spezialisiert sind als die heimischen Arten, können sie diese aus ihrem Lebensraum verdrängen. Viele Fischarten sind invasive oder potentiell invasive Neozoen und damit eine Gefahr für die Biodiversität. Invasive und potentiell invasive Fischarten in Deutschland z.B.: Schwarzer Katzenwels, Brauner Zwergwels, Graskarpfen, Silberkarpfen, Marmorkarpfen, Sonnenbarsch, Regenbogenforelle,  Blaubandbärbling und Bachsaibling. Der Karpfen und die Regenbogenforelle finden sich in der Liste der 100 gefährlichsten invasiven Arten der Weltnaturschutzorganisation IUCN (http://www.iucngisd.org/gisd/100_worst.php).

2.) Gefährdung und Gefährdungsursachen

 

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Unterer Eisack, beeinträchtigter Lebensraum-
  1.  Beeinträchtigung des Lebensraumes
  2. Wasser-Verschmutzung
  3. Fremde Arten (allochthone Arten, Hybridisierung, Neozoen)
  4. Nutzung (Nahrungserwerb, Freizeit)

(Smith und Darwall, 2006)

Le principali cause antropiche ritenute responsabili della critica situazione in cui versa l’ittiofauna italiana sono- die Hauptgründe für die kritische Situation der Fischfauna (Binnengewässer) Italiens sind:

  1. alterazioni degli habitat- Lebensraumveränderung
  2. inquinamento delle acque- Wasserverschmutzung
  3. introduzione di specie aliene- Besatz mit Neozoen
  4. pesca condotta in modo eccessivo o con metodi e in tempi illegali- exzessive Fischerei und Fischerei mit illegalen Methoden
  5. inquinamento genetico- genetische Verschmutzung

Sergio Zerunian, 2002

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vermehrte Algenbildung deutet auf die Belastung der Gewässer durch Nährstoffeinträge hin (Gewässerverschmutzung)

In der Roten Liste der Fische Südtirols wird die Marmorierte Forelle als stark gefährdet angeführt und trotzdem wird die gefährdete Art von Anglern gefischt.

„Laut Berichten in der Lokalpresse über die 13. Südtiroler Naturschutzwoche im Sommer 1998 ist der Grazer Universtiätsprofessor Franz Wolkinger der Ansicht, dass auf die Fischerei überall verzichtet werden könnte….Diese öffentlichkeitswirksamen Aussagen aus der Umweltdebatte können wir Angler keineswegs als Ansichten extremer Ökoaktivisten abtun. Vielmehr ist- stärker als in der Vergangenheit- sachlich zu hinterfragen, inwieweit unsere (Freizeit) Tätigkeit am und im Gewässer im Einklang mit der Natur erfolgt.“ wird im Buch „Fische und Angeln in Südtirol“ 1998, S. 7 kritisch bemerkt.

Eine Gefährdungsursache für Fischarten stellt die Freizeitnutzung und Nutzung zur Ernährung dar, wie Smith und Darwall 2006 feststellen. Ebenso macht Sergio Zurian die exzessive Fischerei als eine Gefährdungursache für Fischarten aus.

Das Amt für Jagd und Fischerei der Provinz Bozen weist auf den hohen Fischereidruck hin:

In Südtirol gibt es ca. 12.250 Fischer, welche teilweise in einem der beiden großen Fischerverbände (FIPSAS – Landesfischereiverband) organisiert sind. Obwohl die Anzahl an aktiven Fischern momentan stagniert, hat der Fischereidruck in einigen Gewässern die Toleranzgrenze schon überschritten.

Neben den hohen Fischereidruck ist die Biodiversität der Fische durch Neozoen gefährdet. Viele nicht-heimische Fischarten finden sich in den Gewässern Südtirols. Darüberhinaus tritt das Problem der Hybridisierung zwischen den Arten auf (Hybride Bachforelle- Marmorierte Forelle: Bach. x Marm. Forelle). In der Vergangenheit haben sich durch Isolation verschiedene Arten und Ökotypen in den Gewässern gebildet (unter den Süsswasserfischen Italiens findet man relativ viele Endemiten, also Arten, die es nur in Italien gibt, z.B. die Gardaseeforelle, Salmo carpio, im Gardasee). Durch Fischbesatz vermischten sich die autochthonen Fischarten und Ökotypen mit Arten und Zuchttypen aus anderen Gewässern, die biologische und genetische Vielfalt nimmt ab. Einst räumlich getrennte Fischarten sind heute im selben Gewässer zu finden. Diese Arten verpaaren sich und bilden Hybride. Viele Gewässer werden mit Fischen aus Brutanstalten besetzt, um die natürlichen Bestände zu stützen. Leider wurden und werden Seen und Fließgewässer mit Fischen von der vermeintlich selben Art aus anderen Seen, Einzugsgebieten oder sogar dem Ausland besetzt. Dadurch haben sich lokale Forellen- und Äschenpopulationen mit gebietsfremden Populationen und Arten vermischt und die genetische Vielfalt ging verloren.

„E´ a nostro avviso urgente un adeguamento della normativa, con il divieto esplicito di introduzione di pesci alieni e di effettuare ripopolamenti con materiale raccoloto in natura. E` poi necessario sperimentare forme di contenimento delle specie aliene che minacciano maggiomente la fauna ittica indigena, ormai naturalizzate in molti fiumi e laghi d´ Italia.“ Ministero dell´ Ambiente della Tutela del Territorio e del Mare, L´impatto delle specie aliene sugli ecosistemi: proposte die gestione, verso la Strategia Nazionale per la Biodiversita´, marzo 2009

Explizites gesetzliches Verbot der Einbringung von Alien- Arten in die Gewässer Südtirols und Italiens wäre ein wichtiger Schritt, zur Eindämmung der genetischen und biologischen Verschmutzung der Gewässer und ein Beitrag, der flächendeckenden Faunenverfälschung entgegezuwirken.

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Forellenhybriden: genetisch verschmutzte Gewässer

Genetisch reine autochthone Marmorierte Forellen gibt es in Südtirol nicht mehr. Der Leiter der Landesfischzucht Peter Gasser wies (Dolomiten 12. Juli 2016) darauf hin, dass es nirgendwo in Südtirol genetisch reine Marmorierte Forellen gibt. Auch Südtirols Äschen sind genetisch nicht rein,  ihr Erbgut enthält auch Sequenzen von Äschen des Rheingebiets, aus Skandinavien oder aus dem Balkangebiet. Der Verlust der genetischen Vielfalt (genetisch reine autochthone Arten und Ökotypen) ist durch Fischbesatz bedingt.

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Schweizerische Fischereiberatungsstelle zu Forellendiversität: „Forelle ist nicht gleich Forelle. Auch bei dem am weitesten verbreiteten Fisch der Schweiz – der Forelle – gibt es eine beachtliche Artenvielfalt: Die Schweizer Forellenarten stammen aus den Einzugsgebieten von Donau, jurassischer Rhone, Po und Rhein. Dazu zählen z. B. die vom Aussterben bedrohte Marmorata-Forelle, die Doubs Forelle, die adriatische Forelle und die Forelle aus dem Rheineinzugsgebiet – Letztere wurde als Besatzfisch im vergangenen Jahrhundert in grosser Zahl in die anderen Einzugsgebiete ausgesetzt und hat vielerorts die ursprünglichen Forellen durch Konkurrenz und Hybridisierung verdrängt. “

In scheinbar unberührten natürlichen Bergseen wurden ebenfalls Fische eingesetzt, Seesaiblinge wurden sogar mit Hubschraubern dorthin gebracht. (https://www.salto.bz/de/article/12072016/gekaufte-saiblinge und https://www.salto.bz/de/article/17072016/der-fisch-stinkt-nicht. In Hochgebirgsseen schwimmen auch Regenbogenforellen und Bachsaiblinge herum.

Im Zuge der Revitalisierung werden Gewässer für Fische umgebaut, jedoch ohne systematische Zustandserfassung auf Art- und Ökosystemebene und ohne Berücksichtigung der Naturnähe der Fischpopulationen, wie in der „Studie zur Fluss- und Auenrenaturierung in Südtirol“ 2012 empfohlen.

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Bild Künette: hart verbaute Bäche

 

Viele kleinere Seitenbäche sind hart verbaut worden und der WWF Bozen spricht von einer misslungenen Revitalisierung, da nicht hart verbaute Gewässer primär renaturiert werden, sondern ökologisch wertvolle wie z.B. die Ahr. (mehr zum Thema Revitalisierung http://biodiversitaet.bz.it/revitalisierung-wasserrahmenrichtlinie/).

 

Fische im  Ökosystem

In der „BIODIVERSITÄTS-STRATEGIE ÖSTERREICH 2020+“ aus dem Jahr 2014 steht geschrieben „Die Fischerei, die in Österreich vor allem als Freizeitfischerei Stellenwert hat, beeinflusst durch den Besatz und Entnahme das gewässertypische Artenspektrum der aquatischen Biozönosen.“ Fische werden in Gewässer eingesetzt (Besatz) und sie werden herausgefischt. Diese Praxis hat sich sehr negativ auf die genetische Vielfalt und die Artenvielfalt ausgewirkt.

Fischbesatz kann auch das Gewässer selbst verändern: In einer Serie klassischer Experimente konnten Carpenter und Kitchell in mehreren nebeneinander liegenden kleinen Seen trübes Wasser mit hohem Phytoplanktongehalt oder klares Wasser mit wenig Phytoplankton dadurch erzeugen, dass sie die Dichte der Raubfische (die selbst andere Fische, aber kein Plankton fressen), erhöhten oder verminderten. (Stephen R. Carpenter, James F. Kitchell: Consumer Control of Lake Productivity. In: BioScience. Vol. 38, No. 11 (How Animals Shape Their Ecosystems), 1988, S. 764–769.)

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Felixer Weiher, Gewässer mit „sehr guter Badewasserqualität“ und braun -trüben Wasser. Ein Cypridengewässer auf 1600 m Meereshöhe im Wald.

 

Fischbesatz in Hochgebirgsseen führt oft zum Verlust von Krebstierarten, wobei das gesamte Zooplankton verändert wird und grosse Krebstierarten verschwinden (Tiberti et al.2014). In Kanada wurden nicht natürlich vorkommende Fischarten aus Gebirgsseen wieder entfernt und die Gewässer von der biologischen Verschmutzung gesäubert (Schindler und Parker 2002).

Fish predation produces a drastic reduction or elimination of autochthonous animal groups, such as amphibians and large macroinvertebrates in the littoral, and crustaceans in the plankton. These strong effects raise concerns for the conservation of high mountain lakes.

Marc Ventura und Teresa Buchaca (Spanish National Research Council), Rocco Tiberti (Universität Pavia), Danilo Bunay (Universität Barcelona).

Jedoch gibt es Wissenschaftler, welche glauben, dass Fischbesatz das Gewässer nicht prägt: „historisch gewachsene und von Besatzfisch bestätigte Erkenntnis (vgl. Kapitel 3), wonach das Gewässer mitsamt seiner Ökologie die Fischgemeinschaft prägt und nicht etwa der Besatz (Baer et al. 2007).“ Zitat Fischbesatz und Fischbiodiversität in der deutschen Angelfischerei.

Die Eintrübung des Wassers durch Fischbesatz kann in vielen Gewässern beobachtet werden. Zwei historische Wasserspeicher mit Zufluss von klarem Quellwasser unterscheiden sich beträchtlich:

Historischer Wasserspeicher zur Bewässerung ohne Fische und glasklares Wasser

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Historischer Wasserspeicher zur Bewässerung  mit Fischen und trüben Wassser

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Der Karpfen kann ganze Ökosysteme verändern und scheint in der Liste der  „Worst Invasive Alien Species“ der IUCN auf. Nicht ohne Grund, denn er verändert die Ufervegetation und verändert die Lebensgemeinschaften des Benthos (Lebensgemeinschaft der Bodenzone, z.B. Wasserschnecken, Teichmuscheln usw.). Aus glasklaren Gewässern kann durch Besatz mit Karpfen eine trüb- braune Lacke werden. Auch die Lebensgemeinschaft der Freiwasserzone wird dadurch verändert.

Gebiete, die als intakte Natur angesehen werden, wie der Yellowstone Nationalpark in Nordamerika, leiden unter den Folgen von Fischbesatz. Vor ungefähr 25 Jahren wurden dort amerikanische Seesaiblinge eingesetzt und diese verdrängen die natürlich vorkommende Yellowstone- Cutthroat-Forelle. Ein Domino Effekt trat ein, der Bären und Wildschwanpopulationen und das ganze terrestrische Ökosysteme bedroht. (https://www.nationalgeographic.com/environment/2018/07/yellowstone-lake-trout-trumpeter-swan-avian-collapse-animals/).

Der Besatz mit Fischen ist für viele Arten eine Gefährdungsursache, z.B. für Dohlenkrebse, Frösche oder Bergmolche. Froschlaich wird nicht nur von Raubfischen gefressen, sondern auch von Fischarten, welche Pflanzenfresser sind (https://www.nabu.de/imperia/md/content/nabude/vogelschutz/der_einfluss_von_fischen_auf_amphibienpopulationen_2011.pdf).

Massiver Fischbesatz führte laut F. Glaser am Schlern zum Rückgang von Amphibienpopulationen. Mit dem Aussterben von Arten im Gebiet muss dabei gerechnet werden.

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Biotop Schwarze Lacke am Vigiljoch mit unnatürlicher Fischfauna

Herpetofauna.at zu Bergmolch: „auch durch den Fischbesatz in Gebirgsteichen werden regionale Populationen ausgelöscht.“ In der Schwarzen Lacke am Vigiljoch wurden Bergmolche nicht mehr gesehen, seit dort gefischt wird. Moorgewässer, wie die Schwarze Lacke, sind von Natur aus fischfrei.

Bei der Revitalisierung/ Renaturierung des Mareiterbaches wurde Fischbesatz als limitierender Faktor einer positiven Entwicklung festgestellt.
Während Fischbesatz in vielfacher Weise negative Auswirkungen auf Ökosysteme und Arten hat, so sind natürlich vorkommende Fische sehr wichtig in stehenden und fließenden Gewässern. Sie sind Bioindikatoren und ein zentrales Glied in der Nahrungskette der Ökosysteme.

 

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Steinfliegenlarve in der Bildmitte

Viele Fische sind Allesfresser und Cypriden ernähren sich von bodensiedelnden wirbellosen Tieren, toten und lebenden Pflanzenteilen, Plankton und Jungfischen. Die nährstoffreichen Seen der tieferen Lagen (z.B. Kalterer See) sind Cypridengewässer.

Die Larven von Köcherfliegen usw
Larven von Fliegen (Köcherfliegen, Eintagsfliegen, Steinfliegen usw) sind Nahrungsgrundlage von Fischen, Wasseramseln, Libellen usw.

 

Rein räuberische Fischarten sind Hecht und Mühlkoppe, welche sich von anderen Fischen, Fischlaich und Brütlingen ernähren. Ausgewachsene Marmorierte Forellen haben relativ große Zähne, die den Raubfischcharakter im Alter aufzeigen. Der Besatz mit kleinen Fischen stellt eine zusätzliche Futterquelle für viele Fischarten dar, von der auch die kleinen Mühlkoppen profitieren. Mühlkoppen selbst wiederum werden von Marmorierten Forellen oder Würfelnattern gefressen. Große Fische in Südtirols Gewässern fallen fast ausschließlich Hobbyangleren zum Opfer.

Fälschlicherweise wird behauptet (z.B. auf Fishfirst.it), Kormorane würden Gewässer leer fressen und Populationen der Äschen und Marmorierten Forellen in Südtirol dezimieren. Dass dies nicht der Fall ist, belegen Untersuchungen zu Mageninhalten durch das MUSE Trient : die Mageninhalte von 13 getöteten Kormoranen wurden untersucht (2014/2015 (10 Exemplare) bzw. im Winter 2013/2014 (drei Exmplare). In zwei Mägen wurde nichts gefunden, die Mägen waren leer. In 11 Mägen wurden 43 Fische nachgewiesen, davon 32 Mühlkoppen. Marmorierte Forelle wurde keine gefunden und nur eine kleine Äsche.

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Kormoranbrutgebiet in der Poebene

 

Der Fischreichtum der Gewässer ist von Vorteil für fischfressende Vögel (z.B. Eisvogel, Kormoran, Graureiher), für Säugetiere (z.B. Fischotter) oder für Reptilien wie die Würfelnatter. Viele Fische garantieren Arten, welche in der Nahrungspyramide höher stehen (Konsumenten höherer Ordnung), wie Fischottern und Würfelnattern, eine gute Nahrungsrundlage. Gerade für die Aufzucht von jungen Fischottern bedarf es größerer Mengen an Fischen.

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Würfelnatter

 

Die Fischotterpopulationen Mitteleuropas erholen sich wieder langsam und auch in Südtirol wurden wieder Fischotter beobachtet, nachdem sie ausgerottet worden waren.

„Die Jagd ist ein Bedrohungsfaktor für den Fischotter. Fischotter wurden früher besonders in Europa wegen ihres wertvollen Fells und als Konkurrent der Fischwirtschaft stark bejagt. Dies sind einige der Ursachen, die zu einem drastischen Einbruch der Fischotterbestände und zum lokalen Aussterben von Populationen führte. Trotz des Verbotes ist auch heute noch die illegale und zum Teil legale Jagd in einigen Staaten des Fischotterverbreitungsgebietes eine Gefahr für die Populationen. So hat der politische Druck von Seiten der Fischerei in einigen europäischen Ländern zur Bewilligung von Jagdlizenzen auf Fischotter geführt.“  berichtet der WWF Deutschland (https://mobil.wwf.de/fileadmin/fm-wwf/Publikationen-PDF/WWF-Arten-Portraet-Fischotter.pdf)

Auszug aus „Fische und Angeln in Südtirol“, Autonome Provinz Bozen, 1998, S. 8:

„Es bleibt also nur zu hoffen, daß in Zukunft bei der nötigen Interessenabwägung zwischen wirtschafltlichen Zwängen und den Wünschen der Angler der ökologische Aspekt, das Lebensrecht aller Wasserlebewesen, stärker Berücksichtigung findet. Daneben ist auch ein Umdenken bei den Fisch- Bewirtschaftungsmaßnahmen unerläßlich.“

Ökologische Aspekte, das Wissen um die Wichtigkeit von Fischen in der Nahrungskette von Gewässerökosystemen und der ethische Aspekt des Lebensrechtes aller Lebewesen, sind auch heute noch keine Selbstverständlichkeit.

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Viele kleine Fließgewässer Südtirols sind fischfrei, gerade auch die natürlichen Fließgewässer der subalpinen und alpinen Höhenstufe.

Im Zuge der Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie werden Abfischberichte erstellt. Diese geben Auskunft über die vorhandenen Fischarten und die Entwicklung der Fischbestände. Einige Gewässer und ihr Fischbestand (Quelle: Abfischberichte WRRL 2015) auf http://biodiversitaet.bz.it/2019/02/15/liste-fischarten-suedtirol/

 

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Die Gewässer des Landes sind meist erheblich verändert worden und trotzdem finden sich in den Gewässern recht viele Fische (siehe oben). Gerade auch Seen, wie die Montiggler Seen oder der Felixer Weiher (ein  Karpfenteich mit braun-trüben Wasser) beherbergen erstaunlich viele Fische. Die Lebensraumverfügbarkeit für Fische in stehenden Gewässern hat durch den Stauseenbau stark zugenommen. Von 2850 ha Fischwasser fallen 48% auf Stauseen. Natürliche Seen sind in Südtirol relativ selten, künstliche Fischgewässer wie Fischerteiche und Stauseen landesweit vorhanden und zunehmend.

Die langfristige Erhaltung selbst erhaltender Populationen ist in fast allen stehenden und fließenden Gewässern Südtirols gegeben und für alle Lebensphasen sind gute Voraussetzungen gegeben, auch für Rote Liste Arten wie Bachneunauge, Marmorierte Forelle und Mühlkoppe (siehe Anzahl von Mühlkoppen in der Talfer!). Sogar in der kanalisierten Etsch im Etschtal wurden 2004 für Äschen, Barben, Neunauge, Aitel und Mühlkoppe eine natürliche Reproduktion festgestellt (H. Grund et. al., Die Etsch zwischen Meran und Salurn als Fischlebensraum).

Die Wasserqualität lässt in einigen Fließgewässern zu wünschen übrig (z.B. Salurner Graben, Marlinger Mühlgraben). Das Bachneunauge kommt in Gräben häufiger vor  (z.B. sehr zahlreich im Naturnser Graben). Trotz der Beeinträchtigung der Wasserqualität können seltene und stark gefährdete Arten vorkommen, wie der Dreistachelige Stichling im Salurner Graben (der Salurner Graben ist eines der verschmutztesten Fließgewässer Südtriols). „Ein naturnaher Lebensraum ist die Grundvorraussetzung für funktionsfähige Fischbestände“ wird behauptet. Doch beweisen die künstlichen Gräben mit ihrem Fischreichtum und ihrem Reichtum an seltenen Tier- und Pflanzenarten genau das Gegenteil.

Exzessive Fischerei, genetische Verschmutzung und Neozoen (Zerunian 2002) belasten die Biodiversität der Fischbestände und viele ausgewachsene und fortpflanzungsfähige Fische fallen Hobbyanglern zum Opfer. ( Siehe Gefährdungsursachen http://www.carabinieri.it/editoria/natura/la-rivista/home/tematiche/ambiente/la-fauna-ittica-dei-corsi-d-acqua-italiani).

Im Falle der für Südtirol so typischen Salmoniden sind die lockeren Kiesflächen am Gewässergrund der Bäche und Flüsse von Talfer, Ahr, Etsch und Eisack ideale Lebensräume, in denen Fische Laichgruben anlegen können. Deckungsreiche Wasserbereiche, Mikrohabitate am Ufer und ein weitgehend natürlicher Abfluss (z,B. Passer, Gader im Gadertal, Eggentaler Bach, Haflinger Bach usw.) zeichnet viele Fließgewässer Südtirols aus. Fischbesatz mit Bachforellen findet auch in Gewässern statt, in denen es eine gute Reproduktion gibt, wie im Buch „Fische und Angeln in Südtirol“, herausgegeben von der Autonomen Provinz Bozen 1998, nachzulesen ist: „Seit Jahren bemühen sich deshalb Fischereivereine und einzelne Bewirtschafter mit Besatzmassnahmen und durch das künstliche Einbringen von befruchteten Fischeiern (in sogenannten Wiberg- Schachteln) um einen in der Altersstruktur vielfältigen Fischbestand. Diese Praktiken allerdings finden wir auch in jenen Wasserläufen, wo eine ausreichende bis gute natürliche Reproduktion vorhanden ist.“

Einige Gewässerabschnitte der größeren Fließgewässer werden jedoch durch Wasserkraftwerke (Restwasserstrecken, fehlende Dynamik, fehlender Feststofftransport) und harte Verbauungen als Lebensräume beeinträchtigt.

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Gilfklamm Meran: natürliche Unterbrechung der Fischdurchgängikeit in der Passer

 

Die Durchgängigkeit der Fließgewässer ist im Gebirge eingeschränkt und durch Isolation von Fischpopulationen ist genetische Vielfalt einst entstanden. Bäche und Flüsse Südtirols sind durch zahlreiche natürliche Barrieren für Fische nicht durchgängig. In der Töll hat die Etsch ein natürlich starkes Gefälle, das für die Fischwanderung ein Hindernis darstellt. Auch die Passer in Meran hat in der Gilfschlucht eine natürliche Unterbrechung der Durchgängigkeit und Fische können nicht von der Etsch die Passer hinauf wandern, – jedoch hinunter. Auch in Seen sind Fischpopulationen meist isoliert. Einige Fischarten Südtirols sind Fische, die man als Wanderfische bezeichnet (z.B. Marmorierte Forellen, Neuenauge). Jedoch sind Mühlkoppen, Bachforellen und Seeforellen, keine Wanderfische. Zur Laichzeit suchen Bachforelle und Seeforelle Gewässerabschnitte, welche für das Ablaichen günstig sind. Forellen sind auf Gebirgsbäche und ihre natürlichen Hindernisse gut angepasst und können bis zu einem Meter hohe Hindernisse überwinden.

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Wasserfall: Unterbrechung der Durchgängigkeit für Fische

 

 

 

Biodiversitätsverlust Mareiterbach

Biodiversitätsverlust durch Revitalisierung im Mareiterbach:

In den Jahren 2009 bis 2010 fanden im unteren Mareiterbach ausgedehnte Revitalisierungsmaßnahmen statt. Es ist eine der größten Revitalisierungsmaßnahmen in Südtirol, deren Grundlagen im Rahmen des Interreg-III-B-Projektes „River Basin Agenda“ geschaffen wurden. Mit EU-Geldern (EFRE 2007-2013) wurden umfangreiche Bau- und Planungsmaßnahmen durchgeführt. Diese Arbeiten gelten als Vorzeigeprojekte der Revitalisierung. In der Nähe des Sportplatzes wurden Kahlschläge des Waldes durchgeführt.

Biodiversitätsverlust

(Quelle: https://www.sciencesouthtyrol.net/blob/78753,,,NATUR,21,404.pdf)

Vögel:

Bei den Vögeln zeigen sich ein genereller Rückgang der Individuen- und Artenzahl und insbesondere ein drastischer Rückgang typischer Auwaldarten in der Revitalisierung. Insgesamt wurden 30 Vogelarten am Mareiterbach gezählt.

Spinnen und Ameisen:

Ein hoher Beitrag zur lokalen Artenvielfalt kommt Heißländen außerhalb des Revitalisierungsbereichs zu. ( Insgesamt wurden 30 Ameisenarten, 106 Spinnenarten, die Ameisen- und Spinnenfauna beinhaltet eine Reihe spezialisierter Arten: Manica rubida, Formica cinerea, F. selysi, Myrmica constricta, Pardosa wagleri, Janetschekia monodon sowie xerothermophile Arten erhöhter, lückig bewachsener Schotterbänke.)

Amphibien: Grasfrosch und Erdkröte

Grasfrosch (Rana temporaria) und Erdkröte (Bufo bufo) profitieren v.a. vom Anstieg des Grundwasserspiegels im Hinterland.

Libellen:

Im Sommer 2011 wurden immerhin 19 Libellenarten im Untersuchungsgebiet, v.a. an Gewässern (Baggerlöcher, Fischteiche, Autümpel und Gräben) im Umland des revitalisierten Mareiterbaches, beobachtet.

Lebensräume am Mareiterbach:

Lebensraumtypen Fließgewässer, Schotterbänke mit keiner bis geringer Vegetationsbedeckung sowie Ruderalgesellschaften in den Böschungsbereichen (keine Auwälder, Krautfluren, Bachröhrichte usw).

Das derzeitige Artenspektrum ist artenarm.

Limitierende Faktoren einer positiven Entwicklung:

  1. Fischbesatz
  2. Überdüngung
  3. rigorose Grabenräumungen

 

Ziel der Revitalisierung war die Schaffung vitaler Auwälder. Dieses Ziel wurde am Mareiterbach nicht realisiert. Die Aulandschaft am Unteren Mareiterbach hat seit 1850 deutlich an Fläche verloren. Ursprünglich nahmen die von Hochwässern überfluteten Flächen (Lebensraum Auwald, Kiesbänke, Fließgewässer usw.) 66,6 ha ein. Heute beschränken sich diese Flächen auf die unmittelbar am Mareiter Bach gelegenen Flächen, der Großteil des Talbodens wird durch seitliche Dämme vor Überflutungen geschützt. Durch die Revitalisierung gingen Auwälder  (ca 7 ha) entlang des Baches verloren.

Die Durchgängigkeit für Fische wurde wieder hergestellt, der Geschiebetransport verbessert und die Grundlagen für eine natürliche Entwicklung des Baches im Mareiterbach gelegt. Der Lebensraum- und Artenverlust in der Revitalisierung ist jedoch nicht zu übersehen. Dieser hätte vermieden werden können, wenn nur die überflüssigen Querbauwerke rückgebaut worden wären und der Auwald längs des Baches erhalten geblieben wäre.

Bei der Revitalisierung des Mareiterbaches wurden abgetrennte Auwälder, Feuchtgebiete und Altarme aber nicht wieder an die Dynamik des Mareiterbaches angebunden:

Auen am Mareiterbach:

Am Mareiterbach finden sich Aulebensräume, welche auch als Biotope geschützt sind und ein Altarm, welcher „revitalisiert“ wurde.

Geschützte Feuchtgebiete und Auwälder:

  • Biotop Unterackern
  • Biotop Schönau
  • Biotop Angererau

Der Mareiterbach wird von Grauerlen- und Weidenauwäldern gesäumt. Der Mareiterbach beherbergt heute noch relativ große Auwaldflächen im Talboden, wie auch auf der Karte der aktuellen Vegetation Südtirols zu sehen ist. Die Fichte ist in Wäldern des Talbodens (potentiell natürliche Vegetation sind Auwälder) gefördert worden.

Während Querbauwerke im Mareiterbach rückgebaut wurden, wurden seitliche Verbauungen zu den abgeschnittenen Auwäldern am Marieterbach (Biotop Schönau, Biotop Unterlacken) nicht rückgebaut. Durch die Begradigung der Bäche und den Bau von seitlichen Dämmen wurden Auwälder vom Wasserregime der Flüsse abgetrennt. Die Bäche tiefen sich zudem ein, wodurch Auen auch trockenfallen können. Am Mareiterbach sind die Aulebenräume im Talboden auch nach der Revitalisierung des Mareiterbaches nicht an das Hochwasserregime des Mareiterbaches angebunden worden.

Altarm Mareiterbach

Der Altarm des Mareiter Bachs galt unter Fischern wegen seines Fischreichtums stets als besonders begehrte Strecke. Allerdings hat die Anzahl der Fische in den vergangenen Jahren laufend abgenommen und der Altarm ist verlandet.

Als Grund der Verlandung wird die Wasserarmut durch die allgemeine Absenkung des Grundwasserspiegels im Talboden sowie die Ablagerung von Geschiebe im Bachbett angegeben, beides Faktoren, die dem Altarm des Mareiter Baches, der ausschließlich von Grundwasser gespeist wird, besonders zugesetzt haben soll.

Der Altarm ist jedoch, wie der Name schon sagt, ein Altarm, der eben nicht mehr ein Fließgewässer ist, sondern einst ein Fließgewässer war. Der Altarm wurde vom Mareiterbach im oberen Bereich abgeschnitten (dort ist heute auch eine Industriezone) und er wird daher nur vom Grundwasser gespeist, bzw vom unteren Ende her von den sommerlichen Hochwässern des Mareiterbaches.

Um seine Funktion als Feuchtlebensraum wieder herzustellen, hat das Landesamt für Wildbach- und Lawinenverbauung Nord ein Projekt ausgearbeitet, mit dem vor allem die ganzjährige Wasserführung gewährleisten werden sollte. Der neu geschaffene Lebensraum sollte damit wieder als Kinderstube für Fische dienen, als Laichplatz für Frösche sowie als Nist- und Nahrungsplatz für Wasservögel.

Im Februar 2007 haben die Arbeiter des Amtes mit dem großflächigen Aushub des Bachbettes begonnen, um bis zum Grundwasserspiegel vorzustoßen. Dazu wurde ein stark mäandrierendes, rund 450 Meter langes neues Bachbett geschaffen, an dem sich Steil- und Flachuferbereiche abwechseln. Auch Wurzelstöcke und alte Baumstämme wurden in das Bachbett eingearbeitet, um den Seitenarm des Mareiter Bachs möglichst naturnah zu gestalten. Schließlich hat man im unteren Abschnitt des Altarms zusätzlich Grundwasserteiche geschaffen, die auch sogleich von einigen Grasfrösche zum Laichen genutzt wurden.

Der Altarm wurde künstlich gestaltet und nur ausgebaggert. Der Altarm wurde nicht an den Mareiterbach angebunden, wie auch die Auen längs des Mareiterbaches nicht angebunden wurden. Lebendige dynamische Auen können nur an Fließgewässern entstehen, in denen Bäche Sand- und Kies ab- und umlagern. Der Altarm des Mareiterbaches ist auch nach der Revitalisierung kein lebendiger vitaler Auenlebensraum.

Skizzen Altarm Mareiterbach:

 

Altarm Mareiterbach großzügig    Altarm Mareiterbach
(Altarm Mareiterbach Provinz Bozen mit Bildern von Fichten im Altarm des Mareiterbaches: https://verwaltungsinnovation.provinz.bz.it/de/news.asp?news_action=4&news_article_id=166575)

Bilder Ahrauen

 

Fotos der Ahr und ihrer „Aufwertung“ in St. Georgen, Gemeinde Bruneck

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„Aufweitung an der Ahr“: der Auwald längs der Ahr wurde auf der einen Seite gerodet, auf der gegenüber liegenden Bachseite blieb er erhalten. Die Zerstörung von Auwald wird als Renaturierung oder Revitalisierung bezeichnet.
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Bäume wurden gefällt, Auboden weggebaggert und der naturnahe Grauerlenauwald vernichtet.

 

„Renaturierten“ Gatzaue in Gais im Ahrntal:

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vom ehemaligen Auwald in der Gatzaue ist nach der Aufwerung nicht mehr viel übrig. Die Gatzaue beherbergte einst den größten naturnahen Grauerlenauwald der Ahrauen.
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Auwald ohne Bäume nach der massiven Schädigung des Waldes durch die Revitalisierung

 

 

 

Dohlenkrebse- die letzten Populationen

 

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Ein idealer Krebslebensraum mit Ufergehölzen, glasklarem Wasser und Unterwasserpflanzen.

Art:

Dohlenkrebs, Austropotamobius pallipes 

Schutzstatus:

FFH-Richtlinie Anhang II und V (der Lebensraum der Dohlenkrebse in Südtirol ist zu schützen und Schutzgebiete müssen ausgewiesen werden)

Berner Konvention: Anhang III

Rote Liste Südtirol: vom Aussterben bedroht

Flusskrebse im Ökosystem

Dohlenkrebse sind Schlüsselarten im Süßgewässerökosystem , sie und kommen in stehenden und fließenden Gewässern vor. Sie ernähren sich von abgestorbenen Pflanzenteilen, Aas, Würmern, Schnecken, usw. Durch den Verzehr von absterbenden, totem Material tragen sie zur Reinhaltung des Lebensraums bei und stehen in der trophischen Kaskade oben. Sie sind Bioindikatoren für saubere und naturnahe Gewässer.

Südtirol weltweites Schlusslicht:
Die IUCN (International Union for Conservation of Nature and Natural Resources) auch Weltnaturschutzunion genannt, erwähnt die Südtiroler Dohlenkrebsbestände:
Italy: The species is native to Italy where it is the most widespread species, except for Sicily and Sardinia (Gherardi et al. 1999). The introduction of Pacifastacus leniusculus in 1981 from Austria in the South Tyrol region of Italy, may have led to the disappearance of A. pallipes in that area (Füreder and Machino 1999a). A significant decline in the number of populations within Liguria, Piedmont, and Tuscany has also been observed (Souty-Grosset et al. 2006, Gherardi et al. 2008). In Füreder et al. (2002c), 12 populations were reported within South Tyrol; in 2003 (Füreder et al. 2004) only seven of these populations remained representing an annual change of 58%, or 99.5% over 10 years. South Tyrol is thought to be exhibiting some of the greatest declines in the abundance of this species.

Insgesamt gibt es in Südtirol nur mehr 5 Gewässer mit autochthonen, historischen Dohlenkrebsbeständen. Bestände, welche nicht durch Ansiedlung von Krebsen entstanden sind, sondern in denen die letzen Dohlenkrebse überlebt haben. Der Krebsbach in Lana ist das älteste erwähnte Vorkommen. In einer Urkunde aus dem Jahr 1310 werden die Krebse im Krebsbach Lana genannt. Im Jahr 2008 ist die Population zeitgleich mit der Errichtung eines Golfplatzes erloschen. Das Gewässer wurde aber wieder mit  mit Krebsen besetzt.

Die letzen historischen und autochtonen Dohlenpopulationen in Südtirol:

Angelbach (Kaltern- Frühlingstal)

Krebusbach (Fennberg)

Hippolithbach (Tisens)

Krebsbach Kaltern (Kaltern)

Buozzi Graben (Leifers- nahe Flughafen)

Angelbach

Ein Bach zwischen Montiggler Seen und Kalterer See, der vom Felssturz flussabwärts bis in die Einmündung einen guten Populationsaufbau mit verschiedenen Altersklassen aufweist. Die Bestände sind gesund, mit einer auffallend geringen Parasitierung.

Krebusbach

Eine sehr große Population mit abschnittsweise mehr als 10 Individuen pro Laufmeter und einem gutem Populationsaufbau.

Hippolithbach

Ein Bach mit vielen Dohlenkrebsen und vielen einzelnen Individuen. Die Population ist sehr gut aufgebaut, Jungtiere und adulte Tiere kommen in großer Zahl vor. Im Rahmen von 2 Begehungen bis zu 100 Individuen, was als sehr gutes Ergebnis zu bewerten ist.

Krebsbach Kaltern

Sehr kleine Population, die sich nicht vermehrt. Es sind kaum Jungtiere verhanden und die Aussichten für diese Population stehen schlecht. Im Jahr 2014 wurden durch Baggerarbeiten die Wasserpflanzenbestände im Gewässer vernichtet und der Lebensraum der Krebse wurde dadurch in Mitleidenschaft gezogen. Dem Verlöschen der Population kann man in Kaltern zuschauen.

Buozzi Graben in Leifers

Sehr dichter Bestand mit abschnittsweise 3-5 Individuen pro Laufmeter von Dohlenkrebsen, die in allen Größen- und Altersklassen vorkommen. Das Gewässer inmitten der Obstmonokulturen ist trotz der intensiven Landwirtschaft ein öklogisch intakter Dohlenkrebslebensraum.

Hippolitherbach
Hippolitherbach

Einige historisch bekannte Dohlenkrebsgewässer, in denen die Dohenkrebsbestände erloschen sind:

Reschbach, Gemeinde Burgstall 1950

Moosbach, Gemeinde Bruneck 2007

Krebsbach, Gemeinde Lana 2008

Graben Fussballplatz, Gemeinde Gargazon, 1950

Graben bei Apres Club, Gemeinde Gargazon, 1950

Galsauner Krebsbach, Gemeinde Kastelbell Tschars, 2000

Entiklar Bach, Gemeinde Kurtatsch, 2012

Brunnen Schloss Eglar, Gemeinde Eppan, 2005

Gefährdungsursachen:

Gewässerverschmutzung: Insektizideintrag, Abwassser, Nährstoffeintrag

Verbreitung allochthoner Arten und Krankheiten: Besatz mit exotischen, ortsfemden Krebsarten, Besatz mit standortfremden Fischarten, Besatz mit Raubfischen, Verbreitung von Krankheiten (z.B. Krebspest)

Lebensraumverlust: Begradigung der Gewässer, Sohlen- und Seitenbefestigungen der Wildbachverbauung, Veränderung der Wasserführung, Zerstörung von Begleitvegetation (Ufergehölze, Unterwasserpflanzen z.B. im Kalterer Graben 2014 usw.)

In Südtirol werden in vielen Gewässern immer wieder Krebse angesiedelt. Von wachsenden Populutionen werden Tiere entnommen und in andere Gewässer verfrachtet. Bedenken wegen der Übertragung von Krankheiten und Parasiten gibt es dabei nicht. Artenschutzbemühungen in Südtirol beschränken sich auf das Umsiedeln von Krebsen. Der Schutz der vorhandenen Dohlenkrebsbeständen, die Vergrößerung des Lebensraums, die Verbesserung der Wasserqualität, die Förderung von naturnahen Ufern usw. steht dabei nicht im Mittelpunkt.  Schutz der historischen Dohlenkrebsbestände vor potentiellen Gefährdungen durch Bekämpfung der Gefährdungsursachen findet nicht statt.

Dohlenkrebs-Besatzgewässer:

Ahrauen Stegen (Population ist dort wieder erloschen), Lido Brixen, Schrambacher Lacke, Hofburggraben (Gemeinde Brixen), Graaweiher in Theis, Reihermoos (Natz- Schabs), Flötscher Weiher (Natz-Schabs), Falschauer Teich bei Lana, Felixer Weiher, Laager Graben usw.

Nicht heimische Krebsarten in Südtirols Gewässern:

Edelkrebse (Astacus astacus) kommt in Mitteleuropa vor, wurde in Südtirols Gewässer vor ca. 100 Jahren angesiedelt, da er größer wird als der heimische Krebs. Krebse wurden in der Fastenzeit gegessen.

Der Kamberkrebs (Orconectes limosus) und der Signalkrebs ( Pacifastacus leniusculus) stammen aus Nordamerika. Sie können die Krebspest übertragen, eine Pilzkrankheit, welche in der Vergangenheit aus Amerika eingeschleppt wurde und die Europäischen Flusskrebsbestände dahinraffte. Beide Krebsarten sind invasive Neozoen.

Süsswassergarnelen wurden im Kalterer See im Jahr 2016 erstmals nachgewiesen, sie wurden dort ausgesetzt.

Rückkehr des Wolfes

Titelbild Wolf, Aufnahme von Stefano Andretta

 

Art: Wolf (Canis lupus)

Wölfe kommen weltweit in den unterschiedlichsten Lebensräumen vor, von der Tundra der borealen Nadelwälder bis zu den Steppen Innerasiens oder den Monsunregenwäldern Indiens.  Die Art wird in mehrere Unterarten eingeteilt, z.B. Tundrawolf (Canis lupus albus) in der Tundra oder der Pallipeswolf (Canis lupus pallipes) in Indien. Die meisten Wölfe Europas sind der Unterart Canis lupus lupus zuzuordnen.

Größe und Gewicht Mitteleuropäischer Wölfe (Canis lupus lupus):

  • Widerristhöhe: 70-80 cm
  • Länge mit Schwanz: 110-140 cm
  • Gewicht: weibliche Tiere ca. 41 kg, männliche Tiere ca. 45 kg

Wölfe der russischen Population sind schwerer (bis 80 kg) und größer (Widerristhöhe 80 cm).

Die Wölfe Italiens stellen eine eigene Unterart des Wolfes dar: der Italienische- oder Apenninwolf (Canis lupus italicus). Der Apenninwolf ist kleiner als seine Verwandten und lebt auch in kleineren Rudeln. Er ist an der schwarzen Zeichnung an den Vorderläufen leicht zu erkennen. 

Größe und Gewicht des Appeninwolfes:

  • Widerristhöhe: 60-70 cm
  • Länge mit Schwanz: 110-140 cm
  • Schwanzlänge: 30-35 cm
  • Gewicht: weibliche Tiere durchschnittlich 28 kg, männliche Tiere durchschnittlich 34 kg
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Appeninwolf (Canis lupus italicus), schwarze Zeichnung auf Vorderlauf

 

Gefährdung: Der Apenninwolf (Canis lupus italicus) ist  in den Alpen stark gefährdet und im Apennin gefährdet. Die Wölfe Siziliens waren eine andere Unterart, sind aber leider ausgestorben (https://www.biorxiv.org/content/early/2018/05/11/320655). Heute ist der Wolf in Italien vor allem durch Wilderei gefährdet, nach Angaben des WWF Italien sterben dadurch jährlich ca. 300 Wölfe in Italien.

Schutz:

International:

  • Washingtoner Artenschutzabkommen
  • Flora-Fauna-Habitatrichtlinie, Anhang II und Anhang IV: streng geschützte Art
  • Berner Konvention: streng geschützte Art

Italien:

  • streng geschützte Art in Italien seit 1976
  • Gesetz 157/92: Für Personen, die einen Wolf töten, sind bis zu 3000 Euro Geldstrafe und eine Haftstrafe von bis zu sechs Monaten vorgesehen.

Population und Verbreitung

Die meisten Wölfe Europas sind der Unterart Canis lupus lupus zuzuordnen, welcher in vielen Teilen Europas (z.B. Deutschland, Österreich, Belgien) ausgerottet wurde und dorthin wieder zurückkehrt. Im Jahr 2000 hatten sich erstmals seit der Ausrottung des Wolfes in Deutschland auf einem Truppenübungsplatz in der sächsischen Oberlausitz Wölfe wieder vermehrt. Im Jahr 2017/2018 gab es insgesamt wieder 73 Wolfsrudel und 30 Wolfspaare in ganz Deutschland. Auch in Österreich entstand das erste Wolfsrudel auf einem Truppenübungsplatz und 2018 gab es in Österreich wieder ca. 30 Wölfe.

In Spanien, am Balkan, in Osteuropa (z.B. Russland, Weissrussland) und in den Karpaten (z.B. Rumänien) leben ebenfalls Europas Wolfspopulationen der Unterart Canis lupus lupus. In diesen Gebieten sind Wölfe in der Vergangenheit nicht ausgerottet worden.

Der Appeninwolf in Italien wurde, wie die anderen Populationen des Wolfs auch, vom Menschen bejagt und in weiten Teilen Italiens ausgerottet.

Aufgrund der Jagd stand der Italienische Wolf um 1970 kurz vor der Ausrottung, nur an die 100 Tiere haben um 1970 im Nationalpark Abruzzen überlebt. Daher wurde der Wolf im Jahr 1976 streng unter Schutz gestellt und die Population erholte sich. Der Wolf breitete sich durch den neu erlangten vollkommen Schutzstatus wieder aus, über den den gesamten Apennin. Bereits um 1983 pflanzten sich Wölfe nördlich von Genua wieder fort. 1987 wurde erstmals wieder ein Wolf in den italienischen Alpen nachgewiesen, 1992 in den französischen Alpen und heute ist er in Südfrankreich und fast ganz Italien anzutreffen (Ausnahme Poebene und Inseln). Über die tatsächlich vorhandene Zahl von Wölfen gibt es nur Schätzungen, an die 1600 Wölfe soll es Italienweit geben. Die Region Toscana soll am meisten Wölfe in Italien beherbergen. 

Der letzte Wolf in Südtirol wurde 1896 in den Dolomiten (Villnöss) erlegt. Seit 2010 sich einzelne Wölfe in Südtirol wieder heimisch und bereichern die Natur. Im Jahr 2016 halten sich in ganz Südtirol 2 Wölfe auf. 2017 gibt es Wolfspaare bzw. Rudel in Südtirol: ein Paar bewohnt das Gebiet des Deutsch- Nonsberges in der Nähe des Naturparks Ademello-Brenta im Trentino. Dieses Wolfpaar hat sich 2018 fortgepflanzt und ein Wolfsrudel ist entstanden. Im Februar 2019 wurden konnten 6 Wölfe im Rudel beobachtet werden. Die Wölfe des Deutschnonsberges fallen dadurch auf, dass sie oft in Fotofallen tappen. Vollkommen unauffällig sind die Wölfe, was Risse von Nutztieren angeht, wie die meisten anderen Wölfe auch.

Das andere Paar bzw. Rudel bereichert das Weltnaturerbe Dolomiten, das unter so viel Verkehr, dem Massentourismus und der intensiven Berglandwirtschaft leidet. Im Trentino  gibt es mehrere Rudel und Wolfspaare. 2008 tauchte der erste Wolf nach seiner Ausrottung im Trentino wieder auf. 2013 pflanzte sich das erste Wolfspaar in den Lessinischen Alpen Trentinos wieder fort und bildete ein Rudel. 2018 gab es im Trentino 6 Rudel, wobei die Rudel Südtirols (Deutschnonsberg und Dolomiten) dabei mitgezählt sind. 

Neben den beiden Rudeln halten sich mehrere Einzelwölfe in Südtirol auf. Diese positive Entwicklung der Wolfspopulation in Südtirol ist einzig dem Staat Italien zu verdanken, der nicht nur die Ausrottung des Steinbocks verhinderte, sondern auch die Ausrottung des Italienischen Wolfes. 

In einigen Gebieten Italiens tritt das Problem auf, dass sich Wölfe und Haushunde kreuzen (Hybridisierung). Auf das Problem der Hybridisierungen wird im Nationalpark Gran Sasso mit der Sterilisation der Hybriden geantwortet. Diese Praxis ist sowohl tierethisch als auch artenschützerisch eine gute Lösung. In den Alpen wurde keine Hybridisierung festgestellt.

Der Lebensraum des Wolfes ist der Wald und auch die alpinen Landschaften. Untersuchungen im nördlichen Appenin zeigten, dass die Anwesenheit des Wolfes in einem Gebiet weniger von der Vegetation abhängig ist, als vielmehr von der Häufigkeit seiner Beutetiere (Gilio N. et al. 2005).

In Italien fehlt der Wolf auf den Inseln (z.B. Sardinien, Elba, Sizilien usw.) und in naturfernen urbanen Ballungsräumen und Agrarlandschaften, wie der Poebene. Er besiedelt die Gebirgzüge (Apennin und Alpen) und kehrte nicht nur in viele Schutzgebiete, wie z.B. den Nationalpark Gargano in Apulien, sondern großflächig in die beiden großen Gebirgszüge zurück. Der Wolf ist auf einem Viertel des Staatsgebietes Italiens wieder vorhanden. 

Dabei kehren von Osten nur vereinzelt Wölfe der Unterart Canis lupus lupus in die Ostalpen zurück, während der Appeninwolf in den Westalpen und Teilen der Ostalpen Rudel gebildet hat. In Trentino- Südtirol kommt meist der Appeninwolf vor. Nur einzelne Wölfe der Unterart Canis lupus lupus sind von der Dinarischen Population (Balkan) nach Trentino Südtirol eingewandert, z.B. eine Wölfin des Fleimstalrudels (Territorium Fleimstal im Trentino und Deutschofen in Südtirol).  

Die beiden Unterarten treffen heute in den Alpen nach zwei Jahrhunderten der Isolation (durch die Ausrottung in den Alpen) wieder aufeinander und das Erbgut der Unterarten vermischt sich auf natürliche Art. Dies stellt eine Bereicherung der genetischen Vielfalt des Wolfes dar und ist dadurch auch für den Schutz der Wölfe ein wichtiges Ereignis (Marucco 2014).

Ernährung der Apenninwölfe

Untersuchungen zur Ernährung der Wölfe in den verschiedenen Ökosystemen der Alpen, des Apennin und des Mittelmeerraums in Italien zeigten, dass der Hauptteil der Nahrung wildlebende Huftiere sind,  89.4% bis 95.1% der Nahrung. Maximal 8% machen auch Haustiere aus. Hirsche, Gämsen, Rehe, Mufflons und Wildschweine werden von Wölfen erlegt.

wolf
Canis lupus lupus

 

Auf der Basis von 20 Untersuchungen zur Ernährung von Wölfen Italiens im Zeitraum von 1976 bis 2004 wurde festgestellt, dass sich durch die Zunahme von wilden Huftieren (Hirsche, Rehe, Mufflons usw.) auch die Ernährung der Wölfe veränderte und weniger Haustiere erbeutet wurden. Im Nordappenin und in den Westalpen ernährten sich die Wölfe mehr von Wildtieren als zuvor, im südlichen Appenin war dies nicht der Fall.  Wo es verschiedene Huftierarten und reichlich Huftiere gibt, scheinen Wölfe wilde Huftiere den Haustieren vorzuziehen (Meriggi A. et al. 2011).

Funktion des Wolfes im Ökosystem

Die Rückkehr des Wolfes stellt eine der wenigen Erfolgsgeschichten im Artenschutz dar. Der Wolf ist als Raubtier, das am Ende der Nahrungskette steht, von großer Bedeutung für das Ökosystem, denn sie limitieren die Dichte von Huftieren, wie Rothirschen.

„Other than humans, gray wolves, by virtue of their widespread geographic distribution, group hunting, and year-round activity, are the most important predator of cervids in the Northern Hemisphere (33). Predation by wolves with sympatric bears (Ursus spp.) generally limits cervid densities (33). In North America and Eurasia, cervid densities were, on average, nearly six times higher in areas without wolves than in areas with wolves (34)“, http://science.sciencemag.org/content/343/6167/1241484.full

Der Wolf nimmt eine zentrale Stellung in der Nahrungskette des Waldes ein und ist für einen funktionierenden Wald unentbehrlich. Die Ausrottung des Wolfes in der Vergangenheit hat ganze Landschaften verändert: Was mit einem Lebensraum passiert, wenn seine Bewohner an der Spitze der Nahrungskette verschwunden sind, lässt sich auf der schottischen Insel Rùm beobachten. Vor 500 Jahren war die Landschaft von Wäldern geprägt, Wölfe fanden reiche Beute. Dann kam der Mensch und rottete den Wolf aus. Mit ihm verschwanden nach und nach die Wälder und heute ist Rùm eine Graslandschaft. Als der Wolf ausstarb, konnten sich seine Beutetiere, die Rehe, unbegrenzt vermehren und junge Bäume fressen. Die alten Bäume starben im Lauf der Zeit, ohne dass neue nachgewachsen waren. „Niedergang der Nahrungskette“ bezeichnen Wissenschaftler diesen Sachverhalt. 

Im Prozessschutz und bei der Renaturierung von Ökosystemen leistet der Wolf einen Beitrag. ( https://www.nul-online.de/Magazin/Archiv/Gestaltet-der-Wolf-Oekosysteme-mit-Prozessschutz-mit-grossen-Beutegreifern,QUlEPTQ4NzIxNzMmTUlEPTgyMDMw.html )

Wölfe können nicht nur Landökosysteme wie Wälder verändern, Wölfe können auch Gewässerökosysteme verändern. Die Wölfe des Yellowstone Nationalparks haben durch die Regulation von Hirschen die Vegetation des Nationalparks verändert, Aspen und Weiden entlang der Bäche wuchsen wieder. Dies wirkte sich auch auf die Biberpopulation aus, die Biber nahmen zu.

Die Anwesenheit des Wolfes wirkt sich in den Alpen auch auf das Verhalten von Gamswild aus, das sich vom Wald verabschiedt und wieder vermehrt das Felsgebiet des Hochgebirges aufsucht. Diese positiven Entwicklungen wurden in der Praxis im Calandagebirge in der Schweiz von Förstern beobachtet und wissenschaftlich im Wallis dokumentiert.

Wölfe sind wichtige Glieder in de Nahrungskette eines Ökosystems. Aasfressende Vogelarten, wie Bartgeier und Gänsegeier, verzehren Fleisch- und Knochenreste der Beutetiere des Wolfes. Die Beutetiere des Wolfes sind für das Überleben anderer Tierarten von Bedeutung. Der Bartgeier kreist wieder über den Alpen und zusammen mit den Wölfen ist ein Stück Natur zurückgekehrt. In Nordamerika wurden an gerissenen Beutetieren 30 verschiedene Säugetier- und Vogelarten sowie mehr als 57 Käferarten nachgewiesen. Sie haben also auch einen positiven Einfluss auf die Artenvielfalt (Wilmers et al. 2003).

Der Wolf wird Gesundheitspolizei genannt, da er Jagd auf kranke und schwache Tiere macht. Von den Rothirschen erbeuten Wölfe vor allem Kälber und alte oder verletzte Tiere (Wrigth et al. 2006).

Die Gamsräude oder die Fuchsräude sind weit verbreitete Krankheiten bei Gämsen und Füchsen. Kranke Tiere sind oft sehr schwach und eine leichte Beute für den Wolf. Zu hohe Tierdichten von Füchsen sind mitverantwortlich für das Auftreten der Fuchsräude. Wildtierpopulationen, welche nicht durch Raubtiere reguliert werden, brechen häufig durch den Ausbruch von Krankheiten und Seuchen ein.

Die Rückkehr von großen Beutegreifern, wie dem Luchs, bewirken Veränderungen im Ökosystem und haben Einfluss auf Mesopredatoren wie Füchse. So wurde für Finnland nachgewiesen, dass der Anstieg der Luchspopulation einen Rückgang der Rotfuchsbestände zur Folge hatte, was wiederum eine Erholung der Bestände von Birk- und Auerhuhn sowie des Schneehasen bewirkte (Elmhagen et al. 2010).

 

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Verbissene Tanne

 

Viele Wälder leiden unter zu hohen Rotwildbeständen. Die Rotwilddichte in Wäldern liegt örtlich bei 9,7 St./100 ha und damit viel zu hoch, 1,0 oder 2,0 St./ 100 ha oder 4 St./100 ha sind für den Wald erstrebenswert (je nach Waldtyp). Laubbaumarten wie die Eberesche und Tannen in von Fichten dominierten Wäldern der montanen Stufe leiden oft unter Wildverbiss und auch Wälder, in denen Rotwild im Winter einsteht.

Der Wolf ist ein effizienter Jäger und für die Waldverjüngung und Waldgesundheit ein wichtiges Element. Subalpine Waldtypen werden in der Verjüngung durch den Verbiss von Wild- und Weidetieren in ihrer Entwicklung gestört (Waldtypisierung Südtirol). Eine kontrollierte und verbesserte Beweidung von Almen oberhalb der Waldgrenze ist auch von Nutzen für die Biodiversität der Almenweiden (Überweidung siehe http://biodiversitaet.bz.it/alpine-landschaft/). Die Rückkehr des natürlichen Jägers Wolf in die Wälder kann dadurch nicht nur für den Wald, sondern auch für die Artenvielfalt der Almweiden von großem Nutzen sein.

Anekdoten zu Wölfen, Fakenews und Zeitungsenten 

Bericht aus Neue Südtiroler Tageszeitung, „Tageszeitung“, 29. März. 2018:

„Immer wieder erreichen die Medien Meldungen zu vermeintlichen Wolfssichtungen oder Rissen, bevor die zuständigen Stellen die Sachverhalte geprüft haben.

So entstehen Falschmeldungen: So hieß es am 14. März „Wolf reißt am Hochplateau ein Reh“, und zwar am Wolfsgrubner See. Laut zuständigem Jagdaufseher konnten jedoch am gerissenen Reh keine Indizien gefunden werden, die auf einen Wolfsriss schließen lassen.

Ebenfalls am 14. März lautete eine Schlagzeile „Proveis: Wolf schleicht um Hof“.

Laut zuständigem Jagdaufseher konnten am gerissenen Reh keine Indizien gefunden werden, die auf einen Wolfsriss schließen lassen. Es konnten auch keine Spuren eines Wolfes bestätigt werden.

Zu dem am 20. März von einem besonders seriösen Online-Medium geposteten Video mit dem wunderbaren Titel „Majestätisch im Rudel und gefährlich“ weist das Amt für Jagd und Fischerei darauf hin, dass das Bildmaterial in den Marken aufgenommen wurde.

Also Wolf Fake News!“

Zäune helfen gegen Wölfe nicht, schreibt die Presse. (https://www.suedtirolnews.it/chronik/woelfe-zerfleischen-kalb-im-fassatal)

Die zuständigen Beamten in der Provinz Trient stellten bei einem Lokalaugenschein fest, dass die Einzäunung nicht vollständig ist und die Tiere sich selbst überlassen waren. (https://www.salto.bz/de/article/30072018/manze-che-sono-bufale).

Die Presse berichtet auch einseitig über Petitionen, indem bestimmte Petitionen verschwiegen werden. Petitionen für den Wolf erreichen großen Zuspruch: Stand 8.11.2018 erreicht die Petition für den Wolf in Trentino/ Südtirol 45.783 und die Petition von Landesrat Schuler gegen den Wolf erreichte 37.514. Die Presse in Südtirol schwieg sich tot über die Petition für den Wolf und hat nicht aktiv die Petitionen für den Wolf in den Vordergrund gestellt, obwohl der Wolf ein bedeutender Teil der Natur und ein wichtiger Teil des natürlichen Erbes der Menschheit ist.

Auf nationaler Ebene erreichen Petitionen für den Wolf ebenfalls gute Ergebnisse: Salva il lupo (Rette den Wolf) von Tierschutzoranisationen 458.044 und die Petition des WWF Italien erreichte ebenfalls eine halbe Million.

Gefährlichkeit von Wölfen

Ungefähr 1600 Wölfe gibt es heute in Italien und umfangreiche wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass es in Italien seit dem Zweiten Weltkrieg zu keinem Übergriff auf Menschen kam.

Die Meldung, Wölfe könnten Menschen gefährlich werden, wird von Jägern oft verbreitet. Doch kommen durch die Jagd in Italien nicht nur Tiere, sondern auch Menschen um:  Jagdsaison 2017/2018, 10 tote Zivilisten und 24 verletzte Zivilisten, 60 verletzte Jäger und 20 tote Jäger. Insgesamt gab es 84 verletzte und 30 tote Menschen durch die Jagd und den Einsatz von Jagdwaffen (DOSSIER VITTIME CACCIA©2017/2018).

Auch Bauern verweisen öfter darauf, dass Wölfe gefährlich werden könnten. Die Gefahr, welche von Almvieh ausgeht, insbesondere Mutterkuhherden, ist nicht zu unterschätzten. Das Bundesland Tirol in Österreich hat dazu eine Broschüre erstellt, in der empfohlen wird, einen Abstand von 20 bis 50 m zu Weidetieren einzuhalten https://www.tirol.gv.at/fileadmin/themen/gesundheit-vorsorge/veterinaer/Folder_Alm-Weidetiere-Wanderer.pdf.

Wölfe sind scheue Tiere und der Mensch gehört nicht ins Beuteschema des Wolfes (siehe oben Ernährung der Wölfe). Der Wolf ist für den Menschen ungefährlich, wobei es Ausnahmen geben kann (z.B. mit Tollwut infizierte Wölfe).

Kontrollierte Beweidung und Schutz der Haustiere

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Schafherde mit Hirte in Rumänien

 

In der traditionellen Landwirtschaft waren Bauern immer bemüht, auf ihre Tiere aufzupassen. In Ländern wie Rumänien kann man heute noch beobachten, wie Schafe von Hirten beaufsichtigt werden. Hirten führen die Herden zu Weiden, auf denen die Tiere weiden können. Diese Art der Beweidung ist in Mitteleuropa praktisch nicht mehr existent.

Schafe in Rumänien (wahrscheinlich Karpatenschaf) sind offensichtlich auch wehrhaft, wie ein Video zeigt https://www.youtube.com/watch?v=uefEMQq1r1g 

Es gibt verschiedene Arten von Weiden: Standweiden sind Weideflächen, die eingezäunt sind und auf denen Weidetiere die ganze Weidesaison verbringen. Die Zäune einer Standweide können wolfsicher gestaltet werden. Bei Umtriebsweiden müssen nur die Außenzäune wolfssicher gestaltet werden, die Abtrennungen zwischen den einzelnen Koppeln nicht.

Eine in den Alpen weit verbreitete Art der Beweidung ist die unbeaufsichtige Almbeweidung. Dabei werden Schafe, Ziegen oder auch Jungrinder, ohne jeglichen Schutz, den ganzen Sommer über im Freien gehalten. Den Tieren ist es überlassen, wohin sie gehen und was sie fressen. Obwohl die Zahl der Wölfe zunimmt und in Südtirol praktisch kein Herdenschutz betrieben wird, ist die Zahl der Risse von Schafen und Ziegen relativ gering..

Zahlen aus der Schweiz belegen, dass sehr viele Schafe auf Almen umkommen. Sie erfrieren, stürzen in die Tiefe, werden vom Blitz getroffen usw. Ungefähr 4000  Schafe sterben dadurch pro Jahr auf Almen in der Schweiz. (https://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Nicht-der-Wolf-ist-der-groesste-Feind-des-Schafes/story/20286933).

Auch das Einfangen der Tiere im Herbst gestaltet sich dabei oft sehr schwierig und es kommt auch zu tödlichen Unfällen. Oft sind Ziegenhalter in Südtirol am Ende der Almsaison nicht mehr in der Lage, die Tiere einzufangen. Die unkontrollierte Almbeweidung hat viele Nachteile.

Zum Schutz der Weidetiere auf Almen sind Nachtpferche notwendig. Da Wölfe meist nachts jagen, genügt es, die Weidetiere nachts in einem gesicherten Pferch unterzubringen. Milchhkühe auf Almen werden immer beaufsichtigt und gehören auch nicht zum Beutespektrum des Wolfes. Sie bereiten dem Wolfschutz weniger Probleme.

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Elektronetzzaun

Für den Schutz von Schafen und Ziegen auf Weiden im Wolfsgebiet sind folgende Einzäunungen maßgebend und ausreichend:
90 cm hohe (besser 120 cm), stromführende Elektrozäune (Euronetze oder 5-Litzenzäune) oder 120 cm hohe, feste Koppeln aus Maschendraht, Knotengeflecht oder ähnlichem Material, mit festem Bodenabschluss (Spanndraht), die aufgrund ihrer Bauart ein Durchschlüpfen von Wölfen verhindern. Bestehende Zäune (Holzzäune, Wildgatter usw) können mit Eletrolitzen aufgerüstet werden. Die Elektrozäune müssen natürlich auch geladen sein. Denn so wie ein Hühnerstall, der nachts nicht geschlossen wird, keinen Schutz für Hühner vor Füchsen bietet, so bietet auch ein Elektrozaun ohne Spannung keinen Schutz vor Wölfen.

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Elektrolitze auf einem Holzzaun

Elektrozäune bieten einen guten Schutz gegen Wölfe. Wenn ein Wolf einen Stromschlag durch einen Zaun erfährt, lernt er sehr schnell, sich von Zäunen und Weidetieren fernzuhalten.

Darüberhinaus können Herdenschutzhunde eingesetzt werden, welche die Herde aktiv verteidigen oder Esel und Lamas, welche die Herde bewachen. Herdenschutzhunde bellen auch Wanderer an, gut gesicherte Nachtpferche sollten für Schafe ausreichen.

Einige prophezeien mit der Rückkehr des Wolfes gar „das Ende der Berglandwirtschaft“.  Jedoch fressen Wölfe weder Mähmaschinen noch Kühe in Ställen. Südtirols Berglandwirtschaft ist von Milchviehhaltung in Ställen  geprägt.

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Mähmaschinen auf Almen gehören nicht zur Beute des Wolfes (Bild Seiser Alm)

Mehr zum Thema Mähwiesen siehe http://biodiversitaet.bz.it/wiesen/wiesen-2/

Mehr zum Thema Wolf im Eurac Dossier: http://www.eurac.edu/de/research/mountains/regdev/publications/pages/dossier/dossier-lupo-alto-adige.aspx#cornicelegislativa

 

 

 

Bären in Südtirol

Titelbild Bär, Aufnahme von Stefano Andretta

Art: Ursus arctos arctos (Europäischer Braunbär, Unterart arctos)

Schutz: Der Bär ist durch die Berner Konvention, die FFH Richtlinie Anhang II und IV und das Italienische Rahmengesetz Nr. 157 geschützt. Die FFH-Richtline 92/43/EWG verpflichtet zudem die Mitgliedstaaten den Erhaltungszustand der Braunbärenpopulationen zu überwachen und die Forschung und den Informationsaustausch zu fördern.

Lebensraum und Verbreitung:

In den Alpen kommen Bären nur in wenigen Restpopulationen vor, wenige Exemplare im Bereich der nördlichen Kalkpalpen Österreich und im Grenzgebiet zu Slowenien, sowie im und im Umkreis des Naturparks Ademello Brenta im Trentino.

Die Bären der Alpen leben nicht territorial, d. h. sie verteidigen ihren Lebensraum nicht aktiv vor anderen Artgenossen. Weibliche Bären haben kleinere Reviere als männliche Bären, welche weiter umherstreifen. Der männliche Bär Bruno wanderte sehr weit und erlangte Berühmtheit, da er als erster seiner Art nach 170 Jahren der Abwesenheit in Bayern auftauchte, wo er aber nicht willkommen war und abgeschossen wurde. 

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Bären benötigen geeigntete Winterquartiere (Höhlen, Erdlöcher usw) zum Überwintern und einen nahrungsreichen Lebensraum, den sie vor allem in artenreichen Mischwäldern und Laubwäldern findern, in denen sie pflanzliche Nahrung und tierische Nahrung zu sich nehmen, sie sind Allesfresser. Ob Frösche, Heidelbeeren, Buchäcker, Fallobst oder Wurzeln von Jungbäumen, die Nahrung ist vielfältig. Bären verfügen über einen ausgezeichnteten Geruchssinn und können Leckerbissen wie Honigwaben über eine weite Distanz riechen und zielgerecht Bienenstöcke ansteuern. Imker können Bären vom Verzehr der Bienenwaben abhalten, indem die Bienenstöcke mit einem Elektrozaun gesichert werden.

Ausrottung und Rückkehr

1930 war der letzte Braunbär Südtirols im Ultental erlegt worden, nach Jahrhunderten der Verfolgung, die zur Ausrottung des Bären in Mitteleuropa und auch in Südtirol führte. Die letzen Bären der italienischen Alpen überlebten im Naturpark Ademello Brenta (3 greise Individuen, die sich nicht mehr fortpflanzten). Die Population schrumpfte immer weiter und der Bär drohte vollkommen auszusterben. Das Projekt “Life Ursus” wurde 1996 ins Leben gerufen, um das Überleben der letzten Braunbären zu sicheren. Die einzige Möglichkeit bestand darin, Bären aus Slowenien im Gebiet anzusiedeln. Es wurden 9 Bären (3 männliche und 6 weibliche Bären) im Naturpark angesiedelt, mit dem mittel- und langfristigen Ziel einer vitalen Bärenpopulation von 40 bis 50 Individuen.

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Machbarkeitsstudien ergaben, dass die 1700 km² grosse Fläche des Ademello- Brenta Gebietes und angrenzender Teile der Provinzen Bozen, Brescia, Verona und Sondrio ausreichen, um eine vitale Bärenpolulation zu beherbgen. 1999 wurden die ersten Bären angesiedelt: Masun und Kirka. Zwischen 2000 und 2002 wurden weitere 8 Tiere eingesetzt. Eine Bärin, Maja wurde eingesetzt, da die Bärin Irma im Jahr 2001 verunglückte und starb.

Zwischen 2002 und 2015 sind durch 48 bekannte Würfe 101 Jungbären geboren worden. Im Jahr 2015 wird geschätzt, dass es sich im Gebiet des Ademello Brenta und den angrenzenden Gebieten (in Südtirol: Mendel, Ultental, Martelltal) um eine Population von 48 -54 Tieren handelt. Namen tragen nur die Bären, welche angesiedelt wurden, alle anderen Bären haben nur noch einen Code von Buchstabe und Zahl, sofern ihre Existenz bekannt ist. Seit dem Jahr 2005 sind Bären mehr oder weniger regelmäßig in Südtirol anzutreffen. Im Jahr 2015 konnten in Südtirol vier verschiedene Bären nachgewiesen werden. Die Bären sind damit in Südtirol wieder heimisch und das Europäische Projekt “Life Ursus” war erfolgreich, wenngleich die Ausbreitung von Bären wesentlich langsamer erfolgt als von Wölfen. Einzelne Bärensichtungen gibt es immer wieder in verschiedenen Gebieten Südtirols, jedoch noch keine eigenständige Bärenpopulation.

Anekdoten zu Bären in Südtirol

In Medien kursieren Geschichten um Bären, wie etwa jene, dass ein Yak von Reinhold Messner von einem Bären gefressen worden sei (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/suedtirol-baer-erlegt-messners-yak-a-367925.html.). Demgegenüber wird in der Lokalzeitung „der Vinschger“ von der zuständigen Nationalparkverwaltung klargestellt:  „Der Bär befand sich während der in Frage kommenden Zeit im Schweizer Nationalpark, es ist also nicht möglich, dass er in Sulden einen Yak angegriffen hat“, stellte Hanspeter Gunsch klar. Wolfgang Platter hatte am 4. August auch mit dem Präsidenten des Nationalparks, Ferruccio Tomasi, telefoniert. Tomasi habe ihn beauftragt, den Medien mitzuteilen, dass er, Tomasi, die alpinistischen Leistungen von Reinhold Messner zwar bewundere, „aber verwundert darüber ist, wie versucht worden sei, den Yak-Tod dem Bär in die Schuhe zu schieben“. (https://www.dervinschger.it/de/lokales/baer-hat-yak-weder-gerissen-noch-verletzt-4895).

Yaks tragen Hörner und wehren sich gegen Hunde, Bären und Wölfe, ähnlich wie Mutterkühe. Im Himalaya (z.B. in Bhutan) werden Yaks ausnahmsweise von Tigern gerissen, doch weder Wölfe noch Leoparden oder Bären im Himalaya greifen Yakherden an.

Beim sagenumwobenen Yeti soll es sich um Braunbären handeln, nämlich dem Isabellbär (Ursus arctos isabellinus), einer Unterart des Himalaya mit braun- roter bis silber-sandfarbiger Fellfarbe.

Mehr zum Thema Wolf und Herdenschutz: http://biodiversitaet.bz.it/tag/wolf/

 

Revitalisierung der Ilstener Au an der Rienz

Ein Damm trennt die Rienz vom Auwald des Biotops Ilstener Au. Anstatt den Damm zu verlegen, wird Auwald gerodet.

Das geschützte Biotop Ilstener Au in St. Sigmund besteht aus einem der letzten Auwälder an der Rienz im Pustertal. Der Bach, die Ufer und der Auwald stehen unter Naturschutz. Im Auwald wachsen einige Fichten heran. Das Vordringen von Nadelgehölzen, wie Fichten und Lärchen, wird häufig als Revitalisierungsgrund genannt und meist werden solche Wälder von der Abteilung Wasserschutzbauten revitalisiert. Ein Auwald, in dem Nadelgehölze eindringen, wird in Südtirol als nicht-vitaler Auwald bezeichnet. Grundsätzlich steht die Rodung von Auwald im Widerspruch zum Naturschutzgesetz Artikel 17: Es ist verboten, Ufervegetation oder Auwald zu roden oder auf sonstige Weise zu zerstören.

Den Bächen mehr Raum geben und vitale Auwälder zu schaffen, hat man sich bei der Revitalisierung vorgenommen. Der Auwald der Ilstener Au ist ein Paradebeispiel eines nicht- vitalen Auwaldes: ein Auwald, der nicht mehr überflutet wird, weil der Damm den Auwald von den Überschwemmungen der Rienz trennt. Die Verlegung des Dammes wäre die logische Lösung für das

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‰“nicht vitaler“ Auwald

Problem des nicht-vitalen Auwaldes an der Rienz. Dann könnte man auch von einer Aufweitung des Bachbettes und der Schaffung einer Retentionsfläche sprechen. Wie bei fast allen Revitalisierungsprojekten wird entlang des Baches die Ufervegetation gerodet und das Gelände abgesenkt. Auf solchen Flächen wird von der “Aufweitung des Flussbettes” gesprochen. Eine tatsächliche Aufweitung des Bachbettes ist die Entfernung der seitlichen Begrenzung. Mit der Verlegung des Dammes ist nicht zu rechnen, denn im Amt für Landschaftsöklogie gibt es schon seit Jahren Pläne für den Umbau des geschützen Biotops.

„vitaler“ Auwald

Die Absenkung (Rodung) weiter Teile des Auwaldes, ein Naturerlebnis- und ein Infobereich mit Teichen und Wegen ist geplant. Didaktik ist im Südtiroler Biotopschutz ein zentrales Anliegen und so bekommt das Biotop Ilstener Au eine Naherholungszone und einen Infobereich mit Teich, Bächlein und was es sonst noch für ein geschütztes” Biotop in Südtirol braucht.

Walter Blaas, der Obmann der Freiheitlichen, hat eine Landtagsanfrage zum Biotop Ilstener Au gestellt und eine gute Frage an das Amt gerichtet: “Warum wuchern nach wie vor aufremde Pflanzen im Biotop?” Es wäre ein Leichtes, die paar Fichten zu fällen, eine waldbaulich simple Lösung für einen nicht-vitalen Auwald. Der Auwald würde sich mit der Zeit zu einem Wald entwickeln, der von Edellaubbäumen wie Eschen dominiert wird.

Im Biotop Ilstener Au breitet sich nämlich neben der Fichte auch eine andere Baumart aus, die Gemeine Esche. Im Datenbogen des Biotops werden diese Eschen erwähnt, in der Beantwortung der Landtagsanfrage behauptet Maria Luise Kiem aber, dass sich der Wald zu einem Fichtenwald weiterentwickeln würde.

Eschen sind typisch für Wälder auf feuchten Standorten, wie auch für Auwälder. Weichholzauwälder ( charakteristische Arten: Weiden, Erlen, Pappeln) entwickeln sich zu Hartholzauwäldern ( charakteristische Arten: Eschen, Ulmen, Ahorn) weiter. Dies ist ein natürlicher Prozess und solche Wälder mit Edellaubbäumen sind von großen Wert für die Biodiversität. Die natürliche Weiterentwicklung oder Sukzession der Weichholzauen zu Hartholzauen wird häufig durch Revitalisierungsmaßnahmen unterbunden.

Wie aus der Landtagsanfrage hervorgeht, will man nicht vom Projekt abweichen und grössere Teile des Waldes absenken, also roden und Gruben ausbaggern. Für den Auwald wird dadurch aber nicht die Vorraussetzung geschaffen, dass sich ein vitaler Auwald bildet, da er auch in Zukunft nur über das Grundwasser mit der Rienz in Verbindung stehen wird und die Hochwässer der Rienz den Auwald nicht überschwemmen werden.

“Es werden neue Sukzessionsstadien geschaffen”, wird behautptet. Die ausgebaggerten Gruben werden als Grundwasserteiche nur Teiche sein und keine neuen Sukzessionsflächen der Rienz. Der Unterschied zwischen einem stehenden Gewässer und einem fließenden Gewässer ist den meisten Menschen auch ohne Infortafeln klar. Unklar ist dieser Unterschied dem Amt für Landschaftsökologie, welches die Planungen durchführt. “Eine nachhaltige Entwickluung von vitalen Au-Lebensräumen ist eng mit der Fließgewässerdynamik verknüpft”, wird erklärt. Die Fließgewässerdynamik des zukünftigen Bächleins im Auwald wird eine andere sein, als die Dynamik der Rienz. Die Rienz läge zu tief und der Auwald zu hoch, der Damm wurde deshalb nicht in die Planung mit einbezogen, wird erklärt. Dass Bäche aber dynamisch sind und bei Hochwässern das Bachbett verändern und Auwälder umformen können, zieht man nicht in Betracht. Zwei Meter Höhendifferenz seien für die Rienz zu viel, wobei die dynamischen bachbettbildenden Prozesse, wie etwa die Seitenerosion oder Akkumulation von Geschiebe, nicht bedacht werden. Die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands des Auwaldes setzt voraus, dass die Verbaungen rückgängig gemacht werden, welche dazu geführt haben, dass der Auwald nicht mehr überflutet wird. Den Bächen muss mehr Raum gegeben werden, da sie durch Verbauungen eingeengt wurden.

Auf die Frage in der Landtagsanfrage, wer für die Umwandlung der Ilstener Au verantwortlich sei, wird die Abteilung Wasserschutzbauten erwähnt. Für die Pläne in der Ilstener Au verantwortlich ist einzig das Amt für Landschaftsöklogie. Die Umsetzung und die Baggerarbeiten wird die Wildbachverbauung übernehmen. Der Verein des Artenschutzzentrums hat sich an den zuständigen Amtsdirektor gewandt, und ihn gebeten, die Pläne zu ändern- leider ohne Erfolg.

Von einem “Vorzeigeprojekt” ist in der Beantwortung der Landtagsanfrage die Rede und die Revitalisierung der Ilstener Au ist tatsächlich ein Vorzeigeprojekt: Südtirol ist um eine Attraktion reicher, ein revitalisierter Auwald, der auch in Zukunft nicht vital sein wird.