Revitalisierung der Ilstener Au an der Rienz

Ein Damm trennt die Rienz vom Auwald des Biotops Ilstener Au. Anstatt den Damm zu verlegen, wird Auwald gerodet.

Das geschützte Biotop Ilstener Au in St. Sigmund besteht aus einem der letzten Auwälder an der Rienz im Pustertal. Der Bach, die Ufer und der Auwald stehen unter Naturschutz. Im Auwald wachsen einige Fichten heran. Das Vordringen von Nadelgehölzen, wie Fichten und Lärchen, wird häufig als Revitalisierungsgrund genannt und meist werden solche Wälder von der Abteilung Wasserschutzbauten revitalisiert. Ein Auwald, in dem Nadelgehölze eindringen, wird in Südtirol als nicht-vitaler Auwald bezeichnet. Grundsätzlich steht die Rodung von Auwald im Widerspruch zum Naturschutzgesetz Artikel 17: Es ist verboten, Ufervegetation oder Auwald zu roden oder auf sonstige Weise zu zerstören.

Den Bächen mehr Raum geben und vitale Auwälder zu schaffen, hat man sich bei der Revitalisierung vorgenommen. Der Auwald der Ilstener Au ist ein Paradebeispiel eines nicht- vitalen Auwaldes: ein Auwald, der nicht mehr überflutet wird, weil der Damm den Auwald von den Überschwemmungen der Rienz trennt. Die Verlegung des Dammes wäre die logische Lösung für das

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‰“nicht vitaler“ Auwald

Problem des nicht-vitalen Auwaldes an der Rienz. Dann könnte man auch von einer Aufweitung des Bachbettes und der Schaffung einer Retentionsfläche sprechen. Wie bei fast allen Revitalisierungsprojekten wird entlang des Baches die Ufervegetation gerodet und das Gelände abgesenkt. Auf solchen Flächen wird von der “Aufweitung des Flussbettes” gesprochen. Eine tatsächliche Aufweitung des Bachbettes ist die Entfernung der seitlichen Begrenzung. Mit der Verlegung des Dammes ist nicht zu rechnen, denn im Amt für Landschaftsöklogie gibt es schon seit Jahren Pläne für den Umbau des geschützen Biotops.

„vitaler“ Auwald

Die Absenkung (Rodung) weiter Teile des Auwaldes, ein Naturerlebnis- und ein Infobereich mit Teichen und Wegen ist geplant. Didaktik ist im Südtiroler Biotopschutz ein zentrales Anliegen und so bekommt das Biotop Ilstener Au eine Naherholungszone und einen Infobereich mit Teich, Bächlein und was es sonst noch für ein geschütztes” Biotop in Südtirol braucht.

Walter Blaas, der Obmann der Freiheitlichen, hat eine Landtagsanfrage zum Biotop Ilstener Au gestellt und eine gute Frage an das Amt gerichtet: “Warum wuchern nach wie vor aufremde Pflanzen im Biotop?” Es wäre ein Leichtes, die paar Fichten zu fällen, eine waldbaulich simple Lösung für einen nicht-vitalen Auwald. Der Auwald würde sich mit der Zeit zu einem Wald entwickeln, der von Edellaubbäumen wie Eschen dominiert wird.

Im Biotop Ilstener Au breitet sich nämlich neben der Fichte auch eine andere Baumart aus, die Gemeine Esche. Im Datenbogen des Biotops werden diese Eschen erwähnt, in der Beantwortung der Landtagsanfrage behauptet Maria Luise Kiem aber, dass sich der Wald zu einem Fichtenwald weiterentwickeln würde.

Eschen sind typisch für Wälder auf feuchten Standorten, wie auch für Auwälder. Weichholzauwälder ( charakteristische Arten: Weiden, Erlen, Pappeln) entwickeln sich zu Hartholzauwäldern ( charakteristische Arten: Eschen, Ulmen, Ahorn) weiter. Dies ist ein natürlicher Prozess und solche Wälder mit Edellaubbäumen sind von großen Wert für die Biodiversität. Die natürliche Weiterentwicklung oder Sukzession der Weichholzauen zu Hartholzauen wird häufig durch Revitalisierungsmaßnahmen unterbunden.

Wie aus der Landtagsanfrage hervorgeht, will man nicht vom Projekt abweichen und grössere Teile des Waldes absenken, also roden und Gruben ausbaggern. Für den Auwald wird dadurch aber nicht die Vorraussetzung geschaffen, dass sich ein vitaler Auwald bildet, da er auch in Zukunft nur über das Grundwasser mit der Rienz in Verbindung stehen wird und die Hochwässer der Rienz den Auwald nicht überschwemmen werden.

“Es werden neue Sukzessionsstadien geschaffen”, wird behautptet. Die ausgebaggerten Gruben werden als Grundwasserteiche nur Teiche sein und keine neuen Sukzessionsflächen der Rienz. Der Unterschied zwischen einem stehenden Gewässer und einem fließenden Gewässer ist den meisten Menschen auch ohne Infortafeln klar. Unklar ist dieser Unterschied dem Amt für Landschaftsökologie, welches die Planungen durchführt. “Eine nachhaltige Entwickluung von vitalen Au-Lebensräumen ist eng mit der Fließgewässerdynamik verknüpft”, wird erklärt. Die Fließgewässerdynamik des zukünftigen Bächleins im Auwald wird eine andere sein, als die Dynamik der Rienz. Die Rienz läge zu tief und der Auwald zu hoch, der Damm wurde deshalb nicht in die Planung mit einbezogen, wird erklärt. Dass Bäche aber dynamisch sind und bei Hochwässern das Bachbett verändern und Auwälder umformen können, zieht man nicht in Betracht. Zwei Meter Höhendifferenz seien für die Rienz zu viel, wobei die dynamischen bachbettbildenden Prozesse, wie etwa die Seitenerosion oder Akkumulation von Geschiebe, nicht bedacht werden. Die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands des Auwaldes setzt voraus, dass die Verbaungen rückgängig gemacht werden, welche dazu geführt haben, dass der Auwald nicht mehr überflutet wird. Den Bächen muss mehr Raum gegeben werden, da sie durch Verbauungen eingeengt wurden.

Auf die Frage in der Landtagsanfrage, wer für die Umwandlung der Ilstener Au verantwortlich sei, wird die Abteilung Wasserschutzbauten erwähnt. Für die Pläne in der Ilstener Au verantwortlich ist einzig das Amt für Landschaftsöklogie. Die Umsetzung und die Baggerarbeiten wird die Wildbachverbauung übernehmen. Der Verein des Artenschutzzentrums hat sich an den zuständigen Amtsdirektor gewandt, und ihn gebeten, die Pläne zu ändern- leider ohne Erfolg.

Von einem “Vorzeigeprojekt” ist in der Beantwortung der Landtagsanfrage die Rede und die Revitalisierung der Ilstener Au ist tatsächlich ein Vorzeigeprojekt: Südtirol ist um eine Attraktion reicher, ein revitalisierter Auwald, der auch in Zukunft nicht vital sein wird.

Revitalisierung der Gatzaue und mediales Echo

Die Dolomiten fragte am Montag, den 25. Jänner 2016:”Wieviel Hilfe braucht die Natur?” Der Verein des Artenschutzzentrums St. Georgen hatte dem Landeshauptmann nämlich Verstösse gegen die Flora-Fauna-Habitatrichtlinie für drei Natura-2000 Gebiete geschickt, in denen prioritär zu schützender Auwald gerodet worden war. Die Dolomitenredation hatte die Botschaft begriffen und druckte einen kritischen Artikel, als die Rodung von Auwald in der Gatzaue anstand.

Amtsdirektor Sandro Gius rechtfertigt in diesem Artikel die Revitalisierung in der Gatzaue mit den Schotterentnahmen in den 1970er Jahren, durch welche das Bachbett der Ahr in bestimmten Abschnitten um mehr als 5m abgesenkt wurde. Tatsächlich transportieren Südtirols Bäche Geschiebe mit, das an bestimmten Stellen abgetragen (Erosion) und an bestimmten Stellen abgeladen (Akkumulation) wird. Die Bäche gestalten so die Struktur des Bachbettes und lagern mit der Zeit Material ab, auch an Stellen wo vorher Material entnommen wurde. Die Schotterentnahen der 1970er Jahre können heute nicht als Rechtfertigung für Eingriffe verwendet werden.

Sandro Gius behauptet in dem Artikel, im Auwald würde sich ein Vegetationswechsel breit machen und typische Auwaldsträucher absterben. Doch ein Grauerlenauwald, wie in der Gatzaue, bildet bei ausgeglichen Sedimentationsprozessen (Akkumulation und Erosion) eine Dauergesellschaft aus und geht nicht in einen Hartholzauwald oder Fichtenwald über. Die Gatzaue ist ein solcher Grauerlenauwald, der nicht in einen Fichtenwald übergeht, höchstens in einen Hartholzauwald mit Ulmen, Eschen, Ahorn und Eichen. Dem Vordringen von einzelnen Fichten in Grauerlenauwälder an der Ahr, müsste man waldbaulich begegnen. Dies hängt auch mit der Natürlichkeit (Hemerobie) der Wälder zusammen (http://biodiversitaet.bz.it/waelder/).

Nun wurde in der Gatzaue ein Seitenarm angelegt und Auwald gerodet. Aus landschaftsöklogischer Sicht ist damit eine schöne mäanderförmige Flussschleife, mit dem Prallhang (Erosion) auf der einen und dem Gleithang (Akkumulation) auf der anderen Seite, zerstört worden.

In der Tageszeitung vom 17.Juni.2015 (Titel: Umkämpfte Auen) sagt Peter Hecher von der Abteilung Wasserschutzbauten, dass der Auwald nicht vital wäre, also Fichten eindringen würden. Die Unterscheidung der Fichte von Laubbaäumen stellt offensichtlich für einige Experten der Wildbachverbauung eine Schwierigkeit dar, denn in der Gatzaue gibt es keine Fichten.

Hecher spricht davon, dass das Gelände abgesenkt wurde, damit der Auwald geflutet wird. Solche Absenkungen hat man bereits in den 1970 Jahren gemacht, als man Schotter entnahm. Heute wird der Schotter eben aus dem Auwald genommen, der Auwald kommt weg und eine Schottergrube entsteht. Diese Schottergrube ist dann entweder ein Seitenarm oder ein Teich. Die Schottergruben sind für die Abteilung Wasserschutzbauten auch Rückhaltebecken, da die Ahr dort Material ablagern wird. Diese Flächen werden langfristig wieder mit Material aufgefüllt werden und zuwachsen. Die Gatzaue wird dann wieder ausschauen, wie sie vor der Revitalisierung ausgeschaut hat. Der Film “Auenlandschaften in Südtirol” spielt an und in einer solchen Schottergrube.

Die Abteilung Wasserschutzbauten macht den Fehler, dass sie sich nicht an den tatsächlich vorhandenen Verhältnissen orientieret, sondern mit Karten des Flusslaufes des 19. oder 20.. Jahrhunderts heutige Maßnahmen rechtfertigt. Der Naturschutz muss sich an der rezenten/heutigen biologischen Ausstattung einer Fläche richten. Die Rekonstruktion eines Seitenarms in der Gatzaue ist durch die Wasserrahmenrichtlinie nicht zu rechtfertigen. Im Sinne der Wasserrahmenrichtlinie müssen die Vorraussetzungen geschaffen werden, dass die Ahr die Flusslandschaft selbst gestaltet. Künsltiche Seitenarme und Teiche näheren die Flusslandschaft nicht dem Naturzustand an. Der Naturzustand ist der sehr gute öklogische Zustand der Wasserrahmenrichtlinie.

Ohne Revitalisierungsarbeiten wären die Auen längs der Ahr ausgetrocknet”, sagte Rudolf Pollinger in diesem Interview in der Tageszeitung. Doch ist es nicht eher so, dass ohne die Revitalisierungsarbeiten an der Ahr auf den Flächen des öffentlichen Wassergutes, man andere Bäche hätte revitalisieren müssen. Die Ahr im Bereich zwischen Sand in Taufers bis Stegen war vor der Revitalisierung ein relativ naturbelassener Fluss-und Auenbereich, mit wenigen Querbauwerken, welche die Fischwanderung behinderten.

Zum Verbot der Rodung von Auwäldern behauptete der jetzige Chef der Agentur für Bevölkerungschutz Pollinger im Artikel der Tageszeitung:” Das Verbot der Rodung von Auwäldern gilt nur, wenn man daraus Kulturgrund macht.” Ich rief dann mal bei der Forst an und fragte, ob dies stimme. Man antwortete mir:”Glauben Sie nicht alles, was in der Zeitung steht!”

Die Rodung von Auwald und Zerstörung von Ufervegetation ist im Naturschutzgesetz Artikel 17 geregelt:

Art. 17 (Ufervegetation und Auwälder)

(1) Es ist verboten, Ufervegetation oder Auwald zu roden oder auf sonstige Weise zu zerstören.

(2) Der Direktor bzw. die Direktorin der Landesabteilung Natur und Landschaft kann ausnahmsweise zur Rodung ermächtigen, sofern öffentliche Interessen dies erfordern.

Es ist fraglich, ob der Direktor der Landesabteilung überhaupt gefragt wurde. Darüberhinaus scheint auch die Durchführungsbestimmung für das Naturschutzgesetz zu fehlen. Südtirol ist in Sachen Naturschutz eine unterentwickelte Provinz.

Im Sog der medialen Begeisterung für die Wildbachverbauung, vom Rai Sender Bozen bis zu Salto- man soll nicht alles glauben. Und dass die Wildbachverbauung der Hauptverantwortliche für die Verschlechterung des ökologischen Zustands der Fließgewässer ist, war so, ist so und wird wohl immer so sein, wegen oder trotz der Renaturierungen und Revitalisierungen. Die Auwaldrodungen gehen weiter. Ein Wächter will dies unbedingt. Goodby Naturschutz!