Biodiversität Fische

1.) Biodiversität Fische

Fische sind mit über 32.000 beschriebenen Arten (Rundmäuler, Knorpel- und Knochenfischen) eine artenreiche Tiergruppe, aber nur ein Viertel davon kommt in Süssgewässern vor. Tropische Gewässer (z.B. Salzwasserfische der Korallenriffe, Süsswasserfische tropische Seen) sind sehr artenreich.  Der Tanganjikasee in Afrika beherbergt eine Vielzahl endemischer Arten (allein 180 Cichlidenarten), also Süsswasserfischarten, die es nur dort gibt.

Das größte Korallenriff der Erde, das Great Barrier Rief, ist Lebensraum von geschätzten 1500 Arten, darunter Walen, Delphinen oder Clownfischen.

Im Mittelmeer gibt es an die 700 Fischarten, in den Meeren Italiens an die 580 Arten. Die Überfischung ist eine der größten Gefahren für die Fischfauna.

Für die Biodiversität der Fische in den Binnengewässern ist der Besatz mit Fischen neben den allgemeinen Gefährdungsfaktoren wie Gewässerverschmutzung und Lebensraumbeeinträchtigung das grösste Problem. Ein berühmtes Beispiel für den Kallaps des Ökosystems und der Artenvielfalt ist der Fischbesatz im Viktoriasee in Afrika. Der Nilbarsch wurde eingesetzt und vermehrte sich rasant. 400 Fischarten starben im See dadurch aus und der See eutrophierte.

Nimmt die Masse an Fischen in Gewässern ab, so werden von Anglern, Fischern und Behörden oft fischfressende Arten, wie Fischotter oder  Kormorane (http://biodiversitaet.bz.it/tag/kormoran/) für den Rückgang verantwortlich gemacht.

Mehr neue Arten- weniger Biodiversität

Es klingt paradox, doch bedeutet mehr Arten nicht mehr Biodiversität. Bei Fischen wird dies besonders deutlich. Neue Arten kommen hinzu und es gibt mehr Fischarten, doch die Biodiversität wird auf allen drei Ebenen negativ beeinträchtigt.

Naturschutzgebiet Kalterer See: die Fischfauna ist stark verändert und Graskarpen schwimmen im See, welche das gesamte Ökosystem gefährden
Naturschutzgebiet Kalterer See: die Fischfauna ist stark verändert und Graskarpfen schwimmen im See, welche das gesamte Ökosystem gefährden

 

Biodiversität beinhaltet die genetische Vielfalt, die Artenvielfalt und die Vielfalt der Ökosysteme.

Der Besatz- bzw. Fehlbesatz mit Fischen bedroht alle drei Ebenen der Biodiversität:

  1. die genetische Vielfalt
  2. die Artenvielfalt
  3. die Öksysteme

1.) Genetische Vielfalt und Artenvielfalt der Fische

Generell können neue Fischarten (Neozoen= Alienarten= allochthon), welche in einem Gebiet neu hinzukommen, negative Auswirkungen auf ursprünglich vorhandene Arten haben, sei es durch Konkurrenz um Nahrung und Lebensraum, Frassdruck oder als Überträger von Krankheiten. Neozoen können die Nischen einheimischer Arten besetzen und wenn sie konkurrenzstärker oder weniger spezialisiert sind als die heimischen Arten, können sie diese aus ihrem Lebensraum verdrängen.

Regionale Fisch-Neozoen sind Fischarten, die nur in bestimmten Flusseinzugsgebieten oder stehenden Gewässern natürlich vorkommen und in andere Flusseinzugsgebiete oder Gewässer eingesetzt wurden. Sie können in einem Staat heimisch und natürlich vorkommend sein, jedoch begrenzt auf ein bestimmtes Gebiet. Zu diesen regional gebietsfremden Arten gehören in in Deutschland und Österreich z.B. Welse in der Elbe oder Zander und Rapfen im Rheineinzugsgebiet sowie Maränen in zahlreichen Seen. In Südtirol ist die Bachforelle, die häufigste Fischart in Südtirols Gewässern, kein natürlich vorkommender Fisch, sondern gehört zu den Neozoen. Die Bachforellen gehen auf Besatz von atlantischen Bachforellen zurück und diese Fische sind Neozoen oder Alienarten in ganz Italien. In Gewässern, die in den Atlantik münden, sind dieselben Fische keine Neozoen oder Alienarten und keine Gefahr für andere Arten.

Bereits 1991 wurde geschätzt, dass in den USA 44 Fischarten durch das Ausbringen gebietsfremder Arten gefährdet sind und 27 von 40 nachgewiesenen Aussterbeereignissen seit 1890 wahrscheinlich durch Neozoen verursacht wurden. Aktuelle Daten beziffern die Anzahl der durch Neozoen gefährdeten Fischarten in den USA auf 56, das entspricht fast 49 % aller gelisteten Arten. Auch in Kanada werden für 26 von 41 gefährdeten Arten Neozoen als wichtige Gefährdungsursache genannt, für 14 Arten sogar als die wichtigste Ursache. Invasive Arten gelten insgesamt nach Lebensraumverlust als zweitwichtigste Gefährdungsursache für kanadische Süßwasserfische. In Italien gelten Neozoen als drittwichtigste Gefährdungsursache für Süsswasserfische und die genetische Verschmutzung der Fischfauna Italiens ist eine ernste Bedrohung für Italiens Fischfauna.

In der Broschüre BIODIVERSITÄTS-STRATEGIE ÖSTERREICH 2020+ im Jahr 2014 vom Bundesministerium für LAND- UND FORSTWIRTSCHAFT steht geschrieben: “Laut Roter Liste sind 65 % der österrechischen Fischarten einer Gefährdungskategorie zugeordnet. Die Fischerei, die in Österreich vor allem als Freizeitfischerei Stellenwert hat, beeinflusst durch den Besatz und Entnahme das gewässertypische Artenspektrum der aquatischen Biozönosen.“ So schwimmen z.B. in Seen des Salzkammergutes Bachsaiblinge, Regenbogenforellen oder Aale, welche dort nicht natürlich vorkommen.

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Die meisten Flüsse und Bäche Österreichs liegen im Einzugsgebiet der Donau mit der autochthonen Donauforelle. Diese Forellen sind jedoch in Österreichs Bächen bis auf wenige letzte Bäche, in denen es nie Fischbesatz gab und welche isoliert sind, nicht mehr vorhanden. Bachforellen vom Atlantischen Typ wurden im letzten Jahrhundert massenhaft eingesetzt. In der Schweiz kommen in den Einzugsgebieten der Flüsse verschiedene Forellenarten vor: im Rhein-Einzugsgebiet ist die atlantische Forelle (Salmo trutta) heimisch, im Rhone-Einzugsgebiet des Jura findet man die Doubs- oder Zebraforelle (Salmo rhodanensis), im Donau-Einzugsgebiet kommt die Donauforelle (Salmo labrax) vor und für das Po- und Etsch-Einzugsgebiet wurden zwei Arten beschrieben – die Trota Fario (Salmo cenerinus) und die Marmorataforelle (Salmo marmorata).

Durch Besatz mit Fischen tritt das Problem der Hybridisierung zwischen den Arten auf. Durch Fischbesatz sind die einst räumlich getrennten Fischarten heute im selben Gewässer zu finden. Diese Arten verpaaren sich und bilden Hybride. Viele Gewässer wurden und werden mit Fischen aus Brutanstalten besetzt, mit Forellenarten, welche in den Einzugsgebieten gar nicht natürlich vorkommen. Leider wurden und werden Seen und Fliessgewässer mit Fischen aus anderen Seen, Einzugsgebieten oder sogar dem Ausland besetzt. Dadurch sind lokale Forellenarten hybridisert oder in vielen Gewässern gar ausgestorben.

Auch die Artenvielfalt der Gattung Coregonus in der Schweiz hat durch Hybdridisierung abgenomen, 40% der Felchenarten sind in den letzten Jahrzehnten verloren gegangen. In vielen sauberen Alpenseen finden sich heute Hybidpopulationen von Felchen (Werner Doenni, 2013), die genetische Vielfalt und die Artenvielfalt ging verloren. Die Schweiz hat ihren Reichtum an Fischarten durch Fischbesatz und Fehlbesatz eingebüßt. Mindestens 40 verschiedene Felchenarten bewohnten ursprünglich die Schweizer Seen. Heute sind es nur noch 25 Arten. Mit genetischen Analysen konnten auch bereits ausgestorbene Arten bestimmt werden, die nur noch konserviert in Sammlungen vorhanden sind (Quelle: Vonlanthen et al. 2012). Die Artenvielfalt endemischer Felchen der Schweiz hat stark abgenommen. Lange Zeit wurde die Artenvielfalt der Felchen der Schweiz nicht erkannt. Die unterschiedliche Größe, ihre unterschiedlichen Laichzeiten usw. waren bekannt, jedoch wurden die einzelnen Arten erst spät als solche erkannt. Inzwischen ist es bereits zu spät für die vielen Arten, welche bereits hybdridisert oder ausgestorben sind.

Schlussendlich sterben dadurch Arten aus. Eine bekannte weltweit ausgestorbene Art duch Besatz mit Neozoen (Bundesamt für Naturschutz- Skripten 279,
2010)
ist der Bodenseetiefseesaibling (Salvelinus profundus), eine endemische Art des Bodensees. Einige Exemplare konnten jedoch wieder nachgewiesen werden und die Art scheint noch nicht vollständig ausgestorben zu sein.

In Deutschland sind durch Besatz mit allochthonen Arten die endemischen Maränenarten (Coregonus spp.) der Alpen- und Voralpenseen sowie des Stechlinsees (Brandenburg) und des Breiten Luzin (Mecklenburg-Vorpommern) gefährdet (FREYHOF 2002).

Für Österreich führt MIKSCHI (2002, 2005) 25 gebietsfremde Fischarten für Österreich auf, von denen 12 als etabliert eingestuft wurden.

Einige der Fischarten sind als invasive Neozoen eingestuft. Für Deutschland sind folgende Arten invasive Neozoen: Sibirischer Stör, Amurgrundel, Fettköpfige Elritze, Schwarzer Katzenwels, Brauner Zwergwels, Schwarzmundgrundel, Graskarpfen, Regenbogenforellen

In Italien gibt es 48 indigene, natürlich vorkommende Fischarten, von denen 22 endemisch oder subendemisch sind, also nur in Italien vorkommen (Zerunian 2002). 

Die Gefährdungsursachen der heimischen Fischfauna Italiens sind:

  1. Beeinträchtigung des Lebensraumes
  2. Wasser-Verschmutzung
  3. Fremde Arten (allochthone Arten, Hybridisierung, Neozoen)
  4. Nutzung (Nahrungserwerb, Freizeit)

(Smith und Darwall, 2006)

Die Ursachen (Zerunian 2003) für den kritischen Zustand, in welcher sich Italiens Fischfauna befindet, sind:

  • Lebensraumveränderung
  • Gewässerverschmutzung
  • Besatz mit Alienarten
  • excessive Fischerei und illegale Fischerei
  • genetische Verschmutzung

Der illegale Besatz mit Fischen, z.B. Graskarpfen im Völser Weiher in Südtirol, beeinträchtigt nicht nur die Fischfauna, sondern gefährdet das gesamte Ökosystem des Gewässers und kann sogar zur Bildung toxischer Blaualgen führen. 

Graskarpfen
Graskarpfen, invasive Neobiota, im Naturschutzgebiet Kalterer See- sie gefährden die dortigen Wasserpflanzen wie Seerosen.

 

Der Besatz mit Neozoen ist der drittwichtigste Grund für den schlechten Zustand, in dem sich die Fischfauna Italiens befindet. Die Fischfauna wird durch Besatzmaßnahmen der Sportfischerei und die excessive Fischerei gefährdet. Dazu kommt die genetische Verschmutzung der Gewässer. Fische aus anderen Einzugsgebieten werden in Italiens Gewässer eingesetzt und die Fischbestände sind dadurch nicht mehr genetisch rein.

Neben den 48 autochthonen Fischarten kommen weitere 38 nicht heimische Arten (Alien- Arten, Neozoen), von denen 13 weit verbreitet und etabliert sind (Zerunian 2003), in Italien vor. Zu diesen 13 Arten gehört auch die Bachforelle von atlantischen Stämmen. Die Homogenisierung von regionalen Faunen und Floren durch gebietsfremde Arten wird zunehmend als Problem und Element des globalen Wandels diskutiert insbesondere für Fischgemeinschaften. Fische Italiens enthalten das gegenetische Material nicht- heimischer Fischpopulationen. Betroffen sind Rotaugen, Barben, Hechte und viele andere Arten. Diese genetische Verschmutzung der Gewässer gefährdet den Fortbestand der heimischen Fischfauna. 

Rutilus, Gattung Rotauge- genetische Verschmutzung
Rutilus, Gattung Rotauge

Um der negativen Entwicklung entgegenzuwirken, wurden für einige Arten von großem Naturschutzinteresse Vorschläge unterbreitet, um ein Aussterben eines wesentlichen und gewichtigen Bestandteils der Fischfauna Italiens entgegenzuwirken. Zu diesen wichtigen Arten Italiens gehören u.a.: Oberitalienisches Neunauge, Adriatischer Stör, Mittelmeer Bachforelle, Marmorierte Forelle, Gardaseeforelle.

sopratutto per motivi legati alla pesca sportiva hanno avuto e hanno luogho spostamenti di pesci dall´ una all´altra regione…rappresenta la quarta causa di minaccia per pesci d´ aqua dolce italiani;.. Si vuole poi evidenziare, che il fenomeno dell` „inquinamento genetico“ e` in aumento, e non riguarda piu` solo taxa come del genere salmo, ma anche Thymallus, Esox, Barbus e Rutilus.“ Ministero dell´ Ambiente della Tutela del Territorio e del Mare, L´impatto delle specie aliene sugli ecosistemi: proposte die gestione, verso la Strategia Nazionale per la Biodiversita´, marzo 2009

Schleie im Kalterer See- natürlich vorkommende Fische in den Gewässern Südtiorls sind extrem selten
Aitel im Kalterer See- natürlich vorkommende Fischarten in den Gewässern Südtirols sind die Ausnahme, die meisten Arten wurden eingesetzt.

 

  • Der Besatz und Fehlbesatz mit nicht heimischen Fischen ist eine genetische bzw. biologische Verschmutzung der Gewässer. Natürlich vorkommende subendemische Fischarten, wie die Marmorierte Forelle (Salmo marmoratus) und endemische Fischarten, wie die Gardaseeforelle (Salmo carpio), werden dadurch gefährdet. 
    Kottelat und Freyhof (2007) haben eine taxonomische Einordnung der Forellen Europas vorgenommen und in Italien kommen folgende Arten vor   
  • Salmo cenerinus
  • Salmo cettii
  • Salmo marmoratus
  • Salmo carpio
  • Salmo fibreni
  • Salmo rhodanensis 

(http://www.aiiad.it/sito/images/docs/sistematica/GRUPPO%20DI%20LAVORO%20SALMONIDI_RELAZIONE%20FINALE.pdf)

E´ a nostro avviso urgente un adeguamento della normativa, con il divieto esplicito di introduzione di pesci alieni e di effettuare ripopolamenti con materiale raccoloto in natura. E` poi necessario sperimentare forme di contenimento delle specie aliene che minacciano maggiomente la fauna ittica indigena, ormai naturalizzate in molti fiumi e laghi d´ Italia.“ Ministero dell´ Ambiente della Tutela del Territorio e del Mare, L´impatto delle specie aliene sugli ecosistemi: proposte die gestione, verso la Strategia Nazionale per la Biodiversita´, marzo 2009

Ein Besatzverbot von nicht heimischen Fischarten wurde bereits 2009 vom Umweltministerium Italiens gefordert.

Besonders betroffen vom Besatz mit Neozoen ist die Provinz Bozen: in Südtirol wurden und werden Gewässer massenhaft mit Bachforellen (Salmo trutta fario), Regenbogenforellen (Oncorhynchis mykiss) und Bachsaiblingen (Salivelinus fontinalis) besetzt. Sogar in Gewässern, in welchen sich die Bachforelle natürlich fortplanzt und große Populationen bildet, wurden und werden Bachforellen eingesetzt. Jedoch ist die Bachforelle keine heimische Fischart in Südtirol. Die Marmorierte Forelle (Salmo marmoratus) ist der einzige heimische Vertreter der Gattung Salmo in Südtirol und durch großflächigen Besatz mit allochthonen, nicht heimischen Fischarten (v.a. Salmo trutta fario, Salvelinus fontinalis und Oncorhynchus mykiss) sind die Bestände der Marmorierten Forelle in den letzten hundert Jahren deutlich zurückgegangen und teilweise sogar verschwunden. Die Marmorierte Forelle kreuzt sich mit der Bachforelle, sie hybridisert. Genetisch reine Marmorierte Forellen gibt es in Südtirol heute keine mehr, und nicht nur dort, sondern im ganzen Verbreitungsgebiet der Marmorierten Forelle. Die genetische Vielfalt hat dadurch abgenommen und die Artenvielfalt ist bedroht. Auch Äschen Südtirols sind genetisch nicht rein, ihr Erbgut enthält auch Sequenzen von Äschen des Rheingebiets, aus Skandinavien oder aus dem Balkangebiet.

Bachforelle in Südtirol- keine heimische Fischart und Gefahr für Marmorierte Forellen
Bachforelle in Südtirol- keine heimische Fischart und Gefahr für Marmorierte Forellen

Die Zahl der Fischarten hat in der Provinz Bozen durch Fischbesatz zugenommen und zahlreiche neue Arten, darunter invasive Neobiota schwimmen in Südtirols Gewässern. Einige Beispiele: 

  • Forellenbarsch: diese aus Nordamerika stammende Art ist in Südtirol in den Montiggler See, dem Kalterer See und dem Völser Weiher eingesetzt worden.
  • Sonnenbarsch: diese aus Nordamerika stammende Art ist in Südtirol in den Montiggler See und dem Kalterer See eingesetzt worden
  • Zander: diese aus Osteuropa stammende Art wurde im Kalterer See und im Fennberger See eingesetzt.
  • Graskarpfen: dieser aus China stammende Fisch wurde seit 1970 in Seen wie dem Kalterer See, Montiggler See und den Unterackerlacken bei Sterzing eingesetzt (illegal auch z.B. im Völser Weiher)
  • Karausche: gängiger Fisch der Besatzwirtschaft
  • Bachsaibling: der aus Nordamerika stammende Bachsaibling hat sich vielerorts etbliert
  • Regenbogenforelle: die aus Nordamerika stammende Regenbogenforelle hat sich vielerorts etabliert
  • Seesaibling: viele ursprünglisch fischfreie Hochgebirgsseen wurden mit Seesaiblingen besetzt

Notwendig auch in Südtirol wäre ein Verbot der Einbringung von nicht heimischen Fischarten (= Alien- Arten, Neozoen) und der Schutz der natürlich vorkommenden Arten, wie der stark gefährdeten Marmorierten Forelle durch ganzjährige Schonung.

In Südtirol gibt es einige, welche glauben der Seesaibling wäre ein natürlich vorkommender Fisch in Südtirol. Seesaiblinge gehen jedoch auf Besatz zurück http://biodiversitaet.bz.it/tag/seesaibling/

Auch der hohe Fischereidruck ist ein Problem. Einige Fischarten werden in Südtirol durch ganzjährige Schonung in ihrem Bestand geschützt. „Neben diesem durchaus positiven Entwicklungen allerdings sind auch weniger erfreuliche Trends auszumachen. Mehrere Fischereivereine sowie Bewirtschafter versuchen, den gebietsweise zunehmenden Fischerdruck sowie die Beuteerwartung der Angler durch massive künstliche Besatzmaßnahmen mit fangreifen Maßfischen zu befriedigen.“ (Buch „Fische und Angeln in Südtirol“, Autonome Provinz Bozen, 1998, Athesia Verlag). Der hohe Fischereidruck in den Gewässern Südtirols und die Besatzpraxis wurde bereits 1998 thematisiert und der hohe Fischereidruck und Fischbesatz hält in Gewässern weiter an.

Das Amt für Jagd und Fischerei weist auf seiner Homepage auf den hohen Fischereidruck hin:

In Südtirol gibt es ca. 12.250 Fischer, welche teilweise in einem der beiden großen Fischerverbände (FIPSAS – Landesfischereiverband) organisiert sind. Obwohl die Anzahl an aktiven Fischern momentan stagniert, hat der Fischereidruck in einigen Gewässern die Toleranzgrenze schon überschritten. Deshalb ist die Höchstanzahl der pro Bewirtschaftungseinheit ausstellbaren Jahreskarten weiter eingeschränkt worden.“

Im Buch „Fische und Angeln in Südtirol“, herausgegeben von der Autonomen Provinz Bozen im Jahr 1998 und erschieben im Athesia Verlag ist auch vom Lebensrecht aller Wasserlebewesen die Rede:

“ Es bleibt also nur zu hoffen, dass in Zukunft bei der nötigen Interessensabwägung zwischen wirtschaftlichen Zwängen und den Wünschen der Angler der ökologische Aspekt, das Lebensrecht aller Wasserlebewesen, stärker Berücksichtigung findet. Daneben ist auch ein Umdenken bei den Fischbewirtschaftungsplänen unerlesslich.“

In Südtirol hat sich jedoch wenig getan bei der Änderung der Fischbewirtschaftungspläne. Gewässer sind ein Freizeitgelände für Sportfischer und Hobbyangeler und immer mehr Fischereivereine verdienen auch mit dem Verkauf von Tageskarten Geld.

Fließgewässer werden in der Provinz Bozen revitalisiert bzw. renaturiert und dabei künstliche Strukuren in Fliessgewässern errichtet. „ Ein naturnaher Lebensraum ist Grundvorraussetzung für funktionsfähige Fischbestände“ lautet das Credo des Vereins Fish- First. Tatsache ist, dass die Lebensgemeinschaft der Fische in den Bächen und Seen Südtirols alles andere als natürlich ist. Mehr zur Revitalisierung von Gewässern http://biodiversitaet.bz.it/revitalisierung-wasserrahmenrichtlinie/

2. Artenvielfalt: der Besatz mit Fischen wirkt sich negativ auf die Artenvielfalt aus, z.B. Amphibien und Libellen

Amphibien

Der Besatz mit Fischen in Kleingewässern kann zum vollkommenen Verschwinden von Amphibien führen. Amphibienlarven, Jungtiere und auch ausgewachsene Amphibien werden von Raubfischen wie Flussbarsch oder Forellen aber auch Friedfischen wie Schleie und Rotfedern gefressen.

Von den Amphibien ist einzig die Erdkröte weniger stark betroffen. Eier, Larven und Adulte scheinen bei den Fischen aus geschmacklichen Gründen nicht beliebt zu sein. Bei Futterknappheit und Strukturmangel sind Auswirkungen auf Erdkröten-Population nachgewiesen worden. Grasfroschlarven und -eier werden von vielen Fischarten dagegen häufig und gern gefressen. Gleiches gilt für den Bergmolch. Freischwimmende Larvenarten wie z.B. Kreuzkröte, Gelbbauchunke, Laubfrosch und Molche (Adulte und Larven), sind stark von der Prädation durch Fische betroffen. 

Für den starken Rückgang von Kammmolch und Laubfrosch ist Fischbesatz eine Hauptursache für den Rückgang in Teilen Europas. Lokale Bergmolchpopulationen sind durch den Besatz mit Fischen in Österreich erloschen. Auch der Teichmolch wird durch Fischbesatz gefährdet. Untersuchungen im Schlerngebiet zu Amphibien von F. Glaser ergaben: „Ein starker Rückgang der Amphibienfauna wurde in zwei gewässerreichen Gebieten der Mittelgebirgslage verzeichnet. Die Hauptursachen sind ein massiver Fischbesatz in allen größeren Stillgewässern und fehlende Flachwasser- und Verlandungszonen. In einem Buch über das Vigiljoch berichtet der Autor, dass Bergmolche dort nicht mehr gesichtet wurden, seit Fische eingesetzt wurden. Ob in diesem geschützen Biotop noch Frösche vorkommen, ist ungewiss.

geschütztes Biotop Schwarze Lacke am Vigiljoch, durch Fischbesatz sind Bergmolche lokal ausgestorben
geschütztes Biotop Schwarze Lacke am Vigiljoch- durch Fischbesatz sind Bergmolche lokal ausgestorben

Libellen

Libellen werden durch Fischbesatz gefährdet und Arten gehen in den Gewässern verloren. In grösseren, gut bewachsenen stehenden Gewässern koexisitieren Libellen, mit verschiedenen Fischarten in geringer Dichte. Werden jedoch Fische – insbesondere Karpfenartige – in Kleingewässer eingebracht, vermehren sie sich rasch und fressen einen Grossteil der Amphibienbrut und der wirbellosen Tiere. Arten sterben lokal aus und die Biodiversität im Gebiet nimmt ab.

In dicht besetzten Weihern hungern die Fische derart, dass sie alles Verfügbare fressen. Wühlende Fischarten trüben das Wasser und beeinträchtigen die Wasserqualitiät.
Libellenlarven von Arten, die mit Fischen zusammenleben, besitzen lange Stacheln und Rückendornen am Hinterleib. Die spitzen, starken Rückenstacheln der Zierlichen Moosjungfer (Leucorrhinia caudalis) bereiten den Fischen beim Fressen Schwierigkeiten. Die Grosse Moosjungfer (Leucorrhinia pectoralis) hat nur schwache Dornen und exponiert sich als tagaktive Larve, was sie für Fische zu einer leichten Beute macht. Sie ist an eine Koexistenz mit Fischen schlicht nicht angepasst.
In einer Langzeitstudie in der Schweiz (Wildermuth, 2011) wurde aufgezeigt, dass in Gewässern mit Elritzen und Goldfischen die Anzahl an Libellenarten und deren Entwicklungserfolg signifikant geringer ist als in fischfreien Gewässern.

Für den Rückgang von Libellen in Bayern sind die Nutzungsintensivierung von Fischteichen und der Fischbesatz in Angelgewässern wesentlich verantwortlich.

In Südtirol wurde darauf hingewiesen, dass ein zu hoher Fischbesatz für eine reichhaltige Libellenfauna (und viele andere Gewässerbewohner) „ungünstig“ ist (Broschüre Libellen).

3. Ökosysteme- Der Besatz mit Fischen wirkt sich negativ auf Ökosysteme aus

Der Fischbesatz kann Ökosysteme verändern und zum Aussterben von Tierarten in Gewässern führen. Ein Bespiel dafür ist etwa der Besatz von Hochgebirgseen mit Saiblingen, im Nationalpark Gran Paradiso sind in einigen Gewässern Amphibien- und Insektenarten in den Seen des Nationalparks ausgestorben, weil Seesaiblinge eingesetzt worden waren. 2003 wurde damit begonnen, die Saiblinge aus den Gewässern zu eliminieren und die Gewässer wurden damit von der genetischen bzw. biologischen Verschmutzung gereinigt.

Stehende Gewässer sind geschlossene Ökosysteme. Werden in kleinere Gewässer Fische eingesetzt so werden die Gewässer verändert. Vielfach kann beobachtet werden, wie durch den Besatz mit Fischen die Wasserqualtität schlechter wird: Gewässer werden trüb und die Sichttiefe des Wassers nimmt ab. Aus Gewässern mit klarem Wasser können trübe Brühen werden.

Alter Wasserspeicher gespeist mit klarem Quellwasser ohne Fische:

 

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glasklares Wasser im Wasserspeicher- idealer Lebensraum für Libellen und andere Wasserinsekten
glasklares Wasser im Wasserspeicher- idealer Lebensraum für Libellen und andere Wasserinsekten

 

Alter Wasserspeicher gespeist mit klarem Quellwasser und Fischbesatz:

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Fische wurden in den Wasserspeicher gesetzt und das Wasser ist verschmutzt
Fische wurden in den Wasserspeicher gesetzt und das Wasser ist verschmutzt

 

Die Änderung der Wassertrübung durch Besatz von Fischen ist lange bekannt, In einer Serie klassischer Experimente konnten Carpenter und Kitchell in mehreren nebeneinander liegenden kleinen Seen trübes Wasser mit hohem Phytoplanktongehalt oder klares Wasser mit wenig Phytoplankton dadurch erzeugen, dass sie die Dichte der Raubfische (die selbst andere Fische, aber kein Plankton fressen), erhöhten oder verminderten (Stephen R. Carpenter, James F. Kitchell: Consumer Control of Lake Productivity. In: BioScience. Vol. 38, No. 11 (How Animals Shape Their Ecosystems), 1988, S. 764–769.) Ähnlich wie Raubfische können auch fischfressende Vögel Fischpopulationen in Gewässern reduzieren. Kormorane, Graureiher, Gänsesäger usw. tragen damit auch zur Sauberkeit der Gewässer bei.

Karpfen verändert Ökosystem

Bekanntestes Beispiel für die Veränderung des Ökosystems ist der gemeine Karpfen (Cyprinus carpio). Er ist einer der 100 weltweit gefährlichsten invasiven Arten: Der Karpfen ist der dritt häufigste eingesetzte Fisch weltweit. Auf jedem Kontinent, wo er eingführt wurde, hat er die Wasserqualität verschlechtert und aquatische Lebensräume degradiert (http://www.iucngisd.org/gisd/species.php?sc=60) . Er verändert Ökosysteme und hat starken Einfluss auf die Lebensrgemeinschaft des Benthos. Wasserpflanzen sind integraler Bestandteil eines Gewässerökosystems und der Karpfen ist bekannt, diese zu beschädigen.

Karpfen können Algenblüten hervorrufen, da sie Nährstoffe aus den Sedimenten freisetzen und Wasserpflanzen vermindern, welche Nährstoffe aufnehmen.

Karpfen reduzieren die Artenvielfalt an natülich vorkommenden Arten in Gewässern, von heimischen Fischen bis zu Amphibien, Reptilien und Pflanzen.

Graskarpfen fressen Seen leer

Graskarpfen wurden weltweit in Gewässer eingesetzt, oft um Wasserpflanzen zu bekämpfen. Wasserkarpfen können den gesamten Pflanzenbestand in einem Gewässer auffressen und vernichten. Sie verändern dadurch das Ökosystem, die Wasserpflanzen verschwinden. Sie verändern damit auch Nahrungsketten im Gewässer und zerstören Lebensräume (z.B Seerosenbestände). Sie verschlechtern die Wasserqualität, wühlen den Untergrund auf und setzten Nährstoffe frei. Graskarpfen können so die Lebensräume von Wasservögeln negativ beeinträchtigen und Wasservogelarten. Auf natürlich vorkommene Fischarten in den Gewässern haben sie ebenfalls einen negativen Einfluss. ( http://www.iucngisd.org/gisd/species.php?sc=369)

Graskarpfen
Graskarpfen im Kalterer See 2018

 

Besatz mit Fischen gefährdet Tiere der Landökosysteme

Der Besatz mit invasiven Fischarten, wie dem Graskarpfen, hat Auswirkungen auch auf Tierarten wie Wasservögel. Doch nicht nur als invasive Arten eingestufte Fischarten gefährden Ökosysteme. Der Besatz mit nicht natürlich vorkommenden Seeforellen hat in Yellowstone Nationalpark dramatische Auswirkungen auf das Ökosystem.

Die Yellowstone-Cutthroat-Forelle (Oncorhynchus clarkii bouvieri) ist eine Unterart der Cutthroat- Forelle (Oncorhynchus clarkii) in den Gewässerökosystemen des Yellowstone. Um das Jahr 1995 wurden nicht- natürlich vorkommende Seeforellen eingesetzt. Diese setzten sich gegen die heimsiche Forelle durch. Damit geriet nicht nur das Gewässerökosystem in Gefahr, sondern die Auswirkungen betrafen auch Landökosysteme und viele Tierarten, wie Bären, Fischotter, Seeadler. Eine Kettenreaktion trat ein und Fischadler verloren ihre bevorzugte Beute, nämlich Fische, da sich die Seeforelle in tieferen Wasser aufhält. Mehr dazu auf https://www.nationalgeographic.com/environment/2018/07/yellowstone-lake-trout-trumpeter-swan-avian-collapse-animals/

Biodiversitätsverlust Mareiterbach

Biodiversitätsverlust durch Revitalisierung im Mareiterbach:

In den Jahren 2009 bis 2010 fanden im unteren Mareiterbach ausgedehnte Revitalisierungsmaßnahmen statt. Es ist eine der größten Revitalisierungsmaßnahmen in Südtirol, deren Grundlagen im Rahmen des Interreg-III-B-Projektes „River Basin Agenda“ geschaffen wurden. Mit EU-Geldern (EFRE 2007-2013) wurden umfangreiche Bau- und Planungsmaßnahmen durchgeführt. Diese Arbeiten gelten als Vorzeigeprojekte der Revitalisierung. In der Nähe des Sportplatzes wurden Kahlschläge des Waldes durchgeführt.

Biodiversitätsverlust

(Quelle: https://www.sciencesouthtyrol.net/blob/78753,,,NATUR,21,404.pdf)

Vögel:

Bei den Vögeln zeigen sich ein genereller Rückgang der Individuen- und Artenzahl und insbesondere ein drastischer Rückgang typischer Auwaldarten in der Revitalisierung. Insgesamt wurden 30 Vogelarten am Mareiterbach gezählt.

Spinnen und Ameisen:

Ein hoher Beitrag zur lokalen Artenvielfalt kommt Heißländen außerhalb des Revitalisierungsbereichs zu. ( Insgesamt wurden 30 Ameisenarten, 106 Spinnenarten, die Ameisen- und Spinnenfauna beinhaltet eine Reihe spezialisierter Arten: Manica rubida, Formica cinerea, F. selysi, Myrmica constricta, Pardosa wagleri, Janetschekia monodon sowie xerothermophile Arten erhöhter, lückig bewachsener Schotterbänke.)

Amphibien: Grasfrosch und Erdkröte

Grasfrosch (Rana temporaria) und Erdkröte (Bufo bufo) profitieren v.a. vom Anstieg des Grundwasserspiegels im Hinterland.

Libellen:

Im Sommer 2011 wurden immerhin 19 Libellenarten im Untersuchungsgebiet, v.a. an Gewässern (Baggerlöcher, Fischteiche, Autümpel und Gräben) im Umland des revitalisierten Mareiterbaches, beobachtet.

Lebensräume am Mareiterbach:

Lebensraumtypen Fließgewässer, Schotterbänke mit keiner bis geringer Vegetationsbedeckung sowie Ruderalgesellschaften in den Böschungsbereichen (keine Auwälder, Krautfluren, Bachröhrichte usw).

Das derzeitige Artenspektrum ist artenarm.

Limitierende Faktoren einer positiven Entwicklung:

  1. Fischbesatz
  2. Überdüngung
  3. rigorose Grabenräumungen

 

Ziel der Revitalisierung war die Schaffung vitaler Auwälder. Dieses Ziel wurde am Mareiterbach nicht realisiert. Die Aulandschaft am Unteren Mareiterbach hat seit 1850 deutlich an Fläche verloren. Ursprünglich nahmen die von Hochwässern überfluteten Flächen (Lebensraum Auwald, Kiesbänke, Fließgewässer usw.) 66,6 ha ein. Heute beschränken sich diese Flächen auf die unmittelbar am Mareiter Bach gelegenen Flächen, der Großteil des Talbodens wird durch seitliche Dämme vor Überflutungen geschützt. Durch die Revitalisierung gingen Auwälder  (ca 7 ha) entlang des Baches verloren.

Die Durchgängigkeit für Fische wurde wieder hergestellt, der Geschiebetransport verbessert und die Grundlagen für eine natürliche Entwicklung des Baches im Mareiterbach gelegt. Der Lebensraum- und Artenverlust in der Revitalisierung ist jedoch nicht zu übersehen. Dieser hätte vermieden werden können, wenn nur die überflüssigen Querbauwerke rückgebaut worden wären und der Auwald längs des Baches erhalten geblieben wäre.

Bei der Revitalisierung des Mareiterbaches wurden abgetrennte Auwälder, Feuchtgebiete und Altarme aber nicht wieder an die Dynamik des Mareiterbaches angebunden:

Auen am Mareiterbach:

Am Mareiterbach finden sich Aulebensräume, welche auch als Biotope geschützt sind und ein Altarm, welcher „revitalisiert“ wurde.

Geschützte Feuchtgebiete und Auwälder:

  • Biotop Unterackern
  • Biotop Schönau
  • Biotop Angererau

Der Mareiterbach wird von Grauerlen- und Weidenauwäldern gesäumt. Der Mareiterbach beherbergt heute noch relativ große Auwaldflächen im Talboden, wie auch auf der Karte der aktuellen Vegetation Südtirols zu sehen ist. Die Fichte ist in Wäldern des Talbodens (potentiell natürliche Vegetation sind Auwälder) gefördert worden.

Während Querbauwerke im Mareiterbach rückgebaut wurden, wurden seitliche Verbauungen zu den abgeschnittenen Auwäldern am Marieterbach (Biotop Schönau, Biotop Unterlacken) nicht rückgebaut. Durch die Begradigung der Bäche und den Bau von seitlichen Dämmen wurden Auwälder vom Wasserregime der Flüsse abgetrennt. Die Bäche tiefen sich zudem ein, wodurch Auen auch trockenfallen können. Am Mareiterbach sind die Aulebenräume im Talboden auch nach der Revitalisierung des Mareiterbaches nicht an das Hochwasserregime des Mareiterbaches angebunden worden.

Altarm Mareiterbach

Der Altarm des Mareiter Bachs galt unter Fischern wegen seines Fischreichtums stets als besonders begehrte Strecke. Allerdings hat die Anzahl der Fische in den vergangenen Jahren laufend abgenommen und der Altarm ist verlandet.

Als Grund der Verlandung wird die Wasserarmut durch die allgemeine Absenkung des Grundwasserspiegels im Talboden sowie die Ablagerung von Geschiebe im Bachbett angegeben, beides Faktoren, die dem Altarm des Mareiter Baches, der ausschließlich von Grundwasser gespeist wird, besonders zugesetzt haben soll.

Der Altarm ist jedoch, wie der Name schon sagt, ein Altarm, der eben nicht mehr ein Fließgewässer ist, sondern einst ein Fließgewässer war. Der Altarm wurde vom Mareiterbach im oberen Bereich abgeschnitten (dort ist heute auch eine Industriezone) und er wird daher nur vom Grundwasser gespeist, bzw vom unteren Ende her von den sommerlichen Hochwässern des Mareiterbaches.

Ausgebaggerter Altarm des Mareiter Baches (Foto Provinz Bozen)
(Foto Provinz Bozen) – ausgebaggerter Altarm Mareiterbach- keine Verbindung zu Wasserregime Mareiterbach hergestellt

 

 

Um seine Funktion als Feuchtlebensraum wieder herzustellen, hat das Landesamt für Wildbach- und Lawinenverbauung Nord ein Projekt ausgearbeitet, mit dem vor allem die ganzjährige Wasserführung gewährleisten werden sollte. Der neu geschaffene Lebensraum sollte damit wieder als Kinderstube für Fische dienen, als Laichplatz für Frösche sowie als Nist- und Nahrungsplatz für Wasservögel.

Im Februar 2007 haben die Arbeiter des Amtes mit dem großflächigen Aushub des Bachbettes begonnen, um bis zum Grundwasserspiegel vorzustoßen. Dazu wurde ein stark mäandrierendes, rund 450 Meter langes neues Bachbett geschaffen, an dem sich Steil- und Flachuferbereiche abwechseln. Auch Wurzelstöcke und alte Baumstämme wurden in das Bachbett eingearbeitet, um den Seitenarm des Mareiter Bachs möglichst naturnah zu gestalten. Schließlich hat man im unteren Abschnitt des Altarms zusätzlich Grundwasserteiche geschaffen, die auch sogleich von einigen Grasfrösche zum Laichen genutzt wurden.

Der Altarm wurde künstlich gestaltet und nur ausgebaggert. Der Altarm wurde nicht an den Mareiterbach angebunden, wie auch die Auen längs des Mareiterbaches nicht angebunden wurden. Lebendige dynamische Auen können nur an Fließgewässern entstehen, in denen Bäche Sand- und Kies ab- und umlagern. Der Altarm des Mareiterbaches ist auch nach der Revitalisierung kein lebendiger vitaler Auenlebensraum.

Skizzen Altarm Mareiterbach:

 

Altarm Mareiterbach großzügig    Altarm Mareiterbach
(Altarm Mareiterbach Provinz Bozen mit Bildern von Fichten im Altarm des Mareiterbaches: http://www.provinz.bz.it/news/de/news.asp?news_action=4&news_article_id=166575)

Bilder Ahrauen

 

Fotos der Ahr und ihrer „Aufwertung“ in St. Georgen, Gemeinde Bruneck

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„Aufweitung an der Ahr“: der Auwald längs der Ahr wurde auf der einen Seite gerodet, auf der gegenüber liegenden Bachseite blieb er erhalten. Die Zerstörung von Auwald wird als Renaturierung oder Revitalisierung bezeichnet.
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Bäume wurden gefällt, Auboden weggebaggert und der naturnahe Grauerlenauwald vernichtet.

 

„Renaturierten“ Gatzaue in Gais im Ahrntal:

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vom ehemaligen Auwald in der Gatzaue ist nach der Aufwerung nicht mehr viel übrig. Die Gatzaue beherbergte einst den größten naturnahen Grauerlenauwald der Ahrauen.
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Auwald ohne Bäume nach der massiven Schädigung des Waldes durch die Revitalisierung

 

 

 

Dohlenkrebse- die letzten Populationen

 

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Ein idealer Krebslebensraum mit Ufergehölzen, glasklarem Wasser und Unterwasserpflanzen.

Art:

Dohlenkrebs, Austropotamobius pallipes 

Schutzstatus:

FFH-Richtlinie Anhang II und V (der Lebensraum der Dohlenkrebse in Südtirol ist zu schützen und Schutzgebiete müssen ausgewiesen werden)

Berner Konvention: Anhang III

Rote Liste Südtirol: vom Aussterben bedroht

Flusskrebse im Ökosystem

Dohlenkrebse sind Schlüsselarten im Süßgewässerökosystem , sie und kommen in stehenden und fließenden Gewässern vor. Sie ernähren sich von abgestorbenen Pflanzenteilen, Aas, Würmern, Schnecken, usw. Durch den Verzehr von absterbenden, totem Material tragen sie zur Reinhaltung des Lebensraums bei und stehen in der trophischen Kaskade oben. Sie sind Bioindikatoren für saubere und naturnahe Gewässer.

Südtirol weltweites Schlusslicht:
Die IUCN (International Union for Conservation of Nature and Natural Resources) auch Weltnaturschutzunion genannt, erwähnt die Südtiroler Dohlenkrebsbestände:
Italy: The species is native to Italy where it is the most widespread species, except for Sicily and Sardinia (Gherardi et al. 1999). The introduction of Pacifastacus leniusculus in 1981 from Austria in the South Tyrol region of Italy, may have led to the disappearance of A. pallipes in that area (Füreder and Machino 1999a). A significant decline in the number of populations within Liguria, Piedmont, and Tuscany has also been observed (Souty-Grosset et al. 2006, Gherardi et al. 2008). In Füreder et al. (2002c), 12 populations were reported within South Tyrol; in 2003 (Füreder et al. 2004) only seven of these populations remained representing an annual change of 58%, or 99.5% over 10 years. South Tyrol is thought to be exhibiting some of the greatest declines in the abundance of this species.

Insgesamt gibt es in Südtirol nur mehr 5 Gewässer mit autochthonen, historischen Dohlenkrebsbeständen. Bestände, welche nicht durch Ansiedlung von Krebsen entstanden sind, sondern in denen die letzen Dohlenkrebse überlebt haben. Der Krebsbach in Lana ist das älteste erwähnte Vorkommen. In einer Urkunde aus dem Jahr 1310 werden die Krebse im Krebsbach Lana genannt. Die Krebse sind jedoch im Krebsbach 2008 ausgestorben.

Die letzen historischen und autochtonen Dohlenpopulationen in Südtirol (Stand 2015):

Angelbach (Kaltern- Frühlingstal)

Krebusbach (Fennberg)

Hippolithbach (Tisens)

Krebsbach Kaltern (Kaltern)

Buozzi Graben (Leifers- nahe Flughafen)

Angelbach

Ein Bach zwischen Montiggler Seen und Kalterer See, der vom Felssturz flussabwärts bis in die Einmündung einen guten Populationsaufbau mit verschiedenen Altersklassen aufweist. Die Bestände sind gesund, mit einer auffallend geringen Parasitierung.

Krebusbach

Eine sehr große Population mit abschnittsweise mehr als 10 Individuen pro Laufmeter und einem gutem Populationsaufbau.

Hippolithbach

Ein Bach mit vielen Dohlenkrebsen und vielen einzelnen Individuen. Die Population ist sehr gut aufgebaut, Jungtiere und adulte Tiere kommen in großer Zahl vor. Im Rahmen von 2 Begehungen bis zu 100 Individuen, was als sehr gutes Ergebnis zu bewerten ist.

Krebsbach Kaltern

Sehr kleine Population, die sich nicht vermehrt. Es sind kaum Jungtiere verhanden und die Aussichten für diese Population stehen schlecht. Im Jahr 2014 wurden durch Baggerarbeiten die Wasserpflanzenbestände im Gewässer vernichtet und der Lebensraum der Krebse wurde dadurch in Mitleidenschaft gezogen. Dem Verlöschen der Population kann man in Kaltern zuschauen.

Buozzi Graben in Leifers

Sehr dichter Bestand mit abschnittsweise 3-5 Individuen pro Laufmeter von Dohlenkrebsen, die in allen Größen- und Altersklassen vorkommen. Das Gewässer inmitten der Obstmonokulturen ist trotz der intensiven Landwirtschaft ein öklogisch intakter Dohlenkrebslebensraum.

Hippolitherbach
Hippolitherbach

Einige historisch bekannte Dohlenkrebsgewässer, in denen die Dohenkrebsbestände erloschen sind:

Reschbach, Gemeinde Burgstall 1950

Moosbach, Gemeinde Bruneck 2007

Krebsbach, Gemeinde Lana 2008

Graben Fussballplatz, Gemeinde Gargazon, 1950

Graben bei Apres Club, Gemeinde Gargazon, 1950

Galsauner Krebsbach, Gemeinde Kastelbell Tschars, 2000

Entiklar Bach, Gemeinde Kurtatsch, 2012

Brunnen Schloss Eglar, Gemeinde Eppan, 2005

Gefährdungsursachen:

Gewässerverschmutzung: Insektizideintrag, Abwassser, Nährstoffeintrag

Verbreitung allochthoner Arten und Krankheiten: Besatz mit exotischen, ortsfemden Krebsarten, Besatz mit standortfremden Fischarten, Besatz mit Raubfischen, Verbreitung von Krankheiten (z.B. Krebspest)

Lebensraumverlust: Begradigung der Gewässer, Sohlen- und Seitenbefestigungen der Wildbachverbauung, Veränderung der Wasserführung, Zerstörung von Begleitvegetation (Ufergehölze, Unterwasserpflanzen z.B. im Kalterer Graben 2014 usw.)

In Südtirol werden in vielen Gewässern immer wieder Krebse angesiedelt. Von wachsenden Populutionen werden Tiere entnommen und in andere Gewässer verfrachtet. Bedenken wegen der Übertragung von Krankheiten und Parasiten gibt es dabei nicht. Artenschutzbemühungen in Südtirol beschränken sich auf das Umsiedeln von Krebsen. Der Schutz der vorhandenen Dohlenkrebsbeständen, die Vergrößerung des Lebensraums, die Verbesserung der Wasserqualität, die Förderung von naturnahen Ufern usw. steht dabei nicht im Mittelpunkt.  Schutz der historischen Dohlenkrebsbestände vor potentiellen Gefährdungen durch Bekämpfung der Gefährdungsursachen findet nicht statt.

Dohlenkrebs-Besatzgewässer:

Ahrauen Stegen (Population ist dort wieder erloschen), Lido Brixen, Schrambacher Lacke, Hofburggraben (Gemeinde Brixen), Graaweiher in Theis, Reihermoos (Natz- Schabs), Flötscher Weiher (Natz-Schabs), Falschauer Teich bei Lana, Felixer Weiher, Laager Graben usw.

Nicht heimische Krebsarten in Südtirols Gewässern:

Edelkrebse (Astacus astacus) kommt in Mitteleuropa vor, wurde in Südtirols Gewässer vor ca. 100 Jahren angesiedelt, da er größer wird als der heimische Krebs. Krebse wurden in der Fastenzeit gegessen.

Der Kamberkrebs (Orconectes limosus) und der Signalkrebs ( Pacifastacus leniusculus) stammen aus Nordamerika. Sie können die Krebspest übertragen, eine Pilzkrankheit, welche in der Vergangenheit aus Amerika eingeschleppt wurde und die Europäischen Flusskrebsbestände dahinraffte. Beide Krebsarten sind invasive Neozoen.

Süsswassergarnelen wurden im Kalterer See im Jahr 2016 erstmals nachgewiesen, sie wurden dort ausgesetzt.

Rückkehr des Wolfes

Titelbild Wolf, Aufnahme von Stefano Andretta

Hauptartikel siehe http://biodiversitaet.bz.it/wolf/

 

Wölfe kommen weltweit in den unterschiedlichsten Lebensräumen vor, von der Tundra der borealen Nadelwälder bis zu den Steppen Innerasiens oder den Monsunregenwäldern Indiens.  Die Art wird in mehrere Unterarten eingeteilt, z.B. Tundrawolf (Canis lupus albus) in der Tundra oder der Pallipeswolf (Canis lupus pallipes) in Indien. Die meisten Wölfe Europas sind der Unterart Canis lupus lupus zuzuordnen.

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Appeninwolf (Canis lupus italicus), schwarze Zeichnung auf Vorderlauf

 

Population und Verbreitung

Die meisten Wölfe Europas sind der Unterart Canis lupus lupus zuzuordnen, welcher in vielen Teilen Europas (z.B. Deutschland, Österreich, Belgien) ausgerottet wurde und dorthin wieder zurückkehrt. Im Jahr 2000 hatten sich erstmals seit der Ausrottung des Wolfes in Deutschland auf einem Truppenübungsplatz in der sächsischen Oberlausitz Wölfe wieder vermehrt. Im Jahr 2017/2018 gab es insgesamt wieder 73 Wolfsrudel und 30 Wolfspaare in ganz Deutschland. Auch in Österreich entstand das erste Wolfsrudel auf einem Truppenübungsplatz und 2018 gab es in Österreich wieder ca. 30 Wölfe.

In Spanien, am Balkan, in Osteuropa (z.B. Russland, Weissrussland) und in den Karpaten (z.B. Rumänien) leben ebenfalls Europas Wolfspopulationen der Unterart Canis lupus lupus. In diesen Gebieten sind Wölfe in der Vergangenheit nicht ausgerottet worden.

Der Appeninwolf in Italien wurde, wie die anderen Populationen des Wolfs auch, vom Menschen bejagt und in weiten Teilen Italiens ausgerottet.

Aufgrund der Jagd stand der Italienische Wolf um 1970 kurz vor der Ausrottung, nur an die 100 Tiere haben um 1970 im Nationalpark Abruzzen überlebt. Daher wurde der Wolf im Jahr 1976 streng unter Schutz gestellt und die Population erholte sich. Der Wolf breitete sich durch den neu erlangten vollkommen Schutzstatus wieder aus, über den den gesamten Apennin. Bereits um 1983 pflanzten sich Wölfe nördlich von Genua wieder fort. 1987 wurde erstmals wieder ein Wolf in den italienischen Alpen nachgewiesen, 1992 in den französischen Alpen und heute ist er in Südfrankreich und weiten Teilen Italiens anzutreffen (Ausnahme Poebene und Inseln). Die Anzahl der Wölfe in ganz Italien beträgt im Jahr 2018 ca. 1900 Wölfe. Im Appennin gibt es ca. 1580 Wölfe. In den Alpen Italiens (Piemont, Aosta, Lombardai, Südtirol, Trentino, Venetien, Friaul) gibt es 2015/ 2016 insgesamt mindestens 188 Wölfe (http://www.lifewolfalps.eu/wp-content/uploads/2014/05/Lo-stato-di-presenza-del-lupo-sulle-Alpi-Italiane_2014-2017.pdf) und 2017/2018 ist diese Population auf 293 angewachsen.

Der letzte Wolf in Südtirol wurde 1896 in den Dolomiten (Villnöss) erlegt. Seit 2010 sich einzelne Wölfe in Südtirol wieder heimisch und bereichern die Natur. Im Jahr 2016 halten sich in ganz Südtirol 2 Wölfe auf. 2017 gibt es Wolfspaare bzw. Rudel in Südtirol: ein Paar bewohnt das Gebiet des Deutsch- Nonsberges in der Nähe des Naturparks Ademello-Brenta im Trentino. Dieses Wolfpaar hat sich 2017 fortgepflanzt (ein Jungtier) und ein Wolfsrudel ist entstanden. 2018 wurden 4 Wolfswelpen in diesem Rudel geboren. Im Februar 2019 konnten 6 Wölfe des Rudels fotografiert werden, wobei das Rudel aus 7 Wölfen besteht. Das Rudel besteht aus dem Alpha Paar, der Jungwölfin von 2017 und den Vier Wölfen von 2018. Die Alpha Wölfin des Rudels wurde besendert und gewogen. Sie wiegt lediglich 26 kg, der Durchschnitt bei Italienischen Wölfen beträgt 28 kg. Die Wölfe des Deutschnonsberges fallen dadurch auf, dass sie oft in Fotofallen tappen. Vollkommen unauffällig sind die Wölfe, was Risse von Nutztieren angeht, wie die meisten anderen Wölfe auch.

Das andere Paar bzw. Rudel bereichert das Weltnaturerbe Dolomiten, das unter so viel Verkehr, dem Massentourismus und der intensiven Berglandwirtschaft leidet. Im Jahr 2018 konnten in Südtirol insgesamt 13 verschiedene Wölfe genetisch identifiziert werden, welche als Einzelwölfe, Wolfspaare oder in Rudeln Südtirols Artenvielfalt bereichern.

Im Trentino  gibt es mehrere Rudel und Wolfspaare. 2008 tauchte der erste Wolf nach seiner Ausrottung im Trentino wieder auf. 2013 pflanzte sich das erste Wolfspaar in den Lessinischen Alpen Trentinos wieder fort und bildete ein Rudel. 2018 gab es im Trentino 6 Rudel, wobei die Rudel Südtirols (Deutschnonsberg und Dolomiten) dabei mitgezählt sind. 

Neben den beiden Rudeln halten sich mehrere Einzelwölfe in Südtirol auf. Diese positive Entwicklung der Wolfspopulation in Südtirol ist einzig dem Staat Italien zu verdanken, der nicht nur die Ausrottung des Steinbocks verhinderte, sondern auch die Ausrottung des Italienischen Wolfes. Das LIFE Projekt Lifewolfalps (http://www.lifewolfalps.eu/) befasst sich mit dem Wolf in den Alpen und zahlreiche Initiativen, Kongresse und Informationsveranstaltungen wurden durchgeführt. 

In einigen Gebieten Italiens tritt das Problem auf, dass sich Wölfe und Haushunde kreuzen (Hybridisierung). Auf das Problem der Hybridisierungen wird im Nationalpark Gran Sasso mit der Sterilisation der Hybriden geantwortet. Diese Praxis ist sowohl tierethisch als auch artenschützerisch eine gute Lösung. In den Alpen wurde keine Hybridisierung festgestellt. 

Der Lebensraum des Wolfes ist der Wald und auch die alpinen Landschaften. Untersuchungen im nördlichen Appenin zeigten, dass die Anwesenheit des Wolfes in einem Gebiet weniger von der Vegetation abhängig ist, als vielmehr von der Häufigkeit seiner Beutetiere (Gilio N. et al. 2005).

In Italien fehlt der Wolf auf den Inseln (z.B. Sardinien, Elba, Sizilien usw.) und in naturfernen urbanen Ballungsräumen und Agrarlandschaften, wie der Poebene. Er besiedelt die Gebirgzüge (Apennin und Alpen) und kehrte nicht nur in viele Schutzgebiete, wie z.B. den Nationalpark Gargano in Apulien, sondern großflächig in die beiden großen Gebirgszüge zurück. Der Wolf ist auf einem Viertel des Staatsgebietes Italiens wieder vorhanden. 

Dabei kehren von Osten nur vereinzelt Wölfe der Unterart Canis lupus lupus in die Ostalpen zurück, während der Appeninwolf in den Westalpen und Teilen der Ostalpen Rudel gebildet hat. In Trentino- Südtirol kommt meist der Appeninwolf vor. Nur einzelne Wölfe der Unterart Canis lupus lupus sind von der Dinarischen Population (Balkan) nach Trentino Südtirol eingewandert, z.B. eine Wölfin des Fleimstalrudels (Territorium Fleimstal im Trentino und Deutschofen in Südtirol).  

Die beiden Unterarten treffen heute in den Alpen nach zwei Jahrhunderten der Isolation (durch die Ausrottung in den Alpen) wieder aufeinander und das Erbgut der Unterarten vermischt sich auf natürliche Art. Dies stellt eine Bereicherung der genetischen Vielfalt des Wolfes dar und ist dadurch auch für den Schutz der Wölfe ein wichtiges Ereignis (Marucco 2014).

Ernährung der Apenninwölfe

Untersuchungen zur Ernährung der Wölfe in den verschiedenen Ökosystemen der Alpen, des Apennin und des Mittelmeerraums in Italien zeigten, dass der Hauptteil der Nahrung wildlebende Huftiere sind,  89.4% bis 95.1% der Nahrung. Maximal 8% machen auch Haustiere aus. Hirsche, Gämsen, Rehe, Mufflons und Wildschweine werden von Wölfen erlegt.

wolf
Canis lupus lupus

 

Auf der Basis von 20 Untersuchungen zur Ernährung von Wölfen Italiens im Zeitraum von 1976 bis 2004 wurde festgestellt, dass sich durch die Zunahme von wilden Huftieren (Hirsche, Rehe, Mufflons usw.) auch die Ernährung der Wölfe veränderte und weniger Haustiere erbeutet wurden. Im Nordappenin und in den Westalpen ernährten sich die Wölfe mehr von Wildtieren als zuvor, im südlichen Appenin war dies nicht der Fall.  Wo es verschiedene Huftierarten und reichlich Huftiere gibt, scheinen Wölfe wilde Huftiere den Haustieren vorzuziehen (Meriggi A. et al. 2011).

Funktion des Wolfes im Ökosystem

Die Rückkehr des Wolfes stellt eine der wenigen Erfolgsgeschichten im Artenschutz dar. Der Wolf ist als Raubtier, das am Ende der Nahrungskette steht, von großer Bedeutung für das Ökosystem, denn sie limitieren die Dichte von Huftieren, wie Rothirschen.

„Other than humans, gray wolves, by virtue of their widespread geographic distribution, group hunting, and year-round activity, are the most important predator of cervids in the Northern Hemisphere (33). Predation by wolves with sympatric bears (Ursus spp.) generally limits cervid densities (33). In North America and Eurasia, cervid densities were, on average, nearly six times higher in areas without wolves than in areas with wolves (34)“, http://science.sciencemag.org/content/343/6167/1241484.full

Der Wolf nimmt eine zentrale Stellung in der Nahrungskette des Waldes ein und ist für einen funktionierenden Wald unentbehrlich. Die Ausrottung des Wolfes in der Vergangenheit hat ganze Landschaften verändert: Was mit einem Lebensraum passiert, wenn seine Bewohner an der Spitze der Nahrungskette verschwunden sind, lässt sich auf der schottischen Insel Rùm beobachten. Vor 500 Jahren war die Landschaft von Wäldern geprägt, Wölfe fanden reiche Beute. Dann kam der Mensch und rottete den Wolf aus. Mit ihm verschwanden nach und nach die Wälder und heute ist Rùm eine Graslandschaft. Als der Wolf ausstarb, konnten sich seine Beutetiere, die Rehe, unbegrenzt vermehren und junge Bäume fressen. Die alten Bäume starben im Lauf der Zeit, ohne dass neue nachgewachsen waren. „Niedergang der Nahrungskette“ bezeichnen Wissenschaftler diesen Sachverhalt. 

Im Prozessschutz und bei der Renaturierung von Ökosystemen leistet der Wolf einen Beitrag. ( https://www.nul-online.de/Magazin/Archiv/Gestaltet-der-Wolf-Oekosysteme-mit-Prozessschutz-mit-grossen-Beutegreifern,QUlEPTQ4NzIxNzMmTUlEPTgyMDMw.html )

Wölfe können nicht nur Landökosysteme wie Wälder verändern, Wölfe können auch Gewässerökosysteme verändern. Die Wölfe des Yellowstone Nationalparks haben durch die Regulation von Hirschen die Vegetation des Nationalparks verändert, Aspen und Weiden entlang der Bäche wuchsen wieder. Dies wirkte sich auch auf die Biberpopulation aus, die Biber nahmen zu.

Die Anwesenheit des Wolfes wirkt sich in den Alpen auch auf das Verhalten von Gamswild aus, das sich vom Wald verabschiedt und wieder vermehrt das Felsgebiet des Hochgebirges aufsucht. Diese positiven Entwicklungen wurden in der Praxis im Calandagebirge in der Schweiz von Förstern beobachtet und wissenschaftlich im Wallis dokumentiert.

Wölfe sind wichtige Glieder in de Nahrungskette eines Ökosystems. Aasfressende Vogelarten, wie Bartgeier und Gänsegeier, verzehren Fleisch- und Knochenreste der Beutetiere des Wolfes. Die Beutetiere des Wolfes sind für das Überleben anderer Tierarten von Bedeutung. Der Bartgeier kreist wieder über den Alpen und zusammen mit den Wölfen ist ein Stück Natur zurückgekehrt. In Nordamerika wurden an gerissenen Beutetieren 30 verschiedene Säugetier- und Vogelarten sowie mehr als 57 Käferarten nachgewiesen. Sie haben also auch einen positiven Einfluss auf die Artenvielfalt (Wilmers et al. 2003).

Der Wolf wird Gesundheitspolizei genannt, da er Jagd auf kranke und schwache Tiere macht. Von den Rothirschen erbeuten Wölfe vor allem Kälber und alte oder verletzte Tiere (Wrigth et al. 2006).

Die Gamsräude oder die Fuchsräude sind weit verbreitete Krankheiten bei Gämsen und Füchsen. Kranke Tiere sind oft sehr schwach und eine leichte Beute für den Wolf. Zu hohe Tierdichten von Füchsen sind mitverantwortlich für das Auftreten der Fuchsräude. Wildtierpopulationen, welche nicht durch Raubtiere reguliert werden, brechen häufig durch den Ausbruch von Krankheiten und Seuchen ein.

Die Rückkehr von großen Beutegreifern, wie dem Luchs, bewirken Veränderungen im Ökosystem und haben Einfluss auf Mesopredatoren wie Füchse. So wurde für Finnland nachgewiesen, dass der Anstieg der Luchspopulation einen Rückgang der Rotfuchsbestände zur Folge hatte, was wiederum eine Erholung der Bestände von Birk- und Auerhuhn sowie des Schneehasen bewirkte (Elmhagen et al. 2010).

 

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Verbissene Tanne

 

Viele Wälder leiden unter zu hohen Rotwildbeständen. Die Rotwilddichte in Wäldern liegt örtlich bei 9,7 St./100 ha und damit viel zu hoch, 1,0 oder 2,0 St./ 100 ha oder 4 St./100 ha sind für den Wald erstrebenswert (je nach Waldtyp). Laubbaumarten wie die Eberesche und Tannen in von Fichten dominierten Wäldern der montanen Stufe leiden oft unter Wildverbiss und auch Wälder, in denen Rotwild im Winter einsteht.

Der Wolf ist ein effizienter Jäger und für die Waldverjüngung und Waldgesundheit ein wichtiges Element. Subalpine Waldtypen werden in der Verjüngung durch den Verbiss von Wild- und Weidetieren in ihrer Entwicklung gestört (Waldtypisierung Südtirol). Eine kontrollierte und verbesserte Beweidung von Almen oberhalb der Waldgrenze ist auch von Nutzen für die Biodiversität der Almenweiden (Überweidung siehe http://biodiversitaet.bz.it/alpine-landschaft/). Die Rückkehr des natürlichen Jägers Wolf in die Wälder kann dadurch nicht nur für den Wald, sondern auch für die Artenvielfalt der Almweiden von großem Nutzen sein.

 

 

Bären in Südtriol

Titelbild Bär (Ursus arctos arctos), Aufnahme von Stefano Andretta

 

  1. Lebensraum und Verbreitung
  2. Schutz und Gefährung
  3. Ausrottung der Bären und Erhaltungprojekt “Life Ursus”
  4. Bären in der Presse und Fakenewes (mit updates)

 

  1. Lebensraum und Verbreitung:
Bär Verbreitung in Europa (Bildquelle: Europäische Kommission)
Verbreitung der Bären in Europa (Bildquelle: Europäische Komission)

 

In Europa waren Bären einst überall verbreitet und heute gibt es sie nur noch in wenigen Gebieten in Europa (siehe Karte), sie wurden in weiten Teilen Europas  ausgerottet.

Der Bestand in ganz Europa mit Russland wird auf ca. 50.000 geschätzt. In der EU gibt es ca. 15.000 Bären.

In Deutschland, Österreich und der Schweiz gibt es keine Bären mehr, nur einzelne Individiuen die manchmal einwandern. In ganz Italien gibt es nur noch zwei isolierte kleine Bärenvorkommen, im Bereich des Naturparks Ademello Brenta in den Alpen (= Alpine Population) und dem Abruzzen Natzionalpark im Appennin (=Zentral- Appennin Population)  mit weniger als jeweils 100 Bären.

Die Initiative „Large Carnivor Initative for Europa“ listet folgende Populationen in Europa auf und gibt Auskunft über die Bestandsgröße und die Besandtrends:

Population  Staaten Größe

(2012-2016)

Bestand-Trend
Skandinavische Norwegen, Schweden 2825 Abnahme
Karelische Norwegen, Finnland 1660 stabil
Baltische Estland, Lettland 700 stabil
Karpaten Rumänien, Polen, Slovakei, Serbien 7630 stabil
Dinarisch-Pindisch Slowenien, Kroatien, Bosinien-Herzegowina, Montenegro, Mazedonien, Albanien, Serbien, Griechenland 3950 stabil- zunehmend
Alpine Italien, Schweiz, Österreich, Slowenien 49-69 stabil -zunehmend
Ostbalkan Bulgarien, Griechenland, Serbien 468-665 stabil
Zentral-Appenninische Italien 45-69 stabil
Kantabrische Spanien 321-335 zunehmend
Pyrenäen Frankreich, Spanien 30 stabil

 

In in Italien kommt auch eine eigene Unterart des Braunbären vor, der Marsische Braubär (Ursus arctos marsicanus). Die Population des Marsischen Braunbären umfasst ca. 45 bis 69 Individuen.

In den Alpen kommen Braunbären (Ursus arctos arctos) nur in wenigen Restpopulationen vor: im Grenzgebiet zu Slowenien sowie im Naturpark Ademello Brenta im Trentino und dessen Umkreis. Von dieser Populationen wandern junge Bärenmännchen immer wieder nach Österreich, in die Schweiz und selten nach Deutschland.

Die Bärenpopulation im Staat Slowenien umfasst mehrere Hundert Individuen und ist damit wesentlich größer als der Bestand in Italien. Die Bären Sloweniens leben weniger in den Alpen Sloweniens als vielmehr im Süden des Landes als Teil der dinarisch-pindischen Population. In den naturnahen Wirtschaftswäldern Sloweniens mit kleinbäuerlicher Landwirtschaft gibt es recht viele Bären, Wölfe und Luchse. Auf einer Fläche von 280km² wurden 100 Bären, 6 Wolfsrudel und 9 Luchse gezählt. Der Nationalpark Stilfser Joch in Italien hat eine Fläche von 1346km² und dort gibt es nur einige Wölfe. Wildtiere sind generell sehr selten in Südtirol zu sehen. Dafür gibt es zigtausende Rinder in Kühställen oder auf Bergen (siehe auch http://biodiversitaet.bz.it/alpine-landschaft/). Das Lifeprojekt „DINALP Bear“ (https://dinalpbear.eu/de/) beschäftigte sich mit der alpinen und dinarischen Bärenpopulation.

Isolierte kleine Populationen, wie die Population der Braunbären im Trentino sind einem wesentlich höherem Aussterberisiko ausgesetzt als individuenreiche Populationen in großen zusammenhängenden Verbreitungsgebieten.So ist auch der Bärenbestand in Österreich, der sich aus dem  Wiederansiedlungsprojekt um den 1972 selbstständig zugewanderten „Ötscherbären“ entwickelt hatte, 2011 erloschen. 

Bärenfamilie (Bildquelle: Europäische Kommission)
Bärenfamilie (Bildquelle: Europäische Kommission)

Die Bären der Alpen leben nicht territorial, d. h. sie verteidigen ihren Lebensraum nicht aktiv vor anderen Artgenossen. Bären sind Einzelgänger, nur während der Paarungszeit streifen Bären kurze Zeit gemeinsam durch ihren Lebensraum. Weibliche Bären in den Alpen haben wesentlich kleinere Reviere als männliche Bären, welche weiter umherstreifen. Die Bärenweibchen führen ihre Jungen meist zwei Jahre, manchmal auch drei und bringen ein bis drei Junge im Winter zur Welt. Ungefähr alle vier Jahre bekommen Bärenweibchen Junge. Mit 4 bis 6 Jahren sind Bären ausgewachsen und sie erreichen ein Alter von 20 bis 30 Jahren. 

In Höhlen und Erdlöchern überwintern Bären

Foto: Höhlen in Buchenwald der Mendel in Südtirol, Bären haben auf dem Mendelkamm auch überwintert

Bären benötigen geeigntete Winterquartiere (Höhlen, Erdlöcher usw) zum Überwintern und einen nahrungsreichen Lebensraum, den sie vor allem in artenreichen Mischwäldern und Laubwäldern findern, in denen sie pflanzliche Nahrung und tierische Nahrung zu sich nehmen, sie sind Allesfresser. Ob Frösche, Insekten, Insektenlarven im Totholz und im Boden, Heidelbeeren, Buchäcker, Fallobst, Schnecken oder Wurzeln von Jungbäumen, die Nahrung ist vielfältig. Bären gehören zur systematischen Ordnung der Raubtiere (=Carnivora), jedoch ernähren sich einige Bären, wie etwa der Pandabär rein pflanzlich. Braunbären sind opportunistische Allesfresser und ernähren sich je nach Region unterschiedlich. 60% der Nahrung der Bären der alpinen Population machen Pflanzen aus und die zentralappenninische Population des Marsischen Braunbären ernährt sich zu 80% von Pflanzen. Krautige Pflanzen machen sogar 87,5% der Nahrung von Bären im Nordosten der Türkei aus (Ambarli 2016).

In einigen Regionen decken Fische (z.B. Lachse Kamtschakabären) den Hauptteil der Nahrung, speziell zur Fortpflanzung und zum Aufbau von Fettresserven. Die Kamtschatkabären gehören zu den größten Braunbären der Welt. Die Braunbären Europas hingegen verzehren vor allem Pflanzen bzw. Pflanzenteile und sind wesentlich kleiner als nordamerikanische Grizzlybären oder russische Kamtschatkabären. Braunbären jagen nicht wie andere große Beutegreifer Rehe oder andere Huftiere, sie sind zu langsam um gesunde ausgewachsene Rehe oder Hirschen zu erbeuten. Fleisch und Aas macht nur ungefähr 5% der Nahrung in Europa aus. Aas finden Bären vor allem nach dem Erwachen aus dem Winterschlaf, da durch den Winter viele Huftiere umkommen. In harten Wintern wie 2018 wurden alleine in Südtirol ca.3000 tote Hirsche, Rehe, Steinböcke und Gämsen gezählt und diese Tierkadaver sind nicht nur für Aasfresser wie Bartgeier eine wichtige Nahrungsquelle. Kommen Bären und Wölfe in einem Gebiet gemeinsam vor, so können Bären den Wölfen ihre Beute streitig machen. Ihr guter Geruchsinn führt sie zu gerissenen bzw. toten Tieren und sie fressen dann an der Beute der Wölfe mit.

Bären verfügen über einen ausgezeichnteten Geruchssinn und können Leckerbissen wie Honigwaben über eine weite Distanz riechen und auch zielgerecht Bienenstöcke ansteuern. Imker können Bären vom Verzehr der Bienenwaben abhalten, indem die Bienenstöcke mit einem Elektrozaun gesichert werden. Als intelligente und anpassungsfähige Tiere können Bären auch neue Nahrungsquellen erschließen und wühlen auch in Mülleinmern oder Komposthaufen nach Essbarem. Ein Bär wäre in der Lage eine Kühlschranktür zu öffnen und sich zu bedienen. In einsamen Waldhütten in Bärengebieten sollten Haustüren stets verschlossen sein, weniger wegen Einbrechern als vielmehr wegen Tieren wie Bären oder eventuell auch Mäusen oder Füchsen.

Buchenwald: typischer Bärenlebensraum in Italien
Buchenwald: typischer Lebensraum für Bären in Italien

Im Trentino und auch in Südtirol auf dem Mendelkamm gab es einige Personen, die Bären bei ihren Häusern in den Wäldern fütterten. Dadurch wurden Bären auch auf die Suche nach Nahrung bei Gebäuden kondizioniert und manch ein als  „Problembär“ eingestufter Bär ist dadurch entstanden, etwa der „Problembär“ Bruno (JJ1).

Bären sind scheue Wildtiere, wie Hirsche, Waldvögel und andere typische Bewohner von Wäldern. Nur sehr selten treffen Menschen auf Bären und auch in Gebieten, wo es viele Bären gibt, sind Bärenbegegnungen selten. Förster, Jäger und Waldbesitzer treffen am häufigsten auf Bären. Bären meiden generell menschliche Siedlungen und den Menschen, wobei es Ausnahmen gibt. Während des strengen Lockdowns in der Coronakrise im Mai 2020 wanderte ein Bär im Trentino auch ins Dorf Calliniano und kletterte auf einen Balkon. Wenige Tage später wurde ein Bär gefilmt, wie er einen Mülleimer vor einem coronabedingt geschlossenen Hotel nach Essbarem durchsuchte (https://www.tageszeitung.it/2020/05/11/baer-im-restaurant/).

Europas Bären bewohnen vor allem die Wälder und je nach Saison wandern sie im Gebirge auch in höhere Lagen. Ihre komplexe Lebensgeschichte und die Saisonalität spielen eine wichtige Rolle in der Wahl des Lebensraums. Untersuchungen in der Karpaten ergaben, dass Bären pro Tag durchschnittlich 1818 m wanderten. Die besenderte Bären bewegten sich durchschnittlich auf einer Aktivitätsfläche von insgesamt 36 km², wobei kein Unterschied zwischen Männchen und Weibchen festgestellt wurde. Von 230m bis 1630m Seehöhe sind die Bären in den Karpaten unterwegs. Je nach Saison wandern sie in unterschiedlichen Höhenlagen und auch unterschiedlich weit (Pop et al 2016). Die alpine Population lebt vorwiegend von 700 bis 1800 m Seehöhe und je nach Saison ist die Nahrung verschieden, im Frühjahr sind es vor allem Keimlinge von Pflanzen, Blättern von Stauden, Pilze und Aas von im Winter verstorbenen Huftieren. Im Sommer sind Blüten, Blätter von krautigen Pflanzen und Bäumen, Wildfrüchte und Insekten auf dem Speiseplan. Im Herbst fressen Bären am meisten, zur Vorbereitung auf den langen Winterschlaf müssen Bären Fettreserven aufbauen (Hyperphagie). Beeren, Äpfel, Birnen, Mais und alle andere Fressbare wird in dieser Zeit in großen Mengen konsumiert.

Nahrungslöcher von Spechten: Bären schaffen Lebensraum für Spechte und InsektenBären sind ökologische Ingenieure und spielen im Waldökosystemen eine wichtige Rolle. Bären kratzen an Bäumen und brechen die Rinde weg. Sie beschädigen Bäume beim Fressen und beim Markieren ihres Reviers. Dadurch öffenen sie für holzbewohnende Insekten eine Möglichkeit, in das Holz der Bäume vorzudringen. Holzbewohnende Insektenarten, insbesondere Käferarten, gehören zu den am meisten gefährdeten Tierarten und sind selten. Untersuchungen in Polen zeigten, dass in 43% der angekratzen Bäume Löcher von holzbohrenden Insekten waren und in 33% waren Spuren von Spechten. Speziell in alten Wunden in den Bäumen (mehr als 5 Jahre) war die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass holzbohrende Insekten (darunter viele gefährdete Arten) und Spechte feststellbar waren. Dies zeigte, dass Bärenwunden in Bäumen Fortpflanzungsstätten und Nahrung für Insekten- und Spechtarten bot. Sie spielen damit eine wichtige Rolle beim Bau von ökologischen Nischen und als ökologische Ingenieure (Gorzynska et al 2014).

Wie Wölfe können Bären auch Ökosysteme gestalten, in den regenreichen Wäldern an der Westküste Kanadas sind die Wälder extrem niederschlagsreich (Regenwälder) und die Böden nährstoffarm. Bären erbeuten die Fische in den Bächen und essen diese an Land. Die verwesenden Kadaver düngen den Boden und Nährstoffe werden dem Waldökosystem zugeführt. was sich in der Pflanzenartenzusammensetzung wiederspiegelt.

In Rumänien sorgten „Müllbären“ vor Jahren vor allem in der Gegend von Brasov immer wieder für Aufsehen (https://www.youtube.com/watch?v=imp6iKKwqGU). Wie im Video zu sehen ist, beobachteten Passanten einen Bären vollkommen gelassen und unaufgeregt. Essende Bären verscheuchen, wäre auch nicht ganz ungefährlich. „Müllbären“ werden leicht zu „Problembären“ und in Rumänien wurden viele „Problembären“ eingefangen. Das Land verfügt heute über das größte eingezäunte Bärenheim der Welt (Bear Sanctuary Zarnesti) mit einer Fläche von 69 Hekar und ca. 100 gefangenen „Problembären“. Am Eingang dieses Bärenheims steht in rumänischer Sprache: „Das Heim wurde für Bären geschaffen und nicht für Menschen“. Die Bären können aber von außen beobachtet werden (https://www.youtube.com/watch?v=rkXT6l4-_ao) und sind zu einem Besuchermagnet geworden.

2.) Schutz und Gefährung

Schutz: Der Braunbär ist durch die Berner Konvention (Übereinkommen über die Erhaltung der europäischen wildlebenden Tiere und Pflanzen und ihrer Lebensräume), die FFH Richtlinie der EU Anhang II und IV und in Italien durch das Italienische Rahmengesetz Nr. 157 geschützt. Die FFH-Richtline 92/43/EWG verpflichtet zudem die Mitgliedstaaten, den Erhaltungszustand der Braunbärenpopulationen zu überwachen und die Forschung und den Informationsaustausch zu fördern. Darüberhinaus sind Bären durch die Alpenkonventionen – Protokoll über die Durchführung der Alpenkonvention von 1991 im Bereich Naturschutz und Landschaftsgestaltung und die Biodiverstitäskonvention (Rio de Janero 1992) geschützt.

Gefährdung:

Global ist der Bestand der Braubären (Ursus arctos) kaum gefährdet. In vielen Staaten Europas ist die Art jedoch ausgestorben ( z.B. Deutschland, Schweiz, England, Österreich, Belgien usw.) oder vom Aussterben bedroht oder stark gefährdet (z.B. Frankreich, Spanien, Italien usw.).

Ausgestorben sind Unterarten, wie der Atlasbär (Ursus arctos crowtheri) im Atlasgebirge in Nordafrika oder der Kalifornische Braunbär (Ursus arctos californicus) in Kalifornien  oder der Mexikanische Braunbär (Ursus arctos nelsoni). Die genetische Vielfalt der Bären hat stark abgenommen. Extrem wenige Individuen und kleine Populationen existieren von einigen Uternarten:  Syrischer Braunbär, Isabellbär, Gobibär, Marsicher Braunbär usw.

Rote Liste Italien: vom Aussterben bedroht. Von den 576 bewerteten Arten der Roten Liste der Wirbeltiere Italiens gehört der Bär neben 16 weiteren Landtieren in die höchste  Gefährdungskategorie.  (http://www.iucn.it/pdf/Comitato_IUCN_Lista_Rossa_dei_vertebrati_italiani.pdf)

Gefährdungsursachen:

Für die Bären Europas gelten folgende Gefährdungsursachen:

  • Lebensraumverlust durch Infrastrukturentwicklung
  • Störungen
  • geringe Akzeptanz (siehe Punkt 4, Bären in Presse)
  • schlechte Managementstrukturen
  • intrinsische Faktoren
  • Unfallmortalität
  • Verfolgung usw.

3.) Ausrottung der Bären und Erhaltungprojekt „Life Ursus“ im Trentino

Bären wurden weltweit und in ganz Europa systematisch über Jahrhunderte gejagt und ausgerottet. In den Alpen überlebten nur die Bären im Trentino, sie wurden dort niemals ausgerottet. Der letzte Bär im Atlasgebirge Nordafrikas wurde im Jahr 1869 von Jägern abgeschossen und die Unterart des Atlasbären starb aus. In Großbrittannien waren Bären bereits um das Jahr 1000 ausgerottet. 1835 wurde der letzte Bär Deutschlands getötet und die Art in Deutschland damit ausgerottet. In der Schweiz war der Bär erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausgerottet worden.

In Österreich waren Bären Mitte des 19. Jahrhunderts weitgehend ausgerottet, wobei immer wieder Bären aus der dinarischen Population zuwandern. In Österreich gab es für einige Zeit eine stabile kleine Braunbärenpopulation, die sich aus dem  Wiederansiedlungsprojekt um den 1972 selbstständig zugewanderten „Ötscherbären“ aus Slowenien entwickelt hatte. In den nördlichen Kalkalpen und karnischen Alpen hatte sich eine Population entwickelt, insgesamt 35 Bären wurden nachgewiesen. 2011 ist diese Population erloschen und der Bär damit ein zweites Mal in Österreich ausgestorben. Nur noch das Bärenmännchen Moritz lebte 2011und um 1999 gab es zwölf Bären zur gleichen Zeit. Das letzte sich fortpflanzende Weibchen verschwand 2007. Das Landeskriminalamt Niederösterreich hat einen illegalen Abschuss zweifelsfrei nachweisen, die Ursache des Verschwindens der meisten Bären ist ungeklärt, sie verschwanden auf mysteröse Art. 

Der männliche Jungbär Bruno (JJ1) wanderte von Trentino- Südtirol sehr weit bis nach Bayern und erlangte Berühmtheit, da er als erster seiner Art nach 170 Jahren der Abwesenheit in Bayern auftauchte. Er war als Problembär eingestuft und die Bayrische Regierung ordnete den Abschuss des Bären an. In Italien werden Problembären gefangen und in Gehege gebracht. Die Bären Europas sind für Menschen ungefährlich. In Südtirol wurde 1930 der letzte Braunbär im Ultental erlegt. 

Bär im Gemälde (renoviert 1823), Kirchenportal von St. Gertraud im Ultental
Darstellung einer Jagdszene mit Bär  (renoviert 1823), Kirchenportal von St. Gertraud im Ultental

 

Im Gebiet des Naturparks Ademello Brenta, unweit des Mendelkamms und Ultentals in Südtirol, wurden Bären niemals ausgerottet. Bis 1990 pflanzten sich die Bären alljährlich fort. Im Zeitraum 1980 bis 1986 gab es noch 11 bis 14 Bären, 1987 bis 1991 nur noch 8 bis 10. Die Population schrumpfte immer weiter (Osti F. 1993). 

Das Projekt “Life Ursus” wurde 1996 ins Leben gerufen, um das Überleben der letzten Braunbären zu sicheren. Die einzige Möglichkeit bestand darin, Bären aus Slowenien im Gebiet anzusiedeln und den Bestand zu stützen. Es wurden 9 Bären (3 männliche und 6 weibliche Bären) im Naturpark angesiedelt, mit dem mittel- und langfristigen Ziel einer vitalen Bärenpopulation von 40 bis 50 Individuen.

Machbarkeitsstudien ergaben, dass die 1700 km² grosse Fläche des Ademello- Brenta Gebietes und angrenzender Teile der Provinzen Bozen, Brescia, Verona und Sondrio ausreichen, um eine vitale Bärenpolulation zu beherbgen. 1999 wurden die ersten Bären angesiedelt: Masun und Kirka. Zwischen 2000 und 2002 wurden weitere 8 Tiere eingesetzt. Eine Bärin, Maja wurde eingesetzt, da die Bärin Irma im Jahr 2001 verunglückte und starb.

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Zwischen 2002 und 2015 sind durch 48 bekannte Würfe 101 Jungbären geboren worden. Im Jahr 2015 wird geschätzt, dass es sich im Gebiet des Ademello Brenta und den angrenzenden Gebieten (in Südtirol: Mendel, Ultental, Martelltal) um eine Population von 48 -54 Tieren handelt. Die Reviere der weiblichen Bären mit Jungen befinden sich fast ausnahmslos im Ostteil des Naturpark Ademello Brenta.

Namen tragen nicht alle Bären. Die erfassten Bären haben einen Code von Buchstabe und Zahl. Seit dem Jahr 2005 sind Bären mehr oder weniger regelmäßig in Südtirol anzutreffen. Im Jahr 2019 konnten in Südtirol z.B. vier verschiedene Bären nachgewiesen werden, meist handelt es sich um junge Bärenmännchen. Die Population des Ademello-Brenta umfasst 2019 insgesamt sicher 66 ausgewachsene Bären, davon 27 Männchen und 39 Weibchen. Dazu kommen 16 bis 21 Junge, was einen Bestand von 82 bis 93 Exemplare ergibt. Ein Bär gilt erst ab dem Alter von 5 Jahren als ausgewachsen, als adultes Tier. Die Bärenweibchen frequentieren 2019 eine Fläche von 1.516 km² im Osten des Trentino und die Bärenmännchen eine Fläche von 45.327 km². Das Gebiet der Männchen erstreckt sich weit über das Trentino hinaus über Südtirol, Graubünden in der Schweiz, Nordtirol in Österreich usw.

Die Bärenpopulation entwickelt sich stabil und nimmt auch zu, was sehr erfreulich ist. So wurde eine Tierart erfolgreich vor dem Aussterben bewahrt. 

Seit 2003 wurden 34 tote Bären gezählt. Die Todesursache von 10 ist natürlich (29%), etwa durch Steinschlag oder Alter. 15 sind durch den Menschen bedingt (44%) gestorben und für 9 Fälle (27%) ist die Todesursache nicht bekannt.Anthropogen bedingt starben durch illegale Abschüsse 4 Bären, 4 Bären durch autorisierte Abschüsse ( JJ1 „Bruno“ in Deutschland, zwei in der Schweiz und einer im Trentino) und 7 Bären starben durch Unfälle (https://grandicarnivori.provincia.tn.it/Rapporto-Orso-e-grandi-carnivori/Rapporto-Grandi-carnivori-2019).

Das Europäische Projekt “Life Ursus”, mit dem Ziel Bären vor dem Aussterben zu bewahren, war erfolgreich, wenngleich die Ausbreitung von Bären wesentlich langsamer erfolgt als die Ausbreitung von Wölfen. Einzelne Bärensichtungen gibt es immer wieder in verschiedenen Gebieten Südtirols, jedoch handelt es sich dabei meist um junge Männchen und nicht um fixe Territorien mit Bärenweibchen, die sich vermehren und Junge führen. Die Reviere der Bärenweibchen mit ihren Jungen finden sich ausnahmslos im Bereich des Naturparks Ademello Brenta. Nur einzelne wanderfreudige Bärenweibchen hielten sich auch in Südtirol auf. Vida gehörte zu den Bären, die angesiedelt wurden und sich sehr weit bewegte. 2001 war sie in Südtirol und wurde bei ihrer nächtlichen Überquerung der Brennerautobahn angefahren.

Die Autonome Provinz Trient veröffentlicht Berichte, in denen die Situation der Bärenpopulation sehr gut dargestellt ist und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Information der Öffentlichkeit und dem Erhalt der Biodiversität. Der Bär ist eine Flagschiffart der Biodiversität und steht als Art für eine intakte Natur. Naturschutzorganisationen wie der WWF sind sehr engagiert im Erhalt und Schutz der Bären Europas und auch einige Staaten und die EU bemühen sich, um den Schutz und Erhalt dieser Tierart. Meist scheitert der Schutz von Arten und die Erreichung eines günstigen Erhaltungszustandes an den einzelnen Ländern und in der Provinz Bozen ist man von einem günstigen Erhaltungszustand der Art meilenweit entfernt. Ansiedlungen von Bärenweibchen zur Rettung der Braunbären Österreichs scheiterten am Land Steiermark, das Bundesland Niederösterreich war dafür. Die Republik Österreich konnte dadurch ihrer Verpflichtung zur Erhaltung der Arten nicht nachkommen. In Italien bemüht sich das Umweltministerium für den Erhalt der Art, auf Provinzebene gibt es jedoch große Widerstände.

In Südtirol erklärten sich sogar einige Gemeinden für wolf- und bärenfrei, es sollen die Bürgermeister beauftragt werden, alle rechtlich zulässigen Mittel und Maßnahmen zu ergreifen, welche dazu dienen können, dass die Gemeinden „Wolf- und Bärenfrei“ bleiben (https://www.stol.it/artikel/panorama/gemeinderat-von-bruneck-stimmt-fuer-ein-baeren-und-wolffreies-sued-tirol). Erinnerungen werden wach an das berühmte Gerichtsurteil von Glurns vor 500 Jahren, als Wühlmäuse dazu verurteilt wurden, ihre Äcker und Wiesen in vierzehn Tagen zu räumen, hinwegziehen und in ewigen Zeiten dahin nicht mehr zurückzukommen, wie im Urteilsspruch des Mäuseprozesses am 2. Mai 1520 in Glurns verkündet wurde.

4.) Bären in der Presse und Fakenews (mit updates)

Bären und auch Wölfen begegnet der Mensch weniger in der Natur, als vielmehr in der Presse, welche sich auf Nachrichten von Bären geradezu stürzt. Ist ein Bär beteiligt, so werden häufige Vorfälle, wie leicht verletzte Personen, zu Nachrichten, die nicht nur lokal sondern international verbreitet werden. Auch über eine tote Frau durch einen Bärenangriff in Kanada, erfährt man aus Medienn. (https://www.n-tv.de/panorama/Baer-toetet-Frau-und-ihr-Vater-hoert-dabei-zu-article21997743.html).

Während es kein leicht Verletzter durch einen Verkehrsunfall in Südtirol in eine Bildzeitung in Deutschland schafft, berichtet diese „VATER UND SOHN VON RAUBTIER IN SÜDTIROL SCHWER VERLETZT“. Sie zeigt die Bilder von angeblich schwer Verletzten (eine Person stürzte). (https://www.bild.de/news/ausland/news/vater-und-sohn-von-raubtier-in-suedtirol-schwer-verletzt-erschiesst-den-baeren-n-71544474.bild.html.). Der Vorfall ereignete sich nicht in Südtirol  (siehe unten Fakenews: „Dutzende Bären in Südtirol“) und die beiden Männer waren auch nicht schwer verletzt (ein Beinbruch durch den Sturz, Fleischwunden und Prellungen).

In deutschen Medien löste dieser Bärenangriff eine wahre Flut an Falschinformationen aus. In der FAZ, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, (https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/tiere/in-norditalien-gibt-es-einen-neuen-problembaeren-16830737.html, Juni 2020) wurde geschrieben, dass es 82 bis 93 ausgewachsene Bären gäbe, wobei darin die Jungbären von 2019 mitgezählt sind, welche noch ihre Muttertiere begleiten und nicht ausgewachsen sind. Bären im Trentino gäbe es seit 1999 wieder, wird geschrieben, jedoch gibt es diese seit dem Rückzug der Gletscher nach der letzten Eiszeit. Die Bären im Trentino gab und gibt es immer. Dem Leser wird damit ein Bär aufgebunden.

Durch die unverhältnismäßige Berichterstattung, Fakenews, mangelhafte Darstellung der Bedeutung der Biodiversität, des Natur- und Artensschutzes, der Bedeutung der Arten für das Ökosystem und allgemeine Bedeutung von Bären (z.B. Bären als touristische Attraktion, Bären als religöses Attribut des hl. Romedius usw.) wird die Akzepanz von Bären in der Bevölkerung verringert. Die geringe Akzeptanz ist eine Gefährdungsursache für Bären (siehe Punkt 2) und ein Teil der Presse gefährdet mit einer derartigen unverhältnismäßigen und mangelhaften Berichterstattung den Fortbestand der Bären, die Biodiversität und das natürliche Erbe der Menschheit. 

Fakenews:

Die Autonome Provinz Trient zeigt ebenfalls Falschnachrichten von Bären auf (https://grandicarnivori.provincia.tn.it/Notizia-vera-o-falsa).

(https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/ausgewilderte-baeren-jurka-und-ihre-kinder-1680539.html)

Die FAZ schreibt am 31.08.2008 eine Geschichte zu Bären und dort steht, dass sieben Männchen und drei Weibchen im Trentino angesiedelt wurden. Jedoch ist es genau umgekehrt, mehr Weibchen als Männchen wurden angesiedelt. Die Landschaft des Toveltals wird im Artikel beschrieben „als habe sie jemand zusammengezogen“. Der See sei von überschaubarer Größe steht in dem Artikel und vollkommen lieblos und ohne Augen für die Schönheit der Natur wird alles beschrieben. Der „überschaubare“ Tovelsee und die „zusammengezogene“ Bergwelt sieht so aus:

Freilich sind die Berge im Trentino wesentlich weniger „zusammengezogen“ und viel weiter, als die Häuserschluchten in Städten wie Frankfurt. Den Bären gefällt die Gegend und vielen Besuchern auch. Mit sehr sehr viel Glück können Besucher vielleicht auch einen Bären sehen. Bärenbegegnungen sind aber sehr selten, auch in Gebieten mit vielen Bären wie um den Tovelsee.

BÄR M 13

Der Bär M 13 wurde 2009 im Trentino geboren und wanderte von dort nach Österreich, in die Schweiz und auch ins Ultental, wo er sich manchmal auch in der Nähe von Häusen blicken ließ. Am Weißbrunnparkplatz wurde mit dem Bären auch Werbung gemacht, da er dort auch gesichtet worden war und ein Restaurant in St. Walburg ist nach ihm benannt.

Restaurant M 13 im Ultental- benannt nach Bär M 13
Restaurant M 13 im Ultental- benannt nach Bär M 13

M 13 war kein gewöhlicher Bär, denn er soll einen Baum umgestürzt haben, der daraufhin in eine Stromleitung fiel und dann einen Brand auslöste. Auf der Suche nach dem Bären, der mit einem Peilsender ausgestattet war, wurde nicht der Bär gefunden, sondern die Leiche eines Mannes. Dies hat sich in Österreich mit M 13 zugetragen und als der Bär in die Schweiz einwanderte, wurde er als Risikobär eingestuft und 2013 in Graubünden mit Gewehren tot geschossen. M 13 war nie aggressiv gegenüber Menschen und hat sich nur Gebäuden genähert. In der Schweiz wurde der Bär als gefährlich für Menschen eingestuft und damit das Todesurteil für das junge Bärenmännchen besiegelt. In Italien werden Bären, welche als Problembären eingestuft werden, nicht mit Gewehren tot geschossen, sondern gefangen und in Gehegen untergebracht.

Bär frisst keine Yaks

In Medien kursieren Geschichten um Bären, wie etwa jene, dass ein Yak von Reinhold Messner von einem Bären gefressen worden sei (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/suedtirol-baer-erlegt-messners-yak-a-367925.html.). Demgegenüber wird in der Lokalzeitung „der Vinschger“ von der zuständigen Nationalparkverwaltung klargestellt:  „Der Bär befand sich während der in Frage kommenden Zeit im Schweizer Nationalpark, es ist also nicht möglich, dass er in Sulden einen Yak angegriffen hat“, stellte Hanspeter Gunsch klar. Wolfgang Platter hatte am 4. August auch mit dem Präsidenten des Nationalparks, Ferruccio Tomasi, telefoniert. Tomasi habe ihn beauftragt, den Medien mitzuteilen, dass er, Tomasi, die alpinistischen Leistungen von Reinhold Messner zwar bewundere, „aber verwundert darüber ist, wie versucht worden sei, den Yak-Tod dem Bär in die Schuhe zu schieben“. (https://www.dervinschger.it/de/lokales/baer-hat-yak-weder-gerissen-noch-verletzt-4895).

Yaks tragen Hörner und wehren sich gegen Hunde, Bären und Wölfe, ähnlich wie Mutterkühe. Im Himalaya (z.B. in Bhutan) werden Yaks ausnahmsweise von Tigern gerissen, doch weder Wölfe noch Leoparden oder Bären im Himalaya greifen Yakherden an.

Beim sagenumwobenen Yeti soll es sich um Braunbären handeln, nämlich dem Isabellbär (Ursus arctos isabellinus), einer Unterart des Himalaya mit braun- roter bis silber-sandfarbiger Fellfarbe.

Bärenskulptur auf einer Alm am Nonsberg/Südtirol
Bärenskulptur auf einer Alm am Nonsberg/Südtirol

 

M49, Papillon genannt

Markus Perwanger, Koordinator des öffentlich rechtlichen Rundfunks Rai Südtirol, begegnet dem „Problembären“ M49 am Rande Bletterbachschlucht im August 2019. Seine Begegnung wird exklusiv in der Tageszeitung „Dolomiten“ gebracht, und seinem Sender verschweigt er die bärige Begegnung. Das Onlinemagazin Salto berichtet über Vorgänge in der Rai  (https://www.salto.bz/de/article/24082019/die-ethik-des-direktors).

Das Redaktionskomitee von RAI Südtirol beanstandete das Verhalten im Zusammenhang mit dem Problembären M49 und schrieb: „…Außerdem wäre es wichtig gewesen, die Bevölkerung sofort im Nachrichtenportal von RAI Südtirol in den stündlichen Radionachrichten und in der Tagesschau vor dem gefährlichen Bären zu warnen und nicht erst 13 Stunden später in den „Dolomiten“. …Wir finden dieses Verhalten für eine Führungskraft in der Position eines Koordinators von RAI-Südtirol im höchsten Maße befremdlich.“

Der als Problembär eingestufte Bär hat keinem Menschen ein Haar gekrümmt und war nur für Nutztierrisse und geplünderte Bienenstände verantwortlich. Er wird in Medien als gefährlich bezeichnet. Jeder, der dem Bär begegnete, hat die Begegnung heil überstanden und Rai Südtirol wollte gar stündlich in den Radionachrichten vor dem Bären warnen.
Dass es sich tatsächlich um den Bären M49 handelte, war nicht sicher. Umweltminister Costa appelierte an den Südtiroler Landeshauptmann Kompatscher und mahnte ihn nicht zu töten:“ Usate cautela, non ammazzatelo“. Die Presse war sich darin einig, dass es sich bei dem gesichteten Bären um M 49 handelte. Innenminister Costa wies darauf hin, dass man zuerst sicher sein muss, dass es sich um M 49 handelt. (https://www.repubblica.it/ambiente/2019/08/20/news/m49_anche_in_alto_adige_un_ordinanza_per_la_cattura-233991345/).
Versuche den Bären zu fangen schlugen fehl und im März 2020, als Südtirol und Italien in einem strengen Lockdown wegen des Coronavirus waren, fand sich zwischen den vielen Pressemitteilungen der Autonomen Provinz Bozen auch eine für Papillon, wie er von Unweltminister Costa genannt wurde.
„Bär M49 ist aus dem Winterschlaft erwacht. LR Schuler rief dazu auf, die Sichtung des Bären zu melden und Vorsichtsmaßnehmen zu ergreifen.“ (News Autonome Provinz, 04.03.2020). Der Landesrat, zuständig für Tourismus, Landwirtschaft und Bevölkerungschutz, fand sich in den vielen Presseaussendungen dieser Zeit zum Thema Bär, obwohl der Tourismus und der Bevölkerungsschutz mit dem Ausbruch des Coronavirus durchaus vor großen und gewichigen Herausforderungen standen. 
Damit Bären keine Bienenstöcke plündern, sollten diese mit Strom führenden Erlektrozäunen eingezäunt werden.
Der als „Problembär“ eingestufte M49 wäre kein Problembär, würden Bienenstöcke und Haustiere mit simplen Maßnahmen sicher untergebracht (Bild: geschützte Bienenstöcke mit Elektrozaun)

Als Vorsichtsmaßnahmen wurde der Aufruf an jene Personen gerichtet, die sich in den Siedlungen zwischen Lavazéjoch, Jochgrimm und Radein aufhalten. Sie wurden ersucht, insbesondere darauf zu achten, dass:

  • Nutztiere die Nacht nicht im Freien verbringen und sich allgemein nicht entfernen;
  • die Eingänge zu den Gebäuden geschlossen bleiben, insbesondere die Ställe;
  • sie keine Essensreste im Freien hinterlassen;
  • Hunde an der Leine halten.

Alle diese Vorsichtsmaßnahmen sollten gängige Praxis sein und sind es auch, Hunde müssen praktisch überall an der Leine geführt werden und Türen von Gebäuden sind im März immer geschlossen usw.

M49 wurde schlussendlich im Trentino am 28.04.2020 bei Tione gefangen und in das Bärengehege von Casteller gebracht, in dem er schon einmal 2019 für einen Tag war und ausgebrochen war. Bären sind geschickte und intelligente Tiere.

Maurizio Fugatti (Lega), der Landeschef des Trentino, hatte den Abschuss von M 49 angeordnet. Der Umweltminister Sergio Costa sorgte dafür, dass der Bär in das Gehege gebracht wurde und keine Schießereien auf Bären in den Wäldern beginnen. Maurizio Fugatti, obwohl überhaupt nicht für Bären zuständig, hatte den Abschuss angeordnet.

Für die Freilassung des Bären wurden Unterschriften gesammelt und innerhalb kürzester Zeit wurden über 50.000 Unterschriften gesammelt (https://www.ansa.it/trentino/notizie/2020/05/04/orso-m49-ape-raccoglie-53.000-firme-per-il-rilascio_1dda8d07-9e84-4104-8fbb-74b092f05830.html). Am 27 Juli brach der Bär aus. Dieser Ausbruch aus dem Bärengehege Casteller war der zweite Ausbruch. Der Bär war bereits einmal als Problembär gefangen worden. Papillon ist der Ausbrecherkönig aus den Gehegen des Casteller. Zur Paarungszeit war er in die Gegend von Tione und Casteller gewandert, auf der Suche nach Weibchen, die es dort zahlreich gibt und gefangen worden. Er trug bei seinem Ausbruch einen Sender und wanderte durch das Etschtal mit der Autobahn in die östliche Landeshälfte des Trentino in die Gegend des Naturparks Paneveggio Pale die San Martino. Wie schon vorher hält er sich im Sommer in dieser Landeshälfte auf. Salurn in Südtirol mit dem dortigen Bärental ist ca. 30 km Luftlinie davon entfernt.

Buchenwald mit Eibe im  Bärental bei Salurn- Bären begegnet man überall sehr selten

Am 21. August 2020 übermittelte der Sender die Nachricht, dass der Bär tot sei. Wird ein solcher Sender längere Zeit nicht bewegt, wird das Signal gesendet,  dass das Tier tot ist. Bei Luchsen in Nationalpark Bayrischer Wald gibt es einen Luchs, der recht faul ist und länger schläft. Sein Halsband sendet daher öfter das Signal, dass er tot ist, obwohl er nur schläft. Papillon war auch nicht tot, er hatte sich das Halsband aber abgestreift. Papillon ist ein geschickter und intelligenter Bär und bärenstark.

„In der vergangenen Woche fanden seine Verfolger in einem Wald im Vanoi-Tal (östlich von Trient) das zerstörte Funkhalsband, mit dem die Position des 167 Kilo schweren Raubtiers geortet werden konnte.“ wird in der Bild Zeitung berichtet (https://www.bild.de/ratgeber/2020/ratgeber/brutale-raubtierattacke-in-italien-ein-baer-hat-meinen-ruecken-zerfleischt-72635920.bild.html). Der Funkhalsbandsender ist jedoch nicht zerstört, sondern funktionstüchtig.

Am 07.09.2020 wurde Papillon im Gebiet des Lagorai mit einer Rohrfalle gefangen. Der vier Jahre alte Bär wurde wieder einmal in das Bärengehege von Casteller gebracht.

M57 der Bär, der einen Carabinieri angriff

Ein Jungbär (M57), der Wanderern folgte, sich in Siedlungen aufhielt und recht wenig Scheu vor Menschen zeigte, weil er wahrscheinlich angefüttert wurde (die Bärin Jurka wurde etwa im Toveltal von Menschen gefüttert und es wurde auch ein Fall im Trentino bekannt,  wo Menschen einen kränklichen Wolf im Garten beim Grillen fütterten und das Video auf Facebook stellten https://www.ladige.it/territori/fiemme-fassa/2019/03/26/lupo-rognoso-fassa-attirato-cosce-pollo-filmato-marito-elena), hat hingegen am 23 August 2020 in Andalo bei einem Spaziergang im Wald um 22.30 in der Nacht einen Polizisten angegriffen. Bereits um 4 Uhr am Morgen war der Bär bereits gefangen (narkotisiert) und ins Bärengehege von Casteller gebracht worden. Dieser Fall zeigt sehr deutlich, dass die öffentliche Hand, wenn es sich um einen Bären handelt, welcher tatsächlich verhaltensauffällig ist und auch Menschen gefährlich wird, handlungsfähig ist und die Situation im Griff hat (https://www.rainews.it/dl/rainews/articoli/trentino-catturato-orso-aggredito-carabiniere-ff3bb670-e485-47d5-b357-f0832982c79f.html?refresh_ce).

Der Fall ist deshalb ein ausergewöhnlich, da Bärenmännchen selten bis nie Menschen anfallen. Es soll dies der erste Fall in Europa sein, bei dem ein Männchen einen Menschen angriff. Sehen Bärenweibchen ihre Jungen in Gefahr und wollen sie verteidigen, so können durchaus Unfälle passieren. Bei einigen Tierarten, wie z.B. Haushühnern oder Hamstern, verteidigen die Muttertiere aktiv ihre Jungen vor Menschen. Bärenweibchen mit Jungen sind jedoch wesentlich weniger angriffslustig als jede kükenführende Henne (= Glucke). Bärenmännchen sind ebenfalls viel weniger agressiv als Hähne, Schaf- und Ziegenwidder, Stiere oder Hengste. Stiere und Hengste werden meist kastriert und zu Ochsen und Wallachen, damit sie umgänglicher werden.

Zu diesem Unfall in Andalo in der Nähe wurde Martin Hilpold von Vox News Südtirol befragt: https://www.voxnews.online/artikel/martin-hilpold-autos-viel-gefaehrlicher-als-baer

“ Ich habe keine Angst vor Bären, denn es ist wahrscheinlicher, auf der Fahrt dorthin einen Unfall mit dem Auto zu haben als von einem Bären angefallen zu werden.“

 

Fakenews: „Dutzende Bären in Südtirol“

Der Bayrische Rundfunk berichtet wie viele andere Medien am

„Bär greift in Südtirol zwei Wanderer an“

„In den Dolomiten hat ein Bär zwei Wanderer angegriffen und verletzt. Beide kamen ins Krankenhaus. In Südtirol leben zahlreiche Bären in freier Wildbahn.“ Der Leser wird glauben, dass es sich um die bekannten Dolomiten handelt, welche auch Weltnaturerbe sind. Doch sind es nicht diese Dolomiten. Der Unfall ereignete sich im dem aus Dolomitgestein bestehenden Dolomiten der Ademello Brenta Gruppe im Trentino. Es gibt auch keine Provinz Trentino Südtirol, wie im Artikel geschrieben steht, sondern die Provinz Trentino (deutsch: Trient) und die Provinz Bozen-Südtirol. In Südtirol wurde kein Wanderer von einem Bären angegriffen, in der Provinz Trient hingegen schon (https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/baer-greift-in-suedtirol-zwei-wanderer-an,S2hgIjB).

In Südtirol soll es laut Medienberichten der „Welt“, des Bayrischen Rundfunks,  und anderer Medien „mehrere Dutzend Bären“ geben, jedoch gibt es nicht mehrere Dutzend, sondern nur einzelne Tiere.

(https://www.welt.de/vermischtes/article210128155/Suedtirol-Baer-attackiert-zwei-Wanderer-in-den-Dolomiten.html). Die Tiroler Tageszeitung titelte dramatisch: „Vater kämpfte in den Dolomiten mit Bären um Sohn“. Bären ernähren sich zwar auch von Fleisch, jedoch kämpfte der Bär sicher nicht mit dem Vater um den Sohn (https://www.tt.com/artikel/17074936/vater-kaempfte-in-den-dolomiten-mit-baeren-um-seinen-sohn).

Der Bärenangriff im Trentino und die Schilderungen der Betroffenen, warfen Fragen auf, ob sie sich richtig verhalten hatten und auch Zweifel am Hergang des Vorgangs (https://www.rainews.it/tgr/tagesschau/articoli/2020/06/tag-baer-trentino-angriff-cles-brenta-monte-peller-luigi-spagnolli-1e2d4b80-fcb0-4f51-a809-2b0d737239dd.html). Umweltschützer und Tierschützer sprachen sich gegen die Abschussverfügung aus (https://www.tageszeitung.it/2020/06/28/der-baer-ist-nicht-die-grosse-bedrohung/) und der Umweltminister der Republik Italien intervenierte gegen die Abschussverfügung des Trientner Landeshauptmanns Fugatti.

Die beiden Männer wurden befragt, ob sie noch andere Bären gesehen hätten, da es durchaus möglich ist, dass ein Bärenweibchen ihre Jungen verteidigt. Die Männer waren nämlich am Abend in einem abgeschiedenen Wald unterwegs. Die beiden waren keine gewöhnlichen Wanderer oder Toursiten auf einem Wanderweg sondern zwei Jäger im Wald. Über das richtige Verhalten bei einer Bärenbegegnung gibt es Broschüren und Filme, welche verbreitet wurden und die Grünen Trentinos kritisierten, dass die beiden Männer als ortsansässige Jäger im Bärengebiet die Verhaltensregeln und Ratschläge kennen sollten. So wird etwa geraten, nicht lautlos durch den Wald zu gehen und z.B. einen klappernden Schlüsselanhänger am Rucksack zu befestigen, damit ein Bär das Kommen eines Menschen hört und sich entfernen kann. Bären sind wie viele andere Wildtierarten scheu und meiden eine Begenung mit Menschen. Die beiden Männer haben jedoch keine derartigen Verhaltensregeln angewandt.

Genetische Analysen zeigten einige Tage später, dass sie von einem Bärenweibchen angegriffen worden waren, nämlich von JJ4 und Gaia genannt. JJ4 ist die zweitälteste Bärin der Alpinen Bärenpopulation, ein Bärenweibchen mit 14 Jahren, welches sehr selten beobachtet wurde, weil es eben vollkommen unauffällig war. Sie ist die Tochter der „Problembärin“ Jurka. Jurka wurde auch von Gastwirten angefüttert, damit die Gäste Bären beobachten konnten und sie wurde dadurch zur Problembärin. Heute ist sie im Bärenpark im Schwarzwald untergebracht (https://www.baer.de/projekte/alternativer-wolf-und-baerenpark-schwarzwald/baeren-schwarzwald/1264-jurka).

Viele Jahre und Jahrzehnte gab es in Italien keine Fälle, dass Bären Menschen verletzten. 2014 wurde ein Mann beim Pilzesammeln von der Bärin Daniza angegriffen. Der Mann ging zwischen der Bärin und ihren Jungen und die 18 jährige Bärin griff den Mann an, da sie ihre Jungen in Gefahr sah. Er wurde nur leicht verletzt. Die Bärin sollte gefangen werden. Sie verstarb jedoch durch die Narkose.   (https://www.repubblica.it/ambiente/2014/09/11/news/morta_l_orsa_daniza_non_sopravvive_alla_cattura-95490478/). Die friedliche alte Bärenmutter Gaia oder JJ4 führte zum Zeitpunkt des Angriffs drei Jungtiere und sie sah offensichtlich ihre Jungen durch die beiden Männer die nach 18 Uhr im Wald umherstreiften bedroht. Die Justiz verhinderte die Abschussverfügung des Landeshauptmanns Trentinos, Fugatti. Auf derartige Zwischenfälle kann nicht mit dem Abschuss der Bären geanwortet werden https://www.repubblica.it/ambiente/2020/07/30/news/l_orsa_jj4_non_imputabile_di_aggressione_la_sentenza_del_tar_di_trento-263270250/.

Bären und auch Wölfe sind immer für eine Schlagzeile gut und der Bärenangriff auf die „beiden Wanderer in Südtirol“ wird auch in Medien Deutschlands und Österreichs verbreitet. Keine internationale Beachtung fand dagegen ein Eselangriff im Trentino ein paar Tage vorher, ein Esel griff einen Wanderer an und verletzte ihm im Gesicht (https://www.tageszeitung.it/2020/06/21/die-esel-attacke/). Diese Person wurde schwerer verletzt als die beiden Männer, die von Bären angefallen wurden. Auch andere Verletzte, etwa durch Verkehrsunfälle (durchschnittlich gibt es alleine in Südtirol 5 Verkehrsunfälle mit Verletzten und Toten) sind auch keine Meldung wert. Ein Bärenangriff mit einem Verletzten findet medial Eingang über den Ländergrenzen hinweg. Ebenfalls verbreitet wird damit auch die Angst, dass Bären für Menschen gefährlich sind.

Gefährlichkeit von Bären

Bärenexperten, wie Remo Sommerhalber, der großen Grisslybären in Kanada auf der Spur ist und nicht den relativ kleinen Bären der Alpenpopulation,  kritisierte in der Tageszeitung wie hierzulande mit Bären umgegangen wird (https://www.tageszeitung.it/2020/07/13/baeren-sind-sehr-friedfertig/). Bären sind nämlich sehr friedfertige Tiere. 

Die Gefährlichkeit von Bären (Braunbären inklusive Grisslybären und Kamtschatkabären) wurde wissenschaftlich in der NINA Studie untersucht: Bärenangriffe vom Mittelalter bis 1995 wurden gezählt und im 20. Jahrhundert wurden in Europa 36 Menschen durch Bären getötet, in Asien 206 und in Nordamerika 71.

Wesentlich mehr Angriffe auf Menschen gibt es durch Tiger oder auch Lippenbären, alleine im Bundestaat Madhya Pradesh in Indien gab es in 5 Jahren 735 Lippenbärenangriffe und 48 endeten tödlich.

„Angriffe von Braunbären in Europa sind selten, auch wenn die mediale Berichterstattung bisweilen ein anderes Bild in der Öffentlichkeit verbreitet….

Die Autoren der NINA-Studie weisen jedoch darauf hin, dass eine realistische Gefahreneinschätzung, das Opfer eines Bärenangriffs zu werden, nur im Vergleich mit anderen Wildtierarten möglich ist, da die tatsächliche Dimension der Gefahr lebensbedrohlicher Begegnungen mit einem Bär statistisch um ein vielfaches geringer ist als z.B. der Zusammenstoß oder Angriff mit einem Herbivoren. (Pflanzenfresser)

Wissenschaftlicher Dienste des Deutschen Bundestages, Dokumentation
WD 8 – 3000 – 049/18

(https://www.bundestag.de/resource/blob/565014/e785bae90a8951e6c6495a5df4af0fa7/wd-8-049-18-pdf-data.pdf)

 

Harmlose Rehe können auch Menschen verletzen (https://www.suedtirolnews.it/chronik/starker-blutverlust-suedtiroler-von-reh-attackiert) und auch ein Schoßhund kann einmal zubeißen. Weder vor Bambi noch vor Schoßhunden muss man deshalb Angst haben. 

Kühe auf Almen sind in den Alpen auch für Todesfälle verantwortlich.

Frei herumlaufendes Weidevieh kann Schäden verursachen

Die „Gefahr“ durch „Problembären“ ist medial und politisch immer eine Schlagzeile wert und auch beim Thema Wolf ist Presse und Politik stets hellhörig und schürt Ängste. Ein totes Schaf durch einen Wolf schafft es in Südtirol sicher in die Nachrichten. Eine ausgestorbene Tierart eher nicht.  Mehr zum Thema Wolf: http://biodiversitaet.bz.it/wolf/

 

Revitalisierung der Ilsterner Au an der Rienz

(Titelbild: letzter Rest des ehemaligen Auwaldes der Ilsterner Au)

Das geschützte Biotop Ilsterner Au in St. Sigmund bestand bis ins Jahr 2018 aus einem der letzten Auwälder an der Rienz im Pustertal. Der Bach, die Ufer und der Auwald stehen unter Naturschutz und es umfasst eine Fläche von ca. 15 ha. Im geschützten Biotop wurde jedoch als Revitalisierungsmaßnahme nahezu der gesamte Auwald gerodet und der einzige große Auwald des Unteren Pustertals verschwand.

Es gab im und am Biotop Flächen, welche hätten umgebaut oder aufgeforstet werden können, wie mit Kanadischer Goldrute (ein invasiver Neophyt) überwucherte Flächen. Auch landwirtschaftlich genutzte Flächen gab es im Biotop, welche hätten aufgeforstet oder zu Teichen umgebaut werden können. Jedoch wurden nicht diese Flächen renaturiert, sondern der ganze Auwald der Au, der einzige große Auwald im Unteren Pustertal, wurde weggebaggert.

Ökologisch defizitäre Fläche im Biotop mit kanadischer Goldrute wurde nicht aufgewertet
Ökologisch defizitäre Fläche der Ilsterner Au mit kanadischer Goldrute

 

Weiden an der Rienz in der Ilstener Au
Weiden (im Bild) und Grauerlen im Biotop Ilsterner Au haben die Revitalisierung nur als schmaler Ufergehölzstreifen überstanden

 

Im Landschaftsplan der Gemeinde Kiens ist die Naturlandschaft beschrieben, darunter das Auwaldbiotop „Ilsterner Au“: „Der Auwaldrestbestand westlich von Ilstern ist als der bedeutendste im Unteren Pustertal anzusehen und verdient deshalb einen besonderen Schutzstatus. AIIgemein ist in den Auwäldern aufgrund der guten Nährstoffversorgung eine vielfältige Vegetation vorzufinden. Die Grauerle ist in der Ilsterner Au die vorherrschende Baumart, wenn auch an einigen Stellen Fichten oder Kiefern die Überhand gewonnen haben, ein Zeichen dafür, dass der Grundwasserspiegel wahrscheinlich abgesunken ist und dass das Gebiet nicht mehr überschwemmt wird. Diese hydrologische Situation konnte aber durch einige Maßnahmen verbessert werden. Eine absolute Besonderheit stellt ein fast reiner Eschenbestand im östlichen Bereich des vorgeschlagenen Naturschutzgebietes dar. Ebenfalls kommt eine reichhaltige Tierwelt vor. Verschiedenste Insekten- und Vogelarten finden hier eine Zufluchtstätte und auch Zugvögel können beobachtet werden. Die ökologische Funktion eines solchen Auwaldbestandes allerdings beschränkt sich nicht nur auf die biologische Bedeutung der Arterhaltung. Auch in hydrologischer (ausgleichende Speicherwirkung auf den Wasserhaushalt) und landschaftlicher Hinsicht (bereicherndes Gegenstück zu den intensiv genutzten Landwirtschaftsflächen) erfüllt das Biotop eine wichtige Aufgabe.“

Auwald der Ilstener Au mit Silberweiden, Grauerlen und zahlreich Eschen

Bild: alte Silberweiden (Salix alba) und junge Eschen (Fraxinus excelsior) dominierten die Baumschicht des östlichen Teils des Auwaldes

Im westlichen Teil des Auwaldes standen einige Fichten auch in Gruppen im Auwald. Das Vordringen von Nadelgehölzen, wie Fichten und Lärchen, wird als Renaturierungsgrund genannt und ein solcher Wald wird als nicht-vitaler Auwald bezeichnet. Grundsätzlich steht die Rodung von Auwald im Widerspruch zum Naturschutzgesetz Artikel 17: Es ist verboten, Ufervegetation oder Auwald zu roden oder auf sonstige Weise zu zerstören.

Den Bächen mehr Raum geben und vitale Auwälder zu schaffen, hat man sich bei der Revitalisierung vorgenommen. Der Auwald der Ilsterner Au ist ein Paradebeispiel eines nicht- vitalen Auwaldes: der Auwald wurde durch den Bau des Dammes von der Rienz getrennt, die Rienz wurde in ein begradigtes Bachbett gezwängt und tiefte sich ein. Der Auwald wurde dadurch von den Hochwässern der Rienz abgeschnitten. Vor allem der Damm verhinderte eine Überflutung bei Hochwässern.

Blocksteinverbauungen trennten den Auwald von der Rienz und auf einigen Teilen des nicht mehr überfluteten Auwaldes wuchsen Fichten, die häufigste Baumart Südtirols. Diese Baumart wurde und wird vielfach in der Forstwirtschaft gefördert.

Die Waldtypisierung Südtirols gibt klare Ratschläge, wie mit derartigen Wäldern  waldbaulich begegnet werden kann. Jedoch wurde nicht waldbaulich gehandelt (=Fichten fällen), sondern der ganze Wald wurde weggebaggert.

Von Eschen dominierter Auwald in der Ilstener Au im Pustertal: Hartholzauwald
Eschen dominierter Auwald mit Berulme (Bergulme mit einigen Blättern  in Bildmitte)

Wie bei fast allen Revitalisierungsprojekten wird entlang des Baches die Ufervegetation gerodet und das Gelände abgesenkt. Auf solchen Flächen wird von der “Aufweitung des Flussbettes” gesprochen (vgl. „Wächter“ Andreas Riedl Fishfirst Revitalisierung). Eine tatsächliche Aufweitung des Bachbettes ist die Entfernung der seitlichen Begrenzung. Weder Felsen in Schluchten noch Wälder an Bächen grenzen Bäche ein, sondern einzig die Verbauungen an Bächen zwängen Bäche in ein Korsett.

begradigte Rienz bei Kiens

Bild: Begradigte Rienz bei der Ilsterner Au und Blockschüttung am Damm (ganz hinten im Bild geschützter Auwald des Biotops Ilsterner Au)

Ehemaliger Auwald längs der Rienz- einige Fichten sind im unteren Bereich gut erkennbar- der Rest der Au bestand aus Erlen, Weiden und zahlreichen anderen Laubbäumen und Sträuchern
Ehemaliger Auwald längs der Rienz- einige Fichten sind im unteren Bereich gut erkennbar- der Rest des Auwaldes war intakter Auwald.

 

Einzig und allein mit dem Rückbau der Verbauungen war aber nicht zu rechnen, denn im Amt für Landschaftsöklogie gibt es schon seit Jahren Pläne für den Umbau des geschützen Biotops.

Wälder werden bei der Revitalisierung weggebaggert
Wälder werden bei der Revitalisierung weggebaggert

Die Absenkung (Rodung) weiter Teile des Auwaldes, ein Naturerlebnis- und ein Infobereich mit Teichen und Wegen ist geplant. Didaktik ist im Südtiroler Biotopschutz ein zentrales Anliegen und so bekommt das Biotop Ilsterner Au nach vorliegenden Plänen eine Naturerlebniszone und einen Infobereich mit Teich, Floß und was es sonst noch für ein „geschütztes” Biotop in Südtirol brauchen soll (http://www.revital-ib.at/de/referenzen/11-projekte/175-besuchereinrichtungen-ilsterner-au). 2012 hat die Abteilung 28 der Provinz Bozen den Auftrag für die Planung des Naturerlebnisbereiches erteilt. Besucher in Biotopen stören Wildtiere und Wildtiere flüchten vor Menschen. Dies wirkt sich negativ auf das Vorkommen und den Fortplanzungserfolg von Arten aus. Naturerlenisräume können überall gebaut werden, nur nicht in Naturschutzgebieten.

Walter Blaas, der Obmann der Freiheitlichen, hat eine Landtagsanfrage zum Biotop Ilsterner Au gestellt und eine gute Frage an das Amt gerichtet: “Warum wuchern nach wie vor aufremde Pflanzen im Biotop?” Es wäre ein Leichtes, die paar Fichten zu fällen, eine waldbaulich simple Lösung für einen nicht-vitalen Auwald. Der Auwald würde sich mit der Zeit zu einem Wald entwickeln, der von Edellaubbäumen wie Eschen dominiert wird.

Auwald in der Ilstener Au mit Weiden, Grauerlen und Eschen in der Baumschicht des Waldes
Auwald in der Ilstener Au mit Weiden, Grauerlen und Eschen in der Baumschicht des Waldes

Walter Blaas in der Landtagsanfrage:

“ Die Fichten, die heute im Auwald vorkommen, sollte man fällen und im Sinne einer nachhaltigen, naturnahen Bewirtschaftung des Waldes jene Baumarten fördern, die natürlich auf diesem Standort vorkommen. Doch nun sei eine Naherholungszone geplant. Viele Tierarten im Biotop reagieren aber negativ auf Störungen durch Menschen. Geschützte Biotope sollen dem Schutz der Tier und Pflanzenwelt dienen. Biotope wurden nicht ausgewiesen, damit man Naherholungszonen daraus macht. „

Im Biotop Ilsterner Au breitete sich nämlich neben der Fichte auch eine andere Baumart aus, die Gemeine Esche. Im Datenbogen des Biotops wurden diese Eschen erwähnt, in der Beantwortung der Landtagsanfrage wird behautpet, dass sich der Wald zu einem Fichtenwald weiterentwickeln würde. Bei der Waldtypisierung ist der ganze Wald als Auwald der Tallagen eingetragen und die Waldtypisierung gibt den IST- und SOLLzustand der Wälder Südtirols wieder.

Abgestorbener Baum in der Ilstener Au mit Spechthöhlen
Abgestorbener Baum in der Ilstener Au mit Spechthöhlen

 

Eschen sind typisch für Wälder auf feuchten Standorten, wie auch für Auwälder. Weichholzauwälder ( charakteristische Arten: Weiden, Erlen, Pappeln) entwickeln sich zu Hartholzauwäldern ( charakteristische Arten: Eichen, Eschen, Ulmen, Ahorn) weiter. Dies ist ein natürlicher Prozess und solche Wälder mit Edellaubbäumen sind von großen Wert für die Biodiversität. Die natürliche Weiterentwicklung oder Sukzession der Weichholzauen zu Hartholzauen wird durch Revitalisierungsmaßnahmen unterbunden. Die verschiedenen Reifegrade bzw Sukzessionsstadien der Auwaldgesellschaften, wie sie bei der Waldtypisierung beschrieben wurden, werden nicht geschützt.

Landtagsanfrage zur Ilstener Au: http://www2.landtag-bz.org/documenti_pdf/idap_418498.pdf

Antwort auf Landtagsanfrage: http://www2.landtag-bz.org/documenti_pdf/idap_419176.pdf

Wie aus der Landtagsanfrage hervorgeht, wollte man nicht vom Projekt abweichen und große Teile des Auwaldes absenken, also roden und alles wegbaggern und die Flächen für Besucher attraktiv gestalten. Der Schutz und Erhalt der heimischen Tier- und Pflanzenwelt und ihres Lebensraums im Wald der Ilsterner Au ist kein Thema, obwohl der Arterhalt im Landschaftsplan erwähnt war.

Seit Jahrhunderten säumte der Auwald der Ilstener Au die Rienz, heute nicht mehr (Foto: Agentur für Bevölkerungsschutz)
Seit Jahrhunderten säumte der Auwald der Ilstener Au die Rienz, heute nicht mehr (Foto: Agentur für Bevölkerungsschutz)

 

“Es werden neue Sukzessionsstadien geschaffen”, wird behautptet und “Eine nachhaltige Entwickluung von vitalen Au-Lebensräumen ist eng mit der Fließgewässerdynamik verknüpft”, wird erklärt. Jedoch wurde nicht einfach die Blockverbauung entfernt und flache Ufer zum Auwald geschaffen, sondern ein extrem breites Bachbett modelliert und der letzte große Auwald des Unteren Pustertales wurde weggebaggert.

Größere Hartholzauwälder gibt es in Südtirol keine mehr und Teile des Auwaldes der Ilsterner Au waren mit ihren jungen Eschen (siehe Bilder- junge Eschen alte Weiden) auf einem guten Weg dorthin, – hätte man eine natürliche Entwicklung zugelassen. Martin Hilpold hat auf Empfehlung des zuständigen Landesrates Theiner mit dem Direktor des Amtes für Landschaftsökolgie gesprochen, dieser beharrte jedoch auf das „Tieferlegen“ der Au und konnte nicht zu einem Umdenken bewegt werden.

Ob sich invasive Neophyten auf der „renaturierten“ Fläche einstellen, bleibt abzuwarten. Invasive Arten finden sich häufig auf renaturieruten Flächen und der Biodiversität ist damit nicht geholfen. Gestörte Ruderalvegetation, gewöhnliches Unkraut, wie man es von Baustellen kennt hat sich auf Teilen der revitaliserten Flächen, die vorher Auwald waren, angesiedelt.

8 ha Auwald wurden im Biotop weggebaggert und zerstört.
8 ha Auwald wurden im Biotop weggebaggert und Schotter abgebaut

 

Die Revitalisierung der Ilsterner Au gilt als ein „Vorzeigeprojekt“ der Revitalisierung: mitten in der Brutsaison wurden an die 8  ha Auwald in einem Naturschutzgebiet gerodet. Viele Tierarten des Auwaldes, ob Käfer, Schmetterlinge, Vögel oder Fledermäuse verloren ihren Lebensraum. Schotter wurde abgebaut (siehe Bild oben) und das Gelände tiefer gelegt. Die Rienz bekam eine Buhne (seihe Bild unten) und wird damit umgeleitet, obwohl sie auch auf historischen Karten immer geradeaus floss.

An die Stelle des einstigen Auwaldes ist eine Geländervertiefung mit Steinumrandung getreten
An die Stelle des einstigen Auwaldes ist eine Geländervertiefung mit Steinumrandung getreten- Ruderalvegetation ersetzt ehemaligen Auwald

 

Der über Jahrhunderte bestehende Auwald an der Rienz wurde weggebaggert und eine riesige überdimensionierte Überflutungszone gescchaffen.
Der über Jahrhunderte bestehende Auwald an der Rienz wurde weggebaggert und eine riesige überdimensionierte Überflutungszone geschaffen. Mit einer Buhne (rechts im Bild) wird die Rienz Richtung ehemaligen Auwald geleitet.

 

Ruderalvegetation (vorne im Bild) ersetzt ehemaligen Auwald der Ilstener Au
Ruderalvegetation (vorne im Bild) ersetzt ehemaligen Auwald der Ilsterner Au

 

Auwald mit Eschen, Weiden und Grauerlen wurde weggebaggert und danach wurden Grauerelen gepflanzt
Auwald mit Eschen, Weiden und Grauerlen wurde weggebaggert und danach wurden Grauerelen gepflanzt und Steine kunstvoll wie in einem Zengarten verlegt- von Natur fehlt jede Spur

 

2019 sind die Geländemodellierungen abgeschlossen. Das kleine Bächlein hat einen schlängelnden Lauf bekommen, Röhricht wurde gepflanzt und die schon bei Renaturierungen obligaten Tamerisken. Gestörte Ruderalvegetation, gewönhnliches Unkraut und nicht lebendige Auen umranden die „aufgewerteten“ Flächen 2019.

In einigen Jahren werden diese sicherlich von invasiven Neophyten (Robinien sind auf dem Damm der Rienz bereits vorhanden) oder mit Glück auch heimischen Laubbäumen überwachsen sein. Der Boden ist aber nicht der Auboden, wie er von der Rienz geschaffen wurde, sondern ein künstlich angelegter Boden. Der ehemalige natürliche Boden der Au wurde für immer zerstört.

neuer Bachlauf mit gepflanzten Röhricht (Gras) und aufgeworfenen Schotterhäufen
neuer Bachlauf mit gepflanzten Röhricht (Gras) und Grauerlen und aufgeworfenen Schotterhäufen

 

Eine Fläche unterhalb des Sportplatzes in der Ilstener Au war eine degenerierte Fläche, welche hätte renaturiert oder umgestaltet werden können: eine mit kanadischer Goldrute überwucherte Fläche. Nun wurde aber nicht diese Fläche weggebaggert und darin ein Teich angelegt oder andere Geländemodellierungen oder Pflanzungen vorgenommen, sondern der wertvolle Wald mit Eschen, Erlen und Weiden wurde weggebaggert. Im Dezember 2019 hat die Landesregierung der Umwidmung des letzten echten Auwaldes in der Ilsterner Au und der Fläche mit kanadischer Goldrute, welche als Wald gewidmet sind, in landwirtschaftliche Fläche zugestimmt.

Mediales Echo Ilstener Au

Die Neue Südtiroler Tageszeitung hat beim Artenschutzzentrum wegen der Revitalisierung der Ilstener Au nachgefragt und einen Artikel am 28.06.2018 gedruckt. Darin werden zwei Positionen dargelegt und Petra Steiner vom Artenschutzzentrum wird zitiert: „Das ist eine Katastrophe“.

Andreas Hilpold von der Umweltgruppe Eisacktal Hyla: „Das wird toll

Das Problem das es hier gab, ist einfach zu erklären: Das war kein Auwald mehr. Das Gebiet war relativ trocken. Die Rienz gräbt sich immer tiefer ein. Aber ein echter Auwald braucht Kontakt zum Wasser.“ Petra Steiner hingegen wird zitiert:“ Vorher gab es hier Artenvielfalt. Pflanzen, Vögel und Insekten wie etwa die Mooshummel… Jetzt gibt es nichts mehr“. Der größte Teil des Auwaldes an der Rienz wurde weggebaggert und zerstört und mit dem Wald verloren sämtliche Tiere und Pflanzen des Waldes ihren Lebensraum. Andreas Hilpold meinte, der Wald sei kein Auwald, obwohl der Wald in Karten und offiziell gültigen Plänen ein Auwald ist.

"Das wird toll" Andreas Hilpold gefällt die Revitalisierung der Ilstener Au

„Das wird toll“ Andreas Hilpold gefällt die Revitalisierung der Ilstener Au 

In der Wochenzeitschrift FF No.14/2018 tauchte angesichts des verlorenen Waldes in der Ilstener Au die Frage auf, ob die Revitalisierung sinnvoll sei.

„Als wir Durnwalder das Projekt gezeigt haben, sagte er: ,Spinnt ihr komplett

wird Klaus Graber, vom Verein Eisvogel zur Revitalisierung der Ilstener Au zitiert.

Petra Steiner hat darauf einen Leserbrief geschrieben https://www.ff-bz.com/weitere-themen/leserbriefe/2018-17/gruener-kahlschlag.html

Sinnvoll ist sicherlich die Renaturierung degenerierter Flächen. Doch ist es leider in Südtirol so, dass keine Zustandserfassung einer zu revitalisierenden Fläche gemacht wird (siehe Diskussion Studie Fluss- und Auenrenaturierung in Südtirol). Und so werden mit der Revitalisierung und Renaturierung schützenswerte hochwertige Auwälder und Ufergehölze zerstört. Die 8 ha Auwald der Ilsterner Au waren jene 8 ha Land, welche im Unteren Pustertal hätten unbedingt erhalten werden müssen und durch Rückbau der Verbauung hätten aufgewertet werden können.

Bei der Ilstener Au wären auch mit Kanadischer Goldrute degenerierte Flächen gewesen, welche hätten aufgeforstet oder zu Teichen umgebaut werden können. Man beschränkte sich nicht darauf und hat 2,8 Millionen Euro für das Wegbaggern und Modellieren des Bachbettes ausgegeben. Umweltschutzvereine wie der Naturtreff Eisvogel und die Umweltgruppe Eisacktal begleiteten die Zerstörung des letzten großen Auwaldes im Unteren Pustertal.

mehr zum Zustand der Natur im Wirkungskreis der Umweltgruppe Hyla http://biodiversitaet.bz.it/tag/auwald-brixen-industriezone/

mehr zur Revitalisierung bei der keine Zustandserfassung erfolgt und Natur zerstört wird  auf http://biodiversitaet.bz.it/revitalisierung-wasserrahmenrichtlinie/

 

 

Revitalisierung der Gatzaue und mediales Echo

Die Dolomiten fragte am Montag, den 25. Jänner 2016:”Wieviel Hilfe braucht die Natur?” Der Verein des Artenschutzzentrums St. Georgen hatte dem Landeshauptmann nämlich Verstösse gegen die Flora-Fauna-Habitatrichtlinie für drei Natura-2000 Gebiete geschickt, in denen prioritär zu schützender Auwald gerodet worden war, zwei betrafen die beiden Natura 2000 Gebiete an der Ahr, in denen prioritär geschützer Auwald gerodet worden war- als Renaturierung bzw. Revitalisierung. Als eine neuerliche Rodung von Auwald als Revitalisierung in der Gatzaue anstand, erschien ein kritischer Artikel, mit dem Titel „Wieviel Hilfe braucht die Natur?“

Amtsdirektor Sandro Gius rechtfertigt in diesem Artikel die Revitalisierung in der Gatzaue mit den Schotterentnahmen in den 1970er Jahren, durch welche das Bachbett der Ahr in bestimmten Abschnitten um mehr als 5m abgesenkt wurde. Tatsächlich transportieren Südtirols Bäche Geschiebe mit, das an bestimmten Stellen abgetragen (Erosion) und an bestimmten Stellen abgeladen (Akkumulation) wird. Die Bäche gestalten so die Struktur des Bachbettes und lagern mit der Zeit Material ab, auch an Stellen wo vorher Material entnommen wurde. Die Schotterentnahen der 1970er Jahre können heute nicht als Rechtfertigung für Eingriffe verwendet werden.

eine kleine Fichte hat in der Gatzaue die Revitalisierung heil überstanden- die Auwaldbäume nicht
eine kleine Fichte hat in der Gatzaue die Revitalisierung heil überstanden- die Auwaldbäume nicht

Sandro Gius behauptet in dem Artikel, im Auwald würde sich ein Vegetationswechsel breit machen und typische Auwaldsträucher absterben. Doch ein Grauerlenauwald, wie in der Gatzaue, bildet bei ausgeglichen Sedimentationsprozessen (Akkumulation und Erosion) eine Dauergesellschaft aus und geht nicht in einen Hartholzauwald oder Fichtenwald über. Die Gatzaue ist ein solcher Grauerlenauwald, der nicht in einen Fichtenwald übergeht (Auwald Vegetation siehe auch http://biodiversitaet.bz.it/baeche-und-seen/). Dem Vordringen von einzelnen Fichten in Grauerlenauwälder an der Ahr, müsste man waldbaulich begegnen und Fichen fällen, wie es auch in der Waldtypisierung für die Grauerlenwälder der Tallagen empfohlen wird. Aber auf die Waldtypisierung wird bei Revitalisierungen und Renaturierungen nicht zurückgegriffen.

Neuer Bachlauf in der Gatzaue: 3 ha Auwald gerodet
Neuer Seitenarmin der Gatzaue: ca 3 ha Auwald gerodet

Nun wurde in der Gatzaue ein Seitenarm angelegt und Auwald gerodet. Aus landschaftsökologischer Sicht ist damit eine schöne mäanderförmige Flussschleife, mit dem Prallhang (Erosion) auf der einen und dem Gleithang (Akkumulation) auf der anderen Seite, zerstört worden.

In der Tageszeitung vom 17.Juni.2015 (Titel: Umkämpfte Auen) sagt Peter Hecher von der Abteilung Wasserschutzbauten, dass der Auwald nicht vital wäre, also Fichten eindringen würden. Die Unterscheidung der Fichte von Laubbaäumen stellt offensichtlich für einige Experten der Wildbachverbauung eine Schwierigkeit dar, denn in der Gatzaue gibt es so gut wie keine Fichten. Von Fichten- beherrschte Grauerlenwälder gibt es an der Ahr, jedoch nicht in der Gatzaue.

Hecher spricht davon, dass das Gelände abgesenkt wurde, damit der Auwald geflutet wird. Solche Absenkungen hat man bereits in den 1970 Jahren gemacht, als man Schotter entnahm. Heute wird der Schotter eben aus dem Auwald genommen, der Auwald kommt weg und Gruben werden ausgebaggert. Diese Grube oder Geländeeinteifung ist dann entweder ein Seitenarm oder ein Teich. Die Schottergruben sind für die Abteilung Wasserschutzbauten auch Rückhaltebecken, da die Ahr dort Material bei Hochwässern ablagern kann. Diese Flächen werden langfristig wieder mit Material aufgefüllt werden und zuwachsen (wenn die Ahr große Mengen von Sedimenten bei Extremereignissen mitführt). Die Gatzaue wird dann wieder ausschauen, wie sie vor der Revitalisierung ausgeschaut hat. Der Film “Auenlandschaften in Südtirol” spielt an und in einer solchen Abbauzone. 

Die Abteilung Wasserschutzbauten macht den Fehler, dass sie sich nicht an den tatsächlich vorhandenen Verhältnissen orientiert, sondern mit Karten des Flusslaufes des 19. oder 20.. Jahrhunderts heutige Maßnahmen rechtfertigt. Der Hochwasserschutz und der Naturschutz müssen sich an der rezenten/heutigen Ausstattung und Charakteristik einer Fläche richten. Die Rekonstruktion eines Seitenarms in der Gatzaue ist durch die Wasserrahmenrichtlinie nicht zu rechtfertigen. Im Sinne der Wasserrahmenrichtlinie müssen die Vorraussetzungen geschaffen werden, dass die Ahr die Flusslandschaft selbst gestaltet. Künsltiche Seitenarme und Teiche näheren die Flusslandschaft nicht dem Naturzustand an. Der Naturzustand ist der sehr gute öklogische Zustand der Wasserrahmenrichtlinie. Die Ahr im Bereich zwischen Sand in Taufers bis Stegen war vor der Revitalisierung ein relativ naturbelassener Fluss-und Auenbereich, ohne nennswerte Querbauwerke, welche die Fischwanderung behinderten und mit großen Auwaldflächen und einer reichhaltigen Flora und Fauna. 

Verwüsteter Auwald am neuen Seitenarm
Verwüsteter Auwald am neuen Seitenarm

Ohne Revitalisierungsarbeiten wären die Auen längs der Ahr ausgetrocknet”, sagte Rudolf Pollinger in diesem Interview in der Tageszeitung. Wie wunderbar ausgetrocknete Auen sind, kann man im Nationalpark Donauauen bewundern: die dortigen Heissländen sind ausgetrocknete ehemalige Überflutungsflächen der Donau, welche heute ein Trockenlebensraum von herausragendem Wert für den Artenschutz sind (https://www.donauauen.at/natur-wissenschaft/lebensraeume/). 

Gegen Eintiefungen, welche aufgrund des Geschiebemangels durch die Verbauung der Nebenbäche mit Auffangbecken und anderen Querbauwerken, stattfindet, wurde nichts unternommen. Die Ahr tieft sich teilweise ein, wodurch Maßnahmen zur Stabilisierung des Bachbettes notwendig wären, um dem Abtrag von Material zu verhindern. 

„Nel basso corso dell’Aurino è stata praticata fino agli anni 70 un’intensa attività estrattiva con prelievo d’ingenti quantità di materiale ghiaioso. Contemporaneamente la sistemazione idraulica e la regimazione dei principali affluenti dell’Aurino, necessaria per mettere in sicurezza i centri abitati nel fondo valle, hanno contribuito all’impoverimento del torrente in termini di trasporto solido.“ C. Ghiraldo(1), M.Moser(2), P. Hecher 

Tieft sich die Ahr heute in Abschnitten ein, so ist dies die Folge der Verbauungen der Seitengewässer. Die Seitenbäche transportieren nicht mehr Sand, Kies und Steine, welche in der Ahr abgelagert werden.

Zum Verbot der Rodung von Auwäldern behauptete der jetzige Chef der Agentur für Bevölkerungschutz Pollinger im Artikel der Tageszeitung:” Das Verbot der Rodung von Auwäldern gilt nur, wenn man daraus Kulturgrund macht.” Martin Hilpold rief dann den Amtsdirektor der Forstabteilung in Bozen an und fragte, ob dies stimme. Er antwortete:”Glauben Sie nicht alles, was in der Zeitung steht!” .

Die Rodung von Auwald und Zerstörung von Ufervegetation ist im Naturschutzgesetz Artikel 17 geregelt:

Art. 17 (Ufervegetation und Auwälder)

(1) Es ist verboten, Ufervegetation oder Auwald zu roden oder auf sonstige Weise zu zerstören.

(2) Der Direktor bzw. die Direktorin der Landesabteilung Natur und Landschaft kann ausnahmsweise zur Rodung ermächtigen, sofern öffentliche Interessen dies erfordern.

Bereits in der Studie zur Fluss- und Auenrenaturierung in Südtirol, in der auch Projekte an der Ahr enthalten sind, wurde eine systematische Zustandserfassung bei Renaturierungen gefordert. Jedoch erfolgte eben keine Zustandserfassung, weder auf Art- noch auf Ökosystemebene. Es werden einfach nur ständig Gestaltungen vorgenommen, welche es absolut nicht braucht, wie eben einen neuen Seitenarm in der Gatzaue. Die einzige Fläche in der Gatzaue, welche renaturiert werden müsste, ist das Schotterwerk in der Gatzaue. Schotterwerke sind nicht Teil der Naturlandschaft wie die Auwälder. Derartige Anlagen müssen prioritär renaturiert werden und Auwälder müssen prioritär geschützt werden.

Südtirols „Wächter der Flüsse“ (https://www.salto.bz/de/article/10032016/die-wachter-der-flusse) sind zufrieden mit den Arbeiten und werden weiter kontrollieren und kritisch sein. Dass ohne Zustandserfassung gearbeitet wird, scheint diese Leute nicht zu stören- mehr dazu auf http://biodiversitaet.bz.it/revitalisierung-wasserrahmenrichtlinie/