Eichelhäher und Tannenhäher

Die Waldmacher: Eichelhäher und Tannenhäher 

Ein Wald ist ein komplexes Ökosystem und einige Tierarten spielen im Waldökosystem eine ganz zentrale und wichtige Rolle, nämlich die Rolle der Samenverbreitung. Einige Baumarten, wie Weiden und Pappeln haben sehr leichte Samen, welche vom Wind in alle Richtungen und sehr weit getragen werden (Windverbreitung= Anemochorie).

Baumarten mit sehr großen und schweren Samen, etwa Kastanien oder Eichen, werden vom Wind überhautpt nicht weit getragen. Solche Samen sind wie die Beeren auf Sträuchern jedoch Nahrung für Vögel und Vögel transportieren die Samen über weite Strecken. Ornithochorie wird die Verbreitung der Samen durch Vögel genannt. Beerensamen (Hagebutten, Holunder usw.) werden von Vögeln gefressen, verdaut und ausgeschieden. Ihr Keimen wird dadurch vorbereitet und Gehölzarten werden verbreitet. Nussfrüchte von Bäumen werden von Vögeln weiter transportiert und auch vergraben. Sie werden regelrecht eingesät. Hähersaaten werden Ansaaten genannt, die von  Eichelhäher und der Tannenhäher anleget werden und für die Bildung ganzer Baumbestände in Wäldern verantwortlich sind.

Tannenhäher auf Gipfel einer Fichte im Herbst: ähnlich wie die Elster und andere Rabenvögel klingt sein schwer überhörbarer Ruf.

 

Hauptsächlich die Nadelwälder der subalpinen Stufe sind Lebensraum des Tannenhähers in den Alpen. Die Arealgrenze von Nadelgehölzen und Hasel hängt eng mit der Verbreitung des Tannenhähers und seiner ausgereiften Technik der Vorratswirtschaft zusammen. Der Tannenhäher verfügt über einen Unterzungensack, in dem er Zirbelsamen transportiert. Die Schnabelgröße und –form variiert sehr stark bei den verschiedenen Populationen des Tannenhähers im Verbreitungsareal.

Der Tannenhäher ist spezialisiert auf subalpine zirbenreiche Wälder, Zirbensamen frisst er am liebsten, füttert seine Jungen damit und gräbt sie als Wintervorrat ein. Der Tannenhäher kann aber auch in Latschengebüschen, Fichtenwäldern oder Fichten- Buchen- Tannenwäldern beobachtet werden, wobei das Vorkommen der Hasel eine Rolle spielt. Er ernährt sich auch von den Samen anderer Nadelgehölze und dort, wo es keine Zirben gibt, auch von Haselnüssen. In subalpinen Lärchen- Zirbenwäldern wurden Dichten von 2 Reviere pro 10 Hektar ermittelt, in den subalpinen Fichtenwäldern ist die Dichte wesentlich geringer.

In den Kehlsack des Tannenhähers passen bis zu 25 Haselnüsse und bis zu 136 Zirbelnüsse, welche dort versteckt werden, wo es wenig Bodenvegetation gibt. Der Tannenhäher vergräbt 6 bis 8 Nüsse je Versteck und trägt Samen hinauf bis auf 2800m, also weit über die Waldgrenze. Die Waldgrenze liegt heute in den Alpen durch die Almbeweidung wesentlich tiefer und der Tannenhäher trägt die Samen weit auf Berge hinauf, wo es keine Samenbäume gibt. Von den versteckten Zirbensamen werden ca 85% im Winter, wo das Nahrungsangebot knapp ist, wieder gefunden und die restlichen 15% der Samen dienen der Verjüngung der Zirbe. Der Tannenhäher ist wie der Eichelhäher aktiv an der Verbreitung der Baumarten und Verjüngung des Waldes beteiligt.

 

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toter Eichelhäher mit Schusswunde, abgeschossen und liegengelassen

 

Während der Tannenhäher zur Naturverjüngung und Ausbreitung von Samen in Nadelwäldern beiträgt, leistet der Eichelhäher in Mischwäldern und Laubwäldern von der planaren bis in die montane Stufe (z.B. Eichen- Föhrenwäldern, Fichten- Buchen- Tannenwäldern) einen unersetzbaren Dienst zur natürlichen Waldverjünung. Er verbreitet die Samen der Eichen und Buchen. Im Herbst sammelt er Bucheckern, Haselnüsse und besonders Eicheln und vergräbt die Baumfrüchte in Hunderten von Verstecken. Bis zu zehn Eicheln transportiert der Eichelhäher in Kehlsack und Schnabel vom Fundort bis zum Versteck. Im Winter liegt die wesentliche Überlebensstrategie des Eichelhähers in der Nutzung seiner bevorrateten Nahrungsreserven, wobei auch er nicht alle findet. Die nicht gefundenden Samen von Haselnüssen, Eichen und Buchen keimen im folgenden Jahr unter der Erde.

Fallen z.B. Eicheln vom Baum hinunter, so keinem unter den Eichen so gut wie keine Eicheln. Eicheln keimen nämlich unter der Erde und der Eichelhäher gräbt die Eicheln einzeln oder in kleinen Gruppen ein, wodurch die Samen optimale Keimbedingungen vorfinden.

Montiggler Wald: von Natur aus ein Eichenwald, doch fehlen im Montiggler Wald die Eichen weitgehend ebenso wie der Eichelhäher.

In Südtirols potentiellen Eichenwäldern fehlen die Eichen teilweise vollkommen. Kein übergeordnete Waldtyp wie Eichenwälder ist in Südtirol derart arm an der Hauptbaumart, wie die Eichenwälder. Ob im Pustertal, Eisacktal, Wipptal, Passeiertal oder im Vinschgau, in den Eichenwäldern fehlen die Eichen und Eichelhäher sind in Südtirols Wäldern selten zu sehen. Sie sind leicht zu beobachten und leicht zu hören, da sie auch recht laut sind und oft auch Wanderer regelrecht krächzend im Wald begleiten. Doch nur sehr selten kann man Eichelhäher sehen, sie wurden und werden durch die Jagd dezimiert und alljährlich abgeschossen.

Bis in die 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts stieg die Jagdstrecke an und erreichte zwischen 1975 und 1984 mit knapp 50.000 erlegten Individuen (über 30 erlegte Eichelhäher pro Revier) ihr Maximum. Die legalen Abschüsse nahmen im Folgejahrzehnt um fast 50 Prozent ab (insgesamt 26.000 erlegte Eichelhäher). Im Jahr 2019 wurden noch 1758 Eichelhäher in Südtirol abgeschossen und der Eichelhäher ist in vielen Laubwäldern der kollinen Stufe nicht mehr anzutreffen.

 

Abschusstatistik 2019:

Jagdbezirk Bozen Brixen Bruneck Meran Oberpustertal Sterzing Unterland Vinschgau Provinz
Eichelhäher 497 178 167 529 41 40 92 214 1758

 

Die verordnete Abschussplanung und der Abschuss von Vogelarten, welche für das Ökosystem Wald eine besondere Rolle spielen, ist mit dem Erhalt und der Verbesserung des ökologischen Zustands von Waldtypen mit Eichen und Buchen nicht vereinbar. Dem Ökosystem Wald und der Natur wird dadurch geschadet.

Inbesondere in Zeiten des Klimawandels, wo die weitere Ausdehung und Verbreitung der Eiche als an wärmere und trockenere Klimabedingungen angepasste Baumart notwendig ist, muss ein Waldmacher wie der Eichelhäher gefördert und nicht abgeschossen werden.

Dem Eichelhäher wird auch unterstellt, er würde Singvögel gefährden. „Der Eichelhäher ist traditionell bei uns als schädlich gebrandmarkt…Und immer wieder wird versucht, den Bestand zu dezimieren und einer angeblichen Übervermehrung zum Schaden der Singvögel des Waldes Einhalt zu gebieten…Vom Standpunkt des Artenschutzes sind also Vernichtungskampagnen gegen den Eichelhäher nicht erforderlich.“ Einhard Bezzel, Spektrum der Natur, Band 1. Singvögel.

Die AVK hat einen Brutvogelatlas veröffentlicht, wonach Schäden durch Eichelhäher besonders dort spürbar seien, wo Obstanlagen direkt an Laubwälder angrenzten. Der Eichelhäher sei ein häufig brütender Jahresvogel und er fehle in keinem Laub- und Mischwald Südtirols, wurde dort geschrieben. In der Verbreitungskarte des Brutvogelatlas ist jedoch klar ersichtlich, dass es nur (!) 14 sichere Brutnachweise für den Eichelhäher in den Jahren 2000 bis 2015 in einem Rasterfeld gab. Der Tannenhäher hingegen bringt es auf 29 und es liegen wesentlich mehr Beobachtungen vor. Der Eichelhäher ist sicher nicht häufig und fehlt in vielen Laub- und Mischwäldern Südtirols als sicherer Brutvogel.

 

 

Niederwaldbewirtschaftung

Traditionell wurden Südtirols Laubwälder der niederen Lagen (v.a. collin bis submontan) durch Niederwaldwirtschaft bewirtschaftet. Nach ca. 25 Jahren wurden die Bäume auf den Stock gesetzt, und die Bäume treiben wieder aus. Durch derartig kurze Umtriebszeiten sind Eichen aus den Niederwäldern verschwunden.

Niederwald: die Bäume bestehen nicht aus einem dicken Stamm, sondern aus mehreren dünnen Stämmen. Nicht alle Baumarten ertragen die Niederwaldbewirtschaftung.

In Niederwäldern wachsen die Bäume nicht einstämmig, wie von der Natur vorgesehen, sondern mehrstämmig. Heute ist diese traditionelle Bewirtschaftungsform nicht mehr mit dem Erhalt der Biodiversität vereinbar, da dadurch auch die Einwanderung von Robinien und Götterbäumen gefördert wird. Im Gemeindewald von Gargazon wurden dazu Untersuchungen gemacht und auf frischen Schlagflächen wuchern viele junge Götterbäume, welche in den alten Waldbeständen nicht vorkommen. Die Robinie dominiert bereits große Teile des Gargazoner Gemeindewaldes, eine Folge der Niederwaldwirtschaft. 

 

Niederwald ohne invasive Neophyten

 

Nach der Niederwaldnutzung dringen Götterbäume in den Wald ein (ein Götterbaum war vorher in der Nähe vorhanden)

„Beide Arten besiedeln typischerweise neu entstandene Hiebflächen, wo sie sich durch ihr rasches Wachstum dauerhaft etablieren können. Weil beide Neophyten stark von der klassischen Niederwaldbewirtschaftung profitieren, ist eine Anpassung der Bewirtschaftungspraxis notwendig, um ein Fortschreiten der Invasion zu vermeiden.“ Erkenntnisse aus einer Fallstudie von invasiven Baumarten in Südtirol, Stefan Ambraß et al. 2014 , Niederwaldbewirtschaftung und invasive Baumarten.

Götterbäume und Robinien treiben nach den Fällen sehr stark aus. Ihre Wurzeln bilden Schosse und breiten sich so weiter auf den Flächen des Waldes aus. Sie wachsen auch sehr schnell und die heimischen Arten werden verdrängt. Die Robinie verändert das gesamte Ökosystem Wald, da sie Stickstoff fixiert und den Boden düngt. Wälder, die von Robinien eingenommen werden (Robinietum), werden vegetationskundlich auch nicht zu den Wäldern gezählt.

Einige Robinien wurden am Wegesrand gefällt
Robinienschosse überwuchern die ganze Böschung nur ein Jahr später und breiten sich weiter aus.

In der Waldtypisierung wurden Niederwälder aufgezählt, die in Hochwälder überführt werden sollen, wie etwa der Silikat- Hopfenbuchen- Traubeneichenwald mit Kastanie oder der Mannaeschen- Hopfenbuchenwald mit Linde. Dass Robinien nicht auf den Stock gesetzt werden sollen, wurde dort ebenfalls geschrieben. Leider werden Wälder nach wie vor als Niederwälder bewirtschaftet und Robinien auf den Stock gesetzt. Südtiols Wäldern geht es schlecht und eine Besserung ist nicht in Sicht. 

In Südtirol werden auch geschützte Waldtypen, welche für den Naturschutz von großer Bedeutung sind, etwa die Schwarzerlenbruchwälder, nach Niederwaldrichtlinien bewirtschaftet werden. Schwarzerlenbruchwälder sind seltene und nach der FFH- Richtilinie prioritär zu schützende Wälder.

mehrstämmige Schwarzerle durch Niederwaldbewirtschaftung
Schwarzerlenbruchwald- als Niederwald genutzt.

Auch andere Waldtypen wurden wie etwa der Karbonat- (Hopfenbuchen) Buchen- Schuttwald mit Neinblatt- Zweizahn sieht oft wie ein Niederwald aus. Dieser Waldtyp gehört ebenfalls zu den geschützen Waldtypen nach der FFH- Richtlinie (Kode 91K0), die Eibe kommt in diesen Wäldern auch vor.

Junge Eibe zwischen Hopfenbuchen, welche als Niederwald genutzt wurden.

Nach den Niederwaldbewirtschaftungrichtlinien des Forstgesetzes der Provinz Bozen von 1996 erfolgt die Bewirtschaftung. Bäume mit dicken Stämmen fehlen dadurch in diesen Wäldern, mehrtriebig treiben sie aus dem Stock. Um den Bedarf an Brennholz zu decken betrieb man die Niederwaldwirtschaft seit dem Mittelalter. Als vor hundert Jahren fossile Brennstoffe zur Hauptenergiequelle wurden, wurde vielfach diese Bewirtschaftungsform aufgegeben.

Die Wälder lieferten und liefern vor allem Brennholz (siehe Bild). Die Laubwälder wurden dabei auch alle 8 bis 15 Jahre auf-den-Stock-gesetzt. Zustätzlich zu den kurzen Umtriebszeiten trieb man auch Vieh zum Weiden in den Wald, so auch in die Schwarzerlenauen des Vinschgaus und es wurde auch Laub als Einstreu für Ställe in den Laubwäldern gesammelt. Durch diese intensive Nutzung wurde der natürliche Nährstoffkreislauf gestört. Vielerorts verarmte der Boden und die Wüchsigkeit ließ nach. Um dem zu entgegnen, wurde die Waldnutzung reguliert. Auch die Hopfenbuchenwälder Südtirols wurden so genutzt und heute ist diese Bewirtschaftungsart absolut nicht mehr zeitgemäß- schon alleine wegen der invasiven Neophyten, die solche Flächen schnell einnehmen können. In Schwarzerlenauwäldern breitet sich dadurch etwa das Drüsige Springkraut aus und große Flächen der Hopfenbuchenwälder sind in Südtirol von Robinien überwuchert und keine artenreichen Wälder mehr, sondern artenarme degradierte „Wälder“. Die Problematik der Neophyteninvasion ist in der Broschüre über traditionelle Formen der Land- und Forstwirtschaft in Südtirol ebenfalls dargestellt worden.

Gelb blühende Strauchkronwicke: die Laubwälder der niederen Lagen sind sehr artenreich insbesondere was Gehölzarten betrifft.

Die Niederwaldwirtschaft hat auch dazu geführt, dass es in den Niederwäldern keine Bäume mit dicken Stämmen gibt, in denen etwa Vögel brüten können und Baumarten wie Eichen, Zürgelbaum, Linde, Echte Mehlbeere usw. wurden weniger- sie vertragen das häufige Abholzen nicht. Die Laubwälder der niederen Lagen Südtirols sind jedoch ungemein reich an Baum- und Straucharten. Insbesondere Bruthöhlen für Vögel oder Quartiere für Fledermäuse können in Niederwäldern nur schwer gefunden werden, da große dicke Bäume fehlen, in denen Spechte Höhlen angelegt haben. Die geringe Anzahl von Eichen in diesen Wäldern bedeutet auch für Arten wie Eichhörnchen, dass es keine Eicheln zu sammeln und wenig Futter gibt. Die Niederwaldbewirtschaftung hat zum Verlust von Lebensraum im Wald geführt.

Elsbeere (Sorbus tominalis)- in Südtirols Wäldern wachsen viele junge Bäume der Art heran

Die Elsbeere (siehe Bild) ist etwa ein Baum, der weit verbreitet ist, jedoch fehlen große Bäume in den Laubwäldern.  Ein Festmeter Elsbeerenholz kostet über 700 Euro und das Holz gehört zu den teuersten und härtesten Hölzern Europas. Für die Produktion von hochwertigen Möbeln wird der Baum verwendet. Jedoch fehlen diese Bäume in den Wäldern Südtirols, da die Laubwälder der niederen Lagen durch Niederwaldwirtschaft bewirtschaftet wurden. Dasselbe tirfft auch auf andere Bäume zu, wie Kastanien, Linden, Feldahorn, Vogelkirsche usw. Durch die Niederwaldwirtschaft wurden diese Baumarten, welche das auf den Stock setzten schlecht vertragen, immer weniger. Eichen, Elsbeeren usw. sind gefragtes Holz und bringen gute Erlöse, ein Festmeter Fichtenholz bringt hingegen wesentlich weniger Geld, nur etwa 70 Euro pro Festmeter oder auch nur 40 Euro und nicht 700 Euro wie das Holz der Elsbeere. Viele Laubbaumarten sind nicht nur für die Biodiversität wertvoll und kostbar, sondern auch für Geldtasche der Waldbesitzer.

Das auf den Stock setzten von Bäumen wie in der Niederwaldwirtschaft üblich, sollte vollkommen unterlassen werden. Die Wälder sollten nach hunderten Jahren der intensiven Nutzung einmal ein Jahrhundert nicht mehr genutzt werden, damit der Wald wieder zu einem echten Wald werden kann.  

 

Abgetrennte Auwälder an Flüsse anbinden

Die „Gesellschaft für Biodiversität“ hat in einer Presseaussendung auf die Notwendigkeit der Anbindung von abgetrennten Auen und der Ökosystemleistung des Auwaldes, nämlich des Hochwasserrückhaltes, hingewiesen und den Rückbau von Dämmen gefordert.

 

Dämme im Natura 2000 Gebiet Falschauermündung: vorne ein Baggersee, der durch einen großen Damm von der Falschauer dahinter getrennt ist. Dahinter ein kleiner Damm, der die Falschauer von einem anderen Teich (Fischerteich) trennt. Innerhalb eines Auwald- Naturschutzgebietes gibt es gleich zwei Dämme, welche zurückgebaut werden müssten, damit sich vitale Aulebensräume auf diesen Flächen bilden können.

Online nachzulesen:

https://www.voxnews.online/artikel/gesellschaft-fuer-biodiversitaet-auen-an-fluesse-anbinden

https://www.suedtirolnews.it/politik/auen-als-schutz-vor-hochwasser

In der Tageszeitung „Dolomiten“ erschien ebenfalls am Freitag 4. September 2020 dieser wichtige Appell: „Die Auen wieder anbinden“

Das Geschiebe und die Hochwässer sind für die Ausbildung lebendiger Aulebensräume bedeutetend. Der veränderte Wasserhaushalt und der veränderte Stofftransport durch Wasserkraftwerke und Verbauungen durch den Hochwasserschutz (z.B. Rückhaltebecken), wirken sich negativ auf die Bildung dynamischer Aulebensräume aus.

In einem Beschluss der Landesregierung (http://www.provinz.bz.it/natur-umwelt/natur-raum/downloads/Bollettino_Ufficiale_26I_II_28_06_2016.pdf) wird steht:

„Für den Datenbogen Erhaltungs- und Entwicklungsmaßnahmen für das Besondere Schutzgebiet (BSG) Biotop Falschauermündung wird im Abschnitt „Erhaltungs- und Entwicklungsmaßnahmen (Lebensräume 3150, 3220, 91E0)“ die Maßnahme „Angemessene Reduktion des Schwallbetriebes“ und im Abschnitt „Erhaltung der Tier- und Pflanzenarten und Aufwertung von deren Lebensräumen“ „Angemessene Reduktion des Schwallbetriebes, um den Lebensraum der Fisch-Arten zu verbessern“ ergänzt.“

„Für die Datenbögen Erhaltungs- und Entwicklungsmaßnahmen für das Besondere Schutzgebiet (BSG) Biotop Tschenglser Au und Biotop Eyrser Au wird die Maßnahme „Verpflichtung die hydrologischen Auswirkungen bei der Planung von Eingriffen innerhalb oder in der Umgebung des Natura 2000-Gebietes zu beurteilen“ gestrichen;“

Mit derartigen Beschlüssen wird einer weitere Verschlechterung des Erhaltungszustandes von Auwäldern (Lebensraum 91E0) nicht entgegengewirkt.

 

Hochwasser im Auwald

Starke Regenfälle führten am 30. August 2020 zu erhöhten Wasserpegeln in den Flüssen Südtirols. Muren und drohende Überschwemmungen an den Flüssen und Bächen waren die Folge. Für Aulebensräume sind Überschwemmungen und Hochwässer lebenswichtig.

(Nachrichten zum Hochwasser: https://www.suedtirolnews.it/chronik/unwetter-mehr-regen-als-sonst-im-ganzen-august

https://www.tageszeitung.it/2020/08/30/mure-bei-atzwang/)

Auwälder sind Wasserwälder der Auwald im Falschauerbiotop wurde teilweise überflütet. Lebendige Silberweidenauwälder sind auf solche Überflutungen angewiesen.

Mächtige Silberweide und im Vordergrund eine Bergulme.

Teile des Auwalds im insgesamt 35 ha umfassenden Biotop werden überflutet

Die hochwasserführende Falschauer auf dem „revitalisierten“ Abschnitt mit unnatürlichen großen Steinen:

Die Falschauer fließt an der „revitalisierten“  Fläche vorbei, sie wurde entvitalisiert. Wasser überflutet nicht den Auwald und Sedimente werden nicht abgelagert. Auwälder brauchen jedoch Überflutungen.

Nach über 5 Jahren wurde die „revitalisierte“ Fläche noch nie überflutet. Vor der Revitalisierung stand auch dieser Teil des Auwaldes bei Hochwässern unter Wasser und ein vitaler Auwald bedeckte die Fläche. Am Ufer gab es Sandbänke. Heute wachsen auf dieser Fläche vor allem Robinien und Schwarzpappeln.

nicht- überschwemmte revitaliserte Auwaldfläche mit Robinen

Trotz der Bekämpfung der invasiven Neophyten (Robinien) auf der Fläche, wuchern diese überall. Nach dem Wegbaggern des Auwaldes wurden vor allem Grauerlen und Schwarzerlen gepflanzt. Diese starben jedoch im trockenen aufgeworfenen Kiesboden schnell ab.

Wenig unterhalb der revitaliserten Fläche ist der Auwald vital und lebendig, die Falschauer überflutet den Wald.

Auwälder halten Material zurück und dienen dem Hochwasserrückhalt (Ökosystemleistung). Auch Treibholz wird im Auwald abgelagert, welches für zahlreiche Tierarten einen Lebensraum bildet. Der Hochwasserschutz fürchtet Verklausungen an Brücken, im Auwald sind derartige Verklausungen ein Segen und wirken ähnlich wie ein Biberdamm.

Umgefallener Baum, der Treibholz aufhält

Der Auwald der Falschaeur ist noch nicht sehr alt. Die Luftaufnahme aus dem Jahr 1954 zeigt, dass das Gebiet damals von Schotterbänken eingenommen wurde, heute ist es ein Auwald.

Durch die Verbauung der Bäche durch Hochwasserschutzbauten und den Stausseen im Ultental ist der Materialtransport in der Falschauer stark vermindert worden und dadurch hat sich Baumwachstum und Wald eingestellt.

Mehr zur misslungenen Revitalisierung des Biotops siehe:

http://biodiversitaet.bz.it/tag/revitalisierung-falschauer-biotop/

Renaturierung Ahrauen

Die Studie zur Fluss- und Auenrenaturierung hat Dezite aufgezeigt und Handlungsempfehlungen gegeben: Ein zentrales Defizit ist, dass keine Zustandserfassung auf Art- und Ökosystemebene erfolgt und die Handlungsempfehlung, entsprechenden Daten systematisch zu erfassen nicht umgesetzt wurde. Zu erfassen wäre etwa die Naturnähe, damit nicht natürliche Flächen renaturiert werden. Jedoch wird gerade an der Ahr die Natur „renaturiert“.

Die Ahr tieft sich ein, da durch den Hochwasserschutz Sand und Schotter zurückgehalten wird, welcher für die Ausbildung dynamischer Lebensräume wie Schotterbänke jedoch essentiell ist. Statt der Verbesserung des Stofftransportes wird alljährlich Wald an der Ahr gerodet und irgendetwas in die naturnahen Wälder hineingebaut.

Im Bereich der Stegener Ahrauen, einem Natura 2000 Gebiet, fließt die Ahr in einem kleinen Tal mit verschiedenen seltenen Waldtypen und die Ahr wird  von Auwald begleitet. 2009 wurden beim Tag der Artenvielfalt über 1330 Tier- und Pflanzenarten vor allem im Auwald der Stegener Ahrauen festgestellt (https://www.zobodat.at/pdf/Gredleriana_010_0327-0390.pdf). Artenvielfalt war dort vorhanden. Jedoch werden diese letzten Naturräume und Naturschutzgebiete umgebaut, Wälder werden weggebaggert und Natur unwiederbringlich zerstört. Ein Altarm wird seit 2019 angelegt, obwohl bereits in der Nähe ein ähnliches Loch als Grundwasserteich gegraben wurde.

Aktuelle Bilder der Baggerarbeiten vom Sommer 2020 in den wertvollen Wäldern des Naturschutzgesbietes:

Die naturnahen Wälder des Natura 2000 Gebietes Stegener Ahrauen werden weggebaggert. Die Zerstörung der Wälder der Ahrauen und wertvoller Uferlebensräume an der Ahr gehen alljährlich weiter.

Schneißen werden in den Wald geschlagen und die Natur unwiederbringlich durch die Umbauarbeiten zerstört.

Ein riesiges Loch, welches ein Altarm werden soll, wurde in den Auwald gebaggert:

 

Altarme sind eigentlich Reste von ehemaligen Flussläufen. An der Ahr werden diese natürlichen Relikte des ehemaligen Flusslaufes heute künstlich geschaffen.

Der Direktor der Landesagentur für Bevölkerungsschutz Rudolf Pollinger sagt in einer Pressemeldung: “Die Fortsetzung der Revitalisierung der Stegener Ahr-Auen ist für einen langfristig vitalen Auwald von großer Bedeutung. Zudem verbessern wir damit den Hochwasserrückhalt und erhöhen das Lebensraumangebot für mittlerweile seltene Tierarten und Pflanzenarten der Auen.”

((https://www.suedtirolnews.it/wirtschaft/stegener-ahr-auen-revitalisierung-im-auwald-biotop-wird-fortgesetzt) Wann sie endlich mit der Schaffung von Lebensräumen und dem Zerstören von Natur fertig sind, erklärte er aber nicht. Zusätzlich werden vom bestehenden Eisvogel-Spazierweg aus Zugangsmöglichkeiten für die Bevölkerung geschaffen, wodurch noch mehr Menschen durch das Biotop wandern werden und damit der Lebensraum störungsempfindlicher Arten, wie etwa Vögel, weiter beeinträchtigt wird.

Was diese seit 20 Jahren durchgeführte „Revitalisierung“ bzw. die Baggerarbeiten tatsächlich für die Arten und das Ökosystem der Ahr gebracht hat, wird ebenfalls nicht erklärt. Welche Käfer-, Fisch-, Amphibien- oder sonst irgendeine Art  tatsächlich nachweislich profitiert hat und welche Waldarten durch den Verlust von Wald abgenommen haben, wird nicht erklärt.

Klaus Graber vom Naturtreff Eisvogel blieb ebenfalls eine Antwort auf folgende Anfrage schuldig: 

Warum der Naturtreff nicht bei den Renaturierungen/ Revitalisierungen für eine Zustandserfassung eintritt, wie sie in der Studie zur Fluss- und Auenrenaturierung gefordert wurde?
„Die vorliegende Studie stellt deshalb auch eine Grundlage dar, bei zukünftigen Renaturierungsprojekten die entsprechenden Daten systematisch zu erfassen. Erfolgskontrolle und Monitoring können auf der Grundlage der von der Society for Ecological Restoration (SER 2004) empfohlenen Kriterien durchgeführt werden (vgl. auch Jähnig et al. 2011, Ruiz-Jaen & Aide 2005 und Schade & Jedicke 2011). Ein detaillierter Katalog zur Bewertung und Qualitätserfassung bei Fließgewässern ist von Lüderitz & Jüpner (2009) vorgelegt worden. Dieser umfasst Was­sergüte (z.B. mittels Sabrobien-Index), Hydromorphologie (Gewässerstruktur­kartierung), Naturnähe (mittels Indices z.B. nach Dussling et al. 2005, Mühlenberg 1993, Pauls et al. 2002) und Diversität (mittels Indices, vgl. Kaule 1991).“
Warum ihr nicht wie der WWF Bozen für die Revitalisierung von stark verbauten Bächen eintretet? ( https://wwfbolzano.files.wordpress.com/2015/11/revitalisierung-fliessgewaesser1.pdf
Was haltet ihr davon, einfach Fichten zu fällen, wenn diese in einem Auwald stehen und nicht den ganzen Wald wegzubaggern?
Eisvögel gibt es in der Gatzaue keine,trotz der vielen Revitalisierungen und der Schaffung von Lebensraum.
Was die Hydromorphologie (Gewässerstruktur­kartierung) betrifft, wie in der Studie vorgeschlagen, so kann dieser hier nachgelesen werden:

 

 

Importierte Gefahren

Die Marmorierte Baumwanze, Halyomorpha halys, war ursprünglich in Asien (China, Japan, Taiwan, Korea) beheimatet. Über Warentransporte wurde sie in andere Kontinente verschleppt und führte mit ihrer explosionsartigen Vermehrung auch zu Ernteausfälle bei diversen Kulturen. Hauptsächlich Apfel, Pfirsich und Tomaten waren betroffen. In Südirol ist sie seit 2016 präsent. Solche neue Arten sind invasive Neobiota. Besonders viele Baumwanzen konnten in den Jahren 2018 und 2019 auch in Südtirol beobachtet werden. Die Baumwanzen dringen im Herbst auch in Häuser ein, um zu überwintern.

Invasive Baumwanzen überwintern auch in Gebäuden- die natürlich vorkommenden Wanzenarten Südtirols nicht.

Es ist nicht die erste invasive Wanzenart, die sich massiv vermehrte. Die grüne Reiswanze oder die Grüne Stinkwanze vermehrten sich einige Jahre ebenfalls massenhaft, doch nahmen sie auch wieder von alleine ab. Viele Hobbygärtner hatten Ausfälle bei Tomaten im Herbst. Wanzen stechen nämlich und saugen auf den Früchten, was eigentlich kein großes Problem wäre, doch sie übertragen dabei auch Pilzkrankheiten und diese Krankheiten breiten sich in der Frucht aus. Bei Tomaten können dann etwa die Früchte schwarz werden.

Diese neuen invasiven Wanzenarten haben jedoch auch heimische Gegenspieler, etwa Schlupfwespen, welche die Wanzen parasitierien und zum Absterben der Wanzen führen. Vermehren sich die Wanzen stark, so vermehren sich mit der Zeit auch diese natürlichen Gegenspieler. Auch Spinnen können die Wanzen ins Netz gehen.

Spinne (Weberknecht) saugt Marmorierte Baumwanze aus

Neue Arten bringen häufig neue Probleme und in Südtirol wurden nicht heimische Gegenspieler, die Samurai-Wespe (Trissolcus japonicus), gezüchtet und ausgesetzt. Obwohl auch heimische Arten, etwa Anastatus bifasciatus Baumwanzen parasitieren. Diese Gegenspieler legen ihre eigenen Eier in die Eigelege der Wanzen und die heranwachsenden Wespenlarven ernähren sich von den Wanzeneieren, sie fressen diese von innen aus.

Streifenwanze (Graphosoma lineatum)

Eine neue Wanzenart ist auch die Streifenwanze, welche ürsprünglich nur im Mittelmeerraum vorkam, sich jedoch bis zur Nordsee ausbreitete. Diese Art bereitet dem Biogärtner oder anderen Menschen sicher keine Probleme und ist ein wahres Schmuckstück.

Die Einfuhr von Arten, auch von Nützlingen hat sich schon negativ auf die Biodversität ausgewirkt. Es gibt zahlreiche natürlich vorkommende Arten von Marienkäfern in Europa und zur Schädlingsbekämpfung wurde der Asiatische Marienkäfer in den 1980eer Jahren nach Europa und schon früher in die USA eingeführt. Inzwischen tritt die Art gebietsweise massenhaft auf und wenn sich Hausbesitzer über Schwärme von Marienkäfern an Häusern beklagen, so handelt es sich um Massenvorkommen des Asiatischen Marienkäfers. Seit 2002 tritt die Art gehäuft in Europa auf und Massenvermehrungen des Asiatischen Marienkäferns gibt es seit 2004 in Großbritannien, Frankreich und Deutschland.

Dem Siegeszug des Asiatischen Marienkäfers stehen einheimische Marienkäferarten gegenüber, die in ihrem Bestand gefährdet sind und in Roten Listen stehen. Vom Asiatischen Marienkäfer wird berichtet, dass er heimische Arten verdrängt. Eingeführte Arten können heimische Arten verdrängen und invasive Neobiota sind eine der Hauptgefährdung der Biodiversität weltweit.

Wachsen Pflanzen etwa zu schnell, weil sie zu viele Nährstoffe und Wasser bekamen, so können Blattläuse leicht zum Problem werden. Marienkäferlarven, Ohrwürmer und andere Nützlinge vertilgen Blattläuse und helfen beim Pflanzenschutz.

Der Asiatische Marienkäfer wurde zuerst in die USA eingeführt, wo er heute in Weinbergen als Schädling auftritt. Der eingeführte Nützling wurde zum genauen Gegenteil: zum Schädling in landwirtschafltichen Kulturen. Der Asiatische Marienkäfer ist in der Datenbank der global invasiven Arten der IUCN aufgelistet und ist inzwischen ein Schädling im Weinbau der USA.

Die Ausbreitung des Asiatischen Marienkäfers hat in Deutschland dazu geführt, dass der einst häufigste Marienkäfer, der Zweitpunkt Marienkäfer stark abgenommen hat. Parasiten des Asiatischen Marienkäfers wurden mit der Art eingeführt und die heimischen Zweitpunkt-Marienkäfer werden von diesem Parasiten infiziert und sterben, wie eine Studie der Universität Gießen herausfand. Der Asiatische Marienkäfer trägt Pilze in sich, auf welche die Art restitent ist, der heimische Zweipunkt Marienkäfer jedoch ist nicht restistent dagegen und stirbt durch diesen Pilz. Neobiota sind häufig eine Gefährdungsursache für heimische Arten, gerade auch als Überträger von Krankheiten. Klassisches Beispiel für das hohe Schadenspotential durch die Übertragung von Krankheiten eingeführter Arten ist die sogenannte Krebspest, welche schon vor 100 Jahren die europäischen heimischen Flusskrebsarten durch die Einfuhr und Ausbreitung einer amerikanischen Art dahinraffte.

Oft werden Arten eingeführt, obwohl es heimische Arten gibt, welche eigentlich die Funktion als natürlicher Gegenspieler erfüllt. Sogar in Kastanienhainen Südtirols geht es recht chinesisch zu: Die Japanische Esskastaniengallwespe, welche 2008 erstmals in Südtirol nachweislich auftrat, wurde mit einem eingeführten asiatischen Gegenspieler (Torymus sinensis) bekämpft. Wissenschaftliche Untersuchungen haben zwar ergeben, dass auch heimische Schlupfwespenarten durchaus in der Lage sind, die Larven der Esskastaniengallwespe zu parasitieren, jedoch wurde eine asiatische Schlupfwespenart (Torymus sinensis) eingeführt. Importiertware aus Asien ist auch in der Landwirtschaft gefragt.

Leider wird in der Schädlingsbekämpfung im konventionellen und integrierten Anbau auf den Schutz der heimischen Arten wenig Rücksicht genommen und Arten wurden absichtlich eingeführt. Erst im Nachhinein zeigten sich die weitreichenden und gravierenden negativen Effekte, die mit ihrer Einfuhr verknüpft sind. Schäden sind dann nicht mehr gut zu machen. Dem Siegeszug des Asiatischen Marienkäfers steht die Bedrohung der heimischen Marienkäfer gegenüber.

In den agrarischen Ökosystemen, wie etwa den Apfelplantagen Südtirols, gibt es vor allem das Problem, dass große Mengen an Pestiziden eingesetzt werden, welche auch für Nützlinge eine Gefahr sind. Marienkäfer überleben Insektizide ebensowenig wie Blattläuse.

mehr zum Thema Pestizide auf http://biodiversitaet.bz.it/pestizide/

Biodiversitätsmonitoring

(Titelbild: Vegetation Südtirols in einer Karte festgehalten: die Vegetation und die Biodversität hat sich seitdem verändert, Obstplantagen dehnten sich etwa im Vinschgau aus, Schluchtwälder wurden weniger und invasive Neophyten breiteten sich aus)

Das Forschungsinstitut Eurac hat ein Projekt zur Erhebung der Artenvielfalt ausgearbeitet, welches von der Politik in Auftrag gegeben wurde und vom Land jährlich mit 500.000 Euro bezuschusst wird. Ausgehend von der Beschreibung des Projektes auf den Internetseiten, weist das Monitoring viele Schwachstellen in Bezug auf die Biodiversität auf. Die Artenvielfalt einzelner Flächen wird beobachtet und die Entwicklung der gesamten Natur- und Kulturlandschaft Südtirols wird nur ungenügend beobachet. Über die Funktionalität oder die Quantität der Ökosysteme wie Wälder oder Fließgewässer in ihrer Gesamtheit wird keine Auskunft gegeben. 

Das Biodiversitätsmonitoring wird auf den Internetseiten so beschrieben: “Das Monitoring soll die Entwicklung der gesamten Südtiroler Biodiversität aufzeigen, wobei der Schwerpunkt auf Artengruppen liegt, die unmittelbar auf Umwelt- und Landnutzungsänderungen reagieren. Die 320 terrestrischen Untersuchungsgebiete sind gleichmäßig über das Land verteilt und umfassen eine repräsentative Auswahl verschiedener Lebensräume. Zusätzlich wird auch eine große Anzahl von Fließgewässern untersucht. Alle Erhebungen werden in regelmäßigen Abständen wiederholt.
Das Monitoring dient auch dazu, wichtige administrative Anforderungen zu erfüllen, wie z.B. Auswirkungen von getroffenen Umweltmaßnahmen zu überprüfen oder als Grundlage für die regelmäßige Berichterstattung über den Zustand der Arten und Lebensräume im Rahmen der Habitat-Richtlinie. Um repräsentative Aussagen über Veränderungen der Biodiversität in Südtirol zu erhalten, wurden die meisten der im Monitoring untersuchten Flächen zufällig ausgewählt.”

Was die regelmäßige Berichterstattung über den Zustand der Arten und Lebensräume im Rahmen der Habitat-Richtlinie (=FFH-Richtlinie) angeht, so werden diese entsprechend der FFH-Richtlinie Artikel 6 bereits erfasst. Im Zeitabstand von 6 Jahren werden diese aktualisiert. Die FFH-Richtlinie stammt aus dem Jahr 1992. In Südtirol wurden Natura 2000 Gebiete ausgewiesen und für diese Gebiete gibt es auch Managementpläne. Für derartige Schutzgebiete wird also doppelt geforscht.

Zusätzlich wird auch eine große Anzahl von Fließgewässern untersucht. Alle Erhebungen werden in regelmäßigen Abständen wiederholt.” Fische, Kieselalgen, Makrozoobenthos usw. werden von Landesämtern bereits erfasst. Zudem wurden alleine 41 Millionen Euro in den Umbau der Gewässer bis 2020 als Revitalisierung bzw. Renaturierung investiert. Bei diesen getätigtten Arbeiten fehlt jedoch eine systematische Zustandserfassung auf Art- und Ökosystemebene und auch ein umfassendes Monitoring. Die Fließgwässer und ein wichtiger Teil der Biodversität der Fließgewässer werden wie die Natura 2000 Gebiete bereits überwacht und ein Monitoring der Artenvielfalt vieler Organismengruppen ist daher schlichtweg überflüssig. Ökosysteme wie Fließgewässer sind Belastungen ausgesetzt (siehe http://biodiversitaet.bz.it/baeche-und-seen/) und durch neue Verbauungen von Fließgewässern oder neuen Wasserkraftwerken wird die Funktionalität des Ökosystems beeinträchtigt. Das Monitoring überwacht nicht alle Fließgewässer dahingehend, ob sie weiter verändert werden und in ihrer Funktionalität beeinträchtigt werden.. 

Schwachstellen: Seltene und gefährdete Arten nicht genügend erfasst

Im Jahr 1994 wurde eine Rote Liste der Tierarten Südtirols erstellt und Jahre später folgte auch eine der Pflanzen. Seltene, nur an wenigen Orten vorkommende Arten, wie etwa seltene Amphibien (z.B. Gelbbauchunke) oder Säugetiere (z.B. Bären), welche auch durch die FFH-Richtlinie besonders geschützt sind, werden beim Biodiversitäts-Monitoring in Südtirol unzureichend erfasst. 

Durch die Übernahme sämtlicher Daten des Naturmuseums (z.B. Gelbbauchunken) und der Landesämter (z.B. Bären) könnte die Entwicklung der Biodiversität als Artenvielfalt viel genauer abgebildet werden. Seltene Arten, wie Bären und Gelbbauchunken kommen nicht überall vor. Doch gerade diese seltenen und gefährdeten Arten sind von zentraler Bedeutung für den Erhalt der Biodviersität. Die Biodiversität als Artenvielfalt zu erhalten, bedeutet zuallererst, auf gefährdete und seltene Arten zu achten. Beispiel Weinberg: Weinberge können eine ganz spezielle typische Weinbergflora aufweisen, ähnlich wie etwa Getreideäcker mit charakteristischem Klatschmohn und Kornblume. Typisch für Weinberge sind etwa Zwiebelpflanzen und der Nickende Milchstern ist eine solche typsiche Art, die aber sehr selten wurde und in ihrem Bestand gefährdet ist. Über die Entwicklung dieser Art wird das Monitoring nur dann eine Aussage treffen können, wenn sie in einem der 20 aufgenommen Weinberge auch vorkommt (Nickender Milchstern und Flora Gefährung der Flora siehe http://biodiversitaet.bz.it/flora/). Kommt sie in einer Aufnähmefläche vor, so kann nur über die Bestandsentwicklung in der einen Fläche eine Aussage getroffen werden, nicht aber über die Entwicklung des Bestandes in ganz Südtirol.

Schwachstelle: punktuelle Aufnahmen- Landschaft als Ganzes nicht überwacht

Eine große Schwachstelle des Biodiversitätsmonitorings ist, dass lediglich punktuelle Untersuchungsgebiete über das Land verteilt dem Monitoring unterzogen werden. Damit werden etwa wichtige Landschaftselemente nicht flächendeckend überwacht, wie lineare Landschaftselemente (z.B. Hecken, Ufergehölze), welche wichtige Lebensräume für Arten darstellen und erheblich zur Artenvielfalt in der Landschaft beitragen. In der FFH- Richtlinie sind sie erwähnt:“ Die Mitgliedstaaten werden sich dort, wo sie dies im Rahmen ihrer Landnutzungs- und Entwicklungspolitik, insbesondere zur Verbesserung der ökologischen Kohärenz von Natura 2000, für erforderlich halten, bemühen, die Pflege von Landschaftselementen, die von ausschlaggebender Bedeutung für wildlebende Tiere und Pflanzen sind, zu fördern.“ Wie sich die Landschaftselemente auch nur quantitativ entwickeln, darüber wird das Monitoring keine fundierten Ergebnisse liefern. 

An Fließgewässern finden sich z.B. wichtige Lebensräume wie etwa Auwälder und im Etschtal existiert ein lang gezogener Auwald entlang der Etsch (siehe Karte oben). Die quantitative Ausdehung von Lebensräumen wie Auwäldern bzw. linearen Landschftselementen in den Talsohlen wird mit dem punktuellen Monitoring nicht überwacht.

Über Fernerkungdsmethoden (Vergleich Luftbilder) über die Jahre hingweg könnte sehr einfach die Entwicklung wertvoller Landschaftselemente beobachtet werden.

Auch darüber, ob etwa Feuchtgebiete in Südtirol zunehmen oder abnehmen, wird das Monitoring keine Ergenisse liefern, da nur puntkuell Aufnahmen gemacht werden. Dasselbe gilt für Wälder, Almen oder Gletschern. Wachsen Almen zu oder werden Almen aufgelassen und gewinnt dabei der natürliche Wald Südtirols Flächen zurück, darüber kann durch die punktuelle Aufnahme der Artenvielfalt keine fundierte Aussage getroffen werden. Für die Biodiversität sind derartige großflächige Landnutzungsänderungen jedoch bedeutend.

Es wird viel gebaggert in Südtirol: Hecken können dabei verschwinden

Defizit: Fehlen der genetischen Vielfalt von Nutzpflanzen und Nutztieren:

Das Monitoring soll die Entwicklung der gesamten Südtiroler Biodiversität aufzeigen”, jedoch wird die genetische Vielfalt der in Südtirol vorkommenden Nutzpflanzen und Nutztiere nicht erfasst. Der Biodiversitätsverlust zeigt sich auch im Verlust der Nutztierrassen- und der Sortenvielfalt. Dies betrifft alte Obstsorten, wie dem Kalterer Apfel oder Getreidesorten bis hin zu Hühnern, etwa dem Proveis- Ultentaler Huhn oder dem Tirolerhuhn. Zahlreiche Vereine oder Einrichtungen wie die Laimburg (z.B. Getreide) beschäftigen sich mit dem Thema und Initiativen zum Erhalt wurden gestartet. Beim Biodiversitätsmonitoring fehlt diese Entwicklung. Der Wert der genetischen Vielfalt der Nutztierrassen und Sorten wird beim Biodiversitätsmonitoring der EURAC sträflich vernachlässigt. Wichige Akteure und Kenner dieser Vielfalt wurden nicht involviert. Tradititionelle, an die Beweidung von Almen und kargen Bergwiesen angepasste lokale Nutzrassen, wie etwa das Buischa Rind (Fotos siehe https://patrimont.org/de/), finden keine Beachtung. 

Schwachstelle: zu später Beginn

Das Monitoring beginnt erst im Jahr 2019 und wird alle 5 Jahre Ergebnisse liefern, also werden erst 2024 die ersten Ergebnisse vorliegen, welche die Entwicklung in diesen fünf Jahren auzeigen. Nicht berücksichtigt wird das Wissen um den Biodiversitäsverlust, wie er in den vergangen Jahrzehnten dokumentiert wurde, etwa der Verlust von artenreichen Lärchenwiesen oder das Insektensterben. Es fließt nicht die bisherige Entwicklung der Biodiversität ein und dem Biodiversitätsmonitoring fehlt damit der wichtige Blick in die Entwicklung der letzten Jahrzehnte.

Das Insektensterben ist bereits eingetreten, die meisten Magerwiesen gingen schon verloren, viele Feuchtgebiete wurden bereits zerstört und der Artenverlust geht weiter. In den nächsten fünf Jahren, wird es sicher kein zweites großes Insektensterben geben, wie es sich in den letzten Jahrzehnten abspielte. Es ist durchaus möglich, dass in Südtirol ein Monitoring durchgeführt wird und die Öffentlichkeit niemals wissen wird, dass es ein Insektensterben gibt.

Schwachstelle: keine Informationen über Bedeutung der Lebensräume für die Arten

Es gibt Lebensräume, die von großem Wert für den Erhalt der Arten sind, etwa Feuchtgebiete oder Trockenrasen. Die Autonomoe Provinz Bozen bietet nützliche Informationen etwa über den Wert der Trockenrasen für die Biodiversität (http://www.provinz.bz.it/natur-umwelt/natur-raum/naturschutz/rasen-und-wiesen-trocken-frisch-beschreibung-lebensraum.asp?news_action=4&news_article_id=595379), über vorkommende dominante und charakteristische Arten, gefährdete Arten, über die biologische Werigkeit, der Funktion des Lebensraums, Entwicklungstendenzen und Gefährdung des Lebensraums und über den Naturschutz.

Das Bioversitätsmonitoring bietet keine derartigen Informationen zu den untersuchten Lebensräumem, doch nur was man kennt, kann man auch schützen. Die Information der Öffentlichkeit ist ein sehr wichtiger Punkt, damit die Gesellschaft und die vielen Akteure ihrer Verantwortung zum Erhalt der Biodiversität nachkommen können. Auskunft über Artenzahlen und damit wie artenreich die Lebensräume sind, finden sich auf den Seiten des Biodiversitätsmonitorings nicht. Ebensowenig werden Informationen über das Vorkommen gefährdeter Arten und  über den Wert eines Lebensraums bereitgestellt. Welcher Lebensraum ist am artenreichsten, wo gibt es am meisten seltene Arten,- viele Fragen werden nicht beantwortet. Nach dem Durchlesen der ganzen Infors zum Biodiversitätsmonitoring auf https://biodiversity.eurac.edu/de/ wird niemand sagen können, ob es für die Biodiversität besser ist Weinberge anzulegen oder Teiche zu bauen. Doch wer bis hier gelesen hat, der weiß das sicher.

Wer in diesem Blog hier liest, der wird vielleicht auch über die Presseaussendung des Biodiversitätsmonitorings schmunzeln oder auch den Kopf schütteln. Die Nachricht, mehr als die Hälfte der Südtiroler Fauna sei schon erfasst (z.B. https://www.stol.it/artikel/chronik/mehr-als-die-haelfte-der-suedtiroler-fauna-schon-erfasst) wurde verbreitet (über 1100 Tier- und Pflanzenarten): „86 Vogelarten – das sind gut die Hälfte der im Südtiroler Brutvogelatlas aufgelisteten Arten – sind anhand ihres Gesangs schon identifiziert; dazu kommen 49 erfasste Heuschreckenarten, 104 Schmetterlingsarten und 15 Fledermausarten – jeweils mehr als die Hälfte der für Südtirol bekannten Arten – sowie 850 verschiedene Gefäßpflanzen, wurde der Presse mitgeteilt und Andreas Hilpold von Eurac Research sagte: „Es überrascht uns im positiven Sinn, dass es uns gelungen ist, nach einem Jahr und einem Fünftel der gesamten Standorte schon einen so hohen Prozentsatz der Arten zu finden. Das zeigt, dass unsere Arbeit gut vorangeht und wir mit unserem Ansatz die Biodiversität in Südtirol gut abbilden können“. Dabei fehlen im Südtiroler Brutvogelatlas jedoch einige Arten, etwa Neozoen wie Brautenten oder der allseits bekannte Brutvogel die Stadttaube (http://biodiversitaet.bz.it/2018/07/14/voegel/). 104 Schmetterlingarten sollen die Hälfte der in Südtirol bekannten Arten sein, jedoch gibt es doch etwas mehr Schmetterlingarten (http://biodiversitaet.bz.it/2017/12/01/schmetterlinge/). 1100 Arten sollen die Hälfte sein? Bei Untersuchungen im Schlerngebiet (Habitat Schlern) waren 5000 Tierarten 20% der vorkommenden Tierarten Südtirols. Die Biodiversität als Artenvielfalt wird beim Monitoring nicht gut abgebildet und es ist wirklich bemerkenswert, wie artenarm Südtirol mit dem Biodiversitätsmonitoring plötzlich geworden ist. 

Was soll herauskommen? Wozu das Ganze?

Bezweckt das Monitoring die Artenvielfalt Südtirols abzubilden, dann müsste die Artenvielfalt, von Nutztierrassen bis hin zu seltenen Arten wie Bären, einbezogen werden. Über Landnutzungsänderungen und den Klimawandel sollen vor allem Aussagen getroffen werden. Bezweckt das Biodiversitätsmonitoring über den Landnutzungwandel Aussagen treffen zu wollen, dann hätte man Fernerkungdsmethoden oder vorhandenes flächendeckendes Kartenmaterial von Südtirol verwenden müssen. Punktaufnahmen geben keinen Einblick in die tatsächlichen Veränderungen durch Landnutzungsänderungen. Der Verbrauch von Flächen durch Bebauung und der damit einhergehende vollkommene Biodiversitäsverlust auf versiegelten Flächen oder der Bau von Infrasturen wie Straßen, welche Lebensräume zerschneiden, wird beim Biodiversitäts-Monitoring nicht weiter in das Monitoring einfließen. Ebensowenig die Umwandlung von natürlichen Ökosystemen wie Wäldern in anthropogene Ökosysteme, wie intensiv genutzte agrarische Lebensräumen findet in den punktuell durchgeführeten Monitoring keine weitere Beachtung. Gerade Wälder, die einen Großteil der terrestrischen Biodiversität beherbergen, werden ebenfalls durch den Bau von Forststrassen und die Intensivierung der Nutzung verändert. Derartige Entwicklungen werden nicht flächendeckend verfolgt. Wälder sind für die Biodiversität von zentraler Bedeutung, so ist etwa das Natura 2000 Gebiet Trudner Horn, das vor allem aus Wald besteht, der artenreichste Naturpark Südtirols. Auch über die quantitative Entwicklung von Auwäldern in den Talsohlen, wird damit keine Aussage getroffen werden können. 

Die Gefährdungsursachen für die Biodiversität sind hinlänglich bekannt. Bezweckt das Biodiversitäsmonitoring über den Klimawandel Aussagen treffen zu wollen, so gibt es bereits Projekte wie etwa Gloria und die Eurac beschäftigt sich bereits länger mit dem Klimwandel und publizierte den Klima-Report. Dort wurden bereits Ergenbisse präsentiert. 

Schwäche: es wird geforscht und nicht gehandelt

Viele landwirtschafltich genutzte Flächen werden vom Biodiversitätsmonitoring Südtirol untersucht wie Weinberge, Apfelplantagen oder Äcker. Es wird geforscht. Im Gegensatz dazu wird beim Biodiversitäsmonitoring Österreichs mit den Landwirten gemeinsam daran gearbeitet, die Biodversität auf ihren Flächen kennenzulernen und diese dann auch zu schützen. “Wir schauen auf unser Almen, Wiesen und Wälder”, ist in Österreich ein zentrales Element des Biodiverisätsmonitorings, in dem es darum geht, dass die Akteure in der Landschaft, praktisch die Bauern, darin eingebunden werden, die Biodiversität in ihrer Heimat kennenzulernen und darauf zu schauen.

Es gibt noch andere lobenswerte Initiativen in Österreich: das Land Salzburg mit regionalem Wiesensaatgutproduktion und Rekultivierung von Grünflächen in Zusammenarbeit mit landwirtschaftlichen Betrieben und Experten eine  Initiative zur Erhaltung der regionalen genetischen Vielfalt der Wiesen gestartet. In Südtirol wird man 2024 erfahren, dass vielleicht Arten in Wiesen zugenommen oder abgenommen haben.

In einigen Jahren wird man erfahren, wie es um die Biodiversität laut Biodiversitäsmonitoring bestellt ist. Wie viele Arten heuer, im nächsten Jahr und den Jahren danach ausgestorben sind, darüber wird man in Südtirol nichts erfahren. Die EU hat eine Strategie zum Erhalt der Biodviersität, mehr dazu auf http://biodiversitaet.bz.it/biodiversitaetsstrategie/

Der Koordinator des Biodversitätsmonitorings, Andreas Hilpold, ist nicht immer für die Erfassung und ein Monitoring der Biodiversität eingetreten. Als Vorsitzender der Umweltgruppe Eisacktal trat er nicht dafür ein, Monitoring und eine Zustandserfassung bei sogenannten Fluss- und Auenrenaturierungen durchzuführen (siehe http://biodiversitaet.bz.it/revitalisierung-wasserrahmenrichtlinie/).

 

Wildbienen

Titelbild: domestizierte Wildbiene, die Honigbiene

Wildbienen sind weltweit verbreitet und eine artenreiche Insektenfamilie. Bisher wurden weltweit über 17.000 Arten beschrieben. Schätzungen gehen jedoch davon aus, dass es zwischen 20.000 und 30.000 Wildbienenarten gibt.

Von den rund 6000 Wildbienenarten Europas sind 9 % im Bestand gefährdet
und 5 % sind als potenziell gefährdet eingestuft. 20% der Wildbienenarten Europas sind endemische Arten, es gibt diese Arten also nur in Europa. Die Rote Liste Europas wurde 2015 veröffentlicht.

Die Entwicklungstendenzen einiger Wildbienenbestände in Europa sehen wie folgt aus: Bei mindestens 150 Bienenarten sinkt die Populationszahl und bei 244 ist sie relativ stabil. Für 80% der Arten fehlen Daten zur Populationsentwicklung.

Am meisten Wildbienenarten kommen in Europa in den Ländern des Mittelmeerraumes vor, Spanien, Italien und Griechenland haben sehr viele Wildbienenarten.  

In Deutschland wurden 561 Wildbienenarten nachgewiesen, in der Schweiz 617 und in Österreich 690. Von den 561 Wildbienenarten in der Roten Liste Deutschlands (2011) sind nur 207 Arten ungefährdet.

  • Ausgestorben oder verschollen: 7%
  • vom Aussterben bedroht: 5,6%
  • stark gefährdet 14%
  • gefährdet: 15,3%

Durch das Vorkommen von mediterranen Arten ist die Artenzahl in Italien deutlich höher, es wurden 944 Arten nachgewiesen (Stand 2003), Eine umfassende Rote Liste der Wildbienen Italiens gibt es nicht (Infos Wildbienen Italien: http://www.apiselvatiche.it/) und nur einige wenige Arten (151 Arten) wurden in der Roten Liste Italiens von 2018 bewertet und 34 davon sind gefährdet: 5 Arten vom Aussterben bedroht oder ausgestorben (CR), 2 Arten vom Aussterben bedroht (CR), 10 stark gefährdet (EN) und 4 gefährdet (VU) und 13 potentiell gefährdet (NT). 

Für Südtirol wird die Anzahl der Wildbienenarten auf bis zu 500 geschätzt, Hellrigl wies 427 Arten im Jahr 2003 nach, darunter auch einige Arten zum ersten Mal.

Die Zerstörung und Veränderung der Lebensräume ist für den Rückgang der Arten in Südtirol verantwortlich, Trockenrasen  und Ruderalfluren (http://biodiversitaet.bz.it/tag/ruderalvegetation/) verschwanden, die landwirtschaftliche Nutzung wurde intensiviert (Überdünung, Überwässerung) und die Flora und Nahrungsgrundlage der Wildbienen verschwand (Hellrigl 1994). 

 

Lebensräume der Wildbienen:

Wildbienen kommen in unterschiedlichen Lebensräum vor, einige Lebenräume mit besonderer Naturschutzrelevanz:

  • Binnen- und Küstendünen sowie Flugsandfelder
  • Magerwiesen und Trockenrasen trockenwarmer Standorte
  • Felsfluren
  • Sand- und Bergheiden
  • Röhrichte und Schilfbestände
  • Streuwiesen und Feuchtwiesen
  • Weichholz- und Hartholzauen
  • Macchie und Garigue im Mittelmeerraum

So verschieden und vielfältig die Wildbienen sind, so unterschiedlich sind ihre Lebensräume. Jeder Lebensraum einer einer einzelnen Wildbienenart muß folgende Bedingungen erfüllen, damit Populationen von Wildbienen dort leben können:

  •  der artspezifische Nistplatz muss vorhanden sein 
  • Nahrungspflanzen müssen in ausreichender Menge wachsen 
  • für den Ausbau der Brutzellen erforderliche Baumaterial muss zur Verfügung stehen

Untersuchungen zur Wildbienenfauna in den Dolomiten Südtirols im Schlerngebiet (Habiat Schlern, Knopf 2008) ergaben die höchsten Artenzahlen auf einer ehemaligen Waldbrandfläche im Kiefernwald (Gemeinde Tiers) mit über 80 Arten, gefolgt von einer Lärchenwiese (Gemeinde Tiers), die beweidet wird und ein kleines Hangmoor behergergt, mit über 70 Arten und einer Mähwiese mit Magerwiesen und Straßenböschung (Gemeinde Tiers) mit 60 Arten.  Der lichte Charakter des abgebrannten Kiefernwaldes „ermöglicht ein ausreichend hohes Blütenangebot, insesondere an Schmetterlingsblütlern, wodurch der Standort nicht nur als Nist- sondern gleichzeitig als als Nahrungshabitat fungieren kann“, T. Knopf 2008.

In strukturreichen Agrarlandschaften Mitteleuropas, z.B. Ackerbaugebieten mit Hecken und artenreichen Ackerrandstreifen, in Weinbaugebieten mit Trockensteinmauern und naturnahen Landschaftselementen oder Wiesenlandschaften mit Feldgehölzen und auch in naturnahen Gärten finden Wildbienen einen Lebensraum und erbringen Leistungen, sie bestäuben Pflanzen. Hummeln und Mauerbienen fliegen bei geringeren Temperaturen als Honigbienen aus und sind damit effizientere Bestäuber von im Frühjahr blühdenden Obstbäumen als Honigbienen.

Wildbienen sind häufig hochspezialisierte Tierarten, wie die Zweifarbige Mauerbiene. Sie benötigen Schneckenhäuser der Weinbergschnecke als Nistplatz. Nur dort, wo es Weinbergschnecken und leere Schneckenhäuser gibt, kann die Zweifarbige Mauerbiene leben.

Viele Wildbienen brauchen zur Forpflanzung Lehmwände oder Lehm, sie bauen Röhren in Lehmwänden, verschließen mit Lehm die Brutröhren oder bauen mit Lehm eigene Behausungen für die Larven.

Etwa ¾ der im deutschsprachigen Raum vorkommenden Wildbienenarten bauen ihre Nester im Boden, Magerwiesen und Trockenrasen mit ihrer lückigen Vegetation bieten Wildbienen dadurch einen Nistplatz, eine Fettwiese oder ein “Grasacker” jedoch nicht. Dort steht die Vegetation viel zu eng, als dass erdbewohnende Bienen dort Nester anlegen könnten. Blüten der Fettwiesenpflanzen sind als Nahrung für die Wildbienen bedeutend. Fettwiesen mit Hecken oder Trockenmauern können daher Lebensraum von Wildbienen sein.

Große Holzbiene auf Blasenstrauch

Neben den Erdnestern werden Totholz, morsches Holz und dürre Pflanzen als Nistplatz von vielen Arten genutzt. Wälder oder Hecken mit Totholz und anderem absgestorbenen Pflanzen bieten vielen Bienenarten einen Lebensraum. Alle Bienenarten sind bei der Wahl ihrer Nistplätze mehr oder weniger hoch spezialisiert. Das Vorhandensein, die Menge und die Qualität von artspezifischen Nistplätzen sind somit ein entscheidender Faktor für die Verbreitung einer Bienenart. Bei den Nahrungspflanzen und dem Baumaterial haben die meisten Bienen sehr spezifische Ansprüche. Sie reagieren sensibel auf Veränderungen ihrer Lebensräume und eignen sich somit hervorragend als Bioindikatoren. Sie zeigen an, inwieweit die Ökosysteme intakt oder degradiert sind. Die Degradierung von Lebensräumen durch Stoffeinträge wie Pestiziden belastet Wildbienenlebensräume und gefährdet die Artenvielfalt. Auch die Bestäubung und Samenbildung von Pflanzen geht durch das Fehlen von Bestäubern zurück, ohne Bestäuber gibt es auch keine Vermehrung von Pflanzenarten, die auf Insekten als Bestäuber angewiesen sind.

Wildbienen sammeln Pollen und Nektar von Blütenpflanzen. Unweit des Nistpatzes muss es Nahrungspflanzen geben, wobei einige Hummelarten auch Strecken bis 2,5 km von ihrem Nistplatz zum Nahrungsplatz zurücklegen. Der Nekar und der Pollen dient der Ernährung der Wildbienen und der Aufzucht des Nachwuchses. Die aus den Eier schlüpfenden Larven ernähren sich davon.

Einige Arten zeigen eine sehr starke Präferenz für bestimmte Pflanzen und Lebensräume, wie die Eisenhut- Hummel (Bombus gerstaeckeri). Da diese Art an den Eisenhut (Aconitum sp.) gebunden ist und diese überwiegend in den Hochstaudenfluren vorkommt, liegt auch der Verbreitungsschwerpunkt dieser Art in den Hochstaudenfluren. Auch in Schluchtwäldern (Laubwäldern) mit Wolfs-Eisenhut kann die Art in niederen Lagen vorkommen, meist jedoch häufiger in subalpinen Hochstaudenfluren mit dem Blauen Eisenhut, der nicht selten ist.

In trocken- warmen Lebensräumen des Mittelmeerraums gibt es viel mehr Wildbienenarten als in Mitteleuropa. Es gibt aber auch einige Arten, die nur im Hochgebirge und in kühleren Gebieten vorkommen, wie die Trughummel (Bombus mendax). Sie zählt zu den wenigen Hochgebirgsarten und kommt dementsprechend auf alpinen Rasen und hochstaudenreichen Almweiden vor.

Viele Bienenarten suchen immer wieder dieselben Pflanzenarten beim Pollensammeln auf. Beim Nektarerwerb zeigen sie meist eine wesentlich breitere Palette an besuchten Pflanzenarten. Die Begriffe »monolektisch«, »oligolektisch« und »polylektisch« beziehen sich auf dieses Pollenversammelverhalten. Monolektische Arten sammeln nur Pollen einer Pflanzenart, oligolektische Arten nur von weinigen und polylektische von vielen verschiedenen Pflanzenarten.

Polylektisch sind etwa Honigbienen, sie sammeln an vielen verschiedenen Pflanzen Pollen. Monolekitsche Arten sind etwa die Natterkopf-Mauerbiene (Osmia adunca), Zaunrüben-Sandbiene (Andrena florea). Schenkelbienen, nämlich Macropis europaea und Macropis fulvipes, sammeln Pollen (und auch Blütenöl) nur am Gilbweiderich (Lysimachia vulgaris) einer charkteristischen Art der Röhrichte. Die Namen der Bienen verraten, welche Pflanzen sie zum Pollensammeln ansteuern.

Lippenblütler und speziell die Weiße Taubnessel werden von verschiedenen Wildbienenarten aufgesucht

Wildbienen und das landwirtschaftliche Nutztier Honigbiene gehören zoologisch zur Ordnung der Hautflügler (Hymenoptera) und zur Familie der Bienen (Apidae). Die in Staaten lebende Honigbiete ist jedoch die Ausnahme, die meisten Bienenarten leben nicht in Staaten, sondern allein/ solitär. Bei Wildbienen treten große Unterschiede im Sozialverhalten auf, die meisten Arten leben solitär, manche sozial in Staaten und wieder andere parasitisch.

Die großen Staaten der Honigbiene sind die Ausnahme

Parasitische Arten sind auf einen Wirt angewiesen und werden Wirte weniger oder sterben sie aus, so nehmen auch die parasitischen Arten ab oder sterben aus. Der Begriff Parasit klingt vielleicht negativ, doch der Parasitismus ist nur eine Lebensstrategie. Eine Art ist dabei vollkommen an eine andere gebunden und abhängig. Gibt ein Parasit dem Wirt etwas zurück, so würde er als Symbiont bezeichnet. Wie Symbioten leben Parasiten in Abhängigkeit voneinander. Bei Wildbienen gibt es verschiedene Formen des Parasitismus, viele Arten bauen keine Nester und versorgen keine Larven, „Kuckucksbienen“ legen ihre Eier in die Nester anderer Bienen. Sandbienen werden von Fächerbienen parasitiert, welche Larven (nicht Eier) in die Larven der Sandbienen einbringen, die Sandbienenlarve stirbt und die Fächerbiene schlüpft aus der Larve. Nützlinge in der Landwirtschaft, wie Schlupfwespen, leben ebenfalls parastisch und mit dem Parasitismus wird biodiverstätsgebundener Pflanzenschutz betrieben.

Südtirols Wildbienenvielfalt:

Klaus Hellrigl listete für Südtriol 428 Arten auf, darunter 37 erstmals in Südtirol. Er rechnet mit bis zu 500 Wildbienenarten in Südtirol.

Folgende Gattungen  wurden von Hellrigl nachgewiesen (Gesamtartenliste mit wissenschaftlichen Namen auf https://www.zobodat.at/pdf/Gredleriana_003_0143-0208.pdf):

  • Seidenbienen
  • Maskenbienen
  • Andrenidae/ Erdbienen, mit artenreicher Gattung Andrena Sandbienen, Zottelbienen, Buntbienen, Scheinlappenbienen
  • Halictidae/ Schmal- und Furchenbienen
  • (parasitische) Blutbienen
  • artenreiche Gattung der Furchenbienen
  • Schürfbienen
  • Familie Melittidae/ Sägehornbienen
  • Familie Megachilidae/ Blattschneiderbienen
  • Blatschneiderbienen
  • Mörtelbienen
  • Mauerbienen (artenreiche Gattung)
  • Wollbienen Harzbienen
  • Trachusa/ Bastardbienen
  • Stelis/ Düsterbienen
  • Steppenglanzbienen
  • Kraftbienen
  • Kurzhornbienen
  • Wespenbienen
  • Filzbienen
  • Schmuckbienen
  • Fleckenbienen
  • Langhornbienen
  • Eigentliche Bienen
  • solitär lebende Bienen:
  • Keulhornbienen
  • Holzbienen
  • staatenbildende Bienen:
  • Honigbienen: In Südtirol gibt es drei verschiedene Rassen dieser Nutztiere: Apis millifera ssp. millifera, ssp. carnica und ssp. Ligustica
  • Hummeln
  • artenreiche Gattung Bombus
  • Schmarotzerhummeln
Seidenbiene

Schutz und Erhalt der Wildbienen 

Für den Schutz und Erhalt der Artenvielfalt der Wildbienen ist der Erhalt der Lebensräume, beginnend bei Teillebensräumen in der Landschaft wie Hecken und der Strukturausstattung der Lebensräume notwendig.

Extensiv genutzte Wiesen und Weiden sind hochwertige Wildbienenlebensräume. Die Nutzungsintensivierung der Wiesen ist vielfach ein Grund für den Biodiversitätsverlust und in Südtirol wurde im Dolomitengebiet festgestellt:“ Starker Weidedruck dürfte mit eine Ursache für die geringen Bienendichten in den alpinen Lagen am Plateu sein.“ Habiat Schlern, Knopf 2008. Am artenreichsten stellten sich beim Habitat Schlern die extensiven Magerstandorte heraus.

Auch der Schutz der Lebensräume vor Verschmutzung, wie etwa Pestizideneintrag durch die Landwirtschaft, ist notwendig, um die Artenvielfalt zu erhalten und die Funktionalität der Ökosysteme sicherzustellen.

In Europa und Amerika haben in den letzten Jahrzehnten Honigbienen stark abgenommen. Viele Honigbienenvölker starben und bestäubende Insekten nehmen general ab. Dieser Prozess wird als Bienensterben bezeichnet und verdeutlicht das Insektensterben.

Das Europäische Parlament schreibt: “Bienen und weitere bestäubende Insekten sind für unsere Ökosysteme und Biodiversität von entscheidender Bedeutung. Ein Rückgang der Bestäuber bedeutet auch einen Rückgang oder gar das Verschwinden unserer Pflanzenvielfalt und der Organismen, die direkt oder indirekt von ihnen abhängen. Gleichzeitig führen die zahlenmäßige Abnahme der Bestäuberpopulationen sowie die Verringerung ihrer Vielfalt zu Ertragsverlusten in der Landwirtschaft.”

15 Mrd. Euro  ; Ungefährer Wert der jährlichen landwirtschaftlichen Produktion, der der Insektenbestäubung zugeschrieben wird”

Verringerung des Einsatzes von Pestiziden notwendig:

Um die Rückstände von Pestiziden in den Lebensräumen von Bienen weiter zu senken, muss die Verringerung der Verwendung von Pestiziden zu einem grundlegenden Ziel der künftigen Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) werden, so die Abgeordneten.

Europäisches Parlament, Pressemitteilung vom 03-12-2019

Zahlreiche Umweltschutzvereine und die Zivilgesellschaft im Allgemeinen sind für den Erhalt der Artenvielfalt und gegen die Verschmutzung der Umwelt. Die massive Reduktion von Pestiziden in der Landwirtschaft ist eine Aufgabe, welche die Landwirtschaft angehen muss.

(Rote Liste Wildbienen Europa: https://ec.europa.eu/environment/nature/conservation/species/redlist/bees/summary.htm)

Insektensterben

Die Studie von Krefeld (Hallmann et al., 2017) rückte erstmals das Insektensterben in den Fokus und Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, die Masse der Insekten hat in ca. 30 Jahren stark abgenommen, nur noch ein Viertel der Masse an Insekten blieb übrig: Die Messeung der Masse erfolgte mit Malaise Fallen in 63 Naturschutzgebieten. Die Biomasse wurde gewogen und es ergab sich in 27 Jahren eine Abnahme von 76% und im Hochsommer sogar von 82%. Dieser Verlust an Biomasse konnte nicht mit Landnutzungsänderungen, Biotopveränderungen oder Wetterphenomen erklärt werden.

Weltweit nehmen die Insekten ab, über 40% der Insektenarten ist im Bestand bedroht und drohen auszusterben. Das sechste Große Artensterben in der Geschichte der Menscheit vollzieht sich:

  • ein großer Teil der Wasserinsektenarten ist bereits ausgestorben.
  • Der Lebensraumverlust und die Umwandlung zu intensiv genutzten landwirtschaftlichen Flächen ist der Hauptgrund
  • Pestizide, invasive Arten und Klimawandel sind weitere Gründe für das Insektensterben weltweit.

(Weltweite Studie: https://doi.org/10.1016/j.biocon.2019.01.020)

In Europa werden auch Lebensräume zerstört, jedoch tritt das Insektensterben auch ohne Zerstörung der Lebensräume und den Lebensraumverlust auf, wie die Studie von Krefeld zeigte. Auch in Lebensräumen, die nicht verändert wurden, gibt es das Insektensterben.

sichtbarer Pestizidnebel und Abdrift in den Wald

Doch nicht nur die Masse nimmt ab. Eine groß angelegte Studie (Seibold et al., 2019) untersuchte den Bestand an Insekten und Spinnen in drei Regionen Deutschland, in der Schwäbischen Alb, im Nationalpark Hainich und in der Schorfheide Chorin. Im Zeitraum von 2009 bis 2017 nahmen die Masse und die Artenzahlen ab. Unterschiedliche Lebensräume von Wiesen bis zu Wäldern wurden untersucht (150 Graslandlebensräume und 140 Wälder). Die Zahl der Insektenarten nahm in dieser relativ kurzen Zeitraum massiv ab, wie auch die Biomasse – auf den Wiesen nahm die Biomasse um mehr als zwei Drittel 67% ab, die Häufigkeit nahm um 78% ab und die Anzahl der Arten nahm um 34% ab.

Auch in den Wäldern schrumpfte die Biomasse, um 41%. Die Anzahl der Arten nahm um 36% ab.

Die Umweltschutzorganisation Global 2000 publizierte einen Insektenatlas für Österreich, viele Insektenarten sind vom Aussterben bedroht, der Lebensraumverlust und Pestizide sind vor allem verantwortlich.

In Österreich gibt es alleine etwa 700 Wildbienen- und 4.000 Schmetterlingsarten. Das sind deutlich mehr als bei unseren deutschen Nachbarn oder in anderen, größeren Ländern. Die Zahl schrumpft allerdings. Etwa die Hälfte der Tagfalter gilt als bedroht.”

Auf den Facebookseiten zur Biodiversität Südtirols, welche von der öffentlichen Verwaltung betrieben wird, wurde 16. April 2020 gepostet:

“Auch für Österreich wurde inzwischen dokumentiert, dass die Insekten stark im Rückgang sind. Bei uns sind wir noch nicht so weit, aber es wird wohl leider nicht viel besser ausschauen. Genauere Daten über bestimmte Gruppen (Tagfalter, Heuschrecken, zum Teil Käfer, Wanzen und Zikaden) werden in den nächsten Jahren dank Biodiversitätsmonitoring zur Verfügung stehen.”

Für das Insektensterben gibt es jedoch auch in Südtirol genügend Belege und da das Biodiversitätsmonitoring erst 2019 beginnt, wird es in einigen Jahren auch nur Ergebnisse zu Veränderungen für die kurze Zeitspanne seit 2019 liefern. Für fundierte Aussagen müssen Langzeituntersuchungen gemacht werden.

Insektensterben in Südtirol:

Die Masse der Insekten hat abgenommen, seien es nun in einzelnen Lebensräumen wie Wiesen oder auch in ganzen Landschaften, wie dem Etschtalboden. Während dort vor Jahrzehnten z.B. auf Brennesseln auch im Etschtal Raupen zu beobachten waren, so findet man heute so gut wie keine Raupen mehr. Blüten voller Inseken, wie im Bild unten eine blühende Engelwurz in einem Wald zeigen, dass es eine größere Artenvielfalt und Masse an Insekten in Wäldern gibt. Wespen, Käfer, Wildbienen usw. besuchen die Blüte.

Käfer besucht Blüte
Wespe besucht Blüte

Für viele Insektengruppen, wie etwa Schmetterlinge, Heuschrecken, Käfer und Libellen liegen in Südtirol genaue Erkenntnisse vor. Rote Roten Listen geben an, welche Arten in ihrem Bestand gefährdet sind und nennen die Gefährdungsursachen. “Die Hauptursache für die Gefährdung der heimischen Heuschrecken ist in Südtirol eindeutig bei der Intensivierung der Landwirtschaft zu suchen.” welche 39% der Arten betrifft, steht in der Roten Liste zu den Heuschrecken geschrieben. Bei den Libellen Südtirols ist “der Artenrückgang auf die starke Urbanisierung der Talsohlen bzw. auf die Intensivierung und Industrialisierung des Obstanbaus, mit dem qualitativen und quantitativen Anstieg von Pflanzenschutzmitteln und der Mechanisierung der Grabenpfege, zurückzuführen.” Diese beiden Roten Listen stammen aus dem Jahr 2018, aktuelle Ergenbisse liegen vor und zeigen auch die Ursachen auf.

Die sehr artenreichen Gruppen der Käfer und Schmetterlinge wurden in Südtirol ebenfalls laufend untersucht, von Nord-Tiroler Experten wie Huemer und Tarmann für Schmetterlinge und Kahlen für Käfer. Libellen und Heuschrecken sind recht übersichtliche Gruppen, weniger als jeweils 100 Libellen- und Heuschreckenarten gibt es in Südtirol. Kahlen wies 4760 Käferarten 2018 im Kompendium der Käfer nach und gab Gefährdungsursachen an. Über Südtirols Schmetterlinge, deren Verschwinden und die Ursachen des Verschwindens gibt es viele Untersuchungen. (Schmetterlingen: http://biodiversitaet.bz.it/2017/12/01/schmetterlinge/ )

Wissenschaftler liefern seit Jahren Beweise: Schmetterlinge, Bienen und Käfer verschwinden. Hauptursache ist die intensive Landwirtschaft. Doch davon will man im Land zwischen Brenner und Salurn nichts wissen. “, schrieb die Wochenzeitschrift ff am 12. April 2018 treffend und offensichtlich soll man noch viele Jahre warten, bis das Biodiverstitätsmonitoring Ergebnisse liefert. 

Das Insektensterben betrifft nicht nur den Arten- und Naturschutz. Insekten spielen im Ökosystem eine wichtige Rolle, auch in Agrarökosystemen zur Lebensmittelproduktion (betroffen sind alle, von der industriellen Lebensmittelproduktion bis zur  Subsistenzwirtschaft).

«Es droht eine Kettenreaktion»

Glenn Litsios, der in der Schweiz für das Biodiversitäts-Monitoring zuständig ist, sagte in NZZ (15.04.2020: «Es droht eine Kettenreaktion.» Denn unzählige andere Arten von Vögeln oder Reptilien ernähren sich von Insekten. Jene sind wiederum die Nahrungsgrundlage für andere Tiere. Und auch für die Menschen gibt es Konsequenzen: «Einige Insekten ernähren sich von Schädlingen. Wenn beispielsweise Blattläuse keine natürlichen Feinde mehr haben, wird das für die Bauern und Gärtner zum Problem.» Es drohen sogar Ernteausfälle und Blattlausplagen sind mit der Vergiftung von Insekten (z.B. Florfliegen, Marienkäfer) vorprogrammiert.

Verbaute Wälder

Wälder üben Schutzfunktion aus: sie schützen vor Erosion des Bodens, Erdrutschen, Steinschlag, Lawinen usw.

Wälder und die Bewaldung schützen vor natürlichen Prozessen, wie Lawinen und Steinschlägen, welche den dynamischen Charakter der Natur wiederspiegeln. Statische Konstruktionen, wie Siedlungen, Strassen usw. sind durch diese dynamischen natürlichen Prozesse oft gefährdet und bauliche Eingriffe werden daher häufig für notwendig erachtet. Bauliche Eingriffe gehen jedoch häufig auf Kosten des Waldes und seiner Schutzfunktion.

Meran- Sommerpromenade
Meran- Sommerpromenade mit Kahlschlag und Vergitterung des Waldbodens

 

Neben waldbaulichen Maßnahmen zur Pflege und Aufwertung von Schutzwäldern können ingenieurbiologische Maßnahmen mögliche Gefahren verringern und langfristig vor Gefahren schützten. Charakteristisch für ingenieurbiologische Maßnahmen ist der Einsatz von Pflanzen und Pflanzenteilen, die im Laufe ihrer Entwicklung für sich, aber auch in Verbindung mit anderen Baustoffen wie Holz oder Steinen für eine dauerhafte Hangsicherung sorgen. Dies deshalb, weil Pflanzen nicht nur den Boden bedecken, sondern diesen mit ihren Wurzeln auch festigen und dadurch die Erosion vermindern.

Heimische Baumarten vermögen den Boden zu festigen und eine Humusschicht zu bilden. Krautige Arten sorgen weiter für die Festigung der Feinerde des Bodens. Die Robinie, ein invasiver Neophyt und nicht heimische Baumart, lockert jedoch Boden durch die unterirdischen Ausläufer und destabilisert dadurch Hänge. Sie lockert den Boden, fördert die Erosion und trägt dadurch nicht zur Stabilisierung von Hängen bei. Die Baumart, als Erosionschutz gepflanzt, bildet Reinbestände aus und im Unterwuchs dieser Ersatzgesellschaften dominieren ruderale und nitrophile Arten. Nicht krautige Laubwaldarten sondern Arten der gestörten Standorte stellen sich in Robinienersatzgesellschaften ein.

Robinen, welche Hänge destablisieren breiten sich durch derartige Kahlschläge aus- nich nachhaltige Waldpflege
Robinen, welche Hänge destablisieren, breiten sich durch derartige Kahlschläge aus: nicht nachhaltige Waldpflege

 

Auf einem Hang an der Sommerpromenade in Meran wurde im Winter 2019/2020 ein Kahlschlag durchgeführt und der Hang mit Metallgittern verbaut. Der Wald wurde nicht waldbaulich sanft und schonend behandelt. Es wurde kein Steinschlagschutz aus Holzkonstruktionen oder Eine Überdachung der Promenade gebaut, sondern ein radikaler und hässlicher Kahlschlag wurde durchgeführt und der Boden mit Metall vergittert.

Die grüne Gemeinde Meran ist für ihren Baumreichtum in der Stadt bekannt. Defizite bestehen in einer schonenden, nachhaltigen Pflege des Waldes. An der Promenade sind Teile des Waldes bereits vollkommen mit Robinien und Staudenknöterich überwuchert, nicht heimische Arten die sich weiter ausbreiten werden. Die mit Robinien degenerierten Hänge wurden nicht mit heimischen Bäumen bepflanzt und aufgewertet.

Eingang Gaulschlucht- der hintere Teil der Schlucht wurde zu einem Natura 2000 Gebiet- der Eingang der Schlucht wurde mit unnützen Verbauungen verbaut- kein Weg findet sich unterhalb der vergitterten Felsen
Eingang Gaulschlucht- der hintere Teil der Schlucht wurde zu einem Natura 2000 Gebiet- die Natur auf den Felsen wurde durch Metallgitter vernichtet.

 

Beim Bau von Erdwällen zum Schutz vor Steinschlägen, Hangrutschungen usw. werden in Südtirol oft Schneißen in den Schutzwald geschlagen und künstliche Erdwälle errichtet. Nicht in der Kulturlandschaft, unmittelbar an den zu schützenden Objekten werden derartige Bauwerke errichtet, sondern im Wald. Mit derartigen Bauwerken wird der Wald auf der Fläche jedoch vernichtet, Treibhausgase freigesetzt und natürlicher Waldböden und die Biodiversität auf der Fläche geht verloren.

Ulten St. Gertraud- Verbauter Wald
Ulten St. Gertraud- Verbauung im Wald

 

Für die nachhaltige Pflege der Wälder und den Schutz des natürlichen Erbes Südtirols, sind Kahlschläge, Erdwälle und andere technisch-künstliche Bauwerke in natürlichen Lebensräumen wie Wäldern gänzlich zu vermeiden.

Die meisten dieser Arbeiten werden von der Agentur für Bevölkerungsschutz der Autonomen Provinz Bozen durchgeführt und auch Auwälder fallen dem Hochwasserrückhalt zum Opfer.

In den Grauerlenauwäldern der Ahr wurden in der Gatzaue Rückhalteräume angelegt und der Auwald weggebaggert.

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Die Gatzaue war der größte Grauerlenauwald an der Unteren Ahr und ist durch zahlreiche Baggerarbeiten, bei denen Auwald gerodet wurde, beeinträchtigt worden. Diese Baggergrube im Bild oben erhielt den Alpinen Schutzwaldpreis Helvetia (http://www.provinz.bz.it/news/de/news.asp?news_action=4&news_article_id=634920).

Fragwürdig ist auch die Preisverleiung für den Abtransport von Holz durch Helikopter, welche ebenfalls diesen Preis erhielten (http://www.forstverein.it/651d1233.html). Für die Bringung von Holz in Südtirols Schutzwäldern kann und darf der Abtransport mit Helikoptern nicht die Regel werden. Die Auszeichnung von derartigen energie- und kostenaufwändigen Holztransporten ist in Zeiten des Klimawandels nicht akzeptabel und steht im krassen Widerspruch zu einer biodiversitätsgebundenen, umwelt- und ressourcenschonenden Holzbrinung mit Pferden oder auch mit Seilwinden oder anderen traditionellen Formen der Holzbringung in subalpinen Schutzwäldern. 

Mehr zu Baggerlöchern und weggebaggerten Ufern: http://biodiversitaet.bz.it/tag/renaturierung/