Biodiversitätsverlust Mareiterbach

Biodiversitätsverlust durch Revitalisierung:

In den Jahren 2009 bis 2010 fanden am unteren Mareiterbach ausgedehnte Revitalisierungsmaßnahmen statt. Es ist eine der größten Revitalisierungsmaßnahmen in Südtirol, deren Grundlagen im Rahmen des Interreg-III-B-Projektes „River Basin Agenda“ geschaffen wurden. Mit EU-Geldern (EFRE 2007-2013) wurden umfangreiche Bau- und Planungsmaßnahmen durchgeführt. Diese Arbeiten gelten als Vorzeigeprojekte der Revitalisierung. In der Nähe des Sportplatzes wurden Kahlschläge des Waldes durchgeführt.

Biodiversitätsverlust:

Vögel:

Bei den Vögeln zeigen sich ein genereller Rückgang der Individuen- und Artenzahl und insbesondere ein drastischer Rückgang typischer Auwaldarten in der Revitalisierung. Insgesamt wurden 30 Vogelarten am Mareiterbach gezählt.

Spinnen und Ameisen:

Ein hoher Beitrag zur lokalen Artenvielfalt kommt Heißländen außerhalb des Revitalisierungsbereichs zu. ( Insgesamt wurden 30 Ameisenarten, 106 Spinnenarten, die Ameisen- und Spinnenfauna beinhaltet eine Reihe spezialisierter Arten: Manica rubida, Formica cinerea, F. selysi, Myrmica constricta, Pardosa wagleri, Janetschekia monodon sowie xerothermophile Arten erhöhter, lückig bewachsener Schotterbänke.)

Amphibien: Grasfrosch und Erdkröte

Grasfrosch (Rana temporaria) und Erdkröte (Bufo bufo) profitieren v.a. vom Anstieg des Grundwasserspiegels im Hinterland.

Libellen:

Im Sommer 2011 wurden immerhin 19 Libellenarten im Untersuchungsgebiet, v.a. an Gewässern (Baggerlöcher, Fischteiche, Autümpel und Gräben) im Umland des revitalisierten Mareiterbaches, beobachtet.

Lebensräume am Mareiterbach:

Lebensraumtypen Fließgewässer, Schotterbänke mit keiner bis geringer Vegetationsbedeckung sowie Ruderalgesellschaften in den Böschungsbereichen (keine Auwälder, Krautfluren, Bachröhrichte usw).

Das derzeitige Artenspektrum ist artenarm.

Limitierende Faktoren einer positiven Entwicklung:

  1. Fischbesatz
  2. Überdüngung
  3. rigorose Grabenräumungen

 

Ziel der Revitalisierung war die Schaffung vitaler Auwälder. Dieses Ziel wurde am Mareiterbach nicht realisiert. Die Aulandschaft am Unteren Mareiterbach hat seit 1850 deutlich an Fläche verloren. Ursprünglich nahmen die von Hochwässern überfluteten Flächen (Lebensraum Auwald, Kiesbänke, Fließgewässer usw.) 66,6 ha ein. Heute beschränken sich diese Flächen auf die unmittelbar am Mareiter Bach gelegenen Flächen, der Großteil des Talbodens wird durch seitliche Dämme vor Überflutungen geschützt. Durch die Revitalisierung gingen Auwälder  (ca 7 ha) entlang des Baches verloren.

Die Durchgängigkeit für Fische wurde wieder hergestellt, der Geschiebetransport verbessert und die Grundlagen für eine natürliche Entwicklung des Baches gelegt. Der Lebensraum- und Artenverlust in der Revitalisierung ist nicht zu übersehen. Dieser hätte vermieden werden können, wenn nur die überflüssigen Querbauwerke rückgebaut worden wären und der Auwald längs des Baches erhalten geblieben wäre.

Artenverlust und limitierende Faktoren siehe https://www.sciencesouthtyrol.net/blob/78753,,,NATUR,21,404.pdf

Bilder Ahrauen

 

Fotos der Ahr und ihrer „Aufwertung“ in St. Georgen, Gemeinde Bruneck

IMG-20170406-WA0008
„Aufweitung an der Ahr“: der Auwald längs der Ahr wurde auf der einen Seite gerodet, auf der gegenüber liegenden Bachseite blieb er erhalten. Die Zerstörung von Auwald wird als Renaturierung oder Revitalisierung bezeichnet.
IMG-20170406-WA0009
Bäume wurden gefällt, Auboden weggebaggert und der naturnahe Grauerlenauwald vernichtet.

 

„Renaturierten“ Gatzaue in Gais im Ahrntal:

IMG-20170407-WA0003

IMG-20170407-WA0001
vom ehemaligen Auwald in der Gatzaue ist nach der Aufwerung nicht mehr viel übrig. Die Gatzaue beherbergte einst den größten naturnahen Grauerlenauwald der Ahrauen.
IMG-20170407-WA0002
Auwald ohne Bäume nach der massiven Schädigung des Waldes durch die Revitalisierung

 

 

 

Dohlenkrebse- die letzten Populationen

 

019
Ein idealer Krebslebensraum mit Ufergehölzen, glasklarem Wasser und Unterwasserpflanzen.

Art:

Dohlenkrebs, Austropotamobius pallipes 

Schutzstatus:

FFH-Richtlinie Anhang II und V (der Lebensraum der Dohlenkrebse in Südtirol ist zu schützen und Schutzgebiete müssen ausgewiesen werden)

Berner Konvention: Anhang III

Rote Liste Südtirol: vom Aussterben bedroht

Flusskrebse im Ökosystem

Dohlenkrebse sind Schlüsselarten im Süßgewässerökosystem , sie und kommen in stehenden und fließenden Gewässern vor. Sie ernähren sich von abgestorbenen Pflanzenteilen, Aas, Würmern, Schnecken, usw. Durch den Verzehr von absterbenden, totem Material tragen sie zur Reinhaltung des Lebensraums bei und stehen in der trophischen Kaskade oben. Sie sind Bioindikatoren für saubere und naturnahe Gewässer.

Südtirol weltweites Schlusslicht:
Die IUCN (International Union for Conservation of Nature and Natural Resources) auch Weltnaturschutzunion genannt, erwähnt die Südtiroler Dohlenkrebsbestände:
Italy: The species is native to Italy where it is the most widespread species, except for Sicily and Sardinia (Gherardi et al. 1999). The introduction of Pacifastacus leniusculus in 1981 from Austria in the South Tyrol region of Italy, may have led to the disappearance of A. pallipes in that area (Füreder and Machino 1999a). A significant decline in the number of populations within Liguria, Piedmont, and Tuscany has also been observed (Souty-Grosset et al. 2006, Gherardi et al. 2008). In Füreder et al. (2002c), 12 populations were reported within South Tyrol; in 2003 (Füreder et al. 2004) only seven of these populations remained representing an annual change of 58%, or 99.5% over 10 years. South Tyrol is thought to be exhibiting some of the greatest declines in the abundance of this species.

Insgesamt gibt es in Südtirol nur mehr 5 Gewässer mit autochthonen, historischen Dohlenkrebsbeständen. Bestände, welche nicht durch Ansiedlung von Krebsen entstanden sind, sondern in denen die letzen Dohlenkrebse überlebt haben. Der Krebsbach in Lana ist das älteste erwähnte Vorkommen. In einer Urkunde aus dem Jahr 1310 werden die Krebse im Krebsbach Lana genannt. Im Jahr 2008 ist die Population zeitgleich mit der Errichtung eines Golfplatzes erloschen. Das Gewässer wurde aber wieder mit  mit Krebsen besetzt.

Die letzen historischen und autochtonen Dohlenpopulationen in Südtirol:

Angelbach (Kaltern- Frühlingstal)

Krebusbach (Fennberg)

Hippolithbach (Tisens)

Krebsbach Kaltern (Kaltern)

Buozzi Graben (Leifers- nahe Flughafen)

Angelbach

Ein Bach zwischen Montiggler Seen und Kalterer See, der vom Felssturz flussabwärts bis in die Einmündung einen guten Populationsaufbau mit verschiedenen Altersklassen aufweist. Die Bestände sind gesund, mit einer auffallend geringen Parasitierung.

Krebusbach

Eine sehr große Population mit abschnittsweise mehr als 10 Individuen pro Laufmeter und einem gutem Populationsaufbau.

Hippolithbach

Ein Bach mit vielen Dohlenkrebsen und vielen einzelnen Individuen. Die Population ist sehr gut aufgebaut, Jungtiere und adulte Tiere kommen in großer Zahl vor. Im Rahmen von 2 Begehungen bis zu 100 Individuen, was als sehr gutes Ergebnis zu bewerten ist.

Krebsbach Kaltern

Sehr kleine Population, die sich nicht vermehrt. Es sind kaum Jungtiere verhanden und die Aussichten für diese Population stehen schlecht. Im Jahr 2014 wurden durch Baggerarbeiten die Wasserpflanzenbestände im Gewässer vernichtet und der Lebensraum der Krebse wurde dadurch in Mitleidenschaft gezogen. Dem Verlöschen der Population kann man in Kaltern zuschauen.

Buozzi Graben in Leifers

Sehr dichter Bestand mit abschnittsweise 3-5 Individuen pro Laufmeter von Dohlenkrebsen, die in allen Größen- und Altersklassen vorkommen. Das Gewässer inmitten der Obstmonokulturen ist trotz der intensiven Landwirtschaft ein öklogisch intakter Dohlenkrebslebensraum.

Hippolitherbach
Hippolitherbach

Einige historisch bekannte Dohlenkrebsgewässer, in denen die Dohenkrebsbestände erloschen sind:

Reschbach, Gemeinde Burgstall 1950

Moosbach, Gemeinde Bruneck 2007

Krebsbach, Gemeinde Lana 2008

Graben Fussballplatz, Gemeinde Gargazon, 1950

Graben bei Apres Club, Gemeinde Gargazon, 1950

Galsauner Krebsbach, Gemeinde Kastelbell Tschars, 2000

Entiklar Bach, Gemeinde Kurtatsch, 2012

Brunnen Schloss Eglar, Gemeinde Eppan, 2005

Gefährdungsursachen:

Gewässerverschmutzung: Insektizideintrag, Abwassser, Nährstoffeintrag

Verbreitung allochthoner Arten und Krankheiten: Besatz mit exotischen, ortsfemden Krebsarten, Besatz mit standortfremden Fischarten, Besatz mit Raubfischen, Verbreitung von Krankheiten (z.B. Krebspest)

Lebensraumverlust: Begradigung der Gewässer, Sohlen- und Seitenbefestigungen der Wildbachverbauung, Veränderung der Wasserführung, Zerstörung von Begleitvegetation (Ufergehölze, Unterwasserpflanzen z.B. im Kalterer Graben 2014 usw.)

In Südtirol werden in vielen Gewässern immer wieder Krebse angesiedelt. Von wachsenden Populutionen werden Tiere entnommen und in andere Gewässer verfrachtet. Bedenken wegen der Übertragung von Krankheiten und Parasiten gibt es dabei nicht. Artenschutzbemühungen in Südtirol beschränken sich auf das Umsiedeln von Krebsen. Der Schutz der vorhandenen Dohlenkrebsbeständen, die Vergrößerung des Lebensraums, die Verbesserung der Wasserqualität, die Förderung von naturnahen Ufern usw. steht dabei nicht im Mittelpunkt.  Schutz der historischen Dohlenkrebsbestände vor potentiellen Gefährdungen durch Bekämpfung der Gefährdungsursachen findet nicht statt.

Dohlenkrebs-Besatzgewässer:

Ahrauen Stegen (Population ist dort wieder erloschen), Lido Brixen, Schrambacher Lacke, Hofburggraben (Gemeinde Brixen), Graaweiher in Theis, Reihermoos (Natz- Schabs), Flötscher Weiher (Natz-Schabs), Falschauer Teich bei Lana, Felixer Weiher, Laager Graben usw.

Nicht heimische Krebsarten in Südtirols Gewässern:

Edelkrebse (Astacus astacus) kommt in Mitteleuropa vor, wurde in Südtirols Gewässer vor ca. 100 Jahren angesiedelt, da er größer wird als der heimische Krebs. Krebse wurden in der Fastenzeit gegessen.

Der Kamberkrebs (Orconectes limosus) und der Signalkrebs ( Pacifastacus leniusculus) stammen aus Nordamerika. Sie können die Krebspest übertragen, eine Pilzkrankheit, welche in der Vergangenheit aus Amerika eingeschleppt wurde und die Europäischen Flusskrebsbestände dahinraffte. Beide Krebsarten sind invasive Neozoen.

Süsswassergarnelen wurden im Kalterer See im Jahr 2016 erstmals nachgewiesen, sie wurden dort ausgesetzt.

Rückkehr des Wolfes

Titelbild Wolf, Aufnahme von Stefano Andretta

 

Art: Wolf (Canis lupus)

Wölfe kommen weltweit in den unterschiedlichsten Lebensräumen vor, von der Tundra der borealen Nadelwälder bis zu den Steppen Innerasiens oder den Monsunregenwäldern Indiens.  Die Art wird in mehrere Unterarten eingeteilt, z.B. Tundrawolf (Canis lupus albus) in der Tundra oder der Pallipeswolf (Canis lupus pallipes) in Indien.

Südtirols Wölfe sind dem Italienischen oder Apenninwolf (Canis lupus italicus) zuzuordnen, der kleiner ist als seine Verwandten und auch in kleineren Rudeln lebt. Er ist an der schwarzen Zeichnung an den Vorderläufen leicht zu erkennen.

SONY DSC
Canis lupus italicus, schwarze Zeichnung auf Vorderlauf

 

Gefährdung: Der Apenninwolf (Canis lupus italicus) ist  in den Alpen stark gefährdet und im Apennin gefährdet.

Die meisten Wölfe Europas sind der Unterart Canis lupus lupus zuzuordnen, welcher in vielen Teilen Europas (z.B. Deutschland, Österreich) ausgerottet wurde und dorthin wieder zurückkehrt. 

Schutz:

  • streng geschützte Art in Italien seit 1976
  • Flora-Fauna-Habitatrichtlinie, Anhang II und Anhang IV: streng geschützte Art
  • Berner Konvention: streng geschützte Art

Lebensraum und Verbreitung

Der Appeninwolf wurde, wie die anderen Populationen des Wolfs auch, vom Menschen bejagt und in weiten Teilen Italiens ausgerottet.

Aufgrund der Jagd stand der Italienische Wolf um 1970 kurz vor der Ausrottung, nur an die 100 Tiere haben um 1970 im Nationalpark Abruzzen überlebt. Daher wurde der Wolf im Jahr 1976 streng unter Schutz gestellt und die Populationen erholten sich. Der Wolf breitete sich durch den neu erlangten vollkommen Schutzstatus wieder aus, über den den gesamten Appenin. Bereits um 1983 pflanzten sich Wölfe nördlich von Genua wieder fort. 1987 wurde erstmals wieder ein Wolf in den italienischen Alpen nachgewiesen, 1992 in den französischen Alpen und heute ist er in Südfrankreich und fast ganz Italien anzutreffen (Ausnahme Poebene und Inseln). Über die tatsächlich verhandene Zahl von Wölfen gibt es nur Schätzungen, an die 2000 Wölfe soll es Italienweit geben. Seit 2010 sich einzelne Wölfe auch in Südtirol wieder heimisch und bereichern die Natur. Im Jahr 2016 halten sich in ganz Südtirol 2 Wölfe auf. 2017 gibt es Rudel in Südtirol: ein Rudel bewohnt das Gebiet des Deutsch- Nonsberges und des Naturparks Ademello-Brenta Gruppe im Trentino. Das andere Rudel bereichert das Weltnaturerbe Dolomiten, das unter so viel Verkehr, dem Massentourismus und die intensive Berglandwirtschaft leidet. Neben diesen beiden Rudeln halten sich mehrere Einzelwölfe in Südtirol auf. Diese positive Entwicklung in Südtirol, ist einzig dem Staat Italien zu verdanken, der nicht nur die Ausrottung des Steinbocks verhinderte, sondern auch die Ausrottung des Italienischen Wolfes und die positive Populationsentwicklung dieser beiden Arten maßgeblich beeinflusste. 

In einigen Gebieten Italiens tritt das Problem auf, dass sich Wölfe und Haushunde kreuzen (Hybridisierung). Auf das Problem der Hybridisierungen wird im Nationalpark Gran Sasso mit der Sterilisation der Hybriden geantwortet. Diese Praxis ist sowohl tierethisch als auch artenschützerisch die gute Lösung. 

Der Lebensraum des Wolfes ist der Wald und auch die alpinen Landschaften. In Italien fehlt er auf den Inseln (z.B. Sardinien, Sizilien) und in naturfernen urbanen Ballungsräumen und Agrarlandschaften, wie der Poebene. Er besiedelt die Gebirge (Apennin und Alpen) und kehrte nicht nur in viele Schutzgebiete, wie z.B. den Nationalpark Gargano in Apulien, sondern großflächig in die beiden großen Gebirgszüge Alpen und Apennin zurück. Dabei kehren von Osten nur vereinzelt Wölfe der Unterart Canis lupus lupus in die Ostalpen zurück, während der Appeninwolf in den Ostalpen (z.B. den Lessinischen Alpen und den Dolomiten bereits Rudel gebildet hat. 

wolf
Canis lupus lupus

Die Rückkehr des Wolfes stellt eine der wenigen Erfolgsgeschichten im Artenschutz dar. Der Wolf ist als Raubtier, das am Ende der Nahrungskette steht, von großer Bedeutung für das Ökosystem.

„Other than humans, gray wolves, by virtue of their widespread geographic distribution, group hunting, and year-round activity, are the most important predator of cervids in the Northern Hemisphere (33). Predation by wolves with sympatric bears (Ursus spp.) generally limits cervid densities (33). In North America and Eurasia, cervid densities were, on average, nearly six times higher in areas without wolves than in areas with wolves (34)“

http://science.sciencemag.org/content/343/6167/1241484.full

Der Wolf wird Gesundheitspolizei genannt, da er Jagd auf kranke und schwache Tiere macht. Die Gamsräude oder die Fuchsräude sind weit verbreitete Krankheiten bei Gämsen und Füchsen. Kranke Tiere sind oft sehr schwach und eine leichte Beute für den Wolf. Zu hohe Tierdichten von Füchsen sind mitverantwortlich für das Auftreten der Fuchsräude. Wildtierpopulationen, welche nicht durch Raubtiere reguliert werden, brechen häufig durch den Ausbruch von Krankheiten und Seuchen ein.

Der Wolf nimmt eine zentrale Stellung in der Nahrungskette des Waldes ein und ist für einen funktionierenden Wald unentbehrlich. Die Ausrottung des Wolfes in der Vergangenheit hat ganze Landschaften verändert: Was mit einem Lebensraum passiert, wenn seine Bewohner an der Spitze der Nahrungskette verschwunden sind, lässt sich auf der schottischen Insel Rùm beobachten. Vor 500 Jahren war die Landschaft von Wäldern geprägt, Wölfe fanden reiche Beute. Dann kam der Mensch und rottete den Wolf aus. Mit ihm verschwanden nach und nach die Wälder und heute ist Rùm eine Graslandschaft. Als der Wolf ausstarb, konnten sich seine Beutetiere, die Rehe, unbegrenzt vermehren und junge Bäume fressen. Die alten Bäume starben im Lauf der Zeit, ohne dass neue nachgewachsen waren. „Niedergang der Nahrungskette“ bezeichnen Wissenschaftler diesen Sachverhalt. Die Einflüsse von Raubtieren auf einen Lebensraum und die Qualität des Lebensraums dürfen nicht unterschätzt werden. Im Prozessschutz und bei der Renaturierung von Ökosystemen leistet der Wolf einen Beitrag ( https://www.nul-online.de/Magazin/Archiv/Gestaltet-der-Wolf-Oekosysteme-mit-Prozessschutz-mit-grossen-Beutegreifern,QUlEPTQ4NzIxNzMmTUlEPTgyMDMw.html )

Die Anwesenheit des Wolfes wirkt sich auch auf das Verhalten von Gams- und Steinwild aus, die sich vom Wald verabschieden und wieder vermehrt das Felsgebiet des Hochgebirges aufsuchen. Diese positiven Entwicklungen wurden in der Praxis im Calandagebirge in der Schweiz von Förstern beobachtet.

Wölfe sind wichtige Glieder in de Nahrungskette eines Ökosystems. Aasfressende Vogelarten, wie Bartgeier und Gänsegeier, verzehren Fleisch- und Knochenreste der Beutetiere des Wolfes. Die Beutetiere des Wolfes sind für das Überleben anderer Tierarten von Bedeutung. Der Bartgeier kreist wieder über den Alpen und zusammen mit den Wölfen ist ein Stück Natur zurückgekehrt.

Wölfe können nicht nur Landökosysteme wie Wälder verändern, Wölfe können auch Gewässerökosysteme verändern. Die Wölfe des Yellowstone Nationalparks haben durch die Regulation von Hirschen die Auenvegetation des Nationalparks verändert, die Auwälder wuchsen wieder.

verbiss tanne
Verbissschaden Tanne

 

Viele Wälder in Südtirol leiden unter zu hohen Wildbeständen. Die Rotwilddichte in Wäldern liegt örtlich bei 9,7 St./100 ha und damit viel zu hoch, 4,0 St./ 100 ha wären für den Wald verkraftbar. Laubbaumarten wie die Eberesche leiden besonders und sind in vielen Wäldern unterrepräsentiert.

Der Wolf ist ein effizienter Jäger und für die Waldverjüngung und Waldgesundheit ein wichtiges Element. Subalpine Waldtypen werden in der Verjüngung durch den Verbiss von Wild- und Weidetieren in ihrer Entwicklung gestört (Waldtypisierung Südtirol). Eine kontrollierte und verbesserte Beweidung von Almen oberhalb der Waldgrenze ist auch von Nutzen für die Biodiversität der Almenweiden (Überweidung siehe http://biodiversitaet.bz.it/alpine-landschaft/). Die Rückkehr des natürlichen Jägers Wolf in die Wälder kann dadurch nicht nur für den Wald, sondern auch für die Artenvielfalt der Almweiden von großem Nutzten sein.

Anekdoten zu Wölfen in Südtirol 

Bericht aus „Tageszeitung“, 29. März. 2018:

„Immer wieder erreichen die Medien Meldungen zu vermeintlichen Wolfssichtungen oder Rissen, bevor die zuständigen Stellen die Sachverhalte geprüft haben.

So entstehen Falschmeldungen: So hieß es am 14. März „Wolf reißt am Hochplateau ein Reh“, und zwar am Wolfsgrubner See. Laut zuständigem Jagdaufseher konnten jedoch am gerissenen Reh keine Indizien gefunden werden, die auf einen Wolfsriss schließen lassen.

Ebenfalls am 14. März lautete eine Schlagzeile „Proveis: Wolf schleicht um Hof“.

Laut zuständigem Jagdaufseher konnten am gerissenen Reh keine Indizien gefunden werden, die auf einen Wolfsriss schließen lassen. Es konnten auch keine Spuren eines Wolfes bestätigt werden.

Zu dem am 20. März von einem besonders seriösen Online-Medium geposteten Video mit dem wunderbaren Titel „Majestätisch im Rudel und gefährlich“ weist das Amt für Jagd und Fischerei darauf hin, dass das Bildmaterial in den Marken aufgenommen wurde.

Also Wolf Fake News!“

Kontrollierte Beweidung und Schutz der Haustiere

DSCF0240
Schafherde mit Hirte in Rumänien

 

In der traditionellen Landwirtschaft waren Bauern immer bemüht, auf ihre Tiere aufzupassen. In Ländern wie Rumänien kann man heute noch beobachten, wie Schafe von Hirten beaufsichtigt werden. Hirten führen die Herden zu Weiden, auf denen die Tiere weiden können. Diese Art der Beweidung ist in Mitteleuropa praktisch nicht mehr existent.

Schafe in Rumänien (wahrscheinlich Karpatenschaf) sind offensichtlich auch wehrhaft, wie ein Video zeigt https://www.youtube.com/watch?v=uefEMQq1r1g 

Es gibt verschiedene Arten von Weiden: Standweiden sind Weideflächen, die eingezäunt sind und auf denen Weidetiere die ganze Weidesaison verbringen. Die Zäune einer Standweide können wolfsicher gestaltet werden. Bei Umtriebsweiden müssen nur die Außenzäune wolfssicher gestaltet werden, die Abtrennungen zwischen den einzelnen Koppeln nicht.

Eine in den Alpen weit verbreitete Art der Beweidung ist die unbeaufsichtige Almbeweidung. Dabei werden Schafe, Ziegen oder auch Jungrinder, ohne jeglichen Schutz, den ganzen Sommer über im Freien gehalten. Den Tieren ist es überlassen, wohin sie gehen und was sie fressen.

Zahlen aus der Schweiz belegen, dass sehr viele Schafe auf Almen umkommen. Sie erfrieren, stürzen in die Tiefe, werden vom Blitz getroffen usw. Ungefähr 4000  Schafe sterben dadurch pro Jahr auf Almen in der Schweiz. (https://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/Nicht-der-Wolf-ist-der-groesste-Feind-des-Schafes/story/20286933).

Auch das Einfangen der Tiere im Herbst gestaltet sich dabei oft sehr schwierig und es kommt auch zu tödlichhen Unfällen. Oft sind Ziegenhalter in Südtirol am Ende der Almsaison nicht mehr in der Lage, die Tiere einzufangen. Die unkontrollierte Almbeweidung hat viele Nachteile.

Zum Schutz der Weidetiere sind Nachtpferche notwendig. Da Wölfe meist nachts jagen, genügt es, die Weidetiere nachts in einem gesicherten Pferch unterzubringen. Milchhkühe auf Almen werden immer beaufsichtigt und gehören auch nicht zum Beutespektrum des Wolfes. Sie bereiten dem Wolfschutz weniger Probleme.

DSC01970
Elektronetzzaun

Für den Schutz von Schafen und Ziegen auf Weiden im Wolfsgebiet sind folgende Einzäunungen maßgebend und ausreichend:
90 cm hohe (besser 120 cm), stromführende Elektrozäune (Euronetze oder 5-Litzenzäune) oder 120 cm hohe, feste Koppeln aus Maschendraht, Knotengeflecht oder ähnlichem Material, mit festem Bodenabschluss (Spanndraht), die aufgrund ihrer Bauart ein Durchschlüpfen von Wölfen verhindern. Bestehende Zäune (Holzzäune, Wildgatter usw) können mit Eletrolitzen aufgerüstet werden. Die Elektrozäune müssen natürlich auch geladen sein. Denn so wie ein Hühnerstall, der nachts nicht geschlossen wird, keinen Schutz für Hühner vor Füchsen bietet, so bietet auch ein Elektrozaun ohne Spannung keinen Schutz vor Wölfen.

DSC01928
Elektrolitze auf einem Holzzaun

Elektrozäune bieten einen guten Schutz gegen Wölfe. Wenn ein Wolf einen Stromschlag durch einen Zaun erfährt, lernt er sehr schnell, sich von Zäunen und Weidetieren fernzuhalten.

Darüberhinaus können Hütehunde eingesetzt werden, welche die Herde aktiv verteidigen oder Esel und Lamas, welche die Herde bewachen.

Einige prophezeien mit der Rückkehr des Wolfes“das Ende der Berglandwirtschaft“.  Jedoch fressen Wölfe weder Mähmaschinen noch Kühe in Ställen. Südtirols Berglandwirtschaft ist von Milchviehhaltung in Ställen  geprägt.

IMG_9575
Mähmaschinen auf Almen gehören nicht zur Beute des Wolfes (Bild Seiser Alm)

Mehr zum Thema Mähwiesen siehe http://biodiversitaet.bz.it/wiesen/wiesen-2/

 

Bären in Südtirol

Titelbild Bär, Aufnahme von Stefano Andretta

Art: Ursus arctos arctos (Europäischer Braunbär, Unterart arctos)

Schutz: Der Bär ist durch die Berner Konvention, die FFH Richtlinie Anhang II und IV und das Italienische Rahmengesetz Nr. 157 geschützt. Die FFH-Richtline 92/43/EWG verpflichtet zudem die Mitgliedstaaten den Erhaltungszustand der Braunbärenpopulationen zu überwachen und die Forschung und den Informationsaustausch zu fördern.

Lebensraum und Verbreitung:

In den Alpen kommen Bären nur in wenigen Restpopulationen vor, wenige Exemplare im Bereich der nördlichen Kalkpalpen Österreich und im Grenzgebiet zu Slowenien, sowie im und im Umkreis des Naturparks Ademello Brenta im Trentino.

Die Bären der Alpen leben nicht territorial, d. h. sie verteidigen ihren Lebensraum nicht aktiv vor anderen Artgenossen. Weibliche Bären haben kleinere Reviere als männliche Bären, welche weiter umherstreifen. Der männliche Bär Bruno wanderte sehr weit und erlangte Berühmtheit, da er als erster seiner Art nach 170 Jahren der Abwesenheit in Bayern auftauchte, wo er aber nicht willkommen war und abgeschossen wurde. 

SONY DSC

Bären benötigen geeigntete Winterquartiere (Höhlen, Erdlöcher usw) zum Überwintern und einen nahrungsreichen Lebensraum, den sie vor allem in artenreichen Mischwäldern und Laubwäldern findern, in denen sie pflanzliche Nahrung und tierische Nahrung zu sich nehmen, sie sind Allesfresser. Ob Frösche, Heidelbeeren, Buchäcker, Fallobst oder Wurzeln von Jungbäumen, die Nahrung ist vielfältig. Bären verfügen über einen ausgezeichnteten Geruchssinn und können Leckerbissen wie Honigwaben über eine weite Distanz riechen und zielgerecht Bienenstöcke ansteuern. Imker können Bären vom Verzehr der Bienenwaben abhalten, indem die Bienenstöcke mit einem Elektrozaun gesichert werden.

Ausrottung und Rückkehr

1930 war der letzte Braunbär Südtirols im Ultental erlegt worden, nach Jahrhunderten der Verfolgung, die zur Ausrottung des Bären in Mitteleuropa und auch in Südtirol führte. Die letzen Bären der italienischen Alpen überlebten im Naturpark Ademello Brenta (3 greise Individuen, die sich nicht mehr fortpflanzten). Die Population schrumpfte immer weiter und der Bär drohte vollkommen auszusterben. Das Projekt “Life Ursus” wurde 1996 ins Leben gerufen, um das Überleben der letzten Braunbären zu sicheren. Die einzige Möglichkeit bestand darin, Bären aus Slowenien im Gebiet anzusiedeln. Es wurden 9 Bären (3 männliche und 6 weibliche Bären) im Naturpark angesiedelt, mit dem mittel- und langfristigen Ziel einer vitalen Bärenpopulation von 40 bis 50 Individuen.

bär

 

Machbarkeitsstudien ergaben, dass die 1700 km² grosse Fläche des Ademello- Brenta Gebietes und angrenzender Teile der Provinzen Bozen, Brescia, Verona und Sondrio ausreichen, um eine vitale Bärenpolulation zu beherbgen. 1999 wurden die ersten Bären angesiedelt: Masun und Kirka. Zwischen 2000 und 2002 wurden weitere 8 Tiere eingesetzt. Eine Bärin, Maja wurde eingesetzt, da die Bärin Irma im Jahr 2001 verunglückte und starb.

Zwischen 2002 und 2015 sind durch 48 bekannte Würfe 101 Jungbären geboren worden. Im Jahr 2015 wird geschätzt, dass es sich im Gebiet des Ademello Brenta und den angrenzenden Gebieten (in Südtirol: Mendel, Ultental, Martelltal) um eine Population von 48 -54 Tieren handelt. Namen tragen nur die Bären, welche angesiedelt wurden, alle anderen Bären haben nur noch einen Code von Buchstabe und Zahl, sofern ihre Existenz bekannt ist. Seit dem Jahr 2005 sind Bären mehr oder weniger regelmäßig in Südtirol anzutreffen. Im Jahr 2015 konnten in Südtirol vier verschiedene Bären nachgewiesen werden. Die Bären sind damit in Südtirol wieder heimisch und das Europäische Projekt “Life Ursus” war erfolgreich, wenngleich die Ausbreitung von Bären wesentlich langsamer erfolgt als von Wölfen. Einzelne Bärensichtungen gibt es immer wieder in verschiedenen Gebieten Südtirols, jedoch noch keine eigenständige Bärenpopulation.

Anekdoten zu Bären in Südtirol

In Medien kursieren Geschichten um Bären, wie etwa jene, dass ein Yak von Reinhold Messner von einem Bären gefressen worden sei (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/suedtirol-baer-erlegt-messners-yak-a-367925.html.). Demgegenüber wird in der Lokalzeitung „der Vinschger“ von der zuständigen Nationalparkverwaltung klargestellt:  „Der Bär befand sich während der in Frage kommenden Zeit im Schweizer Nationalpark, es ist also nicht möglich, dass er in Sulden einen Yak angegriffen hat“, stellte Hanspeter Gunsch klar. Wolfgang Platter hatte am 4. August auch mit dem Präsidenten des Nationalparks, Ferruccio Tomasi, telefoniert. Tomasi habe ihn beauftragt, den Medien mitzuteilen, dass er, Tomasi, die alpinistischen Leistungen von Reinhold Messner zwar bewundere, „aber verwundert darüber ist, wie versucht worden sei, den Yak-Tod dem Bär in die Schuhe zu schieben“. (https://www.dervinschger.it/de/lokales/baer-hat-yak-weder-gerissen-noch-verletzt-4895).

Yaks tragen Hörner und wehren sich gegen Hunde, Bären und Wölfe, ähnlich wie Mutterkühe. Im Himalaya (z.B. in Bhutan) werden Yaks ausnahmsweise von Tigern gerissen, doch weder Wölfe noch Leoparden oder Bären im Himalaya greifen Yakherden an.

Beim sagenumwobenen Yeti soll es sich um Braunbären handeln, nämlich dem Isabellbär (Ursus arctos isabellinus), einer Unterart des Himalaya mit braun- roter bis silber-sandfarbiger Fellfarbe.

Mehr zum Thema Wolf und Herdenschutz: http://biodiversitaet.bz.it/tag/wolf/

 

Revitalisierung der Ilstener Au an der Rienz

Ein Damm trennt die Rienz vom Auwald des Biotops Ilstener Au. Anstatt den Damm zu verlegen, wird Auwald gerodet.

Das geschützte Biotop Ilstener Au in St. Sigmund besteht aus einem der letzten Auwälder an der Rienz im Pustertal. Der Bach, die Ufer und der Auwald stehen unter Naturschutz. Im Auwald wachsen einige Fichten heran. Das Vordringen von Nadelgehölzen, wie Fichten und Lärchen, wird häufig als Revitalisierungsgrund genannt und meist werden solche Wälder von der Abteilung Wasserschutzbauten revitalisiert. Ein Auwald, in dem Nadelgehölze eindringen, wird in Südtirol als nicht-vitaler Auwald bezeichnet. Grundsätzlich steht die Rodung von Auwald im Widerspruch zum Naturschutzgesetz Artikel 17: Es ist verboten, Ufervegetation oder Auwald zu roden oder auf sonstige Weise zu zerstören.

Den Bächen mehr Raum geben und vitale Auwälder zu schaffen, hat man sich bei der Revitalisierung vorgenommen. Der Auwald der Ilstener Au ist ein Paradebeispiel eines nicht- vitalen Auwaldes: ein Auwald, der nicht mehr überflutet wird, weil der Damm den Auwald von den Überschwemmungen der Rienz trennt. Die Verlegung des Dammes wäre die logische Lösung für das

‰
‰“nicht vitaler“ Auwald

Problem des nicht-vitalen Auwaldes an der Rienz. Dann könnte man auch von einer Aufweitung des Bachbettes und der Schaffung einer Retentionsfläche sprechen. Wie bei fast allen Revitalisierungsprojekten wird entlang des Baches die Ufervegetation gerodet und das Gelände abgesenkt. Auf solchen Flächen wird von der “Aufweitung des Flussbettes” gesprochen. Eine tatsächliche Aufweitung des Bachbettes ist die Entfernung der seitlichen Begrenzung. Mit der Verlegung des Dammes ist nicht zu rechnen, denn im Amt für Landschaftsöklogie gibt es schon seit Jahren Pläne für den Umbau des geschützen Biotops.

„vitaler“ Auwald

Die Absenkung (Rodung) weiter Teile des Auwaldes, ein Naturerlebnis- und ein Infobereich mit Teichen und Wegen ist geplant. Didaktik ist im Südtiroler Biotopschutz ein zentrales Anliegen und so bekommt das Biotop Ilstener Au eine Naherholungszone und einen Infobereich mit Teich, Bächlein und was es sonst noch für ein geschütztes” Biotop in Südtirol braucht.

Walter Blaas, der Obmann der Freiheitlichen, hat eine Landtagsanfrage zum Biotop Ilstener Au gestellt und eine gute Frage an das Amt gerichtet: “Warum wuchern nach wie vor aufremde Pflanzen im Biotop?” Es wäre ein Leichtes, die paar Fichten zu fällen, eine waldbaulich simple Lösung für einen nicht-vitalen Auwald. Der Auwald würde sich mit der Zeit zu einem Wald entwickeln, der von Edellaubbäumen wie Eschen dominiert wird.

Im Biotop Ilstener Au breitet sich nämlich neben der Fichte auch eine andere Baumart aus, die Gemeine Esche. Im Datenbogen des Biotops werden diese Eschen erwähnt, in der Beantwortung der Landtagsanfrage behauptet Maria Luise Kiem aber, dass sich der Wald zu einem Fichtenwald weiterentwickeln würde.

Eschen sind typisch für Wälder auf feuchten Standorten, wie auch für Auwälder. Weichholzauwälder ( charakteristische Arten: Weiden, Erlen, Pappeln) entwickeln sich zu Hartholzauwäldern ( charakteristische Arten: Eschen, Ulmen, Ahorn) weiter. Dies ist ein natürlicher Prozess und solche Wälder mit Edellaubbäumen sind von großen Wert für die Biodiversität. Die natürliche Weiterentwicklung oder Sukzession der Weichholzauen zu Hartholzauen wird häufig durch Revitalisierungsmaßnahmen unterbunden.

Wie aus der Landtagsanfrage hervorgeht, will man nicht vom Projekt abweichen und grössere Teile des Waldes absenken, also roden und Gruben ausbaggern. Für den Auwald wird dadurch aber nicht die Vorraussetzung geschaffen, dass sich ein vitaler Auwald bildet, da er auch in Zukunft nur über das Grundwasser mit der Rienz in Verbindung stehen wird und die Hochwässer der Rienz den Auwald nicht überschwemmen werden.

“Es werden neue Sukzessionsstadien geschaffen”, wird behautptet. Die ausgebaggerten Gruben werden als Grundwasserteiche nur Teiche sein und keine neuen Sukzessionsflächen der Rienz. Der Unterschied zwischen einem stehenden Gewässer und einem fließenden Gewässer ist den meisten Menschen auch ohne Infortafeln klar. Unklar ist dieser Unterschied dem Amt für Landschaftsökologie, welches die Planungen durchführt. “Eine nachhaltige Entwickluung von vitalen Au-Lebensräumen ist eng mit der Fließgewässerdynamik verknüpft”, wird erklärt. Die Fließgewässerdynamik des zukünftigen Bächleins im Auwald wird eine andere sein, als die Dynamik der Rienz. Die Rienz läge zu tief und der Auwald zu hoch, der Damm wurde deshalb nicht in die Planung mit einbezogen, wird erklärt. Dass Bäche aber dynamisch sind und bei Hochwässern das Bachbett verändern und Auwälder umformen können, zieht man nicht in Betracht. Zwei Meter Höhendifferenz seien für die Rienz zu viel, wobei die dynamischen bachbettbildenden Prozesse, wie etwa die Seitenerosion oder Akkumulation von Geschiebe, nicht bedacht werden. Die Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands des Auwaldes setzt voraus, dass die Verbaungen rückgängig gemacht werden, welche dazu geführt haben, dass der Auwald nicht mehr überflutet wird. Den Bächen muss mehr Raum gegeben werden, da sie durch Verbauungen eingeengt wurden.

Auf die Frage in der Landtagsanfrage, wer für die Umwandlung der Ilstener Au verantwortlich sei, wird die Abteilung Wasserschutzbauten erwähnt. Für die Pläne in der Ilstener Au verantwortlich ist einzig das Amt für Landschaftsöklogie. Die Umsetzung und die Baggerarbeiten wird die Wildbachverbauung übernehmen. Der Verein des Artenschutzzentrums hat sich an den zuständigen Amtsdirektor gewandt, und ihn gebeten, die Pläne zu ändern- leider ohne Erfolg.

Von einem “Vorzeigeprojekt” ist in der Beantwortung der Landtagsanfrage die Rede und die Revitalisierung der Ilstener Au ist tatsächlich ein Vorzeigeprojekt: Südtirol ist um eine Attraktion reicher, ein revitalisierter Auwald, der auch in Zukunft nicht vital sein wird.

Revitalisierung der Gatzaue und mediales Echo

Die Dolomiten fragte am Montag, den 25. Jänner 2016:”Wieviel Hilfe braucht die Natur?” Der Verein des Artenschutzzentrums St. Georgen hatte dem Landeshauptmann nämlich Verstösse gegen die Flora-Fauna-Habitatrichtlinie für drei Natura-2000 Gebiete geschickt, in denen prioritär zu schützender Auwald gerodet worden war. Die Dolomitenredation hatte die Botschaft begriffen und druckte einen kritischen Artikel, als die Rodung von Auwald in der Gatzaue anstand.

Amtsdirektor Sandro Gius rechtfertigt in diesem Artikel die Revitalisierung in der Gatzaue mit den Schotterentnahmen in den 1970er Jahren, durch welche das Bachbett der Ahr in bestimmten Abschnitten um mehr als 5m abgesenkt wurde. Tatsächlich transportieren Südtirols Bäche Geschiebe mit, das an bestimmten Stellen abgetragen (Erosion) und an bestimmten Stellen abgeladen (Akkumulation) wird. Die Bäche gestalten so die Struktur des Bachbettes und lagern mit der Zeit Material ab, auch an Stellen wo vorher Material entnommen wurde. Die Schotterentnahen der 1970er Jahre können heute nicht als Rechtfertigung für Eingriffe verwendet werden.

Sandro Gius behauptet in dem Artikel, im Auwald würde sich ein Vegetationswechsel breit machen und typische Auwaldsträucher absterben. Doch ein Grauerlenauwald, wie in der Gatzaue, bildet bei ausgeglichen Sedimentationsprozessen (Akkumulation und Erosion) eine Dauergesellschaft aus und geht nicht in einen Hartholzauwald oder Fichtenwald über. Die Gatzaue ist ein solcher Grauerlenauwald, der nicht in einen Fichtenwald übergeht, höchstens in einen Hartholzauwald mit Ulmen, Eschen, Ahorn und Eichen. Dem Vordringen von einzelnen Fichten in Grauerlenauwälder an der Ahr, müsste man waldbaulich begegnen. Dies hängt auch mit der Natürlichkeit (Hemerobie) der Wälder zusammen (http://biodiversitaet.bz.it/waelder/).

Nun wurde in der Gatzaue ein Seitenarm angelegt und Auwald gerodet. Aus landschaftsöklogischer Sicht ist damit eine schöne mäanderförmige Flussschleife, mit dem Prallhang (Erosion) auf der einen und dem Gleithang (Akkumulation) auf der anderen Seite, zerstört worden.

In der Tageszeitung vom 17.Juni.2015 (Titel: Umkämpfte Auen) sagt Peter Hecher von der Abteilung Wasserschutzbauten, dass der Auwald nicht vital wäre, also Fichten eindringen würden. Die Unterscheidung der Fichte von Laubbaäumen stellt offensichtlich für einige Experten der Wildbachverbauung eine Schwierigkeit dar, denn in der Gatzaue gibt es keine Fichten.

Hecher spricht davon, dass das Gelände abgesenkt wurde, damit der Auwald geflutet wird. Solche Absenkungen hat man bereits in den 1970 Jahren gemacht, als man Schotter entnahm. Heute wird der Schotter eben aus dem Auwald genommen, der Auwald kommt weg und eine Schottergrube entsteht. Diese Schottergrube ist dann entweder ein Seitenarm oder ein Teich. Die Schottergruben sind für die Abteilung Wasserschutzbauten auch Rückhaltebecken, da die Ahr dort Material ablagern wird. Diese Flächen werden langfristig wieder mit Material aufgefüllt werden und zuwachsen. Die Gatzaue wird dann wieder ausschauen, wie sie vor der Revitalisierung ausgeschaut hat. Der Film “Auenlandschaften in Südtirol” spielt an und in einer solchen Schottergrube.

Die Abteilung Wasserschutzbauten macht den Fehler, dass sie sich nicht an den tatsächlich vorhandenen Verhältnissen orientieret, sondern mit Karten des Flusslaufes des 19. oder 20.. Jahrhunderts heutige Maßnahmen rechtfertigt. Der Naturschutz muss sich an der rezenten/heutigen biologischen Ausstattung einer Fläche richten. Die Rekonstruktion eines Seitenarms in der Gatzaue ist durch die Wasserrahmenrichtlinie nicht zu rechtfertigen. Im Sinne der Wasserrahmenrichtlinie müssen die Vorraussetzungen geschaffen werden, dass die Ahr die Flusslandschaft selbst gestaltet. Künsltiche Seitenarme und Teiche näheren die Flusslandschaft nicht dem Naturzustand an. Der Naturzustand ist der sehr gute öklogische Zustand der Wasserrahmenrichtlinie.

Ohne Revitalisierungsarbeiten wären die Auen längs der Ahr ausgetrocknet”, sagte Rudolf Pollinger in diesem Interview in der Tageszeitung. Doch ist es nicht eher so, dass ohne die Revitalisierungsarbeiten an der Ahr auf den Flächen des öffentlichen Wassergutes, man andere Bäche hätte revitalisieren müssen. Die Ahr im Bereich zwischen Sand in Taufers bis Stegen war vor der Revitalisierung ein relativ naturbelassener Fluss-und Auenbereich, mit wenigen Querbauwerken, welche die Fischwanderung behinderten.

Zum Verbot der Rodung von Auwäldern behauptete der jetzige Chef der Agentur für Bevölkerungschutz Pollinger im Artikel der Tageszeitung:” Das Verbot der Rodung von Auwäldern gilt nur, wenn man daraus Kulturgrund macht.” Ich rief dann mal bei der Forst an und fragte, ob dies stimme. Man antwortete mir:”Glauben Sie nicht alles, was in der Zeitung steht!”

Die Rodung von Auwald und Zerstörung von Ufervegetation ist im Naturschutzgesetz Artikel 17 geregelt:

Art. 17 (Ufervegetation und Auwälder)

(1) Es ist verboten, Ufervegetation oder Auwald zu roden oder auf sonstige Weise zu zerstören.

(2) Der Direktor bzw. die Direktorin der Landesabteilung Natur und Landschaft kann ausnahmsweise zur Rodung ermächtigen, sofern öffentliche Interessen dies erfordern.

Es ist fraglich, ob der Direktor der Landesabteilung überhaupt gefragt wurde. Darüberhinaus scheint auch die Durchführungsbestimmung für das Naturschutzgesetz zu fehlen. Südtirol ist in Sachen Naturschutz eine unterentwickelte Provinz.

Im Sog der medialen Begeisterung für die Wildbachverbauung, vom Rai Sender Bozen bis zu Salto- man soll nicht alles glauben. Und dass die Wildbachverbauung der Hauptverantwortliche für die Verschlechterung des ökologischen Zustands der Fließgewässer ist, war so, ist so und wird wohl immer so sein, wegen oder trotz der Renaturierungen und Revitalisierungen. Die Auwaldrodungen gehen weiter. Ein Wächter will dies unbedingt. Goodby Naturschutz!