Schmetterlinge in Südtirol

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Thymian-Widderchen

Es gibt ca. 3100 Schmetterlingarten in Südtirol, von Kleinschmetterlingen (57%) über große Tagfalter (6%) bis zu den nachtaktiven Schwärmern und Eulen. Wie viele Arten es genau gibt, ist ungewiss, denn je genauer geforscht wird, desto mehr Arten tauchen auf. Die Schmetterlinge oder Falter bilden weltweit mit mehr als 180.000 beschriebenen Arten in 127 Familien und 46 Überfamilien nach den Käfern die an Arten zweitreichste Insekten-Ordnung. Jährlich werden weltweit etwa 700 Arten neu entdeckt.

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Blütenreiche Waldlichtung bietet Faltern Nahrungspflanzen

 

Gefährdung:

40% der ungefähr 1300 Großschmetterlingarten in Südtirol sind gefährdet.

Rote Liste der gefährdeten Arten:

  • ausgestorben: 88 Arten
  • vom Aussterben bedroht: 73Arten
  • stark gefährdet: 75
  • gefährdet: 156 Arten
  • potentiell gefährdet: 120 Arten

Allgemeine Gefährdungsursachen:

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Artenreiche Wiesen sind selten geworden

Habitatverlust: Zerstörung von Auwäldern, Verlust von artenreichen Magerwiesen, Verlust von Feuchtwiesen, Verlust von Hecken

Pestzide: Insektizide kontaminieren Schmetterlingslebenräume, durch Abdrift gelangen Pestzide auch in Wälder, Wiesenlebensräume, Hecken usw.

Intensivierung der Nutzgung: Mist- und Gülle auf Wiesen, Bewässerung von Wiesen, Eutrophierung von ehemals mageren Wiesenstandorten, Entwässerung von Niedermooren, Feuchtwiesen usw.

Zunahme von naturfernen Flächen (Strassen, Siedlungen, Apfelmonokulturen).

310Schutz vor Abdrift oder auch die totale Einhausung von integrierten Obstwiesen würde die Abdrift stark verringern und wären für den Schmetterlingschutz sinnvoll. Schmetterlinge sind in Südtirol auch in Schutzgebieten wie dem Natura 2000 Gebiet Castelfeder oder Trockenrasen bei Staben nicht ausreichend geschützt: So belegten Huemer & Tarmann (2001) in Halbtrockenrasen bis zu 54 Tagfalter- und Widderchenarten, in Trockenrasen bis zu 79 Arten. Intensive Belastungen durch Spritzmittel führten jedoch auch hier zu einem weitgehenden Zusammenbruch der Diversität mit nur noch 14 Arten am Trockenhang in Staben. Aber auch massive Überbeweidung der Halbtrockenrasen von Castelfeder hatte ähnlich negative Konsequenzen mit lediglich noch 7 Arten. Auch bei Untersuchungen der Schmetterlinge des Schlern, wurde die Beweidung als Ursache für den Schmetterlingsschwund identifiziert. 

Durch aktive Naturschtuzarbeit können Arten ebenfalls gefärdet werden, ein Beispiel aus Deutschland: So wurde ein Bereich im bayerisch-württembergischen Donaumoos (Leipheimer Moos / Langenauer Ried), der als teilweise trockene, ehemalige Niedermoorfläche beweidet wurde, vom Naturschutz trotz aller Bedenken langjähriger Kenner des Gebiets wiedervernässt. In der Fläche haben sich sehr viele akut vom Aussterben bedrohte Trockenbewohner wie u.a. Pyrgus armoricanus und Polyommatus baton (beide Rote Liste) angesiedelt, benachbarte Feuchtflächen erweisen sich für die Feuchtarten als ausreichend. So kann sich eine Wiedervernässung dahingehend negativ auswirken, dass die beiden wichtigen Zielarten des Naturschutzgebietes verschwinden oder zumindest stark geschädigt werden.

Bei Revitalisierungen in Südtirol fallen Auwälder der Schaffung von Fischlebensraum zum Opfer. Dadurch wird Fischen Lebensraum gegeben, Schmetterlingen wie Weidenkarmin, die auf Weiden angewiesen sind, verlieren ihre Raupenfutterpflanzen (Weidenkarmin ist vom Aussterben bedroht und wurde an der Etsch nachgewiesen). Im Auwald bei Bad Ratzes wurden über 300 Schmetterlingarten gefunden, oft werden in Südtirol Auwälder im Zuge von Renaturierungen gerodet und damit zerstört.

Biologie und Ökosystem

Die Entwicklung des Schmetterlings läuft vom Ei, Raupe, Puppe zum bekannten Schmetterling ab.

Schmetterling
Kaisermantel am Waldrand

Beispiel Kaisermantel (Bild) : Sie leben an sonnigen Waldrändern, blütenreichen Waldlichtungen mit strauchbewachsenen Rändern und lockeren Wäldern mit einer gut entwickelten Krautschicht. Die Falter fliegen jährlich in einer Generation von Juni bis August. Sie saugen mit Vorliebe an Brombeerblüten, Skabiosen und Distelköpfen. Nach der Paarung werden die Eier vorwiegend auf Baumstämmen abgelegt, in deren Nähe Veilchen wachsen. Das Weibchen beginnt in den Baumkronen seinen Suchflug. Hat es einen geeigneten Baum gefunden, lässt es sich senkrecht auf einen besonnten Platz am Boden fallen und sonnt sich. Danach fliegt es kurze Strecken dicht über den niederen Pflanzen und landet auf ihnen. Nahrungspflanze für die Raupen sind Feilchenarten (Viola sp.) und das Mädesüss (Philipendula ulmaria). Die Raupen schlüpfen im Spätsommer und verstecken sich am Stamm, ohne zu fressen, um zu überwintern. Erst im nächsten März werden sie aktiv und kriechen nach unten, um Nahrungspflanzen aufzusuchen und zu wachsen. Am Tag halten sie sich auf der Unterseite von Blättern verborgen und kommen nur in der Nacht hervor. Sie verpuppen sich an Kiefern oder an Zweigen in Bodennähe. Nach der Verpuppung schlüpft der Schmetterling aus der Puppe und sucht Skabiosen und Brombeeren auf, von deren Nektar er sich ernährt.

Wälder mit ihren Lichtungen sind heute in Südtirol Lebensräume, in denen Schmetterlinge noch zahlreich sind. So wurden bei Untersuchungen am Schlern nicht etwa die Wiesen als Schmetterlingshochburgen identifiziert, sondern eine Kiefernwald- Brandfläche in Tiers mit 363 Arten, der Kiefernwald Weisslahn mit 344 Arten, der Auwald Bad Ratzes mit 322 Arten und der Fichten- Tannenwald Bad Ratzes mit 315 Arten.

Durch die vielen verschiedenartigen Fressfeinde der Schmetterlinge haben sich im Laufe der Evolution zur Tarnung und Warnung auf den Flügeln der Schmetterlinge oft Zeichnungen entwickelt, die entweder wie Tieraugen aussehen oder auch gefährliche und giftige Tiere imitieren oder durch auffällige Färbung vor ihrer Giftigkeit warnen. Es sind dies hochspezialisierte Anpassungen an die Umwelt, ebenso wie die Tarnung mancher Schmetterlinge, welche wie Rinde oder Blätter aussehen.

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Viele Schmetterlinge sind auf ganz bestimmte Lebensräume angewiesen und spezialiert. Es reicht bei weitem nicht aus, dass etwa die Raupenfutterpflanze einer Art in ausreichender Menge an einem Standort vorkommt, auch das Vorhandensein weiterer, etwa für andere Entwicklungsstadien notwendiger Requisiten (z.B. Faltersaugpflanzen) müssen vorhanden sein. Dazu kommen Faktoren wie Flächengröße und Isolationsgrad des Lebensraums, beides wichtige Kenngrößen für die langfristige Überlebensfähigkeit der Population. Isolierte Vorkommen einer Art können leicht erlöschen, wenn ein Ereignis eintrifft (natürliche oder anthropogene Einflüsse), das die Population dahinrafft.

Schmetterlinge sind auch gute Bioindikatoren. Aufgrund der engen Bindungen an ihren Lebensraum weist das Auftreten eines gewissen Schmetterlings auf ein bestimmtes Biotop hin. Fast alle heimischen Schmetterlinge kommen nur an ganz speziellen Orten vor, wo Futterpflanzen für Raupen und geeignete Lebensräume für Schmetterlinge zu finden sind. Darüberhinaus spielen sie im Ökosystem eine wichtige Rolle, z.B. Bestäubung von Pflanzen. Auch in der Nahrungskette spielen sie eine wichtige Rolle, da Raupen für bestimmte Vogelarten eine wichtige Futterquelle sind und auch Nachtfalter eine Hauptnahrungsquelle von Fledermäusen sind.

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Weiblicher Bläuling mit braunen Flügeln

Die Raupen einiger Schmetterlingsfamilien leben in Symbiose mit Ameisen, nämlich die Bläulinge. Die Raupe sondert mit Drüsen am Rücken eine zuckerhaltige Flüssigkeit aus. Diese lockt Ameisen an. Die Ameisen trommeln mit ihren Beinen auf den Rücken der Raupe, um die Produktion der süßen Flüssigkeit anzuregen. Im letzten Raupenstadium schleppen die Ameisen Bläulingraupen in ihren Bau. Hier nimmt die Raupe den Geruch der Ameisen an und lebt nicht mehr symbiotisch mit den Ameisen, sondern tritt als Sozialparasit auf und ernährt sich von der Brut der Ameisen. Im Bau verpuppt sie sich und überwintert je nach Jahreszeit.