Biodiversität Fische

1.) Biodiversität Fische

Fische sind mit über 32.000 beschriebenen Arten (Rundmäuler, Knorpel- und Knochenfischen) eine artenreiche Tiergruppe, aber nur ein Viertel davon kommt in Süssgewässern vor. Tropische Gewässer (z.B. Salzwasserfische der Korallenriffe, Süsswasserfische tropische Seen) sind sehr artenreich.  Der Tanganjikasee in Afrika beherbergt eine Vielzahl endemischer Arten (allein 180 Cichlidenarten), also Süsswasserfischarten, die es nur dort gibt.

Das größte Korallenriff der Erde, das Great Barrier Rief, ist Lebensraum von geschätzten 1500 Arten, darunter Walen, Delphinen oder Clownfischen.

Im Mittelmeer gibt es an die 700 Fischarten, in den Meeren Italiens an die 580 Arten. In den Binnengewässern Italiens kommen 63 Taxa (Arten und Unterarten) vor, von denen 48 Taxa reine Süsswasserfische sind. In den Binnengewässern Italiens gibt es ungefähr 30 nicht heimische Fischarten.

In ganz Österreich kommen 77 Fischarten vor, davon 18 nicht heimische Arten (= allochthon= Neozoen).

In der Schweiz gibt es 70 verschiedene Fischarten, 54 sind einheimisch, 16 allochthon. Die Seen der Schweiz beherbergen zahlreiche endemische Felchenarten aus der Gattung Coregonus. „Aus der Überzeugung heraus, dass man unseren Fischen mit Besatz helfen könne, wurde unabsichtlich das Gegenteil bewirkt. An die lokalen Bedingungen optimal angepasste Arten und Rassen verschwanden. Die Biodiversität erlitt einen weiteren Rückschlag.“ (Werner Doenni, 2013) Von den ehemals mindestens 40 Felchenarten der Schweizer Seen sind heute nur noch 25 Arten erhalten. Die Artenvielfalt endemischer Felchen der Schweiz hat stark abgenommen, Lebensraumzerstörung und Fischbesatz sind die Ursachen.

Lediglich 35 Fischarten kommen in Südtirol vor und von diesen sind 16 Arten Neozoen. Nur 19 einheimische und alteingebürgerte Fischarten beherbergt Südtirol.

DSC01272
Cypridengewässer

 

Der Karpfen gilt heute als eine charaktieristische Art stehender Gewässer. Ursprünglich kam der Karpfen nur in Gewässern Osteuropas vor, wurde aber schon zur Römerzeit verbreitet und in der mittelalterlichen Teichwirtschaft massenhaft vermehrt. Die Weltnaturschutzorganisation schreibt zum Karpfen: Wild stocks occur naturally only in rivers draining to the Black, Caspian and Aral Seas. C. carpio is widely cultivated worldwide, but in fact many cultivated stocks (and most of the Asian ones) belong to several other East Asian species. Der Karpfen gehört zu den „Worst Invasive Alien Species“, der Karpfen kann aus sauberen klaren Gewässern braune trübe Gewässer machen, er formt Ökosysteme um (mehr dazu siehe Unten: Fische im Ökosystem).

Zu den Neozoen in Südtirols Gewässern gehören u.a. (Quelle: „Fische und Angeln in Südtirol“, Autonome Provinz Bozen, 1998)  :

  • Forellenbarsch: diese aus Nordamerika stammende Art ist in Südtirol in den Montiggler See, dem Kalterer See und dem Völser Weiher eingesetzt worden.
  • Sonnenbarsch: diese aus Nordamerika stammende Art ist in Südtirol in den Montiggler See und dem Kalterer See eingesetzt worden
  • Zander: diese aus Osteuropa stammende Art wurde im Kalterer See und im Fennberger See eingesetzt.
  • Grasfisch: dieser aus China stammende Fisch wurde seit 1970 in Seen wie dem Kalterer See, Montiggler See und den Unterackerlacken bei Sterzing eingesetzt.
  • Karausche: gängiger Fisch der Besatzwirtschaft
  • Bachsaibling: der aus Nordamerika stammende Bachsaibling hat sich vielerorts etbliert
  • Regenbogenforelle: die aus Nordamerika stammende Regenbogenforelle hat sich vielerorts etabliert

Während der Karpfen eine alteingebürgerte Art ist, sind Arten wie der Grasfisch, Bachsaibling, Regenbogenforelle usw. Neozoen.

Eine Gefährdung der Artenvielfalt der Fischfauna findet sich in der Besiedlung der Lebensräume durch Neozoen. Dies hat oft Folgen für die heimischen Fischarten und die Gewässerbiodiversität. Neue Arten können negative Auswirkungen auf ursprünglich vorhandene Arten haben, sei es durch Konkurrenz um Nahrung und Lebensraum, Frassdruck, als Überträger von Krankheiten oder einfach durch Verlust von Anpassungen aufgrund von Hybridisierung. Allochthone Arten können die Nischen einheimischer Arten besetzen. Wenn sie ausdauernder oder weniger spezialisiert sind als die heimischen Arten, können sie diese aus ihrem Lebensraum verdrängen.

2.) Gefährdung und Gefährdungsursachen

 

DSCF1237
Unterer Eisack, beeinträchtigter Lebensraum-
  1.  Beeinträchtigung des Lebensraumes
  2. Wasser-Verschmutzung
  3. Fremde Arten (allochthone Arten, Hybridisierung, Neozoen)
  4. Nutzung (Nahrungserwerb, Freizeit)

(Smith und Darwall, 2006)

Le principali cause antropiche ritenute responsabili della critica situazione in cui versa l’ittiofauna italiana sono- die Hauptgründe für die kritische Situation der Fischfauna (Binnengewässer) Italiens sind:

  1. alterazioni degli habitat- Lebensraumveränderung
  2. inquinamento delle acque- Wasserverschmutzung
  3. introduzione di specie aliene- Besatz mit Neozoen
  4. pesca condotta in modo eccessivo o con metodi e in tempi illegali- exzessive Fischerei und Fischerei mit illegalen Methoden
  5. inquinamento genetico- genetische Verschmutzung

Sergio Zerunian, 2002

DSC01263
vermehrte Algenbildung deutet auf die Belastung der Gewässer durch Nährstoffeinträge hin (Gewässerverschmutzung)

In der Roten Liste der Fische Südtirols wird die Marmorierte Forelle als stark gefährdet angeführt und trotzdem wird die gefährdete Art von Anglern gefischt.

„Laut Berichten in der Lokalpresse über die 13. Südtiroler Naturschutzwoche im Sommer 1998 ist der Grazer Universtiätsprofessor Franz Wolkinger der Ansicht, dass auf die Fischerei überall verzichtet werden könnte….Diese öffentlichkeitswirksamen Aussagen aus der Umweltdebatte können wir Angler keineswegs als Ansichten extremer Ökoaktivisten abtun. Vielmehr ist- stärker als in der Vergangenheit- sachlich zu hinterfragen, inwieweit unsere (Freizeit) Tätigkeit am und im Gewässer im Einklang mit der Natur erfolgt.“ Auszug aus „Fische und Angeln in Südtirol“, Autonome Provinz Bozen, 1998, S. 7

Eine Gefährdungsursache für Fischarten stellt die Freizeitnutzung und Nutzung zur Ernährung dar, wie Smith und Darwall 2006 feststellen. Ebenso macht Sergio Zurianian die exzessive Fischerei als eine Gefährdungursache für Fischarten aus.

Das Amt für Jagd und Fischerei der Provinz Bozen weist auf den hohen Fischereidruck hin:

In Südtirol gibt es ca. 12.250 Fischer, welche teilweise in einem der beiden großen Fischerverbände (FIPSAS – Landesfischereiverband) organisiert sind. Obwohl die Anzahl an aktiven Fischern momentan stagniert, hat der Fischereidruck in einigen Gewässern die Toleranzgrenze schon überschritten.

Neben den hohen Fischereidruck ist die Biodiversität der Fische durch Neozoen gefährdet. Viele nicht-heimische Fischarten finden sich in den Gewässern Südtirols. Auch einer der häufigsten Fische Südtirols, die Bachforelle, ist großteils künstlich eingebracht worden. “ In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Bachforelle in den adriatischen Zuflüssen, die bisher nur von Marmorierten bevölkert waren, eingesetzt.“ beschreibt Peter Ortner bereits 1978 im Buch „die Tierwelt der Südalpen“ die Situation.

Darüberhinaus tritt das Problem der Hybridisierung zwischen den Arten auf (Hybride Bachforelle- Marmorierte Forelle: Bach. x Marm. Forelle). In der Vergangenheit haben sich durch Isolation verschiedene Arten und Ökotypen in den Gewässern gebildet (unter den Süsswasserfischen Italiens findet man relativ viele Endemiten, also Arten, die es nur in Italien gibt, z.B. die Gardaseeforelle, Salmo carpio, im Gardasee). Durch Fischbesatz vermischten sich die autochthonen Fischarten und Ökotypen mit Arten und Zuchttypen aus anderen Gewässern. Einst räumlich getrennte Fischarten sind heute im selben Gewässer zu finden. Diese Arten verpaaren sich und bilden Hybride. Viele Gewässer werden mit Fischen aus Brutanstalten besetzt, um die natürlichen Bestände zu stützen. Leider wurden und werden Seen und Fließgewässer mit Fischen von der vermeintlich selben Art aus anderen Seen, Einzugsgebieten oder sogar dem Ausland besetzt. Dadurch haben sich lokale Forellen- und Äschenpopulationen mit gebietsfremden Populationen und Arten vermischt und die genetische Vielfalt ging verloren.

DSC01446
Salmonidengewässer

 

Genetisch reine autochthone Marmorierte Forellen gibt es in Südtirol nicht mehr. Der Leiter der Landesfischzucht Peter Gasser wies (Dolomiten 12. Juli 2016) darauf hin, dass es nirgendwo in Südtirol genetisch reine Marmorierte Forellen gibt. Auch Südtirols Äschen sind genetisch nicht rein,  ihr Erbgut enthält auch Sequenzen von Äschen des Rheingebiets, aus Skandinavien oder aus dem Balkangebiet. Der Verlust der genetischen Vielfalt (genetisch reine autochthone Arten und Ökotypen) ist durch Fischbesatz bedingt.

DSCF1540

Schweizerische Fischereiberatungsstelle zu Forellendiversität: „Forelle ist nicht gleich Forelle. Auch bei dem am weitesten verbreiteten Fisch der Schweiz – der Forelle – gibt es eine beachtliche Artenvielfalt: Die Schweizer Forellenarten stammen aus den Einzugsgebieten von Donau, jurassischer Rhone, Po und Rhein. Dazu zählen z. B. die vom Aussterben bedrohte Marmorata-Forelle, die Doubs Forelle, die adriatische Forelle und die Forelle aus dem Rheineinzugsgebiet – Letztere wurde als Besatzfisch im vergangenen Jahrhundert in grosser Zahl in die anderen Einzugsgebiete ausgesetzt und hat vielerorts die ursprünglichen Forellen durch Konkurrenz und Hybridisierung verdrängt. “

In scheinbar unberührten natürlichen Bergseen wurden ebenfalls Fische eingesetzt, Seesaiblinge wurden sogar mit Hubschraubern dorthin gebracht. (https://www.salto.bz/de/article/12072016/gekaufte-saiblinge und https://www.salto.bz/de/article/17072016/der-fisch-stinkt-nicht).

Im Zuge der Revitalisierung werden Gewässer für Fische umgebaut (ohne systematische Zustanderfassung auf Art- und Ökosystemebene und ohne Berücksichtigung der Naturnähe der Fischpopulationen, wie in der „Studie zur Fluss- und Auenrenaturierung in Südtirol“ 2012 empfohlen).

DSC01462

Bild Künette: hart verbaute Bäche

Viele kleinere Seitenbäche sind hart verbaut worden und der WWF Bozen spricht von einer misslungenen Revitalisierung, da nicht hart verbaute Gewässer primär renaturiert werden, sondern ökologisch wertvolle wie z.B. die Ahr. (mehr zum Thema Revitalisierung http://biodiversitaet.bz.it/revitalisierung-wasserrahmenrichtlinie/).

Fischarten und Fischbiomasse in einigen Fließgewässern Südtirols

P_20170716_150648

Viele kleine Fließgewässer Südtirols sind fischfrei, gerade auch die natürlichen Fließgewässer der subalpinen und alpinen Höhenstufe.

Im Zuge der Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie werden Abfischberichte erstellt. Diese geben Auskunft über die vorhandenen Fischarten und die Entwicklung der Fischbestände. Einige Gewässer und ihr Fischbestand (Quelle: Abfischberichte WRRL 2015).

TALFER

P_20180128_155128

Talfer Bozen

Mitten in Bozen bei der Holzbrücke am Festplatzzugang Sandgasse wurde eine Strecke von 118 m abgefischt. Trotz starkter Beeinträchtigung der Talfer durch Schwallbetrieb wurden folgende Fische festgestellt:

  • Bachforellen 79
  • Bach. x Marm. Forelle 46
  • Marmorierte Forelle 12
  • Regenbogenforelle 10
  • Äsche 4
  • Mühlkoppe 324

Insgesamt wurden 475 Fische auf einer kurzen Strecke von 118 m gefunden. Das Gesamtgewischt der Fische beträgt ca 30 kg. Besonders sagt die Talfer den Mühlkoppen zu. Häufig ist die Bachforelle und Hybride.

AHR

IMG-20170406-WA0008

Die Strecke von der Industriezone Mühlen bis unterhalb der Brücke in Gais wurde in Streifen abgefischt und auch Uferbefischungen durchgeführt. Dabei wurden gefunden:

  • Marmorierte Forelle 37
  • Bach. x Marm. Forelle 79
  • Bachforelle 115
  • Regenbogenforelle 22
  • Äsche 332
  • Mühlkoppe 88
  • Neunaugen 2

675 Fische mit einem Gesamtgewicht von 213 kg wurden in der Ahr gefunden. Hybride und Regenbogenforellen sind nicht so stark vertreten wie die Äschen, eine charakteristische Art der unteren Ahr.

GRABEN LANANER GIEßEN

Graben
künstlicher Graben (Kammergraben)- zusätzlicher Lebensraum für Fische

Aber auch in künstlichen Gräben, wie im Lananer Gießen können eine Vielzahl an Fischen gefunden werden:

  • Bachforelle: 41
  • Bach. x marm. Forelle: 6
  • Marmorierte Forelle: 3
  • Regenbogenforelle: 1
  • Aitel: 9
  • Barbe: 2
  • Stichling: 9

Auf einer Länge von 149 m und einer Breite von 5 m konnten durch die Abfischung 9,5 kg Fisch gefangen werden, insgesamt 71 Fische.

Jungfisch
gut getarnter kleiner Fisch

 

Größenklassen werden untersucht und es überwiegen die kleineren Exemplare (kleiner als 14 cm). Jungfische sind in den Gewässern in großer Zahl vorhanden. Große Fische gibt es viel seltener:

z.B. Bachforellen in einem Graben (Kammergraben Abfischbericht WRRL 2015): Ausgewachsene Bachforellen haben eine Länge von 20 bis 35 cm. 21 Bachforellen sind im Kammergraben kleiner als 14 cm und 3 größer als 14 cm. Nur eine erreicht immerhin 22 cm.

Bachforellen Länge in cm und Anzahl Individuen:

  • 7 cm 4 Bachforellen
  • 8 cm 5  Bachforellen
  • 9 cm 3 Bachforellen
  • 10 cm 4 Bachforellen
  • 11 cm 2 Bachforellen
  • 19 cm 1 Bachforelle
  • 20 cm 1 Bachforelle
  • 22 cm 1 Bachforelle

DSC01266

Die Gewässer des Landes sind meist erheblich verändert worden und trotzdem finden sich in den Gewässern recht viele Fische (siehe oben). Gerade auch Seen, wie die Montiggler Seen oder der Felixer Weiher (ein  Karpfenteich mit braun-trüben Wasser) beherbergen erstaunlich viele Fische. Die Lebensraumverfügbarkeit für Fische in stehenden Gewässern hat durch den Stauseenbau stark zugenommen. Von 2850 ha Fischwasser fallen 48% auf Stauseen. Natürliche Seen sind in Südtirol relativ selten, künstliche Fischgewässer wie Fischerteiche und Stauseen landesweit vorhanden und zunehmend.

Die langfristige Erhaltung selbst erhaltender Populationen ist in fast allen stehenden und fließenden Gewässern Südtirols gegeben und für alle Lebensphasen sind gute Voraussetzungen gegeben, auch für Rote Liste Arten wie Bachneunauge, Marmorierte Forelle und Mühlkoppe (siehe Anzahl von Mühlkoppen in der Talfer!). Sogar in der kanalisierten Etsch im Etschtal wurden 2004 für Äschen, Barben, Neunauge, Aitel und Mühlkoppe eine natürliche Reproduktion festgestellt (H. Grund et. al., Die Etsch zwischen Meran und Salurn als Fischlebensraum).

Die Wasserqualität lässt in einigen Fließgewässern zu wünschen übrig (z.B. Salurner Graben, Marlinger Mühlgraben). Das Bachneunauge kommt in Gräben häufiger vor  (z.B. sehr zahlreich im Naturnser Graben). Trotz der Beeinträchtigung der Wasserqualität können seltene und stark gefährdete Arten vorkommen, wie der Dreistachelige Stichling im Salurner Graben (der Salurner Graben ist eines der verschmutztesten Fließgewässer Südtriols). „Ein naturnaher Lebensraum ist die Grundvorraussetzung für funktionsfähige Fischbestände“ wird behauptet. Doch beweisen die künstlichen Gräben mit ihrem Fischreichtum und ihrem Reichtum an seltenen Tier- und Pflanzenarten genau das Gegenteil.

Exzessive Fischerei, genetische Verschmutzung und Neozoen (Zerunian 2002) belasten die Biodiversität der Fischbestände und viele ausgewachsene und fortpflanzungsfähige Fische fallen Hobbyanglern zum Opfer. ( Siehe Gefährdungsursachen http://www.carabinieri.it/editoria/natura/la-rivista/home/tematiche/ambiente/la-fauna-ittica-dei-corsi-d-acqua-italiani).

IMG_3180
Bachforelle (diese Forelle wurde nicht getötet)

 

Im Falle der für Südtirol so typischen Salmoniden sind die lockeren Kiesflächen am Gewässergrund der Bäche und Flüsse von Talfer, Ahr, Etsch und Eisack ideale Lebensräume, in denen Fische Laichgruben anlegen können. Deckungsreiche Wasserbereiche, Mikrohabitate am Ufer und ein weitgehend natürlicher Abfluss (z,B. Passer, Gader im Gadertal, Eggentaler Bach, Haflinger Bach usw.) zeichnet viele Fließgewässer Südtirols aus. Fischbesatz mit Bachforellen findet auch in Gewässern statt, in denen es eine gute Reproduktion gibt, wie im Buch „Fische und Angeln in Südtirol“, herausgegeben von der Autonomen Provinz Bozen 1998, nachzulesen ist: „Seit Jahren bemühen sich deshalb Fischereivereine und einzelne Bewirtschafter mit Besatzmassnahmen und durch das künstliche Einbringen von befruchteten Fischeiern (in sogenannten Wiberg- Schachteln) um einen in der Altersstruktur vielfältigen Fischbestand. Diese Praktiken allerdings finden wir auch in jenen Wasserläufen, wo eine ausreichende bis gute natürliche Reproduktion vorhanden ist.“

Einige Gewässerabschnitte der größeren Fließgewässer werden jedoch durch Wasserkraftwerke (Restwasserstrecken, fehlende Dynamik, fehlender Feststofftransport) und harte Verbauungen als Lebensräume beeinträchtigt.

P_20180707_160711

Gilfklamm Meran: natürliche Unterbrechung der Fischdurchgängikeit in der Passer

Die Durchgängigkeit der Fließgewässer ist im Gebirge eingeschränkt und durch Isolation von Fischpopulationen ist genetische Vielfalt einst entstanden. Bäche und Flüsse Südtirols sind durch zahlreiche natürliche Barrieren für Fische nicht durchgängig. In der Töll hat die Etsch ein natürlich starkes Gefälle, das für die Fischwanderung ein Hindernis darstellt. Auch die Passer in Meran hat in der Gilfschlucht eine natürliche Unterbrechung der Durchgängigkeit und Fische können nicht von der Etsch die Passer hinauf wandern, – jedoch hinunter. Auch in Seen sind Fischpopulationen meist isoliert. Einige Fischarten Südtirols sind Fische, die man als Wanderfische bezeichnet (z.B. Marmorierte Forellen, Neuenauge). Jedoch sind Mühlkoppen, Bachforellen und Seeforellen, keine Wanderfische. Zur Laichzeit suchen Bachforelle und Seeforelle Gewässerabschnitte, welche für das Ablaichen günstig sind. Forellen sind auf Gebirgsbäche und ihre natürlichen Hindernisse gut angepasst und können bis zu einem Meter hohe Hindernisse überwinden.

215
Wasserfall: Unterbrechung der Durchgängigkeit für Fische

 

Fische im  Ökosystem

Fischbesatz hat sich negativ auf die genetische Vielfalt und die Artenvielfalt ausgewirkt. Mit Fischbesatz verschwanden autochthone Fischarten und Rassen aus Gewässern. Fischbesatz kann auch das Gewässer selbst verändern: In einer Serie klassischer Experimente konnten Carpenter und Kitchell in mehreren nebeneinander liegenden kleinen Seen trübes Wasser mit hohem Phytoplanktongehalt oder klares Wasser mit wenig Phytoplankton dadurch erzeugen, dass sie die Dichte der Raubfische (die selbst andere Fische, aber kein Plankton fressen), erhöhten oder verminderten. (Stephen R. Carpenter, James F. Kitchell: Consumer Control of Lake Productivity. In: BioScience. Vol. 38, No. 11 (How Animals Shape Their Ecosystems), 1988, S. 764–769.)

Fischbesatz kann sich auf das ganze Gewässerökosystem auswirken. Der Karpfen kann ganze Ökosysteme verändern und scheint in der Liste der  „Worst Invasive Alien Species“ der IUCN auf. Nicht ohne Grund, denn er verändert die Ufervegetation und verändert die Lebensgemeinschaften des Benthos (Lebensgemeinschaft der Bodenzone, z.B. Wasserschnecken, Teichmuscheln usw.). Aus glasklaren Gewässern kann durch Besatz mit Karpfen eine trüb- braune Lacke werden. Auch die Lebensgemeinschaft der Freiwasserzone wird dadurch verändert.

Gebiete, die als intakte Natur angesehen werden, wie der Yellowstone Nationalpark in Nordamerika, leiden unter den Folgen von Fischbesatz. Vor ungefähr 25 Jahren wurden dort amerikanische Seesaiblinge eingesetzt und diese verdrängen die natürlich vorkommende Yellowstone- Cutthroat-Forelle. Ein Domino Effekt trat ein, der Bären und Wildschwanpopulationen und das ganze terrestrische Ökosysteme bedroht. (https://www.nationalgeographic.com/environment/2018/07/yellowstone-lake-trout-trumpeter-swan-avian-collapse-animals/).

Der Besatz mit Fischen ist für viele Arten eine Gefährdungsursache, z.B. für Dohlenkrebse, Frösche oder Bergmolche. Massiver Fischbesatz führte laut F. Glaser am Schlern zum Rückgang von Amphibienpopulationen. Mit dem Aussterben von Arten im Gebiet muss dabei gerechnet werden.

197
Biotop Schwarze Lacke am Vigiljoch mit unnatürlicher Fischfauna

Herpetofauna.at zu Bergmolch: „auch durch den Fischbesatz in Gebirgsteichen werden regionale Populationen ausgelöscht.“ In der Schwarzen Lacke wurden Bergmolche nicht mehr gesehen, seit dort gefischt wird. Moorgewässer, wie die Schwarze Lacke, sind von Natur aus fischfrei.

Jedoch gibt es Wissenschaftler, welche glauben, dass Fischbesatz das Gewässer nicht prägt: „historisch gewachsene und von Besatzfisch bestätigte Erkenntnis (vgl. Kapitel 3), wonach das Gewässer mitsamt seiner Ökologie die Fisch
gemeinschaft prägt und nicht etwa der Besatz (Baer et al. 2007).“ Zitat: Fischbesatz und Fischbiodiversität in der deutschen Angelfischerei.  

Bei der Revitalisierung des Mareiterbaches wurde Fischbesatz als limitierender Faktor einer positiven Entwicklung festgestellt.

Während Fischbesatz in vielfacher Weise negative Auswirkungen auf Ökosysteme und Arten hat, so sind natürlich vorkommende Fische sehr wichtig in stehenden und fließenden Gewässern. Sie sind Bioindikatoren und ein zentrales Glied in der Nahrungskette der Ökosysteme.

 

P_20180808_140625 (1)
Steinfliegenlarve in der Bildmitte

Viele Fische sind Allesfresser und Cypriden ernähren sich von bodensiedelnden wirbellosen Tieren, toten und lebenden Pflanzenteilen, Plankton und Jungfischen. Die nährstoffreichen Seen der tieferen Lagen (z.B. Kalterer See) sind Cypridengewässer.

Die Larven von Köcherfliegen usw
Larven von Fliegen (Köcherfliegen, Eintagsfliegen, Steinfliegen usw) sind Nahrungsgrundlage von Fischen, Wasseramseln, Libellen usw.

 

Rein räuberische Fischarten sind Hecht und Mühlkoppe, welche sich von anderen Fischen, Fischlaich und Brütlingen ernähren. Ausgewachsene Marmorierte Forellen haben relativ große Zähne, die den Raubfischcharakter im Alter aufzeigen. Der Besatz mit kleinen Fischen stellt eine zusätzliche Futterquelle für viele Fischarten dar, von der auch die kleinen Mühlkoppen profitieren. Mühlkoppen selbst wiederum werden von Marmorierten Forellen oder Würfelnattern gefressen. Große Fische in Südtirols Gewässern fallen fast ausschließlich Hobbyangleren zum Opfer.

Fälschlicherweise wird behauptet (z.B. von Fish first), Kormorane würden Gewässer leer fressen und Populationen der Äschen und Marmorierten Forellen in Südtirol dezimieren. Dass dies nicht der Fall ist, belegen Untersuchungen zu Mageninhalten durch das MUSE Trient : die Mageninhalte von 13 getöteten Kormoranen wurden untersucht (2014/2015 (10 Exemplare) bzw. im Winter 2013/2014 (drei Exmplare). In zwei Mägen wurde nichts gefunden, die Mägen waren leer. In 11 Mägen wurden 43 Fische nachgewiesen, davon 32 Mühlkoppen. Marmorierte Forelle wurde keine gefunden und nur eine kleine Äsche.

DSC_0840
Kormoranbrutgebiet in der Poebene

Der Fischreichtum der Gewässer ist von Vorteil für fischfressende Vögel (z.B. Eisvogel, Kormoran, Graureiher), für Säugetiere (z.B. Fischotter) oder für Reptilien wie die Würfelnatter. Viele Fische garantieren Arten, welche in der Nahrungspyramide höher stehen (Konsumenten höherer Ordnung), wie Fischottern und Würfelnattern, eine gute Nahrungsrundlage. Gerade für die Aufzucht von jungen Fischottern bedarf es größerer Mengen an Fischen.

IMG-20180702-WA0000
Würfelnatter

 

Die Fischotterpopulationen Mitteleuropas erholen sich wieder langsam und auch in Südtirol wurden wieder Fischotter beobachtet, nachdem sie ausgerottet worden waren.

„Die Jagd ist ein Bedrohungsfaktor für den Fischotter. Fischotter wurden früher besonders in Europa wegen ihres wertvollen Fells und als Konkurrent der Fischwirtschaft stark bejagt. Dies sind einige der Ursachen, die zu einem drastischen Einbruch der Fischotterbestände und zum lokalen Aussterben von Populationen führte. Trotz des Verbotes ist auch heute noch die illegale und zum Teil legale Jagd in einigen Staaten des Fischotterverbreitungsgebietes eine Gefahr für die Populationen. So hat der politische Druck von Seiten der Fischerei in einigen europäischen Ländern zur Bewilligung von Jagdlizenzen auf Fischotter geführt.“  berichtet der WWF Deutschland (https://mobil.wwf.de/fileadmin/fm-wwf/Publikationen-PDF/WWF-Arten-Portraet-Fischotter.pdf)

Auszug aus „Fische und Angeln in Südtirol“, Autonome Provinz Bozen, 1998, S. 8:

„Es bleibt also nur zu hoffen, daß in Zukunft bei der nötigen Interessenabwägung zwischen wirtschafltlichen Zwängen und den Wünschen der Angler der ökologische Aspekt, das Lebensrecht aller Wasserlebewesen, stärker Berücksichtigung findet. Daneben ist auch ein Umdenken bei den Fisch- Bewirtschaftungsmaßnahmen unerläßlich.“

Ökologische Aspekte, das Wissen um die Wichtigkeit von Fischen in der Nahrungskette von Gewässerökosystemen und der ethische Aspekt des Lebensrechtes aller Lebewesen, sind auch heute noch keine Selbstverständlichkeit.