Revitalisierung der Ilsterner Au an der Rienz

(Titelbild: letzter Rest des ehemaligen Auwaldes der Ilsterner Au)

Das geschützte Biotop Ilsterner Au in St. Sigmund bestand bis ins Jahr 2018 aus einem der letzten Auwälder an der Rienz im Pustertal. Der Bach, die Ufer und der Auwald stehen unter Naturschutz und es umfasst eine Fläche von ca. 15 ha. Im geschützten Biotop wurde jedoch als Revitalisierungsmaßnahme nahezu der gesamte Auwald gerodet und der einzige große Auwald des Unteren Pustertals verschwand.

Es gab im und am Biotop Flächen, welche hätten umgebaut oder aufgeforstet werden können, wie mit Kanadischer Goldrute (ein invasiver Neophyt) überwucherte Flächen. Auch landwirtschaftlich genutzte Flächen gab es im Biotop, welche hätten aufgeforstet oder zu Teichen umgebaut werden können. Jedoch wurden nicht diese Flächen renaturiert, sondern der ganze Auwald der Au, der einzige große Auwald im Unteren Pustertal, wurde weggebaggert.

Ökologisch defizitäre Fläche im Biotop mit kanadischer Goldrute wurde nicht aufgewertet
Ökologisch defizitäre Fläche der Ilsterner Au mit kanadischer Goldrute

 

Weiden an der Rienz in der Ilstener Au
Weiden (im Bild) und Grauerlen im Biotop Ilsterner Au haben die Revitalisierung nur als schmaler Ufergehölzstreifen überstanden

 

Im Landschaftsplan der Gemeinde Kiens ist die Naturlandschaft beschrieben, darunter das Auwaldbiotop „Ilsterner Au“: „Der Auwaldrestbestand westlich von Ilstern ist als der bedeutendste im Unteren Pustertal anzusehen und verdient deshalb einen besonderen Schutzstatus. AIIgemein ist in den Auwäldern aufgrund der guten Nährstoffversorgung eine vielfältige Vegetation vorzufinden. Die Grauerle ist in der Ilsterner Au die vorherrschende Baumart, wenn auch an einigen Stellen Fichten oder Kiefern die Überhand gewonnen haben, ein Zeichen dafür, dass der Grundwasserspiegel wahrscheinlich abgesunken ist und dass das Gebiet nicht mehr überschwemmt wird. Diese hydrologische Situation konnte aber durch einige Maßnahmen verbessert werden. Eine absolute Besonderheit stellt ein fast reiner Eschenbestand im östlichen Bereich des vorgeschlagenen Naturschutzgebietes dar. Ebenfalls kommt eine reichhaltige Tierwelt vor. Verschiedenste Insekten- und Vogelarten finden hier eine Zufluchtstätte und auch Zugvögel können beobachtet werden. Die ökologische Funktion eines solchen Auwaldbestandes allerdings beschränkt sich nicht nur auf die biologische Bedeutung der Arterhaltung. Auch in hydrologischer (ausgleichende Speicherwirkung auf den Wasserhaushalt) und landschaftlicher Hinsicht (bereicherndes Gegenstück zu den intensiv genutzten Landwirtschaftsflächen) erfüllt das Biotop eine wichtige Aufgabe.“

Auwald der Ilstener Au mit Silberweiden, Grauerlen und zahlreich Eschen

Bild: alte Silberweiden (Salix alba) und junge Eschen (Fraxinus excelsior) dominierten die Baumschicht des östlichen Teils des Auwaldes

Im westlichen Teil des Auwaldes standen einige Fichten auch in Gruppen im Auwald. Das Vordringen von Nadelgehölzen, wie Fichten und Lärchen, wird als Renaturierungsgrund genannt und ein solcher Wald wird als nicht-vitaler Auwald bezeichnet. Grundsätzlich steht die Rodung von Auwald im Widerspruch zum Naturschutzgesetz Artikel 17: Es ist verboten, Ufervegetation oder Auwald zu roden oder auf sonstige Weise zu zerstören.

Den Bächen mehr Raum geben und vitale Auwälder zu schaffen, hat man sich bei der Revitalisierung vorgenommen. Der Auwald der Ilsterner Au ist ein Paradebeispiel eines nicht- vitalen Auwaldes: der Auwald wurde durch den Bau des Dammes von der Rienz getrennt, die Rienz wurde in ein begradigtes Bachbett gezwängt und tiefte sich ein. Der Auwald wurde dadurch von den Hochwässern der Rienz abgeschnitten. Vor allem der Damm verhinderte eine Überflutung bei Hochwässern.

Blocksteinverbauungen trennten den Auwald von der Rienz und auf einigen Teilen des nicht mehr überfluteten Auwaldes wuchsen Fichten, die häufigste Baumart Südtirols. Diese Baumart wurde und wird vielfach in der Forstwirtschaft gefördert.

Die Waldtypisierung Südtirols gibt klare Ratschläge, wie mit derartigen Wäldern  waldbaulich begegnet werden kann. Jedoch wurde nicht waldbaulich gehandelt (=Fichten fällen), sondern der ganze Wald wurde weggebaggert.

Von Eschen dominierter Auwald in der Ilstener Au im Pustertal: Hartholzauwald
Eschen dominierter Auwald mit Berulme (Bergulme mit einigen Blättern  in Bildmitte)

Wie bei fast allen Revitalisierungsprojekten wird entlang des Baches die Ufervegetation gerodet und das Gelände abgesenkt. Auf solchen Flächen wird von der “Aufweitung des Flussbettes” gesprochen (vgl. „Wächter“ Andreas Riedl Fishfirst Revitalisierung). Eine tatsächliche Aufweitung des Bachbettes ist die Entfernung der seitlichen Begrenzung. Weder Felsen in Schluchten noch Wälder an Bächen grenzen Bäche ein, sondern einzig die Verbauungen an Bächen zwängen Bäche in ein Korsett.

begradigte Rienz bei Kiens

Bild: Begradigte Rienz bei der Ilsterner Au und Blockschüttung am Damm (ganz hinten im Bild geschützter Auwald des Biotops Ilsterner Au)

Ehemaliger Auwald längs der Rienz- einige Fichten sind im unteren Bereich gut erkennbar- der Rest der Au bestand aus Erlen, Weiden und zahlreichen anderen Laubbäumen und Sträuchern
Ehemaliger Auwald längs der Rienz- einige Fichten sind im unteren Bereich gut erkennbar- der Rest des Auwaldes war intakter Auwald.

 

Einzig und allein mit dem Rückbau der Verbauungen war aber nicht zu rechnen, denn im Amt für Landschaftsöklogie gibt es schon seit Jahren Pläne für den Umbau des geschützen Biotops.

Wälder werden bei der Revitalisierung weggebaggert
Wälder werden bei der Revitalisierung weggebaggert

Die Absenkung (Rodung) weiter Teile des Auwaldes, ein Naturerlebnis- und ein Infobereich mit Teichen und Wegen ist geplant. Didaktik ist im Südtiroler Biotopschutz ein zentrales Anliegen und so bekommt das Biotop Ilsterner Au nach vorliegenden Plänen eine Naturerlebniszone und einen Infobereich mit Teich, Floß und was es sonst noch für ein „geschütztes” Biotop in Südtirol brauchen soll (http://www.revital-ib.at/de/referenzen/11-projekte/175-besuchereinrichtungen-ilsterner-au). 2012 hat die Abteilung 28 der Provinz Bozen den Auftrag für die Planung des Naturerlebnisbereiches erteilt. Besucher in Biotopen stören Wildtiere und Wildtiere flüchten vor Menschen. Dies wirkt sich negativ auf das Vorkommen und den Fortplanzungserfolg von Arten aus. Naturerlenisräume können überall gebaut werden, nur nicht in Naturschutzgebieten.

Walter Blaas, der Obmann der Freiheitlichen, hat eine Landtagsanfrage zum Biotop Ilsterner Au gestellt und eine gute Frage an das Amt gerichtet: “Warum wuchern nach wie vor aufremde Pflanzen im Biotop?” Es wäre ein Leichtes, die paar Fichten zu fällen, eine waldbaulich simple Lösung für einen nicht-vitalen Auwald. Der Auwald würde sich mit der Zeit zu einem Wald entwickeln, der von Edellaubbäumen wie Eschen dominiert wird.

Auwald in der Ilstener Au mit Weiden, Grauerlen und Eschen in der Baumschicht des Waldes
Auwald in der Ilstener Au mit Weiden, Grauerlen und Eschen in der Baumschicht des Waldes

Walter Blaas in der Landtagsanfrage:

“ Die Fichten, die heute im Auwald vorkommen, sollte man fällen und im Sinne einer nachhaltigen, naturnahen Bewirtschaftung des Waldes jene Baumarten fördern, die natürlich auf diesem Standort vorkommen. Doch nun sei eine Naherholungszone geplant. Viele Tierarten im Biotop reagieren aber negativ auf Störungen durch Menschen. Geschützte Biotope sollen dem Schutz der Tier und Pflanzenwelt dienen. Biotope wurden nicht ausgewiesen, damit man Naherholungszonen daraus macht. „

Im Biotop Ilsterner Au breitete sich nämlich neben der Fichte auch eine andere Baumart aus, die Gemeine Esche. Im Datenbogen des Biotops wurden diese Eschen erwähnt, in der Beantwortung der Landtagsanfrage wird behautpet, dass sich der Wald zu einem Fichtenwald weiterentwickeln würde. Bei der Waldtypisierung ist der ganze Wald als Auwald der Tallagen eingetragen und die Waldtypisierung gibt den IST- und SOLLzustand der Wälder Südtirols wieder.

Abgestorbener Baum in der Ilstener Au mit Spechthöhlen
Abgestorbener Baum in der Ilstener Au mit Spechthöhlen

 

Eschen sind typisch für Wälder auf feuchten Standorten, wie auch für Auwälder. Weichholzauwälder ( charakteristische Arten: Weiden, Erlen, Pappeln) entwickeln sich zu Hartholzauwäldern ( charakteristische Arten: Eichen, Eschen, Ulmen, Ahorn) weiter. Dies ist ein natürlicher Prozess und solche Wälder mit Edellaubbäumen sind von großen Wert für die Biodiversität. Die natürliche Weiterentwicklung oder Sukzession der Weichholzauen zu Hartholzauen wird durch Revitalisierungsmaßnahmen unterbunden. Die verschiedenen Reifegrade bzw Sukzessionsstadien der Auwaldgesellschaften, wie sie bei der Waldtypisierung beschrieben wurden, werden nicht geschützt.

Landtagsanfrage zur Ilstener Au: http://www2.landtag-bz.org/documenti_pdf/idap_418498.pdf

Antwort auf Landtagsanfrage: http://www2.landtag-bz.org/documenti_pdf/idap_419176.pdf

Wie aus der Landtagsanfrage hervorgeht, wollte man nicht vom Projekt abweichen und große Teile des Auwaldes absenken, also roden und alles wegbaggern und die Flächen für Besucher attraktiv gestalten. Der Schutz und Erhalt der heimischen Tier- und Pflanzenwelt und ihres Lebensraums im Wald der Ilsterner Au ist kein Thema, obwohl der Arterhalt im Landschaftsplan erwähnt war.

Seit Jahrhunderten säumte der Auwald der Ilstener Au die Rienz, heute nicht mehr (Foto: Agentur für Bevölkerungsschutz)
Seit Jahrhunderten säumte der Auwald der Ilstener Au die Rienz, heute nicht mehr (Foto: Agentur für Bevölkerungsschutz)

 

“Es werden neue Sukzessionsstadien geschaffen”, wird behautptet und “Eine nachhaltige Entwickluung von vitalen Au-Lebensräumen ist eng mit der Fließgewässerdynamik verknüpft”, wird erklärt. Jedoch wurde nicht einfach die Blockverbauung entfernt und flache Ufer zum Auwald geschaffen, sondern ein extrem breites Bachbett modelliert und der letzte große Auwald des Unteren Pustertales wurde weggebaggert.

Größere Hartholzauwälder gibt es in Südtirol keine mehr und Teile des Auwaldes der Ilsterner Au waren mit ihren jungen Eschen (siehe Bilder- junge Eschen alte Weiden) auf einem guten Weg dorthin, – hätte man eine natürliche Entwicklung zugelassen. Martin Hilpold hat auf Empfehlung des zuständigen Landesrates Theiner mit dem Direktor des Amtes für Landschaftsökolgie gesprochen, dieser beharrte jedoch auf das „Tieferlegen“ der Au und konnte nicht zu einem Umdenken bewegt werden.

Ob sich invasive Neophyten auf der „renaturierten“ Fläche einstellen, bleibt abzuwarten. Invasive Arten finden sich häufig auf renaturieruten Flächen und der Biodiversität ist damit nicht geholfen. Gestörte Ruderalvegetation, gewöhnliches Unkraut, wie man es von Baustellen kennt hat sich auf Teilen der revitaliserten Flächen, die vorher Auwald waren, angesiedelt.

8 ha Auwald wurden im Biotop weggebaggert und zerstört.
8 ha Auwald wurden im Biotop weggebaggert und Schotter abgebaut

 

Die Revitalisierung der Ilsterner Au gilt als ein „Vorzeigeprojekt“ der Revitalisierung: mitten in der Brutsaison wurden an die 8  ha Auwald in einem Naturschutzgebiet gerodet. Viele Tierarten des Auwaldes, ob Käfer, Schmetterlinge, Vögel oder Fledermäuse verloren ihren Lebensraum. Schotter wurde abgebaut (siehe Bild oben) und das Gelände tiefer gelegt. Die Rienz bekam eine Buhne (seihe Bild unten) und wird damit umgeleitet, obwohl sie auch auf historischen Karten immer geradeaus floss.

An die Stelle des einstigen Auwaldes ist eine Geländervertiefung mit Steinumrandung getreten
An die Stelle des einstigen Auwaldes ist eine Geländervertiefung mit Steinumrandung getreten- Ruderalvegetation ersetzt ehemaligen Auwald

 

Der über Jahrhunderte bestehende Auwald an der Rienz wurde weggebaggert und eine riesige überdimensionierte Überflutungszone gescchaffen.
Der über Jahrhunderte bestehende Auwald an der Rienz wurde weggebaggert und eine riesige überdimensionierte Überflutungszone geschaffen. Mit einer Buhne (rechts im Bild) wird die Rienz Richtung ehemaligen Auwald geleitet.

 

Ruderalvegetation (vorne im Bild) ersetzt ehemaligen Auwald der Ilstener Au
Ruderalvegetation (vorne im Bild) ersetzt ehemaligen Auwald der Ilsterner Au

 

Auwald mit Eschen, Weiden und Grauerlen wurde weggebaggert und danach wurden Grauerelen gepflanzt
Auwald mit Eschen, Weiden und Grauerlen wurde weggebaggert und danach wurden Grauerelen gepflanzt und Steine kunstvoll wie in einem Zengarten verlegt- von Natur fehlt jede Spur

 

2019 sind die Geländemodellierungen abgeschlossen. Das kleine Bächlein hat einen schlängelnden Lauf bekommen, Röhricht wurde gepflanzt und die schon bei Renaturierungen obligaten Tamerisken. Gestörte Ruderalvegetation, gewönhnliches Unkraut und nicht lebendige Auen umranden die „aufgewerteten“ Flächen 2019.

In einigen Jahren werden diese sicherlich von invasiven Neophyten (Robinien sind auf dem Damm der Rienz bereits vorhanden) oder mit Glück auch heimischen Laubbäumen überwachsen sein. Der Boden ist aber nicht der Auboden, wie er von der Rienz geschaffen wurde, sondern ein künstlich angelegter Boden. Der ehemalige natürliche Boden der Au wurde für immer zerstört.

neuer Bachlauf mit gepflanzten Röhricht (Gras) und aufgeworfenen Schotterhäufen
neuer Bachlauf mit gepflanzten Röhricht (Gras) und Grauerlen und aufgeworfenen Schotterhäufen

 

Eine Fläche unterhalb des Sportplatzes in der Ilstener Au war eine degenerierte Fläche, welche hätte renaturiert oder umgestaltet werden können: eine mit kanadischer Goldrute überwucherte Fläche. Nun wurde aber nicht diese Fläche weggebaggert und darin ein Teich angelegt oder andere Geländemodellierungen oder Pflanzungen vorgenommen, sondern der wertvolle Wald mit Eschen, Erlen und Weiden wurde weggebaggert. Im Dezember 2019 hat die Landesregierung der Umwidmung des letzten echten Auwaldes in der Ilsterner Au und der Fläche mit kanadischer Goldrute, welche als Wald gewidmet sind, in landwirtschaftliche Fläche zugestimmt.

Mediales Echo Ilstener Au

Die Neue Südtiroler Tageszeitung hat beim Artenschutzzentrum wegen der Revitalisierung der Ilstener Au nachgefragt und einen Artikel am 28.06.2018 gedruckt. Darin werden zwei Positionen dargelegt und Petra Steiner vom Artenschutzzentrum wird zitiert: „Das ist eine Katastrophe“.

Andreas Hilpold von der Umweltgruppe Eisacktal Hyla: „Das wird toll

Das Problem das es hier gab, ist einfach zu erklären: Das war kein Auwald mehr. Das Gebiet war relativ trocken. Die Rienz gräbt sich immer tiefer ein. Aber ein echter Auwald braucht Kontakt zum Wasser.“ Petra Steiner hingegen wird zitiert:“ Vorher gab es hier Artenvielfalt. Pflanzen, Vögel und Insekten wie etwa die Mooshummel… Jetzt gibt es nichts mehr“. Der größte Teil des Auwaldes an der Rienz wurde weggebaggert und zerstört und mit dem Wald verloren sämtliche Tiere und Pflanzen des Waldes ihren Lebensraum. Andreas Hilpold meinte, der Wald sei kein Auwald, obwohl der Wald in Karten und offiziell gültigen Plänen ein Auwald ist.

"Das wird toll" Andreas Hilpold gefällt die Revitalisierung der Ilstener Au

„Das wird toll“ Andreas Hilpold gefällt die Revitalisierung der Ilstener Au 

In der Wochenzeitschrift FF No.14/2018 tauchte angesichts des verlorenen Waldes in der Ilstener Au die Frage auf, ob die Revitalisierung sinnvoll sei.

„Als wir Durnwalder das Projekt gezeigt haben, sagte er: ,Spinnt ihr komplett

wird Klaus Graber, vom Verein Eisvogel zur Revitalisierung der Ilstener Au zitiert.

Petra Steiner hat darauf einen Leserbrief geschrieben https://www.ff-bz.com/weitere-themen/leserbriefe/2018-17/gruener-kahlschlag.html

Sinnvoll ist sicherlich die Renaturierung degenerierter Flächen. Doch ist es leider in Südtirol so, dass keine Zustandserfassung einer zu revitalisierenden Fläche gemacht wird (siehe Diskussion Studie Fluss- und Auenrenaturierung in Südtirol). Und so werden mit der Revitalisierung und Renaturierung schützenswerte hochwertige Auwälder und Ufergehölze zerstört. Die 8 ha Auwald der Ilsterner Au waren jene 8 ha Land, welche im Unteren Pustertal hätten unbedingt erhalten werden müssen und durch Rückbau der Verbauung hätten aufgewertet werden können.

Bei der Ilstener Au wären auch mit Kanadischer Goldrute degenerierte Flächen gewesen, welche hätten aufgeforstet oder zu Teichen umgebaut werden können. Man beschränkte sich nicht darauf und hat 2,8 Millionen Euro für das Wegbaggern und Modellieren des Bachbettes ausgegeben. Umweltschutzvereine wie der Naturtreff Eisvogel und die Umweltgruppe Eisacktal begleiteten die Zerstörung des letzten großen Auwaldes im Unteren Pustertal.

mehr zum Zustand der Natur im Wirkungskreis der Umweltgruppe Hyla http://biodiversitaet.bz.it/tag/auwald-brixen-industriezone/

mehr zur Revitalisierung bei der keine Zustandserfassung erfolgt und Natur zerstört wird  auf http://biodiversitaet.bz.it/revitalisierung-wasserrahmenrichtlinie/

 

 

Revitalisierung der Gatzaue und mediales Echo

Die Dolomiten fragte am Montag, den 25. Jänner 2016:”Wieviel Hilfe braucht die Natur?” Der Verein des Artenschutzzentrums St. Georgen hatte dem Landeshauptmann nämlich Verstösse gegen die Flora-Fauna-Habitatrichtlinie für drei Natura-2000 Gebiete geschickt, in denen prioritär zu schützender Auwald gerodet worden war, zwei betrafen die beiden Natura 2000 Gebiete an der Ahr, in denen prioritär geschützer Auwald gerodet worden war- als Renaturierung bzw. Revitalisierung. Als eine neuerliche Rodung von Auwald als Revitalisierung in der Gatzaue anstand, erschien ein kritischer Artikel, mit dem Titel „Wieviel Hilfe braucht die Natur?“

Amtsdirektor Sandro Gius rechtfertigt in diesem Artikel die Revitalisierung in der Gatzaue mit den Schotterentnahmen in den 1970er Jahren, durch welche das Bachbett der Ahr in bestimmten Abschnitten um mehr als 5m abgesenkt wurde. Tatsächlich transportieren Südtirols Bäche Geschiebe mit, das an bestimmten Stellen abgetragen (Erosion) und an bestimmten Stellen abgeladen (Akkumulation) wird. Die Bäche gestalten so die Struktur des Bachbettes und lagern mit der Zeit Material ab, auch an Stellen wo vorher Material entnommen wurde. Die Schotterentnahen der 1970er Jahre können heute nicht als Rechtfertigung für Eingriffe verwendet werden.

eine kleine Fichte hat in der Gatzaue die Revitalisierung heil überstanden- die Auwaldbäume nicht
eine kleine Fichte hat in der Gatzaue die Revitalisierung heil überstanden- die Auwaldbäume nicht

Sandro Gius behauptet in dem Artikel, im Auwald würde sich ein Vegetationswechsel breit machen und typische Auwaldsträucher absterben. Doch ein Grauerlenauwald, wie in der Gatzaue, bildet bei ausgeglichen Sedimentationsprozessen (Akkumulation und Erosion) eine Dauergesellschaft aus und geht nicht in einen Hartholzauwald oder Fichtenwald über. Die Gatzaue ist ein solcher Grauerlenauwald, der nicht in einen Fichtenwald übergeht (Auwald Vegetation siehe auch http://biodiversitaet.bz.it/baeche-und-seen/). Dem Vordringen von einzelnen Fichten in Grauerlenauwälder an der Ahr, müsste man waldbaulich begegnen und Fichen fällen, wie es auch in der Waldtypisierung für die Grauerlenwälder der Tallagen empfohlen wird. Aber auf die Waldtypisierung wird bei Revitalisierungen und Renaturierungen nicht zurückgegriffen.

Neuer Bachlauf in der Gatzaue: 3 ha Auwald gerodet
Neuer Seitenarmin der Gatzaue: ca 3 ha Auwald gerodet

Nun wurde in der Gatzaue ein Seitenarm angelegt und Auwald gerodet. Aus landschaftsökologischer Sicht ist damit eine schöne mäanderförmige Flussschleife, mit dem Prallhang (Erosion) auf der einen und dem Gleithang (Akkumulation) auf der anderen Seite, zerstört worden.

In der Tageszeitung vom 17.Juni.2015 (Titel: Umkämpfte Auen) sagt Peter Hecher von der Abteilung Wasserschutzbauten, dass der Auwald nicht vital wäre, also Fichten eindringen würden. Die Unterscheidung der Fichte von Laubbaäumen stellt offensichtlich für einige Experten der Wildbachverbauung eine Schwierigkeit dar, denn in der Gatzaue gibt es so gut wie keine Fichten. Von Fichten- beherrschte Grauerlenwälder gibt es an der Ahr, jedoch nicht in der Gatzaue.

Hecher spricht davon, dass das Gelände abgesenkt wurde, damit der Auwald geflutet wird. Solche Absenkungen hat man bereits in den 1970 Jahren gemacht, als man Schotter entnahm. Heute wird der Schotter eben aus dem Auwald genommen, der Auwald kommt weg und Gruben werden ausgebaggert. Diese Grube oder Geländeeinteifung ist dann entweder ein Seitenarm oder ein Teich. Die Schottergruben sind für die Abteilung Wasserschutzbauten auch Rückhaltebecken, da die Ahr dort Material bei Hochwässern ablagern kann. Diese Flächen werden langfristig wieder mit Material aufgefüllt werden und zuwachsen (wenn die Ahr große Mengen von Sedimenten bei Extremereignissen mitführt). Die Gatzaue wird dann wieder ausschauen, wie sie vor der Revitalisierung ausgeschaut hat. Der Film “Auenlandschaften in Südtirol” spielt an und in einer solchen Abbauzone. 

Die Abteilung Wasserschutzbauten macht den Fehler, dass sie sich nicht an den tatsächlich vorhandenen Verhältnissen orientiert, sondern mit Karten des Flusslaufes des 19. oder 20.. Jahrhunderts heutige Maßnahmen rechtfertigt. Der Hochwasserschutz und der Naturschutz müssen sich an der rezenten/heutigen Ausstattung und Charakteristik einer Fläche richten. Die Rekonstruktion eines Seitenarms in der Gatzaue ist durch die Wasserrahmenrichtlinie nicht zu rechtfertigen. Im Sinne der Wasserrahmenrichtlinie müssen die Vorraussetzungen geschaffen werden, dass die Ahr die Flusslandschaft selbst gestaltet. Künsltiche Seitenarme und Teiche näheren die Flusslandschaft nicht dem Naturzustand an. Der Naturzustand ist der sehr gute öklogische Zustand der Wasserrahmenrichtlinie. Die Ahr im Bereich zwischen Sand in Taufers bis Stegen war vor der Revitalisierung ein relativ naturbelassener Fluss-und Auenbereich, ohne nennswerte Querbauwerke, welche die Fischwanderung behinderten und mit großen Auwaldflächen und einer reichhaltigen Flora und Fauna. 

Verwüsteter Auwald am neuen Seitenarm
Verwüsteter Auwald am neuen Seitenarm

Ohne Revitalisierungsarbeiten wären die Auen längs der Ahr ausgetrocknet”, sagte Rudolf Pollinger in diesem Interview in der Tageszeitung. Wie wunderbar ausgetrocknete Auen sind, kann man im Nationalpark Donauauen bewundern: die dortigen Heissländen sind ausgetrocknete ehemalige Überflutungsflächen der Donau, welche heute ein Trockenlebensraum von herausragendem Wert für den Artenschutz sind (https://www.donauauen.at/natur-wissenschaft/lebensraeume/). 

Gegen Eintiefungen, welche aufgrund des Geschiebemangels durch die Verbauung der Nebenbäche mit Auffangbecken und anderen Querbauwerken, stattfindet, wurde nichts unternommen. Die Ahr tieft sich teilweise ein, wodurch Maßnahmen zur Stabilisierung des Bachbettes notwendig wären, um dem Abtrag von Material zu verhindern. 

„Nel basso corso dell’Aurino è stata praticata fino agli anni 70 un’intensa attività estrattiva con prelievo d’ingenti quantità di materiale ghiaioso. Contemporaneamente la sistemazione idraulica e la regimazione dei principali affluenti dell’Aurino, necessaria per mettere in sicurezza i centri abitati nel fondo valle, hanno contribuito all’impoverimento del torrente in termini di trasporto solido.“ C. Ghiraldo(1), M.Moser(2), P. Hecher 

Tieft sich die Ahr heute in Abschnitten ein, so ist dies die Folge der Verbauungen der Seitengewässer. Die Seitenbäche transportieren nicht mehr Sand, Kies und Steine, welche in der Ahr abgelagert werden.

Zum Verbot der Rodung von Auwäldern behauptete der jetzige Chef der Agentur für Bevölkerungschutz Pollinger im Artikel der Tageszeitung:” Das Verbot der Rodung von Auwäldern gilt nur, wenn man daraus Kulturgrund macht.” Martin Hilpold rief dann den Amtsdirektor der Forstabteilung in Bozen an und fragte, ob dies stimme. Er antwortete:”Glauben Sie nicht alles, was in der Zeitung steht!” .

Die Rodung von Auwald und Zerstörung von Ufervegetation ist im Naturschutzgesetz Artikel 17 geregelt:

Art. 17 (Ufervegetation und Auwälder)

(1) Es ist verboten, Ufervegetation oder Auwald zu roden oder auf sonstige Weise zu zerstören.

(2) Der Direktor bzw. die Direktorin der Landesabteilung Natur und Landschaft kann ausnahmsweise zur Rodung ermächtigen, sofern öffentliche Interessen dies erfordern.

Bereits in der Studie zur Fluss- und Auenrenaturierung in Südtirol, in der auch Projekte an der Ahr enthalten sind, wurde eine systematische Zustandserfassung bei Renaturierungen gefordert. Jedoch erfolgte eben keine Zustandserfassung, weder auf Art- noch auf Ökosystemebene. Es werden einfach nur ständig Gestaltungen vorgenommen, welche es absolut nicht braucht, wie eben einen neuen Seitenarm in der Gatzaue. Die einzige Fläche in der Gatzaue, welche renaturiert werden müsste, ist das Schotterwerk in der Gatzaue. Schotterwerke sind nicht Teil der Naturlandschaft wie die Auwälder. Derartige Anlagen müssen prioritär renaturiert werden und Auwälder müssen prioritär geschützt werden.

Südtirols „Wächter der Flüsse“ (https://www.salto.bz/de/article/10032016/die-wachter-der-flusse) sind zufrieden mit den Arbeiten und werden weiter kontrollieren und kritisch sein. Dass ohne Zustandserfassung gearbeitet wird, scheint diese Leute nicht zu stören- mehr dazu auf http://biodiversitaet.bz.it/revitalisierung-wasserrahmenrichtlinie/