Wälder

Der naturnahe und natürliche Wald ist für die Biodiversität von zentraler Bedeutung: als Ökosystem Wald mit der genetischen Vielfalt an natürlich vorkommenden Tieren, Pflanzen und Pilzen.

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Südtirol beherbergt verschiedene Waldtypen, in Abhängigkeit von Höhenlage, Klima, Geomorphologie und Natürlichkeit. Diese Waldtypen können pflanzensoziologisch eingeordnet werden. Es gibt Waldtypen, die als Lebensraum für spezialisierte Tiere und Pflanzen besonders wichtig sind, wie z.B. Auwälder, Flaumeichen- und Hopfenbuchenwälder der niederen Lagen, feuchte Schluchtwälder usw. Diese Waldtypen sind auch in der FFH-Richtlinie als prioritär zu schützende Lebensräume angeführt. Für die Biodiversität der Arten und die Biodiversität der Ökosysteme ist der Schutz und Erhalt dieser Wälder von zentraler Bedeutung.

Natürliche Wälder:

In der planaren und kollinen Stufe (bis ca 800m): Auwälder (Weichholz- und Hartholzauwälder), Laubwälder, Flaumeichenbuschwald und Hopfenbuchen-Mannaeschenwald

In der montanen Stufe/ Bergstufe (ca. 800 bis 1500): Fichtenwälder, Föhrenwälder, Edellaubwälder (Laubwälder, Grauerlenauwälder, Schluchtwälder), Eichen-Föhrenwälder, Fichten-Buchen-Tannenwald

Wald mit Föhren und Buchen
Bergstufe mit einem von Buchen und Föhren dominierten Wald. Reine Laubwälder sind in Südtirols Bergstufe selten, da Nadelgehölze forstwirtschaftlich gefördert werden.

In der subalpinen Stufe (ca. 1500 bis 2000m): subalpine Fichtenwälder, Lärchen-Zirbenwälde

2 Hopfenbuchen-Mannaeschenwald, Flaumeichenbuschwald, Föhrenwald
Verschiedenen Waldlebensräume/Waldgesellschaften: artenreiche Flaumeichenbuschwald, der mit Trockenrasen verzahnt ist und Hopfenbuchen-Mannaeschenwald. Oben am Berg sieht man einen Föhrenwald, der in der montanen Stufe vorkommt.

Die Erhaltung der Wälder ist in den Natura 2000 Gebieten durch die FFH-Richtlinie verbindlich geregelt. Der Wald als natürliches Ökosystem kommt ohne Eingriffe aus, die Forstwirtschaft und Jagd sind nicht notwendig. 

Durch die Jagd wurden Tiere wie der Bär und der Wolf ausgerottet. Diese Tiere spielen als Regulatoren im Ökosystem eine wichtige Rolle. Die Anzahl der Hirsche und Rehe ist in Wäldern ohne natürliche Feinde  höher als in natürlichen Waldökosystemen. Durch Hegemaßnahmen der Jägerschaft ist die Zahl der Hirsche und Rehe erhöht worden und Verbisschäden sind die Folge. Die Jagd als Regulator von Populationen ist ineffizient. Die großen Carnivore sind im Sinne der Biodiversitätskonvention zu fördern, da sie am besten in der Lage sind, die Populationen von Hirschen und Rehen zu regulieren. Sie selktieren alte und schwache Tiere und reduzieren die Anzahl der Beutetiere auf natürliche Art und Weise. Sie sind unverzichtbar für den Wald als natürliches Ökosystem und ein notwendiges Glied in der Nahrungskette des Waldes.

Wolf: http://biodiversitaet.bz.it/2017/02/27/rueckkehr-des-wolfes/

Bär: http://biodiversitaet.bz.it/2017/02/24/baeren-in-suedtirol/

Vögel wie der Eichelhäher, der in Südtirol jagbar ist, spielen für Eichenwälder eine wichtige Rolle, denn sie sammeln Eicheln und graben diese ein. So fördern sie die Ausbreitung und Verjüngung der Eichen. Die Eiche, von der es in Südtirol drei verschiedene Arten gibt, ist für die Biodiversität von besonderer Bedeutung, z.B. für das Vorkommen des Hirschkäfers und anderer Bockkäferarten. Spechte suchen unter der Rinde und im Stamm von kranken und absterbenden Bäumen nach Käfern und Käferlarven. Sie legen Bruthöhlen in alten Bäumen an, welche wiederum anderen Höhlenbrütern, wie Kauzen oder Meisen als Bruthöhle dienen. Von ihrer Anwesenheit hängen andere Arten ab. Der Nutzen von alten absterbenden Bäumen für den Wald als Lebensraum für Spechte und dadurch für andere Vogelarten ist von großer Bedeutung für den Wald.

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Schwarzspecht: Rote Liste potentiell gefährdet
6_Schwarzspecht Nahrungsloecher
Nahrungslöcher des Schwarzspechtes in einer alten Fichte in einem Nadelwald

Die Republik Italien und die Autonome Provinz Bozen sind für den Erhalt zuständig. Die Abteilung Forstwirtschaft und die Bezirksforstämter sind Ansprechpartner, wenn es um die Biodiversität in Wäldern und als Wälder ausgewiesene Flächen geht.

Der Wald trägt durch ökosystemare Funktionen zur sozio-ökonomischen Entwicklung der Gesellschaft bei.

ForstwirtschaftDer Wald versorgt die Forstwirtschaft mit dem Rohstoff Holz und Energie.

SchutzfunktionWälder dienen dem Erosionschutz. Der Wald schützt vor Naturgefahren (Lawinen, Steinschläge, Muren usw).

Hangsicherung auf Kosten der Natur
Hangsicherungsarbeiten gehen oft auf Kosten des Waldes: ein natürliche Flaumeichenbuschwald wird mit diesen Arbeiten zerstört.

Wälder dienen als Wasser- und Kohlenstoffspeicher

Wälder dienen der Erholungsnutzung, Freizeitnutzung, Tourismus und damit der sozio-ökonomischen Entwicklung des Landes.

Der naturnahe und natürliche Wald ist durch die optimale Anpassung an die Standortfaktoren am besten in der Lage, diese Leistungen zu erbringen. Die natürliche Artenvielfalt der Waldökosysteme und Waldtypen ist zentraler Gegenstand der Biodiveristätskonvention.

Die Natürlichkeit (Hemerobie) von Südtirols Wäldern wurde erhoben:

Südtirols Urwälder, Hopfenbuchenwald auf Felsen
Wälder auf unzugänglichen Felsen sind oft natürliche Wälder

Von den Wäldern Südtirols sind:

30% naturnah

5% natürlich

41 % nehmen mäßig veränderte Wälder ein

22% stark verändert

2% künstlich 

gepflanzte Lärchen in den Hopfenbuchen- Mannaeschenwäldern
Laubwälder (Flaumeichenbuschwald und Hopfenbuchen-Mannaeschenwald) wurden mit Lärchen und Douglasien bepflanzt- die Natürlichkeit der Artenzusammensetzung nimmt ab.

Stark veränderte Wälder und künstliche wurden nicht nachhaltig genutzt, ebenso die mäßig veränderten Wälder. In der Vergangenheit dienten Wälder als Weiden, Blätter wurden als Einstreu verwendet, große Waldflächen wurden gerodet usw. Dabei bildeten sich auch sehr artenreiche und für den Erhalt der Biodiversität schützenswerte Lebensräume aus, wie etwa Lärchenwiesen in den höheren Lagen oder Kastanienhaine in den niederen Lagen. Demgegenüber ist der Großteil des Südtiroler Waldes nicht naturnah, weniger als 35 %. Der Wald wurde und wird intensiv genutzt und es gibt in Südtirol keine großen Naturwaldreservate. Nicht nachhaltig bewirtschaftet wurden Wälder am Vinschgauer Sonnenberg. Alte Schwarzföhrenaufforstungen am Vinschgauer Sonnenberg oder die Förderung der Fichte oder gar Fichtenmonokulturen sind nicht Zeugnis einer naturnahen und naturschonenden Bewirtschaftung. Forstschädlinge können in solchen Wäldern auftreten. Der Kiefernprozessionsspinner befällt vor allem die unnatürlichen Schwarzföhren im Vinschgau und wird dort intensiv bekämpft. Der Schädling ist die Folge einer nicht- nachhaltigen Waldbewirtschaftung. Auch massiver Borkenkäferbefall in Fichtenwäldern macht deutlich, dass der Wald nicht natürlich ist und nicht nachhaltig genutzt wurde. Häufig dominieren Fichten auf Flächen, welche eigentlich Mischwälder oder Erika- Föhrenwälder wären. Der Borkenkäfer, ein natürlich vorkommendes Insekt, kann sich massenhaft ausbreiten, gerade in warmen Sommern. Der Borkenkäfer hat im Ökosystem Wald die Funktion, Holz abzubauen. Geschwächte Bäume werden von Insekten befallen, wie eben dem Borkenkäfer. Diese Insekten sind sogenannte Destruenten  und spielen im Stoffkreislauf (Abbauende Prozesse) des Waldes eine zentrale Rolle. Wenn es die abbauenden Prozesse und die verschiedenen Arten von Destruenten (Pilze, Tiere) nicht geben würde, dann würde Holz und Laub im Wald nicht abgebaut. Wie Wälder aussehen, in denen  Abbauprozesse nicht funktionieren, zeigen die Schwarzföhrenwälder im Vinschgau. Die Nadeln der Schwarzföhren bilden eine dicke Schicht unter den Bäumen. 

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naturnaher Föhrenwald am Vinschger Sonnenberg bei St. Martin am Kofel mit Trockenrasen im Bild links unten

Im Sinne der Biodiveristätskonvention ist der Wald nachhaltig zu bewirtschaften. Dies bedeutet die natürliche Strukturierung (Totholz, Naturverjüngung) und die natürliche Artenzusammensetzung (Natürlichkeit der Kraut-, Strauch-, Baumschicht) zu fördern. Dabei muss auf den entsprechenden Waldtyp eingegangen werden. Je nach Umweltbedinungen bzw. Standortfaktoren weisen die natürlichen Wälder eine höchst unterschiedliche Artenzusammensetzung auf. Wie der potentiell natürliche Wald in einem Gebiet aussieht, ist bekannt und es gibt Karten über die potentiell natürliche Vegetation. Der naturnahe Wald wird vom Betrachter als harmonisch empfunden und ist von ästhtischer Bedeutung. Darüberhinaus kann der naturnahe und natürliche Wald die ökosystemaren Funktionen am besten erfüllen. Die Artenvielfalt dieser Wälder ist wesentlich höher als jene von stark veränderten oder gar unnatürlichen Wäldern. Diese Wälder sind Lebensraum für Tiere und Pflanzen, gerade von seltenen und schützenwerten Arten.

Dieser Wald ist forstwirtschaftlich verändert. Die Fichte wurde gefördert und Laubbaumarten fehlen. Junge Buchen wachsen heran, alte Buchen fehlen.
Dieser Wald ist forstwirtschaftlich verändert. Die Fichte wurde gefördert und Laubbaumarten fehlen. Junge Buchen wachsen heran, alte Buchen fehlen.

In Bezug auf die Biodiversität defizitäre Wälder: Robinienwälder, Fichtenmonokuluren usw. müssen in naturnahe Wälder überführt werden um der Biodiveristätskonvention gerecht zu werden. Dabei ist ein schonender Umgang mit dem Lebensraum Wald, dem Boden, den Pflanzenarten und den darin vorkommenden Tieren sicherzustellen.

Die Problematik der unnatürlichen Robinienersatzwälder ist bekannt. Die weitere Ausbreitung muss verhindert werden und alte Robinienwälder sind durch gezielte Pflanzung von Arten der Klimaxgesellschaft des entsprechenden natürlichen Waldtyps in Angriff zu nehmen

Robinie und Götterbaum- zwei invasive Baumarten, welche in natürliche und naturnahe Lebensräume eindringen:

Die Robinie stammt aus Amerika und wurde zu Beginn des 17. Jahrhunderts nach Europa eingeführt. Die Robinie dringt häufig in Magerrasen und trockene Wälder (Flaumeichen- und Hopfenbuchenwälder), Steppen-Trockenrasen, Schlucht- und Hangmischwälder. Die Sämlinge der Robinie wachsen mehr als 1 m pri Jahr und beim Fällen von Robinien kann der Baum aus dem Wurzelstock bis zu 5 m pro Jahr austreiben. Er vermehrt sich über Samen und vegetativ sehr stark über Wurzelbrut. Eine Besonderheit des Baumes ist, dass er Luftstickstoff binden kann und damit natürlich Stickstoff-armen Boden überdüngt.

Götterbaum: Der Götterbaum stammt aus China und wurde um Mitte des 18. Jahrhunderts nach Europa eingeführt. Er dringt in urbane Gebiete sehr stark vor und in der Natur dringt er in Magerrasen, Felsflure, Auwälder, und Steppen-Trockenrasen vor. Die Sämlinge wachsen ca 1 m pro Jahr und vegetativ vermehrt er sich sehr stark durch Triebe aus der Wurzel, welche bis 3 m pro Jahr in die Höhe schnellen können. Er gibt Substanzen in den Boden ab, die anderen Pflanzen schaden (Allelopathie).

Traditionell werden Südtirols Laubwälder der niederen Lagen (v.a. Hopfenbuchen-Mannaeschenwald) durch Niederwaldwirtschaft bewirtschaftet. Nach ca. 25 Jahren wurden die Bäume auf den Stock gesetzt, und die Bäume treiben wieder aus. In Niederwäldern wachsen die Bäume nicht einstämmig, wie von der Natur vorgesehen, sondern mehrstämmig. Heute ist diese traditionelle Bewirtschaftungsform nicht mehr mit dem Erhalt der Biodiversität vereinbar, da dadurch auch die Einwanderung von Robinien und Götterbäumen gefördert wird. Im Gemeinde wald von Gargazon wurden dazu Untersuchungen gemacht und auf frischen Schlagflächen wuchern viele junge Götterbäume, welche in den alten Waldbeständen nicht vorkommen. Die Robinie dominiert bereits große Teile des Gargazoner Gemeindewaldes. 

Klimaxgesellschaft, Sukzession:

Zur einfachen Erklärung dieser Begriffe ein Beispiel:

Auf 1000 m Seehöhe steht ein Fichtenwald. Die Bäume werden durch einen Kahlschlag gefällt. Dadurch ist die Krautschicht des Bodens der Sonne ausgesetzt. Die Arten der Krautschicht sind aber Schattenpflanzen. Die Schattenpflanzen sind am Licht nicht konkurrenzfähig und dadurch verschwinden sie. Es breiten sich andere Arten aus, z.B. Hochstauden wie Himbeeren oder Weidenröschen. Diese Hochstaudenflur hält sich mehrere Jahre und erst nach und nach kommt es zur Wiederbewaldung und schlussendlich erst nach Jahrzehnten zur Ausbildung eines geschlossenen Fichtenwaldes (= Klimaxgesellschaft).

Die Sukzession bezeichnet die Veränderung des Waldes von der Hochstaudenflur zum Fichtenwald.