Windwurf Südtirol 2018

(Titelbild: Totalräumung einer Windwuffläche)

Naturereignis Windwurf

Stürme sind natürliche Ereignisse, welche den Wald verändern und natürlich auftreten. Umgeworfene Bäume in Wäldern sind Bestandteile des Waldes, welche für die Biodiverstiät und die Naturnähe eines Waldes bedeutend sind. In natürlichen Wäldern fallen Bäume altersbedingt irgendwann immer um, in den Forstplantagen und Wirtschaftsforsten fehlen umgestürzte Baumriesen. Der Sturm Vaia hat 2018 in Südtirol einige Wälder umgeworfen und Südtirol setzt auf die Totalräumung der Flächen, obwohl vieles dafür spricht, umgefallene Bäume liegen zu lassen. 

Windwurf Welschnofen 2018
Windwurf Welschnofen 2018

 

Langzeituntersuchungen des Wintersturms Vivian 1990 auf die Waldentwicklung liefern Konsequenzen für das Tun und Lassen nach Sturmereignissen

Ein Fazit des Wintersturms Vivian: „Auf grossen Flächen ist es wichtig, alle überlebenden Bäume als künftige Samenquellen zu schonen. In Gebirgswäldern sollten jederzeit genügend Verjüngungsansätze vorhanden sein, denn Vorverjüngung ist in hohen Lagen sehr wichtig für die Wiederbewaldung. Diese Vorverjüngung sollte deshalb bei der Holzernte möglichst geschont werden. Pflanzung ist in hohen Lagen überall dort angebracht, wo eine rasche und schutzwirksame Wiederbewaldung erforderlich ist, also auf sehr steilen, schneereichen Hängen mit hohem Gefahren- und Schadenpotenzial.“

Fazit Wildverbiss: „Die Untersuchung zeigte, dass der Ausschluss durch Einzäunung der Fläche der Huftiere einen messbaren Einfluss auf die Vegetationsentwicklung hatte. Dieser Einfluss betraf allerdings nur die Artenzusammensetzung, nicht die Biomasse. Eine Erklärung dafür: Die üppige Vegetation bot sieben Jahre nach dem Sturm genügend gute Nahrung für die Huftiere. Die Huftiere haben die weitere Wiederbewaldung nicht mehr entscheidend behindert.“ Auf eingezäunten Flächen wachsen mehr Baumarten.

Windwurf 2018 Ulten
Windwurf 2018 Ulten

Ein Sturm verändert den Wald, vor allem auch die Mykorrhizapilze. In den subalpinen Lagen sind Mykorrhizapilze für das Überleben der Bäume lebensnotwendig, sie liefern den Bäumen Nährstoffe und Wasser. Aus dem Sturm Vivian kann man lernen, noch stehende Bäume in den Windwurflächen sind stehenzulassen, sie sind die Keimzelle für die Mykorrhizapilze des künftigen Waldes.

Fazit zu Mykorrhizapilze: „Es empfiehlt sich bei einer allfälligen Räumung von Windwurfflächen zu den noch verbleibenden Jungpflanzen Sorge zu tragen. Sie sind Refugien für Mykorrhizapilze und helfen mit, diese in die nächste Baumgeneration hinüberzuretten.“

Fazit Naturgefahren: „Die Studie zeigt, dass es sich im Interesse der Sicherheit vor Naturgefahren lohnen kann, einen Totholzbestand stehen zu lassen.“

Fazit Lawinen: „Um Lawinenanrisse zu verhindern, ist es in den meisten Fällen von Vorteil, Windwurfflächen nicht zu räumen. “

Fazit: „Windwurfflächen sollten möglichst bodenschonend geräumt werden. Beim Bau von Strassen und Begehungswegen sollte das Niederschlagswasser abgeleitet werden.“

Artenvielfalt Fauna: Die Artenvielfalt nimmt zu. Von insgesamt 1856 registrierten Insekten-, Spinnen-, Reptilien- und Kleinsäugerarten fanden sich auf untersuchten Sturmflächen von Vivian 35 bis 69 Prozent mehr Arten als im intakten Wald. Dank des vielen Totholzes auf den belassenen Flächen waren hier die Anzahl totholzbewohnender Arten und Individuenzahlen höher als auf den geräumten Flächen. Liegenlassen von Sturmholz fördert die Artenvielfalt und ein reichhaltiges Lebensraummosaik im Wald entsteht. Den Wald nicht räumen, ist von Vorteil für die Biodiversität. 

Schutz vor Wildverbiss: Liegen gelassenes Sturmholz schützt die jungen Bäume vor Wildverbiss und das Liegenlassen von umgefallenen Bäumen hift dem Wald, sich zu regenerieren. (siehe https://www.waldwissen.net/waldwirtschaft/schaden/wild/wsl_sturmholz_verbiss/index_DE)

kleinflächiger Windwurf Ulten
kleinflächiger Windwurf von 2018 Ulten- 2019 nicht geräumt und damit Artenschutz betrieben

 

Kleinräumige Windwürfe aufräumen oder liegen lassen?

Eine klare Antwort auf diese Frage liefert die Bayrische Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege(https://www.anl.bayern.de/forschung/forschungsthemen/windwurf.htm)

„Totholzräumung nach Windwurf widerspricht dem Gedanken des Prozessschutzes und führt zur Reduktion der Artenvielfalt. Nicht geräumte Windwürfe weisen eine deutlich erhöhte Artenvielfalt für verschiedene Artengruppen auf. Die Ergebnisse einer Langzeitstudie, erschienen 2016 in der Zeitschrift Ecology Letters (THORN et al. 2016), zeigen deutliche Unterschiede im direkten Vergleich zwischen belassenen und aufgeräumten Windwürfen.

Es konnte gezeigt werden, dass die Artenzahl von Holzkäfern, Holzpilzen und holzbewohnenden Flechten auf geräumten Flächen drastisch reduziert war…. Damit widerspricht das Räumen fundamental dem Gedanken des Prozessschutzes und es sollten zumindest Windwürfe in Schutzgebieten von Räumungshieben ausgenommen werden.

In Südtirol waren auch viele als Naturschutzgebeite ausgewiesene Flächen vom Windwurf betroffen: Naturparke 16,6 %, Natura 2000 15,1 % Unesco (Dolomiten) 4,9 % der landesweiten Windwurffläche.

Jedoch wurden keine Prozesschutzflächen in den Schutzgebieten eingerichtet und Sturmholzflächen werden in Südtirol radikal geräumt. Einige wenige Bauern verzichten auf die Räumung und leisten  damit einen guten Beitrag zum Natur- und Artenschutz.

Große Maschinen (Harvester) kommen auf vielen Windwurfflächen zum Einsatz und der Wald wird ausgeräumt. Harvester wirken sich negativ auf den Boden aus. Die schweren Maschinen verdichten den Boden und bei der Räumung wird der Boden stark belastet. Die empflindlichen Waldböden erleiden große Schäden.

Totoalräumung des Waldes: Beispiel Kuppelwies

Viele Flächen wurden radikal geräumt, wie z.B. im Ultental/ Kuppelwies:

 

Windwurf ohne Räumung

(Herbst 2018) Nicht alle Bäume des Waldstückes im Bild oben fielen durch den Sturm 2018 um. Etliche Bäume blieben stehen.

 

Windwurf geräumt

(Frühling 2019) Noch stehende Bäume, welche den Windwurf überstanden und den starken Winden trotzten, wurden gefällt. Starke Bäume wurden dem Wald entnommen, und große Offenflächen, ohne Waldbäume, entstanden. Vom Baumbestand des Waldes blieb nach der Räumung nur wenig übrig. Es fielen mehr Bäume den Aufräumarbeiten als dem Sturm selbst zum Opfer. 

Laubgehölze gewinnen  auf der Fläche nach dem Windwurf die Oberhand: Haselnuss, Esche, Ahorn usw.
Laubgehölze gewinnen auf der Fläche nach dem Windwurf die Oberhand: Haselnuss, Esche, Ahorn usw.

(Herbst 2019) Auf der total geräumten Windwurffläche treiben die Sträucher des einstigen fichtendominierten Waldes aus. Auch Haselnusssträucher in der Strauchschicht wurden abgeholzt. Diese trieben aber relative kräftig aus. Einige Laubbäume (Gemeine Esche und Berg-Ahorn) wachsen auf der Fläche. In der Waldtypisiserung ist der Wald als montaner Fichtenwald ausgewiesen, jedoch scheint sich der Wald mehr zu einem Laubwald zu entwickeln. Ahorn und Esche wachsen auf der Fläche, Buchen fehlen leider auch im weiteren Umkreis. Invasive Neohphyten haben die Fläche nicht eingenommen. Einige ruderale Arten (Chenopodium sp.) siedeln auf den durch die Räumung gestörten Böden.

Notstandsgebiet und Finanzen Südtirol

Der Sturm Vaia hat 2018 in Südtirol einige Wälder umgeworfen. Wälder liegen am Boden und wegen der Unwetter- und Sturmereignisse vom 27.10. bis 30.10.2018 rief der Landeshauptmann mit Verordnung für ganz Südtirol den Notstand aus. Dadurch sollte die Behebung der Unwetter- und Sturmschäden in den betroffenen Gemeinden erleichtert und beschleunigt werden.  Gleichzeitig beantragt die Landesregierung auch die Aufnahme in den staatlichen Notstandsplan.

So ein Notstand ist für die meisten Südtiroler sehr leicht zu verkraften. Die meisten Südtiroler wissen nicht, dass sie in einem Notstandsgebeit leben. In Südtirol liegen meist nur Wälder am Boden und die Holzwirtschaft zeigte sich besorgt (z.B. WIKU, 21. November 2018, In Sorge, Holzwirtschaft nach Unwetter italienweit unter Druck). Die Holzpreise sanken, der durchschnittliche Preis für die Fichte vor dem Sturm betrug 92 €/Fm und nach dem Sturm 69 €/Fm.

Mit Beschluss der Landesregierung Nr. 11 vom 8. Jänner 2019 wurden die “Richtlinien für die Gewährung von Beihilfen für die unmittelbare Aufarbeitung und Bringung von Schadholz im Sinne des Art. 48 des Landesgesetzes Nr. 21 vom 21. Oktober 1996“ genehmigt (Anlage A). Es wurden folgende Förderungen für das Aufräumen vom Holz aus den Windwurfflächen vorgesehen: •    9 €/m für Bodenzug / Harvestereinsatz  • 12 €/m für Bringung mit Pferd • 15 €/m für Seilbringung • 16,50 €/m für Bringung mit Hubschrauber Die genannten Förderrichtlinien im Rahmen der Notsituation wurden bei der EU- Kommission gemeldet und die entsprechenden Gesuchformulare wurden bereits erstellt. Die Provinz Bozen fördert die Holzbringung großzügig mit Geldern der öffentlichen Hand, 12 Millionen Euro warten darauf, in die Kassen der Waldeigentümer zu fließen.

Ohne Prämien ist die Räumung oft wenig rentabel und die Forstwirtschaft mehr ein Defizitgeschäft.