Biodiversitätsmonitoring

(Titelbild: Vegetation Südtirols in einer Karte festgehalten: die Vegetation und die Biodversität hat sich seitdem verändert, Obstplantagen dehnten sich etwa im Vinschgau aus, Schluchtwälder wurden weniger und invasive Neophyten breiteten sich aus)

Das Forschungsinstitut Eurac hat ein Projekt zur Erhebung der Artenvielfalt ausgearbeitet, welches von der Politik in Auftrag gegeben wurde und vom Land jährlich mit 500.000 Euro bezuschusst wird. Ausgehend von der Beschreibung des Projektes auf den Internetseiten, weist das Monitoring viele Schwachstellen in Bezug auf die Biodiversität auf. Die Artenvielfalt einzelner Flächen wird beobachtet und die Entwicklung der gesamten Natur- und Kulturlandschaft Südtirols wird nur ungenügend beobachet. Über die Funktionalität oder die Quantität der Ökosysteme wie Wälder oder Fließgewässer in ihrer Gesamtheit wird keine Auskunft gegeben. 

Das Biodiversitätsmonitoring wird auf den Internetseiten so beschrieben: “Das Monitoring soll die Entwicklung der gesamten Südtiroler Biodiversität aufzeigen, wobei der Schwerpunkt auf Artengruppen liegt, die unmittelbar auf Umwelt- und Landnutzungsänderungen reagieren. Die 320 terrestrischen Untersuchungsgebiete sind gleichmäßig über das Land verteilt und umfassen eine repräsentative Auswahl verschiedener Lebensräume. Zusätzlich wird auch eine große Anzahl von Fließgewässern untersucht. Alle Erhebungen werden in regelmäßigen Abständen wiederholt.
Das Monitoring dient auch dazu, wichtige administrative Anforderungen zu erfüllen, wie z.B. Auswirkungen von getroffenen Umweltmaßnahmen zu überprüfen oder als Grundlage für die regelmäßige Berichterstattung über den Zustand der Arten und Lebensräume im Rahmen der Habitat-Richtlinie. Um repräsentative Aussagen über Veränderungen der Biodiversität in Südtirol zu erhalten, wurden die meisten der im Monitoring untersuchten Flächen zufällig ausgewählt.”

Was die regelmäßige Berichterstattung über den Zustand der Arten und Lebensräume im Rahmen der Habitat-Richtlinie (=FFH-Richtlinie) angeht, so werden diese entsprechend der FFH-Richtlinie Artikel 6 bereits erfasst. Im Zeitabstand von 6 Jahren werden diese aktualisiert. Die FFH-Richtlinie stammt aus dem Jahr 1992. In Südtirol wurden Natura 2000 Gebiete ausgewiesen und für diese Gebiete gibt es auch Managementpläne. Für derartige Schutzgebiete wird also doppelt geforscht.

Zusätzlich wird auch eine große Anzahl von Fließgewässern untersucht. Alle Erhebungen werden in regelmäßigen Abständen wiederholt.” Fische, Kieselalgen, Makrozoobenthos usw. werden von Landesämtern bereits erfasst. Zudem wurden alleine 41 Millionen Euro in den Umbau der Gewässer bis 2020 als Revitalisierung bzw. Renaturierung investiert. Bei diesen getätigtten Arbeiten fehlt jedoch eine systematische Zustandserfassung auf Art- und Ökosystemebene und auch ein umfassendes Monitoring. Die Fließgwässer und ein wichtiger Teil der Biodversität der Fließgewässer werden wie die Natura 2000 Gebiete bereits überwacht und ein Monitoring der Artenvielfalt vieler Organismengruppen ist daher schlichtweg überflüssig. Ökosysteme wie Fließgewässer sind Belastungen ausgesetzt (siehe http://biodiversitaet.bz.it/baeche-und-seen/) und durch neue Verbauungen von Fließgewässern oder neuen Wasserkraftwerken wird die Funktionalität des Ökosystems beeinträchtigt. Das Monitoring überwacht nicht alle Fließgewässer dahingehend, ob sie weiter verändert werden und in ihrer Funktionalität beeinträchtigt werden.. 

Schwachstellen: Seltene und gefährdete Arten nicht genügend erfasst

Im Jahr 1994 wurde eine Rote Liste der Tierarten Südtirols erstellt und Jahre später folgte auch eine der Pflanzen. Seltene, nur an wenigen Orten vorkommende Arten, wie etwa seltene Amphibien (z.B. Gelbbauchunke) oder Säugetiere (z.B. Bären), welche auch durch die FFH-Richtlinie besonders geschützt sind, werden beim Biodiversitäts-Monitoring in Südtirol unzureichend erfasst. 

Durch die Übernahme sämtlicher Daten des Naturmuseums (z.B. Gelbbauchunken) und der Landesämter (z.B. Bären) könnte die Entwicklung der Biodiversität als Artenvielfalt viel genauer abgebildet werden. Seltene Arten, wie Bären und Gelbbauchunken kommen nicht überall vor. Doch gerade diese seltenen und gefährdeten Arten sind von zentraler Bedeutung für den Erhalt der Biodviersität. Die Biodiversität als Artenvielfalt zu erhalten, bedeutet zuallererst, auf gefährdete und seltene Arten zu achten. Beispiel Weinberg: Weinberge können eine ganz spezielle typische Weinbergflora aufweisen, ähnlich wie etwa Getreideäcker mit charakteristischem Klatschmohn und Kornblume. Typisch für Weinberge sind etwa Zwiebelpflanzen und der Nickende Milchstern ist eine solche typsiche Art, die aber sehr selten wurde und in ihrem Bestand gefährdet ist. Über die Entwicklung dieser Art wird das Monitoring nur dann eine Aussage treffen können, wenn sie in einem der 20 aufgenommen Weinberge auch vorkommt (Nickender Milchstern und Flora Gefährung der Flora siehe http://biodiversitaet.bz.it/flora/). Kommt sie in einer Aufnähmefläche vor, so kann nur über die Bestandsentwicklung in der einen Fläche eine Aussage getroffen werden, nicht aber über die Entwicklung des Bestandes in ganz Südtirol.

Schwachstelle: punktuelle Aufnahmen- Landschaft als Ganzes nicht überwacht

Eine große Schwachstelle des Biodiversitätsmonitorings ist, dass lediglich punktuelle Untersuchungsgebiete über das Land verteilt dem Monitoring unterzogen werden. Damit werden etwa wichtige Landschaftselemente nicht flächendeckend überwacht, wie lineare Landschaftselemente (z.B. Hecken, Ufergehölze), welche wichtige Lebensräume für Arten darstellen und erheblich zur Artenvielfalt in der Landschaft beitragen. In der FFH- Richtlinie sind sie erwähnt:“ Die Mitgliedstaaten werden sich dort, wo sie dies im Rahmen ihrer Landnutzungs- und Entwicklungspolitik, insbesondere zur Verbesserung der ökologischen Kohärenz von Natura 2000, für erforderlich halten, bemühen, die Pflege von Landschaftselementen, die von ausschlaggebender Bedeutung für wildlebende Tiere und Pflanzen sind, zu fördern.“ Wie sich die Landschaftselemente auch nur quantitativ entwickeln, darüber wird das Monitoring keine fundierten Ergebnisse liefern. 

An Fließgewässern finden sich z.B. wichtige Lebensräume wie etwa Auwälder und im Etschtal existiert ein lang gezogener Auwald entlang der Etsch (siehe Karte oben). Die quantitative Ausdehung von Lebensräumen wie Auwäldern bzw. linearen Landschftselementen in den Talsohlen wird mit dem punktuellen Monitoring nicht überwacht.

Über Fernerkungdsmethoden (Vergleich Luftbilder) über die Jahre hingweg könnte sehr einfach die Entwicklung wertvoller Landschaftselemente beobachtet werden.

Auch darüber, ob etwa Feuchtgebiete in Südtirol zunehmen oder abnehmen, wird das Monitoring keine Ergenisse liefern, da nur puntkuell Aufnahmen gemacht werden. Dasselbe gilt für Wälder, Almen oder Gletschern. Wachsen Almen zu oder werden Almen aufgelassen und gewinnt dabei der natürliche Wald Südtirols Flächen zurück, darüber kann durch die punktuelle Aufnahme der Artenvielfalt keine fundierte Aussage getroffen werden. Für die Biodiversität sind derartige großflächige Landnutzungsänderungen jedoch bedeutend.

Es wird viel gebaggert in Südtirol: Hecken können dabei verschwinden

Defizit: Fehlen der genetischen Vielfalt von Nutzpflanzen und Nutztieren:

Das Monitoring soll die Entwicklung der gesamten Südtiroler Biodiversität aufzeigen”, jedoch wird die genetische Vielfalt der in Südtirol vorkommenden Nutzpflanzen und Nutztiere nicht erfasst. Der Biodiversitätsverlust zeigt sich auch im Verlust der Nutztierrassen- und der Sortenvielfalt. Dies betrifft alte Obstsorten, wie dem Kalterer Apfel oder Getreidesorten bis hin zu Hühnern, etwa dem Proveis- Ultentaler Huhn oder dem Tirolerhuhn. Zahlreiche Vereine oder Einrichtungen wie die Laimburg (z.B. Getreide) beschäftigen sich mit dem Thema und Initiativen zum Erhalt wurden gestartet. Beim Biodiversitätsmonitoring fehlt diese Entwicklung. Der Wert der genetischen Vielfalt der Nutztierrassen und Sorten wird beim Biodiversitätsmonitoring der EURAC sträflich vernachlässigt. Wichige Akteure und Kenner dieser Vielfalt wurden nicht involviert. Tradititionelle, an die Beweidung von Almen und kargen Bergwiesen angepasste lokale Nutzrassen, wie etwa das Buischa Rind (Fotos siehe https://patrimont.org/de/), finden keine Beachtung. 

Schwachstelle: zu später Beginn

Das Monitoring beginnt erst im Jahr 2019 und wird alle 5 Jahre Ergebnisse liefern, also werden erst 2024 die ersten Ergebnisse vorliegen, welche die Entwicklung in diesen fünf Jahren auzeigen. Nicht berücksichtigt wird das Wissen um den Biodiversitäsverlust, wie er in den vergangen Jahrzehnten dokumentiert wurde, etwa der Verlust von artenreichen Lärchenwiesen oder das Insektensterben. Es fließt nicht die bisherige Entwicklung der Biodiversität ein und dem Biodiversitätsmonitoring fehlt damit der wichtige Blick in die Entwicklung der letzten Jahrzehnte.

Das Insektensterben ist bereits eingetreten, die meisten Magerwiesen gingen schon verloren, viele Feuchtgebiete wurden bereits zerstört und der Artenverlust geht weiter. In den nächsten fünf Jahren, wird es sicher kein zweites großes Insektensterben geben, wie es sich in den letzten Jahrzehnten abspielte. Es ist durchaus möglich, dass in Südtirol ein Monitoring durchgeführt wird und die Öffentlichkeit niemals wissen wird, dass es ein Insektensterben gibt.

Schwachstelle: keine Informationen über Bedeutung der Lebensräume für die Arten

Es gibt Lebensräume, die von großem Wert für den Erhalt der Arten sind, etwa Feuchtgebiete oder Trockenrasen. Die Autonomoe Provinz Bozen bietet nützliche Informationen etwa über den Wert der Trockenrasen für die Biodiversität (http://www.provinz.bz.it/natur-umwelt/natur-raum/naturschutz/rasen-und-wiesen-trocken-frisch-beschreibung-lebensraum.asp?news_action=4&news_article_id=595379), über vorkommende dominante und charakteristische Arten, gefährdete Arten, über die biologische Werigkeit, der Funktion des Lebensraums, Entwicklungstendenzen und Gefährdung des Lebensraums und über den Naturschutz.

Das Bioversitätsmonitoring bietet keine derartigen Informationen zu den untersuchten Lebensräumem, doch nur was man kennt, kann man auch schützen. Die Information der Öffentlichkeit ist ein sehr wichtiger Punkt, damit die Gesellschaft und die vielen Akteure ihrer Verantwortung zum Erhalt der Biodiversität nachkommen können. Auskunft über Artenzahlen und damit wie artenreich die Lebensräume sind, finden sich auf den Seiten des Biodiversitätsmonitorings nicht. Ebensowenig werden Informationen über das Vorkommen gefährdeter Arten und  über den Wert eines Lebensraums bereitgestellt. Welcher Lebensraum ist am artenreichsten, wo gibt es am meisten seltene Arten,- viele Fragen werden nicht beantwortet. Nach dem Durchlesen der ganzen Infors zum Biodiversitätsmonitoring auf https://biodiversity.eurac.edu/de/ wird niemand sagen können, ob es für die Biodiversität besser ist Weinberge anzulegen oder Teiche zu bauen. Doch wer bis hier gelesen hat, der weiß das sicher.

Wer in diesem Blog hier liest, der wird vielleicht auch über die Presseaussendung des Biodiversitätsmonitorings schmunzeln oder auch den Kopf schütteln. Die Nachricht, mehr als die Hälfte der Südtiroler Fauna sei schon erfasst (z.B. https://www.stol.it/artikel/chronik/mehr-als-die-haelfte-der-suedtiroler-fauna-schon-erfasst) wurde verbreitet (über 1100 Tier- und Pflanzenarten): „86 Vogelarten – das sind gut die Hälfte der im Südtiroler Brutvogelatlas aufgelisteten Arten – sind anhand ihres Gesangs schon identifiziert; dazu kommen 49 erfasste Heuschreckenarten, 104 Schmetterlingsarten und 15 Fledermausarten – jeweils mehr als die Hälfte der für Südtirol bekannten Arten – sowie 850 verschiedene Gefäßpflanzen, wurde der Presse mitgeteilt und Andreas Hilpold von Eurac Research sagte: „Es überrascht uns im positiven Sinn, dass es uns gelungen ist, nach einem Jahr und einem Fünftel der gesamten Standorte schon einen so hohen Prozentsatz der Arten zu finden. Das zeigt, dass unsere Arbeit gut vorangeht und wir mit unserem Ansatz die Biodiversität in Südtirol gut abbilden können“. Dabei fehlen im Südtiroler Brutvogelatlas jedoch einige Arten, etwa Neozoen wie Brautenten oder der allseits bekannte Brutvogel die Stadttaube (http://biodiversitaet.bz.it/2018/07/14/voegel/). 104 Schmetterlingarten sollen die Hälfte der in Südtirol bekannten Arten sein, jedoch gibt es doch etwas mehr Schmetterlingarten (http://biodiversitaet.bz.it/2017/12/01/schmetterlinge/). 1100 Arten sollen die Hälfte sein? Bei Untersuchungen im Schlerngebiet (Habitat Schlern) waren 5000 Tierarten 20% der vorkommenden Tierarten Südtirols. Die Biodiversität als Artenvielfalt wird beim Monitoring nicht gut abgebildet und es ist wirklich bemerkenswert, wie artenarm Südtirol mit dem Biodiversitätsmonitoring plötzlich geworden ist. 

Was soll herauskommen? Wozu das Ganze?

Bezweckt das Monitoring die Artenvielfalt Südtirols abzubilden, dann müsste die Artenvielfalt, von Nutztierrassen bis hin zu seltenen Arten wie Bären, einbezogen werden. Über Landnutzungsänderungen und den Klimawandel sollen vor allem Aussagen getroffen werden. Bezweckt das Biodiversitätsmonitoring über den Landnutzungwandel Aussagen treffen zu wollen, dann hätte man Fernerkungdsmethoden oder vorhandenes flächendeckendes Kartenmaterial von Südtirol verwenden müssen. Punktaufnahmen geben keinen Einblick in die tatsächlichen Veränderungen durch Landnutzungsänderungen. Der Verbrauch von Flächen durch Bebauung und der damit einhergehende vollkommene Biodiversitäsverlust auf versiegelten Flächen oder der Bau von Infrasturen wie Straßen, welche Lebensräume zerschneiden, wird beim Biodiversitäts-Monitoring nicht weiter in das Monitoring einfließen. Ebensowenig die Umwandlung von natürlichen Ökosystemen wie Wäldern in anthropogene Ökosysteme, wie intensiv genutzte agrarische Lebensräumen findet in den punktuell durchgeführeten Monitoring keine weitere Beachtung. Gerade Wälder, die einen Großteil der terrestrischen Biodiversität beherbergen, werden ebenfalls durch den Bau von Forststrassen und die Intensivierung der Nutzung verändert. Derartige Entwicklungen werden nicht flächendeckend verfolgt. Wälder sind für die Biodiversität von zentraler Bedeutung, so ist etwa das Natura 2000 Gebiet Trudner Horn, das vor allem aus Wald besteht, der artenreichste Naturpark Südtirols. Auch über die quantitative Entwicklung von Auwäldern in den Talsohlen, wird damit keine Aussage getroffen werden können. 

Die Gefährdungsursachen für die Biodiversität sind hinlänglich bekannt. Bezweckt das Biodiversitäsmonitoring über den Klimawandel Aussagen treffen zu wollen, so gibt es bereits Projekte wie etwa Gloria und die Eurac beschäftigt sich bereits länger mit dem Klimwandel und publizierte den Klima-Report. Dort wurden bereits Ergenbisse präsentiert. 

Schwäche: es wird geforscht und nicht gehandelt

Viele landwirtschafltich genutzte Flächen werden vom Biodiversitätsmonitoring Südtirol untersucht wie Weinberge, Apfelplantagen oder Äcker. Es wird geforscht. Im Gegensatz dazu wird beim Biodiversitäsmonitoring Österreichs mit den Landwirten gemeinsam daran gearbeitet, die Biodversität auf ihren Flächen kennenzulernen und diese dann auch zu schützen. “Wir schauen auf unser Almen, Wiesen und Wälder”, ist in Österreich ein zentrales Element des Biodiverisätsmonitorings, in dem es darum geht, dass die Akteure in der Landschaft, praktisch die Bauern, darin eingebunden werden, die Biodiversität in ihrer Heimat kennenzulernen und darauf zu schauen.

Es gibt noch andere lobenswerte Initiativen in Österreich: das Land Salzburg mit regionalem Wiesensaatgutproduktion und Rekultivierung von Grünflächen in Zusammenarbeit mit landwirtschaftlichen Betrieben und Experten eine  Initiative zur Erhaltung der regionalen genetischen Vielfalt der Wiesen gestartet. In Südtirol wird man 2024 erfahren, dass vielleicht Arten in Wiesen zugenommen oder abgenommen haben.

In einigen Jahren wird man erfahren, wie es um die Biodiversität laut Biodiversitäsmonitoring bestellt ist. Wie viele Arten heuer, im nächsten Jahr und den Jahren danach ausgestorben sind, darüber wird man in Südtirol nichts erfahren. Die EU hat eine Strategie zum Erhalt der Biodviersität, mehr dazu auf http://biodiversitaet.bz.it/biodiversitaetsstrategie/

Der Koordinator des Biodversitätsmonitorings, Andreas Hilpold, ist nicht immer für die Erfassung und ein Monitoring der Biodiversität eingetreten. Als Vorsitzender der Umweltgruppe Eisacktal trat er nicht dafür ein, Monitoring und eine Zustandserfassung bei sogenannten Fluss- und Auenrenaturierungen durchzuführen (siehe http://biodiversitaet.bz.it/revitalisierung-wasserrahmenrichtlinie/).

 

Wildbienen

Titelbild: domestizierte Wildbiene, die Honigbiene

Wildbienen sind weltweit verbreitet und eine artenreiche Insektenfamilie. Bisher wurden weltweit über 17.000 Arten beschrieben. Schätzungen gehen jedoch davon aus, dass es zwischen 20.000 und 30.000 Wildbienenarten gibt.

Von den rund 6000 Wildbienenarten Europas sind 9 % im Bestand gefährdet
und 5 % sind als potenziell gefährdet eingestuft. 20% der Wildbienenarten Europas sind endemische Arten, es gibt diese Arten also nur in Europa. Die Rote Liste Europas wurde 2015 veröffentlicht.

Die Entwicklungstendenzen einiger Wildbienenbestände in Europa sehen wie folgt aus: Bei mindestens 150 Bienenarten sinkt die Populationszahl und bei 244 ist sie relativ stabil. Für 80% der Arten fehlen Daten zur Populationsentwicklung.

Am meisten Wildbienenarten kommen in Europa in den Ländern des Mittelmeerraumes vor, Spanien, Italien und Griechenland haben sehr viele Wildbienenarten.  

In Deutschland wurden 561 Wildbienenarten nachgewiesen, in der Schweiz 617 und in Österreich 690. Von den 561 Wildbienenarten in der Roten Liste Deutschlands (2011) sind nur 207 Arten ungefährdet.

  • Ausgestorben oder verschollen: 7%
  • vom Aussterben bedroht: 5,6%
  • stark gefährdet 14%
  • gefährdet: 15,3%

Durch das Vorkommen von mediterranen Arten ist die Artenzahl in Italien deutlich höher, es wurden 944 Arten nachgewiesen (Stand 2003), Eine umfassende Rote Liste der Wildbienen Italiens gibt es nicht (Infos Wildbienen Italien: http://www.apiselvatiche.it/) und nur einige wenige Arten (151 Arten) wurden in der Roten Liste Italiens von 2018 bewertet und 34 davon sind gefährdet: 5 Arten vom Aussterben bedroht oder ausgestorben (CR), 2 Arten vom Aussterben bedroht (CR), 10 stark gefährdet (EN) und 4 gefährdet (VU) und 13 potentiell gefährdet (NT). 

Für Südtirol wird die Anzahl der Wildbienenarten auf bis zu 500 geschätzt, Hellrigl wies 427 Arten im Jahr 2003 nach, darunter auch einige Arten zum ersten Mal.

Die Zerstörung und Veränderung der Lebensräume ist für den Rückgang der Arten in Südtirol verantwortlich, Trockenrasen  und Ruderalfluren (http://biodiversitaet.bz.it/tag/ruderalvegetation/) verschwanden, die landwirtschaftliche Nutzung wurde intensiviert (Überdünung, Überwässerung) und die Flora und Nahrungsgrundlage der Wildbienen verschwand (Hellrigl 1994). 

 

Lebensräume der Wildbienen:

Wildbienen kommen in unterschiedlichen Lebensräum vor, einige Lebenräume mit besonderer Naturschutzrelevanz:

  • Binnen- und Küstendünen sowie Flugsandfelder
  • Magerwiesen und Trockenrasen trockenwarmer Standorte
  • Felsfluren
  • Sand- und Bergheiden
  • Röhrichte und Schilfbestände
  • Streuwiesen und Feuchtwiesen
  • Weichholz- und Hartholzauen
  • Macchie und Garigue im Mittelmeerraum

So verschieden und vielfältig die Wildbienen sind, so unterschiedlich sind ihre Lebensräume. Jeder Lebensraum einer einer einzelnen Wildbienenart muß folgende Bedingungen erfüllen, damit Populationen von Wildbienen dort leben können:

  •  der artspezifische Nistplatz muss vorhanden sein 
  • Nahrungspflanzen müssen in ausreichender Menge wachsen 
  • für den Ausbau der Brutzellen erforderliche Baumaterial muss zur Verfügung stehen

Untersuchungen zur Wildbienenfauna in den Dolomiten Südtirols im Schlerngebiet (Habiat Schlern, Knopf 2008) ergaben die höchsten Artenzahlen auf einer ehemaligen Waldbrandfläche im Kiefernwald (Gemeinde Tiers) mit über 80 Arten, gefolgt von einer Lärchenwiese (Gemeinde Tiers), die beweidet wird und ein kleines Hangmoor behergergt, mit über 70 Arten und einer Mähwiese mit Magerwiesen und Straßenböschung (Gemeinde Tiers) mit 60 Arten.  Der lichte Charakter des abgebrannten Kiefernwaldes „ermöglicht ein ausreichend hohes Blütenangebot, insesondere an Schmetterlingsblütlern, wodurch der Standort nicht nur als Nist- sondern gleichzeitig als als Nahrungshabitat fungieren kann“, T. Knopf 2008.

In strukturreichen Agrarlandschaften Mitteleuropas, z.B. Ackerbaugebieten mit Hecken und artenreichen Ackerrandstreifen, in Weinbaugebieten mit Trockensteinmauern und naturnahen Landschaftselementen oder Wiesenlandschaften mit Feldgehölzen und auch in naturnahen Gärten finden Wildbienen einen Lebensraum und erbringen Leistungen, sie bestäuben Pflanzen. Hummeln und Mauerbienen fliegen bei geringeren Temperaturen als Honigbienen aus und sind damit effizientere Bestäuber von im Frühjahr blühdenden Obstbäumen als Honigbienen.

Wildbienen sind häufig hochspezialisierte Tierarten, wie die Zweifarbige Mauerbiene. Sie benötigen Schneckenhäuser der Weinbergschnecke als Nistplatz. Nur dort, wo es Weinbergschnecken und leere Schneckenhäuser gibt, kann die Zweifarbige Mauerbiene leben.

Viele Wildbienen brauchen zur Forpflanzung Lehmwände oder Lehm, sie bauen Röhren in Lehmwänden, verschließen mit Lehm die Brutröhren oder bauen mit Lehm eigene Behausungen für die Larven.

Etwa ¾ der im deutschsprachigen Raum vorkommenden Wildbienenarten bauen ihre Nester im Boden, Magerwiesen und Trockenrasen mit ihrer lückigen Vegetation bieten Wildbienen dadurch einen Nistplatz, eine Fettwiese oder ein “Grasacker” jedoch nicht. Dort steht die Vegetation viel zu eng, als dass erdbewohnende Bienen dort Nester anlegen könnten. Blüten der Fettwiesenpflanzen sind als Nahrung für die Wildbienen bedeutend. Fettwiesen mit Hecken oder Trockenmauern können daher Lebensraum von Wildbienen sein.

Große Holzbiene auf Blasenstrauch

Neben den Erdnestern werden Totholz, morsches Holz und dürre Pflanzen als Nistplatz von vielen Arten genutzt. Wälder oder Hecken mit Totholz und anderem absgestorbenen Pflanzen bieten vielen Bienenarten einen Lebensraum. Alle Bienenarten sind bei der Wahl ihrer Nistplätze mehr oder weniger hoch spezialisiert. Das Vorhandensein, die Menge und die Qualität von artspezifischen Nistplätzen sind somit ein entscheidender Faktor für die Verbreitung einer Bienenart. Bei den Nahrungspflanzen und dem Baumaterial haben die meisten Bienen sehr spezifische Ansprüche. Sie reagieren sensibel auf Veränderungen ihrer Lebensräume und eignen sich somit hervorragend als Bioindikatoren. Sie zeigen an, inwieweit die Ökosysteme intakt oder degradiert sind. Die Degradierung von Lebensräumen durch Stoffeinträge wie Pestiziden belastet Wildbienenlebensräume und gefährdet die Artenvielfalt. Auch die Bestäubung und Samenbildung von Pflanzen geht durch das Fehlen von Bestäubern zurück, ohne Bestäuber gibt es auch keine Vermehrung von Pflanzenarten, die auf Insekten als Bestäuber angewiesen sind.

Wildbienen sammeln Pollen und Nektar von Blütenpflanzen. Unweit des Nistpatzes muss es Nahrungspflanzen geben, wobei einige Hummelarten auch Strecken bis 2,5 km von ihrem Nistplatz zum Nahrungsplatz zurücklegen. Der Nekar und der Pollen dient der Ernährung der Wildbienen und der Aufzucht des Nachwuchses. Die aus den Eier schlüpfenden Larven ernähren sich davon.

Einige Arten zeigen eine sehr starke Präferenz für bestimmte Pflanzen und Lebensräume, wie die Eisenhut- Hummel (Bombus gerstaeckeri). Da diese Art an den Eisenhut (Aconitum sp.) gebunden ist und diese überwiegend in den Hochstaudenfluren vorkommt, liegt auch der Verbreitungsschwerpunkt dieser Art in den Hochstaudenfluren. Auch in Schluchtwäldern (Laubwäldern) mit Wolfs-Eisenhut kann die Art in niederen Lagen vorkommen, meist jedoch häufiger in subalpinen Hochstaudenfluren mit dem Blauen Eisenhut, der nicht selten ist.

In trocken- warmen Lebensräumen des Mittelmeerraums gibt es viel mehr Wildbienenarten als in Mitteleuropa. Es gibt aber auch einige Arten, die nur im Hochgebirge und in kühleren Gebieten vorkommen, wie die Trughummel (Bombus mendax). Sie zählt zu den wenigen Hochgebirgsarten und kommt dementsprechend auf alpinen Rasen und hochstaudenreichen Almweiden vor.

Viele Bienenarten suchen immer wieder dieselben Pflanzenarten beim Pollensammeln auf. Beim Nektarerwerb zeigen sie meist eine wesentlich breitere Palette an besuchten Pflanzenarten. Die Begriffe »monolektisch«, »oligolektisch« und »polylektisch« beziehen sich auf dieses Pollenversammelverhalten. Monolektische Arten sammeln nur Pollen einer Pflanzenart, oligolektische Arten nur von weinigen und polylektische von vielen verschiedenen Pflanzenarten.

Polylektisch sind etwa Honigbienen, sie sammeln an vielen verschiedenen Pflanzen Pollen. Monolekitsche Arten sind etwa die Natterkopf-Mauerbiene (Osmia adunca), Zaunrüben-Sandbiene (Andrena florea). Schenkelbienen, nämlich Macropis europaea und Macropis fulvipes, sammeln Pollen (und auch Blütenöl) nur am Gilbweiderich (Lysimachia vulgaris) einer charkteristischen Art der Röhrichte. Die Namen der Bienen verraten, welche Pflanzen sie zum Pollensammeln ansteuern.

Lippenblütler und speziell die Weiße Taubnessel werden von verschiedenen Wildbienenarten aufgesucht

Wildbienen und das landwirtschaftliche Nutztier Honigbiene gehören zoologisch zur Ordnung der Hautflügler (Hymenoptera) und zur Familie der Bienen (Apidae). Die in Staaten lebende Honigbiete ist jedoch die Ausnahme, die meisten Bienenarten leben nicht in Staaten, sondern allein/ solitär. Bei Wildbienen treten große Unterschiede im Sozialverhalten auf, die meisten Arten leben solitär, manche sozial in Staaten und wieder andere parasitisch.

Die großen Staaten der Honigbiene sind die Ausnahme

Parasitische Arten sind auf einen Wirt angewiesen und werden Wirte weniger oder sterben sie aus, so nehmen auch die parasitischen Arten ab oder sterben aus. Der Begriff Parasit klingt vielleicht negativ, doch der Parasitismus ist nur eine Lebensstrategie. Eine Art ist dabei vollkommen an eine andere gebunden und abhängig. Gibt ein Parasit dem Wirt etwas zurück, so würde er als Symbiont bezeichnet. Wie Symbioten leben Parasiten in Abhängigkeit voneinander. Bei Wildbienen gibt es verschiedene Formen des Parasitismus, viele Arten bauen keine Nester und versorgen keine Larven, „Kuckucksbienen“ legen ihre Eier in die Nester anderer Bienen. Sandbienen werden von Fächerbienen parasitiert, welche Larven (nicht Eier) in die Larven der Sandbienen einbringen, die Sandbienenlarve stirbt und die Fächerbiene schlüpft aus der Larve. Nützlinge in der Landwirtschaft, wie Schlupfwespen, leben ebenfalls parastisch und mit dem Parasitismus wird biodiverstätsgebundener Pflanzenschutz betrieben.

Südtirols Wildbienenvielfalt:

Klaus Hellrigl listete für Südtriol 428 Arten auf, darunter 37 erstmals in Südtirol. Er rechnet mit bis zu 500 Wildbienenarten in Südtirol.

Folgende Gattungen  wurden von Hellrigl nachgewiesen (Gesamtartenliste mit wissenschaftlichen Namen auf https://www.zobodat.at/pdf/Gredleriana_003_0143-0208.pdf):

  • Seidenbienen
  • Maskenbienen
  • Andrenidae/ Erdbienen, mit artenreicher Gattung Andrena Sandbienen, Zottelbienen, Buntbienen, Scheinlappenbienen
  • Halictidae/ Schmal- und Furchenbienen
  • (parasitische) Blutbienen
  • artenreiche Gattung der Furchenbienen
  • Schürfbienen
  • Familie Melittidae/ Sägehornbienen
  • Familie Megachilidae/ Blattschneiderbienen
  • Blatschneiderbienen
  • Mörtelbienen
  • Mauerbienen (artenreiche Gattung)
  • Wollbienen Harzbienen
  • Trachusa/ Bastardbienen
  • Stelis/ Düsterbienen
  • Steppenglanzbienen
  • Kraftbienen
  • Kurzhornbienen
  • Wespenbienen
  • Filzbienen
  • Schmuckbienen
  • Fleckenbienen
  • Langhornbienen
  • Eigentliche Bienen
  • solitär lebende Bienen:
  • Keulhornbienen
  • Holzbienen
  • staatenbildende Bienen:
  • Honigbienen: In Südtirol gibt es drei verschiedene Rassen dieser Nutztiere: Apis millifera ssp. millifera, ssp. carnica und ssp. Ligustica
  • Hummeln
  • artenreiche Gattung Bombus
  • Schmarotzerhummeln
Seidenbiene

Schutz und Erhalt der Wildbienen 

Für den Schutz und Erhalt der Artenvielfalt der Wildbienen ist der Erhalt der Lebensräume, beginnend bei Teillebensräumen in der Landschaft wie Hecken und der Strukturausstattung der Lebensräume notwendig.

Extensiv genutzte Wiesen und Weiden sind hochwertige Wildbienenlebensräume. Die Nutzungsintensivierung der Wiesen ist vielfach ein Grund für den Biodiversitätsverlust und in Südtirol wurde im Dolomitengebiet festgestellt:“ Starker Weidedruck dürfte mit eine Ursache für die geringen Bienendichten in den alpinen Lagen am Plateu sein.“ Habiat Schlern, Knopf 2008. Am artenreichsten stellten sich beim Habitat Schlern die extensiven Magerstandorte heraus.

Auch der Schutz der Lebensräume vor Verschmutzung, wie etwa Pestizideneintrag durch die Landwirtschaft, ist notwendig, um die Artenvielfalt zu erhalten und die Funktionalität der Ökosysteme sicherzustellen.

In Europa und Amerika haben in den letzten Jahrzehnten Honigbienen stark abgenommen. Viele Honigbienenvölker starben und bestäubende Insekten nehmen general ab. Dieser Prozess wird als Bienensterben bezeichnet und verdeutlicht das Insektensterben.

Das Europäische Parlament schreibt: “Bienen und weitere bestäubende Insekten sind für unsere Ökosysteme und Biodiversität von entscheidender Bedeutung. Ein Rückgang der Bestäuber bedeutet auch einen Rückgang oder gar das Verschwinden unserer Pflanzenvielfalt und der Organismen, die direkt oder indirekt von ihnen abhängen. Gleichzeitig führen die zahlenmäßige Abnahme der Bestäuberpopulationen sowie die Verringerung ihrer Vielfalt zu Ertragsverlusten in der Landwirtschaft.”

15 Mrd. Euro  ; Ungefährer Wert der jährlichen landwirtschaftlichen Produktion, der der Insektenbestäubung zugeschrieben wird”

Verringerung des Einsatzes von Pestiziden notwendig:

Um die Rückstände von Pestiziden in den Lebensräumen von Bienen weiter zu senken, muss die Verringerung der Verwendung von Pestiziden zu einem grundlegenden Ziel der künftigen Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) werden, so die Abgeordneten.

Europäisches Parlament, Pressemitteilung vom 03-12-2019

Zahlreiche Umweltschutzvereine und die Zivilgesellschaft im Allgemeinen sind für den Erhalt der Artenvielfalt und gegen die Verschmutzung der Umwelt. Die massive Reduktion von Pestiziden in der Landwirtschaft ist eine Aufgabe, welche die Landwirtschaft angehen muss.

(Rote Liste Wildbienen Europa: https://ec.europa.eu/environment/nature/conservation/species/redlist/bees/summary.htm)

Insektensterben

Die Studie von Krefeld (Hallmann et al., 2017) rückte erstmals das Insektensterben in den Fokus und Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, die Masse der Insekten hat in ca. 30 Jahren stark abgenommen, nur noch ein Viertel der Masse an Insekten blieb übrig: Die Messeung der Masse erfolgte mit Malaise Fallen in 63 Naturschutzgebieten. Die Biomasse wurde gewogen und es ergab sich in 27 Jahren eine Abnahme von 76% und im Hochsommer sogar von 82%. Dieser Verlust an Biomasse konnte nicht mit Landnutzungsänderungen, Biotopveränderungen oder Wetterphenomen erklärt werden.

Weltweit nehmen die Insekten ab, über 40% der Insektenarten ist im Bestand bedroht und drohen auszusterben. Das sechste Große Artensterben in der Geschichte der Menscheit vollzieht sich:

  • ein großer Teil der Wasserinsektenarten ist bereits ausgestorben.
  • Der Lebensraumverlust und die Umwandlung zu intensiv genutzten landwirtschaftlichen Flächen ist der Hauptgrund
  • Pestizide, invasive Arten und Klimawandel sind weitere Gründe für das Insektensterben weltweit.

(Weltweite Studie: https://doi.org/10.1016/j.biocon.2019.01.020)

In Europa werden auch Lebensräume zerstört, jedoch tritt das Insektensterben auch ohne Zerstörung der Lebensräume und den Lebensraumverlust auf, wie die Studie von Krefeld zeigte. Auch in Lebensräumen, die nicht verändert wurden, gibt es das Insektensterben.

sichtbarer Pestizidnebel und Abdrift in den Wald

Doch nicht nur die Masse nimmt ab. Eine groß angelegte Studie (Seibold et al., 2019) untersuchte den Bestand an Insekten und Spinnen in drei Regionen Deutschland, in der Schwäbischen Alb, im Nationalpark Hainich und in der Schorfheide Chorin. Im Zeitraum von 2009 bis 2017 nahmen die Masse und die Artenzahlen ab. Unterschiedliche Lebensräume von Wiesen bis zu Wäldern wurden untersucht (150 Graslandlebensräume und 140 Wälder). Die Zahl der Insektenarten nahm in dieser relativ kurzen Zeitraum massiv ab, wie auch die Biomasse – auf den Wiesen nahm die Biomasse um mehr als zwei Drittel 67% ab, die Häufigkeit nahm um 78% ab und die Anzahl der Arten nahm um 34% ab.

Auch in den Wäldern schrumpfte die Biomasse, um 41%. Die Anzahl der Arten nahm um 36% ab.

Die Umweltschutzorganisation Global 2000 publizierte einen Insektenatlas für Österreich, viele Insektenarten sind vom Aussterben bedroht, der Lebensraumverlust und Pestizide sind vor allem verantwortlich.

In Österreich gibt es alleine etwa 700 Wildbienen- und 4.000 Schmetterlingsarten. Das sind deutlich mehr als bei unseren deutschen Nachbarn oder in anderen, größeren Ländern. Die Zahl schrumpft allerdings. Etwa die Hälfte der Tagfalter gilt als bedroht.”

Auf den Facebookseiten zur Biodiversität Südtirols, welche von der öffentlichen Verwaltung betrieben wird, wurde 16. April 2020 gepostet:

“Auch für Österreich wurde inzwischen dokumentiert, dass die Insekten stark im Rückgang sind. Bei uns sind wir noch nicht so weit, aber es wird wohl leider nicht viel besser ausschauen. Genauere Daten über bestimmte Gruppen (Tagfalter, Heuschrecken, zum Teil Käfer, Wanzen und Zikaden) werden in den nächsten Jahren dank Biodiversitätsmonitoring zur Verfügung stehen.”

Für das Insektensterben gibt es jedoch auch in Südtirol genügend Belege und da das Biodiversitätsmonitoring erst 2019 beginnt, wird es in einigen Jahren auch nur Ergebnisse zu Veränderungen für die kurze Zeitspanne seit 2019 liefern. Für fundierte Aussagen müssen Langzeituntersuchungen gemacht werden, Rote Listen bauen auf  Langzeituntersuchungen auf.

Insektensterben in Südtirol:

Für viele Insektengruppen, wie etwa Schmetterlinge, Heuschrecken, Käfer und Libellen liegen in Südtirol Erkenntnisse vor. Rote Roten Listen geben an, welche Arten in ihrem Bestand gefährdet sind und nennen die Gefährdungsursachen. “Die Hauptursache für die Gefährdung der heimischen Heuschrecken ist in Südtirol eindeutig bei der Intensivierung der Landwirtschaft zu suchen.” welche 39% der Arten betrifft, steht in der Roten Liste zu den Heuschrecken geschrieben. Bei den Libellen Südtirols ist “der Artenrückgang auf die starke Urbanisierung der Talsohlen bzw. auf die Intensivierung und Industrialisierung des Obstanbaus, mit dem qualitativen und quantitativen Anstieg von Pflanzenschutzmitteln und der Mechanisierung der Grabenpfege, zurückzuführen.” Diese beiden Roten Listen stammen aus dem Jahr 2018, aktuelle Ergenbisse liegen vor und zeigen auch die Ursachen auf.

Die sehr artenreichen Gruppen der Käfer und Schmetterlinge wurden in Südtirol ebenfalls laufend untersucht, von Nord-Tiroler Experten wie Huemer und Tarmann für Schmetterlinge und Kahlen für Käfer. Libellen und Heuschrecken sind recht übersichtliche Gruppen, weniger als jeweils 100 Libellen- und Heuschreckenarten gibt es in Südtirol. Kahlen wies 4760 Käferarten 2018 im Kompendium der Käfer nach und gab Gefährdungsursachen an. Über Südtirols Schmetterlinge, deren Verschwinden und die Ursachen des Verschwindens gibt es viele Untersuchungen. (Schmetterlingen: http://biodiversitaet.bz.it/2017/12/01/schmetterlinge/ )

Wissenschaftler liefern seit Jahren Beweise: Schmetterlinge, Bienen und Käfer verschwinden. Hauptursache ist die intensive Landwirtschaft. Doch davon will man im Land zwischen Brenner und Salurn nichts wissen. “, schrieb die Wochenzeitschrift ff am 12. April 2018 treffend und offensichtlich soll man noch viele Jahre warten, bis das Biodiverstitätsmonitoring Ergebnisse liefert. 

Das Insektensterben betrifft nicht nur den Arten- und Naturschutz. Insekten spielen im Ökosystem eine wichtige Rolle, auch in Agrarökosystemen zur Lebensmittelproduktion (betroffen sind alle, von der industriellen Lebensmittelproduktion bis zur  Subsistenzwirtschaft).

«Es droht eine Kettenreaktion»

Glenn Litsios, der in der Schweiz für das Biodiversitäts-Monitoring zuständig ist, sagte in NZZ (15.04.2020: «Es droht eine Kettenreaktion.» Denn unzählige andere Arten von Vögeln oder Reptilien ernähren sich von Insekten. Jene sind wiederum die Nahrungsgrundlage für andere Tiere. Und auch für die Menschen gibt es Konsequenzen: «Einige Insekten ernähren sich von Schädlingen. Wenn beispielsweise Blattläuse keine natürlichen Feinde mehr haben, wird das für die Bauern und Gärtner zum Problem.» Es drohen sogar Ernteausfälle und Blattlausplagen sind mit der Vergiftung von Insekten (z.B. Florfliegen, Marienkäfer) vorprogrammiert.

Verbaute Wälder

Wälder üben Schutzfunktion aus: sie schützen vor Erosion des Bodens, Erdrutschen, Steinschlag, Lawinen usw.

Wälder und die Bewaldung schützen vor natürlichen Prozessen, wie Lawinen und Steinschlägen, welche den dynamischen Charakter der Natur wiederspiegeln. Statische Konstruktionen, wie Siedlungen, Strassen usw. sind durch diese dynamischen natürlichen Prozesse oft gefährdet und bauliche Eingriffe werden daher häufig für notwendig erachtet. Bauliche Eingriffe gehen jedoch häufig auf Kosten des Waldes und seiner Schutzfunktion.

Meran- Sommerpromenade
Meran- Sommerpromenade mit Kahlschlag und Vergitterung des Waldbodens

 

Neben waldbaulichen Maßnahmen zur Pflege und Aufwertung von Schutzwäldern können ingenieurbiologische Maßnahmen mögliche Gefahren verringern und langfristig vor Gefahren schützten. Charakteristisch für ingenieurbiologische Maßnahmen ist der Einsatz von Pflanzen und Pflanzenteilen, die im Laufe ihrer Entwicklung für sich, aber auch in Verbindung mit anderen Baustoffen wie Holz oder Steinen für eine dauerhafte Hangsicherung sorgen. Dies deshalb, weil Pflanzen nicht nur den Boden bedecken, sondern diesen mit ihren Wurzeln auch festigen und dadurch die Erosion vermindern.

Heimische Baumarten vermögen den Boden zu festigen und eine Humusschicht zu bilden. Krautige Arten sorgen weiter für die Festigung der Feinerde des Bodens. Die Robinie, ein invasiver Neophyt und nicht heimische Baumart, lockert jedoch Boden durch die unterirdischen Ausläufer und destabilisert dadurch Hänge. Sie lockert den Boden, fördert die Erosion und trägt dadurch nicht zur Stabilisierung von Hängen bei. Die Baumart, als Erosionschutz gepflanzt, bildet Reinbestände aus und im Unterwuchs dieser Ersatzgesellschaften dominieren ruderale und nitrophile Arten. Nicht krautige Laubwaldarten sondern Arten der gestörten Standorte stellen sich in Robinienersatzgesellschaften ein.

Robinen, welche Hänge destablisieren breiten sich durch derartige Kahlschläge aus- nich nachhaltige Waldpflege
Robinen, welche Hänge destablisieren, breiten sich durch derartige Kahlschläge aus: nicht nachhaltige Waldpflege

 

Auf einem Hang an der Sommerpromenade in Meran wurde im Winter 2019/2020 ein Kahlschlag durchgeführt und der Hang mit Metallgittern verbaut. Der Wald wurde nicht waldbaulich sanft und schonend behandelt. Es wurde kein Steinschlagschutz aus Holzkonstruktionen oder Eine Überdachung der Promenade gebaut, sondern ein radikaler und hässlicher Kahlschlag wurde durchgeführt und der Boden mit Metall vergittert.

Die grüne Gemeinde Meran ist für ihren Baumreichtum in der Stadt bekannt. Defizite bestehen in einer schonenden, nachhaltigen Pflege des Waldes. An der Promenade sind Teile des Waldes bereits vollkommen mit Robinien und Staudenknöterich überwuchert, nicht heimische Arten die sich weiter ausbreiten werden. Die mit Robinien degenerierten Hänge wurden nicht mit heimischen Bäumen bepflanzt und aufgewertet.

Eingang Gaulschlucht- der hintere Teil der Schlucht wurde zu einem Natura 2000 Gebiet- der Eingang der Schlucht wurde mit unnützen Verbauungen verbaut- kein Weg findet sich unterhalb der vergitterten Felsen
Eingang Gaulschlucht- der hintere Teil der Schlucht wurde zu einem Natura 2000 Gebiet- die Natur auf den Felsen wurde durch Metallgitter vernichtet.

 

Beim Bau von Erdwällen zum Schutz vor Steinschlägen, Hangrutschungen usw. werden in Südtirol oft Schneißen in den Schutzwald geschlagen und künstliche Erdwälle errichtet. Nicht in der Kulturlandschaft, unmittelbar an den zu schützenden Objekten werden derartige Bauwerke errichtet, sondern im Wald. Mit derartigen Bauwerken wird der Wald auf der Fläche jedoch vernichtet, Treibhausgase freigesetzt und natürlicher Waldböden und die Biodiversität auf der Fläche geht verloren.

Ulten St. Gertraud- Verbauter Wald
Ulten St. Gertraud- Verbauung im Wald

 

Für die nachhaltige Pflege der Wälder und den Schutz des natürlichen Erbes Südtirols, sind Kahlschläge, Erdwälle und andere technisch-künstliche Bauwerke in natürlichen Lebensräumen wie Wäldern gänzlich zu vermeiden.

Die meisten dieser Arbeiten werden von der Agentur für Bevölkerungsschutz der Autonomen Provinz Bozen durchgeführt und auch Auwälder fallen dem Hochwasserrückhalt zum Opfer.

In den Grauerlenauwäldern der Ahr wurden in der Gatzaue Rückhalteräume angelegt und der Auwald weggebaggert.

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Die Gatzaue war der größte Grauerlenauwald an der Unteren Ahr und ist durch zahlreiche Baggerarbeiten, bei denen Auwald gerodet wurde, beeinträchtigt worden. Diese Baggergrube im Bild oben erhielt den Alpinen Schutzwaldpreis Helvetia (http://www.provinz.bz.it/news/de/news.asp?news_action=4&news_article_id=634920).

Fragwürdig ist auch die Preisverleiung für den Abtransport von Holz durch Helikopter, welche ebenfalls diesen Preis erhielten (http://www.forstverein.it/651d1233.html). Für die Bringung von Holz in Südtirols Schutzwäldern kann und darf der Abtransport mit Helikoptern nicht die Regel werden. Die Auszeichnung von derartigen energie- und kostenaufwändigen Holztransporten ist in Zeiten des Klimawandels nicht akzeptabel und steht im krassen Widerspruch zu einer biodiversitätsgebundenen, umwelt- und ressourcenschonenden Holzbrinung mit Pferden oder auch mit Seilwinden oder anderen traditionellen Formen der Holzbringung in subalpinen Schutzwäldern. 

Mehr zu Baggerlöchern und weggebaggerten Ufern: http://biodiversitaet.bz.it/tag/renaturierung/

Stellungnahme auf Presseaussendung Umweltschutzgruppe Eisacktal

(Titelbild: neu aufgeschütteter Erdhaufen im geschützten Biotop Millander Au)

Die Gesellschaft für Biodiversität hat auf die Presseaussendung der Umweltgruppe Eisacktal vom 06.12.2019 mit einer Stellungnahme geantwortet:

(https://umweltgruppeeisacktal.wordpress.com/2019/12/29/pressemitteilung-vom-06-12-2019-zum-thema-auwaldrest-brixen-industriezone/)

„Es würden keine Waldflächen verloren, sondern neue qualitativ hochwertigere Biotopflächen dazugewonnen“ ( Tageszeitung “Dolomiten”, 7/8 Dezember 2019), behauptet die Gruppe der Befürworter der Rodung des Auwaldes und im gleichen Zuge wird behauptet, dass der Verlust des Auwaldes langfristig keiner sei. In Brixen ist zurzeit nicht nur der Auwald in Gefahr, sondern weitere 16 ha Wald, welche in landwirtschaftlich genutzte Flächen umgewandlt werden sollen. Ein derartiger Raubbau an den Wäldern ist ein langfristiger und irreperabler Verlust. Die Behauptung, es würden keine Waldflächen verloren gehen, ist in diesem Kontext vollkommen falsch.

Auwälder nehmen nur 0,6% der Landesfläche ein und jeder weitere Verlust müsste ein absolutes Tabu für Umweltschützer sein und der Schutz der letzten Auwaldreste deren Maxime. Die Zerstörung von Lebensräumen bzw. die Landnutzungsänderungen sind der Hauptgrund für den Biodiversitäsverlust. Auch was die Rote Liste der Tiere und die Rote Liste der Pflanzen Südtirols betrifft, ist die Zerstörung von Feuchtgebieten inklusive Auwäldern die Hauptursache für die Gefährdung der Arten.

Ein wesentliches Ziel der Umweltgruppe Eisacktal ist, vorhandene, noch intakte Lebensräume zu schützen und zu erhalten.” Schreibt die Umweltgruppe Eisacktal in der Pressemitteilung am 06.12.2019. Hier gilt es vor allem auch dynamische natürliche Lebensräume am Eisack zu schützen, was jedoch nicht der Fall gewesen ist. Dynamische Lebensräume, wie Auwälder und Röhrichte sind im Raum Brixen nur mehr spärlich vorhanden und sind durch sogenannte “Aufwertungen” des Flussraumes noch spärlicher geworden. Im Bereich der neuen Nahrerholungszone am Eisack in Brixen gab es ausgedehnte Röhrichte und Auwald auf einer Flussinsel. Diese wertvollen Lebensräume sind jedoch weggebaggert worden. Auch das angeschwemmte Totholz ist entfernt worden und damit gingen Lebensräume verloren, welche die Natur an Gewässern ausmachen. Vorhandene intakte Flusslebensräume wurden nicht geschützt und die als Aufwertung bezeichneten Baumaßnahmen hatten den Totalausfall von naturnahen Lebensräumen zur Folge.

Flussröhricht (grasdominierte Fläche) und Auwald (baumdoninierte Fläche) am Eisack Winter 2018
Naturnahe dynamische Uferbreiche mit Auwald und Röhricht wurden am Eisack in Brixen weggebaggert und gingen verloren

 

Auch der Auwald in der Industriezone in Brixen ist ein intakter Lebensraum für zahlreiche gefährdete Arten.

Zitat Hyla: “Auch wenn es noch offiziell als Auwald eingetragen ist, handelt es sich allerdings fachlich gesehen nicht mehr um das Ökosystem Auwald als solches, welches sich durch regelmäßige Überschwemmungen und einen hohen Grundwasserspiegel entlang eines Flusses auszeichnet, sondern leider um einen trockengefallenen Rest dieses ursprünglichen Auwaldes.”

Das ist fachlich gesehen totaler Unsinn. Die Einstufung eines Waldes als Auwald erfolgt aufgrund seiner Vegetation und der pflanzensoziologischen Zuordnung einer Gesellschaft (allgemein siehe Wikipedia- Auwald ist Pflanzengesellschaft, Der Vorsitzende Andreas Hilpold der Umweltgruppe Eisacktal sollte dies den Vereinsmitgliedern erklären, Checkliste der Lebensräume Südtirols: “Die untergeordneten Hierarchiestufen sind großteils durch die Angabe von Vegetationstypen (Syntaxa) charakterisiert” https://www.researchgate.net/publication/260408067_Checkliste_der_Lebensraume_Sudtirols). 

Die Einstufung einer Fläche als Auwald erfolgt nicht aufgrund dessen, wie oft eine Fläche überschwemmt wird. Dass der Auwald trockengefallen sei, davon kann auch keine Rede sein, denn es wächst sogar Schilf im Auwald, was das untrügliche Zeichen einer guten Wasserversorgung ist. Die Umweltschutzgruppe Eisacktal sollte sich mehr an Fakten halten. Fakten für die Feuchtgebiete und den Zustand der Gewässer im Brixner Raum liefert das Projekt StadtLandFluss Mittleres Eisacktal (2009-2011). Ziel war die planerische Festlegung von Maßnahmen zur Verbesserung der Hochwassersicherheit und Erreichung eines guten ökologischen Zustandes der Gewässer.

Das Projektgebiet umfasst hauptsächlich die Gemeinde Brixen und Vahrn. Der Eisack selbst weist einen GUTEN ÖKOLOGISCHEN ZUSTAND auf, weswegen eine weitere Verbesserung nicht zwingend notwendig ist.

Jedoch wurde festgestellt, dass insbesondere kleinere und mittlere Zubringer harte Verbauungen und naturferne Strukturen aufweisen. Viele Seitengewässer sind für Gewässerorganismen nicht mehr erreichbar oder als Lebensraum ungeeignet. So ist der Bach, der durch Albeins fließt, einer dieser Bäche. Das Projekt sah Renaturierungen für die Seitenbäche vor, unverständlicherweise jedoch wurden die naturfernen Seitenbäche nicht renaturiert, sondern der Eisack selbst wurde umgebaut. Gerade die hart verbauten Zubringerbäche müssten dringendst renaturieriert werden, jedoch ist vom Einsatz für die Renaturierung dieser Gewässer nichts von den Umweltverbänden zu hören. Weder die Umweltschutzgruppe Eisacktal, noch der Dachverband für Natur und Umweltschutz und schon gar nicht die Arbeitsgemeinschaft für Vogelschutz und Vogelkunde treten aktiv für die Renaturierung der ökologisch defizitären Seitengewässer ein.

Der Eisack ist laut Wasserrahmenrichtlinie in einem guten ökologischen Zustand. Nur, der Eisack wurde emsig umgebaut, und dessen Auwälder an den Ufern wurden durchforstet, kahlgeschlagen oder gerodet. Es wurde sogar eine neue Nahrerholungsfläche gebaut, wodurch lebendiger Auwald am Eisack verloren ging und die Ufer wurden hart verbaut. Das heisst für den Bau der neuen Naherholungsfläche wurde Auwald gerodet und die Ufer mit Steinen hart verbaut. Es wurden nicht Sand- und Kiesufer angelegt, sondern harte Verbauungen wurden realisiert. Nur wenig oberhalb dieser Naherholungsfläche befindet sich eine weitere, bereits bestehende Nahrerholungsfläche. Zwei Naherholungsflächen nebenander ist eine zu viel. Die „Aufwertung“ hat dem Ökosystem des Eisack nichts gebracht, sondern im Gegenteil, intakte dynamische Aulebensräume am Eisack gingen verloren.

Die Faktenlage ist klar und beim Projekt Stadt-Land-Fluss wurde festgestelllt:

Es sind noch Reste ehemaliger Flusslebensräume vorhanden, durch welche sich ein relativ hohes ökologisches Potenzial ergibt. Allerdings werden die für das Überleben von Populationen notwendigen Mindestflächen bereits vielfach unterschritten.

  • -Die Auwaldreste des Eisacks stellen einen wichtigen Lebensraum für den in Südtirol selten vorkommenden Kleinspecht dar. 

  • -Das Biotop “Millander Au“ ist von hoher Bedeutung für verschiedenste Libellenarten. 

  • -Es besteht ein hohes ökologisches Potenzial für Amphibien wie z.B. Gelbbauchunke und Laubfrosch. 

  • -Die ursprüngliche Vegetation des heutigen Flussgebietes ist nur mehr auf kleinen Restflächen vorhanden. Durch die Eintiefung des Eisacks und die damit verbundene Grundwasserabsenkung sind diese vom Austrocknen bedroht. 

  • Dynamisch geprägte Lebensräume entlang der Wasserläufe wie Sand- und Schotterbänke, Auwälder oder Röhrichte sind nur mehr spärlich vorhanden.

Der Verlust weiterer dynamischer Lebensräume am Gewässer ist am Beispiel der Umbauarbeiten im Eisack im Bereich der neuen Naherholungszone unübersehbar. So kann man nicht die Biodiversität schützen und den ökologischen Zustand des Flussraums verbessern!

Die Umweltschutzgruppe schreibt in ihrer Aussendung: “Ein langfristiges Ziel der Umweltgruppe Eisacktal wird es sein, sich dafür einzusetzen, dass auch andere Umweltgelder (BBT, Wasserkraft usw.), die der Gemeinde Brixen zur Verfügung stehen, sinnvoll für eine zusätzliche Erweiterung von Feuchtlebensräumen in der Talsohle Brixens eingesetzt werden. Die Aufwertung, Vernetzung und Vergrößerung der intakten Auwaldflächen im Talkessel südlich von Brixen ist und bleibt eine Herzensangelegenheit des Vereines.”

Die Umweltgruppe Eisacktal sollte Ergebnisse von Untersuchungen und Projekten, wie dem Projekt Stadt-Land-Fluss Mittleres Eisacktal, ernst nehmen, und nicht nach Laune und Gutdünken irgendwelche Biotope umbauen und ausbauen. Für den Flussraum im Mittleren Eisacktal liegen die Defizite vor. Die Vergrößerung der Biotope Millander Au und der Schrambacher Au wurden damals bereits gefordet. Die Gesellschaft für Biodiversität begrüßt die Idee, Umweltgelder für den Ankauf von Flächen zu verwenden und es ist höchste Zeit, dass die beiden Biotope vergrößert werden. Ebenso wichtig ist aber die Renaturierung naturferner Zubringerbächen, die aus ihrem Betonkorsett befreit werden müssen. Hier sollten sich die Umweltschutzvereine viel stärker für die Verbesserung des ökologischen Zustands einsetzen. Die Gesesellschaft für Biodiversiät unterstützt die Aufwertung von Gewässern im Brixner Raum, welche nachweislich ökologische Defiztie aufweisen, wie zum Beispiel in Künetten kanalisierte Gewässer. Durch Aufwertungen dürfen aber nicht wertvolle Lebensräume verloren gehen.

Ein umfassender Schutz der natürlichen Lebensräume in der Talsohle Brixen kann langfristig gesehen nur durch die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Interessensverbände, erzielt werden. “ schreibt die Umweltgruppe Eisacktal.

Die Umweltgruppe Eisacktal und auch die Vogelkundler sollten mit anderen Umweltschutzvereinen kooperieren. Die Gesellschaft für Biodiversität unterstützt jede Renaturierung eines in einer Künette verbauten Baches und jede Erweiterung von Biotopen auf landwirtschafltlich genutzten oder bebauten Flächen. Zuallerest müssen aber hochwertige, naturnahe Lebensräume wie der Auwald erhalten werden. 

Der Schutz von Auwaldresten ist niemals verhandelbar. Hier geht es auch um Glaubwürdigkeit. Ein Bauer, der ein Niedermoor entwässert, mit Gülle düngt und neu einsät kann auch sagen, ich mache eine artenreiche Bergwiese aus dem Niedermoor oder eine Kleewiese für Schmetterlinge. Beklagter Verlust wird kein Verlust sein. Vielleicht füttert er noch eine gefährdete Haustierrasse mit dem Heu. So gesehen müssten alle Niedermoore zu artenreichen Bergwiesen oder Kleewiesen für Schmetterlinge werden. Man kann nicht vom Bauern erwarten, dass sie Niedermoore erhalten und nicht wegbaggern, wenn man selbst nicht für den Schutz von Auwäldern eintritt. Der Schutz des Auwaldes in Brixen ist deshalb nicht verhandelbar.

Die Umweltschutzgruppe Eisacktal und die anderen Befürworter der Auwaldrodung sollten zur Vernunft zurückkehren und konstruktiv für die Verbesserung des Flussraums Mittleres Eisacktal eintreten. Die Fakten liegen auf dem Tisch,- es gilt sie umzusetzten. Der Auwald in der Industriezone ist ein wichiger Teil des Flusslebensraums im Mittleren Eisacktal und dieser muss erhalten werden. 

Schwarzerlenauwälder und Schwarzerlenbruchwälder

Der Schutz der Schwarzerlenvorkommen ist vorrangig, wurde bei der Waldtypisierung der Südtiroler Wälder festgestellt und die Wälder mit Schwarzerlen sind ganz besondere Wälder. Schwarzerlen wachsen in Auwäldern und in Bruchwäldern.

 

Schwarzerlen (links im Bild) im Auwald in der Industriezone Brixen
Schwarzerlen (links im Bild) im Auwald in der Industriezone Brixen

 

Schwarzerlenbruchwälder sind in ganz Europa in einem im wesentlichen gleichen Artengefüge verbreitet, denn sie sprechen kaum auf Veränderungen des Allgemeinklimas an und sind damit Musterbeispiele für azonele Vegetation. Sie steigen im Gebirge wenig empor und ihr Verbreitungsschwerpunkt liegt in der planaren und collinen Stufe.

Schwarzerlenbruchwald am Hippolither Bach
Schwarzerlenbruchwald am Hippolither Bach in Tisens: das Bächlein transportiert keine Sedimente und überschwemmt den Wald nicht

 

Die Wasserstandschwankungen im Jahresablauf sind geringer als in Auwäldern und ein von Schwarzerlen beherrschter Bruchwald unterscheiden sich von einem Auwald darin:

  • Bruchwälder sind keine Auwälder, welche von Hochwässern mit Wasser und mineralischen Sedimenten versorgt werden
  • Bruchwälder entstanden zwar auch in Flussauen und den Randzonen dahinter, doch auch an Seen und Teichen und auch kleinen Rinnsalen oder vom Grundwasser gespeisten Flächen haben sind Bruchwälder gebildet
  • Bruchwälder gedeihen auf Böden, in denen das Grundwasser ständig nahe der Oberfläche ist (selten stocken Auwälder auf nassen Böden).
  • Bruchwaldböden können im zeitigen Frühjahr nach der Schneeschmelze unter Wasser stehen und bleiben dann lange naß, während Aueböden schon Tage oder Wochen nach der Überflutung wieder trockenfallen
  • Überschwemmungen bringen Bruchwäldern keinen Schlick und Sand und der Boden wird nicht durch die Sedimente mineralisch bereichert und gedüngt.
  • Bruchwälder stocken auf Bruchwaldtorf mit mindestens 10 bis 20 cm, einem von ihnen selbst erzeugten vorwiegend organischen Oberboden (Viele Auwälder haben praktisch keine Humusschicht, also kein organisches Meterial im Oberboden- Hartholzauen dagegegen haben Humusschicht ähnlich Laubwald).
Schwarzerlenbruchwald in Tisens am Hippolither Bach
Schwarzerlenbruchwald

 

In pflanzensoziologischer Hinsicht sind diese Wälder in verschiedenen Klassen und Verbänden zu finden, nämlich den Verbänden des Alnion incanae (der Klasse Eurosibirische Falllaubwälder) als Auwald und dem Verband Alnion glutinosae (Klasse der Grauweidengebüsche und Schwarzerlenbruchwälser) als Bruchwald.

Schwarzerlenbruchwälder stocken auf extrem nassen Böden mit hoch anstehenden Grundwassser während des ganzen Jahres und sind an Bach- und Flussläufen, Seen oder auch Mooren zu finden. Wie alle Feuchtgebiete sind auch Schwarzerlenbruchwälder in Europa überall sehr selten geworden und diese Lebensräume zeichnen sich durch eine spezielle Tier- und Pflanzenwelt aus. Die Schwarzerle ist neben der Birke der einzige Baum, der echte Bruchwaldstandorte besiedeln kann. Mehrere Pflanzengesellschaften gehören zu den Schwarzerlenbruchwäldern, wie der Sumpfseggen- Schwarzerlenbruch, welcher in der Baumschicht von der Schwarzerle und der Krautschicht von der Sumpfsegge (Carex acutiformis) dominiert wird. Oder der Wasserffeder- Schwarzerlen- Bruchwald (Hottonio- Alnetum), die nässeste Form der Schwarzerlenbruchwälder auf Standorten, welche Wassertiefen von mindestens 50 cm aufweisen und das ganze Jahr über überstaut sind. In diesem Wald sind daher auch Wasserpflanzen vertreten und dominierend. Die Wasserfeder (Hottonia palustris) dominiert diesen Waldtyp, die Baumschicht ist dagegen schlecht entwickelt. Diese Pflanzengesellschaften gehören zu den Schwarzerlenbruchwäldern (Alnion glutinosae).

Kleiner Schwarzerlenbruchwald am Kleinen Montiggler See
Kleiner Schwarzerlenbruchwald am Kleinen Montiggler See in Eppan

 

Bei der Waldtypisierung wurden Südtirols Schwarzerlenwälder  den Erlenauwäldern (Verband Alnenion glutinoso- incanae) zugeordnet und die Bruchwälder wurden darin eingeordnet. Die Scharzerlenauwälder können sich weiterentwickeln zu „echten“ Hartholzauwäldern, welche von Ulmen, Eschen und Eichen in der Baumschicht charakterisiert sind. Bei der Waldtypisierung wurde in Südtirol auch die Ulmen- Eschen- Hartholzau festgestellt. Weichholzauwälder und Schwarzerlenauwälder können sich zu solchen Hartholzauwäldern (Verband Ulmenion) weiterentwicklen.

Auwaldarten kommen in Bruchwäldern nur vor, wenn bei größeren Überschwemmungen ein Eintrag von Mineralboden stattfindet, also wenn Bäche Sedimente (Schluss, Sand usw.) ablagern. In Eschen-Schwarzerlauen entlang der Flüsse und von Bächen kann es zum Eintrag von Sedimenten bei Überschwemmungen kommen. Im Bereich von Mooren gibt es auch Bruchwälder, welche von Fichten, Föhren und Birken beherrscht werden. Auwälder bilden sich auf überschwemmten Standorten (Wasser und Sedimente), Bruchwälder auf Standorten, mit hoch anstehendem Grundwasser und Überschwemmungen sind die Aussnahme (z.B. im Sumpfseggen- Schwarzerlenbruch).

 

Schwarzerlenbruchwald mit einigen Föhren an einem Weiher im Vorbichl, Gemeinde Tisens
Schwarzerlenbruchwald mit einigen Föhren an einem Weiher am Vorbichl, Gemeinde Tisens

 

Schwarzerlenbrüche sind meist nur noch in Fragementen erhalten und in Mitteleuropa äußerst selten, da die meisten Standorte entwässert wurden. In der Schweiz gibt es so gut wie keine Schwarzerlenbrüche mehr (Ellenber§ Klötzli 1972).

Früher wurden die Schwarzerlenbrüche Mitteleuropas forstwirtschaftlich noch in Niederwaldwirtschaft genutzt, was jedoch forstwirtschaftlich als nutzlos gilt. In Südtirol werden diese Wälder jedoch heute noch als Niederwälder genutzt, obwohl auch in Südtirol das Mittelalter schon länger vorbei ist. Die Schwarzerlenwälder Südtirols sind bis auf größere Flächen im Oberen Vinschgau nur noch sehr kleinflächig als Überbleibsel der ehemaligen Naturlandschaft mit ausgedehnten Auen in den Talböden erhalten. Sie sind heute als Lebensraum für Arten in der intensiv genutzten Agrarlandschaft der Talböden von großer Bedeutung.

Bei der Waldtypisierung in Südtirol wurden zwei Schwarzerlenwälder (aus dem Verband Alnenion glutinoso- incanae- Erlenauwälder) beschrieben:

Schwarzerlen- Eschenwald (Pruno- Fraxinetum athyrietosum filix- feminae): Der seltene Waldtyp ist ein eschenreicher Schwarzerlenwald der Tieflagen (bis 900m) auf quelligen und vernässten Standorten mit hochanstehenden Grundwasser. Bestandsbildend sind in der Baumschicht Scharzerle, Esche und Traubenkrische. Die Strauchschicht ist üppig ausgebildet mit Schwarzem Holunder, Hasel, Heckenkirsche, Weiden). Schwarzerlenwälder mit fehlenden Eschen, hochanstehenden Grundwasser und Großseggen wurden als Subtyp dieser Gesellschaft bei der Waldtypisierung zugeordnet. Der Bacheschenwald mit Schwarzerle (Carici remotae- Fraxinetum) ist sehr ähnlich und wurde bei der Waldtypisierung ebenfalls hier angeschlossen.

Naturschutz: prioritär zu schützender Lebensraum nach FFH- Richtlinie (Natura 2000 Code 91E0) Bei der Waldtypisierung wurde der Wald als bachbegleitender Wald im Passeiertal und im Vinschgau mit einer Efeu- Ausbildung angeführt.

(Eschen-) Schwarzerlenau

Schwarzerlenwald des geschützten Biotops Burgstaller Au
Schwarzerlenwald des geschützten Biotops Burgstaller Au in Burgstall

 

Die meisten Schwarzerlenauen Südtriols (die Schwarzerlenauen im Bereich der Etsch im Vinschgau bis zu der Schwarzerlenau Burgstall) wurden bei der Waldtypisierung als Pruno- Fraxinetum typicum beschrieben. In den letzten Resten der einstigen Etschauen im Vinschgau sind die Wälder welche von der Schwarzerle dominiert werden auf Standorten mit hohen Grundwasserstand zu finden. Die Kratzbeere und nährstoffliebende krautige Arten und Gräser bilden eine üppige Krautschicht. Laubwaldarten oder Auwaldarten sind je nach Standort in den Wäldern vorhanden. Von den Baumarten ist meist die Schwarzerle dominant, wobei Grauerle, Schwazpappel, Hängebirke, Bergulme und Salweide möchlich sind. Die Esche ist eingesprengt vorhanden.

Waldfunktion: Laut Waldtypisierung bieten die Bestände Schutz vor Vermurungen aus Seitentälern und sind Lebensraum seltener Vogelarten und auch Einstand für Schalenwild.

Entwicklung: starke Beweidung und Eingrag von Dünger aus angrenzenden Flächen verändern die natürliche Pflanzengesellschaft.

Erdhaufen im geschützten Biotop Burgstaller Au
Erdhaufen im geschützten Biotop Burgstaller Au

 

Waldbauliche Behandlung: Der Schutz der Schwarzerlenvorkommen ist vorrangig, wobei alte Entwicklungsphasen erhalten werden sollen. Die periodische Überflutung der Bestände sollte ermöglicht werden (siehe Revitalisierung ). Die Befahrung der Standorte ist zu vermeiden.

Naturschutz: prioritär zu schützender Lebensraum nach FFH- Richtlinie (Natura 2000 Code 91E0)

Kleiner Wassergraben in Burgstaller Au mit Froschlöffel und Wasserstern
Kleiner Wassergraben in Burgstaller Au mit Froschlöffel und Wasserstern

 

Für Vögel sind Auwälder und Bruchwälder wichtige Lebensräume. In den Schwarzerlenwäldern des Vinschgaus können zahlreiche Vogelarten beobachtet werden, Brutvögel und Zugvögel. Bei Bestandserhebungen in einem Schwarzerlenbruchwald im Oberen Vinschgau wurden im Juni 1973 während der Brutzeit der Turmfalke, der Fasan, die Turteltaube, Kuckuck, Buntspecht, Mauersegler, Rauch- und Mehlschwalbe, Dohle, Elster, Blau- Kohl- und Weidenmeise, Waldbaumlläufer, Zaunkönig, Amsel, Sumpfrohrsänger, Gelbspötter, Mönchsgrasmück, gartengrasmücke, Dorngraumücke, Zilpzalp, Grauschnäpper, Bachstelze, Neuntöter, Stieglitz, Girlitz, Buchfink, Goldammer, Feldperling. Von diesen Arten ist die Turteltaube heute in Südtirol als Brutvogel ausgestorben.

Viele Schwarzerlenauen wurden unter Naturschutz gestellt, aber nicht alle. Auch wenn Flächen unter Naturschutz stehen, so bedeutet dies noch lange nicht, dass sie vor aufgeworfenen Erdhäufen oder anderen Unsitten sicher sind (siehe Bild oben). Über die Bedeutung der Burgstaller Au erfährt man mehr auf https://www.zobodat.at/pdf/Jb-Verein-Schutz-Bergwelt_42_1977_0087-0099.pdf.

 

 

Auwald Brixen

Titelbild: Auwald Brixen mit mächtiger Ulme in Bildmitte

In der Industriezone Brixen ist einer der letzten Auwälder des Eisacktales erhalten geblieben und Auwälder sind sehr seltene Waldtypen, nur 0,6% der Waldfläche Südtirols ist Auwald der Tallagen. Der Auwald droht für immer zerstört zu werden. Auwälder sind prioritär zu schützende Lebensräume nach der Habitatrichtlinie der EU und in Südtirol unterliegen sie dem Schutz durch das Naturschutzgesetz.

 

Das Artenschutzzentrum beteiligt sich an der Menschenkette für den Auwald

Am 14.12.2019 versammelten sich Menschen und bildeten einen Menschenkette für den Erhalt des letzten großen Auwaldes des Eisacktals. Es wurden kurze Reden gehalten, etwa von der Umweltaktivistin Magdalena Gschnitzer, Preisträgerin des Euregio Umweltpreises für aktiven Umweltschutz 2017. Es wurde auch eine Tanzperformance der Gruppe Shabba Crew aufgeführt und auf youtube  veröffentlicht.

Naturjuwel Auwald Brixen

Der Auwald in der Industriezone ist als Auwald einfach an den vorherrschenden Baumarten erkennbar, Erlen und Pappeln prägen den Wald. Viele weitere Laubbäume (Weidenarten, Ulme, Ahorn) und Sträucher bilden mit Hopfen und Waldrebe einen dichten Auwald und die für Auwälder charakteristische Kratzbeere (Rubus caesius) bedeckt weite Teile des Auwaldes. Die Bergulme, deren Bestand in Europa abnimmt und zu den gefährdeten Baumarten Europas gehört (Rote Liste Bäume EU: gefährdet VU), wächst ebenfalls im Auwald.

In der Waldtypisierung ist der Auwald als Auwald der Tallagen AE eingetragen (darin sind die Schwarzerlenauwälder, die Grauerlenauwälder der Tallagen, Silberweidenauwälder und auch die Ulmen- Eschen Hartholzau enthalten inklusive waldbaulich stark veränderte Auwälder mit dominierenden Fichten. Von Südtirols gesamter Waldfläche nehmen diese Wälder nur 0,6% ein).

Vom Unternehmen STEFAN GASSER UMWELT&GIS (ZUSTANDSBEWERTUNG DES WALDRESTS IN DER INDUSTRIEZONE BRIXEN
MIT FOKUS AUF DESSEN ÖKOLOGISCHER FUNKTIONALITÄT) wurde der Auwald als Zwischenform den Verbänden des Grauerlen-Auenwalds
(Alnion incanae) und des Hartholz-Auenwalds (Fraxinion) zugeordnet, wobei keine genaue Zuordnung auf Gesellschaftsebene erfolgte sondern nur auf Verbandsebene und damit sehr ungenau der Wald beschrieben wird. Der Auwald wurde in dieser Bewertung entsprechend dem Lebensraumtypenschlüssel zwei Lebensräumen zugeordnet:

61210 „Grauerlen-Auwälder (Alnetum incanae)

61300 „Eichen-Ulmen-Eschen-Hartholzauwald (Ulmenion),

In dieser Zustandbewertung fällt auf, dass es sich einmal um den Verband Fraxinion und einmal um Ulmenion handeln soll und es vollkommen unklar ist, um welchen Auwald es sich tatsächlich handelt. Ein Grauerlenauwald ist der Auwald sicher nicht, da die typischen Arten der Grauerlenauwälder fehlen und typische Arten des Hartholzauwaldes, etwa die Wilde Rebe und zwei Ulmenarten im Auwald wachsen. Nur in der Nähe des Eisacks stehen einige Erlen. Einige  Bäume sind wahrscheinlich wegen das Erlensterben, das durch Pilze ausgelöst wird, abgestorben.

Die Funktionalität des Auwaldes wird vor allem dadurch beeinträchtigt, dass der Auwald vom Wasser des Eisacks durch den Damm und die Straße getrennt ist. Der Auwald liegt ca. 2 m unter der Straße bzw. dem Damm und wird daher bei alljährlichen Hochwässern nicht mehr überflutet. Das Niedrigwasser des Eisack liegt ca 1,5 m unterhalb des Auwaldes. Im Rahmen des „Biotopvernetzungskonzept Flussraum Mittlerer Eisack“ wurde der Auwald waldbaulich aufgewertet (http://www.provinz.bz.it/news/de/news.asp?news_action=4&news_article_id=520195.)

Auwälder werden oft mit tropischen Regenwäldern verglichen und Auwälder sind in Europa ein Hotspot der Biodiversität. Die dichten undurchdringlichen Wälder mit Lianen und Sträuchern erinnern an Urwälder. Ihre Vitalität verdanken sie der guten Nährstoff- und Wasserversorgung. Der Auwald in Brixen wird heute nur noch bei extremen Hochwässern überflutet (30 jährige und 100 jährige Ereignisse), ähnlich wie alle Hartholzauwälder (Situation ähnlich Hartholzau siehe https://www.spektrum.de/lexika/showpopup.php?lexikon_id=7&art_id=1098&nummer=193) Der Auwald ist aber mit dem hochanstehenden Grundwasser am Eisack gut mit Wasser versorgt, ähnlich wie die Schwarzerlenauen im Vinschgau. Untrügerisches Zeichen für die gute Wasserversorgung ist der Schilfbestand und die üppige Vegetation.

 

Schilf im Auwald in der Industriezone- der Auwald ist gut mit Wasser versorgt
Schilf im Auwald in der Industriezone- der Auwald ist gut mit Wasser versorgt

 

Der Auwald ist für zahlreiche Vogelarten Lebensraum, für Zugvögel und für Brutvögel. Insgesamt konnten bei Bestandserhebungen im Auwald 64 Vogelarten gezählt werden. Von 29 Arten konnte eine Brut im Gebiet nachgewiesen werden und der Auwald ist damit ein wichtiges Brutgebiet für Vögel.

Vogelnest auf Schwarzpappel im Auwald
Vogelnest auf Schwarzpappel im Auwald

 

Von diesen Brutvögeln scheinen auch Arten in der Roten Liste auf: gefährdet sind der Grauschnäpper, der Wendehals, der Grauspecht, die Nachtigall, der Waldlaubsänger  und der Wiedehopf. Auch der in Südtirol sehr seltene Kleinspecht wurde im Auwald beobachtet (Andreas Hilpold, Offener Brief UG Eisacktal 2018). Nach der Roten Liste (Rote Liste Vögel Südtirol von 1994) ist der Wiedehopf stark gefährdet und der ebenso der Kleinspecht. Grauspecht, Grauschnäpper, Waldlaubsänger, Nachtigall und Wendehls sind potentiell gefährdet. Jedoch haben seit der Erstellung der Roten Liste viele Arten in Südtirol abgenommen, wie etwa die Nachtigall.

Alte absterbende Scharzerle mit zahlreichen Spechthöhlen im Auwald
Alte absterbende Scharzerle in Bildmitte mit zahlreichen Spechthöhlen

Eine ornithologische Besonderheit, auch weil die Brutkolonie die einzige am Eisack ist, ist die Graureiherbrutkolonie auf den Fichen. „Die Bäume, die dem Graureiher als Brutplätze dienen, werden natürlich belassen“, betonte das Landesamt für Landschaftsökologie, als Fichten im Auwald gefällt wurden, um den Auwald waldbaulich aufzuwerten. Die Gruppe von Fichten im Auwald blieb stehen und die Graureiher brüten alljährlich im Auwald.

Beim Projekt Stadtlandfluss wurde klar hervorgehoben, dass noch Reste ehemaliger Flusslebensräume vorhanden sind, durch welche sich ein relativ hohes ökologisches Potenzial ergibt. Es wurde auch festgehalten, dass die für das Überleben von Populationen notwendigen Mindestflächen bereits vielfach unterschritten werden und jeder weitere Verlust einer Auwaldfläche gefährdet damit das Überleben von Arten. Zum Erhalt der Artenvielfalt ist der Schutz der Lebensräume notwendig.

 luftig lichte Baumkronen des Auwaldes

Baumkronendach des Auwaldes mit Schwarzpappeln

Bemerkenswert ist das Vorkommen des Grauspechtes (Picus canus) im Auwald. Er ist in Europa eine Art der Auwälder (vgl. http://www.natura2000.steiermark.at/cms/beitrag/12596523/138816549/) und zählt zu den Leitarten der Berg-Buchenwälder, Hartholz-Auenwälder und Eichen-Hainbuchen-Wälder in Deutschland (Flade 1994). In den letzten Jahrzehnten haben die Bestände an Grauspechten vielfach abgenommen (Deuschtland, Schweiz). In Südtirol wurden von 2010 bis 2015 immerhin in 7 Rasterfeldern Bruten nachgewiesen (AVK 2017), wobei im Unterland und Eisacktal- Wipptal die Bruten abgenommen haben, wie im Brutvogelatlas erkennbar ist. Der Grauspecht braucht strukurierte Landschaften und Wälder mit Altbaum- Totholzbestand und der Auwald in Brixen ist ein idealer Spechtlebensraum.

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Alte absterbende Scharzerle mit zahlreichen Spechthöhlen im Auwald
Alte absterbende Bäume mit zahlreichen Spechthöhlen finden sich sehr zahlreich im Auwald, von den Baumkronen der Pappeln bis weit unten an der Basis von Schwarzerlen- in diesen Höhlen können auch Quartiere von Fledermäusen sein

 

Bemerkenswert ist auch das Brutvorkommen der Nachtigall im Auwald. „Die Nachtigall kommt in den Tallagen vor. Sie besiedelt mit Vorliebe den unteren Waldrandbereich und Ufergehölze. Im Eisacktal reichte das Verbreitungsgebiet nur bis Brixen. In dieser Beobachtungsperiode wurden zum ersten Mal auch singende Exemplare im Pustertal festgestellt. Der Bestand ist in den letzten zwei Jahrzehnten dramatisch zurückgegangen, durch weitere Verluste an Auwaldflächen, Entfernung von uferbegleitenden Gehölzen und des strauchreichen Unterholzes in den Laubwäldern.“ (Brutvogelatlas, AVK 2017). Die Lebensraumzerstörung ist die Hauptursache für die Gefährdung der Nachtigall in Südtirol und bestehende Lebensräume der Nachtigall müssen aus Vogelschutzgründen unbedingt erhalten werden.

 

Auwald am Eisack in der Industriezone Brixen mit Nest des Graureihers auf der Pappel
Auwald am Eisack in der Industriezone Brixen mit Kletterpflanzen (Gemeine Waldrebe und Wilder Hopfen) und Nest der Elster in der Pappel hinten.

 

Der Auwald birgt zahlreiche weitere Schätze, wie den Großen Erlenprachtkäfer (Dicerca alni). In der Publikation „Neue Fundangaben zu einigen Fluginsekten in Südtirol“ von Klaus Hellrigl, 2015, wird diese Art für den Auwald in der Industriezone erstmals für Südtirol beschrieben. Im Sommer 2013 und 2014 hat G. Mörl aus dem Erlenholz die Käfer gezogen und nachgewiesen.

Moderholz mit Pilzen im Auwald in der Industriezone
Moderholz mit Pilzen im Auwald in der Industriezone

 

Die Larven entwickeln sich im toten Holz, überwiegend in absterbenden Erlen. Die besonders wärmeliebende Art ist ein Waldtier und bevorzugt feuchte Wälder und Auwälder. Sie kommt auch in anderen Gehölzen vor und dabei auch in anderen Wäldern. Die Larven entwickeln sich im Splintholz des Stammes oder in stärkeren Ästen. Die Fraßgänge sind geschlängelt, verlaufen jedoch vorwiegend parallel zur Längsachse des Stammes. Sie sind relativ flach, bis zu 15 Millimeter breit und prall mit feinem Bohrmehl gefüllt. Die Entwicklung ist mehrjährig. Kurz vor der Verpuppung führt die Larve den Gang aus dem Holz nochmals bis dicht unter die Rinde, dann legt sie tiefer im Splintholz die Puppenkammer an. Der ausgewachsene Käfer verlässt die Puppenwiege durch den letzten von der Larve angelegten Gangabschnitt. Fertig entwickelte Käfer wurden im Oktober in der Puppenwiege gefunden. Über die Biologie der Käfer gibt es noch Wissenslücken.

Auwald in der Industriezone Brixen mit Totholz Lebensraum einer Vielzahl hochspezialierter Käferarten
Auwald in der Industriezone Brixen mit stehendem und liegendem Totholz

 

Franz Pattis hat Umweltschützer zu Engagement aufgerufen und das Artenschutzzentrum hat sich mit dem WWF, Legambiente und Umweltgruppe Olang dem Aufruf angeschlossen.

Einer der letzten Auwälder in Südtirol ist in Gefahr zu verschwinden, schreibt der WWF Bozen https://wwfbolzano.com/2019/09/17/rischia-di-scomparire-per-fare-posto-ad-altri-capannoni-uno-degli-ultimi-boschi-fluviali-dellalto-adige/.

Traurig aber wahr, Vertreter der Umweltgruppe Eisacktal Hyla oder einer der  Arbeitsgemeinschaft für Vogelschutz und Vogelkunde oder einer des Dachverbandes für Natur- und Umweltschutz sind  hingegen nicht zum Treffen erschienen und haben sich nicht dem Aufruf angeschlossen. Diese drei Vereine verhandeln stattdessen schon länger mit der Firma Progress über Ausgleischsmaßnahen. Martin Hilpold hat die Umweltgruppe Eisacktal Hyla am 19.09.2019 angeschrieben und gefragt, warum sie nicht zum Treffen gekommen waren und am 20.10.2019 erreichte das Artenschutzzentrum eine Antwort in der stand:“ Die Verhandlungen mit der Progress laufen inzwischen weiter und es gibt bereits einige Zusagen. Das Land und die Gemeinde Brixen unterstützt unsere Vorgehensweise und Sie werden näherer Zunkunft eine Pressemittleiung von der UB Eisacktal in den Medien genaueres entnehmen können.“ Über eine Presseaussendungen werden also andere Umweltschutzvereine, wie auch der WWF oder Legambiente informiert.

Auf Nachfrage an die drei Vereine (AVK, UG Eisacktal und Dachverband) und Bitte um Übermittlung der Daten zu den Vogelerhebungen im Auwald, erfolgte von keinem der drei Vereine eine Auskunft. Die Umweltgruppe Eisacktal hat wenigstens auf die Nachfrage geantwortet, die Frage an die AVK zu richten. Diese hat auf zweifacher Nachricht nicht geantwortet. Eine vernünftige  Zusammenarbeit für den Schutz der Biodiversität in Brixen kann unter derartigen Vorraussetzungen freilich nicht stattfinden. Wenn diese Vereine lieber mit Baufirmen als mit anderen Umweltschützern zusammenarbeiten, kann für die Natur nichts dabei herauskommen.

Als Ausgleich für die restlose Zerstörung des Auwaldes von ca 2 ha hat die Umweltgruppe Eisacktal die Vergrößerung des Biotopes Millander Au um 1,75 ha (laut Bauleitplan der Gemeinde Brixen um 1,6 ha) geplant. „das Endziel vollinhaltlich erreicht wird, und zwar dass durch das Projekt in Summe keine Waldflächen verloren, sondern neue, qualitativ hochwertigere Biotopflächen dazu gewonnen werden.“ schreibt die Umweltgruppe Eisacktal in der Presseaussendung vom 06.12.2019. Dass im Brixner Raum weitere ca 16 ha Wald in landwirtschaftliche Flächen umgewandelt werden sollen, ist in ihrer Rechnung freilich nicht enthalten. „Beklagter Verlust wird langfristig keiner sein„, war der Titel in der Tageszeitung „Dolomiten“ vom 7/8.12.2019 und „Endziel erreicht“ in der Tageszeitung ebenfalls an diesem Wochenende.

Der Ausgleich mit der Vergrößerung der Millander Au wird jedenfalls nicht viel bringen, da invasive Neophyten bereits im Biotop wuchern (https://www.umwelt.bz.it/aktuelles/termine/archiv/ug-eisacktal-springkraut-bekämpfen-in-der-milander-au.html). Neben dem Springkraut wachsen auch einige Robinien auf der neu gestalteten Böschung und Topinambur ist ebenfalls in der Millander Au anzutreffen. Diese Arten sind invasive Neophyten und eine Gefahr für die Biodiversität. Für die Laubfrösche wurden bereits zahlreiche Tümpel angelegt und trotzdem sterben sie aus (nur noch ein Exemplar wurde 2019 gefunden).

Dass sich durch die künstliche Störung mit Baggerarbeiten bei Renaturierungen Neophyten weiter ausdehnen, ist auch wissenenschaftlich nachgewiesen worden (Vegetationsentwicklung nach einer Flussrenaturierung in den Alpen, Zerbe et al. 2019). Mit Ausgleichsmaßnahmen können bestehende hochwertige Auwälder nicht ersetzt werden.

Die kleinflächigen Auwaldreste sind daher kümmerliche Überbleibsel. Jegliche weitere Reduzierung dieser Flächen sollte im 21. Jahrhundert eigentlich Tabu sein. Die besagten Flächen sind von fundamentalem Wert für die heimische Flora und Fauna.

schrieb Andreas Hilpold, Eurac Mitarbeiter und Hyla Vorsitzender. in einem offenen Brief noch im Jahr 2018 an Gemeinde und Medienvertreter- nur ein Jahr später ist der Auwald nicht mehr von fundamentalen Wert für die heimische Flora und Fauna.

„Ich möchte aber betonen, dass sich derzeit die Landnutzungsänderungen lokal und global viel negativer auf die Biodiversität auswirken, als der Klimawandel….Der beste Schutz ist eindeutig der Erhalt oder im Notfall die Restaurierung…“

Prof. Ulrike Tappeiner, Präsidentin der Freien Universität Bozen und Professorin für Ökologie an der Uni Innsbruck, im Interview zur biologischen Vielfalt im alpinen Raum und in Südtirol in der Wochenzeitschrift Zett vom 29.09.2019.

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In der Landtagsanfrage Nr. 19/10/2019, eingebracht von den Abgeordneten Faistnauer, Ploner Alex und Ploner Franz am 2.10.2019 wurde die Frage gestellt: “ Ist der Landesregierung bekannt, dass es sich bei diesem Waldstück um einen wertvollen und gesetzlich geschützten Lebensraum handelt und dass dieser Auwald im Bewusstsein vieler Menschen ein wertvolles Naturjuwel darstellt?“ Die Antwort der Landesrätin HOCHGRUBER KUENZER (Landesrätin für Raumordnung und Landschaftsschutz, Denkmalschutz – SVP):

„Ja, der Landesregierung ist bekannt, dass es sich bei diesem Waldstück um einen wertvollen und gesetzlich geschützten Lebensraum handelt und dass es durch das Naturschutzgesetz geschützt ist. Es ist auch bekannt, dass dieser Wald von vielen Menschen geschätzt und auch dementsprechend genutzt wird.“

Auwälder sind Lebensraum einer Vielzahl bedrohter Tier- und Pflanzenarten (Fledermäuse, Schmetterlinge, Vögel usw.). Nahezu die Hälfte der Tierarten sind durch die Zerstörung der Lebensräume gefährdet oder ausgestorben (Rote Liste Tierarten Südtirol) und besonders Arten der Auen sind davon betroffen und jeder weitere Verlust eines Auwaldes ist ein großer Schaden für die Biodiversität. „In Südtirol sind 41 Prozent der Tierarten gefährdet und um sie zu schützen, müssen ihre Lebensräume  erhalten werden. Viele der gefährdeten Arten zeigen indirekt auch gefährdete Lebensräume auf, die es zu erhalten gilt,” steht auch auf den Seiten der Provinz Bozen http://www.provinz.bz.it/natur-umwelt/natur-raum/naturschutz/fauna.asp

Im Gebiet sind auch sogenannte “Renaturierungsmaßnahmen” und Aufwertungen von der öffentlichen Hand durchgeführt worden, einige Fichten und Föhren wurden gefällt. Laut Brixneronline vom 12.01.2016 sind am 28. Oktober dafür vom Forstinspektorat Brixen 73 Bäume ausgezeigt worden: 36 Fichten und 37 Kiefern. Der Wald wurde waldbaulich aufgewertet. Weitere Renaturierungen wären möglich:

Anbindung von Auen

Die Millander Au und der Auwald in der Industriezone haben eines gemeinsam: durch den Bau des Dammes am Eisack sind sie von den Hochwässern des Eisacks abgeschnitten. Auen werden unterteilt in rezente Auen, welche von Hochwässern regelmäßig überflutet werden oder Altauen, Auen die von den Hochwässern abgetrennt sind.

Die Millander Au und der Auwald in der Industriezone sind beides Altauen, auch wenn durch ein Extremereignis die Auen überschwemmt werden (episodische Überschwemmung, z.B. Jahrhundertereignis). Heute sind beide Auen durch den Damm von den alljährlich auftretenden Hochwässern des Eisacks entkoppelt und nur indirekt über den Grundwasserspiegel mit dem Eisack verbunden. Auch vom Stofftransport mit Kies, Sand und Steinen sind sie dadurch vom Eisack entkoppelt.

Auch ohne Rückbau des ganzen Dammes könnte der Auwald durch den Bau eines Verbindungsrohres zum Eisack hin wieder mit Wasser aus dem Eisack geflutet werden. Verschiedene Größen und Dimensierungen eines Rohres oder Dammdurchbruchs wären möglich und durch den Bau einer Hochwasserschutzmauer um dem Auwald könnte die Überflutung der Industriezone bei Spitzenhochwässern verhindert werden. Mit einem verschließbaren Zulauf vom Eisack zum Auwald könnte auf eine Hochwasserschutzmauer um den Auwald verzichtet werden. Die Anbindung des Auwaldes an das Hochwasserregime ist möglich und ebenso eine Renaturierung durch die Verbindung mit den Hochwässern des Eisacks. Aus der Altau würde eine rezente Au und ein Auwald, der die Funktion des Hochwasserrückhaltes erfüllt.

Anlage von Teichen

In Südtirol werden als Renaturierungen häufig einfach Flächen ausgebaggert und etwa Grundwasserteiche angelegt. In der Studie zur Fluss- und Auenrenaturierung in Südtirol finden sich mehrere Projekte, bei denen Teiche als Renaturierung gebaut wurden und in der Millander Au wurden bereits Teiche und Tümpel gebaut.

Eine Aufwertung und Renaturierung des Auwaldes in der Industriezone Brixen durch die Anlage von Teichen ist sehr leicht möglich ist. Neben dem Auwald Brixen gibt es eine Wiese auf einer Fläche von etwas mehr als einen Hektar, in die ein Grundwasserteich gebaut werden könnte. Kein Stück des Auwaldes müsste gerodet werden, da auf der Wiese genügend Platz vorhanden ist. Mit dem Bau eines Teiches würden auentypische Lebensräume wie stehende Gewässer oder Tümpel geschaffen und die Au als Ganzes aufgewertet und weiter vergrößert. Der Auwald in der Industriezone ist im Gegensatz zur Millander Au nicht von landwirtschaflichen Flächen umgeben, wodurch die Gefahr von Stoffeinträgen aus der Landwirtschaft (Pestizide, Dünger) den Auenstandort nicht gefährden kann. Eine Renaturierung der Wiese zu einem Feuchtgebiet mit Teichen und Tümpeln wäre sinnvoller als in der Millander Au, die Gefährdung des Ökosystems durch Stoffeinträge aus der Landwirtschaft ist ausgeschlossen. Der Rest der Wiese könnte aufgeforstet werden und damit die Fläche des Auwaldes noch weiter vergrößert werden. Ein über drei Hektar großes Feuchtgebiet und eine Oase der Natur könnte in Brixen entstehen.

 

Mächtige Pappel (Populus nigra) im Auwald
Mächtige Schwarz-Pappel (Populus nigra) im Auwald

Mediale Berichterstattung

Auf die Presseaussendung der Umweltgruppe Eisacktal vom 6.12.2019, welche den letzten großen Auwald im Eisacktal auf einer Fläche von drei Hektar (Wald und Wiese) für die Erweiterung des Biotopes Millander Au um 1,6 ha opfert, hat die Gesellschaft für Biodiversität mit einer Stellungnahme reagiert: http://biodiversitaet.bz.it/2020/01/07/stellungnahme-auf-presseaussendung-umweltschutzgruppe-eisacktal/

Auf den Nachrichtenseiten von Südtirol News sind die Positionen des Artenschutzzentrums online wiedergegeben:

https://www.suedtirolnews.it/politik/ja-zum-erhalt-des-auwaldes-in-der-brixner-industriezone

https://www.suedtirolnews.it/politik/umweltschuetzer-machen-sich-weiter-fuer-den-auwald-in-brixen-stark

https://www.suedtirolnews.it/politik/auwald-brixen-umweltgruppen-gespalten

https://www.suedtirolnews.it/chronik/in-brixen-ist-nicht-nur-der-auwald-in-gefahr

https://www.suedtirolnews.it/politik/gegen-die-zerstoerung-des-auwaldes-in-brixen

https://www.suedtirolnews.it/politik/auwald-wie-die-urlaerchen-im-ultental-video

Landtagsentscheidung mit 15 zu 14 gegen den Erhalt des Auwaldes am 05.02.2020 https://www.suedtirolnews.it/politik/auwald-zuege-und-leere-wohnungen-auf-der-agenda . Der Stadtrat der Gemeinde Brixen hat am 22.01.2020 die Änderung des Gemeindebauleitplanes beschlossen: Umwidmung von 31.3148m² von Wald mit besonderer landschaftlicher Bindung, Landwirtschaftsgebiet usw. in Gewerbegebiet. Der Auwald wurde damit zu einem Gewerbegebiet im Bauleitplan. Gleichzeitig wurde die Erweiterung des „Biotops Millander Au“ um 16,033 m² eingetragen.

In der Tageszeitung vom 14./15.09.2019 hat das Artenschutzzentrum klar dargelegt, dass ein neu angelegtes Feuchtgebiet oder andere Maßnahmen einen bestehenden hochwertigen Auwald nicht ersetzten können: „Der Brixner Auwald wuchs über mehrere hundert Jahre, brauchte also viel Zeit, um seine heutige Form zu bekommen. Den Faktor Zeit kann man aber aber nicht künstlich erzeugen“. Tierarten, wie der Große Erlenprachtkäfer brauchen einen Wald mit alten Erlen und viele andere Tierarten sind auf Wälder mit alten Bäumen angewiesen. Natur kann nicht von Menschenhand gemacht werden, Natur entsteht und muss zuallerest geschützt werden.

In der Tageszeitung „Dolomiten“, vom Freitag 13. September 2019 wurde vom Bürgermeister der Eindruck erweckt, dass der Wald in der Industriezone kein Auwald sei. In der Ausgabe vom 14. September 2019, stellte Martin Hilpold klar, dass der Wald sowohl in der Waldtypisierung Südtirols Band 2 S. 212 ( online unter http://www.provinz.bz.it/land-forstwirtschaft/wald-holz-almen/studien-projekte/waldtypisierung-suedtirol.asp) als auch beim Projekt Stadtlandfluss (online http://www.provinz.bz.it/sicherheit-zivilschutz/wildbach/stadtlandfluss.asp) als Auwald angesprochen und eingetragen ist. Auch in der Karte der Aktuellen Vegetation Südtirols ist es ein Auwald.

Der Vorsitzende des Dachverbandes für Natur- und Umweltschutz Dissinger wurde laut Tagesezeitung vom 21.11.2019 von der Umweltgruppe Eisacktal darauf hingewiesen, „dass die Wasserzufuhr im Auwald unterbunden ist“. Ein Trinkwasserschutzgebiet ist aber im Auwald vorhanden und so scheint dort tatsächlich Wasser im Boden zu sein (Achtung Satire!).

Obwohl  es Umweltschutzvereine gibt, die von Biodiversität reden, sind diese nicht für den Erhalt und Schutz des Auwaldes eingetreten und sie arbeiten auf ihr „Endziel“ hin, die Rodung des Auwaldes und Bau eines 

Die Umweltgruppe Eisacktal ist zufrieden und „die Wildbach macht hier gute Arbeit in Zusammenhang mit den Verantwortlichen vom Projekt Stadt-Land-Fluss“, schrieb Martin Prader von der UG Eisacktal dem Artenschutzzentrum. Nicht nur der Auwald auch andere Bäume am Eisack haben einen schweren Stand und die namengebenden Laubfrösche der Umweltgruppe sterben aus- http://biodiversitaet.bz.it/2019/01/16/revitalisierung-und-wasserrahmenrichtlinie-mittleres-eisacktal/

 

 

Kormoran

Um 1950 war der Kormoran (Phalacrocorax carbo sinensis) in ganz Europa fast ausgerottet. Die dirkete Nachstellung durch den Menschen hat diese Vogelart beinahe zur Ausrottung geführt. In Europa begann der erste Schutz der Art 1930, in den 1970er Jahren wurde die Art besser unter Schutz gestellt, etwa mit Bejagungsverboten, und die Bestände erholten sich in der Folge.

Heute gibt es in einigen Teilen Europas wieder Kormoranbrutgebiete und die Art kann auch in Südtirol als Wintergast beobachtet werden. Die Kormorane überwintern auch an Südtirols Gewässern und die Kormorane fliegen von ihren Schlafbäumen mit leerem Magen sehr weit, um Nahrung zu finden. Sie suchen sich Gewässer, in denen es viele Fische gibt und dort jagen sie nach Fischen. Es gibt einige Schlafbäume in Südtirol, wo sich im Winter alljährlich Kormorane sammeln. Sie fressen dabei keine Gewässer leer, wie vielfach behauptet wird, weil sie keine ausgewachsenen Äschen, Karpfen, Forellen oder Hechte fressen können.

Kormorane im Brutgebiet- in Südtirol sind sie Wintergäste
Kormorane im sommerlichen Brutgebiet

 

Die Kormoranpopulation in Italien kommt nur in einem begrenzten Gebiet vor, das aber nicht stark fragmentiert ist. Die Zahl der ausgewachsenen Individuen beträgt 1770 bis 2000 im Jahr 2002 und die Kormoranpopulation wuchs auf 6000 Individuen im Jahr 2011. Daher wurde die Art auf nationler Ebene als nicht gefährdet eingestuft, als “least concern” LC. Dennoch ist die heimische Unterart des Kormorans auf Sardinien, in einem vollkommenen anderen Erhaltungszustand. Lediglich 70 bis 90 Individuen beträgt diese Popolation in den Jahren 2006 bis 2010. Zudem wurden Tiere dieser Population sogar abgeschossen, weil sie der Fischwirtschaft geschadet haben sollen. Diese Population wurde nicht eigens bewertet, der Erhaltungszustand des Kormorans würde für Italien anders aussehen (Rote Liste Brutvögel Italien 2011). Der Kormoran ist kein häufiger verbreiteter Brutvogel in Italien und es existieren nur wenige Brutgebiete.

In Österreich ist der Kormoran laut Roter Liste 2016 stark gefährdet (EN). Im heutigen Nationalpark Donauauen war er vor hundert Jahren Brutvogel, heute nicht mehr. 

Kormorane wirken sich auch positiv auf das Gewässerökosystem aus, etwa wenn sie zooplanktonfressende Fischarten erbeuten, die ungünstig für die Wasserqualität in Flachlandseen sind, weil sie Zooplanktonfresser sind: durch übermäßige Reduktion des Zooplanktons vermehrt sich in nährstoffreichen Gewässern das Phytoplankton derart stark, daß es zur Wassertrübung und bei der späteren Zersetzung der Phytomasse letztlich auch zu Sauerstoffmangel kommen kann- etwa bei hohen Kaulbarschbeständen. Damit kömmt dem Kormoran eine wichtige Rolle im Gewässerökosystem zu und er verbessert den chemischen und ökologischen Zustand eines Gewässers.

Wie andere fischfressende Vogelarten, z.B. Graureiher oder Gänsesäger, wird der Kormoran von Hobbyanglern und Hobbyfischern nicht gern gesehen und diese Vogelart als “Gefahr für Fischbestände” dargestellt. Über die tatsächlichen Gefährdungsursachen von Fischbeständen geben Rote Listen Auskunft- zur Gefährdung der Fischfauna Italiens siehe http://biodiversitaet.bz.it/2017/11/29/fische/

„Dabei hat sich ein überraschend hoher Wegfraß von Fischen durch die Fische selbst gezeigt,… Die Sorge wegen des Verzehrs von Fischen durch aquatisch lebende Säugetiere und Vögel muss damit stark relativiert werden.“ Prof. Walter Nellen in „Die großen Fische fressen die kleinen“. Die Biodiversität, sei es die Arten oder die Funktionalität der Ökosysteme, wird nicht durch natürlich vorkommende Arten gefährdet, sondern durch negative Umwelteinflüsse wie Gewässerverschmutzung, Gewässerverbauung usw.

Ähnlich wie der Wolf werden auch fischfressende Vögel häufig negativ in der Presse dargestellt. „Was den Bauern der Wolf, ist den Fischern der Kormoran“, stand in einem Artikel zum Thema Kormoran im Onlinemagazin Salto und der Kormoran wird für Arten wie die Maromorierte Forelle als Gefahr dargestellt. Der ehemalige Leiter der Landesfischzucht Peter Gasser kommentierte den Artikel kurz und treffend: „Die wichtigsten Voraussetzungen für einen dauerhaften Schutz der Marmorierten Forelle: 1. ein Fangverbot, bis sich der Bestand der Marmorierten Forelle erholt hat; 2. ein Besatzverbot für Bachforellen im Einzugsgebiet/Lebensraum der Marmorierten Forelle.“

 

fischfressende Vögel: Graureiher, Silberreiher, Kormoran
fischfressende überwinternde Vögel im Vogelschutzgebiet Falschauermündung: Graureiher, Silberreiher, Kormoran

 

Der Kormoran ist für Abnahme von Fischen in Gewässern nicht verantwortlich. Magenuntersuchungen von Kormoranen in Südtirol belegen, dass die Kormorane eben nicht die begehrten Speisefische der Fischer verzehren. In Südtirol ist die Marmorierte Forelle der wertvollste Fisch für Angelsportvereine. Äschen und Marmorierte Forellen würden durch den Kormoran deziminiert, wird oft behauptet. Doch sind Kormorane Opportunisten, sie fressen keine spezielle Fischart und gefährden damit auch keine spezielle Art.  

 

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Untersuchungen zu der Mageninhalte von 13 Kormoranen wurden vom MUSE in Trient im Sommer 2015 durchgeführt. Im Rahmen der Untersuchungen konnten bei 11 der insgesamt 13 untersuchten Mageninhalte Fischreste nachgewiesen werden, während zwei Proben keinerlei Beutereste aufwiesen. Zwei Kormorane flogen also mit leeren Magen durch die Gegend und wurden mit leerem Magen abgeschossen. In den Mägen der restlichen 11 Fische wurden in Summe 43 Beutefische nachgewiesen, welche sich zu 6 Fischarten zusammenfassen lassen.

Fische Anzahl

  • Äsche: 1
  • Bachforellen marmorierte Forellen: 4
  • Regenbogenforelle: 3
  • Rotauge: 2
  • Cypriden: 1
  • Mühlkoppen: 32

Gesamt : 43 Fische, (vor allem Kleinfische und mehr Regenbogenforellen als Äschen hatten die Kormorane im Magen- Regenbogenforellen und Bachforellen sich keine natürlich vorkommenden Fischarten in Südtirol. Diese Arten sind Neozoen und stellen eine biologische Verschmutzung der Gewässer Südtirols dar.

Mühlkoppen sind mit Abstand die am häufigsten gefundenen Fische. Diese Fische werden von Fischern nicht gefischt und sind keine begehrten Speisefische. “Wie bereits in anderen Studien aus dem alpinen Raum deutlich wurde, belegen auch die vorliegenden Daten, dass der Kormoran sehr anpassungsfähig ist und seine Jagdtechnik auf die verschiedensten Fischarten und auf unterschiedliche Lebensraumtypen anpassen kann. Deutlicher Beleg für die Anpassungsfähigkeit des Kormorans ist auch die Tatsache, dass die Mageninhalte von zwei Vögeln die Überreste von 22 bzw. 10 Mühlkoppen aufweisen. Dies bestätigt das gute Vorkommen dieser Fischart in einigen Fließgewässern des Landes, wie in der Etsch und dem Eisack und unterstreicht darüber hinaus die Flexibilität des Kormorans bei der Jagd.”

Kormorane als Wintergäste in Südtiol
große Gruppe von Kormoranen am Schlafbaum im Natura 2000 Gebiet Falschauermündung. Vom Schlafbaum aus ziehen sie in kleinen Trupps umher.

 

Künstlich angelegter Fischereteich im Natura 2000 Gebiet Falschauer unweit des Schlafbaumes der Kormorane
Künstlich angelegter Fischerteich im Natura 2000 Gebiet Falschauermündung unweit des Schlafbaumes der Kormorane: Fischbesatz bedeutet zusäztliches Futter für Kormorone.

 

Bei Berechnungen, wie viel ein Kormoran an Fischen täglich zu sich nimmt, werden in Südtirol unrealisitsche Mengen von 450 oder 500 gr/Tag  zur Bereichnung herangezogen. Realistisch und wissenschafltich werden Mengen von 150 bis max. 400gr/Tag angegeben. Größere Mengen an Fischen (max. 400 gr/Tag) sind während der Brutzeit, wenn Elterntiere die Jungen füttern, möglich. Derartige falsche Berechnungsgrundlagen können keine korrekten und richtigen Erbnisse hervorbringen.

Untersuchungen zur Erhährung von Kormoranen am Chiemsee durch die Universität Innsbruck Abteilung Ökologie belegen ebenfalls, dass die Kormorane dort mit den begehrten Speisefischen der Fischer und Angler nicht in die Quere geraten. Kormorane sind Opportunisten und jagen dort, wo sie leicht an ihr Futter kommen. Die Vögel reagieren schnell auf Veränderungen in der Umwelt und auf das Verhalten der Fische selbst. Besonders die Laichzüge der Fische locken Kormorane an. „Im Jahresverlauf interessieren sich die Vögel nur bedingt für die größeren Renken. Allerdings sehen wir in unseren Auswertungen einen signifikanten Anstieg im Konsum dieser Fischart, der mit der Laichzeit zusammenfällt. Genauso verhält es sich auch mit Nachweisraten der wirtschaftlich nicht bedeutenden Seelaube. Dies ist allerdings nur logisch, befinden sich sonst nur selten so viele Beutetiere gleichzeitig an einem Ort. Die Jagd wird den Kormoranen dadurch extrem erleichtert“, so Thalinger und Traugott, die betonen, dass auch Kormorane so wenig Energie wie möglich in eine große Ausbeute investieren wollen. „Kormorane sind intelligente Tiere und sie suchen nicht spezifisch nach dem begehrtesten Fisch, sondern wählen eine optimale Strategie, um an Nahrung zu kommen“, verdeutlicht die Ökologin. Die Schlafplätze der Vögel müssen zudem auch nicht zwingend am bevorzugten Jagdgewässer sein, da die Tiere sich in einem Aktionsradius von bis zu 70 Kilometern bewegen, um an geeignete Nahrung zu kommen. Die vorliegenden Ergebnisse zeigen, dass der Großteil der Fischnahrung jedoch aus dem Chiemsee stammt. Fische sind besonders in Mitteleuropa eine begehrte und umkämpfte Ressource. Die Ergebnisse der ausführlichen Analysen zeigen, dass sich der Speiseplan der Fische nur teilweise mit den Interessen der Fischer überschneidet.

drei Kormorane am Montiggler See
Kleine Gruppe mit drei Vögeln am Montiggler See

Der Vorstand des Landesfischereiverbandes mit Präsident Andreas Riedl an der Spitze beklagte sich bei Landeshauptmann Luis Durnwalder am 15.06.2011 beim Antrittsbesuch über die Vögel. Das Thema der „Gefährdung des Fischbestandes durch die Kormorane“ kam zur Sprache. Kormorane werden wie viele andere Tierarten in Südtirol abgeschossen. Gegen die Abschussverfügung wurde einem Rekurs stattgegeben, sodass eine Bejagung der Kormorane nicht von vornherein möglich war. Alljährlich werden überwinternde Vögel wie Kormorane in Südtirol abgeschossen. Andreas Riedl ist auch Präsident des Verins Fish first, auf dessen Internetseite geschrieben steht: “ der vermehrte Fraßdruck durch Massenauftreten von Kormoranen haben entsprechend dem europäischen Trend auch in Südtirol den Äschenbeständen arg zugesetzt.“ (abgerufen 06.08.2019). 

Gesetzlich wurde mit Dekret des Assessors für Forstwirtschaft der Provinz Bozen vom 8. Jänner 2013, Nr. 3/32.4 ein 5 Jahres-Managementplan genehmigt, zum Schutz der heimischen Salmoniden in den Südtiroler Flüssen, nach den vorgeschlagenen Kriterien, der provinziellen Wildbeobachtungsstelle unter dem Beschluss Nr. 8 vom 8. März 2012. Dieses Dekret beinhaltet die selektive Entnahme einer begrenzten Anzahl von Kormoranen. Für Abschussdekrete aus den Jahren 2010 bis 2014 wurde der Landeshauptmann Luis Durnwalder im Jahr 2018 zu Schadenersatz verurteilt https://tirol.orf.at/v2/news/stories/2919699/

Die durchgeführten Abschüsse haben keine relevant abschreckende Wirkung auf die Anwesenheit des Kormorans in Südtirol ergeben. Ebensowenig haben sich Abschüsse positiv auf gefährdete Fischarten wie die Marmorierte Forellen ausgewirkt oder die Fischbestände im Allgemeinen. Die Abschüsse, die Berechnungen und die Maßnahmen sind vollkommen ungeeignet, um die Biodiversität zu erhalten oder gefährdete Arten wie Marmorierte Forellen zu fördern.

Die Revitalisierung und Renaturierung der Gewässer hat sich nicht positiv auf die Fischbestände ausgewirkt, obwohl systematisch Gewässer für Fische umgebaut werden. Mehr dazu auf http://biodiversitaet.bz.it/revitalisierung-wasserrahmenrichtlinie/

Hochgebirgsseen und Seesaiblinge

Fische wurden und werden in Gewässer eingesetzt. Davon sind auch nährstoffarme, kalte Hochgebirgsseen, die nur wenige Monate im Jahr nicht mit einer Eisschicht bedeck sind und für Fische extreme und lebensfeindliche Umweltverhältverhältnisse bieten, betroffen.

Der Seesaibling ist eine Art, welche in arktischen Gewässern natürlich vorkommt. In den Alpen kommt er auch vor, doch es ist sehr unwahrscheinlich, dass er eine autochthone und natürlich vorkommende Art in den Südalpen ist. 

Zum Management des Seesaiblings in den Südlichen Alpen haben Tiberti und Splendiani eine Studie verfasst (Management of a highly unlikely native fish: The case of arctic charr Salvelinus alpinus from the Southern Alps, Tiberti & Splendiani 2018) und einige Punkte werden hier wiedergegeben:

Als Ergebnis von historischen Besatz werden einige Alienarten fälschlicherweise als natürlich vorkommend eingestuft. Der Seesaibling (Salvelinus alpinus) soll als Relikt der letzten Eiszeit in den Alpen überlebt haben, obwohl ein historischer Besatz dokumentiert wurde, welcher dem natürlichen Vorkommen widerspricht. Unabhängig des unsicheren Status ist seine Ausbreitung in den südlichen Alpen, vor allem in ursprünglich fischfreie Gewässer der höheren Stufe das Ergebnis von Bewirtschaftung.

Vieles spricht dagegen, dass der Seesaibling eine natürlich vorkommende, autochthone Art in den Südalpen ist. Nur der Status von zwei Populationen in niederen Höhenlagen ist unsicher und diese könnten natürlich sein. In mehr als 170 Gewässern ist diese Fischart in den Südlichen Alpen (vor allem Südtirol und Trentino- siehe Karte Tiberti & Splendiani 2018) eingesetzt.

Bei Fischbesatz in Bergseen wird oft wenig Bedacht geschenkt:

  1. den negativen ökologischen Auswirkungen
  1. der internationalen Gesetzgebung, welche das Einbringen von nicht- autochthonen Arten in einem Gebiet verbietet (Europäische Komission 1993, 2014, 2016)
  2. viele Seen innerhalb Natura 2000 Gebieten sind spezielle Schutzgebiete und spezielle Gebiete zum Erhalt, ‘special areas of conservation’ und ‘special protection areas’ (Europäische Komission 1992, 2010)

Die ganze Studie ist online verfügbar: https://www.researchgate.net/publication/328891058_Management_of_a_highly_unlikely_native_fish_The_case_of_arctic_charr_Salvelinus_alpinus_from_the_Southern_Alps

In Südtirol wurden Seesaiblinge z.B. in den Spronser Seen und auch in Gewässern in Natura 2000 Gebieten eingesetzt, obwohl auch das Naturschutzgesetz Südtirols den Besatz mit nicht heimischen Arten verbietet: „Es ist verboten, gebietsfremde Tiere in der freien Natur anzusiedeln. “

Durch den Besatz mit nicht heimischen Fischen wird der ökologische Zustand der Gewässer im Sinne der Wasserrahmenrichtlinie ebenfalls verschlechtert. Zur Bewertung der Gewässer werden auch Fische herangezogen und eine unnatürliche Artenzusammensetzung in den Gewässern führt zur Verschlechterung des ökologischen Zustands und der Bewertung.

Im Nationalpark Gran Paradiso hat der Besatz mit Saiblingen zum Verschwinden von Arten im Naturschutzgebiet geführt und das Ökosystem wurde durch den Besatz verändert. Der Saibling ist ein „Super-Raubtier“ („super-predator“) und hat zum Aussterben von Arten in Hochgebirgsseen geführt. Die Seen wären von Natur aus fischfrei und nur von Wirbellosen und Amphibien wie Grasfröschen besiedelt. Der Besatz mit Seesaiblingen führte zum Aussterben von vielen Tieren des Zooplanktons (z.B. Population von Daphnia pulicaria) und vielen aquatischen Gliedertieren (Coleoptera, Trichoptera, Hydrochara) und ebenso des Grasfrosches. 2013 wurde begonnen, die Gewässer von der Verschmutzung durch Fische zu reinigen und in einem natürlichen Zustand zurückzuführen. Das Projekt Life-Bioaquae zielte seit 2013 darauf ab, die Saiblinge vollkommen aus den Seen zu entfernen und die Art dort zu eliminieren. Durch Elekroabfischung und Netzfischerei wurden Fische entnommen und die Gewässer damit gereinigt, gesäubert und wieder zu dem gemacht, was ein natürliches Gewässer des Hochgebirges sein muss: ein fischfreies Gewässer.

(https://www.bioaquae.eu/index.php/en/the-project/actions/28-eradication-of-non-native-fish-species-from-some-high-altitude-alpine-lakes)

Der Geschäftsführer des Dachverbandes für Natur- und Umweltschutz in Südtirol, Andreas Riedl ist auch Präsident des Vereins FishFirst, auf dessen Internetseiten die Fischfauna der Hochgebirsseen so beschrieben wird: „Das typische Fischarteninventar der Hochgebirgsseen setzt sich aus dem Seesaibling und der Elritze zusammen. Daneben werden viele dieser Gewässer mit Bachsaiblingen, Regenbogen- und Bachforellen für die Angelfischerei besetzt. Schließlich runden Mühlkoppe und Schmerle in seltenen Fällen das Artenspektrum im Hochgebirge ab.“ Abgerundet ist mit einem derartigen Besatz eine Fischplatte oder Fischsuppe, jedoch kein Hochgebirgssee. Diese Form des Umweltschutzes kollidiert mit dem Schutz der Ökosysteme von Hochgebirgsseen, welche von Natur aus fischfrei sind.

Die Wiederherstellung natürlicher Lebensgemeinschaften in den Gewässern und die Renaturierung von Hochgebirgseen durch Entnahme und Eliminierung der Fische ist für den Gewässerschutz und die Biodiversität notwendig.

In der Roten Liste Italiens ist der Seesaibling nicht eingestuft, doch es wird die Bedrohung beschrieben: Gewässerverschmutzung, Excessive und unkontrollierte Fischerei, genetische Verschmutzung, Konkurrzenz mit eingeführten Arten usw.

Minacce

Principali minacce

Inquinamento delle acque; pesca eccessiva e incontrollata; inquinamento genetico dovuto all’introduzione di individui provenienti da popolazioni alloctone; competizione e predazione ad opera di specie introdotte (Zerunian 2003).
Pur essendo presente in un numero limitato di ambienti, è attivamente ricercata dai pescatori sportivi. Per compensare le catture vengono eseguiti interventi di ripopolamento, spesso con materiale di origine alloctona.

Der Fehlbesatz mit Fischen wirkt sich in vielfacher Weise negative auf die Biodiversität aus, mehr dazu auf http://biodiversitaet.bz.it/2017/11/29/fische/

 

Windwurf Südtirol 2018

(Titelbild: Totalräumung einer Windwuffläche)

Naturereignis Windwurf

Stürme sind natürliche Ereignisse, welche den Wald verändern und natürlich auftreten. Umgeworfene Bäume in Wäldern sind Bestandteile des Waldes, welche für die Biodiverstiät und die Naturnähe eines Waldes bedeutend sind. In natürlichen Wäldern fallen Bäume altersbedingt irgendwann immer um, in den Forstplantagen und Wirtschaftsforsten fehlen umgestürzte Baumriesen. Fichten, welche durch die Forstwirtschaft gefördert wurden und besonders häufig umfallen, beherrschen viele Wälder, in denen es so gut wie keine Fichten von Natur aus gäbe (z.B. Eichenwälder und Schluchtwälder Südtirols). Schäden durch Windwürfe, Borkenkäferkalamitäten und der Biodiversitätsverlust (z.B. Käferarten) sind einige Folgen dieser Fehlentwicklung. In Südtirol sind nur 35% des Waldes naturnah, der Großteil ist verändert bis künstlich. Vielen Wäldern Südtirols geht es schlecht und eine Besserung ist nicht in Sicht.

Der Sturm Vaia hat 2018 in Südtirol einige Wälder umgeworfen und Südtirol setzt auf die Totalräumung der Flächen, obwohl es ökonomisch und ökologisch sinnvoller ist, umgefallene Bäume liegen zu lassen. Die Totalräumung des Waldes in Südtirol schadet dem Ökosystem Wald, wie etwa auch Prof. Zerbe von der Universität Bozen unmissverständlich erklärte. Unzählige Lastwagenladungen voller Sturmholz wurden aus Südtirol ins Ausland geliefert und nicht immer ist der Holztransport ungefährlich (https://www.tageszeitung.it/2020/04/28/das-schock-video-6/) und bei Aufräumarbeiten geschahen auch Unfälle (z.B. https://www.suedtirolnews.it/chronik/waldarbeiter-66-in-rindnaun-schwer-verletzt )

Windwurf Welschnofen 2018
Windwurf Welschnofen 2018

 

Zahlreiche Studien zeigen schon lange auf, wie wichtig das Liegenlassen von Sturmholz ist:

Langzeituntersuchungen des Wintersturms Vivian 1990 auf die Waldentwicklung liefern Konsequenzen für das Tun und Lassen nach Sturmereignissen

Ein Fazit des Wintersturms Vivian: „Auf grossen Flächen ist es wichtig, alle überlebenden Bäume als künftige Samenquellen zu schonen. In Gebirgswäldern sollten jederzeit genügend Verjüngungsansätze vorhanden sein, denn Vorverjüngung ist in hohen Lagen sehr wichtig für die Wiederbewaldung. Diese Vorverjüngung sollte deshalb bei der Holzernte möglichst geschont werden. Pflanzung ist in hohen Lagen überall dort angebracht, wo eine rasche und schutzwirksame Wiederbewaldung erforderlich ist, also auf sehr steilen, schneereichen Hängen mit hohem Gefahren- und Schadenpotenzial.“ In Südtirol wurden nicht alle überlebenden Bäume geschont, es entstanden Kahlschlagflächen.

 

Windwurf 2018 Ulten
Windwurf 2018 Ulten

Ein Sturm verändert den Wald, vor allem auch die Mykorrhizapilze. In den subalpinen Lagen sind Mykorrhizapilze für das Überleben der Bäume lebensnotwendig, sie liefern den Bäumen Nährstoffe und Wasser. Aus dem Sturm Vivian kann man lernen, noch stehende Bäume in den Windwurflächen sind stehenzulassen, sie sind die Keimzelle für die Mykorrhizapilze des künftigen Waldes. In Südtirol wurden jedoch diese wichtigen Keimzellen für den zukünftigen Wald nicht geschont.

Fazit zu Mykorrhizapilze: „Es empfiehlt sich bei einer allfälligen Räumung von Windwurfflächen zu den noch verbleibenden Jungpflanzen Sorge zu tragen. Sie sind Refugien für Mykorrhizapilze und helfen mit, diese in die nächste Baumgeneration hinüberzuretten.“ Durch die Räumung mit schweren großen Maschinen (Harvestern) wurde auf verbliebene Jungpflanzen wenig bis gar nicht geachtet.

Fazit Naturgefahren: „Die Studie zeigt, dass es sich im Interesse der Sicherheit vor Naturgefahren lohnen kann, einen Totholzbestand stehen zu lassen.“

Fazit Lawinen: „Um Lawinenanrisse zu verhindern, ist es in den meisten Fällen von Vorteil, Windwurfflächen nicht zu räumen. “ In Südtirol wurden jedoch die Flächen geräumt und das für den Schutz vor Naturgefahren wichtige verkeilte Holz am Waldboden nicht belassen.

Artenvielfalt Fauna: Die Artenvielfalt nimmt zu. Von insgesamt 1856 registrierten Insekten-, Spinnen-, Reptilien- und Kleinsäugerarten fanden sich auf untersuchten Sturmflächen von Vivian 35 bis 69 Prozent mehr Arten als im intakten Wald. Dank des vielen Totholzes auf den belassenen Flächen waren hier die Anzahl totholzbewohnender Arten und Individuenzahlen höher als auf den geräumten Flächen. Liegenlassen von Sturmholz fördert die Artenvielfalt und ein reichhaltiges Lebensraummosaik im Wald entsteht. Den Wald nicht räumen, ist von Vorteil für die Biodiversität. Durch die tatale Räumung des Waldes in Südtirol profitieren nicht einmal die Tierarten, welche von toten Bäumen profitieren.

Schutz vor Wildverbiss: Liegen gelassenes Sturmholz schützt die jungen Bäume vor Wildverbiss und das Liegenlassen von umgefallenen Bäumen hift dem Wald, sich zu regenerieren. (siehe https://www.waldwissen.net/waldwirtschaft/schaden/wild/wsl_sturmholz_verbiss/index_DE)- Sturmholz wurde in Südtirol aber nicht liegengelassen und der Wald damit nicht vor Wildverbiss geschützt.

kleinflächiger Windwurf Ulten
kleinflächiger Windwurf von 2018 Ulten- 2019 nicht geräumt und damit Artenschutz betrieben

 

Kleinräumige Windwürfe aufräumen oder liegen lassen?

Eine klare Antwort auf diese Frage liefert die Bayrische Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege(https://www.anl.bayern.de/forschung/forschungsthemen/windwurf.htm)

„Totholzräumung nach Windwurf widerspricht dem Gedanken des Prozessschutzes und führt zur Reduktion der Artenvielfalt. Nicht geräumte Windwürfe weisen eine deutlich erhöhte Artenvielfalt für verschiedene Artengruppen auf. Die Ergebnisse einer Langzeitstudie, erschienen 2016 in der Zeitschrift Ecology Letters (THORN et al. 2016), zeigen deutliche Unterschiede im direkten Vergleich zwischen belassenen und aufgeräumten Windwürfen.

Es konnte gezeigt werden, dass die Artenzahl von Holzkäfern, Holzpilzen und holzbewohnenden Flechten auf geräumten Flächen drastisch reduziert war…. Damit widerspricht das Räumen fundamental dem Gedanken des Prozessschutzes und es sollten zumindest Windwürfe in Schutzgebieten von Räumungshieben ausgenommen werden.

In Südtirol waren auch viele als Naturschutzgebeite ausgewiesene Flächen vom Windwurf betroffen: Naturparke 16,6 %, Natura 2000 15,1 % Unesco (Dolomiten) 4,9 % der landesweiten Windwurffläche.

Jedoch wurden keine Prozessschutzflächen in den Schutzgebieten eingerichtet und Sturmholzflächen werden in Südtirol radikal geräumt. Nur einige wenige Bauern verzichten auf die Räumung und leisten  damit einen guten Beitrag zum Natur- und Artenschutz.

Große Maschinen (Harvester) kommen auf vielen Windwurfflächen zum Einsatz und der Wald wird ausgeräumt. Harvester wirken sich negativ auf den Boden aus. Die schweren Maschinen verdichten den Boden und bei der Räumung wird der Boden stark belastet. Die empflindlichen Waldböden erleiden große Schäden. Unzählige Wege wurden in die Wälder hineingebaut und Verbauungen in den Wäldern errichtet.

Totalräumung des Waldes und vernichtete Biodiversität des Waldes:

Beispiel Kuppelwies

Viele Flächen wurden radikal geräumt, wie z.B. im Ultental/ Kuppelwies:

 

Windwurf ohne Räumung

(Herbst 2018) Nicht alle Bäume des Waldstückes im Bild oben fielen durch den Sturm 2018 um. Etliche Bäume blieben stehen.

 

Windwurf geräumt

(Frühling 2019) Noch stehende Bäume, welche den Windwurf überstanden und den starken Winden trotzten, wurden gefällt. Starke Bäume wurden dem Wald entnommen, und große Offenflächen, ohne Waldbäume, entstanden. Vom Baumbestand des Waldes blieb nach der Räumung nur wenig übrig. Es fielen mehr Bäume den Aufräumarbeiten als dem Sturm selbst zum Opfer. Jegliche Deckung für Tiere des Waldes verschwand, der Boden wurde entblößt und aufgewühlt durch die Holzbringungsarbeiten, der empflindliche Waldboden wurde zerstört.

Laubgehölze gewinnen auf der Fläche nach dem Windwurf die Oberhand: Haselnuss, Esche, Ahorn usw.
Laubgehölze gewinnen auf der Fläche nach dem Windwurf die Oberhand: Haselnuss, Esche, Ahorn usw.

(Herbst 2019) Auf der total geräumten Windwurffläche treiben die Sträucher des einstigen fichtendominierten Waldes aus. Auch Haselnusssträucher in der Strauchschicht wurden abgeholzt. Diese trieben aber relative kräftig aus. Einige Laubbäume (Gemeine Esche und Berg-Ahorn) wachsen auf der Fläche. In der Waldtypisiserung ist der Wald als montaner Fichtenwald ausgewiesen, jedoch scheint sich der Wald mehr zu einem Laubwald zu entwickeln. Ahorn und Esche wachsen auf der Fläche, Buchen fehlen leider auch im weiteren Umkreis. Invasive Neohphyten haben die Fläche nicht eingenommen. Einige ruderale Arten (Chenopodium sp.) siedeln auf den durch die Räumung gestörten Böden.

Notstandsgebiet und Finanzen Südtirol

Der Sturm Vaia hat 2018 in Südtirol einige Wälder umgeworfen. Wälder liegen am Boden und wegen der Unwetter- und Sturmereignisse vom 27.10. bis 30.10.2018 rief der Landeshauptmann mit Verordnung für ganz Südtirol den Notstand aus. Dadurch sollte die Behebung der Unwetter- und Sturmschäden in den betroffenen Gemeinden erleichtert und beschleunigt werden.  Gleichzeitig beantragt die Landesregierung auch die Aufnahme in den staatlichen Notstandsplan.

So ein Notstand ist für die meisten Südtiroler sehr leicht zu verkraften. Die meisten Südtiroler wissen nicht, dass sie in einem Notstandsgebeit leben.

In Südtirol liegen meist nur Wälder am Boden und die Holzwirtschaft zeigte sich besorgt (z.B. WIKU, 21. November 2018, In Sorge, Holzwirtschaft nach Unwetter italienweit unter Druck). Die Holzpreise sanken, der durchschnittliche Preis für die Fichte vor dem Sturm betrug 92 €/Fm und nach dem Sturm 69 €/Fm.

Mit Beschluss der Landesregierung Nr. 11 vom 8. Jänner 2019 wurden die “Richtlinien für die Gewährung von Beihilfen für die unmittelbare Aufarbeitung und Bringung von Schadholz im Sinne des Art. 48 des Landesgesetzes Nr. 21 vom 21. Oktober 1996“ genehmigt (Anlage A). Es wurden folgende Förderungen für das Aufräumen vom Holz aus den Windwurfflächen vorgesehen: •    9 €/m für Bodenzug / Harvestereinsatz  • 12 €/m für Bringung mit Pferd • 15 €/m für Seilbringung • 16,50 €/m für Bringung mit Hubschrauber Die genannten Förderrichtlinien im Rahmen der Notsituation wurden bei der EU- Kommission gemeldet und die entsprechenden Gesuchformulare wurden bereits erstellt. Die Provinz Bozen fördert die Holzbringung großzügig mit Geldern der öffentlichen Hand, 12 Millionen Euro warten darauf, in die Kassen der Waldeigentümer zu fließen.

Ohne Prämien ist die Räumung oft wenig rentabel und die Forstwirtschaft mehr ein Defizitgeschäft. 

Windwurf und Positionen:

Da in der Presse der Windwurf wie eine große Katastrophe beschrieben wurde (z.B. Wetter online: „Ganze Wälder verwüstet“) und die Bilder von umgefallenen Bäumen um die Welt gingen und sich viele Menschen unnötig und vollkommen überflüssig um den Wald sorgten, wollte Martin Hilpold vor allem darauf hinweisen, dass ein Windwurf natürlich ist und sicher kein Notstand für den Wald:

Der Windwurf ist kein Notstand für den Wald und es bietet sich die Gelegenheit, dass sich in Zukunft ein lebendigerer und natürlicherer Wald entwickelt.

Martin Hipold, im Gastkommentar

Der Kommentar war auch eine Antwort auf die Frage, was nun passieren solle. Für die Biodiversität und den Naturschutz sind nicht geräumte Sturmholzflächen wertvoll.

Siegfried Rinner vom Südtiroler Bauernbund reagierte auf den Kommentar (Gastkommentar Wochenmagazin FF No. 01/2019) und plädierte für die Räumung:

„Ist es wirklich sinnvoll, einen so wertvollen Baustoff verfaulen zu lassen? Und warum sollte nicht auch der wirtschaftliche Schaden für die Waldeigentümer etwas verringert werden?“ Siegfried Rinner im Gastkommentar.

„Von den Windwurfflächen sind ausschließlich Fichtenwälder der montanen und subalpinen Höhenstufe betroffen (laut Typisierung der potentiellen Waldtypen in Südtirol).“  Diesen Satz schrieb Siegfried Rinner ebenfalls, jedoch waren nicht nur Fichtenwälder betroffen  Im besonders betroffenen Gebiet von Welschnofen (Karersseegebiet) gibt es vor allem Fichten- Tannenwälder in der montanen Stufe und so gut wie keine Fichtenwälder laut Waldtypisierung. 

Der an der Universität Bozen lehrende Prof. Stefan Zerbe, der sich mit der Renaturierung von Ökosystemen beschäftigt, wies darauf hin, dass die Räumung dem Ökosystem Wald schadet.

Die Jägerzeitung widmete ebenfalls dem Thema und lieferte allerhand Wissenswertes. In der Ausgabe Dezember 2018, Nr. 4, wurde darauf hingewiesen, dass einige Wildtiere vom Windwurf profitieren, etwa Rehe und Heinrich Aukenthaler spannte in dieser Augabe den Bogen vom Windwurf zum Klimawandel:

„Wer Wind sät, wird Sturm ernten, wenn den Menschen das Klima egal ist, dann wird die Natur zurückschlagen. Das erkennen immer mehr Regierungen (leider nicht alle) und lässt uns hoffen, dass wir endlich beginngen, sorgsamer mit unserem Planeten umzugehen“

(Heinisch Aukenthaler, Jägerzeitung Dezember 2018, Nr. 4.)

Mehr zum Klimwandel: http://biodiversitaet.bz.it/klimawandel/